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THEATER: Ödön von Horvath – Jugend ohne Gott

Ödön von Horvath also: Er mochte es, relativ „gängig“ wirkende Geschichten, „Alltagsgeschichten“, mit seinen tiefergehenden literarischen, gesellschaftlichen und moralischen Themen – in den Jahre kurz vor dem Zweiten Weltkrieg – zu verbinden! So auch hier, in einem seiner letzten Werke, in „ Jugend ohne Gott“. Die Inszenierung ist seit kurzem an den Münchner Kammerspielen zu sehen. HIER ein Teaser. Es ist eine Inszenierung von Felicitas Brucker mit Texten von Anne Habermehl.

Es ging Ödön von Horvath in Jugend ohne Gott also nicht um den Mordfall! Es ging ihm um die Jugend, um eine Veränderung der Verhaltensweisen in den Zeiten des Aufkommens des Nationalsozialismus, um einen Gesinnungswandel. Angesichts des heute so starken Aufkommens der in wahrscheinlich großen Teilen rechtsextremen AfD ist es sehr berechtigt, dieses Stück zu bringen! Wir leben wieder in Zeiten des Umbruchs. Nicht aber ist das Stück aktuell berechtigt etwa „angesichts der heutigen Jugend“! Das darf nicht verwechselt werden! Gefährlicherweise wird an diesem Abend einmal „Gen Z regelt“ erwähnt, die gerade an diesem Abend auch in München demonstrierten, es sind aber Radikale, die die berechtigten friedlichen Demonstrationen der jungen Leute ausnutzen!

Ödön von Horvath sah es damals jedenfalls: Für ihn kam tatsächlich ein „Zeitalter der Fische“ auf! Gefühllos, stumpf, ohne Moral, „ohne Gott“, mit Orientierung zum Militärischen.

Die Inszenierung: Sie bringt – fast schon ein wenig anstrengend – extrem viel von alldem, was man so in einer tollen Inszenierung auf die Bühne bringen kann: Es gibt schöne Lichteffekte, immer wieder interessant bespielte Videowände (über der Bühne hängen fast religiös drei Videowände), es gibt dort Videos von Außenaufnahmen des Teams der SchauspielerInnen (siehe Teaser), es gibt Nahaufnahmen von der Bühne, Gesangseinlagen mit Mikrofon, kurze Einbindungen des Publikums, Läufe der SchauspielerInnen in einer Mittelschneise durch das Publikum, Regen auf der Bühne, dazu eine kurze Sprung-/Tanzeinlage in den Pfützen auf der Bühne, zwei große bewegliche Bühnenelemente, die im Hintergrund erkennbar von Bühnenmitarbeitern jeweils verschoben werden, und und und. All das ist als Inszenierung meines Erachtens sehr fantasievoll eingesetzt, wirklich hoch gelungen und absolut passend zum Stück. (Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Bettina Pommer, Video: Lion Bischof!)

So ist es eine insgesamt sehr fantasievolle, ästhetisch gut passende, bildstarke Inszenierung – man kann allenfalls sagen: Viele der Elemente hätten mehr Zeit verdient, hätten einen langen Abend füllen können. Allein die inhaltlich kaum zuzuordnenden, absolut nüchternen Bühnenelemente der beiden mehrstufigen weißen großen Tribünenteile (siehe Foto) fallen dabei fast etwas ab, sie geben diesem Stück keine Orientierung. Außer vielleicht: Sie sind die Tribünen zum Stichwort „die Beobachtungen des Lehrers“.

Und es besteht m. E. bei alledem fast ein wenig die Gefahr, dass man inhaltlich den Faden nicht findet! Gefühllose Jugend? Sie spielen anfangs ja zusammen Fußball auf der Bühne! Der Z liebt die E! Z schreibt ein Tagebuch! Das sind doch Gefühle! Andererseits finden alle das „Militärische“ gut, auch wenn sie den „Feind“ nicht erkennen. Gehorsam gefällt ihnen aber schon besser als Moral!

Ödön von Horvath sah damals eben den Wandel, keinen Endzustand, er sah das langsame Aufkommen der Naziwelt. So gibt es in „Jugend ohne Gott“ etwa den T in der Klasse … hier aber keinen Spoiler!

Und da ist der Lehrer – Thomas Schmauser spielt ihn wieder einmal überzeugend – der das Verhalten der Schüler beobachtet! Er erkennt, dass doch jeder für sich irgendwie am Tod des N eine Schuld mitträgt! Jeder, auch er selbst, da er ja das Tagebuch des Z heimlich „gebrochen“ hat und danach alles seinen Lauf nimmt. Die Moral, die der Lehrer untergehen sieht, führt ihn persönlich dazu: Er zerstört seine berufliche lebenslange Sicherheit im Lehreramt und gesteht im Prozess das „Aufbrechen“ des Tagebuchs! Nur er ist für die Wahrheit, nicht für die Lüge.

Ja, wir leben auch heute in Zeiten des Wandels! Wir sollten auch heute aufpassen. Allerdings sollten wir nicht der Jugend einen Vorwurf machen. Das will die Inszenierung von Felicitas Brucker an den Münchner Kammerspielen aber auch nicht. Sie kann aber wachrütteln!

Hier noch zwei Aufnahmen:

Copyright der Fotos: Julian Baumann

Und HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

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THEATER: Residenztheater – Cuvilléstheater – Marstall

Teil drei meines Residenztheater-Dreierpacks: Bertolt Brechts Dreigroschenoper am Residenztheater.

Man sieht die berühmte Schurkenoper oder Bettleroper von Bertolt Brecht. Man muss sie einmal gesehen haben, diese Geschichte der Unterwelt aus Brechts Augen. Dargeboten wird sie natürlich mit Livemusik, mit den mehr oder weniger bekannten Liedern dazu, es ist eine Art Operette, eben das Brecht’sche „Musiktheater“. Wobei Bertolt Brecht selbst sagte, es hieße „Dreigroschenoper“ nicht etwa, weil es ÜBER Bettler gehe, sondern weil es eine Oper FÜR Bettler sei.

Aber es geht ja in der Tat um Bettler, es spielt in der Gaunerwelt/Bettlerwelt von London/Soho. Der Herr über ein Netzwerk von Bettlern, Jonathan Peachum, der sich eher als gerissener Unternehmer sieht, um Geld von denen zu bekommen, die es haben, geht gegen den gerissensten Schurken Londons, Macheath, genannt Mackie Messer, vor, da Letzterer die Tochter der Peachums (Polly) geheiratet hat. Mackie Messer wiederum ist aber sogar mit dem Polizeichef Brown befreundet.

Die Inszenierung am Residenztheater:

Es ist eine durchaus beeindruckende Inszenierung, ja, sie verschafft den Eindruck der dortigen Welt. Dreieinhalb Stunden dauert sie, in denen man gerne einem Musiktheater zusieht, das nicht zum aktuellen Nachdenken anregt, nein, keinen aktuellen sozialen Sprengstoff beinhaltet oder auch nur streifen würde, nein, es ist einfach ein Klassiker. Immer wieder einmal humorvoll gespielt, insgesamt nicht trüb, sondern eher leicht, hier am Residenztheater vor allem mit einem Bühnenbild, das einen sofort in die Gaunerwelt führt.

Schauspielerisch ist es von allen Mitwirkenden sehr gelungen! Lukas Rüppel beginnt mit herrlicher Gelassenheit, humorvoll als Bänkelsänger (später auch mehrfach etwa als Mond), mit Ironie auf den Lippen, der ein wenig durch den Abend führt, Moritz Treuenfels als lässiger und hintertriebener Mackie Messer, der besorgte Oliver Stokowski als Jonathan Jeremiah Peachum, Cathrin Störmer als Celia Peachum, seine eher ordentliche Frau, Isabell Antonia Höckel einnehmend als Polly Peachum, Tochter der Peachums, Max Rothbart als drahtiger Brown, oberster Polizeichef von London, Liliane Amuat als Lucy, dessen Tochter, Vassilissa Reznikoff mit sehr viel „Brechtausdruck“ auf der Bühne als Spelunken-Jenny – um die wesentlichsten Figuren zu nennen. Der ansich so heruntergekommene „Brechtausdruck“ des Milieus der Dreigroschenoper weicht trotz allem fast irgendwie ein klein wenig, nur ein klein wenig zurück, obwohl das Bühnenbild so gut das Milieu repräsentiert. Denn das über den ganzen Abend unveränderte Bühnenbild passt von A – Z zum Milieu und zur Geschichte. Vielleicht ist nur die eine oder andere Figur fast zu makellos.

