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Gelesen und geblättert

THEATER: Einige Premieren der Spielzeit 2026/2027

Vom Münchner Residenztheater und von den Münchner Kammerspielen kann ich hier schon einmal die Übersichten der Premieren der kommenden Spielzeit bringen. Weiteres wird folgen:

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Gesehen und gehört

THEATER: Michail Bulgakow – Meister und Margarita

Dieser zugegeben sehr komplizierte und sehr umfangreiche Roman ist nun an den Münchner Kammerspielen auf die Bühne gekommen. In der Inszenierung folgt man zusätzlich sogar einem Sprung hin zu den Rolling Stones: „Sympathy for the Devil“!

Es ist eine Inszenierung von Jette Steckel, deren letzte Münchner-Kammerspiele-Inszenierungen „Die Vaterlosen“ (2023) und „Mephisto“ (2025) jeweils zum Berliner Theatertreffen eingeladen waren. Ihre Inszenierung von „Meister und Margarita“ ist natürlich – trotz ihrer knapp über vier Stunden Dauer – „nur“ eine kurze Version dieses Mammutwerkes, aber sie ist beeindruckend.

Denn wie im Roman: Der Wahnsinn, der sie alle durch das Erscheinen eines „Teufels“ (Professor Woland) erfasst, lebt sich in jeder Hinsicht gut inszeniert aus, das muss erst einmal gelingen. Man folgt einem Theaterwerk der Dunkelheit, der Verwirrung, man spürt den Wahnsinn des Romans, er schwappt kurz sogar – in gewagter Form – auf die Maximilianstraße hinaus. Der Roman – 1940 war er zu Ende gebracht – war in Russland lange Zeit verboten und kam erst 1966 in erster, verkürzter Fassung zur Veröffentlichung. Im – sehr hilfreichen – digitalen Programmheft zur Inszenierung heißt es:

Auf eine unzensierte Version musste die sowjetische Leserschaft bis 1973 warten; …. Erst in den 1990ern kam in Russland der millionenfache Druck, und Der Meister und Margarita wurde vor allem unter jungen Menschen zum Kultbuch.

Verboten war der Roman zunächst eben, weil er die damaligen stalinistischen Zeiten völlig auf den Kopf stellte und damit intensiv kritisierte. Natürlich erkannte man in jeder Szene Systemkritik, Bulgakow lebte wahrscheinlich in unvorstellbarer ständiger Angst, unter massivem Druck, unter strenger Zensur etc. Zahlreiche seiner anderen Werke wurden verboten.

Zur Inszenierung: Das dunkle Bühnenbild dieser Inszenierung ist immer wieder ein Hingucker: Sowohl bei Pontius Pilatus‘ (hervorragend Edmund Telgenkämper) Gesprächen mit Jesus (auch hervorragend Erwin Aljukić), als auch im Hauptteil der Inszenierung, in dem riesige Kettenvorhänge Räume schaffen und in dem diese Kettenvorhänge immer wieder den Eindruck von Traum und Wahnsinn schaffen und gut ausdrücken (Bühne: Florian Lösche).

Auch die Besetzung ist hier wieder eine Freude! Hervorgehoben seien aus meiner Sicht Edmund Telgenkämper und Erwin Aljukić, ohne andere nur irgendwie schmälern zu wollen. Auffallend ist daneben noch, dass Linda Pöppel, die man mit ihrer naturgegebenen immensen Bühnenpräsenz eher vom Deutschen Theater Berlin her kennt, dieses Ensemble bestens ergänzt. Man kann nur hoffen, dass sie öfter … Es ist von allen ein Fest der Spielfreude.

Einzig eine Art Showeinlage in Sachen Hypnose (ein großes Thema des Romans) nach der Pause wird etwas langatmig.

Der Kenner mag im Roman zusätzlich viele kleine Einzelheiten erkennen, auch Verbindungen zu Goethes Faust. Wohlan zum Buch! Mein Fazit zur Inszenierung: Man muss wissen, man sieht insgesamt hier schlicht die (wie gesagt sehr spielfreudige) Inszenierung eines russischen Klassikers der Weltliteratur, Bezüge zur heutigen Zeit braucht man nicht zu suchen, soweit sind wir nicht, dass Systemkritik nur noch in der Form einer Geschichte reinen Wahnsinns möglich wäre. Es bleibt somit ein sehr gelungener Abend für Theaterfreunde, die sich einfach mal gerne mit allen möglichen Emotionen (ernsten und heiteren) in einer wilden Geschichte mit wunderbarer Besetzung bei immer spannender Inszenierung durch einen langen Abend ziehen lassen möchten.

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/42859-meister-und-margarita. Geht momentan nicht anders.

Hier noch ein Foto, Linda Pöppel als Margarita:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic

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Gesehen und gehört

THEATER: Eurydike und Orpheus

Das Thema: „Der Mensch und die Unsterblichkeit“: Könnten wir Unsterblichkeit überhaupt ertragen oder hoffen wir gar auf Unsterblichkeit? Folgt Orpheus aus Liebe der tiefgefrorenen Eurydike? Die hatte ja nach genauer Vorhersage nur noch eine Stunde zu leben. Wollen und könnten wir aber mit unendlicher Liebe überhaupt etwas anfangen? Könnte Liebe überhaupt unendlich funktionieren? Oder leben wir künftig zumindest „seelisch“ als Digitalversionen unendlich fort? Werden wir dadurch unsterblich? Seltsame Fragen. War das hier bei „Eurydike und Orpheus“ ein Blick in die Zukunft?

Auf den Inhalt gehe ich diesmal kaum ein (siehe unten den Hinweis auf das digitale Programmheft). Es kommt selten vor, ganz subjektiv muss ich aber sagen: Dieser Abend hat mich schon formal geradezu erschrocken. Anderen mag es anders gehen. Ganz formal also:

  • Es war ein Abend mit ausschließlich „gesungenem“, ganz einfach gehaltenem Text (Libretto Robert Bolesto), begleitet von durchgehend fast schmerzhaft atonalen Klängen (Musik: Jan Duszyński). Sehr anstrengend. Es sind ja SchauspielerInnen, nicht SängerInnen. Ich würde eher in die Oper gehen, wenn ich einen ganzen Abend lang Gesang hören möchte.
  • Vorab noch: Aus dem bekannten griechischen Mythos „Orpheus und Eurydike“ umgedreht „Eurydike und Orpheus“ zu machen ist schon nicht sehr originell. Auch wenn hier Eurydike im Mittelpunkt stehen soll, es bleibt eine recht abgehalfterte Verdrehung, zu simpel.
  • Dazu noch: Sowohl Orpheus als auch Eurydike als weibliche Person zu bringen, ist genauso wenig originell. Diese – ich sage mal – „Mode des Theaters“ hätte hier wahrlich nicht schon wieder eingesetzt werden müssen. Manchmal mag es Sinn machen, verständlich sein, hier erschließt es sich mir nicht. Loslösung von der mythologischen Liebesgeschichte um Orpheus und Eurydike? Aber das Stück hier heißt doch – fast – so! Zumindest hätte Orpheus dann wenigstens „Orphea“ heißen müssen, wenn man die lateinischen Namen zugrunde legt. -us ist Maskulinum, -a ist Femininum.
  • Hades, den Gott der Unterwelt, dann auch noch weiblich zu besetzen, lässt mich nur fragen: Warum das denn? Auch Cerberus – überdeutlich martialisch gekleidet – war weiblich besetzt! Wie originell! Macht das irgendwie alles Sinn? Habe ich es alles nicht verstanden?
  • Auch das: Hades komplett in schwarz gekleidet zu bringen, schwarzer Hut mit breiter schwarzer Krempe: Wie einfallsreich! Es ist eher eine fast beleidigende Einfachheit der Darstellung.
  • Auch die anfängliche Kostümierung von Eurydike und Orpheus – siehe das Beitragsbild oben – wirkte ungeschickt, uninspiriert und billig. Eher unförmige Nachthemden. Nun gut.
  • Dann das Bühnenbild: Das Halbrund der Bühne (eine mit Gesteins und Eismassen dunkel bemalte halbhohe Wand) sollte vielleicht die Unterwelt darstellen. Oberhalb gab sie den Blick auf eine große wohl aufgehende Sonnenscheibe frei, die auch als Projektionsfläche für teils seltsame Videos von hinter der Bühne dient. Auch das wirkte schlicht gewollt. Vielleicht ist alles eben eine Budgetfrage, war meine Überlegung.
  • Vor allem aber: Das gesamte zweistündige Verhalten der SchauspielerInnen auf der Bühne wirkte (vielleicht absichtlich) von A bis Z gewollt, gekünstelt, nicht frei, nicht emphatisch, nicht beeindruckend. Man sah ein sehr gewolltes Gestelze, alle SchauspielerInnen waren in einem fürchterlich engen Korsett. Theater aus einer anderen Zeit (hoffentlich nicht aus künftiger Zeit). Oder sollte dadurch vielleicht eine besonders „abstrakte“ und „gekünstelte“ Stimmung entstehen als Besonderheit der Inszenierung? Das wiederum könnte ja dem fern liegenden Thema des Abends (die Unsterblichkeit, der Tod bloß als „Krankheit“, das Einfrierenlassen für eine krankheitsfreie Zukunft, die menschliche Seele als Digitalspeicherung endend) entsprechen.
  • Und und und ich könnte fortfahren.

