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THEATER: Marco Layera und La Re-sentida – „La posibilidad de la ternura“, Die Möglichkeit von Zärtlichkeit

Heute, Samstag, den 30. September, morgen, Sonntag, den 1. Oktober, und Dienstag, den 3. Oktober, ist er noch zu sehen an den Münchner Kammerspielen. Ein begeistert aufgenommener Abend des in Chile sehr bekannten Regisseurs Marco Layera, den er zusammen mit sieben jungen Menschen zusammen gestaltet hat.

Es ist eine Folgeinszenierung des Regisseurs nach seinem vor fast drei Jahren ebenfalls sehr erfolgreichen Stück über das Schicksal von Mädchen und Frauen. Thema war damals das chilenische Abtreibungsverbot. Hier in München – es gab auch Aufführungen im September auf der Ruhrtriennale – geht es nun um das Schicksal von Jungs im Alter von 13-18 Jahren.

Es gibt sicherlich speziell den chilenischen Hintergrund, der noch patriarchalischer/machohafter ist als unser europäischer Hintergrund. Dennoch: Das Stück betrifft unsere westliche Welt insgesamt! Die Sicht sieben junger, für ihr Alter sehr gut spielender chilenischer Jungs, die mit diesem immer authentisch wirkenden Abend versuchen, aus der ihnen aufgezwungenen Welt der Männlichkeit auszubrechen. Immer wieder schildern Sie – vor allem im ersten Teil des Abends – die Tatsache, dass ihnen (besser: Jungs insgesamt) von Geburt an anerzogen wird, männlich zu sein, keine Gefühle zu zeigen, nicht zu weinen, sich durchzusetzen, zu gewinnen, nicht zu lange kindlich zu sein, mit Waffen umzugehen, Plastikwaffen, die immer schwerer werden, und und und, das ist die männliche Welt.

Sie, die hier so sympathischen sieben Jungs, die nach einem langen Casting in Chile zusammenkamen, setzen in diesem Stück dieser Welt ein Ende. Ein märchenhafter, auch revolutionär gedachter, aber sehr schöner und meines Erachtens wertvoller Gedanke, der hier aufgegriffen wird. Es ist unter anderem auch ein tief berechtigter Gedanke gegen die Zerstörung der Umwelt. Überzeugend ist der Abend vor allem auch deswegen, weil es ein Abend von so jungen Menschen ist, die insgesamt so authentisch sind. Sie wollen Schluss machen mit ihrer männlichen Welt, die Ihnen anerzogen worden ist. Es geht auch anders, es hat viel mit Respekt zu tun, der offenbar in Chile schon am Schulhof oft fehlt, so ihre Darstellung. Oder: Wenn die Mutter mit dem Schüler zum Rektor muss, weil der Schüler lange Haare trägt. Oder: Wenn sexuell von der Norm abweichende Orientierungen auf die unnachgiebige „männliche“ Welt treffen.

Das Stück bringt das Thema der so tief in uns sitzenden Männlichkeit unserer Gesellschaft in einer Art und Weise auf die Bühne, die an Milo Rau denken lässt. Sehr direkt, in deutlicher Ansprache des Publikums, einseitig, dokumentarisch erzählend, weniger künstlerisch gestaltend, genau auf das jeweilige Thema zugespitzt, fast provozierend – das sind die bekannten Methoden des Milo Rau. Der Abend von Marco Layera ist in dieser Hinsicht professionell gemacht, ähnlich Milo Rau, es ist aber nicht nur die Art und Weise der Herangehensweise, die an Milo Rau denken lässt. Die Jungs, die Szenen, die Musik, es passte gut. Ein gelungener Abend, der am Ende mit Standing Ovations in der Therese-Giese-Halle hinter dem Schauspielhaus gefeiert wurde.

Milo Rau wird ja kritisiert und gefeiert für seine vielleicht oft zu messianische Herangehensweise an seine Themen. Er sagt ja: „Wir leben nicht in einer Zeit des zivilen Gehorsams, sondern des zivilen Ungehorsam“ und er bringt das allein schon durch die Auswahl seiner Themen oft zum Ausdruck. Es gibt gerade ein neues Buch von Milo Rau, in dem er anscheinend überaus deutlich seine Sicht der Dinge klarstellt: HIER eine sehr begeisterte Besprechung des Buches – das Buch mit dem Titel „Die Rückeroberung der Zukunft“, basierend auf der Poetikvorlesung „Warum Kunst?“, die Milo Rau im November 2022 im Literaturhaus und im Kunsthaus Zürich hielt. 

