LITERATUR: Juli Zeh – Über Menschen

Nicht zum ersten Mal habe ich ein Buch von Juli Zeh gelesen. Dieses Mal hat es mich nicht voll begeistert. Das mag anderen anders gehen, daher schreibe ich hier natürlich darüber. Das Thema trifft ja den Zeitgeist, die „Stadtflucht“. Das Buch hat im Kern wahrscheinlich einige autobiografische Elemente. Wie im Buch, so auch im Juli Zehs Leben: Eine Person – Dora – verlässt die Großstadt und zieht aufs Land in den in Brandenburg gelegenen, verlassen und vergessenen Ort „Bracken“ – einen „Wohnplatz“ der Gemeinde „Gleiwitz“.

Juli Zeh lebt seit Jahren in Barnewitz, einem Dorf im Havelland in Brandenburg, zuvor hatte sie über viele Jahre in Leipzig gelebt. 

Etwas ganz Persönliches dazu von mir:

Der Ort -> Barnewitz ist wahrlich nicht weit entfernt von -> Rhinow, dem Ort, in dem meine Familie mütterlicherseits in frühen Jahren ein schönes Häuschen hatte. Ich hatte es nach der Wende noch besucht. Rhinow wiederum liegt neben den -> „Rhinower Bergen“, auf denen wiederum der Flugpionier -> Otto Lilienthal damals, Ende des 19. Jahrhundert, täglich seine Flugübungen machte. Otto Lilienthal stürzte dort am 9. August 1896 ab – bei -> Stölln nahe Rhinow (in der Nähe von Barnewitz also, neben Berlin) – und starb dann auf dem Weg nach -> Berlin bzw. in Berlin. Mein Urgroßvater erlebte diesen Absturz ganz persönlich! Und er war es, der nach dem Absturz als Arzt Otto Lilienthal auf dem Weg nach Berlin begleitete. Ja, mein Urgroßvater!

Zurück zum Roman:

Juli Zeh mag diesen Roman recht schnell geschrieben haben. Er enthält meines Erachtens daher auch rein stilistisch gesehen nicht irgendeine Besonderheit, er schildert inhaltlich einfach den Ablauf gewisser Dinge. Dinge des modernen Lebens in unseren Sphären. Alles, was geschieht, entspricht dabei leider immer wieder irgendwie einem „Klischee“, das wäre mein größter Kritikpunkt. Dem Klischee über Stadtflucht. Dem Klischee über einen vergessenen Ort, der an nichts angebunden ist. Dem Klischee über die Menschen, die dort leben. Dem Klischee über die Menschen, die in Großstädten leben. Dem Klischee, wie man in welcher Situation denken oder handeln wird. Und so weiter. Immer wieder Klischees, Klischees. Ich fühlte mich leider beim Lesen dieses Buches durchgängig so, als würde ich etwas lesen, was nach allgemeiner Einschätzung „nicht anders sein kann“. Viel von diesen Klischees trifft ja zu!

Ich selber mag es aber, wenn ich etwas lese, im Grunde lieber etwas „abseitig“, nicht so erwartbar, so herkömmlich. Andererseits mag ich es, wenn ganz einfache Dinge des Lebens beschrieben werden. Aber dabei freue ich mich immer nur, wenn – allein etwa durch den Schreibstil – etwas Besonderes daraus herausgeholt wird. Dann bereichert mich das Buch.

Ja, es mag so sein, dass einfach alles so ist, wie Juli Zeh es beschreibt. Der Roman ist insoweit die gute und sicherlich weitgehend treffende Schilderung einer gesellschaftlichen Situation. Auf dem Buchdeckel heißt es dementsprechend (Zitat Denis Scheck, SWR Fernsehen): „Ein Buch, das einem die Augen öffnet für unsere bundesrepublikanische Wirklichkeit.“ So kann man es auch formulieren. Es wird so sein. Und wenn man lesen möchte, wie es ist, aus dem wilden Berlin in einen vergessenen Ort zu ziehen: Hier hat man ein gutes Lesewerk.


Juli Zeh beschreibt dabei alles wieder sehr gut, keine Frage! Man liest es flüssig und schnell, die Geschichte entwickelt einen Zug. Man hat alles gut vor Augen! „Dora“, die Hauptperson des Romans, neuerdings getrennt von ihrem in Berlin/Kreuzberg lebenden Lebenspartner (oder Ehemann) „Robert“, kommt im Laufe des Romans tatsächlich einzelnen zunächst eigenartig wirkenden Menschen, die auf dem Land um sie herum leben, näher. Aber auch etwa Robert: Man liest etwas, was man kennt. Robert ist zunächst immer mehr „ökologisch unterwegs“, fast besessen von jedem Detail, von seiner ökologischen Überzeugung. Dann kam Corona hinzu, auch das wird zu seiner Berufung! Und alle anderen, die nicht seiner Überzeugung sind, sind insoweit Trottel, sollten lieber seinen Vorgaben folgen. Das hält Dora dann nicht mehr aus. Man kennt es. Aber auch hier: Es wird geschildert, aber man erhält meines Erachtens dazu leider keine weiterführenden Gedanken.

Zum Ort Bracken: Das schwule Pärchen im Ort, der „Dorfnazi“ auf dem Nachbargrundstück – das bezeichenderweise durch eine Mauer von ihrem Grundstück getrennt ist, auch andere Bewohner lernt Dora kennen. Vieles verwundert, stört und irritiert sie, aber es entstehen Beziehungen, über ihre persönliche emotionale „Mauer“ hinweg gewissermaßen, die diesen Roman prägen. Insoweit hat dieser Roman übrigens Ähnlichkeiten zu ihrem vorherigen Roman „Unter Leuten“. Das ist jedenfalls der Weg dieses Romans: Man zieht in eine „fremde Welt“, an der einen zunächst vieles stört oder verwundert, und kommt dann doch zwangsläufig dieser Welt näher. Das ist auch der positive Aspekt dieses Romans. Hinter jedem Klischee steckt mehr und jede Welt ist berechtigt.

HIER ein Link zu einem Filmbeitrag der Sendung ASPEKTE über den Roman.

LITERATUR: Eva Schmidt – Die Welt gegenüber

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte in ihrer Literaturbeilage in diesem Frühjahr das Buch „ Die Welt gegenüber“ von Eva Schmidt in die Liste der Vorstellung der „wichtigsten Romane des Frühjahres“ aufgenommen. HIER der kurze Beitrag der FAZ. Eva Schmidts davor erschienener Roman „Ein langes Jahr“ gelangte 2016 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Sie ist Österreicherin, lebt in Bregenz.

Wer etwas Unspektakuläres lesen möchte, im Urlaub etwa, keinen Krimi, normales Leben, akkurat beobachtet und geschildert, der mag an diesem Buch Gefallen finden. Es scheint eine Spezialität von Eva Schmidt zu sein, das Unspektakuläre zu beachten und genau zu beschreiben. Schon ihr erfolgreicher Roman „Ein langes Jahr“ wird davon geprägt.

In „Die Welt gegenüber“ schildert Eva Schmidt in zwölf voneinander völlig getrennten kleinen Episoden einfach Begebenheiten aus einzelnen Leben. „Einfache Begebenheiten“ ist nicht ganz treffend, es sind mitunter sehr spezielle Vorgänge, die geschildert werden. Man versteht die Begebenheiten meist nicht ganz, Eva Schmidt schreibt zwar nicht durchgehend aus der Rolle einer entfernten Beobachterin, die die Dinge selber nicht ganz verstehen würde. Nein, es wird auch mit eben diesem kurzen Blick auf teils alltägliche Gegebenheiten geschildert, was sich die betroffene(n) Person(en) denkt/denken, in welcher Situation sie ist/sie sind. Hinter jeder Geschichte steckt ja ein ganzer Kosmos. So ist es eben, in jeder Sekunde, bei jedem Menschen ist es ja so. Aber es bleiben Ausschnitte. Vor allem bleibt das „Ende“ der geschilderten kurzen Entwicklungen meist offen. Es gibt eben kein „Ende“.

Dass das „Ende“ der Kurzgeschichten offen bleibt, verstört ein wenig, da sich während der einzelnen Schilderungen Spannung aufbaut! Es scheint ständig auf etwas zuzulaufen, oft bleibt aber das, was man vielleicht erahnt, aus. Wie so oft. Man will beim Lesen der einzelnen Geschichten mehr und mehr wissen, was sich ergibt. Am Ende bleibt aber man oft ratlos.

Der Schreibstil von Eva Schmidt ist unspektakulär. Sie wählt die Alltagssprache. Nichts Gedrechseltes, aber auch – mir etwas zu sehr – auch ohne irgendeine Besonderheit in der Darstellung. Das kann aber durchaus gefallen! Sie schildert sehr genau und mit einfachen Worten die Begebenheiten so, wie man sie meist als Außenstehender oder eine(r) der Beteiligten sieht. Immer wieder sind die Schilderungen allerdings auch getragen von den subjektiven Absichten oder Ansichten, den Gedanken, der betroffenen Personen. „Blicke von innen“, sind es dann, aber auch die sind eher nüchtern geschildert, manchmal auch direkt aus der Ich-Perspektive heraus. Auffallend ist, dass in fast jeder Geschichte jedenfalls kurz oder auch länger der Tod erwähnt wird. Er ist sogar prägend für eine Geschichte („Vielleicht nach Skagen“). Ein Friedhof, ein gestorbener Lebenspartner, Suizidgedanken …

Nun, es ist ein angenehmes „Sommerbuch“, wenn auch literarisch „harmlos“, man kann sich Stück für Stück die einzelnen Episoden vornehmen.

LITERATUR: Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist

Wer KINDER-Überraschungseier mag, wird Gefallen an diesem Buch finden! Nicht weil es kindisch wäre! Nein, weil man viele Überraschungserlebnisse hat. Eshkol Nevo, Schriftsteller aus Israel, beantwortet in seinem jüngsten Roman „DIE WAHRHEIT IST“ Fragen über das Schreiben, über sein Leben als Schriftsteller, die Entstehung der Texte, die Personen, über die er schreibt, über viele viele Dinge, die mit dem Schreiben von Büchern in Zusammenhang stehen.

Die Antworten sind Überraschungen. Immer wieder kann man gespannt sein, was er zu einer Frage erzählt.

Meine Bewertung: 8 Punkte (von 10 Punkten). Ich werde demnächst auf 20 Punkte umstellen, dann wird es differenzierter werden. 20 Punkte, das ist doch eine Freude! Ich habe in letzter Zeit zu oft 8 Punkte vergeben. 8 Punkte heißt auf jeden Fall: Schön, dass ich das Buch gelesen habe! Bei 7 und weniger Punkten dagegen hatte ich schon mehr Kritikpunkte gefunden.