Fast verärgert habe ich so die Kammerspiele an diesem Abend verlassen. Theater kann auch mal viel Kritik bekommen. Ich hatte möglicherweise einen übertrieben kritischen Blick, kommt vor. Es mag anderen anders gehen, selber ansehen! Aber mir erschien alles unglaublich gewollt. Mir nur, vielleicht – oder wahrscheinlich? – anderen nicht! Schade, kommt aber eben vor! So ist Theater.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele mit einigen INHALTLICH doch schön weiterführenden Beiträgen im digitalen Programmheft. Sollte man vielleicht davor lesen …

Copyright der Bilder: Julian Baumann

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Gesehen und gehört

THEATER: Doris Uhlich – Glitsch

Darüber hängen teils wiederum schwarze quadratische Kästen,. Aus ihnen fällt später gelbbrauner Schleim auf die Gitter, der Schleim wird dann ganz langsam durch die Gitter aus etwa 5 m Höhe auf die Bühne tropfen, sich in langen Fäden herabziehen. Doch noch etwas Reelles sehen wir, etwas ganz Mechanisches: Martin Weigel geht zu Beginn – schon nackt – mit einem etwa 5 m hohen schlanken Metallgestell über die dunkle Bühne, mit dem er nach richtiger Positionierung neben den Gittern schwarze Eimer langsam in die Höhe zieht und oben wieder Schleim in die Gitter fallen lässt. Eine Art Hebebühne.

Das war’s. Alles andere an diesem Abend ist vollkommen unreell, undefinierbar, grenzenlos, nicht auch nur im Entferntesten unserer Welt des Reellen entsprechend. Es wird aber wunderbar! Sechs SchauspielerInnen – nackt auf der Bühne – beschäftigen sich wortlos mit dem glibberigen Schleim, tanzen zu sehr lauter dröhnender Musik, rutschen am Boden, bewegen sich, mal zusammen, mal allein, zappeln, verdrehen ihre Körper, immer nackt, bearbeiten sich – auch gegenseitig – mit der schleimigen unhaltbaren Glibbermasse, es wird eine irre Komposition, die uns irgendwie zeigen kann: Ja, ein Leben lang bauen wir uns eine Welt des Reellen auf (die Gitter, die Hebebühne, Physik!), aber eigentlich ist es doch so: Alles fließt, alles ist unhaltbar – πάντα ρεί – panta rei! Man kann bei Betrachtung des Abends denken: Ja, das ist das Leben! Jeder beschäftigt sich irgendwie, mal alleine, mal mehrere zusammen, mal alle zusammen! Alles scheinbar sinnlos, Spielerei, Verrücktheiten. Alle sind gleich, selbst die Nacktheit der sechs so unterschiedlichen Körper unterliegt hier nicht mehr unserer erlernten Bewertung. Insgesamt hat diese fast poetische totale Entgrenztheit eine besondere Ästhetik, die durch die Nacktheit nur geöffnet wird.

Mehr sei hier nicht gesagt, Doris Uhlich und die sechs insoweit mutigen SchauspielerInnen zeigen uns hier eine andere Welt, Worte würden zu Definitionen führen, aber genau das soll hier entfallen! Manch Zuschauer braucht vielleicht auch etwas Mut, aber es lohnt absolut!

Insoweit kann man nur sagen: Danke an Katharina Bach, Erwin Aljukić, Dennis Fell-Hernandez, Martin Weigel, Elias Krischke und Ann Muller für diese entgrenzende und entgrenzte Performance! Schön, durch deren Leistung so etwas sehen zu dürfen! Standing ovations – was man aber zurzeit seltsamerweise immer wieder sieht, es scheint ein gesteigertes Bedürfnis nach Theater zu geben, fern von unserer doch düsteren Welt.

Hier noch zwei Fotos:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright der Fotos: Judith Buss

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THEATER: Frei nach Arthur Schnitzler – Fräulein Else

Klar: Die Inszenierung (Regie: Leonie Böhm) ist dieses Jahr (im Mai) zum Berliner Theatertreffen eingeladen, sie kann dann übrigens im TV in der 3sat-Mediathek als eines der „Starken Stücke“ des Theatertreffens gesehen werden. Sie hatte im vergangenen Jahr Uraufführung am Wiener Akademietheater und ist derzeit an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Hier werden noch zwei Aufführungen folgen (Ende April und Ende Mai), ob sogar noch weitere folgen werden, ist mir nicht bekannt.

Julia Riedler jedenfalls, die zusammen mit Leonie Böhm das Konzept für die Inszenierung verantwortet, hat ja beste Beziehungen zu den Kammerspielen, war hier einige Jahre lang im Ensemble und lebt jetzt in Wien, also nicht soo weit weg. Es ist ja ihr Soloabend, den sie – so oder so ähnlich – schon jahrelang im Kopf hatte.

Der Inhalt von Arthur Schnitzlers Stück „Fräulein Else“ – einer Novelle, einem inneren Monolog – ist schnell erzählt: Else, die Protagonistin der Novelle, die im Theater sonst eher als Zwei-Personen-Inszenierung gebracht wird, soll bei einem Kunsthändler (Herrn Dorsday) ein Darlehen für den verschuldeten Vater erwirken. Es ist vom Vater das Schlimmste zu befürchten, wenn es Else nicht gelingt, das Geld zu bekommen, Gefängnis auf jeden Fall. Der Kunsthändler verlangt aber einen Striptease von Else dafür. Er nutzt damit die unlösbare Situation von Else aus. Das Schlafmittel Veronal spielt eine entscheidende Rolle.

So ist das Original, entstanden 1924. Die Konstellation, in der sich Else befindet, bleibt auch bei Böhm/Riedler so „klassisch“ und dramatisch, das Stück nimmt aber hier eine andere Entwicklung. Es ist der Überlegung von Leonie Böhm und Julia Riedler geschuldet, dass die Thematik hier neu gedacht wird. Julia Riedler tanzt am Ende bei lauter Musik befreit auf. Ich verrate nichts.

Prägende Elemente sind:

Hervorragend gespielt wird es von Julia Riedler. Nur gegen Ende, wenn es doch so sehr auf die (neuen) Einsichten des Kunsthändlers Dorsday ankommt, geht es doch sehr „schnell“ zur Sache, es waren plötzlich viele Aussagen, die bei mir immer wieder kurz gestört waren von der Überlegung, wer es eigentlich gerade sagt, das war nicht leicht.

Ein barocker Kronleuchter ist die einzige Requisite auf der Bühne – die Bühne ist fast den Abend durchgehend nur der Teil vor dem Bühnenvorhang, siehe oben -, er lässt an die damalige Zeit des „Fräulein Else“ zurückdenken, während das Thema – merkt man – in die heutige Zeit geholt wird.

Eine entscheidende Überlegung des Konzeptes ist es, das Publikum in die Situation von Else zu holen, es mit einzubeziehen. Vielleicht rührt auch daher – zumindest zum Teil – die so starke Regung des Publikums am Ende des eineinhalbstündigen Abends. Das Publikum nimmt im Grunde sogar beide Positionen ein, jeweils von Julia Riedler provoziert, die ja mit dem Publikum kommuniziert. Die Position von Herrn Dorsday, weil Julia Riedler ja am Ende nackt sein wird, lange Zeit nackt auf der Bühne spielt, nur mit einem grünen Höschen bekleidet. Jeder/jede Besucher/in sitzt also doch vor dem Ziel von Herrn Dorsday. Andererseits: Else holt das Publikum auch auf ihre Seite, wenn sie das Publikum zwischendrin etwa auffordert: „Fahren wir alle den kurzen Weg mit der Straßenbahn, über die Isar zu Herrn Dorsday … Oder wenn sie im Publikum Geld sammeln will, um die Schmach abzuwenden.

Die Beteiligung des Publikums geht in der Tat sehr weit, Julia Riedler ist bei der Kommunikation mit dem Publikum schlagfertig improvisierend charmant, aber teils auch geradezu provokant. Meine Sitznachbarin meinte etwa, das war „too much“. Nun gut.

Das Interessante an der Inszenierung ist zweifellos die Wendung des Stückes am Ende, daher rührt die Inszenierung! Denn damit wird der Bogen zu unserer heutigen Zeit und zum Thema MeToo (toxisches sexuelles Verhalten von Männern gegenüber Frauen in bedrängter Lage) geschlagen. Der schwere Vorhang öffnet sich am Ende und Julia Riedler tanzt …

HIER der Link zu einem sehr interessanten Gespräch mit Julia Riedler über Scham auf der Bühne.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

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Gesehen und gehört

THEATER: Constance Debré – Love me tender

Regisseurin Felicitas Brucker hatte in den letzten Jahren mehrfach Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen: „Nora“, „Die Freiheit einer Frau“ (wieder am 13.03.), „Baumeister Solness“, „Die Politiker“. Jetzt hat sie den autobiografischen Roman „Love me tender“ der französischen Autorin Constance Debré umgesetzt, der 2020 erschien.