Viel kritischer ist dagegen die Besprechung des Buches in der Süddeutschen Zeitung (Peter Laudenbach) vom 27. September HIER, die online leider nicht ohne speziellen Abo-Zugang zur Verfügung steht. Peter Laudenbach wirft Milo Rau in gewisser Weise Schwarz/Weißmalerei vor, die nicht weiterhelfe, sondern gute Diskussionskultur fast zerstöre. Natürlich kann, wer will, auch den Abend von Marco Layera ein wenig in diese Ecke schieben. Der Abend ist allerdings nicht vorwurfsvoll, sondern er reißt romantisch oder revolutionär die „männliche“ Mauer (die in Chile wohl noch mehr besteht) ein, einer der Jungs entschuldigt sich dafür geradezu am Ende!

HIER eine Besprechung des Buches von Milo Rau aus der ZEIT online. Ich hoffe, ich kann das Buch auch noch lesen.

Wie gesagt, der Abend an den Münchner Kammerspielen geht in die Richtung von Milo Rau, sehr gut gestaltet, sehr gut gespielt, fast dokumentarisch, etwas romantisch, aber sehenswert.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier die klasse Jungs:

Copyright der Fotos: La re-sentida

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THEATER: Luk Perceval

Es gibt wenige große Theaterzeitschrift. Eine davon: „Theater der Zeit“. Über eine andere hatte ich bereits berichtet (HIER der Link zum Beitrag). Aktuell: Der Verlag von „Theater der Zeit“ bringt seit Jahren neben den zehn Monatsausgaben jeweils als Doppelausgabe 7 und 8 ein „Arbeitsbuch“ zu einer Persönlichkeit oder einem Thema der Theaterwelt heraus. Das Arbeitsbuch Nr. 28 erschien nun kürzlich zum flämischen Regisseur Luk Perceval.

HIER der Link zur Website von „Theater der Zeit“. HIER der Link zum Arbeitsbuch über Luk Perceval mit der Möglichkeit, reinzublättern und zu bestellen.

Thematisiert werden im (etwa 180-seitigen) Arbeitsbuch neben einigen Inszenierungen von Luk Perceval seine Sicht auf den derzeitigen „Zustand“ des Theaters vor allem in Deutschland – er arbeitete die letzten Jahrzehnte hauptsächlich in Deutschland – und seine interessanten Vorhaben in der näheren Zukunft – er wechselt nach Belgien. In deutscher Version und wortgleich in englischer Übersetzung – das macht (neben einiger Werbung deutscher Theater) leider auch den Umfang des Arbeitsbuches aus – liest man etwa ein Gespräch mit Luk Perceval, dann ein Gespräch mit dem Schriftsteller und Dramatiker Jon Fosse, außerdem ein gemeinsames Interview mit Luc Perceval zum Einen und – aus gegebenem Anlass – Milo Rau zum Anderen sowie Gespräche und Texte einiger seiner langjährigen Mitstreiter (die Bühnenbildnerin Annette Kurz, der Schauspieler Thomas Thieme, die Dramaturgin Marion Tiedtke, der Musiker Jens Thomas, der künstlerische Leiter Steven Heene, jetzt auch am NTGent, und weitere). Angereichert ist all das durch großformatige Bilder von einigen Inszenierungen von Luk Perceval.

Hier etwa eine Fotoaufnahme der Probe zu „Macbeth“ in Sankt Petersburg aus dem Jahre 2014 (auch zu seinen russischen Gastspielen sind zwei Texte zu lesen):

©️ Annette Kurz

2018 war Luk Perceval übrigens mit einer wohl sehr persönlichen Interpretation von „Romeo und Julia“ von William Shakespeare wiederum in Russland. Auch dazu einen Artikel.

Das Beitragsbild oben wiederum zeigt die Bühne der Inszenierung von „Frost“ am Thalia Theater in Hamburg, auch von 2014.

Luk Perceval ist fländrischer Herkunft. Er ging, wie gesagt, nun vor Kurzem einen interessanten Schritt: Er verließ Deutschland und wechselte an das NTGent in Belgien, dessen Intendant bekanntlich Milo Rau ist. Ein spannender Ort. HIER der Link zur Website des NTGent. Er ist dort für drei Jahre Artist in Residence. Auf der Suche nach den Möglichkeiten eines internationalen Theaters für das 21. Jahrhundert.

Am NTGent bringt Luk Perceval eine Trilogie über Belgiens Geschichte heraus. Jedes Jahr wird ein Teil der Trilogie gezeigt werden. Die Trilogie heißt insgesamt „The Sorrows of Belgium“. Der erste Teil dieser Trilogie, die sich mit der unaufgearbeiteten Vergangenheit Belgiens (etwa Kongo) auseinandersetzt, hat den Titel „Black“. Dieser erste Teil läuft bereits seit März – bis Anfang kommenden Jahres. Die folgenden Teile werden – den Nationalfarben Belgiens entsprechend – die Titel „Yellow“ und „Red“ haben.

HIER der Link zur Seite des Stückes „Black“ auf der Website des NTGent. HIER ein Video mit kurzen Ausschnitten aus „Black“. Und HIER noch eines dazu.

Luk Perceval und Milo Rau sprechen im gemeinsamen Interview im Arbeitsbuch über Fragen eines modernen internationalen Theaters, die ja besonders Milo Rau am NTGent in den Vordergrund stellt und praktiziert. Das und die Entwicklung des deutschen Stadttheaters sowie die Arbeit des heutigen Schauspielers und der Schauspielerin sind ganz offenbar die Themen, die Luc Perceval umtreiben. Er beklagt die harten riesigen und zementierten Strukturen des deutschen Stadttheaters und die daneben teilweise wackeligen, vor allem oft schlechten finanziellen Bedingungen der SchauspielerInnen.

Außerdem wäre in seiner Idealsicht

„… auch die Öffentlichkeitsarbeit auf der Probe dabei und würde mit Beteiligten Gespräche führen, Filmen, Podcasts machen und so weiter. Damit das Theater sich viel mehr öffnet. Damit ein Diskurs entsteht, eine Auseinandersetzung, ein Raum, mit dem man sich emotional und intellektuell identifizieren kann; damit man die Leute, die Stadt einlädt, mitzudenken und sich auch mit uns auseinander zu setzen.

Und so weiter. Ein Wermutstropfen beim Lesen (wie leider oft, wenn es um Kritiken zur Aufführungen geht): Um das Arbeitsbuch umfassend genießen zu können, sollte man möglichst viele der angesprochenen Inszenierungen von Luc Perceval gesehen haben. Inszenierungen, die ihn, wie gesagt, auch mehrfach nach Russland führten (wobei man diese Inszenierungen wahrscheinlich kaum gesehen haben wird). Viele der von den Mitstreitern geschilderten Eindrücke beziehen sich detailreich auf diese Inszenierungen. Schade, von diesen Eindrücken zu lesen, wenn man sie nicht nachvollziehen kann. Das nimmt etwas Freude am Gelesenen, doch auch das ist immer wieder gemischt mit Darstellungen der handelnden Personen, die einen guten Gesamteindruck schaffen, soweit das möglich ist. Aber wann hat man schon einen „Gesamteindruck“?

©️ des Beitragsbildes oben: Auch Annette Kurz

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THEATER: Tipp zum Lesen

Für Theaterfreunde und Freunde der Arbeiten von Milo Rau, einem der zur Zeit ja „radikalsten Theatermacher“, habe ich hier einen aktuellen Tipp: Im Magazin der Süddeutschen Zeitung von heute, Freitag, den 3. Mai 2019, ist ein längerer Bericht über die derzeitigen Arbeiten von Milo Rau und seinem Team im zerbombten Mossul/Irak für ein neues Theaterstück zu lesen.

Ich kann nicht darauf verlinken, da der Artikel nur im bezahlbaren Bereich des Magazins vollständig zu lesen ist. „Orest in Mossul“ wird das Stück heißen, basierend auf der Orestie von Aischylos. Gedreht werden im Irak die Videoeinspielungen.

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THEATER: Milo Rau – Die Wiederholung

Darf man alle Grenzen sprengen und alles infrage stellen? Diese Frage stellt sich, wenn man von Milo Rau „Die Wiederholung“ gesehen hat. Man kann das Theater – Kammer 3 der Münchner Kammerspiele –  an diesem Abend ansich nur fassungslos, verunsichert und irritiert verlassen, weil alle Grenzen gesprengt worden sind.

Allein schon die tiefe Erschütterung über den grauenhaften Inhalt des Abends würde man ja gerne im Rahmen der bekannten Grenzen – ein Theaterabend eben! – halten. Das geht aber nicht. Schon dann, wenn man sich sagt, „so etwas möchte man nicht im Theater sehen“, hat man es eigentlich falsch verstanden. Dann klammert man sich ja doch wieder an die irgendwie existierenden Grenzen des Theaterschauens! Aber genau mit der Reaktion „Bitte nicht!“ soll man ja vorsichtig sein, sagt der Abend vielleicht. Natürlich kann man sich an die herkömmlichen Grenzen der „Gewohnheit“ festklammern, aber genau um diese Grenzen geht es an diesem Abend! Ich finde es ja immer wieder, wie gesagt, interessant, wenn uns unsere Grenzen bewusst gemacht werden.

Es wird ein vor einigen Jahren in Lüttich tatsächlich geschehener Mord an einem homosexuellen Jugendlichen aufgearbeitet und in vielen Aspekten – auch den Tathergang betreffend – nachempfunden. Schon mit diesem Mord wurden ja faktisch alle Grenzen gesprengt. Es wurde ein Mensch umgebracht. Sinnlos umgebracht von Jugendlichen, die damit ebenfalls völlig ihre Grenzen gesprengt haben. Warum auch immer. Vielleicht weil sie arbeitslos und frustriert waren.

Auch für die Hinterbliebenen des Getöteten wurden alle Grenzen gesprengt. „Warum?“ wird mehrfach von Ihnen und dem Freund des Getöteten gefragt. Sie können es nie verstehen! Es bleiben Ihnen nur völlig ungelöste Fragen.

Und weiter: Auch die Zuschauer werden im Grunde gezwungen, Grenzen zu sprengen. Gewohnte Grenzen des Zuschauens. Wann sieht man schon einmal in einer solchen Nähe und so detailiert nachgestellt einen grausamen Mord? Man ist einem schrecklichen Geschehen ausgesetzt! Noch dazu „untermalt“ von vielen vielen traurigen Emotionen. Gut, man sieht gewöhnlich mal etwa einen König sterben! Aber das ist Theater, reines Theater. Man zuckt mit der Schulter, wenn überhaupt.

Und noch weiter: Auch die Schauspieler sprengen für sich sicherlich Grenzen: Die beiden ältesten Schauspieler (eine Frau und ein Mann) sitzen längere Zeit nackt nebeneinander und küssen sich. Auch das ist ja ungewöhnlich.

Und noch etwas, was mit dem Sprengen von Grenzen zu tun hat: Eine der Mitwirkenden erzählt – in der Person des ehemaligen Freundes des Getöteten – er habe eine Wahrsagerin aufgesucht, um nach einem „Zeichen“ seines getöteten Freundes zu fragen. Wahrsagerei stößt ja herkömmlich auch schnell an die Grenze des Glaubhaften.

Und es ging immer weiter: Anhand der Konfrontation mit all diesen Grenzen werden dem Zuschauer auf einer völlig anderen Ebene weitere Grenzen aufgezeigt und auch diese Grenzen werden gesprengt. Es geht um die Grenzen des Schauspiels.  Das eigentlich große Thema von Milo Rau, der zurzeit wahrscheinlich schillerndsten Figur der europäischen Theaterszene. Es geht ihm nur sekundär um den Mord. Es geht um Schauspiel und Realität. Sicher sind die Grenzen des Schauspiels der Anlass, warum er solche Abende gestaltet. Was ist Schauspiel, was ist Realität?

Ständig wird man an diesem Abend zwischen Schauspiel und Realität hin- und hergeworfen. Ein Beispiel: Der – ich nenne ihn einmal: – „Aufnahmeleiter“ sitzt neben der Frau, die die Mutter des Getöteten spielt, einem Kameramann mit portabler Kamera gegenüber und sagt: „Aufnahme!“. Beide werden gefilmt, schlüpfen sofort in die Rollen der Eltern des Getöteten und erzählen von den Momenten vor und nach dem Mord.

Die Frau wurde – wie andere Mitwirkende auch – zu Beginn des Stückes noch gefragt, warum sie Schauspielerin sei und was sie bisher gemacht habe etc. Also auch hier werden die Ebenen der Privatpersonen und der Schauspieler sowie der dargestellten Personen, den Eltern des Getöteten, vermischt, nebeneinander gezeigt.

Immer wieder diese Vermischung. So wird auch erzählt, wie man tatsächlich – in der Realität der Vorbereitung des Stückes – einen der Verurteilten in Gefängnis besucht hatte! Schauspiel? Realität? Für die Einen ist es Vorbereitung, für die Anderen Vergangenheit.

Auch der Aufnahmeleiter: Er ist der „Aufnahmeleiter“ (und auch den spielt er ja nur, er steht ja auf der Bühne) und er ist plötzlich der Vater des Getöteten. Und daneben ist er natürlich Privatperson. Viele Szenen sind übrigens auf einer Leinwand zu verfolgen, wobei sich auch hier wieder zeigt: Es stellt sich heraus, dass die Aufnahmen, auf die man blickt, gar nicht live vom Kameramann kommen, obwohl sie wörtlich und inhaltlich identisch mit dem sind, was der Kameramann gerade aufzunehmen vorgibt. Also noch eine Ebene. Oder man sieht auf der Leinwand eine Person in einem Bett sitzen, während das gleiche Bett auf der Bühne leer ist.

Und man überlegt wirklich immer mehr: Was ist überhaupt noch reell, was ist Schauspiel! Man hört ja anfangs auch die Aussage, dass Schauspieler, die sich auf ihre Rolle vor Beginn des Abends einstimmen, vorbereiten, im Grunde auf der Bühne gerade deswegen bloß „Schauspieler“ bleiben. Man wird an diesem Abend eigentlich weggeführt von der Schauspielerei. Hin zur Realität!

Milo Rau verfolgt zu dieser Frage ohnehin eine sehr besondere Ansicht: Er hat kürzlich das so genannte „Genter Manifest“ geschrieben. Es sind seine Grundsätze, nach denen er Theater macht. Milo Rau ist derzeit der Intendant des NT Gent. HIER das lesenswerte Genter Manifest (am Ende des verlinkten Beitrags).

Man hat also alle möglichen Grenzen gesehen und musste sie für sich aufheben. Alles wurde infrage gestellt. Eine Schlussfolgerung ist schwer! Ich würde sagen: Es wird einem bewusst gemacht, dass man beim Betrachten eines Theaterstückes im Grunde meistens feige an der Realität vorbeischaut. Auch wenn man meint, an der Realität „nah dran“ zu sein: Es ist nicht die Realität.

Gegen Ende erzählt eine der Mitwirkenden noch eine schöne Geschichte: Sie mag, sagt sie, besonders den 6. Akt von Tragödien: Den Akt, wenn sich alle SchauspielerInnen vor dem Publikum verneigen und wieder vereint sind. Auch wenn sie während des Stückes getötet wurden, verbannt, verletzt, beleidigt, oder was auch immer und wer auch immer. Sie wiederholen das Stück ja schließlich. Die Wiederholung.

Wer sich dem aussetzen will: Heute Abend noch einmal in den Münchner Kammerspielen, 20:00 Uhr.

©️ des Beitragsfotos: Hubert Amiel, Kammerspiele

THEATER, LITERATUR: Verrannt!

Jetzt habe ich mich irgendwie verrannt! Ich habe in letzter Zeit zuviel gemacht und komme jetzt mit dem Blog nicht mehr nach. Aber bitte: Ich habe einfach mehr Zeit für diese Dinge, als wahrscheinlich (fast) alle anderen. Und das will ich ja nur „teilen“, wie es so schön heißt. Gut, als Rentner könnte man es ebenso handhaben.

Also, da war zuletzt:

– „Macbeth“ von den Münchner Kammerspielen hatte ich gesehen. Da muss ich noch etwas drüber schreiben.

– „Macbeth“ hatte ich kürzlich auch am Münchner Residenztheater gesehen. Auch darüber will ich noch schreiben. Über Macbeth am Berliner Ensemble hatte ich ja Gottseidank schon geschrieben (HIER).

– Das Buch „Der Tyrann“ von Stephen Greenblatt über William Shakespeare’s Tyrannengestalten lese ich zu meiner Macbeth-Trilogie gerade noch. Ist natürlich auch einen kleinen Beitrag wert. Es ist schon fürchterlich, wenn man versucht, die Dinge etwas besser zu verstehen.

– Dann hatte ich den Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oskar Wilde gelesen, weil ich kürzlich die Performance „Creation“ nach diesem Roman gesehen hatte (HIER der Bericht). Auch über dieses Buch sollte noch etwas kommen.

–  Gestern hatte ich dann an den Kammerspielen wieder etwas gesehen: „Die Wiederholung“ von Milo Rau. Auch darüber würde ich ja gerne etwas schreiben. Gerade an diesem Stück zeigte sich wieder einmal: Nur konsumieren geht nicht! Ich muss mir Gedanken darüber machen, darüber reden, es steht ja alles immer in einem Zusammenhang!

– Morgen werde ich die Premiere von „Kill the Audience“ an den Kammerspielen sehen. Das ergibt auch wieder einen kleinen Beitrag.

– Und irgendwie habe ich sogar den Eindruck, da fehlt noch etwas.

Und das ist ja nicht unbedingt alles! Ich gebe fast jeden Tag ein wenig Nachhilfe, ich lese noch etwas anderes („4 3 2 1“ von Paul Auster ist es gerade, auch kein schmales Heftchen), ich schreibe manchmal etwas (wenig zurzeit) und so weiter. Alles nicht so einfach. Gut, ich wohne ca. 200 Meter entfernt von den Kammerspielen und zum Residenztheater sind es vielleicht 800 Meter.  Und da ist dann noch ein wenig Politik (die Partei mut in Bayern). Eigentlich alles viel zu viel. Da hat man es ja fast leichter, wenn man einfach arbeitet!

Und der Blog wird neu! Vielleicht morgen!

THEATER: Milo Rau – Lam Gods

Naja, ich laufe nicht nur fröhlich durch die Welt, denke ich mir manchmal. So antworte ich auch manchmal, wenn ich gefragt werde, wie es mir geht. Das ist doch ein bisschen ehrlicher, als immer mit „gut!“ zu antworten, denke ich. Mir fallen immer wieder Dinge auf, an denen ich mich reibe. Aber mit positiver Grundstimmung! Auch politisch. Daher finde ich Theater ja so gut, wenn es an unseren Ansichten rüttelt.

Am  belgischen Nationaltheater, dem NT Gent, bringt etwa der junge Milo Rau, einer der aufregendsten Regisseure unserer Zeit, zurzeit das Stück „Lam Gods“. Ich hatte schon mehrfach über Milo Rau geschrieben. HIER etwa. Das Stück Lam Gods ist das erste Stück von Milo Rau am NT Gent, an dem er jetzt Intendant ist.  Es geht zurück auf einen weltberühmten Altar In der Genter St.-Bavo-Kathedrale. HIER die Seite zum Stück auf der Website des NT Gent.

Und HIER eine Kritik zum Stück von Christine Dössel, um die geht es mir.

Es scheint wieder ein sehr beeindruckendes Stück zu sein! Milo Rau hat ja ein Manifest zum „Stadttheater der Zukunft“ geschrieben, will das Theater mehr in die Realität holen. Gleichlautend zur hier verlinkten Kritik von Christine Dössel erschien ihre Kritik in München in der Süddeutschen Zeitung. Da hatte ich sie kürzlich gelesen.

Warum ich es jetzt hier bringe? Naja, nicht gerade Begeisterung über die Süddeutsche Zeitung ist es! Ich reibe mich wieder! Aber nicht wund reiben! Das würde meine kleine Meinung nur überbetonen! Christine Dössel ist seit Jahren Theaterkritikerin bei der Süddeutschen Zeitung. Sie schreibt interessante Kritiken. In München hat sie aber nicht unerheblich dazu beigetragen, dass man den Münchner Kammerspielen vorwarf, sie seien in eine „Krise“ geraten. Christine Dössel  argumentierte immer, „Sprechtheater“ alter Schule sei an den Münchner Kammerspielen nicht mehr vertreten und das Ensemble werde nicht ausreichend eingesetzt. Und die Münchner glauben ja an ihre „Süddeutsche“ wie an eine Institution.

Und nun ihre Begeisterung für Milo Raus Stück in der obigen Kritik aus Belgien! Beides –  die Begeisterung über das Stück im NT Gent und ihre standhafte Kritik in München – passt m. E. nicht gut zusammen. Da wird mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen!

Milo Rau setzt neben zwei Ensemblemitgliedern viele, viele Laienschauspieler ein. Das wird er, wie ich ihn kenne, künftig auch in seinen weiteren Stücken tun.

Da Christine Dössel mit ihrer Stimmungsmache gegen die Münchner Kammerspiele mit dazu beitrug, dass die Münchner Theaterfreunde immer unsicherer und unoffener auf die Kammerspiele blickten, habe ich einen – natürlich kurz gehaltenen –  Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung geschrieben.

Ich finde ohnehin, dass Journalisten doch sehr wenig der Kritik ausgesetzt sind. Sie arbeiten im Grunde irrsinnig kritiklos! Ob das so gut ist! Es gibt ja auch hervorragende  Journalisten,  keine Frage! Auch in der Politik ist es aber meines Erachtens auch einmal eine Frage wert, ob nicht die Medien zur Politikverdrossenheit beitragen! Wenn man viele der Fernsehdiskussionen sieht. Dort wird nicht gerade eine sorgfältige Diskussionskultur gepflegt! Und das wäre doch auch Aufgabe der Journalisten.

Mein kurzer Leserbrief an die SZ also: Er wurde meines Wissens natürlich nicht abgedruckt. Enthält offenbar zuviel Kritik an der Zeitung, nur Kritik an der Sache wird wohl abgedruckt. Daher bringe ich ihn einfach hier, er soll ruhig gelesen werden. Ich habe ihn jetzt fast schon vorweggenommen. Ich hatte geschrieben:

„Grandios gelungen“, „genial ausgeklügelt“ und „theatrales Kunstwerk“ nennt Christine Dössel die erste Arbeit von Milo Rau am belgischen Nationaltheater Gent, dem NT Gent, „Genter Altar“ oder „Lam Gods“. Man bekommt Lust hinzufahren. Aber eine Ensemblearbeit ist diese Arbeit nicht! Genau das aber hat Christine Dössel doch oft genug in den letzten Jahren an den Münchner Kammerspielen kritisiert. Milo Rau setzt (zur Begeisterung von Christine Dössel) ein: Kinder, einen Theatermitarbeiter, einen Bauern, eine todkranke Frau, einen afghanischen Flüchtling, ein gecastetes Genter Ehepaar, eine Genter Mutter, Tiere, eine Theaterputzfrau und und! In München hieß es dagegen „Krise der Münchner Kammerspiele“, weil drei SchauspielerInnen das Theater gewechselt hatten! Bis die CSU dieser recht banalen Stimmung folgte. Wird da nicht mit zweierlei Maß gemessen? Kann man das dem Leser und vor allem dem Münchner Theatergänger guten Gewissens verkaufen? Mit spürbarem Wohlwollen schreibt Christine Dössel etwa auch über das NTGent unter Milo Rau, 41 Gastspiele seien in der jetzigen Spielzeit geplant! Ob das genug Sprechtheater wird? (Nachtrag: Und ob das viel für das Ensemble des NT Gent bringt?) Es wird mit zweierlei Maß gemessen, ohne dass man erkennen könnte, warum. Das ist nicht schön.
Und  HIER abschließend noch ein Link: der Link zu nachtkritik.de und dem Manifest „Stadttheater der Zukunft“ von Milo Rau und anderen. Am Ende der langen Vorbemerkung ist das Manifest abgedruckt.

©️ des Beitragsbildes: Michiel Devijver