Das Bühnenbild (Inszenierung und Bühne Philipp Stölzl) besteht aus einer hohen Wand von braunen Teekisten, vielleicht auch Obst- oder Gemüsekisten, die erklettert werden, auf mehreren Ebenen schmale Spielebenen schaffen, über allem – auf dritter Ebene – spielt das „Orchester“. Auch der somit leere Orchestergraben vor der Bühne wird in gewisser Weise zur Spielebene. Viele Ebenen sind es somit, es geht hoch und runter – sozial gedacht kann man sagen: Eben ein Bertolt Brecht.

Ich kann hier aus Zeitgründen leider nicht weiter auf die Brecht’sche Gedankenwelt zu seiner Dreigroschenoper eingehen. Das Programmheft und die Website führen weiter. Es ist eine „old story“, trotzdem: Hingehen, ansehen, es ist eine gelungen runde Sache, die man nicht schnell „abhakt“.

Fotos:

Copyright der Fotos: Sandra Then

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

THEATER: Residenztheater – Cuvilléstheater – Marstall

Teil 2. „Bye Bye Lolita“ von Lea Ruckpaul im Cuvilléstheater

„Bye Bye Lolita“ und der gleichnamige Roman von Lea Ruckpaul basieren ja auf dem Welterfolg „Lolita“ des russisch-amerikanischen Autors Vladimir Nabokov. Es geht dort bekanntlich um die pädophile Beziehung des Erzählers Humbert Humbert zur anfänglich zwölfjährigen Dolores Haze, die er Lolita nennt. Wegen Lolita heiratet er ihre Mutter und kommt Lolita näher, entführt sie. Nabokovs Roman ist vollständig aus der Sicht von Humbert Humbert geschrieben. Dem setzt Lea Ruckpaul in ihrem Roman „Bye Bye Lolita“ nun ihre Version entgegen, in der sich eine fiktiv älter gewordene Lolita mit ihren Erinnerungen an das damalige Geschehen und mit dessen Verarbeitung auseinandersetzt.

Ich kommentiere hier also die Inszenierung von „Bye Bye Lolita“ von Nora Schlocker, Bühnenbild und Kostüme sind dabei von Marie Caroline Rössle. Ich kann mit der Kritk und den Kommentaren zu „Bye Bye Lolita“, die ich auf http://www.nachtkritik.de gelesen habe, gut zurecht kommen. Die Inszenierung wird – wenn auch mit kontroversen Nebentönen – gelobt und als guter Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Thema Kindesmissbrauch gesehen.

Ja, das Thema Kindesmissbrauch bleibt auch heute unbedingt beachtenswert! Vielleicht hat das Problem sogar zugenommen, Stichwort „Netzwerke im Internet“ usw. Insoweit ist es in der Tat wertvoll, sich hier nun zu fragen, wie Dolores Haze alias Lolita vielleicht ihre Erlebnisse mit ihren Augen gesehen haben mag und wie sie sie im weiteren Verlauf ihres (hier unterstellten) weiteren Lebens vielleicht zu verarbeiten vermochte. Wie gesagt: Die Inszenierung wird meist als wertvoll angesehen, um sich diesem fürchterlichen immer wieder aktuellen Thema zu nähern.

Einige Dinge der Inszenierung am Cuvilléstheater sehe ich allerdings doch anders, als es bisher zumeist auf http://www.nachtkritik gesehen wird. Man kann aber gleich sagen: Das Thema selbst provoziert Subjektivität, der Umgang mit Kindesmissbrauch ist einerseits (hoffentlich) klar, andererseits aber ist es in der Darstellung im Theater natürlich ein schwieriges Unterfangen.

Dass man hier dem Geschehen um Lolita fast wie einem niedlichen Puppenspiel zusieht, liegt zunächst an der Bühnengestaltung und der Kostümierung. Kindesmissbrauch ist kein Puppenspiel, es soll hier natürlich auch nicht etwa so gezeigt werden, es ging aber leider fast ein wenig – mir zu sehr – in diese Richtung. „Haarscharf“ am Kitsch vorbei, schreibt der Münchner Merkur. Vielleicht geschieht dies aber gerade absichtlich, um Lolitas kindliche Lebenswelt zu verdeutlichen. Alles rosa, mit roten Herzen …

Zur Kostümierung: Hier war für mich fast störend, dass (die fünffach erscheinende) Lolita stereotyp mit strohblonder, etwas eigenartiger Perücke gezeigt wird. Ebenso die übergroßen hellrosafarbenen Sweatshirts, in denen „die Lolitas“ durchgehend gezeigt werden, wirkten für mich zu klischeehaft. Klar, auch das repräsentiert Lolitas junges Alter, 12 Jahre alt war sie! Trotzdem war es für mich auch hier insoweit zu direkt, zu sehr „mit dem Hammer drauf“.

Zur Bühnengestaltung: Auch der flauschige Teppichboden – rot – der leicht nach hinten ansteigenden Bühne verlieh dem Ganzen einen für mich zu direkten Eindruck. Auch so wurde meines Erachtens unnötig auf Lolitas Kindesalter hingewiesen. Es sollte wohl so sein, etwa auch der übergroße rote Lollie, den Lolita einmal lutscht.

Man könnte sich sogar fragen: Passt dieses Stück überhaupt ins Cuvilléstheater? Das Cuvilléstheater ist ja selber wiederum fast ein Puppentheater, jedenfalls ein Schmuckkästchen. Wie kann man dem schweren Thema Kindesmissbrauch in dieser extrem reichhaltigen und vor Schmuck überbordenden Atmosphäre nahekommen? Aber auch das soll wohl so sein. Man kann es auch verstehen, Lolita lebte – missbrauchte Kinder tun es – in einer Kinderwelt, nicht in einer Erwachsenenwelt! Das ist es ja, was oftmals ausgenutzt wird, und dann wird drumherum eine Scheinwelt aufgebaut. Insoweit ist alles sehr verständlich! Und so ist es auch verständlich, dass sogar eine Gruppe von jungen Mädchen auftritt und singt bzw. erzählt, wenn auch das schnell etwas zu klischeehaft wirken kann.

Über diese Äußerlichkeiten hinweg hatte ich allerdings teils auch Störgefühle mit Textaussagen. Lea Ruckpaul lässt Lolita in ihrem Roman „Bye Bye Lolita“ zurückdenken und auch mit einer Freundin und ihrer Mutter fiktiv darüber reden. Interessante Blicke von Lolita sind es, ihre Wut, ihre heftigen Vorwürfe gegen ihre Mutter, ihr Schmerz und und und. Ja, Lolitas Mutter rückt in den Focus. Dann aber wird es teils doch etwas vage. So auch am Ende:

„Ich bin porös, durch mich pfeift der Wind und da ist kein Unterschied zwischen dem Sand, dem Handtuch und meinem Fleisch. Ich bin sehr glücklich. Ich bin zu allem fähig. Auch zum Glück.“

Fazit: Wie auch immer, die Inszenierung „Bye Bye Lolita“ gibt Gelegenheit, sich mit dem fürchterlichen Thema Kindesmissbrauch auseinanderzusetzen. Wenn die Inszenierung einiges recht klischeehaft zeigt, mag genau das bezweckt sein: Gerade das kann zum Nachdenken anregen!

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Residenztheater – Cuvilléstheater – Marstall

Ich berichte über die drei Stücke in Einzelbeiträgen:

Teil 1: „Reigen.Variationen“ frei nach Arthur Schnitzler im Marstall:

Ich muss gestehen, den „Reigen“ von Arthur Schnitzler habe ich noch nie gesehen. Es heißt ja, das Stück war einer der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts, erschien 1900. Viele Jahre lang war es verboten, erst 1982 wurde es freigegeben – heute inhaltlich völlig unvorstellbar. Zehnmal treffen einzelne Personen auf ein gegengeschlechtliches Gegenüber; sie führen zehn Dialoge und jedes Mal kommt es zum Geschlechtsverkehr, der jedoch im Text durch Gedankenstriche angedeutet wird und auf der Bühne eine Leerstelle bleibt. Als Strukturprinzip verwendet Schnitzler die Tanzform des Reigens, indem eine Figur immer zwei Szenen hintereinander hat. Damit hat jede Figur zwei Sexualpartne

Interessant ist die jetzige Fassung „Reigen.Variationen“ im Marstall schon deswegen, weil die Szenerie in die heutige Zeit verlegt ist. Ort: Laut Text der Englische Garten, die Bühne bleibt aber neutral. Der Text ist von Anja Hilling, Regie führte der junge Israeli Ran Chai Bar-Zvi.

Interessant ist ja grundsätzlich das Konzept von 10 verschiedenen Dialogen von zufällig zusammentreffenden Personen. Wie verhalten Sie sich zum Thema Liebe, Kennenlernen, Begierde, Sexuelles, Nähe, auch gesellschaftliche „Rangordnung“, jede Person hat ja einen anderen Background.

Weiter interessant ist das Bühnenbild von Ansgar Prüwer, der schon öfters mit Ran Chai Bar-Zvi zusammenarbeitete. Die Personen stehen schemenhaft erkennbar zwischen drei Schichten Plastikplanen, die die Bühne bis oben verdecken, nur dann, wenn sie agieren, treten sie vor die erste Plastikplane, sind dann klar erkennbar. So jedenfalls in der ersten Hälfte der Inszenierung, in der die zehn Einzeldialoge gezeigt werden. Wie auf Datingplattformen: Fotos sieht man nur schemenhaft, außer man begibt sich in den Kreis der Abonnenten. Oder generell: Jeder Mensch taucht ja in jedem Gespräch kurz aus seiner Verschleierung auf … Was kann man schon erkennen!

Es gibt bei Anja Hilling eine zweite Hälfte: die Plastikplanen verdecken dann nicht mehr die Sicht, die fünf Personen zeigen sich dauerhaft. Hier ergänzt Anja Hilling den Reigen, all die Gespräche werden fortgeführt, ergänzt, betreffen weitere Gedanken der Beteiligten. Nähe, Distanz, Realität, Wunsch, einiges mehr. Es sind Erklärungsversuche jeder Person, sie hadern ja alle mit der Unerreichbarkeit des anderen, auch mit der Liebe, dem Zusammensein, mit sich. Sie sagen immer, es seien ihre Gedanken während des Geschlechtsverkehrs gewesen! Da kamen ihre Befindlichkeiten hoch.

Aber so ist das eben mit dem Plastikplanen im Leben, die uns immer verschleiern, kurz erscheint man.

Es sind viele interessante Gedanken in der zweiten Hälfte, man kann leider kaum alle aufnehmen. Das schmälert den Abend aber kaum! Ich fand ihn gelungen, eine gute Inszenierung, gute Bühne, schauspielerisch zum Teil fast zu zurückhaltend, Florian Jahr erschien mir am ergriffensten von dem, was er sagte, Schnitzlers „Reigen“ war gut weitergedacht!

Copyright der Fotos: Sandra Then

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THEATER: Dietmar Jacobs/Moritz Netenjakob – Kalter weißer Mann

Zufällig hatte ich Elisa Bartelt vor circa einem Jahr kurz nach einem Theaterabend vor den Kammerspielen gesprochen. Der Kontakt blieb. So kam ich zu diesem Stück an der Komödie im Bayerischen Hof. Sie vertritt an einigen der kommenden Termine die Schauspielerin Anna Drózd. Derzeit ist Elisa Bartelt noch in ihrer Schauspielausbildung an der Münchener Schauspielschule Zerboni (auch Anna Drózd war an der Zerboni), sie ist theaterbegeistert, will auf jeden Fall Schauspielerin werden. Erste Engagements – wie auch hier in „Kalter weißer Mann“ – hat sie bereits. Auch in „Wolf“, einem Stück des Münchner Residenztheaters, das schon recht lange an bayerischen Schulen gezeigt wird, spielt sie mit. An eine staatliche oder städtische Schauspielschule möchte sie auch noch.

Zu „Kalter weißer Mann“:

Die „Komödie im Bayerischen Hof“ kannte ich noch nicht. Sie ist größer als gedacht, circa 500 Zuschauer werden hineinpassen! Wie bei E-Musik und U- Musik gibt es auch E-Theater und U-Theater, E steht für für Ernst und U für Unterhaltung. Die „Komödie im Bayerischen Hof“ steht auf jeden Fall für U. Auch mit „Kalter weißer Mann“ tut sie das, obwohl damit durchaus ein großes gesellschaftliches Thema verhandelt wird, „political correctness“ rauf und runter, humorvoll auf die Spitze getrieben, aber auch irgendwie ja ernst.

Auffallend war hierbei die gute Zusammensetzung der Schauspielerinnen und Schauspieler des Stückes. Alle waren jeweils so schön unterschiedlich, so gut passend und überzeugend zu dem, was sie jeweils spielten – im Ambiente eines Kirchenraumes, unter einem großen Kreuz. Ja, die schöne Unterschiedlichkeit der Personen macht das Stück aus! Der (alles nicht verstehende) Unternehmensnachfolger, die Sekretärin des Verstorbenen (mit ständig komischen Einwürfen), dazu ein schnell aufgedrehter Mitarbeiter als Social-Media-Freak, der die Kommentare im Internet zur Trauerschleife verfolgt, eine weitere (für die Themen „gendern“, „p.c.“, „lgtbqai+“ und und und besonders aufmerksame) Mitarbeiterin, dann der Pfarrer und eben die Praktikantin (mit ihrem jungen Blick auf alles). Elisa Bartelt passte ideal in diese Besetzung, sie bevorzugt ohnehin nicht die „beschwerten“, tragischen, ernsten Theaterrollen – derzeit zumindest.

Fazit: Es war zwar nicht meinen E-Gewohnheiten im Theater entsprechend, aber es war auch gut! Humor tut doch auch zu ernsthaften Themen gut!

Hier ist der Link zur Stückeseite von „Kalter weißer Mann“ auf der Website der Komödie im Bayerischen Hof: https://www.komoedie-muenchen.de/spielplan-tickets/5368/kalter-weißer-mann.html

Hier noch ein Trailer:


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Gelesen und geblättert Gesehen und gehört

THEATER: Mein kleines Prachttier

Dazu „passend“ – wenn auch rührend aus älterer Zeit – ist derzeit auch an den Münchner Kammerspielen das Stück „Fräulein Else“ – nach Arthur Schnitzlers gleichnamigem Roman – zu sehen. Es ist der Bewusstseinsstrom einer jungen Frau angesichts der damaligen sexualisierten Gewalt ihr gegenüber seitens eines Geschäftsfreundes des Vaters, der ihre und des Vaters Notlage ausnützt. Dieses Solostück mit Julia Riedler (auch in gewisser Weise aktualisiert für die heutige Zeit) war gerade zum Berliner Theatertreffen 2026 eingeladen, das im Mai stattfand.

Am Münchner Residenztheater wird in der kommenden Spielzeit das Stück „Prima Facie“ weiter im Spielplan stehen. Dort geht es – ein weiterer Aspekt! – um die junge forsche und trickreiche Anwältin von Angeklagten in Fällen sexualisierte Gewalt, die nun selbst vergewaltigt wird und jetzt erkennt, welche Probleme die Gerichtsverfahren bieten, wenn es um die Glaubwürdigkeit des Opfers geht.

Noch etwas: „Bye Bye Lolita“ wird im Oktober am Münchner Residenztheater (Cuvillestheater) Premiere haben. Lea Ruckpaul lässt in ihrem erfolgreichen Debütroman die Opferfigur Dolores Haze – Lolita – überleben und erzählt die Geschichte ihres jahrelangen Missbrauchs durch ihren Stiefvater mit der Analysefähigkeit der erwachsenen Frau.

Viele Sichtweisen also.

Nun zu „Mein kleines Prachttier“:

Fazit unten: Man sollte es sich ansehen, sogar das Buch lesen und dann darüber reden! „Wir müssen ins Gespräch kommen“ sagt Leonie Böhm zu diesem Thema, das schafft sie hier.

Das Stück hatte am 13.06. Premiere an den Münchner Kammerspielen. Die Inszenierung ist von Leonie Böhm, die auch zusammen mit Julia Riedler für „Fräulein Else“ verantwortlich zeichnete. Leonie Böhms Thema: Die Scham soll die Seite wechseln, der Täter soll sie empfinden, nicht das Opfer soll das Leben lang damit belastet sein!

„Mein kleines Prachttier“ basiert auf dem im höchsten Maße bedrängenden Roman von Marieke Lucas Rijneveld. Das Buch, erschienen 2021, ist um ein Vielfaches intensiver und breiter angelegt, als das Theaterstück. Leonie Böhm hat den Inhalt des Romans für die Bühne auf etwa eine Stunde gekürzt, eingedämpft, auch sprachlich verändert, um eine nach ihren Vorstellungen passende Bühnenversion entstehen zu lassen.

Ist es gelungen? Nun, es ist fragwürdig. Nach dem Stück hört man auch Stimmen wie: „Hier wird das Vorgehen eines Pädophilen verharmlost“. Schließlich vergewaltigt der Tierarzt in dieser besonderen Beziehung das 14-jährige Mädchen am Ende, wenn sie wehrlos im Krankenhaus liegt. Ja, eine Vergewaltigung in jungen Jahren oder überhaupt ist fürchterlich! Ja, ein Pädophiler! Frauen können danach wahrscheinlich kaum noch frei und glücklich leben. Da ist aber genau das Ende des Stückes, Leonie Böhm zeigt auf der Bühne, dass das Mädchen letztlich glücklich und frei weiterleben möchte, wie immer schon. Das Mädchen fühlt sich „innerlich schief“, aber es soll für sie glücklich weiter gehen. Das wird auch das Ende des Buches sein, ich lese es gerade.

Meine Meinung dazu aber: Auf den 360 Seiten des Buches wird das besondere Verhältnis zwischen dem Tierarzt, der fast täglich auf dem Bauernhof des Vaters des Mädchens erscheint, und dem Mädchen selbst um ein Vielfaches deutlicher geschildert. Eines ist klar: Es ist auf jeden Fall so, wie es der Tierarzt auf der Bühne sagt: „Ich bin ein Monster! Ich habe sie zerstört!“ Er weiß es schon sehr früh. Wenn man das Buch liest, spürt man mehr und mehr: Da brodelt lange lange die Pädophilie in ihm! Es ist in meinen Augen dennoch „die Sache wert“, hm, dass dieser Mann in diesem fiktiven Roman alles genau schildert, dieses besondere Verhältnis der beiden, die intensive Vorgeschichte, was alles dahinter steht. Er will alles darlegen, alles. „Damit ich mich sehe und Du Dich“ heißt es in etwa. Es steht insgesamt viel dahinter, das Mädchen und er, sie sind beide sehr sensibel, haben ihre Traumata, ihre Ängste, ihre Trauer, ihre Fantasien. Sie haben sehr ähnliche Themen mit sich. Irgendwie steht dabei der Unterschied dahinter, der sich zu gleichen Themen ergibt aus dem „phantasievollen Leben in Kindheit und Jugend“ gegenüber dem „Leben in der harten Realität der Erwachsenenwelt“. So ist es eine nicht immer nur einseitigen Annäherung. Das junge Mädchen aber denkt harmlos in ihrer Welt, er dagegen weiß: Er wird das Monster sein, er wird sie „aus der Erde reißen“.

Die Besonderheiten des Verhältnisses beider zueinander kommen in der Bühnenfassung von Leonie Böhm nicht ganz ausreichend zum Ausdruck, finde ich. Dann würde man nämlich noch besser verstehen, dass es sich bei der Erzählung von Rijneveld eben nicht „nur“ um die schnelle fürchterliche Handlung eines „Pädophilen“ handelt, sondern – zumindest in dieser Erzählung – dass es alles hier eine lange besondere Geschichte hat. Das zeigt ja Marieke Lucas Rijneveld auf 360 Seiten und durchaus auch Leonie Böhm, aber letztere m. E. zu kurz, gut und klug gekürzt, aber doch zu kurz. Auch wenn es am Ende ein klarer Fall von Vergewaltigung ist, Buch und Böhm wollen insoweit den Blick weiten hinein in ein bisher literarisch weitgehend unbeschriebenes Blatt.

Die Inszenierung ist im übrigen aber m. E. gelungen! Neben dem Text wird nicht viel auf die Bühne gebracht. Annette Paulmann und Maren Solty spielen zusammen (insgesamt beide natürlich sehr gut!) den 49-jährigen Tierarzt. Die grauenhafte Absicht des Mannes kommt allenfalls etwas zu kurz in ihrem doch recht lockeren Verhalten auf der Bühne. Nur kurz wechselt Maren Solty auch in die Rolle des Mädchens und am Ende wechseln beide Schauspielerinnen noch kurz gemeinsam in deren Rolle. Schön ist aber übrigens wiederum der Altersunterschied der beiden Schauspielerinnen, er hält alles offen.

Das Bühnenbild ist ein riesiges Geweih, sonst nichts. Im Buch steht das Geweih für Geschlechtsteil. Man kann sich aber auch viele andere Dinge darunter vorstellen. Sich verzweigende Gedankenwege … die Entwicklung eines Verhältnisses zweier Menschen … das Leben … Argumente, Gespräche … alles verzweigt sich … und und und. Das inspiriert.

Daher: Man sollte es sich ansehen, sogar das Buch lesen und dann darüber reden! Vielleicht nur hätte sLeonie Böhm noch etwas mehr darauf achten müssen, dass es nicht für den Zuschauer um Verharmlosung von Pädophilie geht, hätte doch etwas mehr aus dem Buch bringen müssen. Aber ihr Ansatz schon bei ihrer „Fortschreibung“ von Schnitzlers „Fräulein Else“ war ja eben derjenige, dass das geschädigte Mädchen trotz allem am Ende frei sein soll, nicht ihr Leben lang belastet sein soll! Der Mann soll belastet sein! Stimmt, wenn es geht!

Hier noch ein Foto:

Hier der Link zur Stückeseite von „Mein kleines Prachttier“auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/42871-mein-kleines-prachttier

Copyright der Fotos: Judith Buss

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THEATER: Einige Premieren der Spielzeit 2026/2027

Vom Münchner Residenztheater und von den Münchner Kammerspielen kann ich hier schon einmal die Übersichten der Premieren der kommenden Spielzeit bringen. Weiteres wird folgen:

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THEATER: Werner Schwab – Die Präsidentinnen

Es gibt im Grunde nicht einmal so etwas wie Kommunikation. Man soll gerade kein „Theaterstück“ im herkömmlichen Sinne sehen. Das ist/war Werner Schwab. Er wollte nur Sprache zeigen. Derbe Sprache trifft auf Mensch, der Mensch ist nichts, der Mensch ist, was er ausscheidet, auch Sprache scheidet er aus. Er kommt aus dem Dreck, produziert Dreck und vergeht zu Dreck. Also ist alles Dreck – aber jeder Mensch hat seine Einbildung, seine Lebenswelt, seine Fantasie. Die wahnsinnige zeitlose Gedankenwelt des Werner Schwab. Gute Einblicke in Werner Schwabs Gedankenwelt gibt das Programmheft, ohne das man hier aufgeschmissen ist. Das absolut Gelungene ist: Es ist bitterböse und irgendwie ja inhaltlich besonders sinnlos, aber humorvoll und großartig inszeniert wird damit die Gedankenwelt des Werner Schwab aufs Tableau gebracht.

„Die Präsidentinnen“ ist eines der „Fäkaliendramen“ von Werner Schwab. Warum die drei Damen des Stückes „Präsidentinnen“ heißen? Keine Ahnung, sie sitzen in einer Küche! Der Titel „Die Präsidentinnen“ klingt irgendwie fast falsch, aus der Welt gefallen.

So geht es also „inhaltlich“ immer wieder um das Ausscheiden, um verstopfte Toiletten, zumindest in den sprachlichen Auswürfen einer der drei „Präsidentinnen“, den Auswürfen der Mariedl.

Nachdem sich Erna, Grete und Mariedl im Fernsehen die Übertragung einer Papstmesse angesehen haben, unterhalten sie sich über Gott und die Welt, in der Küche. Jede der drei Präsidentinnen lebt in ihrer Welt, in ihrer Fantasie. Das einzige, was zusammenhält, ist, dass die jeweiligen Auswürfe einer der Präsidentinnen Reaktionen der jeweils anderen beiden „Präsidentinnen“ in Form ihrer jeweiligen Auswürfe – und auch in brutalerer Form – hervorrufen.

Die geizige Erna sorgt sich um ihren Sohn Hermann, der lieber säuft als ihr ein Enkelkind zu schenken.Und sie fantasiert über den von ihr angehimmelten Fleischhauer Wottila, nicht zufällig mit Namen fast gleich fast demjenigen des damaligen Papstes Karol Woytila. Das Göttliche rahmt ohnehin alles ein. Alles ist böse. Die lüsterne Grete erzählt von ihrer psychisch verwirrten, in Australien lebenden Tochter Hannelore und schwärmt von ihrem Dackel Lydi. Und Mariedls große Leidenschaft ist es eben, verstopfte Klos mit bloßen Händen auszuräumen, wobei sie es zu einer wahren Meisterschaft gebracht hat. Kann man mehr Unsinn auf die Bühne bringen?

Die drei Frauen träumen von einem Fest, auf dem Grete einem Musikanten den Kopf verdreht und Wottila um Ernas Hand anhält, während Mariedl unter dem Jubel der Menge ohne Handschuhe die verstopften Klomuscheln reinigt, Dinge herauszieht, eine Dose Gulasch etwa. Mariedl lässt auch Hermann das Fest besuchen. Und so weiter, es gibt zumindest einen Verlauf an Ereignissen.

Mit herkömmlichen Worten lässt sich dieser Abend nicht im Geringsten einordnen. Was man allerdings sieht, ist – wie gesagt – großartig: Drei tolle Schauspielerinnen: Katja Jung, Myriam Schröder und Lisa Wagner. Wie sie hier fast verrückt und völlig überzeichnet agieren, in ihrem Aussehen, ihren Bewegungen, ihrer Sprache, ihrer fehlenden Mimik. Durch sie wird alles wie zu einer bösen Karikatur des (vor fast genau zehn Jahren verstorbenen) österreichischen Karikaturisten Manfred Deix! Ja, überhaupt Österreich – Manfred Deix und Werner Schwab mit Nähe zu Thomas Bernhards bösem Blick auf alles, bei Werner Schwab ist es nur noch deutlich „zerstörerischer“, er hat einen brutaleren Blick auf den Menschen, der Mensch und Kommunikation ist bei ihm fast nichts wert.

Des Weiteren sieht man: Das Bühnenbild und die Kostümierung, ebenfalls wirklich großartig! Alles ist auch hier überzeichnet, eine aufgedunsene und bunte Welt! Die karge Küche mit sinnloser Leiter nach oben ist eingerahmt in einem bunten vielleicht zehn Meter hohen Heiligenhäuschen, einem „Marterl“. Das wiederum ist mit Lämpchen bestückt, wie ein Spielautomat. So scheinheilig ist die Welt. Dazu die fast Comic-hafte Farbgebung des Inneren des Marterls und der Kostüme, siehe die Fotos.

Also: Hier ist eine wirklich in Allem großartige Inszenierung des – zumindest weiter zurückblickend, soweit ich kann – nicht selten inszenierten Werkes von Werner Schwab, in der dessen schwer verständliche oder auch fast schwer verdauliche Blick auf „Mensch und Sprache“ Gegenstand wird, – was man so mit sehr viel Humor gerne ansieht.

Hier sind noch zwei Fotos:

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters: https://www.residenztheater.de/stuecke/detail/die-praesidentinnen

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld

THEATER: Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Einen ersten Blick in diese neue Welt liefert die derzeitige Version der Website der Volksbühne. Hier ist der Link zur derzeitigen Website: https://neu.volksbuehne-berlin.de/#reihen-und-projekte

Die endgültige NEUE VERSION der Website der Volksbühne soll am 1. Juli freigeschaltet werden.


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THEATER: Annie Ernaux – Das Ereignis

Davor war er eher in Richtung Philosophie unterwegs, „formale Logik“ war sein Thema gewesen. Dann ging es weg von der Logik und hin zu Text und Theater. Am Theater arbeitete Necati Öziri als Dramaturg, schrieb mit erstaunlichem Erfolg eigene Theaterstücke und Bücher, in Zürich hat z. B. Christopher Rüping 2022 seinen Theatertext „Der Ring des Nibelungen“ inszeniert. Sein Roman „Vatermal“ wiederum schaffte es dann bis in die Shortlist des Deutschen Buchpreises. 2018-2022 war er Leiter des internationalen Forums des Berliner Theatertreffens. Also interessant!

“Das Ereignis“ ist (natürlich) ein autobiografischer Text der französischen Nobelpreisträgerin Annie Ernaux. Es geht um die Abtreibung, die Annie Ernaux im Alter von 23 Jahren durchführen ließ. Sie war ungewollt schwanger und wollte auf keinen Fall das Kind bekommen. Damals zumindest, manchmal hört es sich fast so an, als würde sie es im Nachhinein – als sie es schrieb, war es 30 Jahre später – fast bereuen, so genau wie sie es beschreibt. Aber im Ganzen schildert sie ja die damalige Situation der 23-jährigen Annie Ernaux, das ist ja auch bei anderen Texten ihr Weg, die Dinge aufzuarbeiten.

Abtreibung war damals strafbar, war auch gesellschaftlich noch ganz anders gesehen. Der schwere Weg der jungen Annie Ernaux überhaupt hin zu einer Möglichkeit, abtreiben zu können. Die Zeitspanne zwischen dem Erfahren von der Schwangerschaft und der Abtreibung! Sie und ihre Umgebung in dieser Zeit! Die Reaktionen damals! Ihre Versuche. Die Widerstände, ihre Erfahrung damals! Das Gefühl, dadurch von der Welt abgetrennt zu sein. Das will sie schildern! Sehr eindrücklich, sehr schonungslos, bis hin zur genauen Beschreibung des abgetriebenen Fötus‘ in ihren Händen und in der Zwiebacktüte, bevor sie ihn ins Klo wirft. Schrecklich und ein schweres ethisches Thema bleibt es ja immer, egal ob strafbar oder nicht. Manch ein kleiner Satz des Textes ist sogar dann, wenn man ihn liest, fast noch eindringlicher, als wenn er nur kurz geäußert wurde. Zu Beginn wird es sehr persönlich, Eva Bay spricht kurz mit einzelnen ZuschauerInnen und „holt uns damit ab“.

Die Inszenierung ist aufs Äußerste reduziert. Es ist fast keine Inszenierung, könnte man meinen: Die Schauspielerin Eva Bay spricht den Text (eine Übersetzung des französischen Originals „L‘événement“, von Sonja Finck) emotional sogar eher zurückhaltend, auf leerer, dunkel gehaltener Bühne (im Werkraum), selber sehr neutral, eher streng gekleidet, fast zu jung auch für die (als sie es schrieb) fast 60-jährige Annie Ernaux.

Nur zwei kleine „Eingriffe“ des Regisseurs gibt es dabei: Auf der Videowand im Hintergrund liest man manchmal einen der damaligen Tagebucheinträge von Annie Ernaux. Und: Kurz spricht Eva Bay manchmal in ein am Rand stehendes Mikrofon, wenn sie zusätzlich aktuelle Gedanken der Schreiberin Annie Ernaux zum Text widergibt – was eigentlich untypisch ist für Annie Ernaux’ Herangehensweise an die Vergangenheit.

Dass sie am Ende „stolz“ ist, es endlich so niedergeschrieben und geschildert zu haben, ist eigentlich eher ihre Sache. Andererseits: Sie äußert, diese schwere Phase bis zur Abtreibung musste genau beschrieben werden! Nur darum ging es ihr! Nur das sei sie der Sache schuldig – was allerdings etwas nüchtern klingt. Es ist ohnehin meines Erachtens nicht der stärkste Text von Annie Ernaux.

Kein leichtes Stück jedenfalls, das sich Necati Öziri herausgesucht hat oder das er hier übernommen hat für seine erste Inszenierung. Bei diesem Text konnte er sich eigentlich nur extrem zurückhalten. Genau das passt, man darf aber auf Weiteres und Anderes von Necati Öziri gespannt sein.

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/50067-das-ereignis

Copyright des Fotos: Sima Dehgani

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THEATER: Michail Bulgakow – Meister und Margarita

Dieser zugegeben sehr komplizierte und sehr umfangreiche Roman ist nun an den Münchner Kammerspielen auf die Bühne gekommen. In der Inszenierung folgt man zusätzlich sogar einem Sprung hin zu den Rolling Stones: „Sympathy for the Devil“!

Es ist eine Inszenierung von Jette Steckel, deren letzte Münchner-Kammerspiele-Inszenierungen „Die Vaterlosen“ (2023) und „Mephisto“ (2025) jeweils zum Berliner Theatertreffen eingeladen waren. Ihre Inszenierung von „Meister und Margarita“ ist natürlich – trotz ihrer knapp über vier Stunden Dauer – „nur“ eine kurze Version dieses Mammutwerkes, aber sie ist beeindruckend.

Denn wie im Roman: Der Wahnsinn, der sie alle durch das Erscheinen eines „Teufels“ (Professor Woland) erfasst, lebt sich in jeder Hinsicht gut inszeniert aus, das muss erst einmal gelingen. Man folgt einem Theaterwerk der Dunkelheit, der Verwirrung, man spürt den Wahnsinn des Romans, er schwappt kurz sogar – in gewagter Form – auf die Maximilianstraße hinaus. Der Roman – 1940 war er zu Ende gebracht – war in Russland lange Zeit verboten und kam erst 1966 in erster, verkürzter Fassung zur Veröffentlichung. Im – sehr hilfreichen – digitalen Programmheft zur Inszenierung heißt es:

Auf eine unzensierte Version musste die sowjetische Leserschaft bis 1973 warten; …. Erst in den 1990ern kam in Russland der millionenfache Druck, und Der Meister und Margarita wurde vor allem unter jungen Menschen zum Kultbuch.

Verboten war der Roman zunächst eben, weil er die damaligen stalinistischen Zeiten völlig auf den Kopf stellte und damit intensiv kritisierte. Natürlich erkannte man in jeder Szene Systemkritik, Bulgakow lebte wahrscheinlich in unvorstellbarer ständiger Angst, unter massivem Druck, unter strenger Zensur etc. Zahlreiche seiner anderen Werke wurden verboten.

Zur Inszenierung: Das dunkle Bühnenbild dieser Inszenierung ist immer wieder ein Hingucker: Sowohl bei Pontius Pilatus‘ (hervorragend Edmund Telgenkämper) Gesprächen mit Jesus (auch hervorragend Erwin Aljukić), als auch im Hauptteil der Inszenierung, in dem riesige Kettenvorhänge Räume schaffen und in dem diese Kettenvorhänge immer wieder den Eindruck von Traum und Wahnsinn schaffen und gut ausdrücken (Bühne: Florian Lösche).

Auch die Besetzung ist hier wieder eine Freude! Hervorgehoben seien aus meiner Sicht Edmund Telgenkämper und Erwin Aljukić, ohne andere nur irgendwie schmälern zu wollen. Auffallend ist daneben noch, dass Linda Pöppel, die man mit ihrer naturgegebenen immensen Bühnenpräsenz eher vom Deutschen Theater Berlin her kennt, dieses Ensemble bestens ergänzt. Man kann nur hoffen, dass sie öfter … Es ist von allen ein Fest der Spielfreude.

Einzig eine Art Showeinlage in Sachen Hypnose (ein großes Thema des Romans) nach der Pause wird etwas langatmig.

Der Kenner mag im Roman zusätzlich viele kleine Einzelheiten erkennen, auch Verbindungen zu Goethes Faust. Wohlan zum Buch! Mein Fazit zur Inszenierung: Man muss wissen, man sieht insgesamt hier schlicht die (wie gesagt sehr spielfreudige) Inszenierung eines russischen Klassikers der Weltliteratur, Bezüge zur heutigen Zeit braucht man nicht zu suchen, soweit sind wir nicht, dass Systemkritik nur noch in der Form einer Geschichte reinen Wahnsinns möglich wäre. Es bleibt somit ein sehr gelungener Abend für Theaterfreunde, die sich einfach mal gerne mit allen möglichen Emotionen (ernsten und heiteren) in einer wilden Geschichte mit wunderbarer Besetzung bei immer spannender Inszenierung durch einen langen Abend ziehen lassen möchten.

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/42859-meister-und-margarita. Geht momentan nicht anders.

Hier noch ein Foto, Linda Pöppel als Margarita:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic

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THEATER: Eurydike und Orpheus

Das Thema: „Der Mensch und die Unsterblichkeit“: Könnten wir Unsterblichkeit überhaupt ertragen oder hoffen wir gar auf Unsterblichkeit? Folgt Orpheus aus Liebe der tiefgefrorenen Eurydike? Die hatte ja nach genauer Vorhersage nur noch eine Stunde zu leben. Wollen und könnten wir aber mit unendlicher Liebe überhaupt etwas anfangen? Könnte Liebe überhaupt unendlich funktionieren? Oder leben wir künftig zumindest „seelisch“ als Digitalversionen unendlich fort? Werden wir dadurch unsterblich? Seltsame Fragen. War das hier bei „Eurydike und Orpheus“ ein Blick in die Zukunft?

Auf den Inhalt gehe ich diesmal kaum ein (siehe unten den Hinweis auf das digitale Programmheft). Es kommt selten vor, ganz subjektiv muss ich aber sagen: Dieser Abend hat mich schon formal geradezu erschrocken. Anderen mag es anders gehen. Ganz formal also:

  • Es war ein Abend mit ausschließlich „gesungenem“, ganz einfach gehaltenem Text (Libretto Robert Bolesto), begleitet von durchgehend fast schmerzhaft atonalen Klängen (Musik: Jan Duszyński). Sehr anstrengend. Es sind ja SchauspielerInnen, nicht SängerInnen. Ich würde eher in die Oper gehen, wenn ich einen ganzen Abend lang Gesang hören möchte.
  • Vorab noch: Aus dem bekannten griechischen Mythos „Orpheus und Eurydike“ umgedreht „Eurydike und Orpheus“ zu machen ist schon nicht sehr originell. Auch wenn hier Eurydike im Mittelpunkt stehen soll, es bleibt eine recht abgehalfterte Verdrehung, zu simpel.
  • Dazu noch: Sowohl Orpheus als auch Eurydike als weibliche Person zu bringen, ist genauso wenig originell. Diese – ich sage mal – „Mode des Theaters“ hätte hier wahrlich nicht schon wieder eingesetzt werden müssen. Manchmal mag es Sinn machen, verständlich sein, hier erschließt es sich mir nicht. Loslösung von der mythologischen Liebesgeschichte um Orpheus und Eurydike? Aber das Stück hier heißt doch – fast – so! Zumindest hätte Orpheus dann wenigstens „Orphea“ heißen müssen, wenn man die lateinischen Namen zugrunde legt. -us ist Maskulinum, -a ist Femininum.
  • Hades, den Gott der Unterwelt, dann auch noch weiblich zu besetzen, lässt mich nur fragen: Warum das denn? Auch Cerberus – überdeutlich martialisch gekleidet – war weiblich besetzt! Wie originell! Macht das irgendwie alles Sinn? Habe ich es alles nicht verstanden?
  • Auch das: Hades komplett in schwarz gekleidet zu bringen, schwarzer Hut mit breiter schwarzer Krempe: Wie einfallsreich! Es ist eher eine fast beleidigende Einfachheit der Darstellung.
  • Auch die anfängliche Kostümierung von Eurydike und Orpheus – siehe das Beitragsbild oben – wirkte ungeschickt, uninspiriert und billig. Eher unförmige Nachthemden. Nun gut.
  • Dann das Bühnenbild: Das Halbrund der Bühne (eine mit Gesteins und Eismassen dunkel bemalte halbhohe Wand) sollte vielleicht die Unterwelt darstellen. Oberhalb gab sie den Blick auf eine große wohl aufgehende Sonnenscheibe frei, die auch als Projektionsfläche für teils seltsame Videos von hinter der Bühne dient. Auch das wirkte schlicht gewollt. Vielleicht ist alles eben eine Budgetfrage, war meine Überlegung.
  • Vor allem aber: Das gesamte zweistündige Verhalten der SchauspielerInnen auf der Bühne wirkte (vielleicht absichtlich) von A bis Z gewollt, gekünstelt, nicht frei, nicht emphatisch, nicht beeindruckend. Man sah ein sehr gewolltes Gestelze, alle SchauspielerInnen waren in einem fürchterlich engen Korsett. Theater aus einer anderen Zeit (hoffentlich nicht aus künftiger Zeit). Oder sollte dadurch vielleicht eine besonders „abstrakte“ und „gekünstelte“ Stimmung entstehen als Besonderheit der Inszenierung? Das wiederum könnte ja dem fern liegenden Thema des Abends (die Unsterblichkeit, der Tod bloß als „Krankheit“, das Einfrierenlassen für eine krankheitsfreie Zukunft, die menschliche Seele als Digitalspeicherung endend) entsprechen.
  • Und und und ich könnte fortfahren.

Fast verärgert habe ich so die Kammerspiele an diesem Abend verlassen. Theater kann auch mal viel Kritik bekommen. Ich hatte möglicherweise einen übertrieben kritischen Blick, kommt vor. Es mag anderen anders gehen, selber ansehen! Aber mir erschien alles unglaublich gewollt. Mir nur, vielleicht – oder wahrscheinlich? – anderen nicht! Schade, kommt aber eben vor! So ist Theater.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele mit einigen INHALTLICH doch schön weiterführenden Beiträgen im digitalen Programmheft. Sollte man vielleicht davor lesen …

Copyright der Bilder: Julian Baumann

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THEATER: Volksbühne und Matthias Lilienthal

Auf http://www.nachkritik.de gibt es nun ein – soweit ich sehe – erstes etwas längeres Interview mit ihm über seine Ansichten zur Volksbühne. Hier der Link zum Interview (geht momentan nicht anders): https://nachtkritik.de/portraet-reportage/der-kommende-volksbuehnen-intendant-matthias-lilienthal-im-interview

Matthias Lilienthal hat jede Menge gesellschaftlicher und politischer Gedanken zur Position und Funktion der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Das ist die Volksbühne! Er sieht die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zunächst einmal als ein einmaliges „Geschenk“, da man hier alles bringen kann und soll, nur nicht herkömmliches Theater. Die Volksbühne steht nicht für herkömmliches Theater, sondern für alles andere.

Er sieht die Volksbühne etwa als ein „Zentrum des Nachdenkens“ über das Ende der Demokratie oder über die Frage „Was ist unsere Realität?, über die Frage: „Wer setzt sich mit welchem Narrativ durch?“, auch über soziale Fragen, er möchte auch Widerstand gegen die AfD etablieren, es geht um unsere Zeit der riesigen Veränderungen, nicht nur in Berlin, generell! Er sagt: „Niemand weiß, wohin es geht. Ich auch nicht. Aber das ist ein Moment, wo man Sachen neu ausprobieren und Dinge neu auf den Tisch legen kann.“

So hat er in unseren national, international und weltweit in vielerlei Hinsicht so dramatischen Zeiten viele, viele Ideen. Sicher auch, was Berlin betrifft. Einiges wird sicher provokant werden, es geht sicher nicht um leise Töne! Andererseits: Wer Matthias Lilienthal kennt, weiß, dass es ihm natürlich um die Theaterkunst/Bühnenkunst geht, nicht rein um Politik, schon garnicht geht es ihm um Belehrung! Es geht sicher um junge Stimmen! Es wird spannend, ich hoffe, die Volksbühne wird ab Herbst eine starke Stimme werden in den vielen „Reibungsprozessen“ unserer Zeit.


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THEATER: Toni Morrison – Rezitativ

Das Thema ihres Lebens war die Rassentrennung. Toni Morrison war sicher immer arbeitsam, hartnäckig, ehrgeizig, resolut, standhaft, „tough“, hat sich für ihr Lebensthema nichts geschenkt. Aufgewachsen in den Südstaaten in den Zeiten der Rassentrennung, schon als Kind literaturinteressiert, später die Südstaaten verlassen Richtung Norden, dann verheiratet mit Howard Morrison, dozierte englische und afroamerikanische Literatur an der Universität in Washington, hatte zwei Söhne aus der Ehe, die Ehe scheiterte nach wenigen Jahren (1964), war dann alleinerziehend, wurde Verlagslektorin, etablierte bei Random House als Cheflektorin das Genre afroamerikanischer Literatur, daneben weiterhin die Vorträge zur afroamerikanische Literatur, suchte nach einer weiblichen schwarzen Stimme zum Thema Rassentrennung, fand sie nicht, begann daher mit 39 Jahren (1970) selbst zu schreiben, die Kinder währenddessen noch auf ihrem Schoß, schrieb Bücher, immer wieder zum Thema Rassentrennung und Sklaverei, erhielt 1989 eine Professur, dann den Pulitzerpreis und 1990 den Literaturnobelpreis.

„Rezitativ“ ist also ihre einzige Kurzgeschichte, hier am Marstalltheater auf der Bühne. Bühnenfassungen ihrer anderen Werke, glaube ich, gibt es nicht. Die Kurzgeschichte „Rezitativ“ war von Toni Morrison in jedem Detail durchdacht, in jeder Zeile. Zwei Frauen, die sich – beginnend in einem Kinderheim, in dem sie sich kennen lernen, – über Jahre hinweg nur ein paarmal zufällig sehen und dann jeweils kurz miteinander sprechen. Eine Schwarze, eine Weiße. Der Clou: Toni Morrison lässt den gesamten Text hindurch nicht erkennen, welche der beiden Frauen die Schwarze ist und welche die Weiße. Die Erzählung zeigt, was trennt und was verbindet, zeigt, dass es die Trennung nach Hautfarbe in diesen Jahren gab, dass hinter allem aber auch etwas Gemeinsame steckt, nicht nur die trennenden Überlegungen „typisch“ und „charakteristisch“, deren Zuordnung Toni Morrison in dieser Erzählung ja gerade unmöglich macht. Das Gemeinsame war in „Rezitativ“ etwa der Aufenthalt der beiden Frauen in deren Kindheit im Kinderheim. Der Leser/Zuschauer will ständig das „Schwarze“ und das „Weiße“ an ihnen zuordnen, es geht aber nicht.

In der Inszenierung am Marstalltheater treten für beide Frauen sogar immer vier Frauen auf. Alle sind gleich gekleidet, irgendwie zwischen futuristisch und spießig, unklar bleibt dabei natürlich erst recht, wer wer ist. Sie erzählen die Kurzgeschichte recht wortgetreu, es ist mehr eine Erzählung, als ein Theaterstück. Daher wohl auch die wahrlich sparsame Bühnengestaltung auf der kleinen Bühne – in Farben, die am ehesten noch an die Südstaaten erinnern, orange und hellgrün. Optisch bleibt die Bühne insgesamt etwas fraglich (warum diese dünnen hellgrünen Eisengestelle? Warum diese fast unschöne Farbgebung?), aber man kann eben nicht immer alles perfektionieren, darum geht es ja auch nicht!

Ich könnte mir vorstellen, dass man für Toni Morrisons Kurzgeschichte eine noch weitaus größer angelegte Inszenierung hinbekommen kann, so feinfühlig detailliert konstruiert ist die Erzählung selbst. Schade, so geht es in dieser Inszenierung doch zu schnell, es bleibt das Vortragen einer Erzählung, obwohl Toni Morrisons Erzählung „Rezitativ“ den Leser/Zuschauer geradezu hin und her werfen kann/soll. All das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass beide (die Mädchen/Frauen Twyla und Roberta) einmal etwas Gemeinsames erlebt hatten, sie kommen dabei immer wieder auf etwas ganz Bestimmtes zu sprechen, sehen es im Lauf der Jahre immer wieder leicht anders.

Ein interessanter Beitrag über Toni Morrison findet sich HIER (WDR 2023).

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheater.

Hier noch ein Bild:

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld

THEATER: Starke Stücke 2025

  • Unser Deutschlandmärchen
  • Double Serpent
  • Die Gewehre der Frau Carrar/Würgendes Blei
  • Bernarda Albas Haus

HIER der Link zur Seite in der 3sat Mediathek.

Das Berliner Theatertreffen 2026 hat gerade begonnen. Mehr dazu folgt.

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THEATER: Doris Uhlich – Glitsch

Darüber hängen teils wiederum schwarze quadratische Kästen,. Aus ihnen fällt später gelbbrauner Schleim auf die Gitter, der Schleim wird dann ganz langsam durch die Gitter aus etwa 5 m Höhe auf die Bühne tropfen, sich in langen Fäden herabziehen. Doch noch etwas Reelles sehen wir, etwas ganz Mechanisches: Martin Weigel geht zu Beginn – schon nackt – mit einem etwa 5 m hohen schlanken Metallgestell über die dunkle Bühne, mit dem er nach richtiger Positionierung neben den Gittern schwarze Eimer langsam in die Höhe zieht und oben wieder Schleim in die Gitter fallen lässt. Eine Art Hebebühne.

Das war’s. Alles andere an diesem Abend ist vollkommen unreell, undefinierbar, grenzenlos, nicht auch nur im Entferntesten unserer Welt des Reellen entsprechend. Es wird aber wunderbar! Sechs SchauspielerInnen – nackt auf der Bühne – beschäftigen sich wortlos mit dem glibberigen Schleim, tanzen zu sehr lauter dröhnender Musik, rutschen am Boden, bewegen sich, mal zusammen, mal allein, zappeln, verdrehen ihre Körper, immer nackt, bearbeiten sich – auch gegenseitig – mit der schleimigen unhaltbaren Glibbermasse, es wird eine irre Komposition, die uns irgendwie zeigen kann: Ja, ein Leben lang bauen wir uns eine Welt des Reellen auf (die Gitter, die Hebebühne, Physik!), aber eigentlich ist es doch so: Alles fließt, alles ist unhaltbar – πάντα ρεί – panta rei! Man kann bei Betrachtung des Abends denken: Ja, das ist das Leben! Jeder beschäftigt sich irgendwie, mal alleine, mal mehrere zusammen, mal alle zusammen! Alles scheinbar sinnlos, Spielerei, Verrücktheiten. Alle sind gleich, selbst die Nacktheit der sechs so unterschiedlichen Körper unterliegt hier nicht mehr unserer erlernten Bewertung. Insgesamt hat diese fast poetische totale Entgrenztheit eine besondere Ästhetik, die durch die Nacktheit nur geöffnet wird.

Mehr sei hier nicht gesagt, Doris Uhlich und die sechs insoweit mutigen SchauspielerInnen zeigen uns hier eine andere Welt, Worte würden zu Definitionen führen, aber genau das soll hier entfallen! Manch Zuschauer braucht vielleicht auch etwas Mut, aber es lohnt absolut!

Insoweit kann man nur sagen: Danke an Katharina Bach, Erwin Aljukić, Dennis Fell-Hernandez, Martin Weigel, Elias Krischke und Ann Muller für diese entgrenzende und entgrenzte Performance! Schön, durch deren Leistung so etwas sehen zu dürfen! Standing ovations – was man aber zurzeit seltsamerweise immer wieder sieht, es scheint ein gesteigertes Bedürfnis nach Theater zu geben, fern von unserer doch düsteren Welt.

Hier noch zwei Fotos:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright der Fotos: Judith Buss

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THEATER: Robert Icke – Ödipus nach Sophokles

Es ist die antike Tragödie „Ödipus“ von Sophokles, die jetzt (nach Aufführungen in anderen Städten) am Münchner Residenztheater zu sehen ist. Ödipus’ Schicksal ist ja als altgriechischer Mythos bekannt: Spät erfährt Ödipus, dass er adoptiert ist, dass er in jungen Jahren zufällig seinen ihm unbekannten leiblichen Vater Laios getötet hatte und wiederum etwas später unwissentlich seine leibliche Mutter Iokaste, die Frau des gestorbenen Laios, zur Ehefrau genommen hatte. All diese Zusammenhänge waren ihm nicht bekannt. Mit Iokaste hatte Ödipus sogar vier Kinder, Antigone, Ismene, Etheokles und Polyneikes. Sein Schicksal endet natürlich tragisch.

Soweit der Mythos. Robert Icke behält für seine „moderne“ Fassung nicht alle Einzelheiten des Mythos bei, aber dessen Verlauf, die „Story“, er behält auch die antiken Namen bei und sogar das Prinzip von „Einheit von Zeit, Raum und Handlung“ einer klassischen antiken Tragödie. So sieht man, wie sich auf der Bühne alles in einem einzigen Raum innerhalb von knapp zwei Stunden abspielt, ohne Zeitsprünge.

„Ödipus“ spielt bei Robert Icke also unter Beibehaltung dieser antiken Elemente – vor allem der „Storyentwicklung“ um Ödipus herum – in der heutigen Welt: Ein Wahlabend, der smarte Ödipus steht vor einem großen Erfolg … die Hochrechnungen zeigen es … alle sind happy, die Kinder stolz … aber da bricht sein Leben zusammen … die teils verdrängte, teils unbekannte Vergangenheit kommt ans Tageslicht … es hatte vor etwa zwanzig Jahren einen Autounfall gegeben, Ödipus hatte ihn verursacht, Laios war dabei gestorben … und auch Iokastes Vergangenheit kommt hoch … sie hatte ihr Kind, den damaligen Säugling Ödipus, ausgesetzt.

All das in der modernen Welt. Auch in Robert Ickes moderner Fassung des „Ödipus“ bahnt sich also die Wahrheit ihre Bahn. Es entstehen Überlegungen, es wird im Text angesprochen: Wir leben unser Leben oft mit einer Lüge, das Leben basiert fast zwangsläufig auf Lüge, unbewusst oder bewusst, weil immer Dinge unter den Tisch fallen und eine unvollständige Wahrheit ist eine Lüge.

Irgendetwas verschiebt sich allerdings, wenn man Robert Ickes Fassung des „Ödipus“ sieht. Auch wenn man ständig fast automatisch „klassisch“ mitdenkt: Zwangsläufig geht der antike Tragödiencharakter verloren, man folgt „nur noch“ einer moderne Geschichte mit tragischem Ausgang, mehr nicht. Im Original vor allem sind es Orakelsprüche, die Iokaste und Ödipus zu ihren Handlungen treiben, die Götter lenken, aber genau das entfällt natürlich in der modernen Welt. Kann das funktionieren?

Es kann funktionieren, eine solche Aktualisierung ist auch im Grunde sehr interessant, aber man sieht eben nicht mehr das antike Drama. Die antiken Dramen, so auch „Ödipus“ von Sophokles und so auch die gesamte griechische antike Welt, waren schließlich getragen von Einflüssen der Götter. Genau das hebt eine solche Geschichte, auch die Geschichte um Ödipus, in unfassbare Sphären der damaligen Welt.

Das so sehr Mythologische aufzugeben zugunsten einer Aktualisierung ist schwer, es gelingt bei Robert Ickes „Ödipus“ m. E. nicht rundum, da eben die Schicksalsführung durch Orakel keinen Ersatz findet oder finden kann. Die Götterwelt und das von ihr oft gelenkte Schicksal hatten früher eine unglaubliche Bedeutung! Früher, aber nicht mehr heute! Heute scheint der Zufall zu bestimmen.

Es ist bei alldem aber immer wieder eine Freude, vor allem die beiden langjährigen, so irre vielseitigen Ensemblemitglieder Barbara Horvath (hier als Iokaste) und Florian von Manteuffel (hier als Ödipus) – diesmal als smarte moderne Menschen – zu sehen. Sie stehen natürlich im Zentrum der Tragödie. Florian von Manteuffel etwa als Boanlkramer im Brandner Kasper, oder oder oder, und Barbara Horvath etwa ehemals in Simon Stones famosen „Drei Schwestern“, oder oder oder!

„Bühnenbildtechnisch“ wiederum scheint Robert Icke schlichte, modern-funktionale völlig emotionslose Räume zu bevorzugen.

Fast erstaunlich ist es übrigens, dass im Programmheft am Ende ein sehr guter Text zu lesen ist, dessen Bezug zum Stück zumindest nicht gleich klar wird: Worte einer Frau, die ein Epstein-Opfer war. Aber man merkt: Wie geht sie mit ihrer Vergangenheit um?

HIER Der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld