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LITERATUR: Robert Macfarlane – Sind Flüsse Lebewesen?

Der Titel klingt fast provokant: Sofort weiß man doch: „Aber bitte! Flüsse sind doch keine Lebewesen!“. Wir müssen aber umdenken und man ist auch bereit, umzudenken, wenn man dieses Buch sorgfältig gelesen hat. Ich habe es zweimal gelesen. Der entscheidende Schritt: Wir müssen uns öffnen und dazulernen, wir müssen dabei lernen, das Wort „Leben“ und „Lebewesen“ neu zu denken. Wir müssen uns öffnen dahin, dass alles auf der Welt in Verbindung zueinander steht. Dass wir selbst nicht alles in Subjekt – Objekt einteilen dürfen. Ein Fluss ist nicht nur ein Fluss. Ein Wald ist nicht nur ein Wald. Im Buch heißt es an einer Stelle: „Leben ist Verbindung!“. Ein großer Satz. Alles ist somit Subjekt, nicht nur der Mensch.

Im Buch von Robert MacFarlane kann man anhand von drei ausführlichen Reiseberichten erfahren, dass gerade Flüsse mit allem in Verbindung stehen. Nicht nur mit ihrem Ufer, mit dem angrenzenden Wald, den Lebewesen im Wald, den Pflanzen und Pilzen (!), den Lebewesen im Wasser und in der Luft, nicht nur mit dem kleinen und großen Klima, nein, auch mit den Menschen, die am Fluss leben, letztlich mit den Menschen insgesamt! Wer konnte all das jahrhundertelang besser erkennen, als die indigenen Völker, die in so wertvollen Flussgegenden wohnten und wohnen? Sie kämpfen darum! Es geht dann am Ende des Buches – fast ratlos – in die Richtung „Flüsse sind Gottheiten“, Gottheiten, die wir nicht verstehen.

Das Buch will nicht etwa mit einer hilflosen Theorie „überzeugen“. Wie gesagt, es enthält drei Reiseberichte zu drei riesigen wieder einmal bedrohten Flussgebieten: a) Zu den „Los Cedros“, einem aktuell von Bergbau bedrohten Nebelwald in Ecuador, b) zu einem fast schon „abgestorbenen“ riesigen Flussdelta bei Chennai in Südindien und c) zum reißenden Fluss Muthehekau Shipu in der Nähe von Québec in Kanada, der bald durch riesige Staudämme gebändigt werden soll.

Die auch mal etwas langatmigen Schilderungen der Naturerlebnisse vor Ort gehören dabei dazu, um das Wesen der von Robert Macfarlane besuchten Flüsse verstehen zu können. Diese teils sehr schönen Naturschilderungen werden immer wieder verbunden mit Schilderungen der ortskundigen Personen, die Robert Macfarlane begleiteten und die er traf. Meist Menschen, die sich für den Schutz der jeweiligen Flüsse einsetzen. Die Schilderungen werden auch verbunden mit Schilderungen der ersten Entscheidungen durch Gerichte oder Behörden, auch Gesetze, mit denen Flüssen eigenständige Rechte zugebilligt werden. Wie soll sonst deren Zerstörung verhindert werden! Die Geltendmachung der Rechte ist dann das Problem. Es geht ja nicht nur darum, Naturschutzgebiet zu bestimmen. Wir können die Natur nicht „einsperren“.

Gerahmt sind die Schilderungen von Robert Macfarlane des Weiteren von guten theoretischen Worten am Anfang und am Ende des Buches.

Grundsätzliches zur „Rights of Nature“ – Bewegung:

Der „Rights of Nature“-Bewegung liegt das Verständnis zugrunde, dass die Natur und die Menschheit zwei Seiten derselben Medaille sind, keine getrennten Lebewesen. Die Natur ist nicht nur Objekt unserer Eingriffe (oder unserer Schutzmaßnahmen), sie ist mit den Menschen zusammen Subjekt allen Handelns, sie braucht Rechte. So geschah es …:

In Ecuador und Bolivien sind die Rechte von Mutter Erde seit 2008 und 2010 verfassungsrechtlich anerkannt.

Im Jahre 2016 kam es zu einem bahnbrechenden Urteil: Das kolumbianische Verfassungsgericht sprach dem Fluss Atrato die Rechte auf Regeneration, Pflege, Erhaltung und Schutz zu.

Im Jahr 2018 verlieh der Oberste Gerichtshof Kolumbiens dem Amazonas – dem längsten Fluss der Welt – den Status einer Rechtspersönlichkeit.

In Ecuador bestätigte ein Grundsatzurteil die verfassungsmäßigen Rechte des Los Cedros-Schutzgebietes gegen den Bergbau. 

In der Côte-Nord-Region der kanadischen Provinz Québec wurde vor Kurzem der Rivière Magpie zu einer juristischen Person erklärt. In der Sprache der First Nations der Innu trägt das 290 Kilometer lange Gewässer den Namen Mutuhekau Shipu. Er ist der erste Fluss Kanadas mit diesem Status. Er verfügt dadurch über neun Rechte: unter anderem das zu Fließen, frei von Verschmutzung zu sein, seine Artenvielfalt zu erhalten – und zu klagen.

Jüngst haben wir auch in Europa einen ersten Meilenstein gesehen: Die Salzwasserlagune Mar Menor an der spanischen Mittelmeerküste wurde im Frühjahr 2022 als erste Natur-Entität Europas zur juristischen Person ernannt.

Wissenschaftler:innen haben übrigens gemeinsam die Online-Plattform Eco Jurisprudence Monitor gegründet: Auf einer interaktiven Landkarte werden dort mehr als 300 Fälle weltweit sichtbar, wo derzeit Rechte für die Natur verhandelt werden oder schon durchgesetzt sind.

Ich empfehle das Buch „Sind Flüsse Lebewesen?“, wenn man bereit ist, weiter zu gehen, als es die herkömmliche Politik es tut: Nämlich wenn man bereit ist, den Gedanken für die Anerkennung des Prinzips „Leben ist Verbindung“ und die Anerkennung der „Rights of Nature“-Bewegungen offen gegenüberzutreten, sie mitzutragen und zu fördern.

Es gibt außerdem die Zeitschrift „Good Impact“ aus Berlin. HIER der Link zur Magazinseite. No. 1 des Magazins (unter seinem neuem Titel) hatte das Thema „EINSPRUCH FÜRS KLIMA – Wie wir das Recht für unseren Planeten nutzen können“. Darin geht es ab Seite 58 um das Thema: „Die Rechte und Pflichten des Wassers“. (Auch interessant im selben Heft, Seite 48: „Believe the hype – Klimaklagen gegen Staaten“.)

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Unglaublich passend zu diesem erstaunlichen Buch sind übrigens in ihrer Kombination das nachfolgende Video und der Musiktitel „Vladimir’s Blues“ dazu von Max Richter. Bild und Ton sind sich oft wiederholend, aber in ihrer ganzen Länge und Ruhe sind sie zusammen passend zum ewigen Fließen des Wassers, zum Fließen des Lebens. Πάντα ρει.

HIER der Link zu einem Artikel in der National Geographic.

HIER nochmals der Link zum Good Impact Magazine.

HIER der Link zur interessanten Website „Eco Jurisprudence Monitor“.

HIER der Link zur Verlagsseite zum Buch.

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THEATER: Michel Friedman – Fremd

Am Ende schreibe ich: Hingehen! Wegen Michel Friedman, wegen Katharina Bach und wegen der Verhinderung von Ausgrenzung!

Auf den ersten Blick mag Michel Friedman ja oft in gewisser Weise arrogant wirken. Seine etwas hängenden Augenlider wirken schnell herablassend, sein immer tief gebräuntes Gesicht, seine meist scharfen und fordernden Worte, sein immer sehr „offiziell“ wirkendes perfektes Äußeres, die glatte Frisur, all diese Äußerlichkeiten tragen vielleicht immer wieder dazu bei, ihn als arrogant zu bezeichnen. Aber: In dem von ihm verfassten beeindruckenden, extrem persönlichen Text „Fremd“, der gerade durch seine fast stakkatoartige Aneinanderreihung der Erinnerungen so überzeugend ist, kommt viel zum Vorschein, es zeigt sich ein Bild, das diesem ersten Eindruck der Arroganz deutlich entgegensteht! In diesem Text blickt man in seine Persönlichkeit, erfährt viel von seiner Vergangenheit, viel von seinem Leben, seiner Prägung schon von Kindheit an, von seinem Leben für und mit Vater und Mutter – „Papa“ und „Mama“. Wie es eben so ist : Man bleibt immer das Kind, das ist auch bei Michel Friedman so, sonst hätte er diesen Text nicht geschrieben.

Natürlich spielt das „Jüdischsein“ ansich eine riesige Rolle. Michel Friedmann war schließlich Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und bekleidete einige andere Ämter jüdischer Organisationen. Aber es ist mehr, es ist das ganz persönliche Leben: Seine Beziehung zu seinen Eltern, deren Erleben von Auschwitz, Michels Gefühl, von Kindheit an deren Lebenstraurigkeit auffangen zu müssen, sein Gefühl zu erkennen, dass ihm vor allem in Deutschland doch immer nur Abneigung gegenübersteht, dass er keine Hilfe bekommt, auch von seinen Eltern keine Hilfe bekommen kann, das ist viel mehr als das „bloße“ Bewusstsein, jüdisch zu sein. Man erkennt ein schweres Leben, von Kindheit an, eine extrem schwere Prägung ohne „fröhliches Leben“, aber zu leben heiße „weitermachen“, sagt er in „Fremd“. Und weitergemacht hat er ja immer, mit extrem viel Erfolg, mit herben Niederschlägen, aber immer weiter.

Es mischen sich in „Fremd“ auch sehr stark die Gedanken über seine eigene (jüdische) Fremdheit und über die Fremdheit seiner Eltern gegenüber Dritten auf der einen Seite mit seinen vielen Gedanken über seine Fremdheit gegenüber sich selbst auf der anderen Seite. „Wer bin ich“ heißt es mehrfach! Seine persönliche Orientierungslosigkeit, dieses Bedürfnis, zu klären, was er mit seinem Leben bei dieser Kindheit und dieser Ausgrenzung in Deutschland machen soll, hängt mit der fürchterlichen Vergangenheit seiner Eltern, Großeltern und anderer Familienmitglieder und seinen Kindheitsprägungen zusammen.

Seine Eltern wurden von Oskar Schindler aus Auschwitz gerettet, wollten dann aber tatsächlich doch wieder mit ihrem Sohn Michel (geboren 1956 in Paris) in Deutschland leben. Michel kann das nie verstehen, aber er kann sich auch als Jugendlicher und junge Erwachsener verständlicherweise nie von seinen Eltern lösen. Sein Schicksal hängt am fürchterlichen Schicksal seiner Eltern und weiterer Familienmitglieder.

Der Text „Fremd“ (der so gesehen auch „Verloren“ oder „Orientierungslos“ heißen könnte) ist so gesehen notwendig, um Michel Friedmann zu verstehen, weil er zeigt, wie sehr auch sein persönliches Leben doch letztlich (über seine Eltern) von der Nazizeit geprägt ist. Ganz verstehen wird man auch Michel Friedman nie, aber trotzdem. Und der Text ist notwendig, um zu verhindern, dass man Menschen schlicht in Kategorien steckt. Jede Kategorisierung führt im Grunde zu Ausgrenzung, bei Juden, bei Ausländern, bei queeren Menschen, und und und. Es steckt in jedem so viel Persönliches!

Katharina Bach bringt den Text völlig reduziert vor dem schwarzen eisernen Vorhang der Bühne, siehe oben. Sie schafft es, dass ihre Präsenz nicht über dem Text steht und dass man andererseits ihre hervorragende Leistung erkennt. Nur etwas: Die im Text mehrfach gestellte Frage „Wer bin ich“ habe ich persönlich bei Katharina Bach irgendwie nicht wahrgenommen, sie ging für mich unter. Schade, aber das wiederum ist nur ein kleiner Aspekt. Einige Textstellen hätten aber so gesehen (für mich) durchaus noch mehr Zeit und Ruhe gebraucht. Man muss aber sagen: Hingehen! Wegen Michel Friedman, wegen Katharina Bach und wegen der Verhinderung von Ausgrenzung!

