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THEATER: Schauspielhaus Bochum – Der Bus nach Dachau

Nun schreibe ich noch über die Produktion „Der Bus nach Dachau“, die ich kürzlich auch am Schauspielhaus Bochum sehen konnte. Neben „Kinder der Sonne“ (HIER mein Bericht dazu) ist es als zweite Bochumer Inszenierung zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen. Es ist ein sehr sensibler, sehenswerter Abend.

Bei Betreten des Theaterraumes wundert man sich schon: Da sitzen ja schon ein paar Zuschauer auf der Bühne – auf schlichten Stühlen – und erhalten eine Einführung in das Stück. Die Einführung wird gebracht am Pult stehend von Ward Weemhoff, einem der Gründer des holländischen Schauspielerkollektiv De Warme Winkel. Schon die Einführung zeichnet sich dadurch aus, dass Ward Weemhoff – dem man genau zuhört, nachdem man sich selber im Zuschauerraum gesetzt hat – im Grunde naturgegebene Distanz zu dem hat, was er erklären will: Er sucht – als Holländer – ständig nach den richtigen deutschen Begriffen. Immer wieder fehlen ihm die Worte, die richtige Aussprache … Distanz bei gleichzeitigem Versuch, den Dingen nahe zu kommen. Darum geht es.

Dabei bezieht Ward Weemhoff seine kleine Gruppe von Zuhörern und Zuhörerinnen immer wieder ein, ihm die richtigen Begriffe zu nennen. Letztlich schaffen es beide Seiten gemeinsam, die Einführung verständlich zu gestalten. Man merkt schnell: Man ist einbezogen, man ist selber betroffen von dem, was kommen wird. Ward Weemhoff führt nach etwa 10 Minuten, die kleine Gruppe der Zuhörer und Zuhörerinnen auf ihre Plätze. Dann ist klar: Sie sind ja Teil von uns allen!

So erklärt also zu Beginn Ward Weemhoff der kleinen Gruppe etwas: – den Hintergrund der Produktion – das Bühnenbild – Dinge zum KZ Dachau:

  • Der Hintergrund der Inszenierung ist sehr persönlich: Der Vater von Ward Weemhoff hatte in den Neunzigerjahren einen Film machen wollen über eine Busfahrt ehemaliger niederländischer KZ Häftlinge (Widerständler) zur KZ Gedenkstätte Dachau. Jetzt macht der Sohn Wim also diesen Abend, in dem es über die Arbeiten an diesem nie entstandenen Film des Vaters geht. Drei Zeitebenen. Das KZ Dachau – Vaters Projekt in den Neunzigern – und heute.
  • Das Bühnenbild: Man blickt auf eine Werkstatt, hinten eine lange Kleiderstange mit Theaterkleidung; ein einfacher Tisch, einfache Stühle, wie in einer Kantine; alle Schauspieler und Schauspielerinnen in Alltagskleidung, sofern sie nicht KZ Kleidung tragen; die Hälfte der Bühne ist belegt von einem riesigen Kubus, der an einer Seite durch eine große Tür betreten werden kann. Dies wird auch geschehen.
  • Im Kubus werden im Laufe des Abends Szenen aus dem KZ Dachau gespielt werden. Es sollen Probeaufnahmen für den Film sein. Man sieht es dann auf großer Videoprojektion auf der Außenwand des Kubus.

Und schon ist man im Thema, bevor es „losgeht“: Zum Einen: Wie kann man etwas erklären, was man nicht selber erlebt hat, wenn einem die Worte fehlen. Und genauer: Wie kann man den kommenden Generationen den Holocaust erklären, wenn alle Beteiligten gestorben sind?

