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LITERATUR: Benedict Wells – Die Geschichten in uns

Jetzt begegnet mir diese eine Songzeile in einem anderen Zusammenhang: Literatur – Benedict Wells zitiert die Songzeile. Benedict Wells schreibt in seinem neuen wunderbaren Buch „Die Geschichten in uns“ darüber, wie man ein Buch schreibt. Er schreibt neben allem anderen über den allerersten Funken (spark), den es braucht, um überhaupt über ein Buchthema nachzudenken und ein Buch dazu Stück für Stück zu entwickeln. Mir hat das Buch die Augen geöffnet!

Der Anfang eines Schreibprozesses, der erste Schritt eines langen Prozesses, den Benedict Wells insgesamt wunderbar in allen Facetten darstellt! Sein Buch ist dabei nicht nur hochinteressant für diejenigen, die selber ein Buch schreiben möchten. Es ist genauso interessant, wenn man ein Buch liest. Benedict Wells gibt viele persönliche Einblicke in die Art, wie etwas beschrieben/geschrieben werden kann, werden muss, es ist in beiden Fällen (Schreiben und Lesen) absolut hilfreich! Apropos „beschreiben“: Wells zeigt vor allem, dass es für ein gutes Buch nicht ausreicht, eine interessante Geschichte einfach zu „erzählen“, nein, sie sollte vom Leser geradezu miterlebt (gesehen, mitgefühlt) werden! Don’t tell, but show ist einer der wesentlichen Hinweise. Und er zeigt, wie sorgfältig man vor allem die Charaktere des Buches behandeln und zeigen, herausarbeiten etc. muss!

Das Buch von Benedict Wells hat in der Reihe der existierenden Bücher über das Schreiben dabei sicher eine etwas besondere Qualität. Es zeigt nicht etwa nur wie in einer Art Handbuch nüchtern die verschiedenen Techniken des Schreibens, nein, Benedict Wells ist sich bei allem nicht zu schade, immer wieder seine eigenen Fehler und seine jahrelangen Lernprozesse zu zeigen. Damit führt er uns durch das Buch. Es macht das Buch auch nicht nur sehr sympathisch, sondern weckt vor allem enorm viel Verständnis und Gefühl für den Einsatz der von ihm gelernten möglichen oder nötigen Werkzeuge. Und solcher Werkzeuge gibt es verdammt viele! Am Ende des Buches veröffentlicht er sogar in einer „Werkstatt“ Erstfassungen und korrigierte Endfassungen mit Änderungsmodus aus seinen Texten. Man lernt auch: Es geht (ihm) immer darum, den Charakteren nahe zu sein, es braucht unfassbar viel Empathie für die (doch meist erfundenen) Charaktere des Buches.

Seine so aufschlussreichen Beschreibungen in „Die Geschichten in uns“ profitieren auch davon, dass er zu Beginn des Buches über seine eigene Kindheit und Jugend erzählt. Man lernt ihn zunächst etwas kennen, was das Buch sehr ehrlich macht, und man lernt dann, auf welchen langen Wegen er persönlich zum Schreiben kam. Dem Buch fehlt jede störende Eitelkeit! Klar wird: Man muss nicht schon immer das Schriftstellerische in sich getragen haben!

Man kann beim Schreiben eines Buches unglaublich viele Werkzeuge berücksichtigen. Man wird nicht alle „Werkzeuge“ ständig im gleichen Maße zur Anwendung bringen, das wäre sogar oft geradezu wieder langweilig, aber Schreiben ist Arbeit, die manchmal viele viele Jahre dauert. Man befindet sich eben in gewisser Weise in einer Werkstatt, in der man fast so sicher wie das Amen in der Kirche auch absolute Tiefpunkte erleben wird. Man arbeitet immer wieder an seinen Fehlern, an den Dingen, die der Leser nicht „braucht“.

Natürlich gibt es seit Jahren Bücher über die unglaublich zahlreichen und feinsinnigen Werkzeuge des Schreibens. Ich hatte etwa Sol Steins Standardwerk „Über das Schreiben“ daneben liegen. Benedict Wells weist sogar am Ende seines Buches „Die Geschichten in uns“ ausdrücklich darauf hin, welches dieser Bücher er wann am ehesten für hilfreich hält.

Auf eines allerdings weist Benedict Wells am Ende auch kurz zurecht hin: Es gibt natürlich manchen Schriftsteller, manche Schriftstellerin, der/die die von Wells so wunderbar dargestellten Werkzeuge gar nicht konkret anwendet. Ich denke etwa an Thomas Bernhard oder andere Schriftsteller (vielleicht auch Jonathan Frantzen, T.C. Boyle, Annie Ernaux oder Teju Cole, die aber sicher schon weniger), die schon durch ihre ganz besondere eigene Art des Schreibens zu überzeugen scheinen. Aber auch sie werden die „Werkzeuge“ zumindest kennen!

Denn Eines ist klar: Ein Leser darf sich nicht ein einziges Mal beim Lesen eines Buches langweilen, er würde das Interesse sofort verlieren und das Buch schnell weglegen.

Das Buch ist meine Empfehlung, auch um Erzählungen besser (mit mehr Gefühl für die Schilderungen) lesen zu können!

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LITERATUR: Colm Tóibín – Long Island

Der Roman ist die Fortsetzung eines früheren Romans von Colm Tóibín. Die Irin Eilis steht im Mittelpunkt des Romans „Long Island“, so wie sie schon im Roman „Brooklyn“ aus dem Jahr 2009 im Mittelpunkt stand. Aber nicht nur das. Alle Personen um Eilis herum sind in beiden Romanen – „Brooklyn“ und „Long Island“ – die gleichen. Eilis und alle anderen Personen sind in beiden Romanen dieselben Personen mit ihrer Vergangenheit.

Long Island ist ein Roman zum Einen über die Zerrissenheit, die Auswanderer in ihrem Leben erleben (hier: Eilis‘ Leben in Irland in ihrer Kindheit und Jugend und in Amerika in ihrem Erwachsenenleben) und zum Anderen – in dieser speziellen Situation und generell – über den Umgang des Menschen mit der eigenen Vergangenheit: Im ersten Schritt, in „Brooklyn“ wandert Eilis auf Betreiben Ihrer Familie nach Amerika aus. Sie heiratet dort den Amerikaner (italienischer Abstammung) Tony. Dann kehrt sie einmal kurz nach Irland zurück und hat dort eine kurze große Liebesbeziehung zu Jim. Unvermittelt kehrt sie aber nach Amerika zurück. Jim wusste nichts von Tony.

Im zweiten Schritt, in „Long Island“ nun kehrt Eilis – jetzt mit ihren beiden Kindern – über 20 Jahre später erneut nach Irland (zum 85. Geburtstag ihrer Mutter) zurück. Tony bleibt in Amerika, die Beziehung zu Eilis lies die gemeinsame Reise nicht zu, denn Tony bekommt von einer anderen Frau ein Kind. Eilis ist sich insgeheim deshalb nicht einmal sicher, ob sie je wieder nach Amerika zurückkehren wird. In Irland – in „Enniscourthy“, dem Ort, in dem übrigens Colm Tóibín tatsächlich geboren wurde – trifft Eilis dann Jim wieder, die große frühere Liebe!

Hier treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander. Beides passt nicht mehr zusammen. Das ist der Roman. Vor allem Jim ist hin- und hergerissen. Er hat natürlich seine eigene Gegenwart, mehr als 20 Jahre sind, wie gesagt, vergangen. Er steht jetzt kurz vor der Verlobung mit Nancy. Andererseits ist er jetzt wieder von der großen Liebe zu Eilis befallen. Die Vergangenheit bricht in die Gegenwart ein! So lebt er in diesem Roman zwischen zwei Welten. Was soll er damit machen, dass er wieder zur Liebe zu Eilis gefunden hat? Mehr als zwanzig Jahre später! Und niemand darf etwas davon mitbekommen!

Aber auch Eilis: Sie braucht ihre Zeit für eine Entscheidung und überlegt, wie alles denn in Amerika überhaupt gehen würde, wenn Jim zu ihr käme. Auch ihre Gegenwart und ihre Vergangenheit passen ja nicht zusammen. Wie sich die Leben weiterentwickeln!

Man könnte oder müsste über das Ende des Romans schreiben. Denn während man das Buch liest und liest, merkt man als Leser, dass man darauf gespannt ist, wie am Ende vor allem Jim die Sache löst bzw. wie die Sache endet. Das ist die gute Technik des Buches, der Spannungsaufbau!

Ich will nicht „spoilern“: HIER AUFHÖREN ZU LESEN UND ERST WEITER UNTEN WEITERLESEN. ICH GEHE IM FOLGENDEN AUF DAS ENDE DES ROMANS EIN:

Das Ende des Romans ist ein wenig unbefriedigend. Jim, der mittlerweile völlig in die Ecke getrieben war (sich selber in die Ecke getrieben hat) zwischen seiner alten großen Liebe Eilis (seiner Vorstellung eines Lebens in Amerika mit ihr) und seiner aktuellen Freundin Nancy, wird am Ende von seinen Freunden und Bekannten spontan in seinem Pub dafür gefeiert, dass er sich angeblich mit Nancy verlobt hat! Er kann es nur über sich ergehen lassen. Er hat sich gar nicht verlobt, Nancy hat es nur behauptet und vorsorglich überall herum erzählt, da sie herausbekommt, dass Jim wieder mit Eilis (früher Nancys bester Freundin) Kontakt hat. Darauf zieht Jim sich von der spontanen Befeierung der Verlobung zurück, er sehnt sich immer noch (letzte Momente des Romans) nach seiner Zukunft mit Eilis. Aber selbst in seinen Vorstellungen kann er nicht mehr erkennen, was Eilis zu ihm sagen würde … Er steht im Hausgang und weiß nur, dass er für Nancy, wenn sie kommt, die Tür öffnen würde … Aber kommt sie? Alles bleibt offen.

HIER GEHTS WEITER:

Colm Tóibín beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit dem großen Thema Gegenwart und Vergangenheit. Als Drehbuchautor verfasste er vor allem gemeinsam mit Volker Schlöndorff das Skript zu dem Spielfilm „Rückkehr nach Montauk“ (2017), der von Max Frischs Erzählung „Montauk“ (auf Long Island!) inspiriert wurde. Auch in „Montauk“ sowie erneut in „Rückkehr nach Montauk“ geht es um das Einbrechen der Vergangenheit in die Gegenwart.

Mein Eindruck: Der Roman „Long Island“ wirkt manchmal etwas gekünstelt, da sich sehr viele Probleme vor allem darum drehen, dass niemand etwas erfahren darf. Eilis’ Mutter nicht, die Kinder nicht, Nancy nicht, kein Mensch im Ort, niemand. So rutscht Jim auch immer mehr in die Klemme. Das wirkt etwas übertrieben. Man kann durchaus an Jim’s Verhalten etwas zweifeln. Genauso gut aber am Verhalten von Eilis.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Übersetzung! Man muss leider immer wieder, immer wieder, kurz genau überlegen, wer im Satz eigentlich mit „sie“ oder „er“ etc. gemeint ist. Das ist etwas hinderlich, ich kreide es der Übersetzung an. Die Übersetzer schreiben sogar falsches Deutsch, wenn sie schreiben „wegen dem …“ statt „wegen des …“. Auch nicht schön. Das Deutsch klingt auch manchmal zu einfach!

Trotzdem: Man folgt einer sich langsam zuspitzenden Geschichte darüber, ob man – aus Liebe – aus der eigenen Gegenwart ausbrechen kann und eine neue Geschichte starten kann. Ein Thema, dass viele von uns betrifft!

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LITERATUR: Jon Fosse – „Ich ist ein anderer“ und „Trilogie“

HIER die Besprechung zur Inszenierung von Peer Gynt am Münchner Residenztheater.

Bei beiden Autoren – bei Henrik Ibsen und bei Jon Fosse – geht es im Kern um das Leben des Menschen: Was macht man? Was steht man durch? Was wird werden? Wer ist man? Henrik Ibsen ging es eher Goethe-ähnlich an, Jon Fosse fast religiös.

Bei Ibsens „Peer Gynt“ ging es darum, dass ein einzelner Mensch – Peer Gynt – sich zuerst durch seine Welt phantasiert und später alles Mögliche erreichen will und erreicht, um zu sich selbst zu finden. Er findet sich aber nicht. Von Jon Fosse wiederum stelle ich hier zwei Bücher vor: Den Roman „Ich ist ein anderer“ und den Roman„Trilogie“.

Grundsätzliches:

Jon Fosse ist besonders zu lesen. Beide von mir hier besprochenen Romane sind jeweils EIN EINZIGER Satz! (Man stößt drei/viermal mittendrin auf einen Punkt, das muss aber fast ein Versehen des Verlages sein, meinte ich.) Man bemerkt aber dadurch schnell eine besondere Unmittelbarkeit dessen, was man liest. Im wirklichen Leben und in den Gedanken gibt es eben keine Punkte! Das Leben und die Gedanken sind punktlos und kommen dem Leser/der Leserin eines Textes ohne Punkt damit fast näher! Das Leben als nicht endende Reihenfolge von ständigen Handlungen und ständigen Gedanken, von Geschehen und Erinnerungen. Punkte als Satzzeichen wären künstlich. Alles ist ein Fluss. Πάντα ρεί. – Ob Jon Fosse immer so schreibt, weiß ich (noch) nicht.

Zum Roman „Ich ist ein anderer“:

Es steht der Maler Asle im Mittelpunkt, den man durch seine Gedankenwelt begleitet. Eine Gedankenwelt, die noch grundsätzlicher ist, als es Henrik Ibsen beschreibt. Es geht in „Ich ist ein anderer“ manchmal geradezu religiös (christlich) um das Leben und den Tod. Von Gott und dem Vaterunser liest man.

Zweite Feststellung dazu: Jon Fosse ist im Roman „Ich ist ein anderer“ durchaus kompliziert. Etwa: Asle, der einsamer Kunstmaler, hört von einem anderen Asle, den er auch kennenlernt. Vielleicht ist es wiederum er selbst – „Ich ist ein anderer“ eben! Er traf ihn schon irgendwann in der Vergangenheit. Der „andere“ Asle ist ihm extrem ähnlich! Asle denkt immer wieder an seine eigene Vergangenheit, an den jungen Asle also. Man muss überhaupt vorsichtig sein beim Lesen. Asle denkt an mehrere Personen, deren Namen auch fast alle mit dem Buchstaben A beginnen. Asles Schwester heißt Alida, Asles Freundin heißt Ales. Sie ist gestorben. Ales‘ Schwester heißt Alise. Ein Freund von Asle heißt Asleik … . Und Asle fährt ins Krankenhaus, will den „anderen“ Asle besuchen, er denkt auch daran, wie er früher seine Großmutter im Krankenhaus täglich besucht hatte und und und. Kompliziert aber gut verständlich, weil so das Leben ist!

Das aktuell von Asle Erlebte einerseits (die „Handlungsebene“) und Asles Gedankenwelt andererseits wechseln ständig. Der Roman ist eine Mischung von „stream of consciousness“ und Erzählung eines Geschehens. Es wechselt ständig allein durch ein „und“ im punktlosen Roman. Der Roman beginnt auch mit einem „Und …“. Die Erinnerungen, die Asle ständig begleiten, sind dabei wichtiger als das Geschehen, denn gerade dadurch erzählt Jon Fosse, gerade dadurch lernt man Asle kennen. Der Mensch ist nun einmal seine eigene Vergangenheit. Asle fährt Auto, wartet im Schneetreiben auf einen Galeristen, kaum mehr. Auch die Zeitebenen springen ständig. Kindheit – Jugend – spätere Zeit. Wahrscheinlich ist alles autobiografisch geprägt.

Ein Thema, das Asle im Roman „Ich ist ein anderer“ besonders beschäftigt, ist das Malen. Ist es damit ein „Künstlerroman“? In vielen Gedanken äußert sich Asle jedenfalls zu seinem Verhältnis zum Malen, zu seinem Verständnis vom Malen, zu seinen Bildern, zu den Ausstellungen. Schon in der ersten Zeile des Romans spricht er von dem „Bild mit den zwei Strichen“.

Zum Roman „Ich ist ein anderer“ muss man außerdem wissen, dass er Teil einer „Heptalogie“ ist. Deswegen beginnt der Roman auch mit „Und“, er ist der Mittelteil der Reihe. Vor kurzem hat Jon Fosse seine „Heptalogie“ abgeschlossen. Er hat in sieben Teilen – verteilt über drei Bücher – über das Leben und die Vergangenheit dieses einsamen Kunstmalers Asle (und seiner Familie) geschrieben. Die Bücher der Heptalogie lauten insgesamt: „Der andere Name“ (Teile I und II), „Ich ist ein anderer“ (Teile III – V) und „Ein neuer Name“(Teile VI und VII).

Zum Roman „Trilogie“:

Das zweite der beiden Bücher („Trilogie“) ist einerseits ähnlich, andererseits ganz anders: Auch hier jedenfalls – das zur „Ähnlichkeit- schreibt Jon Fosse in einem einzigen Satz! Es ist hier eine Erzählung in drei Teilen. In diesem Roman ist aber die Handlungsebene entscheidend, nicht die Ebene der Erinnerungen. Der Roman „Trilogie“ ist nicht Teil der oben genannten „Heptalogie“.

Der Roman „Trilogie“ ist die düstere und schwere Geschichte eines jungen Paares, in der wiederum Handelnde mit den Namen auftauchen, die man in der Heptalogie findet (Asle vor allem). Es geht wieder um einen Asle, um ihn und seine schwangere Freundin, dieses Mal namens Alida. Alida war im oben besprochenen Roman der Heptalogie der Name der Schwester von Ales.

„Trilogie“ sind (wie gesagt) drei Erzählungen. Der erste Teil erzählt aus der Sicht von Asle, der zweite Teil ebenfalls, Asle hat sich hier aber den Decknamen „Olav“ gegeben. Warum, erfährt man. Der dritte Teil ist ein Rückblick aus der Sicht von Alise, der Tochter von Alida. Alise ist die Tochter aus Alidas „zweiter Ehe“ oder „zweiter Beziehung“, da Asle hingerichtet wurde. Warum wird Asle hingerichtet? Man liest es im ersten Teil! Aufgrund seiner Taten im ersten Teil hat sich Asle auch den Namen „Olav“ gegeben.

Die zweite Ehe oder zweite Beziehung ist Alida nach Asles Hinrichtung mit dem um 25 Jahre älteren Asleik eingegangen. Auch den Namen Asleik kennt man aus der Heptalogie. Wie alles zusammenpasst, ich habe es nicht ganz hinbekommen. Jon Fosse spielt mit den Namen.

Es ist jedenfalls sehr besondere Literatur. Insgesamt ist es nicht die Handlungsebene, die die von mir gelesenen Romane bestimmt, es ist immer wieder die Ebene der Erinnerungen und der Gedankenwelt – meist von Asle.

HIER der Link zur Verlagsseite von Jon Fosse, auf der seine Bücher zu finden sind

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LITERATUR: Tonio Schachinger – Echtzeitalter

HIER der Link zu einer ersten Besprechung des Romans auf dem Sender 3Sat, damals am Tag der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2023. Und HIER ein etwas längeres Gespräch mit Tonio Schachinger über dessen Roman auf dem „Blauen Sofa“.

Im Roman „Echtzeitalter“ geht es um den an eine elitäre, konservative und natürlich altmodische Schule in Wien eingeschulten Jungen namens Till, den man im Roman bis zum Schulabschluss verfolgt. Die Schule wird im Roman Marianum genannt, angelehnt ist alles an das in Wien real existierende Theresianum, die renommierteste Schule in Wien, auf der Tonio Schachinger selbst war.

Till, in der Schule erst unauffällig, dann gefährdet, gibt sich einem Hobby hin, das an dieser Schule völlig fehl am Platze ist: Dem Onlinespielen. Age of Emperors. Zwei Welten, die nicht zueinander passen und auch in diesem Roman nicht zueinander kommen. Till steigt durch seine oft nächtlichen Aktivitäten zu einem der zehn besten Spieler von Age of Emperors weltweit auf und wird schließlich sogar zu Turnieren zum Beispiel in China eingeladen. Till hat seine Stärken schulisch ohnehin in der Mathematik und den Naturwissenschaften, nicht in den Geisteswissenschaften. Auch das findet im Marianum schon kaum Anklang, macht es ihm schwer. Beide Welten – die Tradition der Schule und seine Onlinewelt – werden aber gerade durch ihre Trennung voneinander sehr prägnant und realistisch dargestellt! Der Roman endet dann mit einer Äußerung von Till mit Rückblick, eine Äußerung, die er kurz nach dem Ende der Schulzeit macht: „Es war die Hölle, du Idiot!“. Was kurz davor gesagt wird, siehe unten.

Es geht aber nicht nur „platt“ um diesen Konflikt zwischen den althergebrachten Strukturen dieses Gymnasiums und Tills Zuneigung zu modernem Onlinespielen. Dieser Grundkonflikt schwelt quasi nur nebenbei mit. Der Roman zeichnet sich im Grunde dadurch aus, dass all die Personen, die auf Tills Schulweg über die Jahre hinweg eine Rolle spielen, immer wieder etwas anders, als man es „gewohnt“ ist, aufgezeigt werden. Sie werden garnicht umständlich beschrieben, sie handeln. Die Lehrer, besonders der oberstrenge Klassenlehrer Dolimar, die engeren oder entfernteren Freunde, die Klassenkameraden, die Freundinnen Fina und Feli, die erste große Liebe, die Eltern, alle haben ihre Welten. Till muss sich durch all das durchlavieren, sehr realistisch, mit vielen gängigen Problemen: Die Scheidung der Eltern, der Tod des Vaters, das Mädchen Feli (die erste Liebe wie gesagt, die sich erst nach Jahren ergibt), der besagte Klassenlehrer Dolimar (ein strenger Tyrann, der auf alte Traditionen und Werte abstellt, nur Literaturklassiker lesen lässt und ständig bei kleinsten Verfehlungen Strafen verteilt), das Rauchereck m Schulhof, die Umgehung von Schulstrafen und und und. „Sgoterfessor“ sagt man, wenn man einem Lehrer im Gang der Schule begegnet. Das waren noch Zeiten!

Schachinger hat dafür einen schönen eigenen Sprachstil. Einerseits beschreibt er vieles – nicht etwa die Personen – in oft komplizierten, verschachtelten Sätzen, die ich teils mehrfach lesen musste. Andererseits aber geht er dadurch ständig wunderbar treffend auf die einzelnen Situationen und auf deren immer wieder vielfältigen Auswirkungen für Till ein. Ich empfehle, das Buch deswegen relativ langsam zu lesen. In jedem Satz steckt sehr viel. Das ist die Kunst von Schachinger! Dann aber kommen auch wieder ganz knappe Schilderungen, wenn es passt. Der Stil ist modern und locker.

Nicht leicht ist es nur, immer die Zeitsprünge der mehrere Jahre dauernden Schulzeit von Till mitzubekommen, das aber ist nur eine kleine Nebensache. Es bleibt wirklich interessant, dass man ständig gleichzeitig durch Till einen Blick auf die alte – strenge – Welt dieser Schule und auf die neue – freie – Welt des Onlinegamings wirft. Und zusätzlich Tills Entwicklung über die Jahre hinweg mit den „gängigen“ Problemen und Freuden der Jugend mitbekommt. So wird es im Grunde zu einer Gesellschaftsschau. Eine Art Kulturclash. Die beide Welten (konservative Eliteschule und Onlinegaming) haben dabei auch heute noch jede für sich ihre eigene Berechtigung, merkt man. Es ist nicht so, dass das Eine das Andere aushebeln würde. Deswegen sagt Palffy etwa, ein ehemaliger Schulkamerad von Till, ebenfalls im Rückblick auf seine Schulzeit im Marianum am Ende des Romans:

Weißt du, im Nachhinein war’s schon cool, was uns der Dolimar beigebracht hat, auch wenn mir vorkommt, dass ich schon alles vergessen hab. Ich vermiss das Marianum sogar ein bissi, weißt du, einfach so in der Schule sitzen und etwas beigebracht bekommen, über, keine Ahnung, Eposse oder Minnelieder. Es war schon super, eigentlich.“

Und Till sagt dann eben:

Spinnst du? Es war die Hölle, du Idiot!

Tja, man kann beides brauchen, muss fast beides im Auge haben, Altes und Neues.

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LITERATUR: Kohei Saito – Systemsturz

Was haben Bundespräsident Frank-Walter unser aller Steinmeier und der japanische Philosoph Kohei Saito gemeinsam? Ganz wenig, aber dennoch: Es sind – bei Steinmeier: „vielleicht“ und bei Kohei Saito: „sicher“ – Bedenken beim Gedanken an die ewige Gewinnmaximierung zu Gunsten von Anteilseignern. Also Bedenken gegenüber dem blanken Kapitalismus, den wir alle leben.

Der japanische Philosoph Kohei Saito einerseits: Er würde grundsätzlich sagen: Weg vom Kapitalismus! In seinem „radikalen“ Buch „Systemsturz“. Der „Gebrauchswert“ muss es sein, nicht der kapitalistische „Marktwert“! Der bloße Marktwert ist Kapitalismus, in dem wir (noch) leben. Der Gebrauchswert ist für die Rettung der Welt entscheidend, nicht der „Marktwert“. Der bloße Marktwert interessiert vor allem den Anteilseigner, der einfach verdienen will, egal bei welchem Produkt. Dem Marktwert ist der eigentliche Gebrauchswert eines Produktes völlig egal, auch wenn alles – die Welt – kaputt geht. Kohei Saito untersucht vor diesem Hintergrund in seinem Buch „Systemsturz“ ganz grundsätzlich den „Kampf“ zwischen Kapitalismus und Naturerhaltung – den die Natur verlieren wird.

Frank-Walter unser aller Steinmeier andererseits: Er, den ich hier einmal kurz daneben stelle, spricht über eine „kleine Münze“ INNERHALB DES Kapitalismus, ein Mosaiksteinchen: Bei Frank-Walter unserem Steinmeier war es eine kleine Rede, eine Rede über eine evtl. neue Rechtsform, die sogenannte „Verantwortungsgesellschaft“, die „GmbH-VE“. Ein kleines Pflänzchen, bei dem man merken kann, dass vielleicht ein gewisses Unwohlsein gegenüber dem brutalen Kapitalismus mitschwingt. Siftungsähnlich, ohne Gewinnausschüttungen. Immerhin. Etwas mehr an Verantwortung (des Unternehmens) könne ja ruhig sein – wenn auch nicht nur für die Natur. HIER die Rede von Frank-Walter.

Steinmeiers Ansatz wäre für Kohei Saito völlig irrelevant. Eine neue Rechtsform und dann weiter so! Kohei Saito hat ein Buch geschrieben, mit dem er fundamental Systemkritik am Kapitalismus übt. Er steht AUSSERHALB DES Kapitalismus. Das ist eine andere Dimension. Wertvolle Überlegungen, alles muss bedacht werden!

Schon ist man jedenfalls mitten im Kern des Buches von Kohei Saito: Kapitalismus und unsere Welt! Kann man durch – kleinere oder auch größere – Änderungen des Kapitalismus die Welt noch retten? Oder ist grundsätzlich der Kapitalismus – der Gedanke des ewigen Wachstums – die Ursache für die Zerstörung der Welt? So sieht es Kohei Saito mit seiner eigenen, nicht immer leichten, aber guten Argumentation in seinem Buch „Systemsturz“.

Kohei Saito hat also über den elementaren Widerspruch, den er zwischen Kapitalismus (also ewigem Gewinnstreben) und der Erhaltung der Welt sieht, das Buch mit dem deutschen Titel „Systemsturz – Der Sieg der Natur über den Kapitalismus“ geschrieben. Das Buch ist kürzlich (im August) in Deutschland erschienen. In Japan war es schon ein rasanter Erfolg: Schnell waren 500.000 Exemplare verkauft.

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima, März 2011, hatte Kohei Saito auf ein Phänomen aufmerksam gemacht, das überdeutlich im Raum stand, wie ein Elefant im Raum. Wie kommt es, so fragte er sich – damals 24 Jahre alt, Student der Philosophie in Berlin – wie kommt es, dass kaum jemand auf die direkte Verbindung zwischen den immer brutaler zutage tretenden Problemen der Ökologie – Klimawandel, rücksichtslose Ausbeutung von Ressourcen, Ozeane voller Müll – und der Ursache dieser Erscheinungen, nämlich dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, hinweist?

In Berlin war Kohei Saito auf die Aufzeichnungen, Notizen, Briefe, Entwürfe etc. von Karl Marx gestoßen, war tief eingetaucht in die Forschung. Er arbeitet mit im Herausgebergremium der großen Marx-Engels-Gesamtausgabe.

Kohei Saito geht im Buch „Systemsturz“ immer wieder darauf ein, dass der spätere Karl Marx nichts zu tun hat mit dem gescheiterten kommunistischen System der Sowjetunion. Karl Marx hat im Laufe seines Lebens gravierende Änderungen an seinen Theorien erlebt. Während er etwa ursprünglich dachte, der Kapitalismus, der „Produktivismus“, müsse sich austoben, um dann zum Kommunismus zu führen, hat er von der Idee des Austobens des Kapitalismus später Abstand genommen. Vor allem die späten Lebensjahre von Karl Marx zeigen Saito, dass Karl Marx sich immer mehr Gedanken machte über den Riss zwischen Mensch und Natur. Man muss beim Lesen dieses Buches die Offenheit mitbringen, diesen „ökologischeren“ Karl Marx anzuerkennen. Der Gedanke an Karl Marx, der sich durch das Buch zieht, stört fast ein wenig, man denkt ja an den Kommunismus der Sowjetunion. Doch davon muss man sich lösen, dann sieht man: Im Ergebnis wird Kohei Saito recht haben: Der Kapitalismus mit seinem Grundgedanken des ewigen Wachstums wird unweigerlich dazu führen, dass die Natur immer weiter ausgebeutet wird.

Auch ein „ökologischer Kapitalismus“ oder „ökologischer Keynesianismus“ würde daran nichts ändern. „Greenwashing“ als Schönrednerei ohnehin nicht. Und dann gibt es noch Überlegungen zur „Abschwächung“ des Wachstums im Kapitalismus: Selbst dieser „Degrowth im Kapitalismus“ würde aber letztlich nach Kohei Saito nichts ändern. Kohei Saito legt vielmehr dar, dass das kapitalistisches System ganz grundsätzlich verlassen werden muss! Als einzig denkbare Lösung! Durch „Degrowth im Kommunismus“. Nicht aber im Sinne des bisher bekannten kommunistischen Systems, das immer diktatorisch ist und war. Sondern im Sinne gemeinsamer Verantwortung.

Kohei Saito weiß sehr wohl, dass wir wahrscheinlich nicht imstande sind, das kapitalistische System aufzugeben. Seine Idee ist zu „global“. Was er aber empfiehlt: Lokal beginnen, im kleinen beginnen, Netzwerke schaffen. Er bringt Beispiele, die in diese Richtung gehen. Er nennt ein sogenanntes „Netzwerk der Fearless Cities“, dem mittlerweile 77 Städte weltweit beigetreten sind, auch in Afrika, Südamerika und Asien. In Europa verweist er auf Amsterdam, Paris und vor allem Barcelona. Kleine Selbstverwaltungen vor allem, um das System kapitalistische Ausbeutung abwerfen zu können. Durch die gemeinsame Verwaltung und Verantwortung für sogenannte „commons“, also Güter, die jedem Menschen unbegrenzt zur Verfügung stehen sollten.

Wie gesagt: Der Blick darf sich nicht weiter nur auf den „Marktwert“ eines Produktes richten. Für den Marktwert ist der gesellschaftliche Nutzen eines Produktes völlig unwichtig. Hauptsache „Marktwert“. Entscheidend sei der „Gebrauchswert“, der den gesellschaftlichen Nutzen widerspiegelt. Dieser Gebrauchswert muss in den Mittelpunkt rücken. Nur so können auch die Natur vor endlose Ausbeutung geschützt werden.

Das Buch „Systemsturz“ liest sich nicht immer schön, man braucht Geduld, auch Zeit, man stolpert manchmal gedanklich kurz wegen Ungenauigkeiten, es setzt sich aber in vielen vielen Details mit einer ganz entscheidenden Frage auseinander: Können wir mit dem Kapitalismus so weitermachen? NEIN, ist Kohei Saitos Meinung – die ich gut verstehe.

HIER eine Besprechung des Buches auf SWR.

Auch die Volkshochschule München kümmert sich übrigens momentan um dieses Thema: Veranstaltungen am 13.11. (HIER) und am 01. 12. (HIER) über die Gedanken „Wirtschaft ohne Wachstum“ und „Degrowth“. Vielleicht wächst die Idee, das Interesse an solchen Überlegungen und Initiativen. Kohei Saitos Gedankenspiel ist jedenfalls wahrscheinlich richtig, aber unglaublich radikal. Er selbst sieht aber – wie gesagt – in globalen Netzwerken der kleinen entstehenden Anstrengungen eine Chance.

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THEATER: Sasha Marianna Salzmann – Im Menschen muss alles herrlich sein

Ich kannte ihn nicht und habe ihn noch nicht gelesen. Sasha Marianna Salzmanns Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“. Eigentlich ist es immer schön, einen Roman gelesen zu haben, wenn man im Theater seine Bühnenadaptation sieht. Ich werde ihn nachträglich lesen und das Theaterstück noch einmal ansehen, vielleicht dann noch einmal darüber schreiben. Erst dann hat man doch die Chance, die Umsetzung des Romans auf der Theaterbühne genauer zu erkennen, dann erkennt man die Arbeit des Regisseurs, des Ensembles, des Teams.

HIER aber schon einmal eine sehr informative Besprechung des 2021 erschienenen Romans aus dem Literaturclub des schweizerischen SRG (Zürich), ein gelungener Einstieg in das Buch und das Thema, vor allem zu Beginn der Besprechung, durch die Moderatorin Nicola Steiner.

Man hört immer, es gehe hier um „das Verhältnis der Töchter zu ihren Müttern (und umgekehrt) in Umbruchszeiten“. Im Roman – und entsprechend in der Inszenierung – laufen in der Tat verschiedene Zeitepochen ab. Die Zeiten vor dem Zusammenbruch des Kommunismus bis hinein zur Zeit nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Natürlich wissen die jüngeren Generationen überhaupt nicht, wie das Leben der älteren Generation VOR dem Umbruch war und wie sich diese, als sie den Umbruch miterlebten, gefühlt hatten. Weiß ich denn, wie sich meine Eltern während des Zweiten Weltkrieges und in den vielen Jahren danach gefühlt haben? Wie sie ihr Leben empfanden, wie sie die riesigen Umbrüche der Zeiten VOR, IM und NACH dem Zweiten Weltkrieg erlebt hatten? Man weiß es ja im Grunde nie. Ich würde das Thema des fehlenden Verständnisses der Generationen nicht einmal auf Umbruchszeiten begrenzen. Dennoch, das ist das Thema bei Sasha Marianna Salzmann.

Auch Sasha Marianna Salzmann, die Autorin des Romans, kannte ich noch nicht. Sie war Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater Berlin und leitete dort von 2013 bis 2015 die Studiobühne. Der Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ ist ihr zweiter Roman, er stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2021. Ihr erste Roman stand sogar auf der Shortlist.

Der Roman wurde sogar schon mehrfach auf die Bühne gebracht. Etwa in Hamburg beim Thalia Theater (dort noch zu sehen am 28. Oktober und am 01. Dezember, HIER der Link zur Stückeseite beim Thalia-Theater mit Trailer) oder in Magdeburg und Nürnberg.

Der Roman hat starke autobiografische Züge. Marianna Salzmann wuchs in Moskau auf. Im Alter von zehn Jahren emigrierte sie (1995) mit ihrer Familie als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland.

Zur Inszenierung des Romans an den Münchner Kammerspielen:

Jan Bosse, Regisseur des Stückes, experimentiert wieder nicht viel herum, er bringt gerne „klassische“ Ensemblearbeiten auf die Bühne, meist eng angelehnt an die Buchvorlage. So war es bei seiner Inszenierung „Effingers“ vor zwei Jahren und so ist es sicher auch hier. Das Bühnenbild, die Kostümierung, die Personen, sehr getreu gehalten an der Buchvorlage, rein realistisch, fast dokumentarisch. Man folgt in diesem sehr realistischen „Rahmen“ über etwas mehr als drei Stunden in mehreren Zeitsprüngen vor und zurück den Personen. Mütter, Töchter, ihre Männer. Im Zentrum steht Lena, wie immer überzeugend gespielt von Wiebke Puls. sie wächst im Kommunismus in der Ukraine auf und lebt später nach der Wende in Deutschland. Wiebke Puls spielt dementsprechend in Zeitsprüngen, mal als Jugendliche, meist als 50-jährige oder bis dahin. Sie war ausgebildet als Ärztin, in ihrem neuen Leben im Westen arbeitet sie als Krankenschwester. Auch schon ein Thema für sich!

„Mittelpunkt“ kann man andererseits kaum sagen. Das ist vielleicht ein Kennzeichen des Abends: Man folgt der Gruppe der Menschen, wie sie in dieser Zeitspanne miteinander umgeht. Man folgt nicht besonders einer dieser Personen! Man könnte auch sagen: Gerade die beiden Personen, die im Stück so gut wie NICHTS sagen, alles auf der Bühne nur stumm beobachten, stehen irgendwie im Mittelpunkt: Die Großmutter (Lisa-Katrina Mayer) und die Enkelin (Maren Solty).

Mein Eindruck: Es ist ein „bunter“ Abend, bei dem der Kern des Themas alles bestimmen soll, aber fast etwas untergeht. Das mag am Roman liegen. Es blieb ein bisschen das Gefühl, dass zwar die Geschichte des Buches erzählt wird, aber das Thema nicht greifbar genug verdeutlicht wird, es nicht präzise genug angepackt wird. Muss es auch nicht, so ist vielleicht auch das Buch, und so ist es an diesem Abend eben eine sehr personenbezogene Erzählung über das Leben der Personen dreier Generationen, der Frauen vor allem, auf der Bühne der Münchner Kammerspiele. Eine ähnliche Herangehensweise hat Julian Bosse ja auch schon bei seinem letzten Stück an den Münchner Kammerspielen den Effingers, gewählt.

Auffallend insoweit allenfalls: Die Ankündigung des Stückes auf der Website der Münchner Kammerspiele (HIER der Link zur Stückeseite), die meines Erachtens manches nicht richtig trifft: Zwar spielt etwa das Ensemble für kurze Zeit an Instrumenten, ich würde es aber deswegen nicht gleich so nennen, wie man es auf der Website der Kammerspiele liest:„Eine musikalische Theaterzeitreise mit dem Ensemble als Liveband.“ Auch eine weitere Aussage trifft es meines Erachtens nicht ganz: „Das Stück führt uns ins Herz der Umbruchzeit und weiter zu der Frage, ob wir heute nicht wieder eine Zeitenwende erleben.“ Und ähnliches, was m. E. den Punkt nicht ganz trifft.

Es bleibt aber eine schöne Ensemblearbeit, ein eher herkömmliches Theatererlebnis, das Buch sollte man vielleicht dazu lesen. Es tut auch immer gut, die Schauspielerinnen und Schauspieler der Kammerspiele zu erleben! Wiebke Puls, Edmund Telgenkämper, oft wunderbar! Auch andere. Theater brauchen Identifikationsfiguren!

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic

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THEATER DER ZEIT: Johan Simons – Dialog mit dem Tod

Auch dieses Jahr gibt es von der Zeitschrift „Theater der Zeit“ wieder eine Ausgabe, in der die Premieren sehr vieler deutschsprachiger – nicht nur der „großen“ – Theaterhäuser in Anzeigen angekündigt werden. Die Ankündigung der kommenden Premieren ist, soweit ich höre, in zwei Ausgaben der Zeitschrift „Theater der Zeit“ aufgeteilt.

Die erste Ausgabe, in der man Ankündigungen von kommenden Premieren sieht, ist das diesjährige Arbeitsbuch des Verlages. HIER der Link zur Produktseite des „Arbeitsbuches“. HIER der allgemeine Link zur Verlagsseite, auf der viele theaterbezogene Inhalte zu finden sind.

Die Texte des Arbeitsbuches können online gelesen werden! Es ist ein Arbeitsbuch über (und für) Johan Simons, herausgegeben von Susanne Winnacker. Zunächst zu den Premierenankündigungen (1.), dann noch zum Inhalt des Arbeitsbuches (2.).

  1. Ankündigungen von Premieren: Zu finden sind Ankündigungen aus folgenden Theaterhäusern:
  • Theater Bonn
  • Schauspiel Köln
  • Kampnagel
  • Badische Landesbühne
  • Theater Biel, Solothurn
  • Theater Plauen, Zwickau
  • Theater Eisleben
  • Theater Senftenberg
  • Nationaltheater Weimar
  • Theater der jungen Welt Leipzig
  • Schauspiel Essen
  • Theater Konstanz
  • Theater Gütersloh
  • Tiroler Volksschauspiel
  • Theater Naumburg
  • Theater Bielefeld
  • Landestheater Detmold
  • Landesbühne Niedersachsen Nord
  • Theater Paderborn
  • Uckermärkische Bühnen Schwedt
  • Puppentheater Magdeburg
  • Bühnen Bern – Schauspiel
  • Volkstheater Rostock
  • Schauspielhaus Bochum

Zusätzlich sind Festivals angekündigt:

  • Mülheimer Theatertage
  • Impulstanz (bereits vorbei)
  • Zürcher Theaterspektakel
  • Ruhrtriennale (hat begonnen)
  • Internationales Sommer Festival Kampnagel
  • Kunstfest Weimar

Termine von ersten Premieren finden sich online auf der Website des Verlages Theater der Zeit: HIER der Link.

2. Zum Inhalt des Arbeitsbuches für Johan Simons:

Man braucht Zeit, um die sehr ausladenden Texte über Johan Simons und seine Arbeit zu lesen. Noch dazu sind sie in diesem Arbeitsbuch sehr klein und in großen Textblöcken geschrieben. Und noch dazu sind sie teilweise recht kompliziert geschrieben. Das wiederum liegt vielleicht daran, dass jeweils sehr genau auf die Gegenstände, über die geschrieben wird, eingegangen wird. Die Texte haben insgesamt eher Buchqualität. Es bedarf große Konzentration. Man hätte durchaus daraus ein Buch über Johan Simons machen können.

Auf Einzelheiten der Texte kann ich hier nicht eingehen. Ich lese immer noch. Immer wieder kommt man auf die Arbeitsweise von Johan Simons zurück. Die Stille, die Ruhe, das Zusehen, das braucht er. Daraus erwächst in ihm wohl das tiefe Gespür dafür, was er will und was ihm fehlt, worum es ihm geht. Auch Johan Simons hat einen Text beigetragen. Außerdem Sandra Hüller, Jens Harzer, Stefan Hunstein, Elsie de Brauw (die Lebensgefährtin von Johan Simons), Susanne Winnacker (stellvertretende Intendantin des Schauspielhauses Bochum) und und und. Seit der Spielzeit 2018/2019 ist Johan Simons bekanntlich Intendant des Schauspielhauses Bochum.


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LITERATUR: Nicholas Mathieu – Leurs enfants après eux (Wie später ihre Kinder)

Ich empfehle gerne Bücher und hier habe ich wieder eines, das ich wirklich empfehlen kann. Ein großartig geschriebener französischer Roman über das Leben mehrerer Jugendlicher, damit aber natürlich „am Rande“ auch über das Leben ihrer Eltern etc. Der Roman hatte 2018 in Frankreich den Prix Goncourt gewonnen, die höchste Literaturauszeichnung in Frankreich. Eine Freundin hatte mir das Buch empfohlen.

Der Roman betrifft zwar genau genommen das Leben der Personen in Frankreich, wo arm und reich sicher deutlicher zusammentreffen als in Deutschland. Aber im Grunde gilt er auch für Deutschland, denke ich.

Im Klappentext des Buches heißt es:

Ein Ort in der Provinz, im Osten Frankreichs. Stillgelegte Industrie. Unerträgliche Hitze. Eine Gruppe Jugendliche, ohne viel zu tun, die ihre Sexualität entdecken, Bier trinken, Moped fahren oder dealen. Langeweile. Konflikte mit und zwischen den Eltern. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Nicolas Mathieu schreibt über die am Rande Liegengelassenen. Über vier Sommer begleitet „Wie später ihre Kinder“ Anthony, Hacine und ihre Freunde beim Erwachsenwerden in einer Welt der Reihenhaussiedlungen und Durchschnittsstädte – einer Welt, in der ihnen nichts geschenkt wird und an der sie dennoch hängen. Ein Gesellschaftsroman über das vergessene Frankreich der 1990er.

Das beschreibt es gut. Ich habe das Buch sogar auf Französisch gelesen. Ich hatte als Student ein Jahr in Lausanne/französische Schweiz gelebt und dort Französisch gelernt. Manchmal – nicht oft – lese ich heute noch Bücher auf Französisch. Klar, ich muss viele Wörter nachblättern, aber dank http://www.leo.org funktioniert es unkompliziert, das IPad liegt beim Lesen immer auf dem Schoß! So auch hier, aber es hat sich gelohnt!

Das Schöne an dem Buch ist: Es werden – in vier Teilen des Romans, betreffend die Jahre 1992, 1994, 1996 und 1998 – wunderbar real, authentisch, einfach, mit schöner Sprache, immer wieder mit ganz banalen Dialogen, die Personen und die Situationen geschildert, die für sich gesehen jeweils nicht aussagekräftig sein mögen – die aber durch das Gesamtgeschehen und für die Entwicklung der Personen allesamt ihre Bedeutung haben. Ein Motorrad wird geklaut, das ist ein wenig der Beginn. Der Roman taucht tief ein in das Leben der jungen Protagonisten und ihrer Familien. Es ist eine Leistung, alles so authentisch schildern zu können! Ich war – trotz der „Banalitäten“ der Ereignisse – immer weiter gespannt darauf, wer sich wie weiter entwickelt, bis zur letzten Seite.

Die schönen klaren Schilderungen werden dann wiederum immer wieder durchzogen von Passagen, in denen einfach über das Feeling der betreffenden Personen geschrieben wird oder auch allgemein Ausführungen zur ihren Lebenssituation, zu ihren Problemen, zur gesellschaftlichen Situation der „abgehängten“ Familien (in Frankreich) gemacht werden. Man weiß manchmal gar nicht, ob es Schilderungen und Eindrücke aus den Augen des Autors sind oder direkt aus den Augen der betreffenden Personen. Und wie gesagt: Warum soll es in Deutschland den jungen Leuten anders gehen? Dass meist rein französische Themen den Rahmen bilden, klar, der französische Nationalfeiertag, die französische „Equipe“ im Finale der WM, aber es spielt letztlich keine Rolle.

Man liest nur positive Rezensionen zu diesem Buch! Etwa wie in der „Neuen Züricher Zeitung“, der NZZ vom 31.12.2019:

„… ein Roman, der auch als „hyperrealistische Erzählung“ oder Parabel in der Tradition Albert Camus‘ gelesen werden kann … grandios.“

Es ist eine schöne und lehrreiche Urlaubslektüre, ich wollte das Buch kaum mehr weglegen.


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THEATER: Alles Katastrophe- Bühnen von Martin Zehetgruber

Auf der letzten Seite des Bandes heißt es: „Seit 40 Jahren prägen die vielfach ausgezeichneten Bühnenwelten des Österreichers Martin Zehetgruber die europäische Theaterszene. Das Buch zeichnet seinen Werdegang nach und versammelt Stimmen von künstlerischen Wegbegleitern aus den verschiedenen Gewerken.“

Beim Verlag „Theater der Zeit“ ist ein Buch erschienen, das Theaterfreunde interessieren wird: „Alles Katastrophe Bühnen – Martin Zehetgruber“, 271 Seiten. Herausgeberin ist Judith Gerstenberg, Dramaturgin mit langjähriger Zusammenarbeit mit Martin Zehetgruber. Viel aus dem Archiv von Martin Zehetgruber. Mit diesem Band lernt man – gerade durch die Texte – viel über mögliche Wirkungen von Bühnenbildern.

Auch auf der diesjährigen Ruhrtriennale ist Martin Zehetbauer wieder dabei. Die Ruhrtriennale 2023! Sie findet vom 10. August bis zum 23. September statt. HIER der Link zur Website. Martin Zehetgruber wird das Bühnenbild für die Inszenierung von William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ gestalten. Es ist eine Koproduktion mit dem Burgtheater Wien, an dem Martin Zehetgruber fest arbeitet. Dortiger Intendant ist ja sein alter Freund und erster Weggefährte Martin Kusej. Die Inszenierung „Ein Sommernachtstraum“ ist in der kommenden Spielzeit am Burgtheater Wien zu sehen.

Regie zur Inszenierung von „Ein Sommernachtstraum“ führt übrigens Barbara Frey, die auch sehr viel mit Martin Zehetgruber zusammengearbeitet hat und derzeit die künstlerische Leiterin der Ruhrtriennale (HIER) ist. Sie hat auch in dem Buch, das ich hier vorstelle, geschrieben.

Und: Auch Judith Gerstenberg ist auf der Ruhrtriennale vertreten: Sie ist die Dramaturgin des Stückes „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ von Fjodor Dostojewski mit Nina Hoss. HIER der Link.

Zum Buch „Katastrophe“ zunächst:

Mir selber sind aus diesem umfangreichen Bildband leider nur zwei Inszenierungen mit Bühnenbildern von Martin Zehetgruber bekannt: „Der Weibsteufel“ von Karl Schönherr, hier Fotos aus dem Bildband:

Dieses Bühnenbild ist für Nicholas Ofczarek das „wahrscheinlich beste Bühnenbild, in dem ich je gespielt habe“.

Und die Inszenierung „Automatenbuffet“, bekannt auch durch das Berliner Theatertreffen:

Die Bühnenbilder von Martin Zehetgruber haben in der Regel besondere Auswirkungen auf die SchauspielerInnen (auf sie oft geradezu Auswirkungen körperlicher Art, liest man) und auf die ZuschauerInnen. Kostümbildnerin Heide Kastler sagt:

„Ihn (Martin Zehetgruber) interessiert das Abgründe im Menschen. Er trifft mit seiner Raumsetzung immer den Kern der Geschichte, der visuell für die Zuschauer erfahrbar wird. Er überhöht, übertreibt und reduziert gleichzeitig. Ich denke zum Beispiel an „Weibsteufel“. … Die Baumstämme (siehe oben): „Resultat einer Katastrophe“ … „Damit hatte er das Herz des Stücks freigelegt.“

Es sind überhaupt meist düster gehalten Bühnenbilder. Entsprechend vielleicht seiner Kindheit, seiner Jugend, der Familie. Der frühe Verlust des Vaters, der soziale Absturz …

Wasser ist außerdem ein zentrales Element seiner Bühnenbilder. Auch das wohl vergangenheitsbedingt. Die zerstörerische Kraft von Wasser. Das Eindringen in den Raum und in den Menschen. Die Körperlichkeit von Kälte, Wärme, Nässe, Schwierigkeit…

Mit Martin Kusej verbinden ihn die Aktivitäten und Zusammenarbeiten in den jungen Anfangsjahren, aber auch später. Sie haben teils mit unglaublichem Aufwand viel experimentiert, einiges ist zeitlich mittlerweile vielleicht nicht mehr so zu sehen. An 70 der insgesamt über 110 Inszenierungen von Martin Kusej war Martin Zehetgruber als Bühnenbildner beteiligt.

Man muss wahrscheinlich wochenlang in diesem Buch blättern … lesen … sich die einzelnen Bühnenbilder ansehen. Auch wenn die Fotoaufnahmen nicht immer bester Qualität sind. Es ist komplex. Schade nur, dass man doch die allermeisten Bühnenbilder nicht gesehen hat. Aber man bekommt so zumindest einen besonderen Blick für das Bühnenbild!

HIER der Link zur Website des Verlags „Theater der Zeit“.

Copyright der obigen Bilder: Burgtheater/Georg Soulek („Weibsteufel“) und Archiv Martin Zehetgruber („Automatenbüffet“)

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LITERATUR: Byung-Chul Han – Vom Verschwinden der Rituale (Eine Topologie der Gegenwart)

Die Gesellschaft beobachten, das kann Byung-Chul Han. Speziell mit unserer neoliberalen, rein kapitalistischen Lebensform geht er dabei oft hart ins Gericht und blickt scharfsinnig auf deren Zustände und Entwicklungen. Kritische Blicke sind immer gut und notwendig! Auch in dem Buch „Vom Verschwinden der Rituale“ geht es um den Zustand der neoliberalen Gesellschaft.

Es geht aber nicht etwa um eine nostalgische „Verteidigung“ von Ritualen. „An ihr (der Genealogie des Verschwindens der Rituale) entlang „zeichnen sich vielmehr die Pathologien der Gegenwart ab.“ Das schlanke Büchlein ist in zehn kleine Kapitel unterteilt. Ich fasse sie hier einzeln – sicher etwas vereinfachend – zusammen:

  • 1. „Zwang der Produktion“: Es beginnt damit: Auf der ständigen Jagd nach neuen Reizen, Erregungen und Erlebnissen verlieren wir die Fähigkeit zur Wiederholung. Es muss immer etwas Neues sein. Gerade auch den neoliberalen Credos wie Authentizität, Innovation oder Kreativität wohne ein permanenter Zwang zum Neuen inne. Sie erzeugen letzten Endes nur Variationen des immer Gleichen. Das Alte, das Gewesene, das eine „erfüllende Wiederholung“ zulasse, werde beseitigt, denn es stelle sich der Steigerungslogik der Produktion entgegen. Wiederholungen aber stabilisieren das Leben. … Wiederholungen sind tief, nicht flach. Und: Das neoliberale Regime vereinzele die Menschen. … Der Zwang der Selbstproduktion rufe eine Krise der Gemeinschaft hervor.
  • 2. „Zwang der Authentizität“: Dann: Jeder performe sich immer mehr selbst. Narzisstische Störungen nehmen heute deshalb zu, weil wir immer mehr den Sinn für soziale Interaktionen außerhalb der Grenzen des Selbst verlieren. Der Kapitalismus sagt uns: Produziere Dich!
  • 3. „Rituale des Schließens“: Alles ist additiv, nichts ist final. „Additiv“ oder „narrativ“ stellt Byung-Chul Han gegeneinander. Wir kennen keinen „Schluss“ mehr: Ohne die Negativität des Schlusses komme es aber zur endlosen Addition und Akkumulation des Gleichen, zum Übermaß der Positivität, zur „adipösen Wucherung der Information und Kommunikation“. Alles bleibe vorläufig und unfertig. Die Unfähigkeit zum „Abschluss von etwas“ habe mit Narzissmus zu tun. Denn das Getane, das Abgeschlossene stehe ja als Objekt fertig für sich, unabhängig vom Selbst. Daher vermeide das Subjekt, etwas zum Abschluss zu bringen.
  • 4. „Fest und Religion“: Jetzt die Kritik am Arbeitswahn der neoliberalen Gesellschaft: Kann uns die reine Form, das nutzfreie Spiel, das Ritualisierte, helfen oder retten? „Angesichts des zunehmenden Zwangs der Produktion und Leistung sei es eine politische Aufgabe, vom Leben einen anderen, spielerischen Gebrauch zu machen. Das Leben erhalte das Spielerische nur zurück, wenn es sich, statt sich einem äußeren Zweck zu unterwerfen, auf sich selbst bezieht. Fest und Religion seien ohne den Zwang zur Produktion. Zurückzugewinnen sei nämlich die kontemplative Ruhe. Wird dem Leben nämlich gänzlich das beschauliche Element genommen, so ersticke man im eigenen (additiven) Tun. Der Sabbat weise etwa darauf hin, dass die kontemplative Ruhe, die Stille essenziell für die Religion ist. Wir erkennen das Leben nur in der Ruhe, im nutzfreien Spiel. In dieser Hinsicht sei die Religion etwa dem Kapitalismus „diametral entgegengesetzt“. Der Kapitalismus liebt die Stille nicht. Die Stille wäre der Nullpunkt der Produktion, im postindustriellen Zeitalter, der Nullpunkt der Kommunikation. Also: Der Kapitalismus führt uns am Leben vorbei.
  • 5. „Spiel um Leben und Tod“: Spiel? Warum Spiel? Das Leben insgesamt sollte mehr Spiel sein, nur dann sei es das „Leben“! Spiel hat Regeln, ist Ritual, hat aber keinen Inhalt. Die Glorie des Spiels gehe mit der Souveränität einher, die nichts anderes bedeute, als frei sein von Notwendigkeit, vom Zwang und Nutzen.“ Man unterscheide zwei Arten von Spiel, das starke und das schwache Spiel. Nur das schwache Spiel sei anerkannt in einer Gesellschaft, in der das Nützliche das vorherrschende Prinzip geworden ist. Das starke Spiel hingegen lasse sich nicht mit dem Prinzip der Arbeit und Produktion vereinbaren. Es setze gar das Leben selbst aufs Spiel. Souveränität zeichne es aus.
  • 6. „Ende der Geschichte“: In diesem kurzen Kapitel geht Byung-Chul Han noch drastischer davon aus, dass der Mensch „das Resultat seiner eigenen Arbeit“ ist. Er zitiert auch andere Philosophen. Hegel etwa erfasse die Arbeit geradezu als das „Wesen des Menschen“. Er gibt dann noch einen Schritt weiter: Nur durch Arbeit entstehe für den Menschen überhaupt „Geschichte“: Die schöpferische Erziehung des Menschen durch die Arbeit (auch die Bildung) schaffe die Geschichte, d.h. die menschliche Zeit. Und er geht dann noch einen Schritt weiter: Das Leben als Arbeit finde sein Ende wiederum nur im „rituellen Leben“. Hier kommt er auf die Japaner, die schon sehr rituell leben. Denn Rituale setzen einen frei vom Diktat der Arbeit.
  • 7. „Reich der Zeichen“: Auch die Sprache unterliege ja, zeigt er dann, dem Diktat der Arbeit. Sprache solle heute nur noch „arbeiten“, Information vermitteln, nicht etwa „spielen“! Eine Art Kernkapitel des Buches. Ein Gedicht wäre etwa Spiel. Der Gegensatz zwischen Inhalt und Form wird hier von Byung-Chul Han klar formuliert. Rituale seien reine Form, eine Geschenkverpackung, ohne Aussage. Demgegenüber trete der Inhalt schnell moralisierend auf. Die Form nicht, sie sei nicht Moral, der Inhalt aber, der wolle meist Moral sein. Die Tendenz sei heute: Es zählt nur der Inhalt, das Moralisieren, die Form spiele keine Rolle mehr. Das führe wiederum zur Verrohrung und zum Verlust der Form! Es kommt ja auf den Inhalt an, die Form ist egal, sagt man sich. Auch Verlust der Höflichkeit etwa. Und so kommt es auch zum Verlust des „gemeinsamen Nenners“ einer Gesellschaft. Laut Byung-Chul Han ist „eine Ethik der schönen Formen zu verteidigen“.
  • 8. „Vom Duell zum Drohnenkrieg“: Sogar Kriege, zeigt er noch auf, waren früher „Spiel“, getragen von Form und Regel, sie waren damit auch getragen von „Respekt“ vor dem Gegner. Sie waren gleichberechtigter Kampf mit Regeln und Schicksal. Heute? Krieg sei nur noch Verbrecherjagd! Vor allem Drohnenkriege: Die Degradierung und Inkriminierung des Gegners zum Verbrecher sei heute die Voraussetzung für die gezielte Tötung, die einer Polizeiaktion gleiche. Die duale Beziehung zwischen den Kampfgegnern wird aufgehoben.
  • 9. Vom Mythos zum Dataismus: Schweres Kapitel. Das Datenzeitalter ist Totalwissen, aber auch Totalkontrolle. Mythos war früher „Erzählung“, Dataismus sei nur noch „Zählung“. Der Mensch gibt das Denken ab. Auch das Denken, selbst das Philosophieren, hatte früher Spielcharakter, Wettkampfcharakter. Dataismus ist heute dagegen reine Produktion, immer mehr. Denken war früher Wettkampf und Verführung, Dataismus heute dagegen sei nur noch „Porno“ (siehe nachfolgend).
  • 10. Von der Verführung zum Porno: Zuletzt zeigt Byung-Chul Han noch, dass das Verschwinden der Rituale sich heute auch im Sexuellen zeigt. Früher gab es noch die Verführung als einen „rituellen Zweikampf“. Ein ritueller Zweikampf mit Machtelementen, aber ohne intime Psychologie, nur mit „Fantasie für den Anderen“. Diese Fantasie verschwindet durch den Porno heute. Die pornographische Lust sei wiederum nur noch Produktion, ohne Geheimes, narzisstisch. Und: Alles wird sichtbar, nichts bleibt Schein oder Fantasie.
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OPER/THEATER: Claudio Monteverdi – Il Ritorno, Joan Didion – Das Jahr magischen Denkens

Auch diese Produktion ist Teil des Festivals „Ja, Mai„ der bayerischen Staatsoper. Über die erste Produktion „Hanjo“ und über das Festival insgesamt habe ich im vorherigen Beitrag geschrieben. HIER der Link dorthin. „Festhalten oder Loslassen“, „Erwartungen“, „Warten“, das sind die thematischen Programmworte des diesjährigen Festivals.

Das Festival:

HIER noch einmal der Link zur Festivalseite auf der Website der bayerischen Staatsoper mit dem Programm für den Festivalmonat Mai. Das Festival läuft natürlich bis Ende Mai. Und HIER der Link zur Stückeseite von „Il Ritorno/Das Jahr magischen Denkens“ auf der Website der bayerischen Staatsoper.

Das Thema Warten:

Warten wir nicht immer auf etwas? Mal sind es 20 Jahre (etwa bei Homer und Claudio Monteverdi), mal sind es 3 Jahre (etwa in der Oper Hanjo, HIER meine Besprechung), mal ist es 1 Jahr (etwa im Buch „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion), mal ist es ein einziger Tag (etwa im Buch „Ulysses“ von James Joyce – ein Werk ohnehin, das ich in seiner Komplexität in jedem Satz Wort für Wort geradezu als ein „Weltwunder“ bezeichne! Das letzte Kapitel, der Molly-Monolog der wartenden Frau von Leopold Bloom, heißt auch „Penelope“!), mal ist das Ende noch offen (zuletzt im Theater: In den Stücken „Green Corridors“ (Münchner Kammerspiele, HIER der Link zu meiner Besprechung) und „Odyssee“ (Schauspielhaus Düsseldorf, auf dem Münchner Festival „Radikal jung“, HIER der Link zu meiner Besprechung) ging es zeitgemäß um ukrainische Frauen und ihr Warten auf/ihr Bangen um ihre Männer oder Familienmitglieder.

Die Kombination von Theater und Oper:

Nun, die zweite Produktion des Festivals, „Il Ritorno/Das Jahr magischen Denkens“ (daneben gibt es zahlreiche Veranstaltungen, Podcasts etc. mit Bezug zu den Themen), konfrontiert – zusätzlich zu den genannten Themen – die Oper frontal mit dem Theater. Auch das passt aber schon zum Thema der „Erwartung“: Bei Theater weiß man fast nie, was einen erwartet – bei Oper weiß man es fast immer! Oper bleibt fast immer klassisch nach festen Regeln aufgeführt. Nichts Neues! Darf oder kann man Oper überhaupt ändern? Für die Konfrontation Oper/Theater sorgt hier nun der außerordentlich erfolgreiche Theaterregisseur Christopher Rüping.

Zwei Elemente also:

  • Die Oper „Il Ritorno von Monteverdi“: Es geht fast schulmäßig um Odysseus und Penelope, Penelope’s 20 Jahre langes Warten auf Odysseus. 10 Jahre Troja, 10 Jahre Irrfahrten des Odysseus. Fast harmlos und schön wird es in der Oper erzählt. Claudio Monteverdis Oper war ja eine der ersten Opern überhaupt! Begleitet wird sie von zarter barocker Musik. In der hiesigen Version ist die Oper natürlich stark gestrafft, sie hätte sonst alleine schon 3 Stunden gedauert.
  • Joan Didions Buch „Das Jahr magischen Denkens“: Das Leben ändert sich von einer Sekunde auf die andere. Die Schriftstellerin Joan Didion schildert ihr Jahr nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes beim Abendessen. Sie kann nicht von ihm loslassen, lebt in der Erinnerung und denkt, er kommt zurück. Joan Didion wird von drei Personen gespielt: Wiebke Mollenhauer, Damian Rebgetz und Sibylle Canonica.

Die Inszenierung:

Die beiden Elemente kombinieren sich an diesem Abend Stück für Stück. Es beginnt ganz ganz vorsichtig und steigert sich, mehr und mehr verweben sich beide Bestandteile. Christopher Rüping überrascht damit allerdings nicht vollständig, er kombiniert eher die bekannten – auch das Theater betreffend schon fast „klassischen“ – Elemente beider Genres miteinander. Das Theatergenre mit leerer und offener Bühne (immer wieder gut!), einer Videowand, der Kamera auf der Bühne, herauf- und herunterschwebenden Personen, dem Gang der SchauspielerInnen in den Zuschauerraum einerseits. Das Operngenre natürlich mit schönem Gesang, schöner Musik, Opulenz vortäuschendem Bühnenbild, klassischen Auftritten (etwa der Verehrer von Penelope) andererseits. Beide Bestandteile sind aber nicht klar getrennt voneinander, das Schöne ist die ansteigende Verschränkung beider Genres. Gegen Ende hebt sich die Verschränkung wieder auf: Odysseus nimmt seine geliebte Penelope wieder in den Arm. Wiebke Mollenhauer, Sibylle Canonica und Damian Rebgetz, Joan Didion verkörpernd, schauen im Hintergrund tieftraurig zu. Der Ehemann von Joan Didion kommt ja schließlich nicht zurück! Und Odysseus wird ja gespielt von Charles Daniels, der auch den verstorbenen Ehemann von Joan Didion spielt.

Das barocke „kleine“ Cuvillestheater eignet sich natürlich sehr für die barocke Oper, obwohl ich es insgesamt schade fand, dass der Abend nicht auf der großen Bühne des Nationaltheaters stattfand! Dort wäre es vielleicht eher – schon in der Vorbereitung – ein großer Wurf gewesen/geworden! Im Cuvillestheater bleibt es ein „kleiner Wurf“. Manches wirkte in der Tat ein wenig nach „kleinem Wurf“: Das Bühnenbild etwa, das für die „Opernteile“ des Abends geschaffen wurde, besteht aus einigen dünnen Holzwänden, die herein oder herabgefahren werden. Die Maskierung von Odysseus zum alten Mann auch sehr „griffig“, eher lustig. Aber man kann natürlich nicht immer den „großen Wurf“ erwarten! Schade aber, bei Christopher Rüping erwartet man mittlerweile eben immer viel! Vor allem auch bei dieser schönen Besetzung!

Ich fand nur zeitweise die beiden Themen „Das Warten von Penelope auf Odysseus“ einerseits und „Das Jahr von Joan Didion nach dem Tod des Ehemannes“ andererseits nicht sehr gut zueinander passend! Das war für mich das Problem des Abends. Penelope „wartet“ ganz anders! Sie hofft noch auf das Leben ihres Odysseus. Der Mann von Joan Didion dagegen war nun einmal gestorben. Das hat die Verschränkung der Genres aus meiner Sicht erschwert.

Schauspielerisch:

Der Part der Penelope wird sehr schön und wunderbar klar gesungen (soweit ich das beurteilen kann) von der Schwedin Kristina Hammarström, besonders hat auch die junge Australierin Xenia Puskarz Thomas überzeugt! Joan Didion wiederum wird, wie gesagt, von den drei SchauspielerInnen Wiebke Mollenhauer, Sibylle Canonica und Damian Rebgetz gespielt. Alle drei wieder sehr gut, besonders Wiebke Mollenhauer und Damian Rebgetz, die immer für etwas Besonderes im Theater stehen! Sie strahlen immer eine riesige Selbstverständlichkeit auf der Bühne aus. Auch sie spielen aber teilweise fast zurückhaltend, abgesehen von Szenen, in denen sie sich außerordentlich „ins Zeug legen“ (Stichwort Tränen!).

Fazit:

Eine vielschichtige, interessante Verschränkung beider Genres, auch wenn es durchaus noch „verwirrender“, „überraschender“ hätte ausfallen können! Aber es wird nicht die letzte Operninszenierung für Christopher Rüping bleiben!

Hier ein Video mit Erläuterungen von Christopher Rüping:

Copyright des Beitragsbildes: Wilfried Hösl

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LITERATUR: Andreas Maier – Die Heimat

Es ist der 9. Band der 11-teiligen Reihe „Ortsumgehung“, an der Andreas Maier seit Jahren schreibt. Es ging bisher mit köstlichen Schilderungen, die wir alle, die wir in seinem Alter sind, bestens nachvollziehen können, ein wenig erinnernd an Thomas Bernhard, um das Leben von Andreas Maier in der Provinz in der Wetterau bei Frankfurt.

Seit 2010 kann man Andreas Maier bei seiner Ortsumgehung begleiten. Vom Zimmer seines Onkels in Bad Nauheim in Das Zimmer über das Zuhause in Das Haus, dann über die Friedberger Schuljahre in Die Straße ging es weiter zu seinen ersten Liebes- und Schreibversuchen in Der Ort und Der Kreis und zu seinen Jugendjahren in Die Universität, dann geht es weiter über seine Familie in Die Familie, schließlich über erste Reisen weg aus der Wetterau in Die Städte und jetzt übergreifend über seine Gedanken zur Heimat in Die Heimat.

Ich habe sie alle gelesen. Wer Thomas Bernhard mag, wird auch Andreas Maier mögen. Es ist nicht etwa ein unbedingt ähnlicher Schreibstil, es ist die Tatsache, dass mit einem schönen Abstand, mit Ironie, aber auch mit Ernst, mit klarer und einfacher, aber mit – durch die köstlichen Schilderungen – gewitzter Sprache viele Dinge des Alltagslebens herrlich geschildert werden. Man hat es selbst mindestens ähnlich so erlebt oder beobachtet.

Der Roman „Die Heimat“ wiederum ist nicht zu Unrecht dem Filmemacher Edgar Reitz gewidmet. Dessen bekanntes Filmepos „Heimat“ , eine insgesamt 60-stündige Filmreihe, schildert zumindest, ist mein Eindruck, schwerpunktmäßig die Zeit des 1. und des 2. Weltkriegs in der Provinz, im fiktiven Ort Schabbach im Hunsrück. Andreas Maier schließt in gewisser Weise an dieses Filmepos an, bei ihm geht es – seinem Lebensalter geschuldet (er schreibt ja über sein Leben) – allein um die Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Auch bei ihm geht es um die Provinz in Deutschland, seine Wetterau bei Frankfurt a. M. – beginnend, wie gesagt, in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ich wollte mir bei dieser Gelegenheit das Filmepos von Edgar Reitz auch gleich ansehen, es ist mir leider noch nicht gelungen. Mal sehen.

Die Betrachtungen von Andreas Maier in „Die Heimat“ sind nun demgemäß eingeteilt in vier Abschnitte: Die Siebziger, die Achtziger, die Neunziger und die Nuller. Die Zwanzig-Zehner kommen dagegen nicht mehr vor. Man kann vermuten, dass Andreas Maier das Buch „Die Heimat“ (jedenfalls zum Teil) schon zu Beginn seiner Serie „Ortsumgehung“ geschrieben hatte, also vor mehr als zehn Jahren.

Die Siebziger: Andreas Maier beschreibt hier, wie in der Bundesrepublik Deutschland zunächst im Grunde die Vergangenheit hauptsächlich verschwiegen wurde. Sie blieb auch ihm in seinen jungen Jahren ein Mysterium.

Die Achtziger: Andreas Maier beschreibt dann, wie das Fremde auf Deutschland zukam, auch auf sein Leben in der Wetterau. Italiener, Türken, Osteuropäer, Exilanten auch in der Wetterau, in Friedberg – der Bülent, der Hassan, der Ali – es gab Schüleraustausch etc. Die Bedeutung von „Heimat“ wurde eher geprägt durch die beharrliche Abgrenzung vom „Anderen“ und dem Unverständnis. Erst herrschte eher Angst davor, dann entstand vielleicht Interesse. Dann gab es aber doch die Aufklärung über die eigene schreckliche Vergangenheit, den Zweiten Weltkrieg und die Deutschen, über den Holocaust – in der Schule. Dann kommt Andreas Maier zum Film von Joachim Fest „Hitler“, Hitlerdarstellungen werden „salonfähiger“, auch die Zeiten des NATO- Doppelbeschlusses und der RAF werden gestreift, bevor es den Mauerfall gab. Verwirrung.

Die Neunziger: Seine Freundin/Cousine Ortrun aus der ehemaligen DDR, seine Fahrt Anfang der Neunziger nach Meißen. Schwarze Fassaden. Wieder kam also „Anderes“ dazu, das man verstehen müsste, die Ostdeutschen, die Russlanddeutschen. Dann aber im heimischen Gemeinderat ein Vertreter der NPD. Die Entwicklung ging aber weiter, sie ging dahin, dass man auch in der Provinz immer mehr über die weite Welt erfuhr, allerdings nun aus dem Fernseher. Man musste nicht mehr Angst haben, auch wenn Unverständnis herrschte, es waren zwar wieder schreckliche Geschehen (Jugoslawien, Irak etc.), aber es waren jetzt ja nur Bilder und Berichte aus der Ferne.

Die Nuller: Noch einmal geht es Andreas Maier sehr um die Juden, weil es nie Juden zu sehen gab in Friedberg. Dann stellt er seine Fahrt zur Vergangenheit dar, eine spontane Eingebung, er wohnt ja immer noch in der Wetterau, jetzt mit seiner Frau, er fuhr zu einem alten Wirtshaus, das der mysteriöse Onkel J. immer besucht hatte. Dort wird schließlich die Pissrinne auf der Toilette wichtig, darin kulminiert im Grunde abschließend der Begriff HEIMAT. HEIMAT bleibt ganz banal das eigene Leben, das eigene Bedürfnis, und immer die Vergangenheit, auch wenn sich alles andere so sehr verändert.

Mit einem für Andreas Maier typischen kurzen Epilog endet der Roman: Die Arbeiter an der Ortsumgehung um Friedberg herum, die nicht verstehen können, was der Andreas will. Sie arbeiten weiter. Sie, die seine Vergangenheit, seine Heimat verbauen, eine Umgehungsstraße bauen, so dass die späteren Benutzer der Ortsumgehung nicht einmal mehr seine Heimat sehen müssen oder sehen werden. Sie können sie „links liegen lassen“. Es geht eben immer weiter und Altes wird umgangen.

Von Edgar Reitz gibt es das Zitat: „Heimat ist immer etwas Retrospektives. Ein Gefühl des Verlusts.“ Das ist vielleicht auch die Leitlinie von Andreas Maier.


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LITERATUR: Teresa Präauer – Kochen im falschen Jahrhundert

Über Romane von Teresa Präauer hatte ich zweimal im Blog geschrieben. Zuletzt über „Das Glück ist eine Bohne“ und davor über „Oh Schimmi“. „Oh Schimmi“ war eine köstliche Erzählung über einen recht verschrobenen Jungen. Den Erzählungen in „Das Glück ist eine Bohne“ fehlte dagegen dann irgendwie diese schöne Ironie und der Witz, der die Erzählung „Oh Schimmi“ prägte. Nun gut, ich habe ihren neuen Roman „Kochen im falschen Jahrhundert“ gelesen.

Wer über etwas lesen möchte, was er bestimmt schon gemacht hat, liegt nicht falsch bei diesem kleinen Roman. Gut überschaubar und leicht lesbar. Keine komplizierte Storyline, keine schwer verständlichen Handlungen oder sonderbare Personen. Es ist die Beobachtung und Schilderung des Verlaufs einer kleinen Einladung von Freunden zum Abendessen – die Schilderung ist dabei gemischt mit Erinnerungen an die Vergangenheit der Erzählerin und mit kürzeren allgemeinen Beobachtungen zur Welt. Das Prägende ist: Ansatzpunkt sämtlicher Überlegungen im Roman sind die Speisen und Getränke – frühere und heutige, deren Zubereitung, deren Zutaten, deren Orte, die Hilfsmittel zur Zubereitung etc., daher der Titel des Romans. Alles hängt an Speisen und Getränken.

Der Rahmen: Man trifft sich zur Einladung in der relativ neu bezogenen Wohnung eines Paares (der „Gastgeberin“ [sie ist die Erzählerin] und ihres „Partners“). Die Schilderung der kleinen Einladung besteht aus 32 kurzen „Kapiteln“. Die Gastgeberin hat eine Quiche vorbereitet (oder besser: Sie bereitet die Quiche während des Abends zu), es kommt ein befreundetes Ehepaar (der „Ehemann“ und die „Ehefrau“) und ein „Schweizer“ (ohne seine „Freundin“, die keine Zeit hat). Man verfolgt die Gespräche und Handlungen der Personen, durchaus mit unterschwelligem Humor (weil die Gastgeberin alles locker hinnimmt). Man lernt die beteiligten Personen damit ein wenig kennen, ein wenig. Das ist also der äußere Rahmen des neuen Romans der Österreicherin Theresa Präauer.

Man folgt in diesem Rahmen einer zentralen Überlegung: Wie kann man mit alleinigem Blick auf die Speisen und Getränke der Zeit Dinge der Gegenwart und der Vergangenheit schildern? Wie kann man allein von Speisen und Getränken ausgehend auf Überlegungen allgemeiner Art kommen? Die Zahl der in diesem Buch genannten Speisen und Getränke und aller möglichen sonstigen Wörter, die mit der Zubereitung von Speisen und Getränken und mit allerlei um sie herum zu tun haben, ist kaum zu ermitteln! Oft hängen kleine Erinnerungen der Erzählerin an! Teresa Präauer spricht sich selbst dabei mit „Du“ an („Erinnerst du dich?“). Sie geht bei ihren Überlegungen und Beobachtungen nicht in die Tiefe, sondern verfolgt den groben Faden, sich immer wieder an Speisen und Getränke zu erinnern, zu orientieren, immer daran. Alles hängt an Speisen und Getränken.

In der Tat: Speisen und Getränke begleiten uns täglich und unser Leben lang! Selten verbinden wir allerdings unsere Erinnerungen und Überlegungen mit ihnen. Genau dies geschieht aber in diesem Büchlein. So mischt sich das kleine Alltagsgeschehen der geschilderten Essenseinladung (die nicht etwa „der Erzählung wegen“ ausufert!) mit vielen kleinen Erinnerungen, allgemeinen Gedanken und kurzen Beobachtungen zur heutigen Welt oder zur Entwicklung der Welt überhaupt. Das Buch ist angenehm, leicht, da eben immer das Schöne am Essen und Trinken mitschwingt, nichts Trauriges, es ist nicht deutlich von Humor getragen, sondern eher von Kulinarik, vielleicht schwingt aber ein ständiges Lächeln mit. Nach dem Motto: Das Essen und Trinken prägte und prägt immer unser Leben!

Also ein nettes Mitbringsel bei einer Einladung!

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LITERATUR: Andreas Maier – Wäldchestag

Seit ich „Wäldchestag“ von Andreas Maier vor vielen Jahren (2002 erschienen) zum ersten Mal gelesen hatte, habe ich alle weiteren Bücher von Andreas Maier gelesen. Und das sind mittlerweile einige.

Er ist einer meiner Lieblingsautoren geworden. Ich mag unaufgeregte Geschichten, nichts Gestelztes, das einfache Lebens, das dann durch eine irgendwie besondere Sichtweise interessant geschildert wird. Es steckt ja im Grunde immer alles in allem, auch in kleinsten und banalsten Situationen.

Andreas Maier liest sich in diesem Buch „Wäldchestag“ auch ein bisschen wie Thomas Bernhard. Thomas Bernhard hatte ja eine ähnliche Herangehensweise: Nichts passiert, aber Thomas Bernhard konnte darüber höchst vorzüglich schreiben.

Er hat über Thomas Bernhard promoviert. Er schreibt also – früher tatsächlich manchmal an Thomas Bernard erinnernd, mittlerweile mit einem sehr eigenen Stil – köstlich über banale Einzelheiten, die viele LeserInnen wahrscheinlich genau so erlebt haben werden. Jeder geht ja einmal über eine Straße.

Andreas Maier stammt aus der Wetterau in Hessen, der Begriff „Wäldchestag“ kommt von „Wald“, es ist ein jährliches Waldfest in der Nähe von Frankfurt!

Anfangs hatte Andreas Maier in seinem schriftstellerischen Tun noch die Wetterau als Ort des Geschehens seiner Romane verlassen. Der (ebenfalls sehr köstliche) Roman Klausen spielt im norditalienischen Ort Klausen neben der Brennerautobahn. Der spätere Roman Sanssouci spielt in Potsdam.

Im Lauf der Jahre hat sich Andreas Maier schriftstellerisch mehr und mehr in die Wetterau zurückgezogen. In einer Reihe von elf kleinen Büchlein erzählte er in den letzten Jahren über seine dortige Kindheit und Jugend. Ein bisschen auch über sein Studium in Frankfurt. Die Reihe ist noch nicht ganz abgeschlossen.

HIER der Link zur Autorenseite von Andreas Meyer beim Suhrkamp Verlag.

In dem Roman „Wäldchestag“ geht es um den alten Sebastian Adomeit, einen intellektuellen Einzelgänger, der in Niederflorstadt in der Wetterau lebte und nun dort gestorben ist. Alle sind aufgeregt und verärgert, da seine Beerdigung ausgerechnet am Pfingstmontag und die Testamentseröffnung am Pfingstdienstag, dem „Wäldchestag“, stattfinden. In den Gesprächen der Beteiligten, denen man folgt, geht es immer wieder um Gerüchte über den Sonderling Sebastian Adomeit, der als Konsumverweigerer in gewisser Weise immer neben dem üblichen Geschehen im Dorf lebte. Niemand kannte ihn richtig, viele meinen aber, ihn doch gekannt zu haben oder interpretieren ihn. Und man verfolgt das ständige Gerede der Einwohner übereinander, jeder wundert sich Im Grunde immer wieder über den anderen, man versteht ja den „anderen“ nie.

Der Roman ist schon deshalb besonders, weil er von Beginn an bis zum letzten Wort (Seite 315 der Taschenbuchausgabe) in indirekte Rede, im Konjunktiv, geschrieben ist. Wie etwa: „Er habe dann gesagt, er sei müde, und sei gegangen. Zuhause habe er noch ein Bier getrunken“ oder ähnlich. Alles wird erzählt aus Sicht eines Bekannten von Adomeit, dem Antragsteller.

Und das Buch ist besonders, weil es in diesem Buch keinen einzigen Absatz gibt. Es sind drei Kapitel, alle sind aber komplett ohne Absatz durchgeschrieben. Man könnte meinen, das sei beschwerlich. Ist es aber nicht.

Das Buch entwickelte sich auch jetzt wieder bei mir geradezu zu einem „pageturner“, obwohl es wahrlich nur um Banalitäten geht. Man will wissen, was im Testament von Sebastian Adomeit steht. Man erfährt es erst auf den letzten Seiten. Man will wissen, was alles bis zur Testamentseröffnung passiert – oder nicht passiert, wer was denkt usw.

Auch das ist dabei köstlich: In den banalste Szenen und Gespräche werden immer wieder die weisesten Weltanschauungen der verschiedenen Beteiligten geäußert.

Für mich war es also wieder eine Lesefreude!

Hier eine Leseprobe:

Und HIER der Link zur Buchseite von „Wäldchestag“ beim Suhrkamp Verlag.

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Alles Gute für das kommende Jahr!

Ich wünsche heute allen einen ruten Gutsch und alles Gute für das Neue Jahr 2032!

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SONSTIGES: Elfriede Jelinek – Der Film

Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen – so heißt der Film, der derzeit (ACHTUNG – sicher nicht mehr lange!) in ausgewählten Kinos zu sehen ist. Der Film ist natürlich interessant für Theaterfreunde, obwohl Elfriede Jelinek ihre Stücke ja nicht speziell für die Bühne geschrieben hat. Zu ihren Texten gibt es aber immer schon Inszenierungen.

Ich kenne leider nur zwei Inszenierungen zu ihren Texten: „Am Königsweg“ (Inszenierung am SchauspielHaus Hamburg, HIER ein Trailer) und „Wut“ (Inszenierung an den Münchner Kammerspielen). Einar Schleef war wohl ihr Lieblingsregisseur. An weitere Inszenierungen ihrer Texte an den Münchner Kammerspielen (etwa die Werke Rechnitz, Die Straße, die Stadt, der Überfall, Das schweigende Mädchen) kann ich mich irgendwie nicht mehr erinnern, obwohl sie an den Münchner Kammerspielen liefern.

In diesem Beitrag bringe ich einige Links, die es ermöglichen, Elfriede Jelinek vielleicht ein wenig zu verstehen. Schwer genug!

HIER etwa ein Gespräch mit Elfriede Jelinek nach dem Tod von Einar Schleef.

Und hier bei dieser Gelegenheit zunächst ein schöner Song aus der Inszenierung „Am Königsweg“, gesungen von Benny Claessens: Die Inszenierung vom SchauspielHaus Hamburg, war ja eingeladen zum Berliner Theatertreffen. Ausschnitte von „Am Königsweg“ sieht man über den Link unten zum „weiteren Porträt“. Claessens kann wahrlich nicht singen, aber trotzdem:

Den Film „Elfriede Jelinek“ hatte ich mir am vergangenen Sonntagmittag im Münchner Theatiner Filmtheater angesehen, das einem schon wegen seiner Kleinheit, seiner – gewissermaßen -„Zurückgezogenheit“ und seines ausgewählten Programmes immer wieder gefallen kann! HIER der Link zur Website des Kinos.

Die Regisseurin und Autorin des Films „Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“, Claudia Müller, sagt in einem Gespräch über ihren Film (HIER das Gespräch), sie möchte den Zuschauer hungrig zurücklassen mit der Idee: „Ich möchte etwas von Elfriede Jelinek lesen“. So ist es auch! Man kann Elfriede Jelinek nach diesem Film natürlich in keiner Weise vollständig – wenn überhaupt – verstehen. Auch ich werde mir sicherlich demnächst ein Buch von Elfriede Jelinek zur Hand nehmen.

In zumeist auffallend ruhiger Art und Weise versucht der Film jedenfalls, der Person Elfriede Jelinek näher zu kommen. „Auffallend ruhig“ deshalb, weil die mir bekannten Inszenierungen ihrer Texte auf der Bühne zu recht unverständlichem Chaos und zu Wildheit neigten. Die Steiermark, ihre Heimat. Elfriede Jelinek ist ansich ja bekannt dafür, dass sie alles andere als Ruhe gibt, doch der Film schafft oft Ruhe und damit Konzentration auf sie und ihre Texte. Im Film werden Ausschnitte aus ihren Texten von SchauspielerInnen wie Ilse Ritter, Sandra Hüller, Stefanie Reinsperger etc. zitiert. Der Film versucht nicht, das Leben von Elfriede Jelinek chronologisch abzuarbeiten, es sind jede Menge Zeitsprünge enthalten. Es beginnt mit der Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahre 2004. Deutlich wird dann doch erst einmal gezeigt, dass ihre Kindheit und Jugend, in der sie von ihrer Mutter wohl übermäßig zu allen möglichen Kunstleistungen verpflichtet wurde, sehr prägend für ihr weiteres Leben waren und ihr diesen doch distanzierten Blick auf das Leben gegeben haben müssen. Die Sprache war – sagt sie – noch das einzige Feld, das für sie frei war.

Das Besondere ist dabei, wie sie Worte wählt, welche Worte sie wählt, wie sie sich ausdrückt! Sie hat – erlebt man auch im Film – eine unglaubliche Distanz zum normalen Leben, beschreibt es aber in vielen Einzelheiten und Tendenzen, ist also gleichzeitig dicht dran am Leben. Das ist bemerkenswert. Der Film zeigt auch, dass sie oft/meist politisch agierte. Vor allem zeigt er ihre Auseinandersetzung mit der an Österreich klebenden faschistischen Vergangenheit. Stichworte sind Haider, Waldheim, Rechnitz. Bevor der Film diese politische Ausrichtung wieder verlässt.

Elfriede Jelinek hat sich nach Erhalt des Literaturnobelpreises aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Schon an der Verleihung des Literaturnobelpreises in Schweden konnte sie nicht teilnehmen. Vor allem wollte sie vermeiden, über ihre eigenen Stücke zu reden und sie damit zu schwächen, wie sie meint. Zumindest hat sie zu dem Film „Elfriede Jelinek“ – nachdem sie ihn gesehen hatte – auf Wunsch der Regisseurin in einem Brief Stellung genommen – und sie hat auch hier wieder sehr besondere Worte gefunden. Der Brief wurde in der ZEIT und im STANDARD veröffentlicht.

HIER ist der Link zu diesem Brief.

HIER wird der Brief von Stefanie Reinsperger gelesen.

HIER ist noch ein Trailer zum Film.

Und HIER ist ein interessantes weiteres neueres „Porträt“ von Elfriede Jelinek (aus 2021) zu sehen.

An Elfriede Jelinek rauscht ihre Welt vorbei, die sie skeptisch/pessimistisch betrachtet, und sie findet zu alledem besondere, ganz besondere Worte! Nicht an Fiktionen, an ihren Realitäten arbeitete sie sich ab. Amerika, Österreich, Tourismus, Faschismus, Pornographie, vieles vieles mehr. Sie formuliert und benennt die Dinge so, wie sie kaum jemand formuliert.

HIER noch der Wikipediaeintrag zu Elfriede Jelinek, der ihre unglaubliche frühere Schaffenskraft zeigt.

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LITERATUR: Zu Risiken und Nebenwirkungen …

Der Mensch muss höllisch aufpassen. Für die heute junge und für nachfolgende Generationen wird es eine Riesenlast und eine Riesenaufgabe sein! Es sind zwei Entwicklungen. Das Eine: Täglich verschwindet eine große Anzahl von Tierarten, täglich verschwindet eine große Anzahl von Pflanzenarten, Gletscher verschwinden, die Umwelt wird unwiederbringlich zerstört! Eine schleichende Entwicklung. Das ist „nur“ das Eine.

Daneben – und da sind der momentane Krieg und die Inflation fast nur Nebensachen von (hoffentlich) begrenzter Dauer – arbeitet der Mensch mit rasender Geschwindigkeit an einer weiteren vielleicht unwiederbringlichen Zerstörung. Er arbeitet auf allen möglichen, wahrscheinlich unglaublich vielen Gebieten an künstlicher Intelligenz (KI): Eine – bei allen Vorteilen von KI – ebenfalls schleichende, fast unkontrollierbare und auch höchst gefährliche Entwicklung! Der Mensch arbeitet daran, sich selbst ad absurdum zu führen, Selbstkontrolle in immer mehr Bereichen abzugeben!

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HIER übrigens ein interessanter Artikel (aus 2020, aktualisiert im Juni 2022) zum täglichen Aussterben von Tier- und Pflanzenarten.

HIER ein weiterer interessanter Artikel zum täglichen Aussterben von Tier- und Pflanzenarten (Stand Juli 2022). Hierin heißt es:

„Die Rote Liste bedrohter Tiere und Pflanzen wächst und wächst. Die Arten sterben schneller, als die Rote Liste aktualisiert werden kann. Experten schätzen, dass pro Tag bis zu 150 Pflanzen- und Tierarten von der Erde verschwinden. Die Weltnaturschutzunion IUCN erfasst mehr vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten als jemals zurvor: mehr als 41.000 (Stand: Juli 2022). Und das, obwohl sich der Artenschutz seit Jahrzehnten um den Erhalt der Biodiversität bemüht.“

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Ich habe mich nun ein wenig dem Thema „Künstliche Intelligenz“ (KI) genähert. Zuerst habe ich zwei Bücher zum Thema gelesen. Das eine Buch zur KI war: Richard David Prechts „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“. Das andere Buch zur KI war: Matthias Pfeffers „Menschliches Denken und künstliche Intelligenz“.

Dann hatte ich noch zufällig ein Gespräch mit einer Informatikerin, die bei der Stadt München arbeitet. Sie sagte: Wir sehen nicht, was sich alles rasend schnell entwickelt! Wenn man ernst nimmt, was man hört und liest, muss man sagen: Der Mensch ist nicht „nur“ dabei, unaufhaltsam unsere Erde zu zerstören – er ist dabei, sich selbst kaputt zu machen! Zu den beiden Büchern hier meine Anmerkungen:

„Ressentiments“ gegen die Herangehensweisen beider Bücher:

Es handelt sich bei beiden Büchern vordergründig um philosophische Betrachtungen zum Thema “Künstliche Intelligenz und Mensch“. Die Titel beider Bücher legen den philosophischen Ansatz nahe. Etwas irreführend. Beim Lesen der Bücher wird klar, dass sie sich gesellschaftskritisch, fast politisch mit KI befassen. In beiden Büchern geht es um die aktuellen Entwicklungen, um die gefährlichen Veränderungen gesellschaftlicher Parameter und menschlicher Grundeigenheiten!

Der Konflikt “Künstliche Intelligenz und der Mensch“ (wie “Mensch und Maschine“) bietet natürlich einen unglaublichen Fundus von Argumentations- und Darstellungsmöglichkeiten. Auch philosophisch/gesellschaftskritisch lässt sich das Thema – fast gefährlich – dramatisch, prägnant, extrem eindrücklich und vielfältig darstellen! Beide Bücher haben mich vor diesem Hintergrund irritiert zurückgelassen. Man hat in beiden Büchern ausführlich schreckliche Entwicklungen diskutiert, hat aber keine Lösung! Es kann einem fast übel werden, wenn man alles liest. Weil die Frage „Was kann man tun?“ neben allen richtigen und wichtigen philosophischen und gesellschaftskritischen, fast politischen Erkenntnissen letztlich unbeantwortet bleibt. Sie bleibt unbeantwortet, weil es nicht möglich zu sein scheint, konkrete Antworten zu finden! Die Dinge entwickeln sich einfach.

Ein interessantes Beispiel dafür, wo uns KI hinführen wird: Ein Podcast der Münchner Kammerspiele:

https://www.dieneuesituation.de/artikel/11561-die-digitale-seele

Zu Richard David Prechts “Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“:

Eines ist klar: Richard David Precht kann schreiben und Gedanken formulieren! Zunächst geht er darauf ein, dass der Mensch nicht nur ein Wesen „logischen Denkens“ ist – so, wie es die KI mit ihren “Ja/nein“- Algorithmen ist. Der Mensch ist mehr. Er ist emotional, sensitiv, hat Zweifel, Glauben, Motive, Moral, ist unlogisch, hat Werte, Vergangenheit, Persönlichkeit, ist gemeinschaftsbezogen, er weiß von seiner Existenz und und und. Alles Dinge, die Künstliche Intelligenz nicht hat! KI kennt nicht einmal gut und böse! Aber der Mensch arbeitet fieberhaft daran, rein „logisches“ algorithmisches Denken in alle seine Lebensbereiche hineinwirken zu lassen, sich davon mehr und mehr dominieren zu lassen.

Besonders, da diese Algorithmen – immer rasanter und umfassender – „selbstlernend“ sein werden, sich also durch immer mehr Zugriff auf immer mehr Informationen komplex ständig weiterentwickeln werden, besteht diese große Gefahr, dass die Algorithmen – die wir ja alle nicht vor unseren Augen sehen – unkontrollierbar (so auch Matthias Pfeffer) unser Leben in mehr und mehr Bereichen bestimmen werden. Der Mensch wird – so Precht – zum „Haustier allmächtiger Maschinen“.

Precht schreibt auch: „Die explosionsartige Vermehrung von Codes schafft eine Lebenswelt, in der mehr Menschen tun, was Computer ihnen sagen, als dass Menschen Computern sagen, was sie zu tun haben.“ Selbst die Demokratie wird gefährdet. (Ein schönes Beispiel aus dem Buch von Matthias Pfeffer wiederum: Tage vor dem „Sturm auf das Kapitol“ in Washington verbreiteten sich im Internet im Umfeld derjenigen Leute, die sich auf den “Sturm auf das Kapitol“ vorbereiteten, massiv Werbung für Waffen!). Die freie Willensentscheidung des Menschen wird gefährdet. Technik wird – blind für die Einschränkungen, die sich damit für den Menschen ergeben – zum neuen Gott erhoben. “Explosionsartig“!

Richard David Precht beendet seine Überlegungen mit vagen Ansätzen zum weiteren Vorgehen: Er schreibt: „Wir müssen, mit einem Wort, lernen, intelligenter mit Computern umzugehen, ihre Stärken und Schwächen besser einzuschätzen, ihre sinnvollen Einsatzfelder abzustecken und ihre Chancen und Gefahren klarer zu sehen.“ Der oft (m. E. zurecht) kapitalismuskritische Richard David Precht stellt auch immer wieder auf die Zusammenhänge zwischen dem ungebremsten weltweiten Trieb zur Entwicklung unkontrollierbarer Künstlicher Intelligenz einerseits und den fatalen Wirkungen des grenzenlosen Kapitalismus/Neokapitalismus andererseits ab! Es sind ja – in der westlichen Welt vor allem – die Unternehmen, die an allem arbeiten.

Zu Matthias Pfeffers „Menschliches Denken und Künstliche Intelligenz“:

Das Buch von Matthias Pfeffer ist ähnlich angelegt, allerdings umfassender, sehr kenntnisreich in allen denkbaren Richtungen, in vielen Dingen journalistischer. Was auch gut ist! Dieses Buch gibt insgesamt einen fast noch erschreckenderen Eindruck von den Gefahren der künstlichen Intelligenz, getragen von vielen vielen Bezügen zu Einzelbeispielen, zu Äußerungen von Fachleuten, von Politikern, von Philosophen, von Künstlern, Technikgurus, KI-Entwicklern und und und. Es sind auch hier philosophische (zu allgemeine) Ansätze und genauso gut (drastische) gesellschaftskritische Beobachtungen!

Mein Eindruck wäre zwar: Im Buch von Matthias Pfeffer werden so viele Meinungen anderer Personen herangezogen, dass man manchmal gar nicht weiß, ob diese Anmerkungen nicht geradezu argumentativ „instrumentalisiert“ sind. Ein Philosoph des Mittelalters etwa konnte ja sicherlich noch nicht an KI denken. Trotzdem: Das Thema KI ist bei Pfeffer im Grunde breiter angelegt, was seine Berechtigung hat. Wir müssen uns den Entwicklungen aus vielen Blickwinkeln heraus stellen. Gesichtserkennung? Das ist das Mindeste. Wir werden von einer sich selber rasant ständig weiterentwickelnden KI immer mehr dominiert werden. Geben wir damit nicht komplett unseren Datenschutz auf? Der Begriff „Datenschutz“ ist mir da schon zu eng! Es geht um den Schutz aller möglichen persönlichen Merkmale des Menschen, um seine Verhaltensweisen, Anlagen etc, mit denen KI hantiert. “Merkmalsschutz“ müsste man sagen.

Auch Matthias Pfeffer schließt das Buch (Untertitel: „Eine Aufforderung“) mit einer Reihe von Vorschlägen zur „Eindämmung“ der riesigen Gefahren von KI. Er bringt detailliertere Vorschläge als diejenigen von Richard David Precht. Es bleibt allerdings leider auch hier schwer vorstellbar, dass diese sinnvollen, „naturgegeben“ notwendigen Vorschläge irgendwie realisiert werden könnten. Es bräuchte dazu fast schon weltweite politische Initiativen. Daneben stellt Matthias Pfeffer immer wieder auf „Vernunft“ ab – ein hohes Gut des menschlichen Denkens – und auf „vernünftigen“ Umgang mit KI. Das klingt schön, wird aber wahrscheinlich kein Gehör finden.

Aber jedes Teilchen ist ein Teilchen eines großen Puzzles. Man kann von keinem der beiden Bücher alles erwarten!

Fazit:

Die Entwicklung von KI birgt in einigen Bereichen riesige Chancen in sich. Vielleicht auch die Chance, gerade mit ihr die globalen Probleme, die Umweltzerstörung in den Griff zu bekommen. KI wird rasant weiter entwickelt werden, keine Frage. Die beiden Autoren Richard David Precht und Matthias Pfeffer sind allerdings vor allem von den riesigen Gefahren, die von ungebremster KI insgesamt für die Selbstbestimmtheit des Menschen ausgehen, überzeugt. (Auch etwa eine Frage: Was ist denn dann noch die Wahrheit? Es kommt ja nur darauf an, welche Daten eingegeben werden, mit denen die KI dann “Lösungen“ erarbeitet. Daher sind beide Bücher lesenswert, um dafür ein Gefühl zu bekommen. Die Hinweise auf die Gefahren von KI gehen bei den Äußerungen, die aus allen möglichen Fachrichtungen zur KI gemacht werden, meist unter, dort werden die Vorteile der KI betont. Das kann so nicht bleiben!

… auch wenn man nach dem Lesen der beiden Bücher eine große Portion Hilflosigkeit spüren mag, weil man nicht erkennen kann, ob und wie alles überhaupt irgendwie noch in den Griff zu kriegen ist ….

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Hier noch sehr interessante links zum Thema „ Künstliche Intelligenz aus EU-Sicht“: