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THEATER: Annie Ernaux – Das Ereignis

Davor war er eher in Richtung Philosophie unterwegs, „formale Logik“ war sein Thema gewesen. Dann ging es weg von der Logik und hin zu Text und Theater. Am Theater arbeitete Necati Öziri als Dramaturg, schrieb mit erstaunlichem Erfolg eigene Theaterstücke und Bücher, in Zürich hat z. B. Christopher Rüping 2022 seinen Theatertext „Der Ring des Nibelungen“ inszeniert. Sein Roman „Vatermal“ wiederum schaffte es dann bis in die Shortlist des Deutschen Buchpreises. 2018-2022 war er Leiter des internationalen Forums des Berliner Theatertreffens. Also interessant!

“Das Ereignis“ ist (natürlich) ein autobiografischer Text der französischen Nobelpreisträgerin Annie Ernaux. Es geht um die Abtreibung, die Annie Ernaux im Alter von 23 Jahren durchführen ließ. Sie war ungewollt schwanger und wollte auf keinen Fall das Kind bekommen. Damals zumindest, manchmal hört es sich fast so an, als würde sie es im Nachhinein – als sie es schrieb, war es 30 Jahre später – fast bereuen, so genau wie sie es beschreibt. Aber im Ganzen schildert sie ja die damalige Situation der 23-jährigen Annie Ernaux, das ist ja auch bei anderen Texten ihr Weg, die Dinge aufzuarbeiten.

Abtreibung war damals strafbar, war auch gesellschaftlich noch ganz anders gesehen. Der schwere Weg der jungen Annie Ernaux überhaupt hin zu einer Möglichkeit, abtreiben zu können. Die Zeitspanne zwischen dem Erfahren von der Schwangerschaft und der Abtreibung! Sie und ihre Umgebung in dieser Zeit! Die Reaktionen damals! Ihre Versuche. Die Widerstände, ihre Erfahrung damals! Das Gefühl, dadurch von der Welt abgetrennt zu sein. Das will sie schildern! Sehr eindrücklich, sehr schonungslos, bis hin zur genauen Beschreibung des abgetriebenen Fötus‘ in ihren Händen und in der Zwiebacktüte, bevor sie ihn ins Klo wirft. Schrecklich und ein schweres ethisches Thema bleibt es ja immer, egal ob strafbar oder nicht. Manch ein kleiner Satz des Textes ist sogar dann, wenn man ihn liest, fast noch eindringlicher, als wenn er nur kurz geäußert wurde. Zu Beginn wird es sehr persönlich, Eva Bay spricht kurz mit einzelnen ZuschauerInnen und „holt uns damit ab“.

Die Inszenierung ist aufs Äußerste reduziert. Es ist fast keine Inszenierung, könnte man meinen: Die Schauspielerin Eva Bay spricht den Text (eine Übersetzung des französischen Originals „L‘événement“, von Sonja Finck) emotional sogar eher zurückhaltend, auf leerer, dunkel gehaltener Bühne (im Werkraum), selber sehr neutral, eher streng gekleidet, fast zu jung auch für die (als sie es schrieb) fast 60-jährige Annie Ernaux.

Nur zwei kleine „Eingriffe“ des Regisseurs gibt es dabei: Auf der Videowand im Hintergrund liest man manchmal einen der damaligen Tagebucheinträge von Annie Ernaux. Und: Kurz spricht Eva Bay manchmal in ein am Rand stehendes Mikrofon, wenn sie zusätzlich aktuelle Gedanken der Schreiberin Annie Ernaux zum Text widergibt – was eigentlich untypisch ist für Annie Ernaux’ Herangehensweise an die Vergangenheit.

Dass sie am Ende „stolz“ ist, es endlich so niedergeschrieben und geschildert zu haben, ist eigentlich eher ihre Sache. Andererseits: Sie äußert, diese schwere Phase bis zur Abtreibung musste genau beschrieben werden! Nur darum ging es ihr! Nur das sei sie der Sache schuldig – was allerdings etwas nüchtern klingt. Es ist ohnehin meines Erachtens nicht der stärkste Text von Annie Ernaux.

Kein leichtes Stück jedenfalls, das sich Necati Öziri herausgesucht hat oder das er hier übernommen hat für seine erste Inszenierung. Bei diesem Text konnte er sich eigentlich nur extrem zurückhalten. Genau das passt, man darf aber auf Weiteres und Anderes von Necati Öziri gespannt sein.

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/50067-das-ereignis

Copyright des Fotos: Sima Dehgani

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THEATER: Michail Bulgakow – Meister und Margarita

Dieser zugegeben sehr komplizierte und sehr umfangreiche Roman ist nun an den Münchner Kammerspielen auf die Bühne gekommen. In der Inszenierung folgt man zusätzlich sogar einem Sprung hin zu den Rolling Stones: „Sympathy for the Devil“!

Es ist eine Inszenierung von Jette Steckel, deren letzte Münchner-Kammerspiele-Inszenierungen „Die Vaterlosen“ (2023) und „Mephisto“ (2025) jeweils zum Berliner Theatertreffen eingeladen waren. Ihre Inszenierung von „Meister und Margarita“ ist natürlich – trotz ihrer knapp über vier Stunden Dauer – „nur“ eine kurze Version dieses Mammutwerkes, aber sie ist beeindruckend.

Denn wie im Roman: Der Wahnsinn, der sie alle durch das Erscheinen eines „Teufels“ (Professor Woland) erfasst, lebt sich in jeder Hinsicht gut inszeniert aus, das muss erst einmal gelingen. Man folgt einem Theaterwerk der Dunkelheit, der Verwirrung, man spürt den Wahnsinn des Romans, er schwappt kurz sogar – in gewagter Form – auf die Maximilianstraße hinaus. Der Roman – 1940 war er zu Ende gebracht – war in Russland lange Zeit verboten und kam erst 1966 in erster, verkürzter Fassung zur Veröffentlichung. Im – sehr hilfreichen – digitalen Programmheft zur Inszenierung heißt es:

Auf eine unzensierte Version musste die sowjetische Leserschaft bis 1973 warten; …. Erst in den 1990ern kam in Russland der millionenfache Druck, und Der Meister und Margarita wurde vor allem unter jungen Menschen zum Kultbuch.

Verboten war der Roman zunächst eben, weil er die damaligen stalinistischen Zeiten völlig auf den Kopf stellte und damit intensiv kritisierte. Natürlich erkannte man in jeder Szene Systemkritik, Bulgakow lebte wahrscheinlich in unvorstellbarer ständiger Angst, unter massivem Druck, unter strenger Zensur etc. Zahlreiche seiner anderen Werke wurden verboten.

Zur Inszenierung: Das dunkle Bühnenbild dieser Inszenierung ist immer wieder ein Hingucker: Sowohl bei Pontius Pilatus‘ (hervorragend Edmund Telgenkämper) Gesprächen mit Jesus (auch hervorragend Erwin Aljukić), als auch im Hauptteil der Inszenierung, in dem riesige Kettenvorhänge Räume schaffen und in dem diese Kettenvorhänge immer wieder den Eindruck von Traum und Wahnsinn schaffen und gut ausdrücken (Bühne: Florian Lösche).

Auch die Besetzung ist hier wieder eine Freude! Hervorgehoben seien aus meiner Sicht Edmund Telgenkämper und Erwin Aljukić, ohne andere nur irgendwie schmälern zu wollen. Auffallend ist daneben noch, dass Linda Pöppel, die man mit ihrer naturgegebenen immensen Bühnenpräsenz eher vom Deutschen Theater Berlin her kennt, dieses Ensemble bestens ergänzt. Man kann nur hoffen, dass sie öfter … Es ist von allen ein Fest der Spielfreude.

Einzig eine Art Showeinlage in Sachen Hypnose (ein großes Thema des Romans) nach der Pause wird etwas langatmig.

Der Kenner mag im Roman zusätzlich viele kleine Einzelheiten erkennen, auch Verbindungen zu Goethes Faust. Wohlan zum Buch! Mein Fazit zur Inszenierung: Man muss wissen, man sieht insgesamt hier schlicht die (wie gesagt sehr spielfreudige) Inszenierung eines russischen Klassikers der Weltliteratur, Bezüge zur heutigen Zeit braucht man nicht zu suchen, soweit sind wir nicht, dass Systemkritik nur noch in der Form einer Geschichte reinen Wahnsinns möglich wäre. Es bleibt somit ein sehr gelungener Abend für Theaterfreunde, die sich einfach mal gerne mit allen möglichen Emotionen (ernsten und heiteren) in einer wilden Geschichte mit wunderbarer Besetzung bei immer spannender Inszenierung durch einen langen Abend ziehen lassen möchten.

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/42859-meister-und-margarita. Geht momentan nicht anders.

Hier noch ein Foto, Linda Pöppel als Margarita:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic

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THEATER: Eurydike und Orpheus

Das Thema: „Der Mensch und die Unsterblichkeit“: Könnten wir Unsterblichkeit überhaupt ertragen oder hoffen wir gar auf Unsterblichkeit? Folgt Orpheus aus Liebe der tiefgefrorenen Eurydike? Die hatte ja nach genauer Vorhersage nur noch eine Stunde zu leben. Wollen und könnten wir aber mit unendlicher Liebe überhaupt etwas anfangen? Könnte Liebe überhaupt unendlich funktionieren? Oder leben wir künftig zumindest „seelisch“ als Digitalversionen unendlich fort? Werden wir dadurch unsterblich? Seltsame Fragen. War das hier bei „Eurydike und Orpheus“ ein Blick in die Zukunft?

Auf den Inhalt gehe ich diesmal kaum ein (siehe unten den Hinweis auf das digitale Programmheft). Es kommt selten vor, ganz subjektiv muss ich aber sagen: Dieser Abend hat mich schon formal geradezu erschrocken. Anderen mag es anders gehen. Ganz formal also:

  • Es war ein Abend mit ausschließlich „gesungenem“, ganz einfach gehaltenem Text (Libretto Robert Bolesto), begleitet von durchgehend fast schmerzhaft atonalen Klängen (Musik: Jan Duszyński). Sehr anstrengend. Es sind ja SchauspielerInnen, nicht SängerInnen. Ich würde eher in die Oper gehen, wenn ich einen ganzen Abend lang Gesang hören möchte.
  • Vorab noch: Aus dem bekannten griechischen Mythos „Orpheus und Eurydike“ umgedreht „Eurydike und Orpheus“ zu machen ist schon nicht sehr originell. Auch wenn hier Eurydike im Mittelpunkt stehen soll, es bleibt eine recht abgehalfterte Verdrehung, zu simpel.
  • Dazu noch: Sowohl Orpheus als auch Eurydike als weibliche Person zu bringen, ist genauso wenig originell. Diese – ich sage mal – „Mode des Theaters“ hätte hier wahrlich nicht schon wieder eingesetzt werden müssen. Manchmal mag es Sinn machen, verständlich sein, hier erschließt es sich mir nicht. Loslösung von der mythologischen Liebesgeschichte um Orpheus und Eurydike? Aber das Stück hier heißt doch – fast – so! Zumindest hätte Orpheus dann wenigstens „Orphea“ heißen müssen, wenn man die lateinischen Namen zugrunde legt. -us ist Maskulinum, -a ist Femininum.
  • Hades, den Gott der Unterwelt, dann auch noch weiblich zu besetzen, lässt mich nur fragen: Warum das denn? Auch Cerberus – überdeutlich martialisch gekleidet – war weiblich besetzt! Wie originell! Macht das irgendwie alles Sinn? Habe ich es alles nicht verstanden?
  • Auch das: Hades komplett in schwarz gekleidet zu bringen, schwarzer Hut mit breiter schwarzer Krempe: Wie einfallsreich! Es ist eher eine fast beleidigende Einfachheit der Darstellung.
  • Auch die anfängliche Kostümierung von Eurydike und Orpheus – siehe das Beitragsbild oben – wirkte ungeschickt, uninspiriert und billig. Eher unförmige Nachthemden. Nun gut.
  • Dann das Bühnenbild: Das Halbrund der Bühne (eine mit Gesteins und Eismassen dunkel bemalte halbhohe Wand) sollte vielleicht die Unterwelt darstellen. Oberhalb gab sie den Blick auf eine große wohl aufgehende Sonnenscheibe frei, die auch als Projektionsfläche für teils seltsame Videos von hinter der Bühne dient. Auch das wirkte schlicht gewollt. Vielleicht ist alles eben eine Budgetfrage, war meine Überlegung.
  • Vor allem aber: Das gesamte zweistündige Verhalten der SchauspielerInnen auf der Bühne wirkte (vielleicht absichtlich) von A bis Z gewollt, gekünstelt, nicht frei, nicht emphatisch, nicht beeindruckend. Man sah ein sehr gewolltes Gestelze, alle SchauspielerInnen waren in einem fürchterlich engen Korsett. Theater aus einer anderen Zeit (hoffentlich nicht aus künftiger Zeit). Oder sollte dadurch vielleicht eine besonders „abstrakte“ und „gekünstelte“ Stimmung entstehen als Besonderheit der Inszenierung? Das wiederum könnte ja dem fern liegenden Thema des Abends (die Unsterblichkeit, der Tod bloß als „Krankheit“, das Einfrierenlassen für eine krankheitsfreie Zukunft, die menschliche Seele als Digitalspeicherung endend) entsprechen.
  • Und und und ich könnte fortfahren.