Neben allem Text des Romans: Die drei Schauspielerinnen singen, tanzen, laufen, weinen, schreien … in diesen fast zwei Stunden … alles. Annette Paulmanns erste Worte zeigen dabei den Inhalt des Abends an, es sind Constance Debré’s Worte:

„Warum sollte die Liebe zwischen einer Mutter und einem Sohn nicht genau wie jede andere sein? Warum sollten wir uns nicht trennen können? Warum sollten wir nicht aufhören können einander zu lieben?  Warum müssen wir uns unbedingt lieben, in und außerhalb der Familie, und warum müssen wir uns selbst und anderen immer wieder davon erzählen?“

Darum geht es: Eine Mutter will ihre Freiheit leben, will alles hinter sich lassen, alle gesellschaftlichen Konventionen, gibt alles auf, lebt sexuell fast wahllos lesbisch, nach zwanzig Jahren Ehe. Sie hat aber einen Sohn und von dem gibt es wohl kaum einen „Rückzug“. Doch, es gibt ihn, zunächst erzwungener maßen: Der Vater des Sohnes namens Paul verhindert nämlich immer wieder Pauls Kontakt zur Mutter und sie, die Mutter, verkraftet den fast totalen Verlust des Kontaktes zum Sohn (der noch dazu vom Vater beeinflusst wird) nicht. Natürlich nicht. Die Justiz hilft ihr überhaupt nicht. Aber auch das ist möglich: Will sie vielleicht sogar auch die besondere Bindung zum eigenen Sohn zugunsten ihrer Freiheit aufgeben? Beides vielleicht. Sie steckt in einem Dilemma. Was macht man da? Die eigene Freiheit leben oder sie doch wieder aufgeben, sich den „Regeln“ beugen? Sind die Schmerzen, die mit der gewünschten eigenen Freiheit verbunden sind, zu groß?

An einigen Stellen wirkt die Inszenierung der Bühnenfassung von „Love me tender“ bei diesen schweren Fragen – ganz anders als Felicitas Bruckners bisherige Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen – allerdings etwas gewollt und übertrieben, vielleicht auch ist der Roman von Felicitas Brucker zu wenig gekürzt und pointiert worden. Mir ist nicht alles klar geworden. Und was nicht aufkommt: Der Gedanke der Einsicht zB des Vaters oder des Sohnes mit dem Lebensumbruch der Mutter. Das wiederum mag für solche Fälle ein wichtiges Element sein, in der Suche nach Lösungen. Aber es geht eben nicht nur um die Lösung eines Einzelfalles, sondern um Existenzielles: Was bremst die Freiheit aus? Kann Liebe bremsen? Überhaupt: Freiheitsdrang einerseits und Verlust andererseits … und so.

Fazit: Drei herausragende Schauspielerinnen auf dieser so lässigen kleineren Bühne der Münchner Kammerspiele, das hat was, aber dazu etwas viel Aktionismus (Einsatz von Musik, Videowände auf der Bühne, große Liveaufnahmen an der Rückwand, Gesang, Rap, Licht, Nacktheit, Körpereinsatz mal so mal so und und und …), eine ruhigere Erzählweise hätte mir an mancher Stelle geholfen bei den so existenziellen Fragen des Romans. Trotzdem: So geht es auch gut, zumal bei der so starken und überzeugenden Besetzung!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

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THEATER: Otto-Falckenberg-Schule – Anna, Mascha und Julia

Die Studierenden des 3. Schauspieljahrgangs der Otto Falckenberg Schule, der Schauspielschule der Münchner Kammerspiele, haben sich nun in ihrer in gewisser Weise inhaltlich anspruchsvollen Abschlussinszenierung mit einigen der bekannten Werke Anton Tschechows gleichzeitig beschäftigt. Mit „Onkel Wanja“, „Die Möwe“, „Iwanow“, „Der Kirschgarten“. Auch in diesen Werken geht es bekanntlich um Tschechows fürchterliche, immer unlösbare Frage: Warum lebe ich? Was ist Liebe? Was macht das Leben aus? Warum ist es so schwer, glücklich zu sein? Das haben sie herausdestilliert aus diesen Werken, vor allem mit Blick auf weibliche Personen in den Stücken, damit haben sie letztlich Anton Tschechow dargestellt.

Sie haben es interessant gemacht, zu sehen ist es noch einmal am 27. Februar. Die Personen der oben genannten Werke sind dabei immer wieder im Gespräch mit Anton Tschechow persönlich, der zusammen mit seiner Schwester Mascha auf der Bühne der Therese-Giehse-Halle erscheint, sich einmischt, gefragt wird und sich auch Gedanken über sein Thema, Leben und Liebe, in seinen Personen macht. Die DarstellerInnen der Personen der Werke Tschechows treten auch teils aus sich heraus, sind dann die SchauspielerInnen und Schauspieler selbst.

Auch der Darsteller von Anton Tschechow (Luis Brunner) tritt aus seiner Rolle heraus und sagt etwa:

Und dann dachte ich mir: gehts in seinen Texten nicht genau darum?
Dass wir alle Menschen mit Wünschen, Ängsten und Sehnsüchten sind und wir können es uns nicht aussuchen, wer wir sind und was wir wollen und wir versuchen krampfhaft unser Leben lang irgendwie das Beste draus zu machen, aber wissen einfach nicht wie?

Mein Eindruck: Diese Befassung der 3. Schauspieljahrgangs der Otto Falckenberg Schule mit Anton Tschechow und seinem großen Thema hat etwas! Sie könnte sogar etwas für Christopher Rüping sein! Ich sehe es vor mir, in einer für ihn so typischen Inszenierung: Auf großer leerer Hauptbühne, mit Livemusik, die gewählte Zusammenstellung der Personen aus Tschechows Werken, … es würde gut passen (Die Inszenierung der Arbeit der Otto-Falckenberg-Schule entstand unter der Regie der schon recht erfahrenen und erfolgreichen Regisseurin/Performerin/Theaterleiterin Lizzy Timmers).

Inhaltlich ist es natürlich – ganz nach Anton Tschechow – recht traurig. Nicht nur Anton Tschechow war schließlich mit sich und seinen Werken nicht zufrieden, auch alle anderen Personen, die hier aus den Werken von Anton Tschechow auf der Bühne erscheinen, scheitern an oder hadern mit ihren Problemen, Sehnsüchten, Situationen, unerfüllten Wünschen, unerfüllter Liebe vor allem, an ihren Zweifeln … Traurig aber wahr! Einfach wahr – wie der riesige Mond, der (auch passend, Bühne Bettina Kirmair) über allem schwebt, fast etwas viel, aber lohnenswert!

HIER der Link zur Stückeseite.

Copyright des Fotos: Judith Buss

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THEATER: Caren Jeß – Heartship

Die intime und nahe Atmosphäre im Marstall Salon (mit bis zu 40 ZuschauerInnen) lässt dieses „Duett“ durchaus als Solo erscheinen. „Heartship“ ist die erste Produktion im Marstall Salon gewesen. Sara und Ann sind grundverschieden, es entsteht aber eine besondere Nähe zwischen beiden. Letztlich erzählt Ann, sie habe ihr Verhältnis zueinander einmal „Heartship“ genannt. Es kommen ja einige Begriffe in Betracht: Friendship, situationship, relationship, polyfidelity, Bekanntschaft, Beziehung, Romanze, Liebe, Affaire, Seitensprung und und und. Jedes Verhältnis ist dabei anders, nichts passt, es gibt zu wenig Begriffe, da kommt Ann eben auf „Heartship“. Das ist – es gibt noch einen anderen Zusammenhang – die Idee des Titels.

Inhaltlich ist das Verhältnis der beiden zueinander – wie gesagt – von großer Unterschiedlichkeit der beiden geprägt. Das ist „Heartship“ inhaltlich: Sara ist die unkonventionelle Selbstoptimiererin, die Probleme am liebsten gegen die Wand schmettert, ohnehin überall in der Gesellschaft zuviel „Druck“ sieht, und Ann ist die Frau mit vertuschten Problemen, die sie nicht los wird, die sie nur verdrängt: Eine frühe Vergewaltigung, jetzt wieder ein Kollege, der ihr zu nahe kommt, schon länger ihre „Selbstverletzungen“. Sie müsse selber damit zurecht kommen, ist ihre Losung. Aber darüber reden beide im Laufe der Zeit, ohnehin hält Ann (in einer Bar namens „Heartship“!) gerne Reden über das nötige Ende das Patriarchats.

Der Text von Caren Jeß (eine Auftragsarbeit des Residenztheaters) will viel, er schafft es aber m. E. nicht ganz, er bleibt zu unpräzise, ist eben auch sehr schnell in der Darstellung der Entwicklung des Verhältnisses beider zueinander. Aber man kann nicht alles haben! „Heartship“ ist jedenfalls – ohne viel „Bühneneinsatz“ – eine kurze Kontroverse vor allem zum Thema: Wie gehe ich mit Problemen aus der „feministischen Ecke“ um? Vergewaltigung, Annäherung, Bedrängung … . Kann ich es mit „Selbstbefreiung“ o. ä. schaffen? Dazu kommen Saras Gedanken zu Patriarchat, Druck an allen Ecken im Leben etc.

In der Kürze der Zeit bleibt es eine „Story“, es sind ja auch große Themen – auf der schönen kleinen Bühnenfläche und dem Cafe/der Bar des Marstall Salons.

