THEATER: Theater des Jahres 2019

Über vierzig Kritiker und Kritkerinnen haben für die Zeitschrift THEATER HEUTE gewählt: 44 genau genommen. Das Theater des Jahres 2019 sind die Münchner Kammerspiele. Gewählt wurde auch in anderen Kategorien (Inszenierung, SchauspielerInnen Nonen, Nachwuchs, etc.). Großer Gewinner: Die Münchner Kammerspiele. Mehr dazu evtl. in Kürze, bin im Urlaub.

Die Erfolge der Münchner Kammerspiele:

NILS KAHNWALD wurde für seine Leistung in „Dionysos Stadt“ zum Schauspieler des Jahres gewählt (HIER). Er wechselt ja zur neuen Spielzeit zum Schauspielhaus Zürich.

Die Wahl der Nachwuchsschauspielerin des Jahres fiel auf GRO SWANTJE KOHLHOF (HIER).

BENJAMIN RADJAIPOUR (HIER) erhielt die meisten Stimmen als Nachwuchs-Künstler.

LENA NEWTON hat für Susanne Kennedys „Drei Schwestern“ das Bühnenbild des Jahres in der Kammer 1 entworfen (HIER).

Alle Abstimmungsergebnisse von allen Kritikern, die namentlich genannt sind, HIER.

Mal sehen, es wäre ja mal etwas, wenn es den Kammerspielen gelänge, auch das Theater des Jahres 2020 zu werden. Das Zeug dazu haben sie! Es würde auch zeigen, wie wenig die CSU von Kunst wissen will, sie hat schließlich bewirkt, dass Matthias Lilienthal als Intendant nach 2020 ausscheiden wird. Aber die SZ – die Kritikerin Susanne Dössel – war auch nicht unschuldig!

LITERATUR: Andreas Maier – Die Familie

Andreas Maier hat den siebten Teil seiner auf elf Teile angelegten Familiensaga herausgebracht. Es geht um Autobiografisches, er ist aufgewachsen im Hessischen, in der Wetterau, in Friedberg. Ich hatte bereits das ein oder andere Mal von ihm geschrieben.

Meine Bewertung (1-10): 📚📚📚📚📚📚(6)

Bisher waren es in der Familiensaga die Titel: „Das Zimmer“, „Das Haus“, „Die Straße“, „Der Ort“, „Der Kreis“ und „Die Universität“. Jetzt ist der Romanteil „Die Familie“ erschienen. Es sollen noch die Teile „Die Städte“, „Die Heimat“, „Der Teufel“ und „Der liebe Gott“ folgen.

Im Grunde habe ich alles von Andreas Maier gelesen. Er schreibt einfach, mit leichter Anlehnung an Thomas Bernhard (er hat über Thomas Bernhard promoviert), schildert unspektakuläre Dinge, fein beobachtend, teils sarkastisch, trocken, bitter, aber auch humorvoll. Früher nicht autobiografisch, seit einiger Zeit autobiografisch. Ich sage es immer wieder: Lesenswert sind besonders, finde ich, seine ersten Werke: Wäldchestag, Klausen, Kirillow, Sanssouci etc. Jedes für sich schildert köstliche Begebenheiten („Klausen“ etwa: Der Bau der Brücke der Brennerautobahn über Klausen hinweg) und Personen mit einfachen und umso treffenderen Worten. Doch auch alle seine späteren Werke habe ich genossen. Da ist der jetzige Roman „Die Familie“ fast ein wenig eine Ausnahme: In diesem erstaunlich knappen Buch wird so viel geschildert, wofür sich Andreas Maier eigentlich, meine ich, mehr Raum gibt. Das Buch „Die Familie“ enttäuscht insoweit fast ein wenig, wenn man Andreas Maier’s trockenen und bissigen, immer auch humorvollen Schreibstil sucht. Daher nur sechs Punkte.

HIER die Seite zu Andreas Maier beim Suhrkamp Verlag. Und HIER zehn Seiten aus dem Roman „Die Familie“, gelesen von Andreas Maier.

Zum Inhalt: Im Folgenden zeichne ich ein wenig deutlicher, als sonst, den Verlauf des Romans nach – Achtung! Es geht wieder um die kleine Welt in Friedberg und letztlich um den Konflikt mit der „großen weiten Welt“, die immer wieder Bedeutung erlangt. Natürlich bleibt das lokale kleine Idyll in Friedberg nicht für immer das Idyll. Am Anfang war für ihn, für Andreas Maier, zwar noch alles schön begrenzt: Der große Garten, die (unter anderem) immer wieder waschende und kochende Mutter, der arbeitende Vater, CDU-Mitglied, die vom Vater ausgehobene Grube im Garten, das Zelt. Eine verfallene Mühle auf einem Teil des riesigen Grundstücks. Allenfalls der Blick des kleinen Andreas in die Sterne brachte eine erste Ahnung von Größerem.

Dann, in den ersten Jugendjahren, kam – der damaligen Zeit entsprechend – linkes Gedankengut im „Kinderplanet“ auf, es war von den Eltern nicht gerne gesehen, dass Andreas immer wieder dorthin ging. Ebenso war der Eingriff der Schule in die Erziehung der Kinder nicht gerne gesehen, „funktionale Miterzieher“ nannte die Mutter die Lehrer. Dann liest man vom amerikanischen Freund und spätere Ehemann von Andreas’ immer komplizierter werdender Schwester (es gibt doch einen älteren Bruder), von ihren meist unverständlichen USA-Reisen und Umzügen dorthin mit ihrem Mann und ihren Kindern, von ihren Aufenthalten dort und ihren Aufenthalten in anderen Ländern.

Die Mutter sagte nur: Was haben wir bloß falsch gemacht?

Dann liest man von „Türken“, die angeblich kurz in der Mühle gewohnt hatten (neben dem Haus, in dem Andreas aufwuchs), von „Rumänen“, die gegenüber wohnten, von Bülent, dem türkischen Freund von Andreas, von Dörte, der dänischen Ehefrau von Onkel Heinz, die offenbar Heinz sehr zu seinem Nachteil – finden die Eltern – verändert hat. Alles Dinge und Personen, die das „verwunschene“ Familienidyll in Friedberg nach Ansicht der Eltern störten. Friedberg und die Einflüsse der großen weiten Welt …. Schön wiederum, so war es doch bei vielen von uns! Und ich kann mich auch erinnern: Für Eltern war es damals alles viel suspekter, als es heute erscheint.

Und am Ende holt ihn, Andreas Maier, die vergangene Welt komplett ein: Die Nazivergangenheit der Familie. Das Idyll, das Andreas Maier in allen bisherigen Teilen seiner elfteiligen autobiografischen Familiensaga beschreibt, bricht zusammen. Alles, das ganze bisherige Leben der Familie, sei ja dann nur eine „Form des Schweigens“ gewesen. Da wird Andreas Maier fast etwas ernster, als es gewohnt ist. Wer Andreas Maier kennt, müsste sich eigentlich sagen: Auch das müsste irgendwie eine gewisse Leichtigkeit behalten. Das fällt fast schwer. In diesem Fall kann man das Buch nämlich auch so sehen, dass durchgehend etwas Schweres mitschwingt: Die Grube wie ein Grab, die Judenverfolgung, Friedberg wird „judenfrei“, ein Friedhof, etc. Andererseits: So ging es ja irgendwie fast allen deutschen Familien. Es war eben so.

Und dann folgt noch ein Epilog: Das Motto: Alles löst sich ohnehin auf. Alles wird letztlich gut, könnte man meinen, es lässt sich ohnehin nicht mehr so richtig nachvollziehen. Es bleibe nur „Schwarzweißaufnahmen“. Diese Feststellungen beziehen sich konkret auf ein Gerichtsverfahren, das sich durch den Roman zieht, sie könnten sich aber auch auf das Thema der Nazizeit beziehen.

Zum Schreibstil: Einiges habe ich oben ja schon erwähnt. Auffallend ist diesmal der ständige Wechsel zwischen Präsens und Vergangenheitsform in der Erzählung der Gegebenheiten. Das liest sich aber gut!

Mein Fazit: Es ist nicht eines der besten Bücher von Andreas Maier.

MUSIK: Bloum – La Douce

Sommermusik, gute Laune, Partystimmung, das sollte doch auch mal sein. Mit der vor 9 Jahren gegründeten französischen Gruppe Bloum, deren Mitglieder sich als „DJ, Musiker, Videasten und geistige Erben von Nicolas Jaar und Burial“ verstehen.

THEATER und LITERATUR: Viginie Despentes – Vernon Subutex

Ich hatte schon einmal darüber geschrieben: Über die Premiere von „Das Leben des Vernon Subutex“, inszeniert von Stefan Pucher, an den Münchner Kammerspielen. HIER mein damaliger Bericht. Ich fand es damals nicht überzeugend, hatte allerdings das Buch dazu noch nicht gelesen. Das habe ich jetzt nachgeholt und habe mir das Stück in den Kammerspielen wieder angeschaut. Heute geht es um Beides.