Wie ist denn unsere Erinnerungskultur? Eine Frage, die im Grunde in diesen Jahren beginnt, relevant zu werden. Alle Menschen, die die grauenhaften Einzelheiten des Holocaust mehr oder weniger erlebt haben, werden in Kürze gestorben sein. Erste Frage: Braucht es die Erinnerung an das „banale Böse“? Dann: Wird die Erinnerung künftig nur durch Spielfilme aufrecht erhalten? Steven Spielbergs Schindlers Liste? Stanley Kubrick? Auch darüber spricht man. Wird die Erinnerung künftig nur noch als Märchen transportabel sein? Auch Märchen können das Böse enthalten! Oder wird es wie mit dem Untergang Trojas sein, wird es eine Erzählung werden, bei der früher oder später eher der Autor – Homer und seine Ilias und die Odyssee – im Vordergrund steht, alles zu einer Sage wird? Ist es vielleicht gar unmöglich, sich zu erinnern? Und lernt der Mensch jemals etwas dazu?

Auch all diese Dinge kommen an diesem Abend zur Sprache. Es kommt auch zur Sprache: Soll man einen Film darüber möglichst naturalistisch machen? Werden die realistischen Erfahrungen, wird das wirkliche Schicksal durch computergenerierte Gestalten, die an die Stelle der Betroffenen treten, geradezu ausgelöscht? Wie umgehen mit Leugnern? Muss man nicht erschreckend Persönliches hören? Sehr beeindruckend war zum Beispiel der Monolog von Vincent Rietveld, in dem er lange über die allerletzte Situation, den Rest der Menschlichkeit im KZ Dachau sprach: Das Scheißen! Wenn man nur das noch konnte und wenn einem nur das noch zeigte: Man lebt noch!

Es sind viele Fragen, natürlich aber nicht viele Antworten! Es herrscht eher Betroffenheit auf der Bühne! Betroffenheit auch dadurch, dass man merkt, wie schwer tatsächlich Erlebtes wirklich nachvollzogen werden kann. Wie kann man es also trotzdem nahebringen? Der Abend wird sicherlich auch durch die Arbeitsweise von De Warme Winkel so vielschichtig und sensibel. Ward Weemhoff und Vincent Rietveld erklären in einem Interview, wie sich die Schauspielerkollektiv einem Thema nähert. Es beginnt mit einer Themensammlung, monatliche Meetings, Monat für Monat wächst ein Thema, es kann lange dauern, einzelne Szenen werden entwickelt, die Teile werden montiert …

Hier noch zwei Fotos:

Ein Abend, der „zwischen die Zeilen“ blickt, vorausdenkt, nicht nur „Betroffenheit über den Holocaust“ auslösen will.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhaus Bochum.

Copyright der Fotos: Isabel Machado Rios

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THEATER: Schauspielhaus Bochum – Kinder der Sonne

Es war eine Gelegenheit, um von München nach Bochum zu fahren – zum „berüchtigten“ Schauspielhaus Bochum – für Sonntag, den 19. März, bin ich mit dem Zug hingefahren – quasi hintereinander wurden dort (jeweils auf einer der beiden Bühnen des Schauspielhauses) diejenigen beiden Inszenierungen gezeigt, die in diesem Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurden – „Kinder der Sonne“ von Maxim Gorki und „Der Bus nach Dachau“ – letzteres ein Stück, das von der holländischen Gruppe „De Warme Winkel“ und Mitgliedern des Bochumer Ensembles erarbeitet wurde.

Natürlich war es zunächst einmal wunderbar, die beiden Bühnen dieses so berüchtigten Theaters kennengelernt und erlebt zu haben. Vor noch nicht ganz 105 Jahren wurde das Schauspielhaus Bochum gegründet. Zum 100-jährigen Bestehen in 2019 gab es eine Feier. Es gab damals außerdem eine recht ausführliche Dokumentation des WDR über das Schauspielhaus Bochum, die noch heute auf YouTube in voller Länge zu sehen ist. HIER:


Die Geschichte des Theaters ist geprägt von großen Intendanten. Um nur ein paar der Intendanten aus dieser Reihe zu nennen: Peter Zadek – Claus Peymann – Leander Haußmann – Matthias Hartmann – und jetzt (seit der Spielzeit 2018/2019) Johan Simons. HIER ein Überblick über alle Intendanten des Hauses und eine kurze Beschreibung ihrer Arbeit. Auch in der Zeit der Intendanz von Johann Simons hat das Schauspielhaus Bochum schon wunderbare Erfolge erzielt. Das Schauspielhaus Bochum wurde etwa im vergangenen Jahr (2022) zum Theater des Jahres gewählt.

Es ist nicht nötig, „Erfolge zu erzielen“, aber es ist gelungen, auch mit Einladungen zum Berliner Theatertreffen. Es kam in der Vergangenheit in der Tat schon mehrfach vor, dass zwei – sogar drei – Inszenierungen des Schauspielhauses Bochum gleichzeitig zum Berliner Theatertreffen (das es seit Mitte der sechziger Jahre gibt) eingeladen wurden, dieses Jahr also sind es wieder zwei.

Ich schreibe hier zunächst über meine Eindrücke zu „Kinder der Sonne“ von Maxim Gorki und dann in einem weiteren Beitrag über meine Eindrücke zu „Der Bus nach Dachau“. Zusammen gilt: Viel unterschiedlicher können Inszenierungen kaum sein. „Kinder der Sonne“: absolut klassisch inszeniert, zeitlos. „Der Bus nach Dachau“ (Untertitel: „Ein 21st Century Erinnerungsstück“) eine tiefgehende Arbeit, modern und fast werkstattmäßig inszeniert zu einem Thema, das uns heute alle betrifft.

„Kinder der Sonne“ von Maxim Gorki:

HIER ein paar Fotos (Copyright Matthias Horn):

Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass diese Inszenierung als eine der „bemerkenswerten Inszenierungen des Jahres“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Was ist „bemerkenswert“? Man blickt auf ein hochrealistisches Bühnenbild – eine edle Wohnung, der Flur, das Esszimmer, das nicht einsehbare Treppenhaus, alles stilvoll, fast zeitlos, edel, hohe Räume, gedeckte Farben. „Kinder der Sonne“ eben, die dort wohnen. Auch die Kostümierung absolut passend, fein ausgewählt, jeder so, wie er bei Maxim Gorki wohl sein soll. Auch die Kostümierung ist fast zeitlos, gedeckte Farben, edel. Es wirkt nicht unbedingt vollends nach dem Ende des 19. Jahrhunderts, was die beteiligten Personen an Kleidung tragen, es ist zeitlos. Auch der Text wiederum ist fast wortgetreu. Auch die Handlungen der Personen erlebt man getreu nach Maxim Gorkis Werk.

Das wiederum ist vielleicht aber das, was bemerkenswert ist: Gerade durch diese extrem konventionelle Herangehensweise an Maxim Gorkis Text entsteht doch ein Zeitbezug. Die Modernität des Themas muss dabei nicht durch Äußeres betont werden, der Zeitbezug entsteht schon dadurch, dass es sich in diesem Stück schlicht um ein zeitloses Thema selbst handelt und dieses Thema quasi zeitlos dargestellt wird: Die Blindheit in der Käseglocke. Die, die als „Kinder der Sonne“ in dieser schönen Umgebung leben, nehmen die Realität außerhalb des Hauses, also außerhalb ihrer Käseglocke, nicht wahr. Passend dazu ist auch, dass man als Zuschauer ausschließlich das schöne Innere dieses Hauses sieht, kein einziger Blick geht nach draußen, die Fenster sind verhangen. Nicht einmal die Gefahr der Cholera „draußen“ nehmen sie ernst. In ihrer Glocke haben die Beteiligten zwar durchaus ihre eigenen Themen, aber sie entkommen der Käseglocke nicht. Wenn sie ihr doch entkommen wollen, weil sie keine Lösung in der Käseglocke finden, gehen sie in den Tod – wie Tschepurnoi, dessen Liebe zu Jelena abgewiesen wird. Nur am Ende werden sie von der Realität eingeholt, und vom Pöbel attackiert. Sie wollten es ja nicht wahrhaben.