HIER der Link zur Stückeseite von „Heartship“ auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Adrienne Meister

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THEATER: Anne Pauly – Bevor ich es vergesse

Zu „Bevor ich es vergesse“:

„Bevor ich es vergesse“ ist ein Abend, den man jedenfalls dann nicht sofort vergisst, wenn man bereits seinen Vater und/oder die Mutter verloren hat. Dann geht er nämlich nahe, jeder kennt es dann: Wie war er/sie? Was habe ich versäumt? Was bleibt? Wie geht es weiter? Man lebt ja gewissermaßen nach dem Tod der Eltern ein zweites Leben, blickt zurück in das erste Leben, das Leben mit „drei Beinen“ (Wiebke Puls sitzt ganz zu Anfang mit DREI Beinen auf einem Hocker, legt das dritte Bein dann in den Schrank), das so nie wieder sein wird.

Wiebke Puls als „Anne“ (das ist dem persönlichen Bezug des Ich-Romans geschuldet) bekommt nach dem Tod des Vaters – bei der Durchsicht des Schrankes – alle möglichen privaten Dinge des Vaters in die Hände und macht sich Gedanken über ihn, erinnert sich an ihn, an ihre eigene Kindheit mit ihm, an sein Leben, an seine Erzählungen aus seinem Leben, sein Verhalten, seine letzten Tage, an die Beerdigung, den Leichenschmaus, sie nimmt Kontakt auf mit seiner engsten Freundin aus der Schulzeit und und und. Dass es nicht leicht war mit ihm, weiß sie, das spielt aber nicht mehr die entscheidende Rolle.

Die engste Kindheitsfreundin, zu der der Vater später nie wieder Kontakt findet, auch wenn er es will, schreibt in einem Brief an Anne nach dem Tod des Vaters:

Das fasst es gut zusammen: Die Tatsache, dass man so das Leben seines Vaters, seiner Mutter noch einmal in vielen Gegenständen sieht, sich erinnert, wird – auch im Laufe dieses Abends – zur Tatsache, dass man damit eigentlich sich selbst sieht, seinen Schmerz erkennt, auch seine Versäumnisse. So singt Wiebke Puls auch: „Noch mehr als das (Anm: Mehr als alles …) möchte ich reden mit Papa!“ So ist es, aber es geht eben nicht mehr!

Es ist ein schöner Abend, um auch Wiebke Puls allein auf der Bühne zu erleben, was sich immer lohnt, es ist fast ein „Muss“ für Freunde der Münchner Theaterszene. Auch wie sie in die Rolle des alten Pastors schlüpft! Seit mehr als 20 Jahren ist sie bei den Münchner Kammerspielen. HIER der Link zu einem Podcast auf http://www.nachtkritik.de mit Wiebke Puls.

Manch Einzelheit ist nicht wirklich wichtig, die Gesamtheit macht es aus und der Wandel von Annes Blick auf den verstorbenen Vater über ihre Erinnerung hin zu sich selbst, zu ihrer eigenen Träne, mehr bleibt ihr ja nicht, zu ihrem Schmerz, ihrer Trauer, ihrer Vergebung, ihrem weiteren Leben. Letzteres spielt bei „Bevor ich es vergesse“ allerdings noch keine Rolle.

Der Titel „Bevor ich es vergesse“/Avant que j‘oublie“ ist für mich allerdings etwas fraglich. Was denn „vergessen“? Was will Anne Pauly damit sagen?

Zu „Heartship“, dem zweiten “Soloabend“ werde ich in Kürze schreiben. Das wiederum war kürzlich ein Abend im „Marstallsalon“, der kleinsten Bühne/der Bar des Residenztheaters, über dem Marstalltheater. „Heartship“ ist ein Dialog von zwei Frauen, nicht wirklich solo, aber irgendwie doch auch ein nah erlebter „Soloabend“.

HIER der Link zur Stückeseite von „Bevor ich es vergesse“ auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic


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THEATER: Maxi Schafroth – Wachse oder weiche

Ein „Ereignis“ war es, weil es nicht nur so herrlich war, sondern irgendwie ja ein neues Feld für Maxi Schafroth, er wird das Stück an den Kammerspielen im Oktober noch 1 x, im November 3 x und dann monatlich (bis März zunächst) 1 x zeigen, er wird also als eine der „Figuren“ des Stückes einige „Wiederholungen“ erleben, was er – vor allem als Fastenprediger der letzten Jahre am Nockherberg – ja bislang nicht unbedingt gewohnt war. Und er hat es „verdient“ – eine Tür schließt sich, eine andere öffnet sich.

Allzu tief schürfend kann man den Abend „Wachse oder weiche“ allerdings nicht besprechen. Einfach gesagt: Maxi Schafroth, erst 40 Jahre alt, sehr ausdrucksstarker Typ, macht herrlichen „Quatsch“ (Text zusammen mit Martin Valdés-Stauber) und bringt gleichzeitig vieles auf den Punkt! Immer wieder! Das macht es irgendwie auch zum Ereignis: Nicht nur herum schwurbeln, sondern die Dinge so zeigen, wie sie sind, sie damit kritisieren, aber nur durch Humor! Kritik auf Basis von Humor. Humor und viel Musik sogar. So kann man sich an diesem Abend ständig sagen: Ja, so ist es! Es ist aber mehr als „nur“ Kabarett, es geht Richtung Theater, wenn auch, wie gesagt, mit besonders viel „Quatsch“.

Aber man kann sich sagen: „Maxi Schafroth einfach machen lassen!“ Mit seiner Energie, seiner Bissigkeit, seinem Blick, seinem Humor, seiner immer locker und frech wirkenden Art und dann noch mit allen Möglichkeiten der Münchner Kammerspiele! Er wird es hoffentlich öfters machen und hoffentlich noch bissiger! Der Theaterzuschauer soll nicht nur lachen, er kann Kritik sicher besser vertragen als manch Politiker, besser als der bayerische Ministerpräsident, wenn’s um die Fastenpredigt geht ….

Man konnte insgesamt an diesem zweistündigen Abend (eine Pause) jedenfalls ständig lachen! Auch konnte man vor allem von den weiteren Akteuren, Stefan Merki, Martin Weigel, Elias Krischke und Traute Hoess wirklich begeistert sein. Stefan Merki der schweizerische Ökobauer, Maxi Schafroth am Nachbargrundstück, er und seine traditionelle Landwirtschaft, Martin Weigel als der moderne Businessfuchs von der BayWa, Elias Krischke als der Ruhe suchende Städter aus München, Traute Hoess als Frau von Pöschinger mit dem Golfschläger. Allein Maxi Schafroths Bewegungen als der „einfache“ Bauer, sein Gang, der ungelenke „Tanz“ bei der Musik. Immer „vermeintlich übertrieben, aber eben doch nicht übertrieben!“ Die Lieder und und und. Herrlich, standing ovations schon zur Pause, eine musikalische Optimierungs-Zugabe am Ende.

So werden sehr sympathisch und hoch humorvoll Finger in Wunden gelegt, wenn auch wahrscheinlich nicht tief sitzend.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright der Bilder: Julian Baumann

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THEATER: Friedrich Schiller – Wallenstein

Die Inszenierung „Wallenstein“ von Hausregisseur Jan-Christoph Gockel an den Münchner Kammerspielen könnte gut heißen „Wallenstein plus 3“, so viele Themen werden hier – absolut beeindruckend, aber Genaueres siehe unten – bearbeitet: Basis ist natürlich der Wallenstein von Friedrich Schiller + Nummer 1 on top ist: Kochen/Essen/das Publikum + Dazu kommt als Nummer 2 on top: Das Ensemblemitglied Samuel Koch (der Wallenstein im „Wallenstein“) und sein Assistent ganz persönlich, außerhalb von „Wallenstein“ + Immer wieder kommt auch Nummer 3 on top dazu: Die Recherchen zu Putins Ex-Schergen Prigoschin (Putin/Prigoschins „Wagner Truppe“/Russland/Ukraine). Puh, das ist viel, aber es sind ja auch sieben Stunden mit drei Pausen, zwei kurzen und einer großen Pause, so sind es fünf Stunden echter Spielzeit.

Mir sagte eine Zuschauerin schon in einer der Pausen: „Das ist sicherlich eine der irrsten Wallenstein-Inszenierungen bisher.“ Sie wird Recht haben!

Zunächst: In der deutschen Geschichte geht es für mich damit theatermäßig momentan wieder einen Schritt zurück:

  • ERSTER SCHRITT: „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun (HIER, am Residenztheater). Zwei Tage kurz vor dem 2. Weltkrieg, im Jahr 1936.
  • ZWEITER SCHRITT:  „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth (HIER, auch am Residenztheater). Ein Tag auf dem Oktoberfest in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ab 1929.
  • DRITTER SCHRITT: „Der Untertan“ von Heinrich Mann (HIER, am Cuvillestheater). Die Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg, das Ende der wilhelminischen Kaiserzeit.
  • VIERTER SCHRITT: Jetzt „Wallenstein“ von Friedrich Schiller, an den Kammerspielen. Der Dreißigjährige Krieg.

Ein erstes Fazit zum „Wallenstein“ ist nun: Theaterherz, was willst du noch irgendwie mehr haben?

Die Inszenierung ist ein Theaterfest, was man dort im Lauf der sieben Stunden auf der Bühne, im Zuschauerraum, vor dem Theater auf der Maximilianstraße per Live-Video, an Szenen und Stimmungen sieht, ist großartig. Alles wird eingesetzt! Livemusik auf der Bühne, eine starke Schlagzeugspielerin (Maria Moling), manch Gesang dazu, manch Mikrofoneinsatz, wunderbare Bühnenbilder, immer wieder wechselnd, Live-Spiel auf der Maximilianstraße und und und. Auch schön zu sehen ist allein der Teil auf der fast komplett leeren riesigen und unglaublich hohen Bühne der Kammerspiele. Dann wieder senkt sich ein riesiger bunter Kronleuchter ….

Auch schauspielerisch lässt sich sagen: Was will man mehr! Vor allem mit größter Bühnenpräsenz spielen Annika Neugart, Katharina Bach und Samuel Koch. Diese drei seien hier aus meiner Sicht hervorgehoben, sie tragen diese Inszenierung. Jeder mag es anders sehen, alle Beteiligten sind ja gut! Auch etwa besonders Johanna Eiworth, selbstverständlich gut wie immer Annette Paulmann (auch als Köchin wohl), und köstlich auch André Benndorf als „CEO“ der mit modernem Outfit und herrlicher, satirischer Attitüde etwa erklärt, man sammle Daten über Wallenstein, Questenburg im Schillerschen Wallenstein, Gesandter des Kaisers. Samuel Koch ist als Wallenstein ohnehin schon eine sehr gelungene Besetzung!

Apropos „gelungen“ und „köstlich“: Das Thema Kochen leitet den Abend ungewöhnlich ein. Großartig ist die erste halbe Stunde, weitgehend wortlos beobachtet man die SchauspielerInnen des Stückes beim Kochen, auf der Bühne hinter einer langen Kochzeile stehend, beim Vorbereiten der Speisen, die in der großen Pause 28 TheaterbesucherInnen auf der Bühne an langer Tafel dargeboten werden. Eine Tafel wie zu Königs Zeiten, andererseits in Wallensteins Lager. Ossobuco! Es riecht köstlich im Theaterraum. Besonders sind auch die Filmaufnahmen der Küchenarbeiten auf der Bühne. „Kochen ist Krieg“, heißt es einmal. Und: „Der Krieg ernährt den Krieg“. Sehr eigenwillige schwarz-weiß Filmaufnahmen mit herumgehender Livekamera vom Schnippeln, vom Trennen, Mischen, Rühren, Schneiden, Putzen, Braten, von Blut, Fleisch, vom Durcheinander, von den Messern und und und. Diese Aufnahmen haben mich begeistert.

Man könnte so viel darüber schreiben, alles ist eine wunderbare und in sich immer zusammenpassende Mischung, eine Vermischung von so vielem, und doch bleibt alles selbständig! Klasse gemacht! Wie gesagt, man verfolgt ja quasi VIER Themen. Das ist viel, und alles wird ständig getragen und gestützt von Friedrich Schillers Drama „Wallenstein“. Die Übergänge zwischen den Themen sind manchmal kaum zu merken, Samuel Koch ist plötzlich in einem ganz persönlichen Gespräch mit Nadége Meta Kanku, die gerade noch Wallensteins Tochter war, sie reden ganz persönlich-reell über Samuel Kochs besonderes Leben – auch sein Assistent tritt auf, auch er ist dann wiederum eine Kriegsperson um Wallenstein herum, Buttler. Dann wieder ist Samuel Koch plötzlich der Herzog Wallenstein, in Schillers Sprache, von einem Satz zum nächsten.

Dazwischen immer wieder – auch ein Thema „neben“ Wallensteins Niedergang im Drama – Sergei Okunev, dramaturgischer Mitarbeiter, der von seinen echten Recherchen über das Leben des Putin-Schergen Prigoschin erzählt. Sehr locker, humorvoll, sympathisch, erfrischend erzählt er, zeigt Fotos und Filmchen von Putin und Konsorten, etc. Okunev führt dann wiederum die Livekamera beim Kochen! Alles mischt sich eben!

Es ist allerdings viel und irgendwie auch etwas widersprüchlich, das muss man aushalten. Einerseits das ernste historische Thema „Wallenstein“, das Drama von Friedrich Schiller, das man erwartet, über Wallenstein, einst der treue Gefährte des Kaisers, er will ja den Kaiser stürzen. Dazu andererseits das fast noch ernstere, weil „aktuelle“ Thema „Ukraine/Russland/Putin“, der ja im Flugzeug umgekommene Söldner Prigoshin mit seiner Wagner Truppe. Diese Themen stehen nebeneinander, es gibt sicher auch Parallelen: Wallenstein und Prigoschin führten Söldnertruppen, sie mussten sterben (Wallenstein am Ende, Prigoschin am Anfang des Nachmittags/Abends)! Aber genügt diese Parallele? War alles nicht doch sehr sehr unterschiedlich? War ein Krieg damals auch nur irgendwie vergleichbar mit heutigen Kriegen? Was bringt die Parallele „Wallenstein/Wagner Truppe?“.

Auch etwas unverständlich war mir: Wie sehr wollte Wallenstein damals eigentlich den Krieg gegen seinen Kaiser? Ihn drängen ja hauptsächlich seine Generäle! Er selber zaudert lange. „Nicht labern, handeln“ heißt es ja deutlich lesbar auf der Bühne. Prigoschin starb vielleicht durch Putin, Wallenstein wurde von seinen Generälen umgebracht, nicht durch den Kaiser, wenn ich es recht sehe.

So bleibt am Ende zum Einen die Begeisterung über diese Darstellungen und die Inszenierung, über dieses wahre Theaterfest, aber zum Anderen auch ein wenig das ungute Gefühl und die Frage: Hat man jetzt ein grandioses Fest miterlebt, ein Theaterkunstwerk, das gut zum Theatertreffen eingeladen werden kann, oder hat man ein schweres Thema oder gar zwei schwere, düstere Themen (Wallenstein und Prigoshin/Putin) oder gar drei solcher Themen (Wallenstein und Prigoschin und Söldnertruppen) mitgenommen? Das löst sich am Ende auch nicht einfach – mit einem sehr besonderen Soloauftritt von Katharina Bach – durch den Satz: „Der Mensch ist größer als der Krieg“. Dieser Satz war mir fremd nach dem Nachmittag/Abend.

Hier noch zwei Fotos:

Auf der Maximilianstraße:

Auf der Bühne:

Zu allem ist zu empfehlen das Zusatzheft über Wallenstein-Materialien, Texte und Bilder, die einen tollen Einblick geben. Man kann es im Foyer für fünf Euro kaufen.

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

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THEATER: Lion Christ – Sauhund

Es ist wieder eine Empfehlung! Feinfühlig schildert der Roman mit einer „einfachen“ Story, wie der in Wolfratshausen lebende homosexuelle junge Flori damals nach München wechselte, die Freiheit suchte, sein Leben suchte. Er „geriet“ – oder besser: „wollte“ – in die Homosexuellenszene, die damals in München so blühte. Er ging aber zunächst in der Großstadt unter und es wurde auch für ihn eine Konfrontation mit AIDS, ein Thema, dem sich die Stadt München und das Land Bayern damals besonders radikal „entgegenstellten“. „Sauhund“ ist aber kein politischer Roman, es ist keine politische Inszenierung. Der „kleine“ Werdegang von Flori aus Wolfratshausen wird geschildert, aber genau daran kann man viel erkennen.

Denn es geht nicht nur um AIDS in den achtziger Jahren! Es geht eben in dieser schönen Geschichte wie gesagt auch darum, wie der junge Homosexuelle aus Wolfratshausen, der Flori, sein Leben sucht, sich selbst sucht. Diese „Lebenssuche“ bleibt vielleicht, auch wenn sich das Thema AIDS im Laufe der Jahre entschärft haben mag, besonders für Homosexuelle ein besonderes Thema! Dafür schafft „Sauhund“ ein Bewusstsein auch für heute, das schaffen die drei SchauspielerInnen wirklich wunderbar.

Es ist eine ruhige Inszenierung, nichts Aufbrausendes, mit schönem Lokalkolorit in den Dialogen vor allem, in den Alltagssituationen und mit Floris mitschwingendem Bezug zu seiner Herkunft, seiner Mutter, der Freundin Theresa, seinem ersten Freund Gregor, auch wenn er sich ja von ihnen durch seinen Wechsel nach München und durch sein Leben in München distanziert. Man kann Flori in seiner verwirrenden Lage emotional gut folgen!

Passend zu Ruhe der Bühnenfassung werden alle im Roman erscheinenden Figuren von nur drei SchauspielerInnen dargestellt, nicht mehr: Von Annette Paulmann, Elias Krischke und Edmund Telgenkemper. Es ist ein Genuss, dieses Trio so zusammen zu sehen, ein großartiges Trio! Die Erfahrenen, Annette Paulmann – in ihr so gut passenden Paraderollen – und Edmund Telgenkemper – wandelungsfähig wie immer – geben den auftreten Personen ganz erstaunlich sofort ihre Farbe, ihren Charakter – sie müssen fast nur auf der Bühne erscheinen, müssen garnichts sagen. Der Neuere im Ensemble, Elias Krischke als Flori, braucht und hat dagegen mehr Zeit, seinen Flori zu entwickeln, was eben am Roman liegt. Auch das macht er aber großartig!

Es passt auch schon die Kostümierung: Nicht übertrieben, eher dezent an die damalige Zeit erinnernd (Kostüme: Jaqueline Elaine Koch), Alltagskleidung der 80er-Jahre.