Meine Bewertung der Bücher (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚📚📚📚 (9)

Es sind drei Bücher. Subutex 1 – 3. Geschrieben von der Französin Virginie Despentes, die früher unter anderem in Peepshows arbeitete. Sie erhält viele Auszeichnungen für Ihre Werke. Sie schreibt unverblümt und verdammt ehrlich, in klarer und derber Sprache, Umgangston in den Gesprächen. Den Milieus entsprechend, über die sie schreibt. Und nichts wirkt gekünstelt. Das mag ich, daher die neun Bewertungspunkte. HIER der Link zu ihrer Seite bei Wikipedia. 1200 Seiten. Die Süddeutsche Zeitung schrieb einmal zurecht etwas wie: „Man will jede Seite lesen“.

Ich habe es gewagt, die drei Bücher auf Französisch zu lesen. Französisch hatte ich vor vielen Jahren in einem Studiumsjahr in Lausanne gelernt. Es wurde immer besser: Für Buch 1 hatte ich noch die deutsche Ausgabe daneben liegen. Für Buch 2 hatte ich die Seite des Onlinewörterbuchs http://www.leo.org parat. Buch 3 konnte ich schon fast wie die deutsche Ausgabe lesen. Nachzuschauen waren allerdings immer wieder die derben Wörter der Umgangssprache.

Ein deutliche Eindruck, den ich vor allem beim Vergleich der deutschen und der französischen Ausgabe von Band 1 gewonnen hatte: Seltsamerweise liest sich die deutsche Übersetzung rüder, uncharmanter, derber, fieser. Das ganze ist natürlich inhaltlich und vom Schreibstil her rüde, uncharmant und derb. So soll es aber auch sein, das ist es, was man erlebt und liest, wenn man den „Vernon Subutex“ liest. Aber in der französischen Originalausgabe hat alles eine gewisse Eleganz. Es wirkt in keinem Satz irgendwie plump. Im Deutschen wirkt es einfach plump. Ein Beispiel? Das deutsche „ficken“ heißt „baiser“ auf französisch. Ist doch irgendwie galanter, finde ich. Also: Wer kann, sollte es unbedingt auf Französisch lesen!!

INHALTLICH: Vernon Subutex, seines Zeichens Plattenhändler aus Paris, ist ohne Dach über dem Kopf. Sein Plattenladen hat Bankrott gemacht. Er kommt zunächst bei FreundInnen unter, bevor er auf Parkbänken landet. Bei einer Freundin stößt er auf brisante Tonbandaufnahmen/Videos des gestorbenen Musikers Alex Bleach. Bleach erklärt, dass es der Produzent Dopalet war, der den Tod der Ex-Pornodarstellerin Vodka Santana verursacht hatte. Dopalet will an die Aufnahmen kommen, sie aus dem Verkehr ziehen. Die Tochter von Vodka Santana, Aïcha, rächt sich kurios an Dopalet. Und so weiter. Bei alledem entsteht ein Kult um Vernon Subutex, der immer noch als begnadeter DJ wirkt. Es eskaliert.

Also: Ein erfolgloser Drehbuchautor mit Amok-Phantasien (Xavier). Eine ehemalige Drogendealerin, die zum Internet-Troll umgeschult hat (La Hyäne). Eine Professorentochter, die zum Islam konvertiert (Aïcha) und ihr darüber verzweifelnder Vater (Selim). Ein drogensüchtiger Popstar (Alex Bleach) und sein Manager (Max). Ein koksender Trader (Kiko), eine obdachlose Hundeliebhaberin (Olga) mit großem Gerechtigkeitssinn und eine ehemalige Pornodarstellerin (Pamela Kant). Ein rechtsradikaler H&M-Verkäufer (Noël) und sein Kumpel (Loïc), eine einsame Staatsbeamtin (Emilie), ein krankhafter Frauenschläger (Patrice) und eine Kellnerin mit Talent zum Tätowieren (Celeste). Sie alle und mehr bevölkern das Leben des Vernon Subutex. Sie alle träumen von einem anderen besseren Leben, auf ganz unterschiedliche Weise. 

SCHREIBSTIL: Einfach und einfach gut. Der Schreibstil und der Ton der Gespräche passen exakt zum Milieu, in dem alles spielt. Bei alledem erwischt man sich etwa auf jeder zehnten Seite dabei, von einem Thema zu lesen, das einen selber betrifft, eine Meinung zu hören, zu der man im Grunde auch etwas sagen kann, weil man sie kennt. Das liegt daran, dass Virginie Despentes viele Facetten unseres modernen Lebens schildert. Aus der Sicht von „unten“ – das Milieu des Buches – und immer wieder auch politisch. Lesen!

DAS THEATERSTÜCK: Wie gesagt, ich hatte schon darüber geschrieben. Damals dachte ich: „Das kann es doch nicht gewesen sein.“ Daher habe ich es gelesen und dann noch einmal angesehen. Und ich muss sagen: Die Inszenierung geht am Milieu vorbei, ist viel zahmer als das Buch, viel zu zahm. Aber es war eben eine Inszenierung von Stefan Pucher. Und Stefan Pucher bringt selten extrem Aufwühlendes. Er glättet mehr. So auch hier.

Gut, er versucht, den Ablauf der langen Geschichte um Vernon Subutex in dreieinhalb Stunden auf die Bühne zu bringen. Doch das Milieu und das Kulthafte der Erzählung gehen dabei meines Erachtens leider verloren. Auch die vielen sehr gelungenen Videoeinspielungen zeigen irgendwie ein anderes Milieu, als dasjenige, das Virginie Despentes schildert.

Hier eine Aufnahme der Inszenierung:

©️ Arno Declair

Und hier noch eine:

Arno Declair

Schön ist wie immer der professionelle und coole Gesang von Jelena Kuliç, die Vernon Subutex spielt. Und schön kann es sein – wer darauf Wert legt – fast alle Ensemblemitglieder der Kammerspiele auf der Bühne zu sehen. Zur Bühne noch: Sie erschien mir bei dieser Inszenierung unpassend eng und klein. Warum nicht so groß, wie die Ideen der Personen im Buch, so groß wie Paris, so groß wie die Themen, über die geredet wird, warum so eng?

Die Inszenierung wird auch in der kommenden Spielzeit zu sehen sein. HIER der Link zur Seite des Stückes auf der Website der Kammerspiele. Mit einem Video zur Inszenierung.

Auf Spotify gibt es eine Playlist mit allen Songs, die von Virginie Despentes in den Büchern erwähnt werden. HIER der Link.

LITERATUR: Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Meine Bewertung (1-10): 📚📚📚📚📚(5)

Es wurde mir sehr empfohlen, dieses Buch. Manche scheinen es besser zu finden, als ich. Mein Eindruck:

INHALT: Es geht im wesentlichen um das Leben des Ich-Erzählers Jules. Aber auch um das Leben seiner beiden Geschwister Liz und Marty, obwohl die Geschwister nach dem Tod der Eltern Jahre lang sehr getrennt voneinander leben. Sie verlieren früh in der Kindheit durch einen Unfall beide Eltern. Jules und seine Geschwister kommen ins Internat. Man verfolgt im Grunde das Leben des Ich-Erzählers bis zum frühen Tod seiner Frau Alva. Alva, die Jules schon im Internat kennen lernte. Immer wieder blendet Jules zurück in seine Vergangenheit. Zu verschiedenen Momenten, die ihn immer noch beschäftigen. Eingerahmt ist das Ganze von einem Motorradunfall von Jules, der bereits am Anfang der Geschichte erwähnt wird. Seine Geschwister fragen sich und ihn, ob es sogar ein Selbstmordversuch war, was Jules verneint.

STIL: Er hat mir nicht so gefallen. Die Geschichte ist interessant, man will weiterlesen, man will wissen, was mit wem passiert. Keine Frage. Insoweit ist es eine interessante Sommerlektüre. Für den Urlaub. Es gleitet nur immer wieder meines Erachtens in etwas zu gekünstelte Aussagen oder Gespräche an den entscheidenden Stellen. Das kann man dann natürlich „literarisch“ nennen. Ich lese aber ungern solch etwas gekünstelte Texte.

Es mischen sich die durchgehend sehr realistischen – vielleicht autobiografischen – Vorgänge in Jules Leben leider immer wieder mit etwas zu gekünstelter Sprache, fand ich. Und sofern es nicht etwas zu gekünstelt ist, ist es meines Erachtens sprachlich nicht gerade galant. Spannend, aber nicht galant oder im Stil aufregend geschrieben.

Also „Lesegenuss“ würde ich es nicht nennen. Eine interessante gute Urlaubslektüre. Man will zu Ende lesen.

HIER ein Link zur Besprechung des Buches auf der erstaunlich umfangreichen Website von Dieter Wunderlich.

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THEATER: Luk Perceval

Es gibt wenige große Theaterzeitschrift. Eine davon: „Theater der Zeit“. Über eine andere hatte ich bereits berichtet (HIER der Link zum Beitrag). Aktuell: Der Verlag von „Theater der Zeit“ bringt seit Jahren neben den zehn Monatsausgaben jeweils als Doppelausgabe 7 und 8 ein „Arbeitsbuch“ zu einer Persönlichkeit oder einem Thema der Theaterwelt heraus. Das Arbeitsbuch Nr. 28 erschien nun kürzlich zum flämischen Regisseur Luk Perceval.

HIER der Link zur Website von „Theater der Zeit“. HIER der Link zum Arbeitsbuch über Luk Perceval mit der Möglichkeit, reinzublättern und zu bestellen.

Thematisiert werden im (etwa 180-seitigen) Arbeitsbuch neben einigen Inszenierungen von Luk Perceval seine Sicht auf den derzeitigen „Zustand“ des Theaters vor allem in Deutschland – er arbeitete die letzten Jahrzehnte hauptsächlich in Deutschland – und seine interessanten Vorhaben in der näheren Zukunft – er wechselt nach Belgien. In deutscher Version und wortgleich in englischer Übersetzung – das macht (neben einiger Werbung deutscher Theater) leider auch den Umfang des Arbeitsbuches aus – liest man etwa ein Gespräch mit Luk Perceval, dann ein Gespräch mit dem Schriftsteller und Dramatiker Jon Fosse, außerdem ein gemeinsames Interview mit Luc Perceval zum Einen und – aus gegebenem Anlass – Milo Rau zum Anderen sowie Gespräche und Texte einiger seiner langjährigen Mitstreiter (die Bühnenbildnerin Annette Kurz, der Schauspieler Thomas Thieme, die Dramaturgin Marion Tiedtke, der Musiker Jens Thomas, der künstlerische Leiter Steven Heene, jetzt auch am NTGent, und weitere). Angereichert ist all das durch großformatige Bilder von einigen Inszenierungen von Luk Perceval.

Hier etwa eine Fotoaufnahme der Probe zu „Macbeth“ in Sankt Petersburg aus dem Jahre 2014 (auch zu seinen russischen Gastspielen sind zwei Texte zu lesen):

©️ Annette Kurz

2018 war Luk Perceval übrigens mit einer wohl sehr persönlichen Interpretation von „Romeo und Julia“ von William Shakespeare wiederum in Russland. Auch dazu einen Artikel.

Das Beitragsbild oben wiederum zeigt die Bühne der Inszenierung von „Frost“ am Thalia Theater in Hamburg, auch von 2014.

Luk Perceval ist fländrischer Herkunft. Er ging, wie gesagt, nun vor Kurzem einen interessanten Schritt: Er verließ Deutschland und wechselte an das NTGent in Belgien, dessen Intendant bekanntlich Milo Rau ist. Ein spannender Ort. HIER der Link zur Website des NTGent. Er ist dort für drei Jahre Artist in Residence. Auf der Suche nach den Möglichkeiten eines internationalen Theaters für das 21. Jahrhundert.

Am NTGent bringt Luk Perceval eine Trilogie über Belgiens Geschichte heraus. Jedes Jahr wird ein Teil der Trilogie gezeigt werden. Die Trilogie heißt insgesamt „The Sorrows of Belgium“. Der erste Teil dieser Trilogie, die sich mit der unaufgearbeiteten Vergangenheit Belgiens (etwa Kongo) auseinandersetzt, hat den Titel „Black“. Dieser erste Teil läuft bereits seit März – bis Anfang kommenden Jahres. Die folgenden Teile werden – den Nationalfarben Belgiens entsprechend – die Titel „Yellow“ und „Red“ haben.

HIER der Link zur Seite des Stückes „Black“ auf der Website des NTGent. HIER ein Video mit kurzen Ausschnitten aus „Black“. Und HIER noch eines dazu.

Luk Perceval und Milo Rau sprechen im gemeinsamen Interview im Arbeitsbuch über Fragen eines modernen internationalen Theaters, die ja besonders Milo Rau am NTGent in den Vordergrund stellt und praktiziert. Das und die Entwicklung des deutschen Stadttheaters sowie die Arbeit des heutigen Schauspielers und der Schauspielerin sind ganz offenbar die Themen, die Luc Perceval umtreiben. Er beklagt die harten riesigen und zementierten Strukturen des deutschen Stadttheaters und die daneben teilweise wackeligen, vor allem oft schlechten finanziellen Bedingungen der SchauspielerInnen.

Außerdem wäre in seiner Idealsicht

„… auch die Öffentlichkeitsarbeit auf der Probe dabei und würde mit Beteiligten Gespräche führen, Filmen, Podcasts machen und so weiter. Damit das Theater sich viel mehr öffnet. Damit ein Diskurs entsteht, eine Auseinandersetzung, ein Raum, mit dem man sich emotional und intellektuell identifizieren kann; damit man die Leute, die Stadt einlädt, mitzudenken und sich auch mit uns auseinander zu setzen.

Und so weiter. Ein Wermutstropfen beim Lesen (wie leider oft, wenn es um Kritiken zur Aufführungen geht): Um das Arbeitsbuch umfassend genießen zu können, sollte man möglichst viele der angesprochenen Inszenierungen von Luc Perceval gesehen haben. Inszenierungen, die ihn, wie gesagt, auch mehrfach nach Russland führten (wobei man diese Inszenierungen wahrscheinlich kaum gesehen haben wird). Viele der von den Mitstreitern geschilderten Eindrücke beziehen sich detailreich auf diese Inszenierungen. Schade, von diesen Eindrücken zu lesen, wenn man sie nicht nachvollziehen kann. Das nimmt etwas Freude am Gelesenen, doch auch das ist immer wieder gemischt mit Darstellungen der handelnden Personen, die einen guten Gesamteindruck schaffen, soweit das möglich ist. Aber wann hat man schon einen „Gesamteindruck“?

©️ des Beitragsbildes oben: Auch Annette Kurz

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Allgemein Sonstiges

SONSTIGES: Ernst Krenek – Karl V.

Ich habe es mir auf eine Empfehlung hin angesehen, klassische Opern sind ja an sich nicht mein Thema und nicht Thema dieses Blogs. Ernst Krenek‘s „Karl V.“ ist aber keine klassische Oper, es ist ein – heißt es – „Bühnenwerk mit Musik“, hätte also geradezu auch Theaterelemente, sagte man mir.

Das „Bühnenwerk mit Musik“ wird seit Februar 2019 in unregelmäßigen Abständen am Nationaltheater München gezeigt und ist nun erneut – es folgen in Kürze und im Oktober wieder Aufführungen des Stückes (HIER die nächsten Termine) – im Rahmen der Münchner Opernfestspiele zu sehen.

Es wurde kein leichter, aber ein durchaus beeindruckender Abend. Zum einen war mir bislang das Leben von Karl V. kaum bekannt. Zum anderen handelt es sich bei dem Bühnenwerk von Ernst Krenek um ein Werk der Zwölftonmusik. Es gab also auch zwei zentrale Fragen: Wer war eigentlich Karl V.? Und was ist eigentlich Zwölftonmusik genau genommen?

Nun, zunächst zur zweiten Frage: Die Zwölftonmusik. Natürlich denkt man zunächst an Arnold Schönberg, den Begründer der Zwölftonmusik in den Jahren um 1920. Aber es gab eben auch Mitstreiter. Einer davon war – eher am Rande – Ernst Krenek. Karl V. ist die erste „Oper“ in Zwölftonmusik geworden. Eine schöne Erklärung der Methode der Zwölftonmusik gibt anlässlich der Aufführung von „Karl V.“ das Nationaltheater in DIESEM Video. Wie sich die „Oper“ dann anhört? Einen Trailer zu Karl V., in dem man einen kurzen Eindruck von der Musik erhält, gibt es HIER. Schwierig, aber interessant.

Und wer war Karl V.? Es ist ja alles erst wenige Jahrhunderte her! Mein Gott, was sind schon 500 Jahre! Karl lebte 1500 – 1558. Nicht weit weg von Shakespeares Zeiten, der ja die Theaterwelt heute auch noch prägt. Shakespeare lebte 1564 – 1616. HIER ein schönes, erklärendes Video des ZDF zur Bedeutung Karls V. Er war ja ein Weltherrscher, der den katholischen Glauben weltweit verbreiten wollte. Und es war die Zeit Luthers, der Reformation. Alle vom ZDF im obigen Video genannten Elemente finden sich auch in Ernst Kreneks Bühnenwerk „Karl V.“ Dort geht es ja um das Leben von Karl V., darum, dass Karl V. vor seinem Tod gegenüber einem jungen Mönch sein Leben und sein Werk noch einmal Revue passieren lässt und sich rechtfertigt, als eine Übung seiner noch bevorstehenden Rechtfertigung vor dem Jüngsten Gericht. Zusätzlich zu dem, was im Video des ZDF erklärt wird, geht es in Krenek’s Werk auch noch um den Krieg mit Frankreich. Darauf geht das Video garnicht ein.

HIER übrigens noch etwas: Ein Video mit den bekannten Playmobilfiguren zum Inhalt von Krenek’s „Oper“ Karl V. Wieder einmal gut gemacht.

Mit all diesen Videos ist man wirklich bestens vorbereitet. Weitere Informationen mit viel Bildmaterial zur Inszenierung von „Karl V.“ findet man auf der WEBSITE der Bayerischen Staatsoper.

Es ist eine Inszenierung des Spaniers Carlus Padrissa, der weltweit meist Opern inszeniert. Er ist Mitbegründer des Performance-Kollektivs La Fura Dels Baus. HIER die Website des Kollektivs. Auch Marc Molinos, der für das bei der Inszenierung nicht unwichtige Videodesign von „Karl V.“ verantwortlich ist, arbeitet eng mit diesem Kollektiv zusammen. Die Inszenierungen von Carlus Padrissa werden auch schon mal als „visueller Overkill“ bezeichnet. HIER etwa, von BR Klassik.

So war es auch bei „Karl V.“. Teilweise gewaltig schöne Bilder. Fast jedes einzelne Bühnenbild – und es gab wahrlich viele Einzelbilder – wäre es für sich wert gewesen, es länger zu betrachten. Meistens sehr abstrakt gehalten, hoch geschmackvoll, beeindruckend! Nicht nur die riesigen Videos im Hintergrund – oft riesige abstrakte Wandbilder -, nein auch die Gestaltungen auf der Bühne. Sie vergingen fast zu schnell. Dennoch ist für mich fraglich, warum das sein muss. Meines Erachtens leiden sogar Musik und Inhalt darunter, zumal die Zwölftonmusik durchaus anstrengend sein kann. Ich habe teilweise auch nicht die Zusammenhänge zwischen Bühnenbild und Inszenierung und Inhalt erkennen können. Alles gigantisch. Gut, Karl V. dachte auch gigantisch, aber eben zu gigantisch. In seinem Reich sollte die Sonne nie untergehen.

Die Kostümierung der Mitwirkenden und die Erscheinung von Karl V. war mir dabei ein völliges Rätsel. Warum hat Karl V. denn wie ein Punk fünf Hörner auf dem Kopf (siehe das Beitragsbild oben)? Und ich als Theaterfreund würde sagen: Karl V. wurde in seiner Erscheinung zu monoton dargestellt. Er schleicht im Grunde durchgehend als leidender alter Mann über die Bühne.

Also: Wenn man sich für Karl V. und die Zwölftonmusik interessieren will und wenn man den visuellen Overkill von La Fura Dels Baus erleben will, lohnt es sich allemal. Hier noch zwei Bilder der Inszenierung:

©️ des Beitragsbildes oben: Auch Wilfried Hösl

THEATER: Lars von Trier – Melancholia

Man sollte wissen, auf was man sich einlässt, wenn man sich dieses Theaterstück ansieht. Es hatte am vergangenen Samstag, dem 15. Juni 2019, Premiere an den Münchner Kammerspielen. „Melancholia“ von Lars von Trier. Eine Inszenierung von Felix Rothenhäusler.

Das Fazit vorweg: Felix Rothenhäusler blieb fast nichts anderes übrig, als es so zu machen, wie es geworden ist. Denn da ist zum Einen der eigenwillige, fast mystische Film „Melancholia“ von Lars von Trier und da ist zum Anderen Felix Rothenhäusler, der zu puristischer Darstellungsform neigt. So war es auch – irres Thema, schlicht und anstrengend! Vielleicht ging durch die Kombination von Lars von Trier und Felix Rothenhäusler bei der Bühnenfassung etwas an Prägnanz verloren.

Ein Film auf der Bühne, das allein heißt schon: Man sollte sich, wenn möglich, ein wenig mit dem Film auseinandersetzen! Vorher oder nachher. Man geht wahrlich nicht in eine „Komödie“ und man schaut sich nicht einfach „irgendein Theaterstück“ oder einen „Klassiker“ an, am besten mit dem Ziel der Unterhaltung. Man sieht diesen irren Film auf der Bühne!

„Melancholia“ ist ein Film des dänischen Filmemachers Lars von Trier. Lars von Trier, keine ganz harmlose Gestalt. Der Film erschien 2011 und wurde mehrfach prämiert.

(Ich finde ja, dass das Marketing vieler Theater manchmal mehr bringen könnte. Man wird nicht immer gerade gut darauf vorbereitet, was man sich anschaut! Da könnte es manches Mal viel interessanter sein, besser vorbereitet zu sein. Jedenfalls eine Ahnung davon zu haben, WAS man sich ansieht, Zusammenhänge zu erkennen etc. Mehr Infos neben der Programmankündigung, vielleicht einmal ein Interview oder so.)

Man sagt ja, es ist ein „Endzeitfilm“. Kurz gesagt: Melancholia erzählt tatsächlich von einer (depressiven) jungen Frau, Justine, die das Ende der Welt (durch die Kollision mit einem anderen Planeten – Melancholia, der im „Todestanz“ um die Erde kreist) vorhersieht. Sie feiert mit Familie und Freunden in edler Atmosphäre ihre Hochzeit und rutscht immer mehr in ihre „Depression“ hinein, distanziert sich vom opulenten Geschehen. Wobei: Es ist vielleicht gar keine Depression. Sie selber scheint immer weniger aufgeregt zu sein, als (in den Folgetagen) ihre Schwester Claire und ihr Mann, der sich sogar umbringt.

Links? Bitte sehr, hier sind erst einmal einige interessante links:

HIER ein offizieller Trailer des Films. Eine etwas längere, recht kenntnisreiche Besprechung des Filmes gibt es dann HIER. HIER ist einer Besprechung des Films, die im Deutschlandfunk erschien. HIER findet sich wiederum eine Besprechung des Films auf Spiegel online. Zum Film gibt es übrigens eine offizielle Website: HIER. Und HIER findet sich die Seite der Kammerspiele zur jetzigen Inszenierung. Von anderen Inszenierungen lese ich übrigens wenig. Es gab eine „Uraufführung“ am Bochumer Schauspielhaus im März 2018. HIER einen Trailer dazu auf YouTube.

Das meiste oben bezieht sich auf den Film. Ich habe mir den Film auch erst einmal ansehen müssen. Auf http://www.kinox.to konnte ich ihn sehen (hoffentlich ist das hier keine illegale Empfehlung. Ich werde es prüfen und gegebenenfalls wieder löschen).

Zur jetzigen Inszenierung an den Münchner Kammerspielen hier noch eine Aufnahme:

©️ Armin Smailovic

Und dann Folgendes:

  • Felix Rothenhäusler hat also inszeniert. Er experimentiert ja gerne auf nicht ganz einfachen Niveau. Allein wenn man sich das Programmheft der Inszenierung von „Melancholia“ durchliest, bekommt man eine Ahnung davon. Wenn man den äußerst schwierigen Text zum Stück überhaupt versteht.
  • Es passt sehr gut: Schwarze große Bühne – zwölf Lichtstrahler hängen von der Decke – fünf SchauspielerInnen kommen und gehen über die Bühne – keine Gegenstände – schwarzer Boden, etwas erhöht auf Glasflächen – keine Opulenz – nichts. Siehe das obige Beitragsbild. Ein drohender grummelnder Ton schwirrt über allem – im Film ist es die Ouvertüre von „Tristan und Isolde“.
  • Die SchauspielerInnen und die leere Bühne hängen gewissermaßen im All. Darum geht es ja auch bei „Melancholia“, zumindest vordergründig: Das All, die Erde als Planet mit der großen Frage: „Was soll das alles. Das kann und wird doch alles zu Ende gehen“. Und es kam dadurch nur auf das Verhältnis der Personen zueinander an.
  • Felix Rothenhäusler lässt die SchauspielerInnen das Geschehen schlicht „erzählen“, direkte Rede und Erzählung. Jeder hat aber seine Rolle. Das mag er. Er spielt gerne mit den Worten. Auch in seiner „kleineren“ Inszenierung „Trüffel Trüffel Trüffel“, die auch an den Kammerspielen „läuft/lief“, stehen die SchauspielerInnen nebeneinander auf der Bühne und reden. Wie gegen Ende von „Melancholia“. Mehr „Experiment à la Rothenhäusler“ war dagegen ja geboten in seine Inszenierung „Re:search“. In „Melancholia“ kommt sein „Experimentierdrang“ nicht so zur Geltung. Gottseidank. Das Thema von „Melancholia“ ist auch an sich schon intensiv genug! Das auch noch mit Experimentiergedanken zu „Wort und Geste“ (oder ähnlich) zu verbinden, hätte wahrscheinlich völlig überfordert. Es hätte ein falsches Thema draufgesetzt.
  • „Melancholia“ ist aber gerade wegen der ausschließlichen Wortlastigkeit durchaus anstrengend. Ohne Video, ohne Musik, ohne Lichteffekte oder andere Effekte, ohne Brimborium. Wenigstens schlicht und nicht so bedrängend wie Ulrich Rasche (siehe meine wunderbaren Rasche-Besprechungen über das Suchfeld oben). Dennoch soll natürlich Atmosphäre rüberkommen. Gut, bei „Trüffel Trüffel Trüffel“ und “Re:search“ war die Atmosphäre aufgrund der Stücke nicht so wichtig. Bei „Melancholia“ ist sie dagegen durchaus wichtig, denke ich. Aber auch da verzichtet Rothenhäusler auf Andeutungen. SchauspielerInnen und Text. Das ist alles.
  • Die Atmosphäre konnte hier also nur über die SchauspielerInnen rüberkommen, durch ihre Mimik fast nur. Julia Riedler als Justine: Sie wirkte für mich fast etwas ZU depressiv, zu verzweifelt, letztlich ist sie es doch, die im Film Ruhe ausstrahlt, Ruhe vor dem Untergang. Thomas Hauser als der „glückliche Ehemann“, es geht hier ja um eine Hochzeit: Für mich war er sogar – obwohl eher eine kleinere Rolle innehat – am überzeugendsten. Eva Löbau als die Schwester Claire von Justine: Resolut, aber meines Erachtens wiederum ZU WENIG verstört und hilflos angesichts der drohenden Katastrophe. Sie hat eine unglaublich klare Bühnesprache. Majid Feddah der irgendwie „üble“ vermögende Ehemann von Claire: Auch diese Rolle kann er gut spielen! Gro Swantje Kohlhof als Sohn Leo lief etwas nebenbei.

Alles in allem haben mich die Interpretationen der Personen auf der Bühne etwas verwirrt. Die einzelnen Positionen der Personen und ihre Abgrenzungen voneinander gingen mir durch das ständige Weitererzählen der Story (oft auch von eher unwichtigen Einzelheiten) etwas verloren. Vor allem leider bei den beiden Hauptfiguren Justine und Claire.

Mein Eindruck ist auch: Man könnte sich vielleicht auch sagen, Justine denkt an den Tod, nicht an den Weltuntergang. Ein Stück um Leben und Tod wäre es dann. Wir alle haben ihn ja vor uns. Justine sieht deswegen die Sinnlosigkeit von allem. Das führt in der Tat leicht in die Depressivität. So können wir ja nicht leben! Das ist ja vielleicht auch das Thema von Melancholia: Wir haben ein Ende vor uns, können deswegen aber nicht in Trauer verfallen. Habe Spaß! Das hört man mehrfach. Die eigene Hochzeitsfeier ist so gesehen in „Melancholia“ das Extrembeispiel der Sinnlosigkeit! Justine geht ja auch gleich in der Hochzeitsnacht fremd.

Andere, ihre Schwester Claire vor allem, sehen dann auch mehr und mehr das drohende Ende. Sie sehen auch, dass sie das Ende ja nicht verhindern können. Sie gehen aber anders daran heran, „weltlicher“. Sie haben nicht die Ruhe, die Justine hat, die fast die Erlösung sieht. Justine sieht die Unausweichlichkeit. Claire dagegen wird nervös, hektisch, will etwas tun. Sie will hilflos irgendwohin fahren, wo man mehr weiß, sie möchte dann einen „schönen“ Abschied auf der Terrasse bei Rotwein und Gesang. Ihr Mann macht schon einmal Besorgungen für den „Notfall“, etc. Alles völlig hilflose Bemühungen angesichts des nahenden Endes.

Tja, wie wir eben bei alledem das Ende, diese verdammte Vergänglichkeit, nicht wahrhaben wollen. „Melancholia wird an der Erde vorbeiziehen, sagen die Wissenschaftler“, will der Schwager von Justness mehrfach beruhigen, bis er das Gegenteil erkennt. „Das wird das Schönste, was wir je erleben werden!“. Eben nicht!

Und: Es ist ganz anders, als das Stück „Drei Schwestern“ von Susanne Kennedy nach Anton Tschechow, das derzeit ebenfalls an den Kammerspielen gezeigt wird. Dort geht es um den Gedanken: Es gibt kein Ende, es wiederholt sich alles immer wieder, immer wieder. Es hört nicht auf. Es ist ein endloser Loop. Stell dir vor, du musst alles noch einmal leben, etc.

Ich finde, man sollte sich bei Melancholia beides ansehen, wenn man es noch nicht kennt, Film und Bühnenfassung!

©️ des Beitragsbildes: Armin Smailovic

THEATER: Transfer Bochum Zürich

Ich hatte nachgesehen: Wo geht eigentlich Anna Drexler hin, die ja in der vergangenen Spielzeit am Münchner Residenztheater engagiert war und davor an den Münchner Kammerspielen war. Nun, sie ist jetzt Mitglied des Ensembles des Schauspielhauses Bochum.

HIER die „Spielzeitzeitung“ des Schauspielhauses Bochum für 2019/2020. Intendant des Schauspielhauses Bochum ist ja Johan Simons! Im Frühjahr 2020 kommt ja am Schauspielhaus Bochum auch „Miranda July’s Der erste fiese Typ“ mit Anna Drexler. Das Stück hatte an den Münchner Kammerspielen Uraufführung. Schönes Stück! Hier ein Foto:

©️ David Baltzer, Kammerspiele

Dabei ist mir noch Folgendes aufgefallen: Zwischen dem Schauspielhaus Zürich und dem Schauspielhaus Bochum ist eine „langfristige Zusam- menarbeit“ vereinbart worden. „Transfer Bochum Zürich“. Gut, Gastauftritte anderer Theater gibt es immer wieder. Es scheint aber zwischen Bochum und Zürich einen etwas beständigeren Boden zu bekommen. Es heißt dazu:

„Beide Bühnen verbindet das Bestreben, ein modernes Stadttheater zu entwerfen, das sowohl ästhetisch als auch strukturell den Herausforderungen der Gegenwart gewachsen ist. Konkret zeigt sich die Partnerschaft darin, dass das Schauspielhaus Zürich in den nächsten Jah- ren je eine Arbeit pro Spielzeit aus Bochum zeigt. Andererseits wird eine Arbeit vom Schauspiel- haus Zürich nach Deutschland reisen. Den Anfang machen in der ersten Spielzeit jeweils Arbeiten der beiden Intendanten Nicolas Stemann und Johan Simons.“

Von Nicolas Stemann wird in Bochum die Inszenierung „Der Streik“ gezeigt. Von Johan Simons wird in Zürich die Inszenierung „Plattform/Unterwerfung“ gezeigt.

MUSIK: R.E.M. & Neil Young – Country Feedback

Ich bin wieder fündig geworden. Ein sehr schöner Song von R.E.M. und Neil Young, „Country Feedback“.

„This is my particular R.E.M. favourite song“, sagt er. Bis Michael Stipe, der Sänger von R.E.M., einsetzt, klingt die Gitarre von Neil Young irgendwie so, als würde sie auch schon etwas singen. Und dann ist es immer wieder ein Wechsel von Michael Stipes Gesang zu Neil Young‘s Gitarre und zurück.

THEATER: Neue Intendanzen

Hier im Überblick ein paar Änderungen in den Intendanzen großer deutschsprachiger Bühnen zur kommenden Spielzeit 2019/2020. Das Karussell dreht sich und ich habe davon Stück für Stück gelesen.

Münchner Residenztheater: Andreas Beck kommt vom Theater Basel für Martin Kušej. HIER das Spielzeitheft 2019/2020. HIER ein Gespräch mit Andreas Beck über seinen Wechsel.

Wiener Burgtheater: Martin Kušej kommt vom Residenztheater München für Karin Bergmann. HIER das Spielzeitheft 2019/2020. HIER ein interessanter Bericht aus der österreichischen Zeitung DER STANDARD über die Vorstellungen und Pläne von Martin Kušej und Neuerungen für das Wiener Burgtheater.

Schauspielhaus Zürich: Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg, Regisseur bzw. Dramaturg, kommen von den Münchner Kammerspielen für Barbara Frey. HIER das Spielzeitheft 2019/2020. HIER ein Interview von Zeit online mit Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg.

Am Staatstheater Cottbus wird der Schweizer Stephan Märki, Präsident des Schweizerischen Bühnenverbands und früherer Intendant des Potsdamer Hans-Otto-Theaters, neuer Intendant.

Schauspiel Hannover: Sonja Anders übernimmt von Lars-Ole Walburg. Anja Anders war 2009-2018 Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin am Deutschen Theater Berlin.

Nicht ganz klar ist mir das Theater Basel: Andreas Beck ist ja weg, zum Residenztheater München. Und „2020“ kommt dann Benedikt von Peter aus Luzern für Andreas Beck nach Basel.

Aktuelle Meldungen noch:

Voraussichtlich wird – wird es noch im Juni bekanntgegeben? – der Regisseur René Pollesch neuer Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz.

Kay Voges kommt 2020 vom Schauspiel Dortmund für Anna Badora an das Volkstheater Wien. HIER das Spielzeitbuch des Volkstheaters Wien 2019/2020. Und die Schauspielerin Julia Wissert folgt dann 2020 voraussichtlich als Intendantin am Schauspiel Dortmund auf Kay Voges. HIER das Spielzeitheft 2019/2020 aus Dortmund.

Und ich trinke jetzt einen Kaffee. Ist auch wichtig.

THEATERTREFFEN EXTRA: Ágota Kristóf – Das große Heft, Fassung von Ulrich Rasche

Ulrich Rasche! Er war schon 2017 mit Friedrich Schillers „Die Räuber“ auf dem Theatertreffen, war 2018 mit Georg Büchners „Woyzeck“ auf dem Theatertreffen und dieses Jahr, 2019, mit „Das große Heft“, einem Roman von Ágota Kristóf.

Ein grauenhaftes Buch und eine Inszenierung, die einen mitgenommen hat. Das Grauenhafte kam in der für Ulrich Rasche so typischen Art der Inszenierung diesmal sogar noch etwas stärker zum Vorschein.

Sie waren Zwillinge – es war Krieg – ihre Mutter brachte sie zur Großmutter in die ländliche Gegend, weg von der bedrohten Hauptstadt – die Zwillinge lernten fürchterliches Leid kennen, Dreck, Hunger, Vergewaltigung, Erniedrigung, Tod, Lust an Gewalt etc. – aber sie nahmen alles hin, lernten daran, stählten sich, fasteten, töteten Tiere, sehen Sodomie, stellten sich blind und taub, fügten sich selbst Schmerzen zu, beleidigten sich gegenseitig und und und – sie behielten trotz allem in kleinen Momenten ihre Menschlichkeit – dadurch, dass sie ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Beobachtungen in einem „großen Heft“ festhalten, entsteht eine Aufsatzsammlung – was mit Mutter und Vater geschah, verrate ich hier nicht – es geht bis zum Ende, das noch einmal besonders grausam ist. Ergebnis: Brutalst gestählert für das Leben – es sind ja Kriegszeiten – und trotz aller Grausamkeit immer noch mit Herz? Geht das? Ist etwas unerschütterlich? Oder ist das Leid letztlich größer?

Es gibt eine (wahrscheinlich gelungene) Verfilmung des Romans, HIER der Trailer.

Warum sich Ulrich Rasche dieses grauenhafte Buch herausgesucht hat, verstehe ich nicht ganz. Nur um zu erschüttern und zu beeindrucken? Das wäre wahrlich gelungen! Ich habe lange überlegt: Langsam frage ich mich, was denkt sich Ulrich Rasche dabei? Wie schon mehrfach gesagt: Es ist ja keine Theateraufführung, es ist etwas Anderes. Ulrich Rasche bringt Literaturshows auf unglaublich eindringlicher Art und Weise auf die Bühnen. Kann man Literatur in dieser Art so vereinheitlichen? Zu was führt das? Gut, es macht einerseits den Text eindringlicher und bewusster. Der Text und der Inhalt – nur darauf kommt es Ulrich Rasche vielleicht an – werden dem Zuhörer geradezu eingehämmert. Das hat eine beeindruckende Wirkung und kommt den puren Texten der Werke meist zugute. „Achte nur auf das, was der Autor sagt“, scheint Ulrich Rasche sich und uns zu sagen.

Andererseits aber gehen Elemente verloren: Jede Nuance der Gefühlswelt. Jede Freude. Jede Gelassenheit. Jede Leichtigkeit. All das will Ulrich Rasche nie zeigen! Es geht unter im Gebrüll, im Stakkato des Textes, im Ambiente insgesamt. Alles wirkt schwer. Wird der Zuhörer durch diese Art der Darbietung übertölpelt? Soll er einen ganz bestimmten Eindruck bekommen? Man kommt ja kaum zum Atmen. Ich bin fast schon vorsichtig, lese die Texte dann lieber noch einmal!

Ágota Kristófs trauriger Roman „Das große Heft“ ist 1986 erschienen, wurde in 30 Sprachen übersetzt. Noch lauter, noch bedrohlicher und aggressiver als in seinem bisherigen Stücken wird der Text des Buches hier in großen Ausschnitten von den auf sich drehenden Scheiben ständig marschierenden Schauspielern einzeln oder im Chor rezitiert, gerufen, geschrien. Noch eindringlicher als sonst. Und wie immer begleitet von monotoner Livemusik, Schlagzeug, Violinen, Cello, E-Bass. Auch die Musik schien mir diesmal noch ein wenig lauter. Diesmal waren es im Übrigen nur männliche Mitwirkende, auch das prägte den Abend mit. Es war alles beeindruckend, aber grenzwertig.

In der nächsten Spielzeit übrigens wird Ulrich Rasche auch erstmals am Wiener Burgtheater inszenieren. „Die Bakchen“ von Euripides. Männlich kann es dann wohl kaum werden. HIER der Link zum neuen Spielzeitheft des Burgtheaters in Wien. Es wird ja dort die erste Spielzeit unter dem neuen Intendanten Martin Kušej sein.

Es gab ja kürzlich auch schwere Vorwürfe gegen Ulrich Rasche am Frankfurter Schauspielhaus. HIER ein Bericht der FAZ. Schade. Offenbar gab es Schwierigkeiten im Umgang Ulrich Rasches mit seinen Mitarbeitern. Vielleicht fehlen ihm im wahren Leben doch die Dinge, die auch in seinem Literaturtheater fehlen (siehe oben)? Die Leichtigkeit etc.

HIER ein kurzes Video des Staatsschauspiel Dresden zur Inszenierung.

©️ des Beitragsbildes: Sebastian Hoppe

THEATER UND LITERATUR: C. Bernd Sucher – Suchers Welt

Ich hatte ja kürzlich geschrieben, dass ich die sonntägliche Erläuterung von C. Bernd Sucher zu James Joyce in der Reihe „Suchers Leidenschaften“ mitverfolgt hatte. HIER mein Beitrag. Bei der Gelegenheit bin ich auf zwei relativ neue Büchlein von C. Bernd Sucher gestoßen: 49 leidenschaftliche Empfehlungen von C. Bernd Sucher zum Genre „Theater“ und 49 leidenschaftliche Empfehlungen von ihm zum Genre „Literatur“.

Vielen Dank an C. Bernd Sucher für die Exemplare! Beide Büchlein passen natürlich wunderbar in diesen Blog. Die Auflistung der Theaterempfehlungen siehe unten. Ich habe mir die Mühe gemacht, zu den Theatermenschen, über die C. Bernd Sucher schreibt, kleine Videos herauszusuchen (mal kürzere, mal längere, meist YouTube) und zu verlinken. Verlinken darf man ja. So kann man sich einen kleinen weiteren Eindruck verschaffen. Siehe unten.

Die Auflistung der Literaturempfehlungen von C. Bernd Sucher ist dagegen hier:

Eins ist klar: Es sind in beiden Fällen klassische Empfehlungen: Große Stars der Theaterwelt und große Stars der Literaturwelt. Ich selber hätte den ein oder anderen etwas progressiveren Menschen der Theaterwelt und das ein oder andere etwas progressivere Werk der Literaturwelt aufgenommen, aber dennoch. Um sich einen kleinen „Überblick“ zu verschaffen („Überblick“ insoweit, als mit C. Bernd Sucher ein großer Kenner der Materien schreibt), findet man eine schöne Auswahl in beiden Bereichen, Theater und Literatur.

Das Schöne ist auch: Es sind zwar sehr persönliche Auswahlen, aber sie ergehen sich in keinster Weise in rein persönlichen und subjektiven Statements zu den ausgewählten Menschen und Werken. Die Beschreibungen sind immer wieder informativ und interessant, getragen allerdings von großem Interesse, Vorlieben und Gefallen! Es sind ja „leidenschaftliche“ Empfehlungen. C. Bernd Sucher findet auch immer wieder Worte, die nicht übertrieben klingen, nicht abschrecken. Soweit ich die beschriebenen Personen oder Werke kenne, kann ich fast immer sagen: Treffend beschrieben, schöne Charakteristika formuliert!

Was die literarischen Werke angeht: C. Bernd Sucher schreibt nicht über die Inhalte der Werke, nicht über den Schreibstil. Er schreibt „um die Bücher herum“, schildert Umstände, wie sie entstanden sind, schildert Personen und Gegebenheiten, zitiert dann vielleicht kurz einmal raus, stellt sie in Beziehung zu anderen Werken des Autors etc. Er stellt sie immer wieder in einen interessanten Zusammenhang.

Was die Beschreibung der Personen der Theaterwelt anbelangt, fällt mir auf, dass er immer schnell auf den Kern kommt. Man bekommt ein Gefühl für das, was die Person wirklich ausmacht. Es werden Begegnungen geschildert, es wird der Lebensweg der Person dargestellt, werden besondere Erlebnisse oder Lebenseinschnitte der Person geschildert, Beziehungen zu bestimmten Theaterstücken oder Autoren genannt, Äußerungen gebracht etc. Und auch hier: Treffend und gut beschreibend, wenn ich das so vermessen sagen darf. Es sind ja immer kurze Texte. Sie kommen eben direkt auf interessante Punkte, es wird nicht um den heißen Brei herum geschrieben.

Hier, wie gesagt, sind die Links zur Theaterauswahl, schöne Videos zum Teil. Man muss die Menschen ja sehen.

HIER der link zur Seite des Buches „Literatur“ beim Droemer Knaur Verlag.

HIER der link zur Seite des Buches „Theater“ beim Droemer Knaur Verlag.

LITERATUR: Suchers Leidenschaften – James Joyce

Für Anhänger von James Joyce rückt wieder ein Jahrestag näher: Der 16. Juni. Es ist für sie der „Bloomsday“. Viele werden es wissen: Der Tag geht zurück auf das Werk „Ulysses“ von James Joyce. Im Wahnsinnswerk Ulysses – ich würde sogar sagen: Es ist eine Art Weltwunder der Literatur, wie kann man so etwas schreiben! – geht es um einen einzigen Tag und vor allem um Leopold Bloom. Es geht um den 16. Juni. Leopold Bloom geht durch Dublin.

Es passiert nichts und doch geht es um alles: Es geht um die ganze Welt. In der Einleitung zur kommentierten Ausgabe des „Ulysses“ (übersetzt von Hans Wollschläger, Suhrkamp Verlag) heißt es:

Schließlich ist Ulysses auch der Roman der ganzen Welt; er spannt den Bogen von Homers Odyssee am Anfang der abendländischen Literatur bis zum Leben des Dubliner Bürgers zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in dessen Tagesablauf sich die Abenteuer des mythischen Helden Odysseus spiegeln.

Hier ein Beispiel: So sieht eine Seite – die allererste Doppelseite – der sagenhaften kommentierten Ausgabe des Ulysses aus, um den Text herum sind die Anmerkungen. „Stattlich und feist …“

Es ist ein Werk der Weltliteratur, allerdings das – sagt man immer – am seltensten gelesene Werk. Es gibt aber einen Kreis von überzeugten Anhängern von James Joyce und vor allem von seinem Werk “Ulysses“. Etwa in den „reading groups“ der Zürich James Joyce Foundation. HIER der Link zu den nächsten Terminen der „reading groups“. Und HIER der Link zur Startseite der Website der Zürich James Joyce Foundation.

Gestern, Sonntag, der 2. Juni 2019, hatte C. Bernd Sucher im Rahmen seiner seit Jahren bestehenden Reihe „Suchers Leidenschaften“ am Vormittag im Gartensaal des Münchner Prinzregententheaters über James Joyce gesprochen. Nicht nur über den „Ullysses“, sondern über den Menschen James Joyce sowie über seine Werke. Wie und wann er seine spätere Frau kennen lernte, seine Bewunderung für Henrik Ibsen, dass er Wörter erfunden hat, wo er gelebt hat (Paris, Zürich, Triest) humorvolle Bemerkungen und vieles mehr. Vom Schauspieler Thomas Loibl (Residenztheater) wurden Auszüge aus den Werken von James Joyce vorgelesen, die Schauspielstudentin Luiza Candido de Oliveira Monteiro brachte andere Zitate.

Man kann James Joyce natürlich nicht in eineinhalb Stunden wirklich erfassen, es gab aber einen schönen Überblick und eben Einblicke in die Werke von James Joyce. Er schrieb auch Gedichte. C. Bernd Sucher konnte letztlich empfehlen, sich zunächst einmal „Ein Portrait des Künstlers als junger Mann“ von James Joyce mit in den Urlaub zu nehmen. Um dann auf das fast völlig unverständliche Werk „Finnegans Wake“ zu kommen.

Man könnte natürlich seitenweise über die Werke von James Joyce schreiben. Ich empfehle, sich eines zu schnappen und anzufangen. Ich empfehle sogar die kommentierte Ausgabe des „Ulysses“. Es gibt Menschen, die den genauen Fußweg von Leopold Bloom in Dublin kennen und nachgehen. Wo sich Leopold Bloom am 16. Juni 1904 aufgehalten und welchen Weg er durch Dublin genommen hatte, kann man übrigens auch den Karten in der kommentierten Suhrkamp-Fassung des Ulysses entnehmen:

Noch eine Empfehlung: Es gibt eine Hörspielfassung des Ulysses, 23 CDs. Sie ist 2012 erschienen und galt damals als eine der besten CDs, die es bis dahin gab. Es ist in der Tat eine wunderbare Lesung, untermalt ein wenig von Musik und anderen Tönen. Leopold Bloom wird gelesen von Dietmar Bär und Molly Bloom von Birgit Minichmayr. HIER der Link zum Angebot von Amazon. Bitte aber nicht bei Amazon kaufen, lokale Buchhändler unterstützen. Wirklich eine Hörerlebnis!

Und noch ein Hinweis: C. Bernd Suchers Erklärungen zu James Joyce kann man ähnlich auch als Hörbuch herunterladen oder als CD kaufen: HIER der Link zum Angebot von Amazon. Aber wie gesagt …

Die Lesung endete sehr schön mit der Schlusspassage des Ulysses. Über mehr als 60 Seiten erstreckt sich der ohne Punkt und Komma geschriebene Monolog der Frau von Leopold Bloom (in der Hörspielfassung wunderbar gelesen von Birgit Minichmayr). Er endet mit:

… ja und wie er mich geküsst hat unter der maurischen Mauer und ich hab gedacht na schön er so gut wie jeder andere und hab ihn mit den Augen gebeten er soll doch noch mal fragen ja und dann hat er mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen dass er meine Brüste fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will Ja.

LITERATUR: Saša Stanišić – Herkunft

Ich hatte vor Jahren einen Roman von Saša Stanišić gelesen und fand ihn sehr gut: „Vor dem Fest“ hieß er. Saša Stanišić hatte – ich glaube 2016 – dafür den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Jetzt habe ich sein neuestes Werk gelesen. „Herkunft“ heißt es.

Meine Bewertung (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚 (6)

Saša Stanišić schreibt an einer Stelle: „Bin das ich? Sohn meiner Eltern, Enkelsohn meiner Großeltern, Urenkel meiner Urgroßeltern, Kind Jugoslawiens, geflüchtet vor einem Krieg, zufällig nach Deutschland. Vater, Schriftsteller, Figur. Bin das alles ich?“ Genau darum geht es. Saša Stanišić erzählt von seiner Herkunft. Nicht nur von der jugoslawischen Heimat, seinem Geburtsort, nein, vielmehr von seinen Erinnerungen, seinen Vorfahren, seinem Lebensweg, dem Lebensweg der Vorfahren. Das ist für ihn Herkunft.

Saša Stanišić schreibt in vielen kleinen Kapiteln über all das. Er schreibt immer wieder über Erlebnisse und Erinnerungen, über Personen seiner Zeit in Jugoslawien und in Deutschland.

Inhaltlich: Geboren ist er am 7. März 1978 („Ich bin in einem Land geboren, das ist nicht mehr gibt.“) – die Flucht der Mutter mit den Kindern vor dem Krieg in Jugoslawien nach Deutschland 1992 („1991 waren Zugehörigkeiten ein Zündstoff geworden.“) – der Vater kam ein halbes Jahr später nach, die Großeltern kamen 1995 nach Deutschland – sie lebten zunächst in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Heidelberg – die Eltern mussten Deutschland 1998 wieder verlassen, wanderten nach Florida aus – seine Fahrt in sein Heimatdörfchen Višegrad 2009 – Besuch eines Friedhofes in Oskoruša – Besuch der Ruine des Hauses seiner Urgroßeltern – zunehmend geht es im Verlauf des Buches um den Tod seiner Großmutter – der Besuch der Großmutter in Višegrad 2018 – die Großmutter stirbt im November 2018 – Saša Stanišić lebt aktuell in Hamburg. Das ist der Rahmen für viele kleine Erzählungen.

Es geht hin und her in den Jahren, hin und her zwischen den Personen. Manchmal nicht leicht, ich habe das Buch mehrfach durchblättern müssen, um einen Überblick zu bekommen. Ich rate dazu an, sich die Personen und Jahreszahlen im Text immer wieder kenntlich zu machen, zu markieren, dann geht das Buch auf. Saša Stanišić kommt augenscheinlich – und verständlicherweise – selber nicht leicht damit zurecht, in Deutschland/Hamburg zu leben und eine völlig andere Herkunft zu haben. Geboren in einem Land, das es nicht mehr gibt.

Der Stil des Buches: Saša Stanišić erzählt von absolut höchstpersönlichen Erlebnissen, Erinnerungen, dennoch ist das Buch nicht getragen von Emotionen. Ganz im Gegenteil: Es ist geprägt von einer nüchternen, melancholischen und irgendwie auch fast traurigen Schreibweise. Kurz gehaltene Aussagen. Nach dem Motto fast: „In was bin ich da nur reingeraten?“ Gerade das macht es aber aus. Es schwingt auch immer eine Art Traurigkeit über den Verlust Jugoslawiens mit. Manchmal allerdings etwas kompliziert geschrieben, dachte ich. Aber Stanišić kann schreiben!

Ich habe mir, wie so oft, der Übersichtlichkeit halber eine Übersicht dazu erstellt. Alles auf einen Blick. Hier kann man sie herunterladen und zum Lesen dazunehmen:

Das Buch hat dann leider am Ende einen Teil, den ich nicht mochte: Der Leser wird angehalten, sich Stück für Stück selber zu entscheiden, wie und wo er weiter lesen will. Jeder findet damit sein eigenes Ende. Warum er das macht, erschließt sich mir nicht. Interessant ist daran allerdings, dass sich Wirklichkeit und Phantasie vermischen. Es geht in diesem letzten Teil des Buches um die Frage: Wie endete das Leben der Großmutter?

Sechs Punkte vergebe ich nur, da ich das Gefühl hatte, dass ich beim ersten Durchlesen viel zu viel überlesen hatte. Ich hatte die zeitliche Orientierung verloren und bin über viele schöne Beschreibungen irgendwie hinweggehuscht.

HIER ein interessantes Gespräch auf ARD mit Saša Stanišić über sein Buch „Herkunft“.

HIER liest Saša Stanišić aus seinem Buch „Herkunft“. Man lernt ihn und ein wenig (10 Minuten) aus seinem Werk „Herkunft“ kennen.

HIER die Seite des Luchterhand Verlag es zu Saša Stanišić’s Buch „Herkunft“.

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SONSTIGES: Thom Luz – Radio Requiem

Inszenierungen von Thom Luz hatte ich schon mehrfach gesehen. Sie sind ruhig, sensibel, ausdrucksstark, oft etwas melancholisch, setzen nicht auf hektische Effekte und regen bei aller Einfachheit zum Denken an. Zuletzt war es „Girl From The Fog Machine Factory“. HIER mein damaliger Beitrag.

Jetzt etwas Neues von ihm. „Radio Requiem“ in Basel. Ich habe es noch nicht gesehen, vielleicht habe ich eine Gelegenheit. Thom Luz kümmert sich ja gerne um die Dinge, die so langsam aus unserer Welt verschwinden. Ein „Spezialist für alles, was verschwinden kann und trotzdem noch da ist“ heißt es. Mit seiner Hannoveraner Treppenhausbespielung «Atlas der abgelegenen Inseln», der Mainzer Hinterbühnen-Verwandlung «Traurige Zauberer» und mit «Girl From The Fog Machine Factory» (Nebelmaschinen) wurde er schon zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen.

Jetzt also „Radio Requiem“. Das ehemalige SRF-Radiostudio „auf dem Bruderholz“ in Basel wird Ende 2019 abgerissen. Seit siebzig Jahren wurde an diesem Standort Radiogeschichte geschrieben. „Radio Requiem“ ist ein Spaziergang durch das Radiostudio. Und insgesamt sogar eine „Hommage an die goldene Zeit des Radio“, wie Deutschlandfunk Kultur HIER schreibt. Mehr Informationen zu dieser in Kleingruppen begehbaren Installation gibt es also auf Deutschlandfunk Kultur (siehe den link) und beim Theater Basel, zu finden über den Link rechts oben im Blog, dort ist der Weg zu den Onlineauftritten der großen deutschsprachigen Bühnen – mit Spielplänen etc.

Für hartgesottene Theaterfreunde gäbe es sogar eine Möglichkeit, einen Basel-Besuch zu verbinden mit Simon Stones sicher sehenswertem Stück „Hotel Strindberg“ – es war ja zum Theatertreffen 2019 in Berlin eingeladen: Man sieht am 4. Juli „Radio Requiem“, am 5. Juli „Exklusiv für alle“ – auch interessant! – und am 6. Juli „Hotel Strindberg“.

©️ des Beitragsbildes: Sandra Then, Theater Basel

THEATERTREFFEN EXTRA: PeterLicht – „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“ nach Moliére

Auch dieses Stück habe ich auf dem Theatertreffen 2019 gesehen. Es wurde auch ausgewählt. Ich schreibe wenig darüber, da es ohnehin nicht mehr zu sehen ist (nur noch vorübergehend auf 3sat). Im übrigen hat es mir überhaupt nicht gefallen.

Was war daran denn bemerkenswert? HIER der Link zu 3sat. Man möge sich selbst ein Bild machen.

In der Ankündigung heißt es: „… PeterLichts radikale Neudichtung von Molierès „Tartuffe“ in rasante Komik …“. Wie kann man nur so etwas von diesem Stück behaupten? Radikalrasante Komik! So humorlos bin ich doch garnicht!

PeterLicht kannte ich nicht. Er ist in der Theaterszene durchaus bekannt (gewesen). Ein Indie-Pop Musiker und Autor, heißt es auf Wikipedia. Er war vor Jahren auch mehrfach an den Münchner Kammerspielen. Und hat mit ein paar Büchern schöne Preise gewonnen. Unter anderem den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Vielleicht ist seine Zeit aber längst abgelaufen.

Aber es sollte ja alles so sein:

Bühnenbild: Eine höfische Holzfassade mit vielen Fenstern, Türen und Balkonen. Wie bei Romeo und Julia. Nicht bemerkenswert.

Kostüm: Aufgepluderte bunte Hofklamotten, mittelalterliche Püppchenklamotten, Clownsklamotten (fast) und blonde Haare dazu, was wohl besonders harmlos wirken sollte. Albern. Nicht bemerkenswert.

Schauspielleistung: Hektisch, zerfahren und viel zu schnell im Text. Ich konnte es Gottseidank auf 3sat noch einmal sehen. Nicht bemerkenswert. Wie schon einmal bemerkt: Offenbar meinen manche Regisseure und Theater, es müsste einfach viel geboten werden, es müsste ganz schnelles, einfach viel und verwirrendes Zeug und aufgekratztes Gerede gebracht werden!

Inhaltlich: Es ging in der ersten „Hälfte“ etwa ständig um das Wort „geil“. Das Neue, das Andere sei doch „geil“. Das Wort „geil“ ist aber, finde ich, völlig veraltet. War das „radikal“? Und dann ging es eine Zeit lang um Lutschbonbons. War das „radikal“? Und dann kamen ständig irgendwelche Wortspiele. Das „Geile im Ungeilen oder das Ungeile im Geilen“ und ähnlich. War das „radikal“ oder „rasant komisch“? Oder es ging um Nasenhaarextensions. „Radikal“ oder „rasant komisch“?

Es ist, fand ich, enttäuschend und fragwürdig, dass die Jury des Theatertreffens dieses Stück als besonders „bemerkenswert“ angesehen hat. Bei mir bleibt, wenn ich die beiden Inszenierungen von „Erniedrigte und Beleidigte“ und von „Tartuffe und das Schwein des Weisen“ sehe, der Eindruck hängen, dass die Jury zu konservativ denkt. „Wenn alles o. k. ist, warum soll es dann nicht so bleiben?“, wird an einer Stelle im „Tartuffe oder das Schwein des Weisen“ gesagt. So denkt man vielleicht.

Für mich ist aber eher das bemerkenswert, was den Zuschauer aufrüttelt, in besonderer Art und Weise zu Gedanken angeregt. Das war bei „Tartuffe oder das Schwein des Weisen“ wahrlich nicht der Fall.