Eshkol Nevos Buch „Die Wahrheit ist“ ist ein großes Interview. 111 Fragen werden gestellt und 111 Antworten gegeben! Mal kurze, mal längere. Meist sind es kurze Einblicke in Momente seines Lebens. Das Gute ist: Am Ende hat man nicht Bauchweh, nicht Zahnweh wegen süßer Schokolade, sondern einen autobiografisch zutreffenden Einblick in das Leben des israelischen Schriftstellers Eshkol Nevo. Immer vor dem Hintergrund der Fragen, die sich fast ausschließlich auf das Schreiben von Büchern und das „Drumherum“ (die Personen, Lesungen, die Sprache, die Ideen, die Verläufe der Romane, die Zeiten vor und nach dem Schreiben etc.) beziehen. Es kommt irgendwie das ganze Leben von Eshkol Nevo zur Sprache. Insoweit ist es eine schöne Art, eine Biographie zu schreiben.

Ich habe mir die Mühe gemacht, die Fragen und auch Stichworte zu den Antworten zusammenzustellen. HIER das Dokument. Es lohnt, das Dokument beim Lesen des Buches daneben zu legen oder es sich ab und an anzusehen. Man liest schließlich keine zusammenhängende Geschichte, der man folgt und bei der man immer weiß, an welcher Stelle des Geschehens man steht.

Andererseits: Viele viele Antworten gehen in verschiedensten Zusammenhängen auf eine überschaubare Anzahl von prägenden Themen im Leben von Eshkol Nevo ein. Ausgehend von der aktuellen Situation von Eshkol Nevo: Er sieht sich vor großen Verlusten in seinem Leben, darum geht es.

Das Vergängliche. Das ist immer wieder der „Aufhänger“ für seine Antworten. Die Ehe mit seiner geliebten Frau Dikla steht vor dem Ende. Sein guter Freund Ari, er kämpft mit Krebs gegen den Tod. Seine Tochter Shiva, sie ist ausgezogen. Und Weiteres. Die Antworten stehen immer wieder mit diesen wesentlichen Themen im Zusammenhang. Und mit Ereignissen und Stationen auf seinem Lebensweg. In einer Antwort etwa öffnet sich eine Tür zum Nachbarzimmer (in einem Hotel) und in einer späteren Antwort erst erfährt man, wer reinkommt.

Eshkol Nevo schafft damit etwas: Er schafft es, dass man erkennt, dass sein gesamtes Leben die Grundlage seines Daseins als Schriftsteller ist. Nicht Grundlage seiner Romane, sondern Grundlage seiner Tätigkeit. (Obwohl, Grundlage seiner Romane: Er sagt auch, dass fast alles, was er erlebt, irgendwann einmal in einer Geschichte auftaucht. Was auch ein Problem für ihn ist – und etewa für seine Tochter Shiva, die sich ungefragt in einem Roman wiederfindet) Eshkol Nevo erwähnt – vor allem neben seiner Frau Dikla – seine Eltern, andere Personen, seine Söhne, seine Tochter, Freunde, Zufälle, kuriose Erlebnisse, prägende Erlebnisse, etwas aus seiner Zeit beim Militärdienst, seinen „Berufsweg“ und und und. Die Fragen beantworten sich aus seinem Leben heraus. Eine Überraschung folgt der anderen.

Wer ist Eshkol Nevo? Wikipedia schreibt:

Eshkol Nevo ist in Israel und in Detroit, USA aufgewachsen. Er ist ein Enkel von Levi Eshkol, des dritten israelischen Ministerpräsidenten. Seinen Wehrdienst als Offizier der Israelischen Armee leistete er bis 1993 zur Zeit der ersten Intifada ab. Er studierte an der Universität Tel Aviv Psychologie. Zunächst arbeitete er danach als Werbetexter, bevor er einen Lehrauftrag in kreativem Schreiben an den Universitäten Tel Aviv und Jerusalem erhielt. Sein erster Roman, Vier Häuser und eine Sehnsucht, stand in Israel über eineinhalb Jahre auf der Bestsellerliste.

Ein weiterer Eindruck aber: Die deutsche Sprache ist – ich habe es schon mehrfach gemerkt – nicht gerade schön. Sie wirkt hart, emotionslos, es wird viel erzählt, aber an den Stimmungen der Szenen kommt nicht genug rüber, fand ich manchmal. Ich vermute jedenfalls, dass der Roman (das Interview) „Die Wahrheit ist“ in seiner Originalsprache, dem Hebräischen, schöner, einfühlsamer ist. Ich vermute, dass in der Deutschen Übersetzung die gesamte Stimmungslage der Erzählungen von Eshkol Nevo zu kurz kommt.

Das wiederum sollte nicht davon abhalten, das Buch zu lesen – besonders, wenn man sich selber mit dem Schreiben von Texten beschäftigt. Es sensibilisiert und zeigt, dass so vieles einen Einfluss darauf hat, was man macht. Das ist das Schöne an dem Buch: Eshkol Nevo zeigt, dass man den Einfluss der Dinge nur erkennen muss und dass genau das dann gelingt, wenn man die Dinge schonungslos ehrlich betrachtet. Ein wertvoller Hinweis! Und deswegen heißt der Roman: „Die Wahrheit ist“.

HIER die Seite des dtv Verlags zum Buch mit Leseprobe..

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LITERATUR: Katya Apekina – Je tiefer das Wasser

Dieser nicht leicht zu verdauende, aber beeindruckende Roman ist in der derzeitigen schwierigen Situation (Corona) möglicherweise eher unpassend. Er zieht runter! – Ich hatte ihn kurz davor gelesen, Glück gehabt!

Man hat derzeit ja genug mit Ausgangsbeschränkungen zu tun, braucht jetzt vielleicht eher etwas Erbauendes, Aufmunterndes. Aber: Es ist ein sehr guter, meines Erachtens lesenswerter Roman!

Meine Bewertung: 8 Punkte von 10 Punkten.

Ich kann ihn empfehlen und würde vorschlagen, ihn sich für eine etwas leichtere Zeit zurückzulegen. Katya Apekina mit ihrem Debutroman „Je tiefer das Wasser“. Sie ist Russin, in Amerika aufgewachsen.

Es ist eine sehr eigenwillige Story, die auch eigenwillig und gut geschrieben ist. Autobiografisch? Ich weiß es nicht. Aber all das völlig frei zu erfinden, ist sicher schwer. Der Roman ist problembeladenen, die ProtagonistInnen des Romans tragen heftige Probleme mit sich herum, die große Komplikationen verursachen:

Nach dem Suizidversuch ihrer Mutter stranden zwei Schwestern bei ihrem Vater in New York, der sich schon in jungen Jahren von ihnen zurückgezogen hatte. Trennung. Doch damit beginnen erst die Probleme.

Die komplizierte Geschichte ist vor allem aus der Sicht der beiden Schwestern, Edith und Mae, beschrieben. In vielen vielen kurzen Kapitelchen werden die Vorgänge und Gefühle der Mitwirkenden aus allen möglichen Blickwinkeln heraus geschildert. Da kommt schon einmal die Zimmergenossin im Krankenhaus, in dem die Mutter liegt, zu Wort.

Es geht schon damit los, dass der Vater von Edith und Mae vor langer Zeit die um viele Jahre jüngere Tochter eines Bekannten heiratete. Marianne wurde seine Ehefrau, die dann eben Jahre später einen Suizidversuch unternahm.

Der Suizidversuch hängt irgendwie wahrscheinlich auch mit der eigenartigen und zerstörerischen Wirkung des Mannes, Dennis, einem erfolgreichen Schriftsteller und Frauenheld, zusammen. Hinzukommt aber sicherlich auch, dass Marianne wiederum sehr unter dem frühen Tod ihres Vaters, des Bekannten von Dennis, litt und schon früh depressive oder „verrückte“ Züge entwickelte. Züge, die wiederum ihre Tochter Mae intensiv miterlebte.

Hier spielt immer wieder auch im Hintergrund eine Black-Power-Geschichte herein, die (ganz amerikanisch) Ausgangspunkt für alles ist: Dennis fuhr nämlich in jungen Jahren mit seinem Freund Fred zu einer Demonstration und wurde im Grunde von Mariannes Vater, Jackson McLean, vor Gegnern der Anreisenden gerettet. Er, Jackson McLean, wurde aber daraufhin angeklagt und starb bald darauf im Stress.

Marianne ist also die Tochter von Jackson McLean, viele Jahre später gerät nun auch die Tochter von Marianne, Mae, in den irgendwie unerklärlichen Sog des ehemaligen Ehemannes von Marianne, ihres Vaters. Der Vater zieht irgendwie Personen auf sich und zerstört sie damit in gewisser Weise.

Wie gesagt: Sehr gut gemacht ist neben den komplizierten, aber sehr gut geschilderten psychischen Situationen der ProtagonistInnen – davon gibt es wahrlich viele verschiedene! – die Art und Weise, wie die einzelnen Szenen, die sich ergeben oder schon längst ergeben hatten, geschildert werden. Es gibt immer wieder Rückblenden.

Die eigentliche Handlung spielt ohnehin im Jahr 1997, als die Mutter den Suizidversuch unternommen hatte. Diese Zeit wiederum wird aus der Sicht von Edith im Präsens geschildert, ein großer Teil des Romans betrachtet diese Phase allerdings im Rückblick, aus der Sicht von Mae, Jahre später. Ein kleiner Teil des Romans beleuchtet wiederum die Vorgeschichte der Eltern in den sechziger Jahren. Es sind, wie gesagt, immer wieder kurze Kapitelchen mit kurzen Erklärungen der jeweils beteiligten Personen, in jeweils verschiedenen Zeiten. Sehr interessant gemacht.

Die Geschichte erscheint anfangs unverständlich, alles löst sich aber im Lauf der Zeit auf. Insoweit entsteht mehr und mehr der Sog, weiterzulesen.

Um die Übersicht über die Personenkonstellation einzubehalten, habe ich wieder eine Art mind map angelegt. Ich empfehle, sich diese mind map beim Lesen des Buches zur Seite dazuzulegen. HIER das Dokument.

HIER die Seite zum Buch auf der Website des Suhrkamp Verlages mit Informationen auch zu Katya Apekina.

LITERATUR: Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

Anke Stelling hatte 2019 mit ihrem Roman „Schäfchen im Trockenen“ den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Sie stammt aus Ulm und lebt in Berlin. 2015 war ihr Roman „Bodentiefe Fenster“ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Meine Bewertung für „Schäfchen im Trockenen“: 7 Punkte (von 10)

Am 24. Februar kann man Anke Stelling – HIER ihre Website – an den Münchner Kammerspielen – in Kammer 3 – erleben. In der kleinen Reihe „Episode“ – Gespräche über Filmserien – spricht sie mit Eckehart Kröner (Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift „Merkur“) über die Netflixserie „The Crown“.

Worum es in „Schäfchen im Trockenen“ geht? Ich würde sagen: Ihr Idealismus, Sturheit, dann der Lebensstandard anderer, entstandene Unterschiede im Freundeskreis, Ehrlichkeit, Familienalltag einer Mutter von vier Kindern.

Die Protagonistin Resi, Mutter von vier Kindern. Sie spricht im Roman „Schäfchen im Trockenen“ mit ihrer 14-jährigen Tochter Bea, der Ältesten. Ihr erklärt sie alles: Das Dilemma mit dem langjährigen Freundeskreis, ihr groß gewordener Abstand zu diesem Freundeskreis, ihre Einstellungen zu vielen Dingen, ihre Lebenssituation, das frühere Verhältnis zu ihren Eltern, ihre Absichten mit ihren eigenen Kindern, etc.

Ja, um den gewachsenen Abstand zum alten Freundeskreis, um die „Unterschiede“ der Leben – alle waren doch mal so gleich! – , darum geht es. Zwei Aufhänger gibt es:

  • Erstens: Resi und ihr Mann hatten als Einzige nicht bei der Baugemeinschaft der Freunde mitgemacht – ein alter WG-Gedanke der Freunde.
  • Zweitens: Resi hat jetzt noch dazu einen Roman veröffentlicht, in dem sie (nach Auffassung der alten Freunde) offenbar viel zu deutlich mit den Freunden abrechnet. Mit der Baugemeinschaft etc.

„Schäfchen im Trockenen“ heißt der Roman dabei wohl deswegen, weil Resi an ihren Freunden beklagt – nicht nur das -, dass sie trotz all der früheren idealistischen Pläne und der Idee der Gleichheit aller jetzt nur noch dem Gefühl folgen: „Wir bringen unsere Schäfchen ins Trockene!“. Sie kritisiert es nicht nur, vielleicht beneidet sie es auch. Das bleibt etwas offen, sie sagt selber sinngemäß: „Nichts ist eindeutig“.

Resi hat eine andere Lebenseinstellung erhalten, als ihre Freunde. Es muss nicht alles nach „Standard“ laufen. Die in der Jugend erdachte Gleichheit hat sich nicht verwirklicht. Man driftet auseinander. Das will sie ihrer Tochter klarmachen, will ehrlich sein, Erfahrungen weitergeben. Sie ist ja irgendwie übrig geblieben. Auch sich selber gegenüber will sie ehrlich sein. Oft redet sie in diesem Zusammenhang auch über ihre Eltern, die ihr viel zu viel vom Leben verschwiegen hätten.

Es hat sich eben im Lauf der Jahre „die Spreu vom Weizen getrennt“. Resi lebt finanziell mit Ihrem Mann und den vier Kindern am – naja – eher unteren Rand des Möglichen. Auch über Sven, ihren Mann, redet sie. Jetzt muss die Familie auch noch die schöne Wohnung in Berlin Prenzlauer Berg verlassen, nach Marzahn rausziehen. Keine teure Urlaubsreise etc. im Gegensatz zu ihrem alten Freundeskreis und den Klassenkameraden von Bea. Die normalen Themen. Die Freunde von Resi haben zum Teil reich geerbt und sich eben auf ein eher standardmäßiges Familienleben eingerichtet. Schäfchen im Trockenen! Resi hat sie nicht im Trockenen, die „Schäfchen“, also ihr Leben, sie muss kämpfen.

Über diese Distanz, diese Ungleichheiten, ihre Ursachen, das Verhalten der Freunde, all das, darüber denkt sie nach. Überlagert wird alles ständig vom unaufhaltsamen banalen Alltagsleben einer Mutter mit vier Kindern.

Die Sprache:

Die Sprache des Romans ist literarisch nicht „hochwertig“, eher der Situation von Resi und ihrer Familie angepasst, das passt auch gut. Viele kurze Gespräche, klare kurze Überlegungen. Es ist eine einfache, natürliche Sprache. Das macht den Roman glaubwürdig, schließlich wird Resi immer wieder unterbrochen vom stressigen Alltag ihres Familienlebens. Wie es eben so ist, wie wir es wirklich kennen! Gesehen und erlebt von der Mutter! Die Sprache folgt ihren – modernen – Alltagsgedanken.

Insgesamt ist es ein fast amüsanter Blick auf die Tatsache, dass sich Leben unterschiedlich entwickeln und dass sich die entstandenen Unterschiede gerade im Freundeskreis bemerkbar machen. Freundschaft hin oder her. Idealismus hin oder her. Resi ist stolz auf ihre „Hartnäckigkeit“ – oder zweifelt sie? Es geht um die ständige Verschränkung von Idealismus einerseits und finanziellem Lebensstandard andererseits.

Sieben Punkte vergebe ich, weil einerseits das Alltagsleben von Resi und ihre Probleme, ihre Gedanken, schön verpackt sind, es ist leicht zu lesen, es mir aber etwas zu uneindeutig blieb. Aber das sagt Resi andererseits schon in den ersten Sätzen des Romans zur Tochter: „Es gibt keine Eindeutigkeit.“

Während des Lesens habe ich wieder eine Word-Übersicht zu den erscheinenden Personen erstellt. HIER der Link. Mit WORD öffnen und ansehen!

HIER der Link zur Seite des Buches auf der Website des Verbrecher Verlags.

Und HIER eine Rezensionsübersicht auf http://www.perlentaucher.de.

LITERATUR, THEATER und MUSIK: John Steinbeck – Früchte des Zorns

Ich habe wieder einmal einen Klassiker gelesen. „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck. Er hat 1962 – nicht nur dafür – den Literaturnobelpreis bekommen. UND: Am Schauspielhaus Zürich gibt es derzeit eine Inszenierung von Christopher Rüping zu diesem Buch. „Früchte des Zorns“. UND: Ein Song zum Roman folgt unten.

Meine Bewertung des Romans: 6 von 10.

ZUM THEATER:

Christopher Rüping war zuletzt Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen, hatte dort etwa die wunderbare 10-Stunden-Inszenierung „Dionysos“ auf die Bühne gebracht. HIER mein damaliger Beitrag dazu. Derzeit ist er Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich, wird aber im Januar nächsten Jahres an den Münchner Kammerspielen Bertolt Brechts „Im Dickicht der Städte“ inszenieren.

HIER der Link zur Website des Schauspielhauses Zürich, zur Stückeseite der Inszenierung „Früchte des Zorns“. Die Inszenierung wird in der Presse sehr gelobt.

ZUM BUCH:

John Ernst Steinbeck, geboren am 27. Februar 1902 in Kalifornien und gestorben am 20. Dezember 1968 in New York. Einer der meistgelesenen US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 1943 war er Kriegsberichterstatter im Zweiten Weltkrieg, 1940 erhielt er den Pulitzerpreis für den Roman „Früchte des Zorns“ und 1962 den Literaturnobelpreis.

„Früchte des Zorns“ ist ein trostloses Buch. Geschildert wird, wie eine große Familie aus dem Süden Amerikas mit einem schrottigen Lastwagen nach Kalifornien fahren will und sich bis dorthin durchschlägt. Eine lange, aufwändige Tour, die genau geschildert wird. Einige aus der Familie gehen verloren, sterben, gehen alleine weiter. Die Familie der Joads. Großeltern, Eltern, Kinder, Enkelkinder, ein befreundeter Priester, ein Onkel. Als Farmerfamilie im Süden Amerikas gab es einfach nichts mehr zu verdienen. Große Firmen kamen auf, Maschinen übernahmen die landwirtschaftliche Handarbeit, Land wurde aufgekauft.

Die Familie der Joads fällt immer mehr auseinander. Auch das Ende des Romans ist trostlos. Der lange Weg der Familie Joad wird äußerst genau geschildert. Man liest das Buch fast wie das Drehbuch eines Films. Man sieht jede Szene genau vor sich. Von der Schreibweise her nicht irgendwie auffallend, sehr realistisch, fast nüchtern beschreibend, nicht emotionalisierend, auch nicht etwa speziell die ein oder andere Person der Familie in den Vordergrund rückend. Wegen der nicht gerade prickelnden Schreibweise gebe ich auch „nur“ die Sechs Punkte auf meiner Skala.

Wie sie Zelte aufschlagen, wie sie fahren, wie sie im Lastwagen liegen, wie die Mutter kocht, wie man mit ihnen umgeht, ihre Sorgen, ihr permanenter Kampf gegen die Armut, die Tochter wird schwanger, sie reden, wie sie ihre Würde behalten wollen, alles.

Das Drama nimmt seinen Lauf, weil zur damaligen Zeit wohl Tausende von Farmerfamilien aus dem Süden in den Norden gefahren sind, um Arbeit zu finden. Als Obstpflücker, als Baumwollpflücker. Um zu überleben. Sie waren aber im Norden nicht willkommen, die „Okies“ aus Oakland etwa.

Noch dazu haben die Farmer im Norden Amerikas die Situation wohl komplett ausgenutzt. So der Roman. „Viele Zureisende“ bedeutete ja, dass ihnen Arbeit für einen Hungerlohn gegeben werden konnte. Jeder nahm ja Arbeit an. Hunger wird auch immer wieder geschildert, die Ausweglosigkeit.

Hier ein Blick ins Buch:

Ein Roman gegen brutalen Kapitalismus. Und ein Roman mit Bezug zu allen Zeiten: Vielen Menschen geht es schlecht – wir dürfen den Blick nicht abwenden.

Und HIER die Seite zum Buch auf der Website des dtv Verlags.

ZUR MUSIK:

Bruce Springsteen hat einen Song geschrieben: The Ghost of Tom Joad. Hier die Lyrics:

Men walkin‘ ‚long the railroad tracks – Goin‘ someplace there’s no goin‘ back – Highway patrol choppers comin‘ up over the ridge – Hot soup on a campfire under the bridge – Shelter line stretchin‘ ‚round the corner – Welcome to the new world order – Families sleepin‘ in their cars in the Southwest – No home no job no peace no rest – The highway is alive tonight – But nobody’s kiddin‘ nobody about where it goes – I’m sittin‘ down here in the campfire light – Searchin‘ for the ghost of Tom Joad – He pulls a prayer book out of his sleeping bag – Preacher lights up a butt and takes a drag – Waitin‘ for when the last shall be first and the first shall be last – In a cardboard box ’neath the underpass – Got a one-way ticket to the promised land – You got a hole in your belly and gun in your hand – Sleeping on a pillow of solid rock – Bathin‘ in the city aqueduct – The highway is alive tonight – Where it’s headed everybody knows – I’m sittin‘ down here in the campfire light – Waitin‘ on the ghost of Tom Joad – Now Tom said „Mom, wherever there’s a cop beatin‘ a guy – Wherever a hungry newborn baby cries – Where there’s a fight ‚gainst the blood and hatred in the air – Look for me Mom I’ll be there – Wherever there’s somebody fightin‘ for a place to stand – Or decent job or a helpin‘ hand – Wherever somebody’s strugglin‘ to be free – Look in their eyes Mom you’ll see me.“ – Well the highway is alive tonight – But nobody’s kiddin‘ nobody about where it goes – I’m sittin‘ down here in the campfire light – With the ghost of old Tom Joad

Hier ein Lifeversion, Bruce Springsteen und Tom Morello. Nach 30 Sekunden des Videos geht der Song los. Er gibt – auch von den lyrics – die Athmosphäre des Romans gut wieder! Es gibt auch eine gute Version von Tom Morello mit Roger Waters:

THEATER und LITERATUR: Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Man kann es lesen und es läuft derzeit in den Münchner Kammerspielen: „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch. Zum Buch: Rüde und frech geschrieben, eine politische Utopie, keine schöne Literatur, ein verrücktes Gedankenspiel. So kann man es vielleicht beschreiben.

Meine Bewertung des Buches (1 – 10): (5)

Man kann lachen und merkt, dass es eigentlich einen wichtigen Gedanken enthält. Literarisch ist es wahrlich nicht besonders, daher gebe ich nur fünf Punkte.

Es geht um einen steinreichen Investmentbanker, Victor, der in Frankfurt lebt, letztlich – nachdem er wieder einmal bei Vapiano gegessen hat – seinen Beruf hinschmeißt und eine politische Idee entwickelt, die gegen die sich immer mehr vergrößernde Wohlstandsschere gerichtet ist.

Copyright: Gabriela Neeb

Alexander Schimmelbusch selbst war fünf Jahre lang Investmentbanker. Er kennt die Szene bestens. Und er wird in seiner Schilderung kaum übertreiben. Ich kenne auch einen Investmentbanker, der sich nach wenigen Jahren harter Arbeit in einer Frankfurter Investmentbank auf einen wunderschönen, wahrscheinlich millionenschweren riesigen Bauernhof am Tegernsee zurückziehen konnte. Schön für ihn! Bestens renoviert, edel ….

Treffende Sätze aus dem Roman „Hochdeutschland“ sind etwa:

„Es war ein altes System, das durch zu viele Hände gegangen war, das immer wieder repariert und modifiziert worden war und nach den Tuningmaßnahmen durch den Neoliberalismus nicht mehr als Volkswagen, sondern als Zuhälter-Mercedes mit Diffusor und Flügeltüren daherkam.
Victor bezog sich auf den Neoliberalismus im umgangssprachlichen Sinne, also auf die radikale Heilslehre von der Entsolidarisierung, die in den letzten zwei Jahrzehnten lustvoll einen tiefen Keil in die Gesellschaften des Westens getrieben hatte.“

Alexander Schimmelbuschs Idee: Vermögensobergrenze für Reiche, volles Leistungsprinzip, aber dann Wohlstand für alle durch eine „unternehmerische Regierung“, die Deutschlands Position auf dem Weltmarkt sichert. In gewisser Weise ein Chinamodell: Der Staat schützt den unternehmerischen Erfolg Deutschlands weltweit durch Staatsbeteiligungen, der Staat muss sich um die Zukunft kümmern. So auch schon der letzte „Deal“ von Victor, sein Treffen mit dem Finanzminister. Die Idee entwickelt sich dann zur politischen Partei, die sogar die Regierung stellt. Usw.

Amüsant geschrieben, voll beladen mit Klischees (die aber irgendwie wahrscheinlich auch alle zutreffen), natürlich nicht politisch voll durchdacht. Allein die Vermögensobergrenze von € 25 Mio. ist ja letztlich völlig illusorisch.

Dem Buch entsprechend ist die Inszenierung an den Kammerspielen „aus Schaum gemacht“. Siehe das Bild oben. Die SchauspielerInnen waten in einer tiefen Schaummasse, die über die Bühne verteilt ist. Schauspielerisch keine Glanzleistung, es ist eher eine rednerische Erzählung des Buches, Erzählung eines Teils des Buches, abwechselnd durch die fünf SchauspielerInnen. Kaum Interaktionen.

Den Kern des Buches verstehe ich aber gut: Er hat etwas sehr Realistisches: Einerseits soll Deutschland weiterhin auf dem Weltmarkt eine Rolle spielen, damit unser Wohlstand weiterhin gesichert ist. Andererseits geht es unbedingt um das soziale Denken in Deutschland. Die Reichen müssen nicht noch reicher werden. Es geht um die, die NICHT reich sind. Usw. Insoweit lesenswert, ansehenswert.

HIER der link zur Seite des Stückes an den Münchner Kammerspielen, mit Video und vielen Fotoaufnahmen.

HIER der link zur Seite des Buches beim Rowohlt Verlag.

LITERATUR: Inger Maria Mahlke: Archipel

Das Buch ist auf jeden Fall eine Empfehlung wert. Inger Maria Mahlke hat mit ihrem Roman „Archipel“ den Deutschen Buchpreis 2018 erhalten. Der Preis wird jährlich zur Frankfurter Buchmesse vom Börsenverein des Buchhandels vergeben. HIER die damalige Begründung der Jury.

Meine Bewertung (1-10): 📚📚📚📚📚📚📚📚📚 (9)

Für den Deutschen Buchpreis 2019 gibt es bereits die Longlist. Am 17. September wird die Shortlist bekannt gegeben. Die Preisverleihung 2019 findet dann am 14. Oktober statt. HIER ist die Seite zum Deutschen Buchpreis mit allen Informationen, auch zur Longlist, und mit einem Archiv.

Meine Eindrücke zusammengefasst: Ein sehr interessanter, eigener Schreibstil – wunderbare Beschreibungen einfacher Szenen – langsam Lesen! – schwieriges Thema im Hintergrund, wer kennt schon die Geschichte Spaniens und speziell Teneriffas gut? Darum geht es aber. Folgendes:

Erstens: Alltagsszenen werden geschildert, immer wieder einfache Alltagsszenen, wie wir nun einmal leben. Aus Teneriffa, von heute zurück bis 1919. In kleinen Kapiteln werden immer wieder Blicke auf die Beteiligten Personen und ihre Zustände geworfen. Keine außergewöhnlichen Handlungen, es ist normales Leben, aber wirklich sehr schön erzählt, sehr eigen. Die Wortwahl, der Satzbau, alles etwas besonders. Deswegen: Langsam Lesen! Ein kleiner „Nachteil“: Man hat viele viele Einzelszenen schön beschriebene vor sich, aber nicht einen abgeschlossenen Handlungsstrang. Das macht es etwas schwieriger, dem Buch zu folgen. Ich habe es zweimal gelesen.

Zweitens: Bei diesen Alltagsszenen schwingt alles mit. Und genau so erzählt Inger Maria Mahlke: Inger Maria Mahlke verbindet verschiedene nicht oft zu findende Eigenheiten im Schreib- und Erzählstil. Diese Verbindung schafft – finde ich – einen literarisch gelungenen Roman: Man spürt alle Entwicklungen im Grunde nur hinter den Alltagsszenen, zwischen den Zeilen, in Andeutungen. Das Persönliche und das Politische, ebenso andere Details der Erzählung.

Ein Beispiel bringe ich: Ein Quietschen wird erwähnt und im Grunde zeigen sich darin viele Geschichten:

Erst als Eliseo den Laut hört, ein langgezogenes Quietschen, wird ihm bewusst, dass er es bereits eine Weile kennt. Die Angeln des Gartentors, jedes Mal, wenn er in den Club geht, zu Mittag wieder nach Hause kommt, abends zu seinem Spaziergang aufbricht, das Tor im Dunkeln hinter sich zuzieht. Jedes Mal, wenn Merche, nein, Eulalia, mit Strickjacke und vor der Brust verschränkten Armen Brot holen geht, der Postbote die Post bringt, ein langgezogenes Quietschen, und doch ist Eliseo sicher, es vorher nicht bewusst wahrgenommen zu haben.

Drittens: Man verfolgt viele Jahre eines Familienstammes zurück, ausgehend von Ana und Felipe mit der Tochter Rosa, zurück auf deren Eltern, zurück zum Teil wiederum auf deren Eltern, auch auf ein paar andere Personen in deren Umfeld. Teils ist es nicht leicht, sicher ein Bild von den Personen zu machen, weil man manchmal fast durcheinander kommt. Vergangenheit, Entwicklungen, Erinnerungen, Aktuelles, usw., alles spielt rein. 

Viertens: Es geht – auch das meist nur angedeutet – speziell um die Geschichte Spaniens und Teneriffas. Es wird Sinn machen, sich davor oder daneben einen kurzen Überblick darüber zu verschaffen. Etwa HIER. Es geht um Teneriffa im 20. Jahrhundert. Ich lese auf Wikipedia das, was im Buch zum Tragen kommt: 

„Die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts waren geprägt von einer fortschreitenden politischen Radikalisierung. 1936 startete der General Franco von Teneriffa aus seinen Putsch gegen die Republik.Der Spanische Bürgerkrieg erreichte Teneriffa nicht; die wirtschaftliche Isolierung unter der Diktatur wirkte sich aber aus. Das einzige Exportgut waren seinerzeit Bananen für das Festland.“

Besonders, wie gesagt, finde ich die Verbindung der Alltagsszenen mit den Eindrücken, um die es eigentlich geht. Mir hat das Langsam Lesen geholfen, das mir auch den immer wieder so schön eigenen Schreibstl deutlich machte. 

HIER ein chart über die familiären Beziehungen der beteiligten Personen untereinander, wie ich es oft mache (lässt sich auf meinem IPad nicht gut öffnen, wohl weil es eine Word-Datei ist). Es lohnt sich, das Chart daneben zu legen:

Einige Rezensionen zu dem Roman liest man im Übrigen auf http://www.perlentaucher.de, HIER.

HIER der Link zur Website des Rowohlt Verlages zum Buch.

LITERATUR: Andreas Maier – Die Familie

Andreas Maier hat den siebten Teil seiner auf elf Teile angelegten Familiensaga herausgebracht. Es geht um Autobiografisches, er ist aufgewachsen im Hessischen, in der Wetterau, in Friedberg. Ich hatte bereits das ein oder andere Mal von ihm geschrieben.

Meine Bewertung (1-10): 📚📚📚📚📚📚(6)

Bisher waren es in der Familiensaga die Titel: „Das Zimmer“, „Das Haus“, „Die Straße“, „Der Ort“, „Der Kreis“ und „Die Universität“. Jetzt ist der Romanteil „Die Familie“ erschienen. Es sollen noch die Teile „Die Städte“, „Die Heimat“, „Der Teufel“ und „Der liebe Gott“ folgen.

Im Grunde habe ich alles von Andreas Maier gelesen. Er schreibt einfach, mit leichter Anlehnung an Thomas Bernhard (er hat über Thomas Bernhard promoviert), schildert unspektakuläre Dinge, fein beobachtend, teils sarkastisch, trocken, bitter, aber auch humorvoll. Früher nicht autobiografisch, seit einiger Zeit autobiografisch. Ich sage es immer wieder: Lesenswert sind besonders, finde ich, seine ersten Werke: Wäldchestag, Klausen, Kirillow, Sanssouci etc. Jedes für sich schildert köstliche Begebenheiten („Klausen“ etwa: Der Bau der Brücke der Brennerautobahn über Klausen hinweg) und Personen mit einfachen und umso treffenderen Worten. Doch auch alle seine späteren Werke habe ich genossen. Da ist der jetzige Roman „Die Familie“ fast ein wenig eine Ausnahme: In diesem erstaunlich knappen Buch wird so viel geschildert, wofür sich Andreas Maier eigentlich, meine ich, mehr Raum gibt. Das Buch „Die Familie“ enttäuscht insoweit fast ein wenig, wenn man Andreas Maier’s trockenen und bissigen, immer auch humorvollen Schreibstil sucht. Daher nur sechs Punkte.

HIER die Seite zu Andreas Maier beim Suhrkamp Verlag. Und HIER zehn Seiten aus dem Roman „Die Familie“, gelesen von Andreas Maier.

Zum Inhalt: Im Folgenden zeichne ich ein wenig deutlicher, als sonst, den Verlauf des Romans nach – Achtung! Es geht wieder um die kleine Welt in Friedberg und letztlich um den Konflikt mit der „großen weiten Welt“, die immer wieder Bedeutung erlangt. Natürlich bleibt das lokale kleine Idyll in Friedberg nicht für immer das Idyll. Am Anfang war für ihn, für Andreas Maier, zwar noch alles schön begrenzt: Der große Garten, die (unter anderem) immer wieder waschende und kochende Mutter, der arbeitende Vater, CDU-Mitglied, die vom Vater ausgehobene Grube im Garten, das Zelt. Eine verfallene Mühle auf einem Teil des riesigen Grundstücks. Allenfalls der Blick des kleinen Andreas in die Sterne brachte eine erste Ahnung von Größerem.

Dann, in den ersten Jugendjahren, kam – der damaligen Zeit entsprechend – linkes Gedankengut im „Kinderplanet“ auf, es war von den Eltern nicht gerne gesehen, dass Andreas immer wieder dorthin ging. Ebenso war der Eingriff der Schule in die Erziehung der Kinder nicht gerne gesehen, „funktionale Miterzieher“ nannte die Mutter die Lehrer. Dann liest man vom amerikanischen Freund und spätere Ehemann von Andreas’ immer komplizierter werdender Schwester (es gibt doch einen älteren Bruder), von ihren meist unverständlichen USA-Reisen und Umzügen dorthin mit ihrem Mann und ihren Kindern, von ihren Aufenthalten dort und ihren Aufenthalten in anderen Ländern.

Die Mutter sagte nur: Was haben wir bloß falsch gemacht?

Dann liest man von „Türken“, die angeblich kurz in der Mühle gewohnt hatten (neben dem Haus, in dem Andreas aufwuchs), von „Rumänen“, die gegenüber wohnten, von Bülent, dem türkischen Freund von Andreas, von Dörte, der dänischen Ehefrau von Onkel Heinz, die offenbar Heinz sehr zu seinem Nachteil – finden die Eltern – verändert hat. Alles Dinge und Personen, die das „verwunschene“ Familienidyll in Friedberg nach Ansicht der Eltern störten. Friedberg und die Einflüsse der großen weiten Welt …. Schön wiederum, so war es doch bei vielen von uns! Und ich kann mich auch erinnern: Für Eltern war es damals alles viel suspekter, als es heute erscheint.

Und am Ende holt ihn, Andreas Maier, die vergangene Welt komplett ein: Die Nazivergangenheit der Familie. Das Idyll, das Andreas Maier in allen bisherigen Teilen seiner elfteiligen autobiografischen Familiensaga beschreibt, bricht zusammen. Alles, das ganze bisherige Leben der Familie, sei ja dann nur eine „Form des Schweigens“ gewesen. Da wird Andreas Maier fast etwas ernster, als es gewohnt ist. Wer Andreas Maier kennt, müsste sich eigentlich sagen: Auch das müsste irgendwie eine gewisse Leichtigkeit behalten. Das fällt fast schwer. In diesem Fall kann man das Buch nämlich auch so sehen, dass durchgehend etwas Schweres mitschwingt: Die Grube wie ein Grab, die Judenverfolgung, Friedberg wird „judenfrei“, ein Friedhof, etc. Andererseits: So ging es ja irgendwie fast allen deutschen Familien. Es war eben so.

Und dann folgt noch ein Epilog: Das Motto: Alles löst sich ohnehin auf. Alles wird letztlich gut, könnte man meinen, es lässt sich ohnehin nicht mehr so richtig nachvollziehen. Es bleibe nur „Schwarzweißaufnahmen“. Diese Feststellungen beziehen sich konkret auf ein Gerichtsverfahren, das sich durch den Roman zieht, sie könnten sich aber auch auf das Thema der Nazizeit beziehen.

Zum Schreibstil: Einiges habe ich oben ja schon erwähnt. Auffallend ist diesmal der ständige Wechsel zwischen Präsens und Vergangenheitsform in der Erzählung der Gegebenheiten. Das liest sich aber gut!

Mein Fazit: Es ist nicht eines der besten Bücher von Andreas Maier.

THEATER und LITERATUR: Viginie Despentes – Vernon Subutex

Ich hatte schon einmal darüber geschrieben: Über die Premiere von „Das Leben des Vernon Subutex“, inszeniert von Stefan Pucher, an den Münchner Kammerspielen. HIER mein damaliger Bericht. Ich fand es damals nicht überzeugend, hatte allerdings das Buch dazu noch nicht gelesen. Das habe ich jetzt nachgeholt und habe mir das Stück in den Kammerspielen wieder angeschaut. Heute geht es um Beides.

Meine Bewertung der Bücher (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚📚📚📚 (9)

Es sind drei Bücher. Subutex 1 – 3. Geschrieben von der Französin Virginie Despentes, die früher unter anderem in Peepshows arbeitete. Sie erhält viele Auszeichnungen für Ihre Werke. Sie schreibt unverblümt und verdammt ehrlich, in klarer und derber Sprache, Umgangston in den Gesprächen. Den Milieus entsprechend, über die sie schreibt. Und nichts wirkt gekünstelt. Das mag ich, daher die neun Bewertungspunkte. HIER der Link zu ihrer Seite bei Wikipedia. 1200 Seiten. Die Süddeutsche Zeitung schrieb einmal zurecht etwas wie: „Man will jede Seite lesen“.

Ich habe es gewagt, die drei Bücher auf Französisch zu lesen. Französisch hatte ich vor vielen Jahren in einem Studiumsjahr in Lausanne gelernt. Es wurde immer besser: Für Buch 1 hatte ich noch die deutsche Ausgabe daneben liegen. Für Buch 2 hatte ich die Seite des Onlinewörterbuchs http://www.leo.org parat. Buch 3 konnte ich schon fast wie die deutsche Ausgabe lesen. Nachzuschauen waren allerdings immer wieder die derben Wörter der Umgangssprache.

Ein deutliche Eindruck, den ich vor allem beim Vergleich der deutschen und der französischen Ausgabe von Band 1 gewonnen hatte: Seltsamerweise liest sich die deutsche Übersetzung rüder, uncharmanter, derber, fieser. Das ganze ist natürlich inhaltlich und vom Schreibstil her rüde, uncharmant und derb. So soll es aber auch sein, das ist es, was man erlebt und liest, wenn man den „Vernon Subutex“ liest. Aber in der französischen Originalausgabe hat alles eine gewisse Eleganz. Es wirkt in keinem Satz irgendwie plump. Im Deutschen wirkt es einfach plump. Ein Beispiel? Das deutsche „ficken“ heißt „baiser“ auf französisch. Ist doch irgendwie galanter, finde ich. Also: Wer kann, sollte es unbedingt auf Französisch lesen!!

INHALTLICH: Vernon Subutex, seines Zeichens Plattenhändler aus Paris, ist ohne Dach über dem Kopf. Sein Plattenladen hat Bankrott gemacht. Er kommt zunächst bei FreundInnen unter, bevor er auf Parkbänken landet. Bei einer Freundin stößt er auf brisante Tonbandaufnahmen/Videos des gestorbenen Musikers Alex Bleach. Bleach erklärt, dass es der Produzent Dopalet war, der den Tod der Ex-Pornodarstellerin Vodka Santana verursacht hatte. Dopalet will an die Aufnahmen kommen, sie aus dem Verkehr ziehen. Die Tochter von Vodka Santana, Aïcha, rächt sich kurios an Dopalet. Und so weiter. Bei alledem entsteht ein Kult um Vernon Subutex, der immer noch als begnadeter DJ wirkt. Es eskaliert.

Also: Ein erfolgloser Drehbuchautor mit Amok-Phantasien (Xavier). Eine ehemalige Drogendealerin, die zum Internet-Troll umgeschult hat (La Hyäne). Eine Professorentochter, die zum Islam konvertiert (Aïcha) und ihr darüber verzweifelnder Vater (Selim). Ein drogensüchtiger Popstar (Alex Bleach) und sein Manager (Max). Ein koksender Trader (Kiko), eine obdachlose Hundeliebhaberin (Olga) mit großem Gerechtigkeitssinn und eine ehemalige Pornodarstellerin (Pamela Kant). Ein rechtsradikaler H&M-Verkäufer (Noël) und sein Kumpel (Loïc), eine einsame Staatsbeamtin (Emilie), ein krankhafter Frauenschläger (Patrice) und eine Kellnerin mit Talent zum Tätowieren (Celeste). Sie alle und mehr bevölkern das Leben des Vernon Subutex. Sie alle träumen von einem anderen besseren Leben, auf ganz unterschiedliche Weise. 

SCHREIBSTIL: Einfach und einfach gut. Der Schreibstil und der Ton der Gespräche passen exakt zum Milieu, in dem alles spielt. Bei alledem erwischt man sich etwa auf jeder zehnten Seite dabei, von einem Thema zu lesen, das einen selber betrifft, eine Meinung zu hören, zu der man im Grunde auch etwas sagen kann, weil man sie kennt. Das liegt daran, dass Virginie Despentes viele Facetten unseres modernen Lebens schildert. Aus der Sicht von „unten“ – das Milieu des Buches – und immer wieder auch politisch. Lesen!

DAS THEATERSTÜCK: Wie gesagt, ich hatte schon darüber geschrieben. Damals dachte ich: „Das kann es doch nicht gewesen sein.“ Daher habe ich es gelesen und dann noch einmal angesehen. Und ich muss sagen: Die Inszenierung geht am Milieu vorbei, ist viel zahmer als das Buch, viel zu zahm. Aber es war eben eine Inszenierung von Stefan Pucher. Und Stefan Pucher bringt selten extrem Aufwühlendes. Er glättet mehr. So auch hier.

Gut, er versucht, den Ablauf der langen Geschichte um Vernon Subutex in dreieinhalb Stunden auf die Bühne zu bringen. Doch das Milieu und das Kulthafte der Erzählung gehen dabei meines Erachtens leider verloren. Auch die vielen sehr gelungenen Videoeinspielungen zeigen irgendwie ein anderes Milieu, als dasjenige, das Virginie Despentes schildert.

Hier eine Aufnahme der Inszenierung:

©️ Arno Declair

Und hier noch eine:

Arno Declair

Schön ist wie immer der professionelle und coole Gesang von Jelena Kuliç, die Vernon Subutex spielt. Und schön kann es sein – wer darauf Wert legt – fast alle Ensemblemitglieder der Kammerspiele auf der Bühne zu sehen. Zur Bühne noch: Sie erschien mir bei dieser Inszenierung unpassend eng und klein. Warum nicht so groß, wie die Ideen der Personen im Buch, so groß wie Paris, so groß wie die Themen, über die geredet wird, warum so eng?

Die Inszenierung wird auch in der kommenden Spielzeit zu sehen sein. HIER der Link zur Seite des Stückes auf der Website der Kammerspiele. Mit einem Video zur Inszenierung.

Auf Spotify gibt es eine Playlist mit allen Songs, die von Virginie Despentes in den Büchern erwähnt werden. HIER der Link.

LITERATUR: Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Meine Bewertung (1-10): 📚📚📚📚📚(5)

Es wurde mir sehr empfohlen, dieses Buch. Manche scheinen es besser zu finden, als ich. Mein Eindruck:

INHALT: Es geht im wesentlichen um das Leben des Ich-Erzählers Jules. Aber auch um das Leben seiner beiden Geschwister Liz und Marty, obwohl die Geschwister nach dem Tod der Eltern Jahre lang sehr getrennt voneinander leben. Sie verlieren früh in der Kindheit durch einen Unfall beide Eltern. Jules und seine Geschwister kommen ins Internat. Man verfolgt im Grunde das Leben des Ich-Erzählers bis zum frühen Tod seiner Frau Alva. Alva, die Jules schon im Internat kennen lernte. Immer wieder blendet Jules zurück in seine Vergangenheit. Zu verschiedenen Momenten, die ihn immer noch beschäftigen. Eingerahmt ist das Ganze von einem Motorradunfall von Jules, der bereits am Anfang der Geschichte erwähnt wird. Seine Geschwister fragen sich und ihn, ob es sogar ein Selbstmordversuch war, was Jules verneint.

STIL: Er hat mir nicht so gefallen. Die Geschichte ist interessant, man will weiterlesen, man will wissen, was mit wem passiert. Keine Frage. Insoweit ist es eine interessante Sommerlektüre. Für den Urlaub. Es gleitet nur immer wieder meines Erachtens in etwas zu gekünstelte Aussagen oder Gespräche an den entscheidenden Stellen. Das kann man dann natürlich „literarisch“ nennen. Ich lese aber ungern solch etwas gekünstelte Texte.

Es mischen sich die durchgehend sehr realistischen – vielleicht autobiografischen – Vorgänge in Jules Leben leider immer wieder mit etwas zu gekünstelter Sprache, fand ich. Und sofern es nicht etwas zu gekünstelt ist, ist es meines Erachtens sprachlich nicht gerade galant. Spannend, aber nicht galant oder im Stil aufregend geschrieben.

Also „Lesegenuss“ würde ich es nicht nennen. Eine interessante gute Urlaubslektüre. Man will zu Ende lesen.

HIER ein Link zur Besprechung des Buches auf der erstaunlich umfangreichen Website von Dieter Wunderlich.

THEATER UND LITERATUR: C. Bernd Sucher – Suchers Welt

Ich hatte ja kürzlich geschrieben, dass ich die sonntägliche Erläuterung von C. Bernd Sucher zu James Joyce in der Reihe „Suchers Leidenschaften“ mitverfolgt hatte. HIER mein Beitrag. Bei der Gelegenheit bin ich auf zwei relativ neue Büchlein von C. Bernd Sucher gestoßen: 49 leidenschaftliche Empfehlungen von C. Bernd Sucher zum Genre „Theater“ und 49 leidenschaftliche Empfehlungen von ihm zum Genre „Literatur“.

Vielen Dank an C. Bernd Sucher für die Exemplare! Beide Büchlein passen natürlich wunderbar in diesen Blog. Die Auflistung der Theaterempfehlungen siehe unten. Ich habe mir die Mühe gemacht, zu den Theatermenschen, über die C. Bernd Sucher schreibt, kleine Videos herauszusuchen (mal kürzere, mal längere, meist YouTube) und zu verlinken. Verlinken darf man ja. So kann man sich einen kleinen weiteren Eindruck verschaffen. Siehe unten.

Die Auflistung der Literaturempfehlungen von C. Bernd Sucher ist dagegen hier:

Eins ist klar: Es sind in beiden Fällen klassische Empfehlungen: Große Stars der Theaterwelt und große Stars der Literaturwelt. Ich selber hätte den ein oder anderen etwas progressiveren Menschen der Theaterwelt und das ein oder andere etwas progressivere Werk der Literaturwelt aufgenommen, aber dennoch. Um sich einen kleinen „Überblick“ zu verschaffen („Überblick“ insoweit, als mit C. Bernd Sucher ein großer Kenner der Materien schreibt), findet man eine schöne Auswahl in beiden Bereichen, Theater und Literatur.

Das Schöne ist auch: Es sind zwar sehr persönliche Auswahlen, aber sie ergehen sich in keinster Weise in rein persönlichen und subjektiven Statements zu den ausgewählten Menschen und Werken. Die Beschreibungen sind immer wieder informativ und interessant, getragen allerdings von großem Interesse, Vorlieben und Gefallen! Es sind ja „leidenschaftliche“ Empfehlungen. C. Bernd Sucher findet auch immer wieder Worte, die nicht übertrieben klingen, nicht abschrecken. Soweit ich die beschriebenen Personen oder Werke kenne, kann ich fast immer sagen: Treffend beschrieben, schöne Charakteristika formuliert!

Was die literarischen Werke angeht: C. Bernd Sucher schreibt nicht über die Inhalte der Werke, nicht über den Schreibstil. Er schreibt „um die Bücher herum“, schildert Umstände, wie sie entstanden sind, schildert Personen und Gegebenheiten, zitiert dann vielleicht kurz einmal raus, stellt sie in Beziehung zu anderen Werken des Autors etc. Er stellt sie immer wieder in einen interessanten Zusammenhang.

Was die Beschreibung der Personen der Theaterwelt anbelangt, fällt mir auf, dass er immer schnell auf den Kern kommt. Man bekommt ein Gefühl für das, was die Person wirklich ausmacht. Es werden Begegnungen geschildert, es wird der Lebensweg der Person dargestellt, werden besondere Erlebnisse oder Lebenseinschnitte der Person geschildert, Beziehungen zu bestimmten Theaterstücken oder Autoren genannt, Äußerungen gebracht etc. Und auch hier: Treffend und gut beschreibend, wenn ich das so vermessen sagen darf. Es sind ja immer kurze Texte. Sie kommen eben direkt auf interessante Punkte, es wird nicht um den heißen Brei herum geschrieben.

Hier, wie gesagt, sind die Links zur Theaterauswahl, schöne Videos zum Teil. Man muss die Menschen ja sehen.

HIER der link zur Seite des Buches „Literatur“ beim Droemer Knaur Verlag.

HIER der link zur Seite des Buches „Theater“ beim Droemer Knaur Verlag.

LITERATUR: Saša Stanišić – Herkunft

Ich hatte vor Jahren einen Roman von Saša Stanišić gelesen und fand ihn sehr gut: „Vor dem Fest“ hieß er. Saša Stanišić hatte – ich glaube 2016 – dafür den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Jetzt habe ich sein neuestes Werk gelesen. „Herkunft“ heißt es.

Meine Bewertung (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚 (6)

Saša Stanišić schreibt an einer Stelle: „Bin das ich? Sohn meiner Eltern, Enkelsohn meiner Großeltern, Urenkel meiner Urgroßeltern, Kind Jugoslawiens, geflüchtet vor einem Krieg, zufällig nach Deutschland. Vater, Schriftsteller, Figur. Bin das alles ich?“ Genau darum geht es. Saša Stanišić erzählt von seiner Herkunft. Nicht nur von der jugoslawischen Heimat, seinem Geburtsort, nein, vielmehr von seinen Erinnerungen, seinen Vorfahren, seinem Lebensweg, dem Lebensweg der Vorfahren. Das ist für ihn Herkunft.

Saša Stanišić schreibt in vielen kleinen Kapiteln über all das. Er schreibt immer wieder über Erlebnisse und Erinnerungen, über Personen seiner Zeit in Jugoslawien und in Deutschland.

Inhaltlich: Geboren ist er am 7. März 1978 („Ich bin in einem Land geboren, das ist nicht mehr gibt.“) – die Flucht der Mutter mit den Kindern vor dem Krieg in Jugoslawien nach Deutschland 1992 („1991 waren Zugehörigkeiten ein Zündstoff geworden.“) – der Vater kam ein halbes Jahr später nach, die Großeltern kamen 1995 nach Deutschland – sie lebten zunächst in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Heidelberg – die Eltern mussten Deutschland 1998 wieder verlassen, wanderten nach Florida aus – seine Fahrt in sein Heimatdörfchen Višegrad 2009 – Besuch eines Friedhofes in Oskoruša – Besuch der Ruine des Hauses seiner Urgroßeltern – zunehmend geht es im Verlauf des Buches um den Tod seiner Großmutter – der Besuch der Großmutter in Višegrad 2018 – die Großmutter stirbt im November 2018 – Saša Stanišić lebt aktuell in Hamburg. Das ist der Rahmen für viele kleine Erzählungen.

Es geht hin und her in den Jahren, hin und her zwischen den Personen. Manchmal nicht leicht, ich habe das Buch mehrfach durchblättern müssen, um einen Überblick zu bekommen. Ich rate dazu an, sich die Personen und Jahreszahlen im Text immer wieder kenntlich zu machen, zu markieren, dann geht das Buch auf. Saša Stanišić kommt augenscheinlich – und verständlicherweise – selber nicht leicht damit zurecht, in Deutschland/Hamburg zu leben und eine völlig andere Herkunft zu haben. Geboren in einem Land, das es nicht mehr gibt.

Der Stil des Buches: Saša Stanišić erzählt von absolut höchstpersönlichen Erlebnissen, Erinnerungen, dennoch ist das Buch nicht getragen von Emotionen. Ganz im Gegenteil: Es ist geprägt von einer nüchternen, melancholischen und irgendwie auch fast traurigen Schreibweise. Kurz gehaltene Aussagen. Nach dem Motto fast: „In was bin ich da nur reingeraten?“ Gerade das macht es aber aus. Es schwingt auch immer eine Art Traurigkeit über den Verlust Jugoslawiens mit. Manchmal allerdings etwas kompliziert geschrieben, dachte ich. Aber Stanišić kann schreiben!

Ich habe mir, wie so oft, der Übersichtlichkeit halber eine Übersicht dazu erstellt. Alles auf einen Blick. Hier kann man sie herunterladen und zum Lesen dazunehmen:

Das Buch hat dann leider am Ende einen Teil, den ich nicht mochte: Der Leser wird angehalten, sich Stück für Stück selber zu entscheiden, wie und wo er weiter lesen will. Jeder findet damit sein eigenes Ende. Warum er das macht, erschließt sich mir nicht. Interessant ist daran allerdings, dass sich Wirklichkeit und Phantasie vermischen. Es geht in diesem letzten Teil des Buches um die Frage: Wie endete das Leben der Großmutter?

Sechs Punkte vergebe ich nur, da ich das Gefühl hatte, dass ich beim ersten Durchlesen viel zu viel überlesen hatte. Ich hatte die zeitliche Orientierung verloren und bin über viele schöne Beschreibungen irgendwie hinweggehuscht.

HIER ein interessantes Gespräch auf ARD mit Saša Stanišić über sein Buch „Herkunft“.

HIER liest Saša Stanišić aus seinem Buch „Herkunft“. Man lernt ihn und ein wenig (10 Minuten) aus seinem Werk „Herkunft“ kennen.

HIER die Seite des Luchterhand Verlag es zu Saša Stanišić’s Buch „Herkunft“.

LITERATUR, MUSIK: Richard Powers – Die Wurzeln des Lebens

Erst das Buch, dann unten dazu etwas Musik. Es ist ein erstaunliches Buch, das ich empfehlen kann. Ich finde es lesenswert. Meine Bewertung (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚📚📚 (9)

Es ist eine recht besondere Art der Darstellung, es ist ein recht besonderer Schreibstil, es verbleibt ein recht besonderes Gefühl. Verschiedene Personen – die alle im ersten der drei Kapitel dargestellt werden – entwickeln sich im Roman sehr unterschiedlich, kommen aber zum Teil zusammen.. Man braucht Zeit für das Buch (ca. 700 Seiten), aber man möchte ständig weiter lesen, denke ich.

Wegen der inhaltlichen und stilistischen, der erzählerischen Qualität, es hat wenige „Durchhänger“. Alles ist im Präsensstil geschrieben, was es noch eindrücklicher macht. Es sind „normale“ Schicksale, aber mit besonderen Erlebnissen! Teilweise finden die Personen im Lauf des Romans, wie gesagt, zusammen. Richard Powers kann wahrlich gut erzählen. Ich hatte vor Jahren schon seinen Roman „Klang der Zeit“ gelesen. Auch dieses ebenfalls sehr umfangreiche Buch fand ich damals absolut lesenswert und wunderbar (Amerika aus jüdischer und dunkelhäutiger Sicht einer Familie in New York. Zwei Söhne musikalisch hochbegabt.)

Und was ist der Kern des Ganzen? Es geht in unterschiedlicher Intensität und Ausprägung um ein riesiges Thema: Den Baum, die Natur, den Menschen! Damit ist alles verwoben. Alle setzen sich für die Rettung der Bäume und der Natur ein!

Sie machen unterschiedlichste Dinge, die Personen in „Die Wurzeln des Lebens“. Die Ausgangspunkte ihre Leben werden – einer nach dem anderen – im ersten Kapitel (fast 200 Seiten) nebeneinander geschildert. Im zweiten und dritten Teil versteigen sich ihre Lebenswege, ihre Aktivitäten, ihre Schicksale nicht nur weiter in ihrem jeweiligen unterschiedlichen Kampf und dem Verständnis für Bäume, sondern sie verweben sich – teilweise – miteinander. Es sind Schicksalswege, die sich kreuzen. Man muss allerdings gut aufpassen, will man die einzelnen Wege gut auseinander halten. Zum Teil werden oder sind sie Aktivisten für Bäume, für Riesenbäume in Amerika. Sie heißen: Nicholas Hoel, Mimi Ma, Adam Appich, Ray Brinkmann, Dorothy Cazaly, Douglas Pavlicek, Neelay Mehta, Patricia Westerford, Olivia Vandergriff.

Und das Schicksal jeder einzelnen Person wurde bereits oder wird irgendwann von Bäumen beeinflusst. Ja, von Bäumen! Mit manchem Schicksalsschlag. Einer fiel als Junge von einem Baum – und war seitdem querschnittsgelähmt, einer wurde in Kambodscha nach einem Sprung aus einem Flugzeug von einem Baum aufgefangen und so weiter.

Dem Thema wird man auf besondere Art und Weise näher gebracht! Vor Beginn des dritten Kapitels liest man eine wunderbare Überlegung:

Es mag missionarisch klingen, doch das Buch ist es nicht! Die oben gezeigte Überlegung stellt nicht den durchgehenden Schreibstil des Romans dar. So pathetisch wird nicht durchgehend geschrieben.

Es sind eher immer wieder kleine Aussagen, die den Wert der Bäume und der Natur ausdrücken. So, dass man einen Blick und Sinn für die Natur, speziell für Bäume, bekommt. Nach dem Motto „Erst die Erde (oder Bäume), dann der Mensch“. Aber es läuft fatalerweise immer schon andersherum: „Erst der Mensch, dann (erst) die Erde“. Oder eben: „… dann (erst) die Bäume“. So macht der Mensch „in letzter Sekunde“ (siehe oben) vielleicht alles kaputt.

Zitate aus verschiedensten Stellen, Äußerungen verschiedenster Personen des Romans sind etwa:

Das Staunenswerteste, was 4 Milliarden Jahre Leben hervorgebracht haben, braucht Hilfe. (Bäume)

Grenzenlose Eigenliebe darf nicht mehr der Maßstab des Lebens sein.

Weiden, Pappeln, Erlen: Sie alle werden dabei ertappt, wie sie einander auf dem Luftweg vor Insektenüberfällen warnen.

(Der Wald:) … eines der ältesten, größten Lebewesen des Planeten …

Die Photosynthese ist ein schieres Wunder. Sie ist das Fundament für die gesamte Kathedrale der Schöpfung. All der Lärm, der um das Leben auf der Erde gemacht wird, ist nichts als Begleitmusik zu dieser atemberaubenden magischen Kunst.

Als hätten die Wälder 400 Millionen Jahre lang auf uns Anfänger gewartet.

Es gibt keine Einzelwesen im Wald. Jeder Baum ist von anderen abhängig.

Kommunikation der Bäume

… Studien… die belegen, dass kongenitale kognitive Blindheit die Menschen für alle Zeiten daran hindern wird, das zu tun, was gut und richtig für sie wäre.

Das Leben. Der Planet. Wir bekommen ja schon unsere Strafe. Aber selbst jetzt gilt man doch noch als Irrer, wenn man das sagt.

Aber die Menschen interessieren sich nicht für Hoffnung und Wahrheit, wenn der Nutzen fehlt.

Und so weiter. All diese „hochtrabenden“ Aussagen werden gerade dadurch so glaubhaft, dass man im Grunde vor allem verschiedene individuelle Schicksalswege verfolgt. Man bekommt mit diesem Buch Mitgefühl für Bäume und ein Gefühl für das, was wir mit ihnen machen. Es lohnt sich.

Dazu passend ist ein Titel von Olafur Arnalds, Tree:

Tree

LITERATUR: Juli Zeh – Neujahr

Ich habe nach „Unter Leuten“, ihrem bekanntesten Werk, jetzt auch ihr neuestes Buch gelesen: „Neujahr“ von Juli Zeh. (HIER die kürzlich gepostete Besprechung von „Unter Leuten“).

Mein Fazit zu ihrem Roman „Neujahr“ vorweg: Ich fand den – deutlich umfangreicheren – Roman „Unter Leuten“ um Einiges interessanter. Vor allem sprachlich hat mich „Neujahr“ eher gelangweilt. Viele Standardbilder, die nicht sehr überraschend beschrieben werden. Es entsteht Spannung, aber keine besondere Stimmung, fand ich.

Die Story von „Neujahr“:

Die Geschichte, die Juli Zeh in ihrem neuesten Roman „Neujahr“ erzählt, ist recht weit hergeholt. Ein Mann radelt am „Ersten Ersten“ des Jahres 2018, also an Neujahr, mit großer Anstrengung – und schlechter Ausrüstung – im Sportwahn hoch auf einen der kargen Berge von Lanzarote –  die Familie macht dort gerade Urlaub – zu einem einsam gelegenen Haus und erinnert sich (ab der Mitte des Buches) an sehr eigenartige Dinge aus seiner Kindheit. Mehr kann ich inhaltlich nicht verraten.

Meine Beurteilung von „Neujahr“:

Man merkt durchaus auch an dieser Erzählung: Juli Zeh kann so erzählen, dass man  eigentlich zu jedem Zeitpunkt wissen will, wie es weitergeht. Sie lässt immer wieder viele Dinge offen und steigert die Spannung. Man erwartet dauernd etwas. Das macht das Lesen spannend, keine Frage. Man will ja manchmal ein Buch einfach auch deswegen lesen, um abgelenkt zu werden oder ähnliches. Dann ist dieses Buch geeignet.

Mich hatte nur bei „Neujahr“ gestört, dass der Erzählstil des Romans – wie gesagt – nicht sehr einfallsreich ist. Der Roman „Unter Leuten“ wurde dagegen viel mehr davon getragen, dass Juli Zeh immer wieder plötzlich Situationen einfallsreich darstellt und mit interessanten Gedanken und Worten schildert. Da entstanden kurze, besondere Blicke auf die Dinge. Sie kann ja gut schreiben. Da steckte oft auch eine Art schelmischen Humors drin. Das fehlt dem Roman „Neujahr“ meines Erachtens. Es wird alles fast reportagemäßig geschildert. Ich lese lieber Bücher, an denen auch der Erzählstil auffällig und besonders ist. Besonders natürlich Thomas Bernard, aber auch viele andere. Es schien mir fast, als wolle Juli Zeh mit dieser Erzählung etwas üben: Sie wollte vielleicht eine einzige – nicht sehr ausgefallene – Situation genau schildern (Radfahren bei immer mehr Anstrengung, dazu immer wieder auftretende Beklemmungen des Protagonisten („Es“) und eine Erinnerung an ein verdrängtes Kindheitserlebnis. Und alles in vielen kurzen Sätzen. Das ist der Stil dieser Erzählung: Kurze Sätze. Auch das hat mir persönlich nicht so gefallen.

HIER die Onlineseite des Verlages Luchterhand zum Buch.

LITERATUR: Juli Zeh – Unter Leuten

Bekannt ist Juli Zeh seit Jahren, hier die Rezension eines ihrer aktuelleren Werke: „Unter Leuten“. Ich hatte bisher noch kein Buch von Ihr gelesen. Ich lese derzeit  noch einen zweiten Roman von ihr. Auch darüber werde ich in Kürze berichten.

Fazit vorweg:  

Es geht aktuell und politisch los (Windkraftanlagen sollen in schöner Landschaft in der Nähe des Dorfes „Unterleuten“ in Brandenburg gebaut werden), man bekommt interessant und spannend geschrieben die Befindlichkeiten der Bewohner des kleinen Dörfchens mit, die sich angesichts der Planung der Windkraftanlage in der näheren Umgebung auftun. Die Beziehungsgeflechte, die Zeiten der ehemaligen DDR, das aktuelle Leben, alles hängt mit allem zusammen.

Je mehr man aber liest, umso mehr geht es um die einzelnen Schicksale und die Verstrickungen der dort lebenden Menschen, nicht mehr um das politische Thema. Das ist etwas schade, zumal man den Roman letztlich mit dem Gedanken verlässt: „Viele der geschilderten privaten Schicksale gehen letztlich doch ausgelöst durch den Plan der Windkraftanlagen desaströs den Bach hinunter“. Sehr brisant, genau so mag es sein! Wer mag schon Windräder in seiner Nähe? Andererseits brauchen wir sie ja. Davon hätte ich gerne noch mehr gelesen, aber so, wie Juli Zeh es angeht, ist es eben auf der Ebene der persönlichen Schicksale zu Ende gedacht!

Zur Autorin:

Sie ist zweifelsohne eine der extrem erfolgreichen SchriftstellerInnen der letzten Jahre. Zwei Bücher werde ich dann also von ihr gelesen haben (Futur II!): Zum Einen den Roman „Unter Leuten“, erschienen 2016, und zum Anderen ihr aktuellstes Buch, „Neujahr“, erschienen 2018, ein deutlich kürzerer Roman. Bekannt sind von ihr ja auch vor allem die Romane „Schilf“, erschienen 2007, und „Nullzeit“, erschienen 2012. Irre, was sie schon alles geschrieben hat. Der Roman „Unter Leuten“ ist deutlich umfangreicher, als der aktuelle Roman „Neujahr“. Siehe schon die Blogfotos.

Sie ist promovierte Juristin. Man liest ja derzeit, dass sie auf Vorschlag der brandenburgischen SPD-Landtagsfraktion Richterin am Brandenburger Verfassungsgericht werden soll. Sie scheint also äußerst vielseitig zu sein. So schreibt sie auch. Sie scheint Praktikerin zu sein! Nicht vergeistigt! Völlig anders als etwa Andreas Maier (siehe meinen vorherigen Blogbeitrag zur Literatur). Sie kann Situationen gut beschreiben, sehr vielfältig, nicht wiederholend, nicht einseitig, interessant, immer wieder mit verstecktem Witz, überraschenden kleinen Wendungen. Das ist ihre Gäbe, finde ich: Plötzlich findet sie wunderbare Worte für irgendwelche Begebenheiten und dann geht es weiter. Man stößt immer wieder auch etwa auf schöne Gedanken zu unserem aktuellen Leben. Und immer wieder reißt sie mit den geschilderten Situationen aktuelle Themen an.

Zum Roman:

Der Roman „Unter Leuten“ hat meines Erachtens zwei sehr unterschiedliche Teile: Im „ersten Teil“ – circa zwei Drittel des Buches – geht es fast „politisch“ zu. Aktuelles Thema eben: Die Errichtung einer Windkraftanlage auf dem Land. Keiner will sie haben, die Rotoren. Fast niemand, denn Investoren wären interessiert.  Fast parallel blickt man auf die Konstellation West/Ost! Auch das durch die genauen Schilderungen mit schöner Prägnanz! Sehr schön wird geschildert, wie der Plan, die Windkraftanlage in der Nähe des kleinen ostdeutschen Dorfes zu errichten, das ganze Dorf in Aufruhr bringt. Wie sich so etwas entwickelt, wer was dabei denkt, welche Allianzen sich auftun, welche Lebensmodelle bestehen, welche Vermutungen angestellt werden und und und .

Im zweiten Teil des Romanes merkt man aber, dass es Juli Zeh nicht mehr darum geht, diese politisch hochkontroverse Konstellation aufzuzeigen, zu entwickeln und zu vertiefen, sondern darum, persönliche Schicksale, die sich im ersten Teil des Romans auftaten, konsequent weiter zu schildern. Der Roman bekommt einen anderen Drall: Man hat es kaum mehr mit der Windkraftanlage zu tun. Auch hier gilt zwar: Sie schildert die weiteren Situationen und Entwicklungen und Beziehungsgeflechte immer sehr gut, nah am Leben, fand ich! Und immer wieder mit Witz und interessanten Darstellungen zu unserem aktuellen Leben. Ich will nicht zu viel verraten, es wird ziemlich krass, aber glaubhaft! Aber schade: Das Thema der Windkraftanlagen in schöner Landschaft verliert man aus dem Auge!

Also:

– Man braucht Zeit.

– Man wird aber letztlich durch den Roman getrieben, weil er die gesamte Situation und die Geschichte immer weiter gut schildert!

– Auch wenn er gegen Ende hin nicht mehr die politische Brisanz des großen Themas hat. Und auch, wenn er mir persönlich etwas zu „praktisch“, zu real wurde!

HIER die Website des Verlags zum Buch mit weiteren Rezensionen etc.

 

LITERATUR: Andreas Maier – Was wir waren

Jetzt kann ich endlich einmal wieder etwas von Andreas Maier bringen! Ich mag ja seine Bücher sehr! Welches habe ich nicht gelesen? Er hat etwas von Thomas Bernhard, in einer gewissen Art der Beobachtung der Dinge und der Art, darüber zu schreiben. Da bin ich nicht der einzige, der das sagt. Das weiß er auch – also, dass es so ist, nicht, dass ich das so sehe. Er hat über Thomas Bernhard promoviert, hieß es irgendwo.

Wunderbar und empfehlenswert sind seine Bücher! Beginnend mit Kirillow, Wäldchestag (!), Klausen (!), Sanssouci, die allesamt eigenartige Erzählungen waren. Skurril, treffend und einfach geschrieben, nie überdrallert. Bis hin zu seiner neueren Reihe über seine Herkunft, sein Leben in der Wetterau. Einfach die Wetterau im Hessischen. Friedberg in der Wetterau. Das Zimmer, Das Haus, Die Straße, Der Ort, Der Kreis, Die Universität. Betrachtungen seines Lebens, immer etwas von außen, rückblickend betrachtet. Es ist „unsere Zeit“, die er damit betrachtet, und er schafft es, mit seiner betont einfachen Sprache anhand einfachster Situationen Wahrheiten dazu zu formulieren. Auch über Großes oder das große Ganze wird nachgedacht. Über „das Fremde“ etwa. Aber auch das schreibt er einfach, wenn auch wunderbar treffend und damit tatsächlich tiefgehend.  Wenn „Fremde“ am Wirtshaus an der offenen Tür vorbeigehen oder gar in das Wirtshaus hineinkommen … Man kann eben Apfelwein trinken oder Apfelwein trinken und sich Gedanken machen oder den Wirt beobachten. Man kann sich auch rückblickend sehen, wie man damals beim Wirt Apfelwein getrunken hatte und man kann sich darüber jetzt Gedanken machen. Etwa darüber Gedanken machen, was der Wirt damals für einen bedeutete!  Wie alles so war in diesem Leben damals!

Generell: Wenn man ein Buch liest, taucht man doch in eine bestimmte Stimmung ein. Jedes (gute) Buch schafft und transportiert doch eine bestimmte Stimmung, eine Atmosphäre. Ich lege ein Buch weg und nehme es wieder zur Hand, um weiterzulesen, und dann weiß ich schon, dass ich wieder in eine Stimmung eintauche! Oft ist ja gar nicht das geschilderte Geschehen das, was interessiert, sondern man will nur wieder in diese Stimmung eintauchen. Und am Ende, wenn man das Buch fertig gelesen hat, trägt man vielleicht auch diese Stimmung ein bisschen in sich. Ein Gefühl ist das dann, nicht nur ein Wissen über das Geschehen, das geschildert wurde.

Vielleicht ist es im Grunde schwerer, eine solche Stimmung zu schaffen, wenn in dem Buch „nur“ lauter kleine Kolumnen zusammengefasst sind. So in dem neuen Buch von Andreas Maier, „Was wir waren“. Es ist eine kleine Sammlung von Kolumnen, die Andreas Maier in den vergangenen Jahren für die Wiener Zeitschrift Volltext geschrieben hatte.

Aber auch in diesen kleinen Band wird eine Stimmung transportiert! Das machen die Gegenstände seiner Beobachtungen und seine Sprache. Nichts ist gekünstelt, banalste Dinge werden gesehen. Aber auch oder gerade in den banalsten Dingen ist ja alles drin! Bilder seiner Jugend, die Wetterau, der Wirt, Bornheim, die „Bindernagelsche Buchhandlung“ in Friedberg, die Tochter des Buchhändlers, eine Lesereise nach Freiburg, Friedberg in der Wetterau, Sachsenhausen in der Wetterau (?), die Bierkneipe „Die Dunkel“, Apfelwein, der Mensch, und und und.

Noch schöner fand ich seine ersten Bücher (siehe oben), aber auch die Bücher der letzten Jahre sind allesamt köstlich. Etwa auch der Band über Udo Jürgens nach dessen Tod. Auch dieses hier.

Ganz aktuell also sein kleiner Band Was wir waren“. Zu diesem Buch muss man ihn aber fast schon kennen! Oder es als Einstieg nehmen und ein weiteres lesen. Etwa „Klausen“!

HIER  die Suhrkamp-Seite zum Buch mit Leseprobe!