Das Politische in dieser Zeit in Bayern und München, der krasse Umgang mit AIDS, kommt zur Geltung, bleibt aber – wiederum passend – klar im Hintergrund. Auf Videoleinwänden sind im Hintergrund Fotos und Videos zu sehen, die das Thema berühren. Gauweiler und Seehofer sind nicht zu sehen, dafür Münchner Demonstrationen. Man hat es vielleicht vergessen oder in der damaligen Gegenwart garnicht genau beachtet, wie das Thema AIDS hier anfangs behandelt wurde. „Wegsperren“ …! Dies hier noch einmal im Hintergrund angedeutet zu sehen und am Flori „hautnah“ das Thema (ohne konkrete Konfrontation mit dem Politischen) zu erleben, ist ein Verdienst des Stückes auch für den heutigen Umgang mit AIDS. Wir erkennen eben die Gegenwart immer erst im Nachhinein.

Insgesamt und vor allem: Schauspielerisch ist „Sauhund“ eine wahre Freude!

Hier noch ein Bild der Inszenierung:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic

HIER der Link zur Stückeseite von „Sauhund“ auf der Website der Münchner Kammerspiele.

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THEATER: „Double Feature“ – Erlebnisse eines Schauspielschülers und die Welt eines „Medienhauses“

Beide Romane sind wenige Jahre alt. Beide Romane und damit auch beide Bühnenfassungen sind außerdem sehr ähnlicher Machart: Eine Hauptperson wendet sich an den Leser/das Publikum und erzählt ihre Erlebnisse – auf der Bühne szenisch ergänzt und umgesetzt. Ein schönes Duo zweier Theaterbesuche, eine Art „Double Feature“.

Die eine der beiden Erzählungen schildert die Welt des Schauspielschülers Joachim Meyerhoff in „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke!“, noch zu sehen am Metropoltheater. Es geht um die Otto-Falckenberg-Schule, die Schauspielschule der Münchner Kammerspiele. Die andere Erzählung erzählt aus der Sicht des „besten Freundes eines Eigentümers eines Medienhauses“ mit Hauptsitz in Berlin, in Benjamin von Stuckrad-Barre‘s „Noch wach?“, noch zu sehen am Münchner Zentraltheater, man denkt an den Springer-Verlag, an die BILD-Zeitung.

Hinter beiden Romanen stecken persönliche Erfahrungen. Joachim Meyerhoff hatte im Alter von 20 Jahren seine Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule absolviert, Benjamin Stuckradt-Barre hat in seinem turbulenten Leben seine Einblicke in die Medienwelt vor allem bei einer Musikzeitschrift (Zeitschrift Rolling Stone), im Fernsehen (zunächst für die Harald Schmidt Show, dann für Einiges mehr), aber auch in einigen anderen Medienbereichen gewonnen. Also:

Zunächst zu Joachim Meyerhoffs „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke!“:

Es ist eine Wiederaufnahme am Metropoltheater in München-Freimann. Der Roman erschien 2016 – als dritter Teil einer auf vier Romane angelegten Erzählung von Meyerhoffs Vergangenheit. Man hat meist davon gehört, wenn nicht es gar gelesen: Meyerhoff erzählt autobiografisch, sicher aber auch fiktional skurril von seinem Wechsel nach München, wo er – aus dem hohen Norden kommend – in die Schauspielausbildung an der Münchner Falkenberg-Schule „hineinschlitterte“.

Skurril ist der Roman nicht deswegen, weil Joachim Meyerhoff aus dem hohen Norden kommt, „culture clash“, sondern weil er für die Jahre der Schauspielausbildung bei seinen Großeltern in Nymphenburg wohnte. Skurril empfindet er dann nicht nur seine Großeltern, sondern gleich auch die Schauspielausbildung. Und so überspitzt, wie das Buch wohl ist (ich habe es noch nicht gelesen), ist auch die Inszenierung. Der Witz liegt wahrlich in der Zuspitzung der Umstände, denen sich der 20 Jahre junge Joachim Meyerhoff – sehr gut und passend und sympathisch dargestellt von James Newton – ausgesetzt sieht. Ein ständiges Hin und Her, die Schauspielschule einerseits und die Großeltern in ihrem edlen, skurrilen und vom Alkohol begleiteten Lebenswandel, beides wird auch auf der Bühne ständig gewechselt. Lucca Züchner etwa spielt ständig wechselnd die Großmutter und im nächsten Moment die ebenso skurrile Schauspiellehrerin.

Das Zugespitzte darf einem hier aber nicht zu weit gehen, die Szenen der Schauspielschule als auch die Szenen der Großeltern darf man nicht ernst nehmen (Ich glaube allerdings, man hätte die durchgehende Zuspitzung auch verstanden, wenn sie nicht so überdeutlich auf die Bühne transportiert worden wäre, wie es etwa Lucca Züchner und Thorsten Krohn als Joachims Großeltern, tun. Aber es mag am Roman liegen, der es natürlich gerade darauf anlegt!).

Nun gut, es bleibt eine köstliche Schilderung der absurden Jahre von Joachim Meyerhoff in München, vielleicht etwas zu sehr veralbert, bevor es für Meyerhoff als Schauspieler in den Norden und ans Burgtheater in Wien ging. Störend ist dementsprechend fast der sehr realistische Teil gegen Ende, in dem eben noch erwähnt wird, wie erfolgreich Joachim Meyerhoff dann wirklich noch wurde, entgegen aller ursprünglichen Hindernisse. Aber auch das wird der Roman sein.

An den Münchner Kammerspielen stellt Joachim Meyerhoff am 19. Juni übrigens seinen neuen Roman vor. Er kann ja sehr witzig schreiben.

Hier noch ein Foto der Bühnenfassung am Metropoltheater:

Von „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ gibt es ab heute, 07.06.2025, bis zur Sommerpause noch fünf Termine, HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters in Freimann.

Nun zu Benjamin von Stuckrad-Barre‘s „Noch wach?“:

Mit anderem Humor, bissig-frech, rasant, ein Sittengemälde aus unserem modernen Leben, soll heißen aus dem Leben eines „Medienhauses“ und der „Medienmenschen“, geschrieben so, wie man spricht, mit gutem Blick für das Verhalten und die heutigen Sprech- und Handlungsweisen der Beteiligten, eigentlich von uns allen heute: So schrieb Benjamin von Stuckrad-Barre 2023 den Roman „Noch wach?“. Es geht um Machtmissbrauch, Machtstrukturen, #Meetoo, der „beste Freund eines Eigentümers eines Medienhauses in Berlin“ gerät in eine sich entwickelnde #Meetoo-Aktion vieler Mitarbeiterinnen an diesem Medienhaus. Beginnend mit der Weinstein-Affäre in Amerika. Dieses Buch habe ich gelesen, ganz köstlich!

Es wird nicht leicht sein, diese rasante Geschichte, die im Buch – bei diesem ernsten Thema (ernster als bei Joachim Meyerhoff ) – von einer großen Portion Bissigkeit und Humor in jeder Zeile lebt, auf die Bühne zu holen. Es ist gelungen, an dieser so kleinen Bühne! Vor allem Benjamin Berger als der „Ich-Erzähler“ des Romans schafft das herrlich! Wieder einmal ist es auch herrlich, in einem so kleinen Theater so gute schauspielerische Leistung so nah erleben zu können! Eine Theaterfreude! Wobei: Jede(r) spricht fast jede(n) in der Erzählung des Geschehens, was manchmal nicht leicht zu verstehen ist, das Buch hilft! Und das Publikum davor und danach so hautnah und angenehm zu erleben, das hat für den Theaterfreund auch etwas.

Das Bühnenbild ist natürlich reduziert, aber auch für die Verhältnisse gut gemacht! Yana Robin La Baume – nicht zum ersten Mal am Zentraltheater – würde ich neben Benjamin Berger noch hervorheben wollen, ohne die übrigen Schauspielerinnen daneben schwächen zu wollen.

Sie schaffen es in einer ebenso rasanten Inszenierung von Beginn an, die Geschehnisse frech und zeitgemäß auf die Bühne zu bringen, so rasant, dass es fast anstrengend wird. Sowohl im Buch, als auch auf der Bühne ist dann nur festzustellen, dass gegen Ende der Geschichte – in der Bühnenfassung mit Pause – der Humor leider etwas abnimmt und eher die Entwicklung der Geschichte relevant wird. Da gewinnt die Schnelligkeit auf der Bühne die Oberhand über den Humor der ersten Hälfte.

Das Stück ist am Münchner Zentraltheater noch zweimal zu sehen, am 01.07. und am 02.07.. Es lohnt sich, es ist eine Geschichte zu Verhältnissen, die so oder ähnlich bei uns möglicherweise oft unter den Tisch gekehrt werden.

Hier noch ein Foto:

Und HIER der Link zum Zentraltheater.

Fotograf zu „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“: Jean-Marc Turmes

Fotograf zu „Noch wach?“: Lea Mahler

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THEATER: William Shakespeare- Was ihr wollt

Diese und andere Fragen zur Liebe hat William Shakespeare in „Was ihr wollt“ aufgegriffen, einem Stück einmal ohne Tod und Schicksal etc. Ergänzt wird Shakespeares Werk „Was ihr wollt“ in der Inszenierung, die am Donnerstag an den Münchner Kammerspielen Premiere hatte, durch Texte der niederländischen Regisseurin Lies Pauwels, in denen alles noch weitergetrieben wird.

So sitzt man zwischen allen Stühlen, nicht nur Shakespeare folgend inhaltlich, sondern – wirklich sehr gelungen – in fast jeder Hinsicht: Textlich: Textvermischung inhaltlich und sprachlich, mal Shakespeare-Englisch, mal (etwa in Songs) modernes Englisch, mal Deutsch. Mal Shakespeare, mal Pauwels. Dann: Man erlebt die höfische Barockwelt des Shakespeare-Stückes zum Teil in der Kostümierung, die SchauspielerInnen tragen aber immer eng anliegende, modern gehaltene (radrennfahrertrikotähnliche) „Sportkleidungen“ darunter. Sportkleidungen, die noch dazu völlig „geschlechtsneutral“ sind. Oder sie tragen allesamt Marilyn-Monroe-Perücken. Sie schminken sich im Hintergrund an und ab. Musikalisch: Man trifft auf barocke Musik genauso wie auf moderne Musik. Gesang trifft auf Schauspiel. Gesang spielt hier ohnehin eine etwas größere Rolle. Und man trifft auf weitere Elemente der modernen Welt: Mikrofone sind durchgehend im Einsatz, Bilder von Roy Lichtenberg kommen auf die Bühne etc.

Die Mikrofone kommen (performanceähnlich) ohnehin fast durchgehend bei Text zum Einsatz, was das Persönliche des jeweils Gesagten verstärkt (Vielleicht kommen sie auch deshalb zum Einsatz, da immer wieder Musik das Spiel im Hintergrund unterlegt. Ein guter Nebeneffekt zumindest.)

So kann man im Grunde sogar sagen: Mit dieser Inszenierung mischt sich Schauspiel mit Performance! Man betritt eine Zwischenwelt von Schauspiel und Performance.

Shakespeare hat es in „Was ihr wollt“ dabei durchaus kompliziert gemacht, das sollte jedoch vom Besuch der Inszenierung in keiner Weise abschrecken! Ja, das Personaltableau und die Verwirrungen der Liebe sind in „Was ihr wollt“ kompliziert. Die Gründe der Verwirrung sind ja etwa zum Einen, dass es verwechselbare Zwillinge gibt (Viola – als Cesario verkleidet – und Sebastian) und zum Anderen natürlich, dass jede(r) seine Liebe irgendwie in eine andere Richtung fühlt. Nichts funktioniert, keine Liebe wird erwidert. Chaos wie ein Wirbelsturm.

Das Interessante dabei ist, dass in dieser Inszenierung wiederum alles – man glaubt es kaum – langsam und deutlich verhandelt wird, nicht im Sturm. Die Gefühlslagen der Beteiligten von „Was ihr wollt“ werden fast langsam entfaltet, sie werden durch Lies Pauwels Texte dazu noch gewissermaßen gestreckt, in die Tiefe gezogen.

Das führt vor allem zu schauspielerisch wunderbaren Leistungen! Schon das Minenspiel der SchauspielerInnen wird wichtig. Christian Löber etwa – Meister des Minenspiels – als Viola/Cesario! Oder Johanna Eiworth mit einem wunderbaren (immer mehr geschrieenen) Monolog. [Dazu übrigens: ich habe in mehreren Theaterstück der letzten Wochen erlebt, dass Kernstücke der Abende mit einer gewissen Verzweiflung zum Publikum geschrieen wurden! Etwa Thomas Hauser gegen Ende in „77 Versuche …“, oder Edmund Telgenkämper am Ende in „Katzelmacher“. Oder andere. Was für ein Zeichen der Zeit! „Wir müssen deutlich werden!“].

Der Shakespeare-Inhalt von „Was ihr wollt“ ist bei alledem zwar erkennbar, aber garnicht so entscheidend. Die niederländische Regisseurin Lies Pauwels – erstmals (hoffentlich nicht das letzte Mal) mit einer Arbeit an den Kammerspielen – schafft es mit ihrer Inszenierung, dem Inhalt von „Was ihr wollt“ zu folgen, ihn aber nicht erzählerisch darzubieten, sondern im Hintergrund zu halten und alles mehr auf die Innenschau der Personen auszurichten.

So kann man sagen: Es ist eine Freude, auf Basis von Shakespeare diese „Grenzwelt“ zwischen Schauspiel und Performance mit allen möglichen Vermischungen und Verwirrungen zu erleben! Es ist ein SchauspielerInnen-Abend, wirklich ein gelungener Abend!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

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THEATER: Katzelmacher – nach Rainer Werner Fassbinder

  • Zu Beginn sitzt man vor der mit einer Stoffplane komplett verhangenen Bühne, man erkennt schon, dass nur ein kleinerer Ausschnitt davon das Bühnenbild sein wird. Videoprojektionen bespielen später die hellgraue Stoffplane insgesamt, fast immer wieder gleich. Zehnmal öffnet sich die kleinere Ausschnittsfläche, zeigt „unsere Welt“, schließt sich später wieder. Die kleinere Ausschnittsfläche könnte – so die immer wiederkehrende Videobespielung – ein schweres Eisentor sein, eine Trennwand, die sich hebt und senkt. Das Drumherum wird immer wieder bildlich von schwarzen Flüssigkeiten überschwemmt. Siehe das Beitragsbild oben. Soviel zum Thema „Einwanderung“ … man ist sofort im Thema.
  • Es beginnt dann mit der heilen Welt der Katzen. Man besucht ja das Stück „Katzelmacher“ nach Rainer Werner Fassbinder. Uraufgeführt 1968, ein wortarmes Stück, als Fernsehfilm fast statisch mit einer Kamera gefilmt, schwarz/weiß, über das Niederbayerische und einen der damaligen Arbeitsmigranten, damals waren es Griechen, Türken, Italiener …, das Entstehen von Hass. Heute – man rutscht ja sofort in die heutige Zeit – sind diese wiederum kaum mehr Thema, mit „Migranten“ meint man heute Syrer, Afghanen, Afrikaner … Eine erste Verwirrung! Sind das nicht sehr unterschiedliche Themen, völlig andere Zeiten? Nein, es passt im Grunde so, weil „Katzelmacher“ von Regisseur Emre Akal auf eine „abstraktere“ Ebene gehoben wird. Er zeichnet im Grunde ein zeitloseres Gemälde. Prägnanter allerdings, fast brutaler, zugespitzter als das Fassbinder-Original. Der Text allerdings ist weitgehend – trotz Kürzungen – der Text von Fassbinders „Katzelmacher“, die andere Welt von 1968. Puh! Das Abstrakte dieser sehr besonderen, großartigen Inszenierung, dieses „Gemäldes“, an das man sich dann aber gerade gewöhnt hat, verschwindet dann doch wieder, wenn man die überdeutlichen konkreten Anspielungen an unsere heile Welt in Deutschland und die Kriege „draußen“ im Hintergrund eingespielt sieht, wenn man sieht, wie wir trotz der Ferne dieser Kriege in unserer heilen Welt erschrecken, total erschrecken. Also alles abstrakter, aber dann doch auch wieder konkret. Unsere Träume nkpokale fallen vom Tisch! Puh!
  • Emre Kazal greift mit dem Stück völlig zurecht natürlich in den aktuellen politischen Diskurs über Migranten ein, will aber natürlich dabei nicht alle Aspekte „politisch“ berücksichtigen. Das Stück zeigt, wie Hass automatisch entsteht! Er soll wieder weg, der Ausländer! Eine weit verbreitete Haltung! Was (mich) daran weiter verwirrte: Man denkt ja schnell umfassend politisch, denkt an verschiedenste Aspekte, wird aber fast bedrängt von dem – unschönen – Blick darauf, wie schnell eben Hass gegen das undefiniert „Fremde“ entsteht. Es bleibt also bei Emre Kazal einseitig – man muss das „politische Denken“ ausschalten, aber mit guten Gründen! Wir sind ja nicht in einem Seminar! Emre Kazal (auf Basis von Rainer Werner Fassbinder) will mit Fassbinders Milieufilm aus den Sechzigern auf den Wahnsinn hinweisen, den wir heute immer noch haben, der doch sogar noch schlimmer geworden ist und der eben hinter der gesamten politischen Diskussion liegt. Die schnell entstehende Einstellung gegen „Fremde“. Das „Gemälde“ „Katzelmacher“ als Mahnung! So auch am Ende der „Epilog“ von Emre Kazal!
  • Dass die Inszenierung trotz der inhaltlich also manchmal entstehenden Verwirrung großartig ist, liegt am Regisseur Emre Akal und dem Künstler-Duo Mehmet & Kazim, die sie gestaltet haben. Sie entwerfen in dieser Inszenierung (nicht nur in dieser) eine assoziative künstliche Welt, das „Gemälde“, in der analoge und digitale Mittel zu einer eigenen Illusion verschwimmen. So wird es mehr ein „künstlerisches Gesamtwerk“ als eine „Inszenierung“. Siehe auch die Bilder unten. Sehr eigen, sehr beeindruckend, sehr prägnant, frech fast, so sieht man es selten. Die zehn Szenen, die man sieht, sind sehr verschieden gestaltet, man erkennt aber den „Faden“ der Erzählung von „Katzelmacher“. „Katzelmacher nach Rainer Werner Fassbinder“.
  • Dass die Inszenierung so gelungen ist, liegt auch an den SchauspielerInnen, ich würde sagen, allen voran sehr überzeugend und prägnant Stefan Merki, aber sie spielen das „Gemälde“ letztlich alle klasse! Edmund Telgenkämper, der zurzeit ja an einer ganzen Reihe der Inszenierung mitwirkt, und auch Annika Neugart vor allem mit ihrer kleinen Gesangseinlage möchte ich noch nennen. Es liegt des Weiteren auch an der Kostümierung und der Mischung der digitalen und der realen Welt.

Fazit: Wenn man mitverfolgt, dass derzeit leider bundesweit Kulturetats zu erheblichen Kürzungen führen, kann man nur dankbar sein, wenn Inszenierungen wie diese entstehen. Daher: Hingehen und den Kammerspielen die Bude einrennen (im positiven Sinne)!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Spielfilm Katzelmacher:

Hier noch zwei Fotos der Inszenierung:

Copyright der Bilder: Gabriela Neeb

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Sonstiges

SONSTIGES: Michel Friedman – Gespräche

Ich habe nun erst zum ersten Mal einem der Gesprächsabende von Michel Friedman an den Münchner Kammerspielen beigewohnt! Es war das Gespräch mit dem Makrosoziologen Heinz Bude, der von 2000 bis 2023 eine Professur für Makrosoziologie an der Universität Kassel innehatte.

Michel Friedman ist ja äußerst gesprächsfreudig, kritisch, scharfsinnig, sehr klug und thematisch immer im Dienste der Allgemeinheit. Er fordert seine Gesprächspartner! Ganz grundsätzlich gilt ja: Wir müssen reden! Wir müssen Gesprächskultur üben! Wir müssen uns mehr denn je auseinandersetzen mit den Themen! Nicht nur rein politisch, auch philosophisch. Dazu trägt Michel Friedman extrem bei, nicht nur derzeit an den Münchner Kammerspielen, er hatte auch eine Gesprächsreihe am Berliner Ensemble, auch an der Frankfurter Oper, er hat Runden immer wieder an anderen Orten und und und.

Ich möchte hier nicht den Inhalt des Gespräches mit Heinz Bude wiedergeben. Es war sehr vielfältig, kontrovers, lässt sich nicht kurz zusammenfassen. Es ging philosophisch zu, anfangs fast schon zu philosophisch, bis hin zu Camus, es wurde politisch und es wurde auch rein menschlich/persönlich. Wobei die große Prämisse von Michel Friedman immer ist: Nicht persönliche Eindrücke mit der sachlichen Argumentation vermischen! Nur sachlich diskutieren, das ist für Michel Friedman Diskussion! Natürlich, er pflegt die langen Sätze, die nicht immer ganz leicht zu verstehen sind, aber es wird diskutiert am Thema.

Ich kann es jedenfalls empfehlen, sich die Gespräche des intelligenten Michel Friedman an den Münchner Kammerspielen (oder wo auch immer) anzuhören. An den Münchner Kammerspielen wird er in dieser Spielzeit in den nächsten Monaten weiterhin jeweils ein Gespräch führen. HIER der Link zu den Terminen.

Meine Überlegung: Schön wäre es, wenn man diese Gespräche auch online nachhören könnte. Auf der Website von Michel Friedman (HIER) konnte man seine Gespräche am Berliner Ensemble hören (mir gelingt es allerdings nicht mehr, die Gespräche aufzurufen), als Anregung.

Und es wäre schön, wenn man nicht nur das „gepflegte Publikum“ erreichen könnte, wo ist die Jugend, die es erleben muss, wie diskutiert werden kann, wo sind die Mitbürger, die täglich Probleme haben? Aber gut, man kann nicht alles haben!

Es verbleibt jedenfalls hoher Respekt für Michel Friedman!

Die nächsten Gespräche an den Münchner Kammerspielen:

Mit Natalie Amiri über das Thema „Macht“ 29.04.2025 , 20.00 Uhr

Mit Alena Buyx über das Thema „Vertrauen“ 21.05.2025 , 20.00 Uhr

Mit Ronen Steinke über das Thema „Gerechtigkeit“ 06.06.2025 , 20.00 Uhr

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Allgemein

THEATER: Klaus Mann – Mephisto

Es ist ja fast bestürzend: So, wie das „Singspiel“ am Münchner Nockherberg zur aktuellen politischen Lage kann man bis zur Pause des dreieinhalbstündigen Abends diesen „Mephisto“ sehen und verstehen. Bissig, aktuell und verschiedene Betroffene und deren unterschiedliche Verhaltensweisen zeigend. Man müsste am Text vor der Pause fast nichts ändern, man müsste die Aufführung nur mit aktuellen Personen (nicht nur mit Politikern) besetzen, vielleicht etwas kürzen, fertig, schon wäre man in der heutigen Zeit und einer ihrer großen Problemlagen, nicht nur in Deutschland!

Nach der Pause ändert sich die Ausgangslage: Hendrik Höfgen in Klaus Manns Roman „Mephisto“ ist dann gänzlich in die Maschinerie der Nazis integriert, er wechselt nach Berlin, hat nazikonforme Erfolge, rechtfertigt sich, sieht keinen anderen Weg, verliert Freunde, andere verhalten sich anders, sogar Adolf Hitler tritt auf und und und. Das ist dann nicht mehr „aktuelles Singspiel“ – soweit sind wir noch nicht -, sondern dann ist es die Zeit des Romans „Mephisto“ von Klaus Mann, erschienen 1936.

Neben dieser erschreckenden verdeckten Aktualität der ersten Hälfte (Thema: Unser auch heutiges Verhalten im „Rechtsruck“) sticht hervor, dass es sich hier insgesamt um eine rundum gelungene Inszenierung handelt. Man sieht ja immer wieder gerne Inszenierungen, die schon durch besondere Elemente oder Personen hervorstechen. Besonders schön ist es aber dann, wenn man merkt: Hier stimmt einfach alles! Das war mein Eindruck.

Alle Einzelheiten betonen etwas: Die Schauspieler/innen, deren Zusammensetzung, das Bühnenbild, das Licht, der Text, die Verbindung zur heutigen Zeit etwa durch das Schlagzeugspiel live, Kleinigkeiten wie der mehrfache Einsatz des roten Bühnenvorhangs und Theateranweisungen aus dem Off …, etwas Humor, alles fließt zusammen und trägt zu einem gelungenen Gesamtbild bei.

Die Schauspieler/innen: Die Schauspieler (Thomas Schmauser, Edmund Telgenkämper, Bless Amada, Erwin Aljukic, Martin Weigel und Elias Krischke) spielen etwas auffälliger als die Schauspielerinnen (Linda Pöppel, Maren Solty und Johanna Eiworth). Das liegt sicherlich auch an den bedeutenderen, vielseitigeren Rollen dieser Personen im Roman. Daher: Immer wieder wunderbar anzusehen Thomas Schmauser, er muss allenfalls aufpassen, mein Eindruck, dass seine Rollen nicht zu ähnlich bleiben! Zuletzt ist er als Baumeister Sollnes und hier als Hendrik Höfgen gar nicht einmal so deutlich unterschiedlich! Wirklich hervorragend auch wieder Edmund Telgenkämper in drei völlig verschiedenen Rollen, ebenso Erwin Aljukic in sehr verschiedenen Rollen. Er spielt Adolf Hitler, Gottfried Benn und und. Sehr gut und auch das passt so gut, dass gerade er diese Rolle spielt! Und sehr gut und beeindruckend die Gastbesetzung Bless Amada vom Wiener Burgtheater (Beitragsbild oben),

Das Lichtdesign: Auch das ist durchaus auffallend an diesem Abend! Immer wieder durchqueren etwa breite helle Lichtsäulen den dunklen Zuschauerraum und fokussieren eine Person auf der Bühne. Ein Element, das verspielt zusätzlich an die Nazizeit denken lässt! Lichtsäulen!

Die Bühne wird geprägt von zwölf etwa zweieinhalb Meter hohen, etwa zwei Meter breiten mobilen, beleuchtbaren „Schachteln“, die durch viel Bewegung immer wieder in neue Position gebracht werden und Räume schaffen!

Der Text, also die Bühnenfassung von Emilia Henrich, Jette Steckel (Regisseurin) und Johanna Höhmann, legt es auf eine leichte Verbindung der damaligen Zeit mit der heutigen Zeit an. Etwa wenn von den unzufriedenen jungen Menschen in Niederbayern gesprochen wird.

Fazit: Meines Erachtens könnte die Inszenierung durchaus (durch die Aktualität, durch das Zusammenwirken aller Elemente) bei der Auswahl zum Theatertreffen 2025/2026 eine Rolle spielen! Schade ist nur: Dieses Stück müssten diejenigen sehen, die hinsichtlich des Rechtsruckes (wir wissen ja nicht, was uns noch bevorsteht) sensibilisiert werden müssen! Ich vermute, dass die Zuschauer der Kammerspiele insoweit nicht sensibilisiert werden müssen, sie werden es schon sein. Das Stück müsste etwa für Schulen gezeigt werden. Oder warum nicht einmal im Fernsehen frei für „jedermann“? Oder als Streamingangebot! Sind wir dazu nicht verpflichtet? Die Kammerspiele, Theater der Stadt!

Das traditionelle Nockherberg-Singspiel 2025 ist übrigens heute Abend, am Mittwoch, 12. März, im Fernsehen zu sehen, der „Mephisto“ von Klaus Mann ist noch öfter an den Münchner Kammerspiele zu sehen! Die nächste Aufführung an den Kammerspielen ist am 18. März.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch zwei Fotos der Inszenierung:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic