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Gelesen und geblättert

LITERATUR: Stephen Fry – Odyssee

Der Sommerblockbuster „Die Odyssee“ von Nolan hat dementsprechend erstaunlich negative Kritiken, von einer „Leere“ etc. ist die Rede. HIER zum Beispiel:

https://www.artechock.de/film/text/kritik/o/odysse0.htm

Homers Erzählung der 10jährigen Irrfahrt des Griechen Odysseus nach dem Trojakrieg zurück nach Ithaka zu seiner Frau Penelope mit all seinen Abenteuern ist für mich auch keine verfilmbare Story, sondern ein Bildgemälde, dessen Sequenzen sich eher im Alltag eines Leopold Bloom in James Joyces‘ „Ulysses“ wiederfinden.

Stattdessen habe ich nun die Nacherzählung der Odyssee von Stephen Fry gelesen (Das reine Wunderwerk des „Ulysses“ von James Joyces‘ habe ich schon längst – mehrfach – gelesen). „Odyssee“ ist nur eines der vier Bücher, in denen sich Stephen Fry erzählerisch den prägenden Faktoren der antiken Welt widmet. Ich werde demnächst noch über die drei anderen seiner Bücher zur Antike schreiben, es sind neben „Odyssee“ die Erzählungen „Troja“, „Mythos“ und „Helden“. Da ich eben ein großer Fan der unfassbaren antiken Welt, der damaligen Menschen, Geschichten, Gedanken, der Philosophie dieser fernen Zeit bin.

Etwas verwundert war ich allerdings auf den ersten 115 Seiten (!) der „Odyssee“ von Stephen Fry. Bis dorthin geht es nämlich nicht – der Buchtitel zeigt es überhaupt nicht an – um die Odyssee, es geht um die anderen großen Geschehnisse, die aus der Zeit nach der Zerstörung Trojas erzählt werden. Gut, alles hängt zusammen. Es geht um die anderen bekannten „Rückkehren aus Troja“ nach Griechenland: Agamemnons Rückkehr vor allem! Der Grieche Agamemnon – der Bruder von Menelaos, dessen Frau Helena ja (so ging alles los) von dem Trojaner Paris geraubt wurde – kehrte nach Mykene zu seiner Frau Klytaimnestra zurück und wurde dort von dieser und ihrem neuen Freund Aigisthos getötet. Agamemnon hatte schließlich vor dem Trojakrieg die gemeinsame Tochter Iphigenie für guten Wind geopfert. Dann kommen deren beider Kinder Orestes und Elektra, und es geht weiter, sie rächen sich an Klytaimnestra. Und so weiter.

Auch von der – ungewollten – Fahrt des Trojaners Aeneas nach Karthago (Aeneas und Dido!) und später erst nach Latium/Italien wird berichtet. Genauso von Helenas und Menelaos Rückfahrt. Man erfährt also alles.

Ab Seite 116 („Auf Kalypsos Insel“) geht es dazwischen übrigens kurz doch um Odysseus, dann aber wieder um Agamemnons Geschichte bis hin zum Rückzug der Götter von dem System „Rache folgt auf Rache“, also bis hin zu Athenes Entscheidung.

Dann eigentlich – ab Seite 167 – erst geht es Stephen Fry um die Irrfahrten des Odysseus. Nachdem dieser nach sieben Jahren die Insel der Kalypso verlassen konnte, geht es bis hin zu Odysseus‘ Ankunft auf Ithaka und zu dem Moment, in dem Penelope erkennt, dass er Odysseus ist. Sohn Telemachos wusste es bereits.

Alles ist von Stephen Fry aber – trotz der „Titeltäuschung“ – durchgehend locker und gut lesbar geschrieben. Viele direkte Gespräche der Götter und Menschen! Sehr plastisch. Stephen Fry erzählt in moderner Sprache, schafft es aber durchgehend, „antik“ zu bleiben. Er macht nicht modernes Geschehen daraus. Das prägt seine Erzählung! Es ist schön und flüssig lesbar!

Man wird natürlich mit einer riesigen Menge an Namen der Beteiligten Götter, Halbgötter, Menschen und Orte konfrontiert, das umfassende Personenregister am Ende des Buches hilft! Interessant ist auch Stephen Frys Schlusstext, in dem er Gedanken zur Verbindung der antiken Geschichte zu unserer heutigen Welt anstellt.

Fazit: Lesenswert – Odyssee, Untertitel: Von Abenteuern, Irrfahrten und Heimkehr – vor allem unbedingt auch für Schüler auf humanistischen Gymnasien.

LITERATUR: Suchers Leidenschaften – James Joyce

Für Anhänger von James Joyce rückt wieder ein Jahrestag näher: Der 16. Juni. Es ist für sie der „Bloomsday“. Viele werden es wissen: Der Tag geht zurück auf das Werk „Ulysses“ von James Joyce. Im Wahnsinnswerk Ulysses – ich würde sogar sagen: Es ist eine Art Weltwunder der Literatur, wie kann man so etwas schreiben! – geht es um einen einzigen Tag und vor allem um Leopold Bloom. Es geht um den 16. Juni. Leopold Bloom geht durch Dublin.

Es passiert nichts und doch geht es um alles: Es geht um die ganze Welt. In der Einleitung zur kommentierten Ausgabe des „Ulysses“ (übersetzt von Hans Wollschläger, Suhrkamp Verlag) heißt es:

Schließlich ist Ulysses auch der Roman der ganzen Welt; er spannt den Bogen von Homers Odyssee am Anfang der abendländischen Literatur bis zum Leben des Dubliner Bürgers zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in dessen Tagesablauf sich die Abenteuer des mythischen Helden Odysseus spiegeln.

Hier ein Beispiel: So sieht eine Seite – die allererste Doppelseite – der sagenhaften kommentierten Ausgabe des Ulysses aus, um den Text herum sind die Anmerkungen. „Stattlich und feist …“

Es ist ein Werk der Weltliteratur, allerdings das – sagt man immer – am seltensten gelesene Werk. Es gibt aber einen Kreis von überzeugten Anhängern von James Joyce und vor allem von seinem Werk “Ulysses“. Etwa in den „reading groups“ der Zürich James Joyce Foundation. HIER der Link zu den nächsten Terminen der „reading groups“. Und HIER der Link zur Startseite der Website der Zürich James Joyce Foundation.

Gestern, Sonntag, der 2. Juni 2019, hatte C. Bernd Sucher im Rahmen seiner seit Jahren bestehenden Reihe „Suchers Leidenschaften“ am Vormittag im Gartensaal des Münchner Prinzregententheaters über James Joyce gesprochen. Nicht nur über den „Ullysses“, sondern über den Menschen James Joyce sowie über seine Werke. Wie und wann er seine spätere Frau kennen lernte, seine Bewunderung für Henrik Ibsen, dass er Wörter erfunden hat, wo er gelebt hat (Paris, Zürich, Triest) humorvolle Bemerkungen und vieles mehr. Vom Schauspieler Thomas Loibl (Residenztheater) wurden Auszüge aus den Werken von James Joyce vorgelesen, die Schauspielstudentin Luiza Candido de Oliveira Monteiro brachte andere Zitate.

Man kann James Joyce natürlich nicht in eineinhalb Stunden wirklich erfassen, es gab aber einen schönen Überblick und eben Einblicke in die Werke von James Joyce. Er schrieb auch Gedichte. C. Bernd Sucher konnte letztlich empfehlen, sich zunächst einmal „Ein Portrait des Künstlers als junger Mann“ von James Joyce mit in den Urlaub zu nehmen. Um dann auf das fast völlig unverständliche Werk „Finnegans Wake“ zu kommen.

Man könnte natürlich seitenweise über die Werke von James Joyce schreiben. Ich empfehle, sich eines zu schnappen und anzufangen. Ich empfehle sogar die kommentierte Ausgabe des „Ulysses“. Es gibt Menschen, die den genauen Fußweg von Leopold Bloom in Dublin kennen und nachgehen. Wo sich Leopold Bloom am 16. Juni 1904 aufgehalten und welchen Weg er durch Dublin genommen hatte, kann man übrigens auch den Karten in der kommentierten Suhrkamp-Fassung des Ulysses entnehmen:

Noch eine Empfehlung: Es gibt eine Hörspielfassung des Ulysses, 23 CDs. Sie ist 2012 erschienen und galt damals als eine der besten CDs, die es bis dahin gab. Es ist in der Tat eine wunderbare Lesung, untermalt ein wenig von Musik und anderen Tönen. Leopold Bloom wird gelesen von Dietmar Bär und Molly Bloom von Birgit Minichmayr. HIER der Link zum Angebot von Amazon. Bitte aber nicht bei Amazon kaufen, lokale Buchhändler unterstützen. Wirklich eine Hörerlebnis!

Und noch ein Hinweis: C. Bernd Suchers Erklärungen zu James Joyce kann man ähnlich auch als Hörbuch herunterladen oder als CD kaufen: HIER der Link zum Angebot von Amazon. Aber wie gesagt …

Die Lesung endete sehr schön mit der Schlusspassage des Ulysses. Über mehr als 60 Seiten erstreckt sich der ohne Punkt und Komma geschriebene Monolog der Frau von Leopold Bloom (in der Hörspielfassung wunderbar gelesen von Birgit Minichmayr). Er endet mit:

… ja und wie er mich geküsst hat unter der maurischen Mauer und ich hab gedacht na schön er so gut wie jeder andere und hab ihn mit den Augen gebeten er soll doch noch mal fragen ja und dann hat er mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen dass er meine Brüste fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will Ja.