„Fremd“ ist derzeit doppelt in Berlin zu sehen: Am 16. März ist „Fremd“ in einer Inszenierung der Regisseurin Lena Brasch am Berliner Maxim Gorki Theater zu sehen, mit der Geigerin Rahel Rilling und der Schauspielerin Vidina Popov. HIER der Link zum Maxim Gorki Theater. Und das BE Berliner Ensemble hat derzeit auch eine inszenierte Lesung von „Fremd“ im Programm. Sibel Kekilli, aus Fernsehen und Film längst bestens bekannt, gibt hier ihr Theaterdebüt. HIER der Link zur Stücke Seite auf der Website des Berliner Ensemble. Auch dort wird es sich lohnen!

Ein Trailer zu „Fremd“ an den Münchner Kammerspielen:

Copyright des Beitragsbildes: Sima Dehgani

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LITERATUR: Benedict Wells – Die Geschichten in uns

Jetzt begegnet mir diese eine Songzeile in einem anderen Zusammenhang: Literatur – Benedict Wells zitiert die Songzeile. Benedict Wells schreibt in seinem neuen wunderbaren Buch „Die Geschichten in uns“ darüber, wie man ein Buch schreibt. Er schreibt neben allem anderen über den allerersten Funken (spark), den es braucht, um überhaupt über ein Buchthema nachzudenken und ein Buch dazu Stück für Stück zu entwickeln. Mir hat das Buch die Augen geöffnet!

Der Anfang eines Schreibprozesses, der erste Schritt eines langen Prozesses, den Benedict Wells insgesamt wunderbar in allen Facetten darstellt! Sein Buch ist dabei nicht nur hochinteressant für diejenigen, die selber ein Buch schreiben möchten. Es ist genauso interessant, wenn man ein Buch liest. Benedict Wells gibt viele persönliche Einblicke in die Art, wie etwas beschrieben/geschrieben werden kann, werden muss, es ist in beiden Fällen (Schreiben und Lesen) absolut hilfreich! Apropos „beschreiben“: Wells zeigt vor allem, dass es für ein gutes Buch nicht ausreicht, eine interessante Geschichte einfach zu „erzählen“, nein, sie sollte vom Leser geradezu miterlebt (gesehen, mitgefühlt) werden! Don’t tell, but show ist einer der wesentlichen Hinweise. Und er zeigt, wie sorgfältig man vor allem die Charaktere des Buches behandeln und zeigen, herausarbeiten etc. muss!

Das Buch von Benedict Wells hat in der Reihe der existierenden Bücher über das Schreiben dabei sicher eine etwas besondere Qualität. Es zeigt nicht etwa nur wie in einer Art Handbuch nüchtern die verschiedenen Techniken des Schreibens, nein, Benedict Wells ist sich bei allem nicht zu schade, immer wieder seine eigenen Fehler und seine jahrelangen Lernprozesse zu zeigen. Damit führt er uns durch das Buch. Es macht das Buch auch nicht nur sehr sympathisch, sondern weckt vor allem enorm viel Verständnis und Gefühl für den Einsatz der von ihm gelernten möglichen oder nötigen Werkzeuge. Und solcher Werkzeuge gibt es verdammt viele! Am Ende des Buches veröffentlicht er sogar in einer „Werkstatt“ Erstfassungen und korrigierte Endfassungen mit Änderungsmodus aus seinen Texten. Man lernt auch: Es geht (ihm) immer darum, den Charakteren nahe zu sein, es braucht unfassbar viel Empathie für die (doch meist erfundenen) Charaktere des Buches.

Seine so aufschlussreichen Beschreibungen in „Die Geschichten in uns“ profitieren auch davon, dass er zu Beginn des Buches über seine eigene Kindheit und Jugend erzählt. Man lernt ihn zunächst etwas kennen, was das Buch sehr ehrlich macht, und man lernt dann, auf welchen langen Wegen er persönlich zum Schreiben kam. Dem Buch fehlt jede störende Eitelkeit! Klar wird: Man muss nicht schon immer das Schriftstellerische in sich getragen haben!

Man kann beim Schreiben eines Buches unglaublich viele Werkzeuge berücksichtigen. Man wird nicht alle „Werkzeuge“ ständig im gleichen Maße zur Anwendung bringen, das wäre sogar oft geradezu wieder langweilig, aber Schreiben ist Arbeit, die manchmal viele viele Jahre dauert. Man befindet sich eben in gewisser Weise in einer Werkstatt, in der man fast so sicher wie das Amen in der Kirche auch absolute Tiefpunkte erleben wird. Man arbeitet immer wieder an seinen Fehlern, an den Dingen, die der Leser nicht „braucht“.

Natürlich gibt es seit Jahren Bücher über die unglaublich zahlreichen und feinsinnigen Werkzeuge des Schreibens. Ich hatte etwa Sol Steins Standardwerk „Über das Schreiben“ daneben liegen. Benedict Wells weist sogar am Ende seines Buches „Die Geschichten in uns“ ausdrücklich darauf hin, welches dieser Bücher er wann am ehesten für hilfreich hält.

Auf eines allerdings weist Benedict Wells am Ende auch kurz zurecht hin: Es gibt natürlich manchen Schriftsteller, manche Schriftstellerin, der/die die von Wells so wunderbar dargestellten Werkzeuge gar nicht konkret anwendet. Ich denke etwa an Thomas Bernhard oder andere Schriftsteller (vielleicht auch Jonathan Frantzen, T.C. Boyle, Annie Ernaux oder Teju Cole, die aber sicher schon weniger), die schon durch ihre ganz besondere eigene Art des Schreibens zu überzeugen scheinen. Aber auch sie werden die „Werkzeuge“ zumindest kennen!

Denn Eines ist klar: Ein Leser darf sich nicht ein einziges Mal beim Lesen eines Buches langweilen, er würde das Interesse sofort verlieren und das Buch schnell weglegen.

Das Buch ist meine Empfehlung, auch um Erzählungen besser (mit mehr Gefühl für die Schilderungen) lesen zu können!

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LITERATUR: Colm Tóibín – Long Island

Der Roman ist die Fortsetzung eines früheren Romans von Colm Tóibín. Die Irin Eilis steht im Mittelpunkt des Romans „Long Island“, so wie sie schon im Roman „Brooklyn“ aus dem Jahr 2009 im Mittelpunkt stand. Aber nicht nur das. Alle Personen um Eilis herum sind in beiden Romanen – „Brooklyn“ und „Long Island“ – die gleichen. Eilis und alle anderen Personen sind in beiden Romanen dieselben Personen mit ihrer Vergangenheit.

Long Island ist ein Roman zum Einen über die Zerrissenheit, die Auswanderer in ihrem Leben erleben (hier: Eilis‘ Leben in Irland in ihrer Kindheit und Jugend und in Amerika in ihrem Erwachsenenleben) und zum Anderen – in dieser speziellen Situation und generell – über den Umgang des Menschen mit der eigenen Vergangenheit: Im ersten Schritt, in „Brooklyn“ wandert Eilis auf Betreiben Ihrer Familie nach Amerika aus. Sie heiratet dort den Amerikaner (italienischer Abstammung) Tony. Dann kehrt sie einmal kurz nach Irland zurück und hat dort eine kurze große Liebesbeziehung zu Jim. Unvermittelt kehrt sie aber nach Amerika zurück. Jim wusste nichts von Tony.

Im zweiten Schritt, in „Long Island“ nun kehrt Eilis – jetzt mit ihren beiden Kindern – über 20 Jahre später erneut nach Irland (zum 85. Geburtstag ihrer Mutter) zurück. Tony bleibt in Amerika, die Beziehung zu Eilis lies die gemeinsame Reise nicht zu, denn Tony bekommt von einer anderen Frau ein Kind. Eilis ist sich insgeheim deshalb nicht einmal sicher, ob sie je wieder nach Amerika zurückkehren wird. In Irland – in „Enniscourthy“, dem Ort, in dem übrigens Colm Tóibín tatsächlich geboren wurde – trifft Eilis dann Jim wieder, die große frühere Liebe!

Hier treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander. Beides passt nicht mehr zusammen. Das ist der Roman. Vor allem Jim ist hin- und hergerissen. Er hat natürlich seine eigene Gegenwart, mehr als 20 Jahre sind, wie gesagt, vergangen. Er steht jetzt kurz vor der Verlobung mit Nancy. Andererseits ist er jetzt wieder von der großen Liebe zu Eilis befallen. Die Vergangenheit bricht in die Gegenwart ein! So lebt er in diesem Roman zwischen zwei Welten. Was soll er damit machen, dass er wieder zur Liebe zu Eilis gefunden hat? Mehr als zwanzig Jahre später! Und niemand darf etwas davon mitbekommen!

Aber auch Eilis: Sie braucht ihre Zeit für eine Entscheidung und überlegt, wie alles denn in Amerika überhaupt gehen würde, wenn Jim zu ihr käme. Auch ihre Gegenwart und ihre Vergangenheit passen ja nicht zusammen. Wie sich die Leben weiterentwickeln!

Man könnte oder müsste über das Ende des Romans schreiben. Denn während man das Buch liest und liest, merkt man als Leser, dass man darauf gespannt ist, wie am Ende vor allem Jim die Sache löst bzw. wie die Sache endet. Das ist die gute Technik des Buches, der Spannungsaufbau!

Ich will nicht „spoilern“: HIER AUFHÖREN ZU LESEN UND ERST WEITER UNTEN WEITERLESEN. ICH GEHE IM FOLGENDEN AUF DAS ENDE DES ROMANS EIN:

Das Ende des Romans ist ein wenig unbefriedigend. Jim, der mittlerweile völlig in die Ecke getrieben war (sich selber in die Ecke getrieben hat) zwischen seiner alten großen Liebe Eilis (seiner Vorstellung eines Lebens in Amerika mit ihr) und seiner aktuellen Freundin Nancy, wird am Ende von seinen Freunden und Bekannten spontan in seinem Pub dafür gefeiert, dass er sich angeblich mit Nancy verlobt hat! Er kann es nur über sich ergehen lassen. Er hat sich gar nicht verlobt, Nancy hat es nur behauptet und vorsorglich überall herum erzählt, da sie herausbekommt, dass Jim wieder mit Eilis (früher Nancys bester Freundin) Kontakt hat. Darauf zieht Jim sich von der spontanen Befeierung der Verlobung zurück, er sehnt sich immer noch (letzte Momente des Romans) nach seiner Zukunft mit Eilis. Aber selbst in seinen Vorstellungen kann er nicht mehr erkennen, was Eilis zu ihm sagen würde … Er steht im Hausgang und weiß nur, dass er für Nancy, wenn sie kommt, die Tür öffnen würde … Aber kommt sie? Alles bleibt offen.

HIER GEHTS WEITER:

Colm Tóibín beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit dem großen Thema Gegenwart und Vergangenheit. Als Drehbuchautor verfasste er vor allem gemeinsam mit Volker Schlöndorff das Skript zu dem Spielfilm „Rückkehr nach Montauk“ (2017), der von Max Frischs Erzählung „Montauk“ (auf Long Island!) inspiriert wurde. Auch in „Montauk“ sowie erneut in „Rückkehr nach Montauk“ geht es um das Einbrechen der Vergangenheit in die Gegenwart.

Mein Eindruck: Der Roman „Long Island“ wirkt manchmal etwas gekünstelt, da sich sehr viele Probleme vor allem darum drehen, dass niemand etwas erfahren darf. Eilis’ Mutter nicht, die Kinder nicht, Nancy nicht, kein Mensch im Ort, niemand. So rutscht Jim auch immer mehr in die Klemme. Das wirkt etwas übertrieben. Man kann durchaus an Jim’s Verhalten etwas zweifeln. Genauso gut aber am Verhalten von Eilis.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Übersetzung! Man muss leider immer wieder, immer wieder, kurz genau überlegen, wer im Satz eigentlich mit „sie“ oder „er“ etc. gemeint ist. Das ist etwas hinderlich, ich kreide es der Übersetzung an. Die Übersetzer schreiben sogar falsches Deutsch, wenn sie schreiben „wegen dem …“ statt „wegen des …“. Auch nicht schön. Das Deutsch klingt auch manchmal zu einfach!

Trotzdem: Man folgt einer sich langsam zuspitzenden Geschichte darüber, ob man – aus Liebe – aus der eigenen Gegenwart ausbrechen kann und eine neue Geschichte starten kann. Ein Thema, dass viele von uns betrifft!

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LITERATUR: Jon Fosse – „Ich ist ein anderer“ und „Trilogie“

HIER die Besprechung zur Inszenierung von Peer Gynt am Münchner Residenztheater.

Bei beiden Autoren – bei Henrik Ibsen und bei Jon Fosse – geht es im Kern um das Leben des Menschen: Was macht man? Was steht man durch? Was wird werden? Wer ist man? Henrik Ibsen ging es eher Goethe-ähnlich an, Jon Fosse fast religiös.

Bei Ibsens „Peer Gynt“ ging es darum, dass ein einzelner Mensch – Peer Gynt – sich zuerst durch seine Welt phantasiert und später alles Mögliche erreichen will und erreicht, um zu sich selbst zu finden. Er findet sich aber nicht. Von Jon Fosse wiederum stelle ich hier zwei Bücher vor: Den Roman „Ich ist ein anderer“ und den Roman„Trilogie“.

Grundsätzliches:

Jon Fosse ist besonders zu lesen. Beide von mir hier besprochenen Romane sind jeweils EIN EINZIGER Satz! (Man stößt drei/viermal mittendrin auf einen Punkt, das muss aber fast ein Versehen des Verlages sein, meinte ich.) Man bemerkt aber dadurch schnell eine besondere Unmittelbarkeit dessen, was man liest. Im wirklichen Leben und in den Gedanken gibt es eben keine Punkte! Das Leben und die Gedanken sind punktlos und kommen dem Leser/der Leserin eines Textes ohne Punkt damit fast näher! Das Leben als nicht endende Reihenfolge von ständigen Handlungen und ständigen Gedanken, von Geschehen und Erinnerungen. Punkte als Satzzeichen wären künstlich. Alles ist ein Fluss. Πάντα ρεί. – Ob Jon Fosse immer so schreibt, weiß ich (noch) nicht.

Zum Roman „Ich ist ein anderer“:

Es steht der Maler Asle im Mittelpunkt, den man durch seine Gedankenwelt begleitet. Eine Gedankenwelt, die noch grundsätzlicher ist, als es Henrik Ibsen beschreibt. Es geht in „Ich ist ein anderer“ manchmal geradezu religiös (christlich) um das Leben und den Tod. Von Gott und dem Vaterunser liest man.

Zweite Feststellung dazu: Jon Fosse ist im Roman „Ich ist ein anderer“ durchaus kompliziert. Etwa: Asle, der einsamer Kunstmaler, hört von einem anderen Asle, den er auch kennenlernt. Vielleicht ist es wiederum er selbst – „Ich ist ein anderer“ eben! Er traf ihn schon irgendwann in der Vergangenheit. Der „andere“ Asle ist ihm extrem ähnlich! Asle denkt immer wieder an seine eigene Vergangenheit, an den jungen Asle also. Man muss überhaupt vorsichtig sein beim Lesen. Asle denkt an mehrere Personen, deren Namen auch fast alle mit dem Buchstaben A beginnen. Asles Schwester heißt Alida, Asles Freundin heißt Ales. Sie ist gestorben. Ales‘ Schwester heißt Alise. Ein Freund von Asle heißt Asleik … . Und Asle fährt ins Krankenhaus, will den „anderen“ Asle besuchen, er denkt auch daran, wie er früher seine Großmutter im Krankenhaus täglich besucht hatte und und und. Kompliziert aber gut verständlich, weil so das Leben ist!

Das aktuell von Asle Erlebte einerseits (die „Handlungsebene“) und Asles Gedankenwelt andererseits wechseln ständig. Der Roman ist eine Mischung von „stream of consciousness“ und Erzählung eines Geschehens. Es wechselt ständig allein durch ein „und“ im punktlosen Roman. Der Roman beginnt auch mit einem „Und …“. Die Erinnerungen, die Asle ständig begleiten, sind dabei wichtiger als das Geschehen, denn gerade dadurch erzählt Jon Fosse, gerade dadurch lernt man Asle kennen. Der Mensch ist nun einmal seine eigene Vergangenheit. Asle fährt Auto, wartet im Schneetreiben auf einen Galeristen, kaum mehr. Auch die Zeitebenen springen ständig. Kindheit – Jugend – spätere Zeit. Wahrscheinlich ist alles autobiografisch geprägt.

Ein Thema, das Asle im Roman „Ich ist ein anderer“ besonders beschäftigt, ist das Malen. Ist es damit ein „Künstlerroman“? In vielen Gedanken äußert sich Asle jedenfalls zu seinem Verhältnis zum Malen, zu seinem Verständnis vom Malen, zu seinen Bildern, zu den Ausstellungen. Schon in der ersten Zeile des Romans spricht er von dem „Bild mit den zwei Strichen“.

Zum Roman „Ich ist ein anderer“ muss man außerdem wissen, dass er Teil einer „Heptalogie“ ist. Deswegen beginnt der Roman auch mit „Und“, er ist der Mittelteil der Reihe. Vor kurzem hat Jon Fosse seine „Heptalogie“ abgeschlossen. Er hat in sieben Teilen – verteilt über drei Bücher – über das Leben und die Vergangenheit dieses einsamen Kunstmalers Asle (und seiner Familie) geschrieben. Die Bücher der Heptalogie lauten insgesamt: „Der andere Name“ (Teile I und II), „Ich ist ein anderer“ (Teile III – V) und „Ein neuer Name“(Teile VI und VII).

Zum Roman „Trilogie“:

Das zweite der beiden Bücher („Trilogie“) ist einerseits ähnlich, andererseits ganz anders: Auch hier jedenfalls – das zur „Ähnlichkeit- schreibt Jon Fosse in einem einzigen Satz! Es ist hier eine Erzählung in drei Teilen. In diesem Roman ist aber die Handlungsebene entscheidend, nicht die Ebene der Erinnerungen. Der Roman „Trilogie“ ist nicht Teil der oben genannten „Heptalogie“.

Der Roman „Trilogie“ ist die düstere und schwere Geschichte eines jungen Paares, in der wiederum Handelnde mit den Namen auftauchen, die man in der Heptalogie findet (Asle vor allem). Es geht wieder um einen Asle, um ihn und seine schwangere Freundin, dieses Mal namens Alida. Alida war im oben besprochenen Roman der Heptalogie der Name der Schwester von Ales.

„Trilogie“ sind (wie gesagt) drei Erzählungen. Der erste Teil erzählt aus der Sicht von Asle, der zweite Teil ebenfalls, Asle hat sich hier aber den Decknamen „Olav“ gegeben. Warum, erfährt man. Der dritte Teil ist ein Rückblick aus der Sicht von Alise, der Tochter von Alida. Alise ist die Tochter aus Alidas „zweiter Ehe“ oder „zweiter Beziehung“, da Asle hingerichtet wurde. Warum wird Asle hingerichtet? Man liest es im ersten Teil! Aufgrund seiner Taten im ersten Teil hat sich Asle auch den Namen „Olav“ gegeben.

Die zweite Ehe oder zweite Beziehung ist Alida nach Asles Hinrichtung mit dem um 25 Jahre älteren Asleik eingegangen. Auch den Namen Asleik kennt man aus der Heptalogie. Wie alles zusammenpasst, ich habe es nicht ganz hinbekommen. Jon Fosse spielt mit den Namen.

Es ist jedenfalls sehr besondere Literatur. Insgesamt ist es nicht die Handlungsebene, die die von mir gelesenen Romane bestimmt, es ist immer wieder die Ebene der Erinnerungen und der Gedankenwelt – meist von Asle.

HIER der Link zur Verlagsseite von Jon Fosse, auf der seine Bücher zu finden sind

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LITERATUR: Tonio Schachinger – Echtzeitalter

HIER der Link zu einer ersten Besprechung des Romans auf dem Sender 3Sat, damals am Tag der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2023. Und HIER ein etwas längeres Gespräch mit Tonio Schachinger über dessen Roman auf dem „Blauen Sofa“.

Im Roman „Echtzeitalter“ geht es um den an eine elitäre, konservative und natürlich altmodische Schule in Wien eingeschulten Jungen namens Till, den man im Roman bis zum Schulabschluss verfolgt. Die Schule wird im Roman Marianum genannt, angelehnt ist alles an das in Wien real existierende Theresianum, die renommierteste Schule in Wien, auf der Tonio Schachinger selbst war.

Till, in der Schule erst unauffällig, dann gefährdet, gibt sich einem Hobby hin, das an dieser Schule völlig fehl am Platze ist: Dem Onlinespielen. Age of Emperors. Zwei Welten, die nicht zueinander passen und auch in diesem Roman nicht zueinander kommen. Till steigt durch seine oft nächtlichen Aktivitäten zu einem der zehn besten Spieler von Age of Emperors weltweit auf und wird schließlich sogar zu Turnieren zum Beispiel in China eingeladen. Till hat seine Stärken schulisch ohnehin in der Mathematik und den Naturwissenschaften, nicht in den Geisteswissenschaften. Auch das findet im Marianum schon kaum Anklang, macht es ihm schwer. Beide Welten – die Tradition der Schule und seine Onlinewelt – werden aber gerade durch ihre Trennung voneinander sehr prägnant und realistisch dargestellt! Der Roman endet dann mit einer Äußerung von Till mit Rückblick, eine Äußerung, die er kurz nach dem Ende der Schulzeit macht: „Es war die Hölle, du Idiot!“. Was kurz davor gesagt wird, siehe unten.

Es geht aber nicht nur „platt“ um diesen Konflikt zwischen den althergebrachten Strukturen dieses Gymnasiums und Tills Zuneigung zu modernem Onlinespielen. Dieser Grundkonflikt schwelt quasi nur nebenbei mit. Der Roman zeichnet sich im Grunde dadurch aus, dass all die Personen, die auf Tills Schulweg über die Jahre hinweg eine Rolle spielen, immer wieder etwas anders, als man es „gewohnt“ ist, aufgezeigt werden. Sie werden garnicht umständlich beschrieben, sie handeln. Die Lehrer, besonders der oberstrenge Klassenlehrer Dolimar, die engeren oder entfernteren Freunde, die Klassenkameraden, die Freundinnen Fina und Feli, die erste große Liebe, die Eltern, alle haben ihre Welten. Till muss sich durch all das durchlavieren, sehr realistisch, mit vielen gängigen Problemen: Die Scheidung der Eltern, der Tod des Vaters, das Mädchen Feli (die erste Liebe wie gesagt, die sich erst nach Jahren ergibt), der besagte Klassenlehrer Dolimar (ein strenger Tyrann, der auf alte Traditionen und Werte abstellt, nur Literaturklassiker lesen lässt und ständig bei kleinsten Verfehlungen Strafen verteilt), das Rauchereck m Schulhof, die Umgehung von Schulstrafen und und und. „Sgoterfessor“ sagt man, wenn man einem Lehrer im Gang der Schule begegnet. Das waren noch Zeiten!

Schachinger hat dafür einen schönen eigenen Sprachstil. Einerseits beschreibt er vieles – nicht etwa die Personen – in oft komplizierten, verschachtelten Sätzen, die ich teils mehrfach lesen musste. Andererseits aber geht er dadurch ständig wunderbar treffend auf die einzelnen Situationen und auf deren immer wieder vielfältigen Auswirkungen für Till ein. Ich empfehle, das Buch deswegen relativ langsam zu lesen. In jedem Satz steckt sehr viel. Das ist die Kunst von Schachinger! Dann aber kommen auch wieder ganz knappe Schilderungen, wenn es passt. Der Stil ist modern und locker.

Nicht leicht ist es nur, immer die Zeitsprünge der mehrere Jahre dauernden Schulzeit von Till mitzubekommen, das aber ist nur eine kleine Nebensache. Es bleibt wirklich interessant, dass man ständig gleichzeitig durch Till einen Blick auf die alte – strenge – Welt dieser Schule und auf die neue – freie – Welt des Onlinegamings wirft. Und zusätzlich Tills Entwicklung über die Jahre hinweg mit den „gängigen“ Problemen und Freuden der Jugend mitbekommt. So wird es im Grunde zu einer Gesellschaftsschau. Eine Art Kulturclash. Die beide Welten (konservative Eliteschule und Onlinegaming) haben dabei auch heute noch jede für sich ihre eigene Berechtigung, merkt man. Es ist nicht so, dass das Eine das Andere aushebeln würde. Deswegen sagt Palffy etwa, ein ehemaliger Schulkamerad von Till, ebenfalls im Rückblick auf seine Schulzeit im Marianum am Ende des Romans:

Weißt du, im Nachhinein war’s schon cool, was uns der Dolimar beigebracht hat, auch wenn mir vorkommt, dass ich schon alles vergessen hab. Ich vermiss das Marianum sogar ein bissi, weißt du, einfach so in der Schule sitzen und etwas beigebracht bekommen, über, keine Ahnung, Eposse oder Minnelieder. Es war schon super, eigentlich.“

Und Till sagt dann eben:

Spinnst du? Es war die Hölle, du Idiot!

Tja, man kann beides brauchen, muss fast beides im Auge haben, Altes und Neues.

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THEATER: Sasha Marianna Salzmann – Im Menschen muss alles herrlich sein

Ich kannte ihn nicht und habe ihn noch nicht gelesen. Sasha Marianna Salzmanns Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“. Eigentlich ist es immer schön, einen Roman gelesen zu haben, wenn man im Theater seine Bühnenadaptation sieht. Ich werde ihn nachträglich lesen und das Theaterstück noch einmal ansehen, vielleicht dann noch einmal darüber schreiben. Erst dann hat man doch die Chance, die Umsetzung des Romans auf der Theaterbühne genauer zu erkennen, dann erkennt man die Arbeit des Regisseurs, des Ensembles, des Teams.

HIER aber schon einmal eine sehr informative Besprechung des 2021 erschienenen Romans aus dem Literaturclub des schweizerischen SRG (Zürich), ein gelungener Einstieg in das Buch und das Thema, vor allem zu Beginn der Besprechung, durch die Moderatorin Nicola Steiner.

Man hört immer, es gehe hier um „das Verhältnis der Töchter zu ihren Müttern (und umgekehrt) in Umbruchszeiten“. Im Roman – und entsprechend in der Inszenierung – laufen in der Tat verschiedene Zeitepochen ab. Die Zeiten vor dem Zusammenbruch des Kommunismus bis hinein zur Zeit nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Natürlich wissen die jüngeren Generationen überhaupt nicht, wie das Leben der älteren Generation VOR dem Umbruch war und wie sich diese, als sie den Umbruch miterlebten, gefühlt hatten. Weiß ich denn, wie sich meine Eltern während des Zweiten Weltkrieges und in den vielen Jahren danach gefühlt haben? Wie sie ihr Leben empfanden, wie sie die riesigen Umbrüche der Zeiten VOR, IM und NACH dem Zweiten Weltkrieg erlebt hatten? Man weiß es ja im Grunde nie. Ich würde das Thema des fehlenden Verständnisses der Generationen nicht einmal auf Umbruchszeiten begrenzen. Dennoch, das ist das Thema bei Sasha Marianna Salzmann.

Auch Sasha Marianna Salzmann, die Autorin des Romans, kannte ich noch nicht. Sie war Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater Berlin und leitete dort von 2013 bis 2015 die Studiobühne. Der Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ ist ihr zweiter Roman, er stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2021. Ihr erste Roman stand sogar auf der Shortlist.

Der Roman wurde sogar schon mehrfach auf die Bühne gebracht. Etwa in Hamburg beim Thalia Theater (dort noch zu sehen am 28. Oktober und am 01. Dezember, HIER der Link zur Stückeseite beim Thalia-Theater mit Trailer) oder in Magdeburg und Nürnberg.

Der Roman hat starke autobiografische Züge. Marianna Salzmann wuchs in Moskau auf. Im Alter von zehn Jahren emigrierte sie (1995) mit ihrer Familie als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland.

Zur Inszenierung des Romans an den Münchner Kammerspielen:

Jan Bosse, Regisseur des Stückes, experimentiert wieder nicht viel herum, er bringt gerne „klassische“ Ensemblearbeiten auf die Bühne, meist eng angelehnt an die Buchvorlage. So war es bei seiner Inszenierung „Effingers“ vor zwei Jahren und so ist es sicher auch hier. Das Bühnenbild, die Kostümierung, die Personen, sehr getreu gehalten an der Buchvorlage, rein realistisch, fast dokumentarisch. Man folgt in diesem sehr realistischen „Rahmen“ über etwas mehr als drei Stunden in mehreren Zeitsprüngen vor und zurück den Personen. Mütter, Töchter, ihre Männer. Im Zentrum steht Lena, wie immer überzeugend gespielt von Wiebke Puls. sie wächst im Kommunismus in der Ukraine auf und lebt später nach der Wende in Deutschland. Wiebke Puls spielt dementsprechend in Zeitsprüngen, mal als Jugendliche, meist als 50-jährige oder bis dahin. Sie war ausgebildet als Ärztin, in ihrem neuen Leben im Westen arbeitet sie als Krankenschwester. Auch schon ein Thema für sich!

„Mittelpunkt“ kann man andererseits kaum sagen. Das ist vielleicht ein Kennzeichen des Abends: Man folgt der Gruppe der Menschen, wie sie in dieser Zeitspanne miteinander umgeht. Man folgt nicht besonders einer dieser Personen! Man könnte auch sagen: Gerade die beiden Personen, die im Stück so gut wie NICHTS sagen, alles auf der Bühne nur stumm beobachten, stehen irgendwie im Mittelpunkt: Die Großmutter (Lisa-Katrina Mayer) und die Enkelin (Maren Solty).

Mein Eindruck: Es ist ein „bunter“ Abend, bei dem der Kern des Themas alles bestimmen soll, aber fast etwas untergeht. Das mag am Roman liegen. Es blieb ein bisschen das Gefühl, dass zwar die Geschichte des Buches erzählt wird, aber das Thema nicht greifbar genug verdeutlicht wird, es nicht präzise genug angepackt wird. Muss es auch nicht, so ist vielleicht auch das Buch, und so ist es an diesem Abend eben eine sehr personenbezogene Erzählung über das Leben der Personen dreier Generationen, der Frauen vor allem, auf der Bühne der Münchner Kammerspiele. Eine ähnliche Herangehensweise hat Julian Bosse ja auch schon bei seinem letzten Stück an den Münchner Kammerspielen den Effingers, gewählt.

Auffallend insoweit allenfalls: Die Ankündigung des Stückes auf der Website der Münchner Kammerspiele (HIER der Link zur Stückeseite), die meines Erachtens manches nicht richtig trifft: Zwar spielt etwa das Ensemble für kurze Zeit an Instrumenten, ich würde es aber deswegen nicht gleich so nennen, wie man es auf der Website der Kammerspiele liest:„Eine musikalische Theaterzeitreise mit dem Ensemble als Liveband.“ Auch eine weitere Aussage trifft es meines Erachtens nicht ganz: „Das Stück führt uns ins Herz der Umbruchzeit und weiter zu der Frage, ob wir heute nicht wieder eine Zeitenwende erleben.“ Und ähnliches, was m. E. den Punkt nicht ganz trifft.

Es bleibt aber eine schöne Ensemblearbeit, ein eher herkömmliches Theatererlebnis, das Buch sollte man vielleicht dazu lesen. Es tut auch immer gut, die Schauspielerinnen und Schauspieler der Kammerspiele zu erleben! Wiebke Puls, Edmund Telgenkämper, oft wunderbar! Auch andere. Theater brauchen Identifikationsfiguren!

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic

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LITERATUR: Nicholas Mathieu – Leurs enfants après eux (Wie später ihre Kinder)

Ich empfehle gerne Bücher und hier habe ich wieder eines, das ich wirklich empfehlen kann. Ein großartig geschriebener französischer Roman über das Leben mehrerer Jugendlicher, damit aber natürlich „am Rande“ auch über das Leben ihrer Eltern etc. Der Roman hatte 2018 in Frankreich den Prix Goncourt gewonnen, die höchste Literaturauszeichnung in Frankreich. Eine Freundin hatte mir das Buch empfohlen.

Der Roman betrifft zwar genau genommen das Leben der Personen in Frankreich, wo arm und reich sicher deutlicher zusammentreffen als in Deutschland. Aber im Grunde gilt er auch für Deutschland, denke ich.

Im Klappentext des Buches heißt es:

Ein Ort in der Provinz, im Osten Frankreichs. Stillgelegte Industrie. Unerträgliche Hitze. Eine Gruppe Jugendliche, ohne viel zu tun, die ihre Sexualität entdecken, Bier trinken, Moped fahren oder dealen. Langeweile. Konflikte mit und zwischen den Eltern. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Nicolas Mathieu schreibt über die am Rande Liegengelassenen. Über vier Sommer begleitet „Wie später ihre Kinder“ Anthony, Hacine und ihre Freunde beim Erwachsenwerden in einer Welt der Reihenhaussiedlungen und Durchschnittsstädte – einer Welt, in der ihnen nichts geschenkt wird und an der sie dennoch hängen. Ein Gesellschaftsroman über das vergessene Frankreich der 1990er.

Das beschreibt es gut. Ich habe das Buch sogar auf Französisch gelesen. Ich hatte als Student ein Jahr in Lausanne/französische Schweiz gelebt und dort Französisch gelernt. Manchmal – nicht oft – lese ich heute noch Bücher auf Französisch. Klar, ich muss viele Wörter nachblättern, aber dank http://www.leo.org funktioniert es unkompliziert, das IPad liegt beim Lesen immer auf dem Schoß! So auch hier, aber es hat sich gelohnt!

Das Schöne an dem Buch ist: Es werden – in vier Teilen des Romans, betreffend die Jahre 1992, 1994, 1996 und 1998 – wunderbar real, authentisch, einfach, mit schöner Sprache, immer wieder mit ganz banalen Dialogen, die Personen und die Situationen geschildert, die für sich gesehen jeweils nicht aussagekräftig sein mögen – die aber durch das Gesamtgeschehen und für die Entwicklung der Personen allesamt ihre Bedeutung haben. Ein Motorrad wird geklaut, das ist ein wenig der Beginn. Der Roman taucht tief ein in das Leben der jungen Protagonisten und ihrer Familien. Es ist eine Leistung, alles so authentisch schildern zu können! Ich war – trotz der „Banalitäten“ der Ereignisse – immer weiter gespannt darauf, wer sich wie weiter entwickelt, bis zur letzten Seite.

Die schönen klaren Schilderungen werden dann wiederum immer wieder durchzogen von Passagen, in denen einfach über das Feeling der betreffenden Personen geschrieben wird oder auch allgemein Ausführungen zur ihren Lebenssituation, zu ihren Problemen, zur gesellschaftlichen Situation der „abgehängten“ Familien (in Frankreich) gemacht werden. Man weiß manchmal gar nicht, ob es Schilderungen und Eindrücke aus den Augen des Autors sind oder direkt aus den Augen der betreffenden Personen. Und wie gesagt: Warum soll es in Deutschland den jungen Leuten anders gehen? Dass meist rein französische Themen den Rahmen bilden, klar, der französische Nationalfeiertag, die französische „Equipe“ im Finale der WM, aber es spielt letztlich keine Rolle.

Man liest nur positive Rezensionen zu diesem Buch! Etwa wie in der „Neuen Züricher Zeitung“, der NZZ vom 31.12.2019:

„… ein Roman, der auch als „hyperrealistische Erzählung“ oder Parabel in der Tradition Albert Camus‘ gelesen werden kann … grandios.“

Es ist eine schöne und lehrreiche Urlaubslektüre, ich wollte das Buch kaum mehr weglegen.


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LITERATUR: Byung-Chul Han – Vom Verschwinden der Rituale (Eine Topologie der Gegenwart)

Die Gesellschaft beobachten, das kann Byung-Chul Han. Speziell mit unserer neoliberalen, rein kapitalistischen Lebensform geht er dabei oft hart ins Gericht und blickt scharfsinnig auf deren Zustände und Entwicklungen. Kritische Blicke sind immer gut und notwendig! Auch in dem Buch „Vom Verschwinden der Rituale“ geht es um den Zustand der neoliberalen Gesellschaft.

Es geht aber nicht etwa um eine nostalgische „Verteidigung“ von Ritualen. „An ihr (der Genealogie des Verschwindens der Rituale) entlang „zeichnen sich vielmehr die Pathologien der Gegenwart ab.“ Das schlanke Büchlein ist in zehn kleine Kapitel unterteilt. Ich fasse sie hier einzeln – sicher etwas vereinfachend – zusammen:

  • 1. „Zwang der Produktion“: Es beginnt damit: Auf der ständigen Jagd nach neuen Reizen, Erregungen und Erlebnissen verlieren wir die Fähigkeit zur Wiederholung. Es muss immer etwas Neues sein. Gerade auch den neoliberalen Credos wie Authentizität, Innovation oder Kreativität wohne ein permanenter Zwang zum Neuen inne. Sie erzeugen letzten Endes nur Variationen des immer Gleichen. Das Alte, das Gewesene, das eine „erfüllende Wiederholung“ zulasse, werde beseitigt, denn es stelle sich der Steigerungslogik der Produktion entgegen. Wiederholungen aber stabilisieren das Leben. … Wiederholungen sind tief, nicht flach. Und: Das neoliberale Regime vereinzele die Menschen. … Der Zwang der Selbstproduktion rufe eine Krise der Gemeinschaft hervor.
  • 2. „Zwang der Authentizität“: Dann: Jeder performe sich immer mehr selbst. Narzisstische Störungen nehmen heute deshalb zu, weil wir immer mehr den Sinn für soziale Interaktionen außerhalb der Grenzen des Selbst verlieren. Der Kapitalismus sagt uns: Produziere Dich!
  • 3. „Rituale des Schließens“: Alles ist additiv, nichts ist final. „Additiv“ oder „narrativ“ stellt Byung-Chul Han gegeneinander. Wir kennen keinen „Schluss“ mehr: Ohne die Negativität des Schlusses komme es aber zur endlosen Addition und Akkumulation des Gleichen, zum Übermaß der Positivität, zur „adipösen Wucherung der Information und Kommunikation“. Alles bleibe vorläufig und unfertig. Die Unfähigkeit zum „Abschluss von etwas“ habe mit Narzissmus zu tun. Denn das Getane, das Abgeschlossene stehe ja als Objekt fertig für sich, unabhängig vom Selbst. Daher vermeide das Subjekt, etwas zum Abschluss zu bringen.
  • 4. „Fest und Religion“: Jetzt die Kritik am Arbeitswahn der neoliberalen Gesellschaft: Kann uns die reine Form, das nutzfreie Spiel, das Ritualisierte, helfen oder retten? „Angesichts des zunehmenden Zwangs der Produktion und Leistung sei es eine politische Aufgabe, vom Leben einen anderen, spielerischen Gebrauch zu machen. Das Leben erhalte das Spielerische nur zurück, wenn es sich, statt sich einem äußeren Zweck zu unterwerfen, auf sich selbst bezieht. Fest und Religion seien ohne den Zwang zur Produktion. Zurückzugewinnen sei nämlich die kontemplative Ruhe. Wird dem Leben nämlich gänzlich das beschauliche Element genommen, so ersticke man im eigenen (additiven) Tun. Der Sabbat weise etwa darauf hin, dass die kontemplative Ruhe, die Stille essenziell für die Religion ist. Wir erkennen das Leben nur in der Ruhe, im nutzfreien Spiel. In dieser Hinsicht sei die Religion etwa dem Kapitalismus „diametral entgegengesetzt“. Der Kapitalismus liebt die Stille nicht. Die Stille wäre der Nullpunkt der Produktion, im postindustriellen Zeitalter, der Nullpunkt der Kommunikation. Also: Der Kapitalismus führt uns am Leben vorbei.
  • 5. „Spiel um Leben und Tod“: Spiel? Warum Spiel? Das Leben insgesamt sollte mehr Spiel sein, nur dann sei es das „Leben“! Spiel hat Regeln, ist Ritual, hat aber keinen Inhalt. Die Glorie des Spiels gehe mit der Souveränität einher, die nichts anderes bedeute, als frei sein von Notwendigkeit, vom Zwang und Nutzen.“ Man unterscheide zwei Arten von Spiel, das starke und das schwache Spiel. Nur das schwache Spiel sei anerkannt in einer Gesellschaft, in der das Nützliche das vorherrschende Prinzip geworden ist. Das starke Spiel hingegen lasse sich nicht mit dem Prinzip der Arbeit und Produktion vereinbaren. Es setze gar das Leben selbst aufs Spiel. Souveränität zeichne es aus.
  • 6. „Ende der Geschichte“: In diesem kurzen Kapitel geht Byung-Chul Han noch drastischer davon aus, dass der Mensch „das Resultat seiner eigenen Arbeit“ ist. Er zitiert auch andere Philosophen. Hegel etwa erfasse die Arbeit geradezu als das „Wesen des Menschen“. Er gibt dann noch einen Schritt weiter: Nur durch Arbeit entstehe für den Menschen überhaupt „Geschichte“: Die schöpferische Erziehung des Menschen durch die Arbeit (auch die Bildung) schaffe die Geschichte, d.h. die menschliche Zeit. Und er geht dann noch einen Schritt weiter: Das Leben als Arbeit finde sein Ende wiederum nur im „rituellen Leben“. Hier kommt er auf die Japaner, die schon sehr rituell leben. Denn Rituale setzen einen frei vom Diktat der Arbeit.
  • 7. „Reich der Zeichen“: Auch die Sprache unterliege ja, zeigt er dann, dem Diktat der Arbeit. Sprache solle heute nur noch „arbeiten“, Information vermitteln, nicht etwa „spielen“! Eine Art Kernkapitel des Buches. Ein Gedicht wäre etwa Spiel. Der Gegensatz zwischen Inhalt und Form wird hier von Byung-Chul Han klar formuliert. Rituale seien reine Form, eine Geschenkverpackung, ohne Aussage. Demgegenüber trete der Inhalt schnell moralisierend auf. Die Form nicht, sie sei nicht Moral, der Inhalt aber, der wolle meist Moral sein. Die Tendenz sei heute: Es zählt nur der Inhalt, das Moralisieren, die Form spiele keine Rolle mehr. Das führe wiederum zur Verrohrung und zum Verlust der Form! Es kommt ja auf den Inhalt an, die Form ist egal, sagt man sich. Auch Verlust der Höflichkeit etwa. Und so kommt es auch zum Verlust des „gemeinsamen Nenners“ einer Gesellschaft. Laut Byung-Chul Han ist „eine Ethik der schönen Formen zu verteidigen“.
  • 8. „Vom Duell zum Drohnenkrieg“: Sogar Kriege, zeigt er noch auf, waren früher „Spiel“, getragen von Form und Regel, sie waren damit auch getragen von „Respekt“ vor dem Gegner. Sie waren gleichberechtigter Kampf mit Regeln und Schicksal. Heute? Krieg sei nur noch Verbrecherjagd! Vor allem Drohnenkriege: Die Degradierung und Inkriminierung des Gegners zum Verbrecher sei heute die Voraussetzung für die gezielte Tötung, die einer Polizeiaktion gleiche. Die duale Beziehung zwischen den Kampfgegnern wird aufgehoben.
  • 9. Vom Mythos zum Dataismus: Schweres Kapitel. Das Datenzeitalter ist Totalwissen, aber auch Totalkontrolle. Mythos war früher „Erzählung“, Dataismus sei nur noch „Zählung“. Der Mensch gibt das Denken ab. Auch das Denken, selbst das Philosophieren, hatte früher Spielcharakter, Wettkampfcharakter. Dataismus ist heute dagegen reine Produktion, immer mehr. Denken war früher Wettkampf und Verführung, Dataismus heute dagegen sei nur noch „Porno“ (siehe nachfolgend).
  • 10. Von der Verführung zum Porno: Zuletzt zeigt Byung-Chul Han noch, dass das Verschwinden der Rituale sich heute auch im Sexuellen zeigt. Früher gab es noch die Verführung als einen „rituellen Zweikampf“. Ein ritueller Zweikampf mit Machtelementen, aber ohne intime Psychologie, nur mit „Fantasie für den Anderen“. Diese Fantasie verschwindet durch den Porno heute. Die pornographische Lust sei wiederum nur noch Produktion, ohne Geheimes, narzisstisch. Und: Alles wird sichtbar, nichts bleibt Schein oder Fantasie.
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LITERATUR: Teresa Präauer – Kochen im falschen Jahrhundert

Über Romane von Teresa Präauer hatte ich zweimal im Blog geschrieben. Zuletzt über „Das Glück ist eine Bohne“ und davor über „Oh Schimmi“. „Oh Schimmi“ war eine köstliche Erzählung über einen recht verschrobenen Jungen. Den Erzählungen in „Das Glück ist eine Bohne“ fehlte dagegen dann irgendwie diese schöne Ironie und der Witz, der die Erzählung „Oh Schimmi“ prägte. Nun gut, ich habe ihren neuen Roman „Kochen im falschen Jahrhundert“ gelesen.

Wer über etwas lesen möchte, was er bestimmt schon gemacht hat, liegt nicht falsch bei diesem kleinen Roman. Gut überschaubar und leicht lesbar. Keine komplizierte Storyline, keine schwer verständlichen Handlungen oder sonderbare Personen. Es ist die Beobachtung und Schilderung des Verlaufs einer kleinen Einladung von Freunden zum Abendessen – die Schilderung ist dabei gemischt mit Erinnerungen an die Vergangenheit der Erzählerin und mit kürzeren allgemeinen Beobachtungen zur Welt. Das Prägende ist: Ansatzpunkt sämtlicher Überlegungen im Roman sind die Speisen und Getränke – frühere und heutige, deren Zubereitung, deren Zutaten, deren Orte, die Hilfsmittel zur Zubereitung etc., daher der Titel des Romans. Alles hängt an Speisen und Getränken.

Der Rahmen: Man trifft sich zur Einladung in der relativ neu bezogenen Wohnung eines Paares (der „Gastgeberin“ [sie ist die Erzählerin] und ihres „Partners“). Die Schilderung der kleinen Einladung besteht aus 32 kurzen „Kapiteln“. Die Gastgeberin hat eine Quiche vorbereitet (oder besser: Sie bereitet die Quiche während des Abends zu), es kommt ein befreundetes Ehepaar (der „Ehemann“ und die „Ehefrau“) und ein „Schweizer“ (ohne seine „Freundin“, die keine Zeit hat). Man verfolgt die Gespräche und Handlungen der Personen, durchaus mit unterschwelligem Humor (weil die Gastgeberin alles locker hinnimmt). Man lernt die beteiligten Personen damit ein wenig kennen, ein wenig. Das ist also der äußere Rahmen des neuen Romans der Österreicherin Theresa Präauer.

Man folgt in diesem Rahmen einer zentralen Überlegung: Wie kann man mit alleinigem Blick auf die Speisen und Getränke der Zeit Dinge der Gegenwart und der Vergangenheit schildern? Wie kann man allein von Speisen und Getränken ausgehend auf Überlegungen allgemeiner Art kommen? Die Zahl der in diesem Buch genannten Speisen und Getränke und aller möglichen sonstigen Wörter, die mit der Zubereitung von Speisen und Getränken und mit allerlei um sie herum zu tun haben, ist kaum zu ermitteln! Oft hängen kleine Erinnerungen der Erzählerin an! Teresa Präauer spricht sich selbst dabei mit „Du“ an („Erinnerst du dich?“). Sie geht bei ihren Überlegungen und Beobachtungen nicht in die Tiefe, sondern verfolgt den groben Faden, sich immer wieder an Speisen und Getränke zu erinnern, zu orientieren, immer daran. Alles hängt an Speisen und Getränken.

In der Tat: Speisen und Getränke begleiten uns täglich und unser Leben lang! Selten verbinden wir allerdings unsere Erinnerungen und Überlegungen mit ihnen. Genau dies geschieht aber in diesem Büchlein. So mischt sich das kleine Alltagsgeschehen der geschilderten Essenseinladung (die nicht etwa „der Erzählung wegen“ ausufert!) mit vielen kleinen Erinnerungen, allgemeinen Gedanken und kurzen Beobachtungen zur heutigen Welt oder zur Entwicklung der Welt überhaupt. Das Buch ist angenehm, leicht, da eben immer das Schöne am Essen und Trinken mitschwingt, nichts Trauriges, es ist nicht deutlich von Humor getragen, sondern eher von Kulinarik, vielleicht schwingt aber ein ständiges Lächeln mit. Nach dem Motto: Das Essen und Trinken prägte und prägt immer unser Leben!

Also ein nettes Mitbringsel bei einer Einladung!

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LITERATUR: Byung-Chul Han – VITA CONTEMPLATIVA (oder von der Untätigkeit)

Die Frage ist: „Wie leben wir?“ Es läuft doch einiges schief. Wenn es so weitergeht, zerstören wir die Erde, keine Frage. Die Frage ist auch: “Wie gehen wir an die gewünschte Erreichung eines Endes der Zerstörung der Welt heran?“ Diese Fragen können/müssen natürlich auch philosophisch bearbeitet werden.

Die praktische Umsetzung ist dabei eine andere Frage, ob sich da jemals noch etwas ändert, ist fraglich. Ich habe jedenfalls den neuen philosophischen Essay des in Berlin lebenden deutsch-chinesischen Philosophen Byung-Chul Han “VITA CONTEMPLATIVA“ gelesen, der sich letztlich mit diesen Kernfragen auseinandersetzt.

Im Grunde ist es Philosophie mit starker Tendenz zu Gesellschaftskritik. Philosophie nur „der Philosophie wegen“ ist heutzutage auch kaum angebracht. So wurde Byung-Chul Han auch 2010 mit Die Müdigkeitsgesellschaft bekannt. Er diagnostizierte damals, dass in modernen Gesellschaften nur Effizienz und Vermarktungslogik eines Jeden zählen. Die Folgen seien Sinnlosigkeit, Depression, Müdigkeit. In der Beschleunigung, der Optimierung des Selbst, dem Keine-Zeit-Haben für sich und seine Mitmenschen sieht Han eine gefährliche Entwicklung.

Der Essay „VITA CONTEMPLATIVA (oder von der Untätigkeit)“ wird – ein kurzer Überblick – auf der Umschlaginnenseite beschrieben. Es geht diesmal nicht um Müdigkeit, sondern um den Verlust der Fähigkeit des Menschen zur Untätigkeit. Hier die kurze Zusammenfassung:

118 Seiten, kleines Format, sechs Kapitel – das lässt sich machen, um sich einmal mit diesen Fragen auseinander zu setzen. Die Kapitel lauten:

  • Ansichten der Untätigkeit
  • Eine Marginalie zu Zhuangzi
  • Vom Handeln zum Sein
  • Der absolute Seinsmangel
  • Das Pathos des Handelns
  • Die Kommende Gesellschaft

Natürlich handelt der Mensch, der Mensch ist handelndes Wesen. Das will auch Byun-Chul Han nicht bestreiten. Es geht um die Ergänzung des Handelns. Ergänzung durch ein kontemplatives Element, das wir aus dem Auge verlieren. Kontemplation, damit ist nicht etwa Freizeit gemeint! Kontemplation ist mehr! Das handelnde Element beschränkt den Menschen auf ein funktionierendes Subjekt. Auch Freizeit dient ja letztlich nur dem Funktionieren, dient dem handelnden Subjekt mit seinem ständigen Gedanken an ein “um zu …“. Erst wenn aber dieser Gedanke “um zu …“ fehlt, entfaltet sich wirklich Freiheit!

Byun-Chul Han entwickelt – muss man sagen – hierbei nicht etwa eine eigenständige Philosophie der Untätigkeit, sondern zeigt im Grunde eher auf, dass sich viele viele Philosophen, Künstler etc. bereits mit diesen Themen beschäftigt haben. Er hangelt sich von Philosoph zu Philosoph, von Kultur zu Kultur, und erklärt deren Sichtweisen zu diesen Fragen eher, als dass er eine eigenständige Philosophie entwickelt. Er verbindet letztlich die gefundenen Aussagen. Ein kleiner Schwerpunkt seiner Untersuchung ist dabei sogar die „Gegenposition“, die früher von Hannah Arendt in ihrem Buch „Vita activa“ vertreten wurde. Der Mensch werde erst durch Handeln im öffentlichen Raum („polis“) zum Individuum. Das mag richtig sein, schließt aber im Grunde daneben das Element der „vita contemplativa“ nicht aus. Individuum zu werden einerseits und das Sein überhaupt angemessen erkennen zu können andererseits, es sind zwei paar Stiefel!

Ansonsten: Adorno, Benjamin, Schiller, Plutarch, Anaxagoras, Homer, Klee, Rilke, Proust, von Aquin, Kleist, Nietzsche, Heidegger, Handke, Kierkegaard, Musil, Cezanne, Luhmann, sie und viele viele mehr werden herangezogen, weil sie alle wohl auch irgendwo das spürten, was Byun-Chul Han mit seinem Essay erklären möchte: Das so wesentliche Element der vita contemplativa, das seiner Ansicht nach übrigens durch die digitale Welt und durch Künstliche Intelligenz mehr und mehr verschwindet. KI kennt nichts „Kontemplatives“, KI kennt nur “an und aus“, sagt er.

Immer wieder schwingt dabei – kurz aber jeweils nur – auch der Hinweis darauf mit, dass wir uns vor allem der Rettung der Natur verschließen, wenn das kontemplative Element verschwunden ist. Hier kommt Gesellschaftskritik durch. Und vielleicht die Absicht von Byung-Chul Han, alles mit einem Weg zur Rettung der Natur zu verbinden. Die Welt und die Natur brauchen das kontemplative Element.

Auch hierzu ein Auszug, Seite 51:

Byung-Chul Han hatte über Heidegger promoviert. Die hier oben gebrachte kurze Darstellung über Heideggers Denken passt gut, ist aber nicht repräsentativ für dieses Buch. Es geht viel allgemeiner aus verschiedenen Blickwinkeln um das kontemplative Element, um das Erkennen des „Seins“. Durch Kontemplation gibt man sein egoistisches „Selbst“ auf, dann kommt das Sein der Welt zum Vorschein. Das Nichtvollziehen von Dingen wird wichtig, nicht das ständige Eingreifen! Heideggers Schrift “Ethik der Scheu“ wird erwähnt.

Insgesamt ein sehr wertvoller Gedanke, den Byun-Chul Han aufgreift, vertieft und erläutert. Der Ansatz ist elementar und deswegen lohnt es sich, den gerade erschienenen Essay zu lesen. ich empfehle dann allerdings, ihn zweimal zu lesen!

HIER der Link zum Wikipediaeintrag über Byung-Chul Han und HIER der Link zur persönlichen Website von Byun-Chul Han.

Und HIER der link zur Internetsite zum Buch VITA CONTEMPLATIVA auf der Website des Ullstein Verlages.

LITERATUR: Jonathan Franzen – Crossroads

Einem breiten Publikum bekannt wurde Jonathan Franzen mit seinem 2001 erschienenen dritten Roman „Die Korrekturen“, der den National Book Award gewann, Finalist für den Pulitzer Preis war und sich weltweit über 2,8 Millionen mal verkaufte. Sein neuester Roman: „Crossroads“ erschien im Oktober 2021.

Crossroads ist – wie „Die Korrekturen“ – ein Familienroman, der erste Teil der Trilogie „Ein Schlüssel zu allen Mythologien“. Ein Familienroman, der sich mit allen möglichen Rückblicken und aus verschiedenen Blickwinkeln um Weihnachten 1971 in einer kleineren Vorstadtgemeinde im Mittleren Westen der USA abspielt. Die Mitglieder der Familie Hildebrandt: Vater Russ, Mutter Marion, die Söhne Perry, Clem und Jason und die Tochter Becky.

Es geht darum: Wie eine Familie im Grunde mehr und mehr genau dadurch auseinander bricht, dass jedes Familienmitglied natürlich seinen ganz eigenen Weg geht. Eine Entwicklung fast jeder Familie! Jonathan Franzen gelingt es dabei wunderbar, nicht nur die Wege der einzelnen Personen aufzuzeigen, sondern immer wieder zu schildern, zu zeigen, wie diese eigenen Wege der einzelnen Familienmitglieder auf die anderen Familienmitglieder und auf das gesamte Familiengefüge einwirken. Wer sich über was ärgert, wer mit wem oder was eher gut oder eher schlecht zurecht kommt. Vater Russ, Pfarrer einer christlichen Gemeinde, verliebt sich in eine jüngere Frau, Frances Cortrell … Mutter Marion – schon lange mit Russ verheiratet – verliebt sich (auch oder vor allem sexuell getrieben) auch in einen Mann, Bradley … Tochter Becky verliebt sich in einen jungen Musiker, Tanner … Sohn Perry nimmt Drogen und verkauft Drogen an Mitschüler … Sohn Clem verlässt die Uni, verschwindet nach New Orleans, später nach Mexiko, möchte aus bestimmten ideellen Überlegungen heraus für den Vietnamkrieg eingezogen werden … über den jüngsten Sohn Jason erfährt man am wenigsten.

Crossroads ist vor diesem Hintergrund eine bei den Jugendlichen des Ortes sehr beliebte Gemeinde-Jugendgruppe, die geleitet wird von einem jüngeren neuen Mitwirkenden der christlichen Gemeinde, Rick Ambrose. Russ verliert dadurch den Anschluss an die Jugendlichen des Ortes – sofern er ihn überhaupt jemals hatte. Es ist eine große persönliche Niederlage für Russ.

Das Buch ist in zahlreiche Kapitel eingeteilt, die sich schwerpunktmäßig jeweils mit dem einen oder anderen Familienmitglied befassen.

Erstaunlich, wie sich Jonathan Franzen in jede Person hineinversetzen kann. Er kann wahrlich extrem gut schreiben! Deswegen war ja wohl auch „Die Korrekturen“ so erfolgreich: Das Magazin Time hat „Die Korrekturen“ zu den besten 100 englischsprachigen Romanen, die zwischen 1923 und 2005 veröffentlicht wurden, gezählt. 2015 wurde dieser Roman von der BBC-Auswahl der besten 20 Romane von 2000 bis 2014 zu einem der bislang bedeutendsten Werke dieses Jahrhunderts gewählt.

Man hat den Stil von Jonathan Franzen, lese ich, in Kritiken mit dem von Dostojewski verglichen. Er beschreibt nicht nur irgendwelche Vorgänge, sondern im Grunde beschreibt er parallel ständig die Gefühlslagen, die Überlegungen der Betroffenen, deren Gedanken, deren emotionale Situation. Das bringt einem die Personen nahe. Hier eine Leseprobe, die den Stil schön darstellt.

Für eine weitere Leseprobe – von der Website bei http://www.rowohlt.de – bitte das Bild anklicken!

Der so überzeugend geschriebene Roman hat meines Erachtens allerdings eine Bruchstelle, an der ein völlig neuer Aspekt auftritt, der mich fast dazu brachte, das Buch zu beenden: Die Jugendgruppe „Crossroads“ reist auf einer der jährlichen Ausflüge zusammen mit Rick und Russ zu den Navajos, um ihnen gemäß eines staatlichen Auftrages bei Arbeiten zu helfen. Es entstehen dort völlig neue Probleme.

Die Navajos sind Indianer. Sie möchten in Ruhe gelassen werden. Das Navajo Nation Reservation ist übrigens mit 67.339 km² das größte Indianerreservat in den Vereinigen Staaten und erreicht die Größenordnung des Bundeslandes Bayern.

Unabhängig davon: Der 800-Seiten-Roman ist (trotz der gefühlten Länge im „Navajo-Teil“) lesenswert, ist meine Auffassung. Es passiert nichts besonders Aufregendes, man folgt den Personen und dem Auseinanderfallen der Familie.

HIER der link zum Twitter-Account des Rowohlt Verlages.

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LITERATUR: Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

Ich habe jetzt auch noch das Buch gelesen: „Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux. Die deutsche Version und daneben die schöne französische Version. Zum Buch ist derzeit im Münchner Marstalltheater ein „Theaterstück“- oder besser: eine „Performance“ – zu sehen. Über den Abend im Marstalltheater hatte ich kürzlich auch geschrieben (HIER). Der letzte Satz des Abends hatte – fand ich damals gut – etwas mit „Hoffnung“ zu tun, ich wusste aber nicht mehr genau den Wortlaut.

Wo der Satz steht, habe ich jetzt gesehen: Mitten im Buch, auf Seite 94. In der französischen Version auf Seite 88. Annie Ernaux überlegt dort, was sie antreibt, die Vergangenheit wieder heranzuholen. Der Satz lautet: „Was, wenn nicht die Hoffnung, dass es zumindest eine Spur von Ähnlichkeit gibt zwischen diesem Mädchen, Annie D, und irgend wem anders.“

Ich finde das Buch besonders, es ist lesenswert. Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux führt zu einer Frage, die wirklich interessant ist: Was hat man früher eigentlich wie erlebt? Man kannte die Zukunft ja noch nicht. Sie geht in ihrem Buch dieser Frage anhand eines kurzen Zeitraumes ihres eigenen Lebens nach.

Annie Ernaux kommt im Alter von heute über 80 Jahren tatsächlich nicht umhin, über diesen kurzen Zeitraum im Sommer 1958 – und etwa ein/zwei Jahre danach – zu schreiben. Es waren sehr entscheidende Jahre für sie. Alles kam wahrscheinlich in ihrem Leben danach erst einmal anders, als gedacht.

Wichtig ist: Es geht ihr beim Schreiben über diese Zeit nicht etwa darum, eine „Erzählung“ zu schreiben, ein Geschehen zu beschreiben, sondern darum, nachzuforschen, wie sie sich selbst in dieser Zeitspanne, als sie gerade 18 Jahre alt war, gefühlt hat. Kann man das überhaupt noch herausfinden, ohne es mit nachträglichen Erfahrungen zu vermischen?

Man könnte ja sagen, soll sie doch zum Psychiater gehen. Aber es ist ein Unterschied: Ein Psychiater würde eben aus heutiger Sicht überlegen: „Wie kann Frau Ernaux damit umgehen?“ Sie aber möchte in diesem Buch wissen: „Wie war ich damals?“ Sie möchte sich in der damaligen Zeit näher kommen, sich wiedererkennen, sich kennen lernen. Und ihre Technik dazu ist folgende: Sie möchte Gegenstände sehen – Erinnerung durch Gegenstände, sie sieht sich alte Fotos an, sie liest alte Briefe, sie definiert Gegenstände von damals.

Darum geht es:

Annie Ernaux hat damals Dinge erlebt, die – ohne es damals zu wissen – ihr künftiges Leben prägten: Annie Ernaux war in einfachen und geradezu ängstlichen Verhältnissen aufgewachsen. Sie sollte es nach dem Wunsch ihrer Eltern „einmal besser haben“. Ihre Eltern behüten sie extrem. Sie geht auf eine katholische Schule. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag konnte Annie erstmals in ihrem Leben quasi dieser Enklave der Umsorgung und des Schutzes entkommen, etwas alleine unternehmen. Sie konnte als jüngste Betreuerin in einem Ferienlager für junge Schulkinder arbeiten. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Für sie war es zum ersten Mal in ihrem Leben der Sprung ins Leben. Sie war hoch ambitioniert. Sie wollte feiern, endlich junge Menschen kennen lernen, das Leben kennen lernen, sich kennen lernen. Es ging schief. Auf einer Party der Betreuer und Betreuerinnen des Schullandheims machte sich dann sehr bald der Leiter des BetreuerInnenteams – H – an sie ran. Er verführte sie, sie verbrachten die Nacht miteinander. Annie nahm es hin, fand es spannend, schämte sich nicht. Danach zog sich H aber komplett von ihr zurück. Offensichtlich hatten auch die anderen Betreuer und Betreuerinnen mitbekommen, dass sie die Nacht mit dem „Chef“ verbracht hatte. Sie wurde ab dieser Nacht quasi verpönt. Kurze Zeit später geschah Ähnliches. Annie verbrachte eine weitere Nacht mit einem der Betreuer. Für sie war es immer noch hoch spannend! Sie schämte sich wieder nicht, es war Freiheit und ein Drang nach Sex, Freiheit, Grenzenlosigkeit. Sie war völlig orientierungslos und ohne jede Erfahrung. Sie ließ sie es gefühllos geschehen. Man sprach von ihr schnell als „kleine Nutte“. Mehr und mehr merkte sie andererseits, dass sie den Betreuerchef H abgöttisch liebte – oder bildete es sich ein. Vielleicht, weil sie bis dahin dachte: „Wenn ich zum allerersten Mal mit jemandem schlafe, das muss doch wahre Liebe sein!“ Es kam noch zu einer weiteren Nacht mit H. Er zog sich aber auch dann wieder sofort von ihr zurück. Sie hat ihn nie mehr in ihrem Leben gesehen. Annie dagegen meinte, sie seien doch jetzt ein Liebespaar. Ihre Orientierungslosigkeit. Die Demütigungen.

Auch nach Ende des Schullandheims waren ihre nächsten Jahre geprägt von ihrer Liebe H. Sie hat immer wieder H vor Augen, wusste, dass er in Rouen lebte, wo sie eine Ausbildung machte, wollte ihn aber nur „zufällig“ treffen. Sie bereitet sich vor auf ihn, lernte Dinge, nahm ab, bildete sich etc. Aber sie wurde im Folgejahr nicht mehr im Schullandheim angenommen! Sie sah H dann nie wieder. Sie entwickelte eine Essstörung, Bulimie.

Sie machte eine Ausbildung zur Grundschullehrerin, H war schließlich Grundschullehrer gewesen! Sie brach die Ausbildung aber ab, man sagte ihr, sie sei ungeeignet. Sie verbrachte als Au-Pair Mädchen eine Zeit in London. Auch dort eigenartige Erlebnisse. Danach begann sie mit einem Literaturstudium. Das war ihr neuer Weg, ein Weg, der ihr wohl entsprach. Vielleicht kann man sagen, sie hat die Kurve gekriegt. Annie Ernaux.

Die Zeiten der abrupten Freiheitsgier, der absoluten Orientierungslosigkeit und der Demütigungen – auch sozial. Es saß wohl das Leben lang in Annie Ernaux.

LITERATUR: Juli Zeh – Über Menschen

Nicht zum ersten Mal habe ich ein Buch von Juli Zeh gelesen. Dieses Mal hat es mich nicht voll begeistert. Das mag anderen anders gehen, daher schreibe ich hier natürlich darüber. Das Thema trifft ja den Zeitgeist, die „Stadtflucht“. Das Buch hat im Kern wahrscheinlich einige autobiografische Elemente. Wie im Buch, so auch im Juli Zehs Leben: Eine Person – Dora – verlässt die Großstadt und zieht aufs Land in den in Brandenburg gelegenen, verlassen und vergessenen Ort „Bracken“ – einen „Wohnplatz“ der Gemeinde „Gleiwitz“.

Juli Zeh lebt seit Jahren in Barnewitz, einem Dorf im Havelland in Brandenburg, zuvor hatte sie über viele Jahre in Leipzig gelebt. 

Etwas ganz Persönliches dazu von mir:

Der Ort -> Barnewitz ist wahrlich nicht weit entfernt von -> Rhinow, dem Ort, in dem meine Familie mütterlicherseits in frühen Jahren ein schönes Häuschen hatte. Ich hatte es nach der Wende noch besucht. Rhinow wiederum liegt neben den -> „Rhinower Bergen“, auf denen wiederum der Flugpionier -> Otto Lilienthal damals, Ende des 19. Jahrhundert, täglich seine Flugübungen machte. Otto Lilienthal stürzte dort am 9. August 1896 ab – bei -> Stölln nahe Rhinow (in der Nähe von Barnewitz also, neben Berlin) – und starb dann auf dem Weg nach -> Berlin bzw. in Berlin. Mein Urgroßvater erlebte diesen Absturz ganz persönlich! Und er war es, der nach dem Absturz als Arzt Otto Lilienthal auf dem Weg nach Berlin begleitete. Ja, mein Urgroßvater!

Zurück zum Roman:

Juli Zeh mag diesen Roman recht schnell geschrieben haben. Er enthält meines Erachtens daher auch rein stilistisch gesehen nicht irgendeine Besonderheit, er schildert inhaltlich einfach den Ablauf gewisser Dinge. Dinge des modernen Lebens in unseren Sphären. Alles, was geschieht, entspricht dabei leider immer wieder irgendwie einem „Klischee“, das wäre mein größter Kritikpunkt. Dem Klischee über Stadtflucht. Dem Klischee über einen vergessenen Ort, der an nichts angebunden ist. Dem Klischee über die Menschen, die dort leben. Dem Klischee über die Menschen, die in Großstädten leben. Dem Klischee, wie man in welcher Situation denken oder handeln wird. Und so weiter. Immer wieder Klischees, Klischees. Ich fühlte mich leider beim Lesen dieses Buches durchgängig so, als würde ich etwas lesen, was nach allgemeiner Einschätzung „nicht anders sein kann“. Viel von diesen Klischees trifft ja zu!

Ich selber mag es aber, wenn ich etwas lese, im Grunde lieber etwas „abseitig“, nicht so erwartbar, so herkömmlich. Andererseits mag ich es, wenn ganz einfache Dinge des Lebens beschrieben werden. Aber dabei freue ich mich immer nur, wenn – allein etwa durch den Schreibstil – etwas Besonderes daraus herausgeholt wird. Dann bereichert mich das Buch.

Ja, es mag so sein, dass einfach alles so ist, wie Juli Zeh es beschreibt. Der Roman ist insoweit die gute und sicherlich weitgehend treffende Schilderung einer gesellschaftlichen Situation. Auf dem Buchdeckel heißt es dementsprechend (Zitat Denis Scheck, SWR Fernsehen): „Ein Buch, das einem die Augen öffnet für unsere bundesrepublikanische Wirklichkeit.“ So kann man es auch formulieren. Es wird so sein. Und wenn man lesen möchte, wie es ist, aus dem wilden Berlin in einen vergessenen Ort zu ziehen: Hier hat man ein gutes Lesewerk.


Juli Zeh beschreibt dabei alles wieder sehr gut, keine Frage! Man liest es flüssig und schnell, die Geschichte entwickelt einen Zug. Man hat alles gut vor Augen! „Dora“, die Hauptperson des Romans, neuerdings getrennt von ihrem in Berlin/Kreuzberg lebenden Lebenspartner (oder Ehemann) „Robert“, kommt im Laufe des Romans tatsächlich einzelnen zunächst eigenartig wirkenden Menschen, die auf dem Land um sie herum leben, näher. Aber auch etwa Robert: Man liest etwas, was man kennt. Robert ist zunächst immer mehr „ökologisch unterwegs“, fast besessen von jedem Detail, von seiner ökologischen Überzeugung. Dann kam Corona hinzu, auch das wird zu seiner Berufung! Und alle anderen, die nicht seiner Überzeugung sind, sind insoweit Trottel, sollten lieber seinen Vorgaben folgen. Das hält Dora dann nicht mehr aus. Man kennt es. Aber auch hier: Es wird geschildert, aber man erhält meines Erachtens dazu leider keine weiterführenden Gedanken.

Zum Ort Bracken: Das schwule Pärchen im Ort, der „Dorfnazi“ auf dem Nachbargrundstück – das bezeichenderweise durch eine Mauer von ihrem Grundstück getrennt ist, auch andere Bewohner lernt Dora kennen. Vieles verwundert, stört und irritiert sie, aber es entstehen Beziehungen, über ihre persönliche emotionale „Mauer“ hinweg gewissermaßen, die diesen Roman prägen. Insoweit hat dieser Roman übrigens Ähnlichkeiten zu ihrem vorherigen Roman „Unter Leuten“. Das ist jedenfalls der Weg dieses Romans: Man zieht in eine „fremde Welt“, an der einen zunächst vieles stört oder verwundert, und kommt dann doch zwangsläufig dieser Welt näher. Das ist auch der positive Aspekt dieses Romans. Hinter jedem Klischee steckt mehr und jede Welt ist berechtigt.

HIER ein Link zu einem Filmbeitrag der Sendung ASPEKTE über den Roman.

LITERATUR: Teresa Präauer – Das Glück ist eine Bohne

Vor Jahren hatte ich den Roman „Oh Schimmi“ von Teresa Präauer gelesen und im Blog hierüber geschrieben. HIER der damalige Beitrag. Diese verrückte, lustige und ironische Erzählung eines „Taugenichts“ war eine schöne Entdeckung! Deshalb habe ich mir nun ihr neues Buch „Das Glück ist eine Bohne“ besorgt und habe es gelesen. Ich habe aber selten von ein- und dem/derselben Schriftsteller/in so unterschiedliche Bücher gelesen. 



„Das Glück ist eine Bohne“ ist – im Gegensatz zur humorvollen Erzählung „Oh Schimmi“ – eine Sammlung vieler kleiner „Beobachtungen“. Es sind 82 kleine Texte von oft nur zwei Seiten, mal vier, mal fünf etc. Allein deshalb liest es sich natürlich leicht, man kann es immer wieder weglegen, ohne den Faden zu verlieren. Es gibt keinen roten Faden, der die einzelnen Texte zusammenhält. Doch, man könnte sagen: Teresa Präauer hat gestöbert und geschrieben. Sie hat in ihren Erinnerungen gestöbert und ebenso in YouTube, im Fernsehen, auf Netflix, im Internet, sie schafft dann aus irgendeiner Beobachtung heraus Verbindungen zu Musikstücken, erwähnt Künstler, erwähnt andere mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten … Das ist der rote Faden. HIER der Link zu einer Leseprobe, gelesen von Teresa Präauer.

Die Sprache der Texte ist leider längst nicht mehr so verrückt und humorvoll wie in der Erzählung „Oh Schimmi“. Teresa Präauer ist eben etwa fünf Jahre älter geworden, 42 Jahre alt ist sie heute. Man spürt es in ihren Beschreibungen, ihrer Sprache. Es mischen sich Sätze ein wie: „Die Angelegenheit ist, bei gleichzeitig repetitiv strukturierter Einfachheit des vorliegenden Textmaterials, komplex.“ (Seite 123). Puh, das ist nicht schön zu lesen. Ich habe selten das offenbar – zumindest im Schreibstil – recht schnell gegangene Älterwerden eines/r SchriftstellerIn so deutlich gemerkt! Das, was sie beschreibt, wirkt längst nicht mehr verrückt, leicht, abstrus und locker, auch nicht so lustig und ironisch wie die Erzählung „Oh Schimmi“. Schade! 

Es sind in „Das Glück ist eine Bohne“ auch nicht nur aktuelle „Beobachtungen“. Viele ihrer kurzen Texte knüpfen an – wie gesagt – sehr persönliche Erinnerungen an. Das macht es dem Leser nicht leicht. Teresa Präauer hat dann natürlich ihre Vergangenheit sehr genau vor Augen, aber nur in ihr schwingt die Erinnerung, im Leser nicht.

Fast unangenehm übertrieben ist leider, finde ich, die Erzählung mit dem Titel „Aufgewachsen in Bibliotheken“. Teresa Präauer schildert dort, wie sehr sie im Grunde – was Bücher angeht – prädestiniert sei. Vieles mag stimmen, aber muss man das so herausstellen? Sie sei nicht nur in einer Bibliothek gezeugt worden, ihr Vater sei dort nicht nur Archivar gewesen, ihre Mutter sei nicht nur literaturbegeistert und “Leseratte“ gewesen, Teresa Präauer sei nicht nur in der Bibliothek aufgewachsen, sie habe dann nicht nur auch, als sie größer geworden war, viel Zeit in der Bibliothek verbracht, nein, sie habe sogar lesen können bevor sie sprechen habe können! Und sie habe sogar, bevor sie lesen konnte, „einen guten Satzspiegel von einem weniger guten unterscheiden“ können. Ein Wunderkind!

Und in den vielen kurzen Texten ist es oftmals schwer, sich die Situation jeweils gut vorzustellen, die sie beschreibt. Neben zahlreichen Texten zu Erinnerungen aus ferneren Zeiten bringt sie anfangs etwa Texte zu ihrem einjährigen Aufenthalt in Amerika vor wenigen Jahren. Auch hier enthalten die Texte genaue Beschreibungen von irgendetwas, was sie erlebt hat, oder von irgendwem, den/die man selber ja nicht kennt, oftmals verbunden mit ihren Gedanken dazu. Man fragt sich leider manchmal: Was interessiert mich das? Oft verbindet sie ihre Beschreibungen kurz mit – manchmal recht komplizierten – allgemeineren Gedanken und Interpretation, die man im Grunde nur versteht, wenn man das, worüber sie schreibt, genau vor Augen hätte. Das fehlt leider oft.


Das Buch ist also kein leichter „Schmöker“, man kann sich aber durch viele meist kurze Gedanken, Erinnerungen und Fundstücke aus der medialen Welt treiben lassen, auch das mag gefallen.

LITERATUR: Daniel Mason – Wintersoldat

Man kennt vielleicht Daniel Masons Debütroman „Der Klavierstimmer Ihrer Majestät“ (Deutsche Fassung 2003). Dort geht es um einen Klavierstimmer, der zu Zeiten der dortigen britischen Kolonialherrschaft nach Burma, in das heutige Myanmar, reist. Es geht wohl auch um Liebe. Ich kannte den Roman nicht. Ich kannte auch Daniel Mason nicht. Aber ich hatte kürzlich Geburtstag und habe seinen aktuellen Roman „Wintersoldat“ geschenkt bekommen.

Daniel Mason ist Amerikaner und ich finde, man erkennt manchmal an der Art und Weise, wie ein Buch geschrieben ist, dass der Autor Amerikaner ist. So auch bei diesem Roman. Natürlich erkennt man das nicht bei allen amerikanischen Autoren, bei Paul Auster beispielsweise wenig (kürzlich gelesen: Sein autobiografischer Roman „Winterjournal“), bei Richard Powell wenig (ich mochte den fantastischen und anrührenden Roman „Der Klang der Zeit“ ganz besonders!), bei Louis Begley wenig (ich kenne von ihm „Erinnerungen an eine Ehe“ und „Schiffbruch“). Es gibt natürlich fantastische amerikanische Autoren. William Faulkner etwa („Licht im August“!). Oder Ernest Hemingway und seine Short Stories. (Er hatte übrigens Anfang Juli diesen Jahres seinen 60. Todestag. Und ich meinen 60. Geburtstag!) Oder oder oder. Die Liste der wirklich beeindruckenden amerikanischen Schriftsteller ist sehr lang!

Daniel Mason ist rein sprachlich gesehen dagegen nicht irgendwie auffallend. Ich möchte behaupten, vor allem viele europäische Schriftsteller schreiben oftmals irgendwie variantenreicher, im Stil einfallsreicher oder empfindsamer. Der Roman „Wintersoldat“ von Daniel Mason scheint mir eine Erscheinung relativ moderner amerikanischer Literatur zu sein: Der Roman ist eine sehr genaue und dadurch sehr intensive Schilderung der Entwicklung eines tragischen Lebens in sehr schwerer Zeit! Die Zeit des 1. Weltkrieges! Die Schilderung des Lebens des jungen Arztes Lucius wird – das mögen die Amerikaner ja – bald mehr und mehr zu einem „page turner“, also zu einem Buch, das man nicht weglegen möchte, sondern bei dem man Seite für Seite weiter lesen möchte, um den jeweiligen weiteren Verlauf und den Ausgang der Geschichte zu erfahren.

Beeindruckend ist auf jeden Fall die unglaublich genaue und facettenreiche Schilderung der fürchterlichen damaligen Umstände an der russisch/österreichischen Frontlinie während des ersten Weltkrieges. Die Kriegszustände! Lucius ist Lazarettarzt hinter der Frontlinie. Ebenso beeindruckend ist die unglaublich genaue und facettenreich Schilderung der medizinischen Möglichkeiten der damaligen Lazarettärzte hinter der Frontlinie. Mason schildert immer wieder grauenhafte Entstellungen und Verletzungen viele Soldaten. Insoweit ist der Roman sogar nicht einmal mehr zeitgemäß, Kriege würden heutzutage doch – meint man – eher mit dem sofortigen Tod des Soldaten enden, als mit fürchterlichen Erfrierungs- oder Schussverletzungen oder mit Entstellungen durch Granaten und Bomben. Heutzutage leidet die Zivilbevölkerung viel mehr! Insoweit ist dieser Roman eher ein historischer Roman.

Auch, scheint mir, ist etwas typisch für moderne amerikanische Literatur: Natürlich mischt sich neben all diesen fürchterlichen Schilderungen der damaligen Lebensumstände das Thema der großen Liebe in den Roman! Das Thema der großen Liebe bestimmt letztlich den Verlauf des Romans! Und insoweit wählte Daniel Mason wohl wieder die Technik, die er auch bei seinem Debütroman angewandt hatte. Das Thema der Liebe hält den Roman am Laufen!

Ich muss gestehen: Der Titel „Wintersoldat“ hat mir dabei nicht sehr gefallen. Was ist denn ein Wintersoldat? Gut, im Laufe des Romans wird es klar. Es ist ein völlig traumatisierter, ansonsten wohl unverletzter Soldat, der im tiefsten Winter ins Lazarett kommt. Er prägt den Roman auch in gewisser Weise. Ihn aber gleich „Wintersoldat“ zu nennen, scheint mir fast kitschig.

Also: Wer einen historisch recht interessanten und sehr detailreich geschriebenen Roman zum 1. Weltkrieg lesen möchte, den er nach einer gewissen Zeit auch nicht mehr weglegen möchte – im Urlaub etwa, der möge sich den mit diesen Vorgaben durchaus guten Roman „Wintersoldat“ von Daniel Mason nehmen.

LITERATUR: Eva Schmidt – Die Welt gegenüber

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte in ihrer Literaturbeilage in diesem Frühjahr das Buch „ Die Welt gegenüber“ von Eva Schmidt in die Liste der Vorstellung der „wichtigsten Romane des Frühjahres“ aufgenommen. HIER der kurze Beitrag der FAZ. Eva Schmidts davor erschienener Roman „Ein langes Jahr“ gelangte 2016 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Sie ist Österreicherin, lebt in Bregenz.

Wer etwas Unspektakuläres lesen möchte, im Urlaub etwa, keinen Krimi, normales Leben, akkurat beobachtet und geschildert, der mag an diesem Buch Gefallen finden. Es scheint eine Spezialität von Eva Schmidt zu sein, das Unspektakuläre zu beachten und genau zu beschreiben. Schon ihr erfolgreicher Roman „Ein langes Jahr“ wird davon geprägt.

In „Die Welt gegenüber“ schildert Eva Schmidt in zwölf voneinander völlig getrennten kleinen Episoden einfach Begebenheiten aus einzelnen Leben. „Einfache Begebenheiten“ ist nicht ganz treffend, es sind mitunter sehr spezielle Vorgänge, die geschildert werden. Man versteht die Begebenheiten meist nicht ganz, Eva Schmidt schreibt zwar nicht durchgehend aus der Rolle einer entfernten Beobachterin, die die Dinge selber nicht ganz verstehen würde. Nein, es wird auch mit eben diesem kurzen Blick auf teils alltägliche Gegebenheiten geschildert, was sich die betroffene(n) Person(en) denkt/denken, in welcher Situation sie ist/sie sind. Hinter jeder Geschichte steckt ja ein ganzer Kosmos. So ist es eben, in jeder Sekunde, bei jedem Menschen ist es ja so. Aber es bleiben Ausschnitte. Vor allem bleibt das „Ende“ der geschilderten kurzen Entwicklungen meist offen. Es gibt eben kein „Ende“.

Dass das „Ende“ der Kurzgeschichten offen bleibt, verstört ein wenig, da sich während der einzelnen Schilderungen Spannung aufbaut! Es scheint ständig auf etwas zuzulaufen, oft bleibt aber das, was man vielleicht erahnt, aus. Wie so oft. Man will beim Lesen der einzelnen Geschichten mehr und mehr wissen, was sich ergibt. Am Ende bleibt aber man oft ratlos.

Der Schreibstil von Eva Schmidt ist unspektakulär. Sie wählt die Alltagssprache. Nichts Gedrechseltes, aber auch – mir etwas zu sehr – auch ohne irgendeine Besonderheit in der Darstellung. Das kann aber durchaus gefallen! Sie schildert sehr genau und mit einfachen Worten die Begebenheiten so, wie man sie meist als Außenstehender oder eine(r) der Beteiligten sieht. Immer wieder sind die Schilderungen allerdings auch getragen von den subjektiven Absichten oder Ansichten, den Gedanken, der betroffenen Personen. „Blicke von innen“, sind es dann, aber auch die sind eher nüchtern geschildert, manchmal auch direkt aus der Ich-Perspektive heraus. Auffallend ist, dass in fast jeder Geschichte jedenfalls kurz oder auch länger der Tod erwähnt wird. Er ist sogar prägend für eine Geschichte („Vielleicht nach Skagen“). Ein Friedhof, ein gestorbener Lebenspartner, Suizidgedanken …

Nun, es ist ein angenehmes „Sommerbuch“, wenn auch literarisch „harmlos“, man kann sich Stück für Stück die einzelnen Episoden vornehmen.