Schauspielerisch von allen überzeugend, besonders die stilleren Momente überzeugen. Hier wäre es manchmal vielleicht doch schön gewesen, ab und an mehr von der ja auch sehr treffenden Mimik der Beteiligten zu sehen – in Videoaufnahmen etwa.

Eine der zentralen Figuren des Stückes, der Chemiker Pawel Protassow, nimmt nicht einmal mehr das Leben in der Käseglocke wahr. Er kennt nur noch seine chemischen Experimente, kümmert sich vor allem nicht um Gefühle der Menschen in der Käseglocke. Er will quasi den besseren Menschen erschaffen – vorbei an jeder Realität. Seine Experimente erzeugen nur üble Gerüche in der Käseglocke. Der Mensch wird nie besser! Der endgültig befreiten Menschheit gilt sein Wirken, er hat auch kein Auge für die reiche Witwe Melanija, die in verzweifelter Liebe zu ihm entbrannt ist.

Ich konnte also sagen: Es war ein realistischer Blick in Maxim Gorkis „Käseglockenbild“, in dem die Situation „außerhalb der Käseglocke“ (Cholera) nur ganz kurz angesprochen wird und zum Schluss erst in die Käseglocke einbricht. Und, wenn ich wollte, konnte ich weiter denken: Wir leben immer in Käseglocken, wir tun uns unglaublich schwer, uns irgendwie anders zu verhalten, auch wenn die Gefahren „außerhalb“ unserer Käseglocke dramatischer werden. Eigentlich ernüchternd!

HIER der Link zur Stückeseite von „Kinder der Sonne“ auf der Website des Schauspielhauses Bochum.

THEATERTREFFEN 2022: Dante Alighieri – Das neue Leben (Schauspielhaus Bochum)

Die Inszenierung aus Bochum heißt im Ganzen: „Das neue Leben – Where do we go from here?“. Frei nach Dante Alighieri, Meat Loaf und Britney Spears führt uns Christopher Rüping mit dieser Inszenierung durch das Jugendwerk von Dante Alighieri „Vita Nova“, mit Teilen von Dantes „Göttlicher Komödie“ und bis hinein zu moderner Musik. Es ist eine Produktion des Schauspielhauses Bochum, die im Rahmen von „Transfer Bochum/Zürich“ entstanden und zum Theatertreffen 2022 eingeladen war.

Ein Todestag:

2021 jährte sich der Todestag von Dante Alighieri zum 700ten mal. Eine Anmerkung: Ich gebe Nachhilfe in Latein und eine Schülerin sagte mir letztens: „Wenn eine Generation 30 Jahre sind, sind schon 20 Generationen 600 Jahre!“ Ja, das Mittelalter, die Zeit bis dahin zurück ist nichts! Ich persönlich erlebte, erlebe aktuell und werde in meinem Leben allein fünf Generationen erleben: Meine Großeltern – meine Eltern – meine eigene Generation – meine Kinder – und möglicherweise einmal meine Enkelkinder. Was sind da 20 oder auch 50 Generationen? 60 Generationen und wir sind bei den Römern!

Die Links:

HIER der Link zur Stückeseite „Das neue Leben“ auf der Website des Schauspielhauses Bochum.

HIER einen Trailer zum Stück.

HIER der Link zur Website des Theatertreffens 2022 mit allen Infos zu allen Stücken und Veranstaltungen und dem weiteren Programm!

Insgesamt zum Abend:

Er konnte dieses Jahr im Rahmen der Eröffnung des Theatertreffens 2022 online im Livestream verfolgt werden. In Bochum ist es Mitte Juni zweimal zu sehen. Ein Fazit: Dieser Abend schaffte es, das Leben ganz groß und gleichzeitig ganz klein zu machen. Ja, das geht! Das Leben ist sehr groß, wenn es auf wahre Liebe trifft – und das Leben ist sehr klein, wenn es auf das Alter trifft. Um beide Aspekte geht es. Und so kann ich mein Gefühl nach diesem Theaterabend beschreiben, so hat man an diesem Abend einen sehr grundsätzlichen Blick auf das Leben werfen können. Aktuelle Frage: Könnte denn etwa ein Mensch wie Wladimir Putin mit solchen Gedanken zum Leben irgendetwas anfangen? Gibt es Liebe in seinem Leben? Das kann nicht sein!

Der Abend endet mit den schönen Worten, an das Publikum gerichtet: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die schlechte: Wir werden alle zu Asche vergehen … Und jetzt die Gute: Es bleibt noch Zeit für dich und mich!“ Insoweit ist der Abend eine Eloge an die tief empfundene Liebe, bei aller Vergänglichkeit.

Zu ein paar Einzelheiten des Abends:

  • Die SchauspielerInnen:

Sie wirken bei Christopher Rüping immer wie „auf die Bühne geworfen“. So auch hier. Das wirkt immer entspannt. Sie sollen, meint man, ein Stück entwickeln auf einer bei Christopher Rüping meist weitgehend freien Bühne. Sie sitzen hier zunächst ganz hinten am Ende der riesigen Bühne nebeneinander auf einem bankähnlichen Wandvorsprung, bevor es losgeht, blicken still auf ihre große, fast leere Bühne. (Eine große Ausnahme von diesem “Prinzip“ bildete insoweit der sagenhafte 10-Stunden-Theaterabend „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping an den Münchner Kammerspielen von vor etwa drei Jahren. Dort war die Bühne meist umfassender gestaltet.)

Die vier SchauspielerInnen (am Ende sind es fünf) haben alle eine wunderbare Präsenz auf der Bühne! Damian Rebgetz und William Cooper besonders. Sie beide sind herrlich unterschiedlich, was erfrischend wirkt! Alle vier reden miteinander, sind aber immer Teil einer Person: Dante Alighieri, in seinen Überlegungen über seine einzige Geliebte Beatrice! Am unklarsten einordnen kann man, dachte ich mir, Anna Drexler. Sie spielt oft einen sehr zweifelnden und unsicheren Part, den ich – gerade in Abgrenzung von den anderen Charakteren – schwer einordnen konnte! Ich dachte mir manchmal fast: Sie strahlt irgendwie eine Persönlichkeit aus, die ihrem Part auf der Bühne eigentlich nicht entspricht!

  • Die Entwicklung des Stückes:

Es geht darum, dass Dante Alighieri im Alter von neun Jahren seine große, große Liebe Beatrice erblickt, fortan die “Herrin seines Herzens“. Und diese Liebe ist für ihn so groß, dass er sie niemandem kundtun will. Jahrelang behält er sie für sich. Wenn er sie kundtun würde, seine Liebe, denkt er, wäre sie in der Welt, wäre banal. Für ihn ist die Liebe gerade in ihrer stummen Abstraktheit unfassbar groß. Auch Beatrice wird nie davon erfahren. Die Liebe, er schreibt Sonetten für Beatrice, man hört sie, es wird der Bogen in unsere Zeiten gespannt, man hört Meat Loaf etc. (I would do everything for love). Die Spanne reicht von Musikklängen des Mittelalters bis zu modernsten Beatklängen.

Es kommt der Tod ins Spiel: Eine Freundin von Beatrice stirbt. Der Vater von Beatrice stirbt. Schließlich stirbt Beatrice selbst sehr früh! Und Dante Alighieri hat seine Liebe zu Beatrice nie geäußert! Auf der Bühne überlegen sie gemeinsam: Was ist Liebe? Ist Liebe in Gedanken schon ausreichend?

Dann geht es im „zweiten Teil“ des Abends um das Leben und den Tod insgesamt. Von einem dünnen Stahlarm, der von der hohen Bühnendecke herabragt, wird ein halb abgeblendeter heller Strahler auf die dunkle Bühne gelassen. Er wird leicht über dem Boden gehalten, dreht ganz langsam Kreise. Siehe das Beitragsbild oben! Langsam immer größer werdende Kreise im leichten Nebel: Der halb verdunkelte Kreisel könnte das Leben sein – hell und dunkel – oder gar das Leben und der Tod – immer im Kreis, Leben und Tod sind immer nah beieinander. „Alles fließt“. In mehreren stillen Minuten kann man den Kreisel so beobachten.

Dazu einer der schönsten Momente des Abends: William Cooper tanzt auf der dunklen großen Bühne, leichter Nebel wabert, der Kreisel zieht seine inzwischen größer gewordenen Kreise um ihn herum. William Cooper zeigt uns, was im Leben nur möglich ist: Tanzen. Das Leben leben. Diese Momente sind prägend für die Inszenierung, vielleicht prägend insgesamt für Inszenierungen von Christopher Rüping: An irgendeiner Stelle mischt sich bei ihm gerne „Theater“ mit „Performance“. Die Grenzen verschwimmen fast unmerklich! Hier zwei Fotos dieser Momente:

Im „letzten Teil“ des Abends dann tritt Viviane De Muynck als gealterte Beatrice auf. Was hat das noch mit Liebe zu tun? Nun, sie überlegen gemeinsam, ob dann noch, im Alter, Liebe im Spiel sein kann. Oder ist Liebe nur etwas in jungen Jahren? Viviane De Muynck sagt etwas, was vielleicht für sie rückblickend ihr vergangenes Leben war: Sie sagt, es sei ein Moment der Wachheit gewesen, dann sei sie wieder eingeschlafen.

Hier kommt noch einmal der Gedanke zur Sprache, warum Dante Alighieri gegenüber Beatrice nie äußert hatte, dass er sie liebte! Viviane De Muynck alias Beatrice sagt nur: “Es ist wie es ist! Wir stünden nicht hier, wenn es anders gelaufen wäre!“ „Du hättest nicht über mich geschrieben, es gäbe diese Geschichte nicht“, usw.

  • Insgesamt:

Der Abend gewinnt in seiner zweiten Hälfte ganz entscheidend. Bis zur „Mitte“ hin ist alles teilweise langsam und mit wenig Entwicklung. Dantes „Vita nova“ wird entblättert. Das Grundsätzliche, das hinter allem steckt, öffnet sich in der zweiten Hälfte, aber umso schöner! Der Abend wird plötzlich sehr rund und verständlich! Er wird auch modern (auch durch die coole Musik bei William Coopers Tanz), er enthebt sich wunderbar aus der Geschichte von “Vita nova“. Ein Kritikpunkt vielleicht: Es überlappen sich zuletzt viele Gedanken: Die Liebe, der Tod, das Altern, die Kürze des Lebens, die Reue, etwas nicht getan zu haben … Fast zuviel.

Copyright der Bilder: Daniel Brüggemann, Ostkreuz

THEATER: Heinrich von Kleist – Penthesilea

Von ganz oben hängen hinten an der Rückwand der Bühne und an den Seitenwänden tiefschwarze Vorhänge herab. Vorne ist der Bühnenboden – vielleicht in einem Meter Breite – grell von unten beleuchtet, ein Plexiglasboden vielleicht. Ein grelles dünnes Lichtband. Und zwei Personen: Penthesilea und Achill. Mehr nicht.

Ein Gastspiel des Schauspielhauses Bochum. Inszenierung von Johann Simons. Klingt ja interessant. Schauspieler sind noch dazu die renommierten Sandra Hüller (als Penthesilea ) und Jens Harzer (als Achill). Starbesetzung. „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist, Textfassung von Vasko Boenisch.

Ein alter Stoff? Nun: Es ist doch immer wieder erstaunlich, was die „alten“ Griechen schon an Konflikten in ihren Mythen, Erzählungen, Dramen etc. kreiert oder beschrieben hatten. Erwähnt wird Penthesilea etwa in der Aithiops, einem Epos, das einem gewissen Arktinos von Milet um 750 v. Chr. zugeschriebenen wird. Und um 20 v. Chr. wird sie kurz in der Aeneis von Vergil erwähnt. Heinrich von Kleist hat in seinem Drama „Penthesilea“ den Mythos um Penthesilea allerdings stark verändert. Dennoch, der geschilderte, behandelte Konflikt um Penthesilea bleibt: Liebe und Kampf.

Die Zeit des griechischen Altertums, sie ist andererseits nicht lange her: Meine beiden Großväter etwa, die ich noch persönlich kannte, waren Ende des 19. Jahrhunderts geboren! Ich kannte sie. 1899 war der eine von ihnen geboren, 1883 der andere. Heinrich von Kleist starb auch im 19. Jahrhundert, wenige Jahre davor. Er brachte ja seine Freundin und dann sich selbst im Jahre 1811 um. Heute leben wir im 21. Jahrhundert. So schnell vergeht die Zeit.

Und etwas weiter zurückgeblickt ins Mittelalter und ins Altertum sind es dann auch nur nur wenige Generationen. Wenige Generationen! Noch im Mittelalter „überlegte“ man etwa, ob nicht Latein, das „alte“ Latein, die große europäische Sprache werden könnte oder müsste. Es wurde Englisch, aber man sieht: Es liegt alles nah beieinander!

Und Henrich von Kleist – auch die Griechen – werden im Grunde ihres Herzens oft auch so gefühlt haben, wie wir es heute tun. Der Mensch hat sich ja nicht völlig verändert. Er und seine Gefühlswelt jedenfalls. Die Lebensweise schon. Heinrich von Kleist hatte eben die Gabe, diese Gefühlswelten in seinen Werken darzustellen.

Zum Abend an den Kammerspielen: Zwei Aufführungen von „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist gab es an den Kammerspielen. Das Stück läuft weiterhin im Schauspielhaus Bochum. Der Spielplan des Schauspielhauses Bochum ist ja im Blog rechts oben in der Rubrik „Websites und Spielpläne von Theatern“ leicht zu finden. Sandra Hüller spielt derzeit übrigens in Bochum auch in der zum Berliner Theatertreffen 2020 eingeladenen (!) Inszenierung von Shakespeares Hamlet von Johan Simons. Sie spielt die Rolle des Hamlet.

Und: Am Schauspielhaus Bochum gibt es die Reihe „Johans Happy Hour“. Johan Simons im Gespräch mit SchauspielerInnen/RegisseurInnen der Produktionen. Am 17.2.2020 führt er dort ein Gespräch mit Sandra Hüller.

Und noch etwas: In der neuen Ausgabe von DIE DEUTSCHE BÜHNE gibt es ein Interview mit Sandra Hüller. Sie ist also in aller Munde – nicht erst seit dem großen Filmerfolg „Toni Erdmann“.

„Penthesilea“ von Heinrich von Kleist, die Amazonenkönigin, die sich vor Trojas Toren Achill als Liebschaft auserwählt. Die Amazonen wählten ja immer wieder Männer aus, um mit ihnen lustvoll auf dem so genannten Rosenfest Nachkommen zur Erhaltung des Geschlechtes der Amazonen zu zeugen. Auch Achill liebt Penthesilea. Es ist der Wahnsinn zwischen Liebe und Kampf, sowohl auf Seiten von Penthesilea, als auch auf Seiten von Achill. Heinrich von Kleist verdeutlichte dieses Duo „Liebe und Kampf“ noch.

Steckt hinter diesem „Duo“ nicht sogar der Gedanke: Liebe hat immer etwas mit Kampf zu tun! Liebe ist Kampf, wenn auch ganz versteckt. Eine Überlegung für Sigmund Freud. Mit Liebe wird der Geliebte oder die Geliebte irgendwie niedergerungen, könnte man sagen! Ein weites Feld! Kämpft nicht jeder Mensch gegen sein Gegenüber? Vor allem in der Liebe? Er oder sie ist es ja, die „Recht haben“ will. Genau so lässt sich jedenfalls Penthesileas Geschichte von Heinrich von Kleist komplett lesen.

Die Inszenierung von Johann Simons wagt sich allerdings nicht an solche Überlegungen heran. Auch nicht die Textfassung von Vasko Boenisch. Leider. Man verfolgt bei dieser Inszenierung eher das äußere Geschehen um Penthesilea und Achill. Das ist schade. Dem wunderbaren Text von Heinrich von Kleist wird so meines Erachtens zuviel Sensibilität genommen. Auch Sandra Hüller und Jens Harzer können dem nichts entgegensetzen. So großartig ihre Arbeit am Text ist – es fehlte meines Erachtens – jedenfalls an diesem Abend – eine irgendwie erregende Sensibilität. Es fehlte vielleicht das eigentliche Thema von Heinrich von Kleists „Penthesilea“. Das Zusammenwirken von Sandra Hüller und Jens Harzer – Träger des berüchtigten Iffland-Ringes – auf der Bühne strahlte meines Erachtens zu wenig den Aspekt der Liebe aus. Vielleicht war alles auch nur zu textlastig.

Insoweit war der begeisterte Applaus eher der großen Textleistung von Sandra Hüller und Jens Harzer geschuldet – oder allein ihren Namen. Mit Hamlet scheint Sandra Hüller derzeit am Schauspielhaus Bochum mehr zu überzeugen.

HIER der link zur Stückeseite. Und HIER ein Trailer zu „Penthesilea“.

Copyright des Beitragsbildes: Monika Rittershaus

THEATER: Transfer Bochum Zürich

Ich hatte nachgesehen: Wo geht eigentlich Anna Drexler hin, die ja in der vergangenen Spielzeit am Münchner Residenztheater engagiert war und davor an den Münchner Kammerspielen war. Nun, sie ist jetzt Mitglied des Ensembles des Schauspielhauses Bochum.

HIER die „Spielzeitzeitung“ des Schauspielhauses Bochum für 2019/2020. Intendant des Schauspielhauses Bochum ist ja Johan Simons! Im Frühjahr 2020 kommt ja am Schauspielhaus Bochum auch „Miranda July’s Der erste fiese Typ“ mit Anna Drexler. Das Stück hatte an den Münchner Kammerspielen Uraufführung. Schönes Stück! Hier ein Foto:

©️ David Baltzer, Kammerspiele

Dabei ist mir noch Folgendes aufgefallen: Zwischen dem Schauspielhaus Zürich und dem Schauspielhaus Bochum ist eine „langfristige Zusam- menarbeit“ vereinbart worden. „Transfer Bochum Zürich“. Gut, Gastauftritte anderer Theater gibt es immer wieder. Es scheint aber zwischen Bochum und Zürich einen etwas beständigeren Boden zu bekommen. Es heißt dazu:

„Beide Bühnen verbindet das Bestreben, ein modernes Stadttheater zu entwerfen, das sowohl ästhetisch als auch strukturell den Herausforderungen der Gegenwart gewachsen ist. Konkret zeigt sich die Partnerschaft darin, dass das Schauspielhaus Zürich in den nächsten Jah- ren je eine Arbeit pro Spielzeit aus Bochum zeigt. Andererseits wird eine Arbeit vom Schauspiel- haus Zürich nach Deutschland reisen. Den Anfang machen in der ersten Spielzeit jeweils Arbeiten der beiden Intendanten Nicolas Stemann und Johan Simons.“

Von Nicolas Stemann wird in Bochum die Inszenierung „Der Streik“ gezeigt. Von Johan Simons wird in Zürich die Inszenierung „Plattform/Unterwerfung“ gezeigt.