Fast verärgert habe ich so die Kammerspiele an diesem Abend verlassen. Theater kann auch mal viel Kritik bekommen. Ich hatte möglicherweise einen übertrieben kritischen Blick, kommt vor. Es mag anderen anders gehen, selber ansehen! Aber mir erschien alles unglaublich gewollt. Mir nur, vielleicht – oder wahrscheinlich? – anderen nicht! Schade, kommt aber eben vor! So ist Theater.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele mit einigen INHALTLICH doch schön weiterführenden Beiträgen im digitalen Programmheft. Sollte man vielleicht davor lesen …

Copyright der Bilder: Julian Baumann

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THEATER: Constance Debré – Love me tender

Regisseurin Felicitas Brucker hatte in den letzten Jahren mehrfach Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen: „Nora“, „Die Freiheit einer Frau“ (wieder am 13.03.), „Baumeister Solness“, „Die Politiker“. Jetzt hat sie den autobiografischen Roman „Love me tender“ der französischen Autorin Constance Debré umgesetzt, der 2020 erschien.

Neben allem Text des Romans: Die drei Schauspielerinnen singen, tanzen, laufen, weinen, schreien … in diesen fast zwei Stunden … alles. Annette Paulmanns erste Worte zeigen dabei den Inhalt des Abends an, es sind Constance Debré’s Worte:

„Warum sollte die Liebe zwischen einer Mutter und einem Sohn nicht genau wie jede andere sein? Warum sollten wir uns nicht trennen können? Warum sollten wir nicht aufhören können einander zu lieben?  Warum müssen wir uns unbedingt lieben, in und außerhalb der Familie, und warum müssen wir uns selbst und anderen immer wieder davon erzählen?“

Darum geht es: Eine Mutter will ihre Freiheit leben, will alles hinter sich lassen, alle gesellschaftlichen Konventionen, gibt alles auf, lebt sexuell fast wahllos lesbisch, nach zwanzig Jahren Ehe. Sie hat aber einen Sohn und von dem gibt es wohl kaum einen „Rückzug“. Doch, es gibt ihn, zunächst erzwungener maßen: Der Vater des Sohnes namens Paul verhindert nämlich immer wieder Pauls Kontakt zur Mutter und sie, die Mutter, verkraftet den fast totalen Verlust des Kontaktes zum Sohn (der noch dazu vom Vater beeinflusst wird) nicht. Natürlich nicht. Die Justiz hilft ihr überhaupt nicht. Aber auch das ist möglich: Will sie vielleicht sogar auch die besondere Bindung zum eigenen Sohn zugunsten ihrer Freiheit aufgeben? Beides vielleicht. Sie steckt in einem Dilemma. Was macht man da? Die eigene Freiheit leben oder sie doch wieder aufgeben, sich den „Regeln“ beugen? Sind die Schmerzen, die mit der gewünschten eigenen Freiheit verbunden sind, zu groß?

An einigen Stellen wirkt die Inszenierung der Bühnenfassung von „Love me tender“ bei diesen schweren Fragen – ganz anders als Felicitas Bruckners bisherige Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen – allerdings etwas gewollt und übertrieben, vielleicht auch ist der Roman von Felicitas Brucker zu wenig gekürzt und pointiert worden. Mir ist nicht alles klar geworden. Und was nicht aufkommt: Der Gedanke der Einsicht zB des Vaters oder des Sohnes mit dem Lebensumbruch der Mutter. Das wiederum mag für solche Fälle ein wichtiges Element sein, in der Suche nach Lösungen. Aber es geht eben nicht nur um die Lösung eines Einzelfalles, sondern um Existenzielles: Was bremst die Freiheit aus? Kann Liebe bremsen? Überhaupt: Freiheitsdrang einerseits und Verlust andererseits … und so.

Fazit: Drei herausragende Schauspielerinnen auf dieser so lässigen kleineren Bühne der Münchner Kammerspiele, das hat was, aber dazu etwas viel Aktionismus (Einsatz von Musik, Videowände auf der Bühne, große Liveaufnahmen an der Rückwand, Gesang, Rap, Licht, Nacktheit, Körpereinsatz mal so mal so und und und …), eine ruhigere Erzählweise hätte mir an mancher Stelle geholfen bei den so existenziellen Fragen des Romans. Trotzdem: So geht es auch gut, zumal bei der so starken und überzeugenden Besetzung!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

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THEATER: Otto-Falckenberg-Schule – Anna, Mascha und Julia

Die Studierenden des 3. Schauspieljahrgangs der Otto Falckenberg Schule, der Schauspielschule der Münchner Kammerspiele, haben sich nun in ihrer in gewisser Weise inhaltlich anspruchsvollen Abschlussinszenierung mit einigen der bekannten Werke Anton Tschechows gleichzeitig beschäftigt. Mit „Onkel Wanja“, „Die Möwe“, „Iwanow“, „Der Kirschgarten“. Auch in diesen Werken geht es bekanntlich um Tschechows fürchterliche, immer unlösbare Frage: Warum lebe ich? Was ist Liebe? Was macht das Leben aus? Warum ist es so schwer, glücklich zu sein? Das haben sie herausdestilliert aus diesen Werken, vor allem mit Blick auf weibliche Personen in den Stücken, damit haben sie letztlich Anton Tschechow dargestellt.

Sie haben es interessant gemacht, zu sehen ist es noch einmal am 27. Februar. Die Personen der oben genannten Werke sind dabei immer wieder im Gespräch mit Anton Tschechow persönlich, der zusammen mit seiner Schwester Mascha auf der Bühne der Therese-Giehse-Halle erscheint, sich einmischt, gefragt wird und sich auch Gedanken über sein Thema, Leben und Liebe, in seinen Personen macht. Die DarstellerInnen der Personen der Werke Tschechows treten auch teils aus sich heraus, sind dann die SchauspielerInnen und Schauspieler selbst.

Auch der Darsteller von Anton Tschechow (Luis Brunner) tritt aus seiner Rolle heraus und sagt etwa:

Und dann dachte ich mir: gehts in seinen Texten nicht genau darum?
Dass wir alle Menschen mit Wünschen, Ängsten und Sehnsüchten sind und wir können es uns nicht aussuchen, wer wir sind und was wir wollen und wir versuchen krampfhaft unser Leben lang irgendwie das Beste draus zu machen, aber wissen einfach nicht wie?

Mein Eindruck: Diese Befassung der 3. Schauspieljahrgangs der Otto Falckenberg Schule mit Anton Tschechow und seinem großen Thema hat etwas! Sie könnte sogar etwas für Christopher Rüping sein! Ich sehe es vor mir, in einer für ihn so typischen Inszenierung: Auf großer leerer Hauptbühne, mit Livemusik, die gewählte Zusammenstellung der Personen aus Tschechows Werken, … es würde gut passen (Die Inszenierung der Arbeit der Otto-Falckenberg-Schule entstand unter der Regie der schon recht erfahrenen und erfolgreichen Regisseurin/Performerin/Theaterleiterin Lizzy Timmers).

Inhaltlich ist es natürlich – ganz nach Anton Tschechow – recht traurig. Nicht nur Anton Tschechow war schließlich mit sich und seinen Werken nicht zufrieden, auch alle anderen Personen, die hier aus den Werken von Anton Tschechow auf der Bühne erscheinen, scheitern an oder hadern mit ihren Problemen, Sehnsüchten, Situationen, unerfüllten Wünschen, unerfüllter Liebe vor allem, an ihren Zweifeln … Traurig aber wahr! Einfach wahr – wie der riesige Mond, der (auch passend, Bühne Bettina Kirmair) über allem schwebt, fast etwas viel, aber lohnenswert!

HIER der Link zur Stückeseite.

Copyright des Fotos: Judith Buss

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THEATER: Die beiden großen Münchner Theaterhäuser – Kleineres und zweite Besuche

  1. Zusammenfassung:

JCOM: Mendele Lohengrin:

An den Münchner Kammerspielen ist es am 8. Februar wieder zu sehen. Jüdische Klezmermusik trifft auf Richard Wagner. Ein Dilemma, Wagner war Antisemit. Erzählt wird die Geschichte eines jüdischen Musikers, der in Wien erstmals Richard Wagners Lohengrin hört und völlig verblüfft ist von dieser umwerfenden Musik! Heinrich York-Steiner schrieb 1898 die Geschichte von Mendele, Stefan Merki liest den Text, Ethel Merhaut singt dazu, das Orchester des Jewish Chamber Orchestra Munich spielt dazu ein Konzert, das hauptsächlich von Klezmermusik getragen ist, aber auch Wagners Lohengrin und anderes anklingen lässt. Was soll Mendele machen? Die umwerfende Musik Wagners verachten wegen seines Antisemitismus? Aufhören mit Musik? Ist Musik von allem losgelöst?

HIER der link zur Stückeseite.

Rania Mleihi: My personal ten years – Wir schaffen das:

An den Münchner Kammerspielen ist es am 8. Februar wieder zu sehen. Sehr persönlich erzählt Rania Mleihi vor allem mit Bildern und Videos auf der Leinwand. Die syrische Theatermacherin Rania Mleihi sitzt davor an einemTisch, wortlos bastelt sie mit Sand. Es ist ihre eigene Biografie vor dem Hintergrund zweier historischer Ereignisse: Angela Merkels „Wir schaffen das“ und dem jüngsten Umbruch in Syrien nach der Flucht von Diktator Bashar al-Assad. Nähe und Ferne, Heimat und Flucht, Familie und Trennung, wann lebt man vor diesem Hintergrund wirklich in Deutschland. Viele spannende Fragen, die m. E. schwer erkennbar Antworten finden, die bleibende Zerrissenheit der geflüchteten Syrerin bleibt hier das Thema.

HIER der link zur Stückeseite.

Manfred Zapatka: Lesung „Betonvon Thomas Bernhard:

Hierzu gibt es leider derzeit keinen weiteren Ausführungstermin. Aber das Residenztheater bringt ja immer wieder gerne etwas von Thomas Bernhard. Zuletzt Minetti, ebenfalls mit Manfred Zapatka. HIER.

Die Lesung aus Thomas Bernhards „Beton“ hat es etwa nur zur Hälfte geschafft, das Residenztheater zu füllen. So viele Fans von Thomas Bernhard gibt es wohl doch nicht, obwohl er immer empfehlenswert ist und bleibt! Seine Theaterstücke! Seine Romane! Er ist und bleibt einzigartig! Er schreibt so subjektiv – auch in „Beton“ natürlich -, fast absurd, aber doch erkennt man sich ständig, wenn man ehrlich ist. Manfred Zapatka liest ihn wunderbar! Die Bernhard’sche Kunst, ständig über banale Dinge zu schreiben und doch mehr zu sagen: Zapatka gelingt es wunderbar, sie in seiner Lesung zu zeigen, was nicht leicht ist!

HIER der link zur Stückeseite.

2. Anregungen für noch Laufendes:

Wiederholungen, erneute Besuche von Stücken, die ich bereits gesehen habe und gerne ein zweites Mal sehen möchte, sind meist sehr lohnend. Es beginnt morgen, Mittwoch den 04.02., an den Kammerspielen mit Mephisto von Klaus Mann, das zum diesjährigen Theatertreffen in Berlin eingeladen ist. HIER der Link zur Stückeseite.

Für erneut sehenswert halte ich außerdem an den Kammerspielen etwa Wachse oder weiche, Sauhund, Katzelmacher und Wallenstein und am Residenztheater etwa Drei Schwestern, das ebenfalls (2017) zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, HIER, Kasimir und Karoline, Warten auf Godot und 77 Versuche, die Welt zu verstehen.

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THEATER: Avishai Milstein – Play Auerbach!

  • Eine Gruppe von „Laienschauspielern“ möchte ein Theaterstück zum 100-jährigen Ende des Zweiten Weltkriegs spielen, eine „Philipp Auerbach Revue“. Nur „Play“, nicht alles wieder aufwühlen. Warum hat man eigentlich von Philipp Auerbach noch nichts gehört? Es gibt in München nicht einmal eine Auerbachstraße (HIER der Link zu einer Initiative für eine Straßenbenennung, verlinkt auch auf der Website der Münchner Kammerspiele). Sein Engagement für die aus den KZ’s befreiten, nach Deutschland/München zurückkommenden Juden war sagenhaft, sein Schicksal war letztlich traurig und jahrelang durch KZ’s schrecklich. Er hat mehrere KZs überlebt, er blieb aber nach dem Zweiten Weltkrieg in München, wohnte in der Holbeinstraße, wurde 1945 von den Amerikanern als „Staatskommissar für rassisch, politisch und religiös Verfolgte“ in München eingesetzt, 1952 beging er Selbstmord – nach einer Verurteilung durch die bayerische Justiz. Seine Worte in einem Abschiedsbrief: „ Ich habe bis zuletzt gekämpft, es war umsonst …“. So wird es vorgelesen.
  • Play Auerbach!“ ist Teil eines Projektes an den Münchner Kammerspielen zum jüdischen (Über)Leben nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Grunde macht die Bezeichnung des Projektes „Wohin jetzt?“ etwas unsicher. (HIER der Link zur Projektseite, es gibt Termine im Dezember). Werden wir in unserer Erinnerungskultur mit diesem Titel „Wohin jetzt?“ nicht etwas fehlgeleitet? Geht und ging es denn nur um eine „Ortsfrage“, um das „Wohin jetzt“? Muss es für das jüdische Überleben damals nicht eher heißen „Wie jetzt überhaupt weiter“. Denn wie oder warum sollte man als Jude nach den unvorstellbaren KZ-Erfahrungen („Die Hölle auf Erden“ heißt es in Play Auerbach) überhaupt noch weiterleben. „Wo“ man leben könnte/wollte war natürlich auch die Frage, aber die Frage „Wohin“ verharmlost es schon wieder ein wenig. Auch eine Frage der Orientierung. Philipp Auerbach jedenfalls schaffte es bis 1952. Mit wie gesagt unglaublichem Engagement für die zurückkehrenden „Displaced Persons“. Sehr gut gespielt von Samuel Finzi – er als ein Fremdkörper in der dadurch verwirrten Antisemitismus-Projektgruppe „Play Auerbach“. Auerbach hatte alles gegeben für seine Vision, in Deutschland könnten nach dem Zweiten Weltkrieg Juden und Deutsche doch noch zusammenleben!
  • Die Inszenierung ist eine Auftragsarbeit des Autors Avishai Milstein, geboren 1964 in Tel Aviv (Regie: Sandra Strunz). Milstein reißt einen insgesamt fast Minute für Minute in die Orientierungslosigkeit/Verunsicherung: Aber genau das will er! Ein ständiger letztlich bissig daherkommender Wechsel, eine fast schwer zu trennende Mischung von „Humor“ und bitterem Ernst. Noch dazu ist das Geschehen auf der Bühne verlegt in das Jahr 2045, 100 Jahre nach Kriegsende! Auch das ist ein Aspekt für Orientierungslosigkeit, Verunsicherung, denn wir wissen wirklich nicht, was sein wird (Michel Friedman etwa sagte kürzlich an selber Stelle im Gespräch mit Harald Lesch: „In zehn Jahren leben wir nicht mehr in einer Demokratie“ …).
  • Die Gruppe von „Laienschauspielern“ möchte also ein Theaterstück spielen. Vor allem Wiebke Puls zeigt als „Beate“, die Regisseurin der Truppe, dabei großartig fast ein unbekanntes hinreißendes Persiflage-Gesicht. Köstlich! Alle spielen es großartig, nur sie ist in einer lustigen Rolle, alle anderen spielen ernst. Sie sind alle verunsichert, nicht nur die Zuschauer. Es macht seit einiger Zeit immer wieder Freude, das immer besser werdende Ensemble der Münchner Kammerspiele zu sehen! Auch klasse etwa der Gesang von Annika Neugart als Therese Giehse.
  • Insgesamt: So verunsichert habe ich lange kein Theaterstück verlassen! Aber genau darauf sollte es hinauslaufen! Bitterböse im Grunde und gleichzeitig ummantelt von einer lustigen Rahmenstory. Das Lachen konnte einem an den Lippen gefrieren – nicht nur danach wegen der Kälte draußen, sondern schon während der Aufführung, auch wenn die teilweise Überladung (Auftritt Therese Giehse und Otto Falckenberg etwa …) es nicht immer leicht machte. Lehrreich war es damit allemal und sollte es für jeden sein: „Alles vergessen?“ Wir gehen – und gingen – nicht nur bei der Aufarbeitung/Erinnerung an die Nazigreuel oft an der Sache vorbei, wollen die Realität nicht wirklich unter uns haben. Michel Friedman hatte zum Thema „Lüge“ im Gespräch mit Harald Lesch dementsprechend auch allgemein gesagt: „Wir belügen uns vor allem gerne selbst!“ Das trifft es! Und Orientierungslosigkeit – bei mir die Folge des sehr gelungenen Abends – ist ja Kern der Situation der jüdischen Heimkehrer damals gewesen.

Hier noch ein Foto (Therese Giehse singt):

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele, die zu vielen weiteren Inhalten führt.

Copyright der Fotos: Julian Baumann

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THEATER: Frei nach Ödön von Horváth – Glaube Liebe Roboter

Es ist eine Inszenierung, bei der Manches nicht leicht erkennbar ist. Die ja recht bekannte Geschichte des Originals „Glaube Liebe Hoffnung“ von Ödön von Horvath etwa erkennt man verständlicherweise kaum, sie ist ja überschrieben, sie kommt nur immer wieder bruchstückhaft vor. Aber auch die von Bonn Park in seiner Inszenierung „Glaube Liebe Roboter“ darüber gelegten Gedanken und Ideen erkennt man nicht leicht.

Lange sieht man sich dem chaotischen, erstaunlich „altbacken“ wirkenden (Bühne von Daniela Zorrozua) Labor gegenüber, in dem aus Menschen Roboter gemacht werden. Auch Elisabeth verkauft – wie in Horváths Original „Glaube Liebe Hoffnung“ – ihre Körperteile an das Labor, bei Bonn Park wird sie dann später zu „Elisabot“. Verhandelt wird bei allem das Thema: „Wie sollen wir stehen zur Zukunft? Brauchen wir/wollen wir Fortschritt? Freude? Angst? Unsicherheit? Können wir etwas aufhalten?“ So in etwa. Viele Fragen, viele Reaktionen.

Am Ende wird alles relativ klar, weil sich alle noch einmal emotional mit fast melancholischem Gesang vor dem Publikum gemeinsam ins Zeug legen (Song von Dagobert) und die Zuschauer – ausverkauft – mit einer Art Stimmungsbild (der Jugend vor allem) nach Hause schicken! Es heißt: „Alles ist verzwickt“! Tja, so ist es! Gott sei Dank kann man es nicht nur negativ sehen.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Volkstheaters. Nächste Vorstellung ist am Donnerstag (4.12.).

Hier ein Trailer:

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Arno Declair.

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THEATER: Caren Jeß – Heartship

Die intime und nahe Atmosphäre im Marstall Salon (mit bis zu 40 ZuschauerInnen) lässt dieses „Duett“ durchaus als Solo erscheinen. „Heartship“ ist die erste Produktion im Marstall Salon gewesen. Sara und Ann sind grundverschieden, es entsteht aber eine besondere Nähe zwischen beiden. Letztlich erzählt Ann, sie habe ihr Verhältnis zueinander einmal „Heartship“ genannt. Es kommen ja einige Begriffe in Betracht: Friendship, situationship, relationship, polyfidelity, Bekanntschaft, Beziehung, Romanze, Liebe, Affaire, Seitensprung und und und. Jedes Verhältnis ist dabei anders, nichts passt, es gibt zu wenig Begriffe, da kommt Ann eben auf „Heartship“. Das ist – es gibt noch einen anderen Zusammenhang – die Idee des Titels.

Inhaltlich ist das Verhältnis der beiden zueinander – wie gesagt – von großer Unterschiedlichkeit der beiden geprägt. Das ist „Heartship“ inhaltlich: Sara ist die unkonventionelle Selbstoptimiererin, die Probleme am liebsten gegen die Wand schmettert, ohnehin überall in der Gesellschaft zuviel „Druck“ sieht, und Ann ist die Frau mit vertuschten Problemen, die sie nicht los wird, die sie nur verdrängt: Eine frühe Vergewaltigung, jetzt wieder ein Kollege, der ihr zu nahe kommt, schon länger ihre „Selbstverletzungen“. Sie müsse selber damit zurecht kommen, ist ihre Losung. Aber darüber reden beide im Laufe der Zeit, ohnehin hält Ann (in einer Bar namens „Heartship“!) gerne Reden über das nötige Ende das Patriarchats.

Der Text von Caren Jeß (eine Auftragsarbeit des Residenztheaters) will viel, er schafft es aber m. E. nicht ganz, er bleibt zu unpräzise, ist eben auch sehr schnell in der Darstellung der Entwicklung des Verhältnisses beider zueinander. Aber man kann nicht alles haben! „Heartship“ ist jedenfalls – ohne viel „Bühneneinsatz“ – eine kurze Kontroverse vor allem zum Thema: Wie gehe ich mit Problemen aus der „feministischen Ecke“ um? Vergewaltigung, Annäherung, Bedrängung … . Kann ich es mit „Selbstbefreiung“ o. ä. schaffen? Dazu kommen Saras Gedanken zu Patriarchat, Druck an allen Ecken im Leben etc.

In der Kürze der Zeit bleibt es eine „Story“, es sind ja auch große Themen – auf der schönen kleinen Bühnenfläche und dem Cafe/der Bar des Marstall Salons.

HIER der Link zur Stückeseite von „Heartship“ auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Adrienne Meister

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THEATER: Anne Pauly – Bevor ich es vergesse

Zu „Bevor ich es vergesse“:

„Bevor ich es vergesse“ ist ein Abend, den man jedenfalls dann nicht sofort vergisst, wenn man bereits seinen Vater und/oder die Mutter verloren hat. Dann geht er nämlich nahe, jeder kennt es dann: Wie war er/sie? Was habe ich versäumt? Was bleibt? Wie geht es weiter? Man lebt ja gewissermaßen nach dem Tod der Eltern ein zweites Leben, blickt zurück in das erste Leben, das Leben mit „drei Beinen“ (Wiebke Puls sitzt ganz zu Anfang mit DREI Beinen auf einem Hocker, legt das dritte Bein dann in den Schrank), das so nie wieder sein wird.

Wiebke Puls als „Anne“ (das ist dem persönlichen Bezug des Ich-Romans geschuldet) bekommt nach dem Tod des Vaters – bei der Durchsicht des Schrankes – alle möglichen privaten Dinge des Vaters in die Hände und macht sich Gedanken über ihn, erinnert sich an ihn, an ihre eigene Kindheit mit ihm, an sein Leben, an seine Erzählungen aus seinem Leben, sein Verhalten, seine letzten Tage, an die Beerdigung, den Leichenschmaus, sie nimmt Kontakt auf mit seiner engsten Freundin aus der Schulzeit und und und. Dass es nicht leicht war mit ihm, weiß sie, das spielt aber nicht mehr die entscheidende Rolle.

Die engste Kindheitsfreundin, zu der der Vater später nie wieder Kontakt findet, auch wenn er es will, schreibt in einem Brief an Anne nach dem Tod des Vaters:

Das fasst es gut zusammen: Die Tatsache, dass man so das Leben seines Vaters, seiner Mutter noch einmal in vielen Gegenständen sieht, sich erinnert, wird – auch im Laufe dieses Abends – zur Tatsache, dass man damit eigentlich sich selbst sieht, seinen Schmerz erkennt, auch seine Versäumnisse. So singt Wiebke Puls auch: „Noch mehr als das (Anm: Mehr als alles …) möchte ich reden mit Papa!“ So ist es, aber es geht eben nicht mehr!

Es ist ein schöner Abend, um auch Wiebke Puls allein auf der Bühne zu erleben, was sich immer lohnt, es ist fast ein „Muss“ für Freunde der Münchner Theaterszene. Auch wie sie in die Rolle des alten Pastors schlüpft! Seit mehr als 20 Jahren ist sie bei den Münchner Kammerspielen. HIER der Link zu einem Podcast auf http://www.nachtkritik.de mit Wiebke Puls.

Manch Einzelheit ist nicht wirklich wichtig, die Gesamtheit macht es aus und der Wandel von Annes Blick auf den verstorbenen Vater über ihre Erinnerung hin zu sich selbst, zu ihrer eigenen Träne, mehr bleibt ihr ja nicht, zu ihrem Schmerz, ihrer Trauer, ihrer Vergebung, ihrem weiteren Leben. Letzteres spielt bei „Bevor ich es vergesse“ allerdings noch keine Rolle.

Der Titel „Bevor ich es vergesse“/Avant que j‘oublie“ ist für mich allerdings etwas fraglich. Was denn „vergessen“? Was will Anne Pauly damit sagen?

Zu „Heartship“, dem zweiten “Soloabend“ werde ich in Kürze schreiben. Das wiederum war kürzlich ein Abend im „Marstallsalon“, der kleinsten Bühne/der Bar des Residenztheaters, über dem Marstalltheater. „Heartship“ ist ein Dialog von zwei Frauen, nicht wirklich solo, aber irgendwie doch auch ein nah erlebter „Soloabend“.

HIER der Link zur Stückeseite von „Bevor ich es vergesse“ auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic


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THEATER: Maxi Schafroth – Wachse oder weiche

Ein „Ereignis“ war es, weil es nicht nur so herrlich war, sondern irgendwie ja ein neues Feld für Maxi Schafroth, er wird das Stück an den Kammerspielen im Oktober noch 1 x, im November 3 x und dann monatlich (bis März zunächst) 1 x zeigen, er wird also als eine der „Figuren“ des Stückes einige „Wiederholungen“ erleben, was er – vor allem als Fastenprediger der letzten Jahre am Nockherberg – ja bislang nicht unbedingt gewohnt war. Und er hat es „verdient“ – eine Tür schließt sich, eine andere öffnet sich.

Allzu tief schürfend kann man den Abend „Wachse oder weiche“ allerdings nicht besprechen. Einfach gesagt: Maxi Schafroth, erst 40 Jahre alt, sehr ausdrucksstarker Typ, macht herrlichen „Quatsch“ (Text zusammen mit Martin Valdés-Stauber) und bringt gleichzeitig vieles auf den Punkt! Immer wieder! Das macht es irgendwie auch zum Ereignis: Nicht nur herum schwurbeln, sondern die Dinge so zeigen, wie sie sind, sie damit kritisieren, aber nur durch Humor! Kritik auf Basis von Humor. Humor und viel Musik sogar. So kann man sich an diesem Abend ständig sagen: Ja, so ist es! Es ist aber mehr als „nur“ Kabarett, es geht Richtung Theater, wenn auch, wie gesagt, mit besonders viel „Quatsch“.

Aber man kann sich sagen: „Maxi Schafroth einfach machen lassen!“ Mit seiner Energie, seiner Bissigkeit, seinem Blick, seinem Humor, seiner immer locker und frech wirkenden Art und dann noch mit allen Möglichkeiten der Münchner Kammerspiele! Er wird es hoffentlich öfters machen und hoffentlich noch bissiger! Der Theaterzuschauer soll nicht nur lachen, er kann Kritik sicher besser vertragen als manch Politiker, besser als der bayerische Ministerpräsident, wenn’s um die Fastenpredigt geht ….

Man konnte insgesamt an diesem zweistündigen Abend (eine Pause) jedenfalls ständig lachen! Auch konnte man vor allem von den weiteren Akteuren, Stefan Merki, Martin Weigel, Elias Krischke und Traute Hoess wirklich begeistert sein. Stefan Merki der schweizerische Ökobauer, Maxi Schafroth am Nachbargrundstück, er und seine traditionelle Landwirtschaft, Martin Weigel als der moderne Businessfuchs von der BayWa, Elias Krischke als der Ruhe suchende Städter aus München, Traute Hoess als Frau von Pöschinger mit dem Golfschläger. Allein Maxi Schafroths Bewegungen als der „einfache“ Bauer, sein Gang, der ungelenke „Tanz“ bei der Musik. Immer „vermeintlich übertrieben, aber eben doch nicht übertrieben!“ Die Lieder und und und. Herrlich, standing ovations schon zur Pause, eine musikalische Optimierungs-Zugabe am Ende.

So werden sehr sympathisch und hoch humorvoll Finger in Wunden gelegt, wenn auch wahrscheinlich nicht tief sitzend.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright der Bilder: Julian Baumann

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THEATER: Friedrich Schiller – Wallenstein

Die Inszenierung „Wallenstein“ von Hausregisseur Jan-Christoph Gockel an den Münchner Kammerspielen könnte gut heißen „Wallenstein plus 3“, so viele Themen werden hier – absolut beeindruckend, aber Genaueres siehe unten – bearbeitet: Basis ist natürlich der Wallenstein von Friedrich Schiller + Nummer 1 on top ist: Kochen/Essen/das Publikum + Dazu kommt als Nummer 2 on top: Das Ensemblemitglied Samuel Koch (der Wallenstein im „Wallenstein“) und sein Assistent ganz persönlich, außerhalb von „Wallenstein“ + Immer wieder kommt auch Nummer 3 on top dazu: Die Recherchen zu Putins Ex-Schergen Prigoschin (Putin/Prigoschins „Wagner Truppe“/Russland/Ukraine). Puh, das ist viel, aber es sind ja auch sieben Stunden mit drei Pausen, zwei kurzen und einer großen Pause, so sind es fünf Stunden echter Spielzeit.

Mir sagte eine Zuschauerin schon in einer der Pausen: „Das ist sicherlich eine der irrsten Wallenstein-Inszenierungen bisher.“ Sie wird Recht haben!

Zunächst: In der deutschen Geschichte geht es für mich damit theatermäßig momentan wieder einen Schritt zurück:

  • ERSTER SCHRITT: „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun (HIER, am Residenztheater). Zwei Tage kurz vor dem 2. Weltkrieg, im Jahr 1936.
  • ZWEITER SCHRITT:  „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth (HIER, auch am Residenztheater). Ein Tag auf dem Oktoberfest in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ab 1929.
  • DRITTER SCHRITT: „Der Untertan“ von Heinrich Mann (HIER, am Cuvillestheater). Die Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg, das Ende der wilhelminischen Kaiserzeit.
  • VIERTER SCHRITT: Jetzt „Wallenstein“ von Friedrich Schiller, an den Kammerspielen. Der Dreißigjährige Krieg.

Ein erstes Fazit zum „Wallenstein“ ist nun: Theaterherz, was willst du noch irgendwie mehr haben?

Die Inszenierung ist ein Theaterfest, was man dort im Lauf der sieben Stunden auf der Bühne, im Zuschauerraum, vor dem Theater auf der Maximilianstraße per Live-Video, an Szenen und Stimmungen sieht, ist großartig. Alles wird eingesetzt! Livemusik auf der Bühne, eine starke Schlagzeugspielerin (Maria Moling), manch Gesang dazu, manch Mikrofoneinsatz, wunderbare Bühnenbilder, immer wieder wechselnd, Live-Spiel auf der Maximilianstraße und und und. Auch schön zu sehen ist allein der Teil auf der fast komplett leeren riesigen und unglaublich hohen Bühne der Kammerspiele. Dann wieder senkt sich ein riesiger bunter Kronleuchter ….

Auch schauspielerisch lässt sich sagen: Was will man mehr! Vor allem mit größter Bühnenpräsenz spielen Annika Neugart, Katharina Bach und Samuel Koch. Diese drei seien hier aus meiner Sicht hervorgehoben, sie tragen diese Inszenierung. Jeder mag es anders sehen, alle Beteiligten sind ja gut! Auch etwa besonders Johanna Eiworth, selbstverständlich gut wie immer Annette Paulmann (auch als Köchin wohl), und köstlich auch André Benndorf als „CEO“ der mit modernem Outfit und herrlicher, satirischer Attitüde etwa erklärt, man sammle Daten über Wallenstein, Questenburg im Schillerschen Wallenstein, Gesandter des Kaisers. Samuel Koch ist als Wallenstein ohnehin schon eine sehr gelungene Besetzung!

Apropos „gelungen“ und „köstlich“: Das Thema Kochen leitet den Abend ungewöhnlich ein. Großartig ist die erste halbe Stunde, weitgehend wortlos beobachtet man die SchauspielerInnen des Stückes beim Kochen, auf der Bühne hinter einer langen Kochzeile stehend, beim Vorbereiten der Speisen, die in der großen Pause 28 TheaterbesucherInnen auf der Bühne an langer Tafel dargeboten werden. Eine Tafel wie zu Königs Zeiten, andererseits in Wallensteins Lager. Ossobuco! Es riecht köstlich im Theaterraum. Besonders sind auch die Filmaufnahmen der Küchenarbeiten auf der Bühne. „Kochen ist Krieg“, heißt es einmal. Und: „Der Krieg ernährt den Krieg“. Sehr eigenwillige schwarz-weiß Filmaufnahmen mit herumgehender Livekamera vom Schnippeln, vom Trennen, Mischen, Rühren, Schneiden, Putzen, Braten, von Blut, Fleisch, vom Durcheinander, von den Messern und und und. Diese Aufnahmen haben mich begeistert.

Man könnte so viel darüber schreiben, alles ist eine wunderbare und in sich immer zusammenpassende Mischung, eine Vermischung von so vielem, und doch bleibt alles selbständig! Klasse gemacht! Wie gesagt, man verfolgt ja quasi VIER Themen. Das ist viel, und alles wird ständig getragen und gestützt von Friedrich Schillers Drama „Wallenstein“. Die Übergänge zwischen den Themen sind manchmal kaum zu merken, Samuel Koch ist plötzlich in einem ganz persönlichen Gespräch mit Nadége Meta Kanku, die gerade noch Wallensteins Tochter war, sie reden ganz persönlich-reell über Samuel Kochs besonderes Leben – auch sein Assistent tritt auf, auch er ist dann wiederum eine Kriegsperson um Wallenstein herum, Buttler. Dann wieder ist Samuel Koch plötzlich der Herzog Wallenstein, in Schillers Sprache, von einem Satz zum nächsten.

Dazwischen immer wieder – auch ein Thema „neben“ Wallensteins Niedergang im Drama – Sergei Okunev, dramaturgischer Mitarbeiter, der von seinen echten Recherchen über das Leben des Putin-Schergen Prigoschin erzählt. Sehr locker, humorvoll, sympathisch, erfrischend erzählt er, zeigt Fotos und Filmchen von Putin und Konsorten, etc. Okunev führt dann wiederum die Livekamera beim Kochen! Alles mischt sich eben!

Es ist allerdings viel und irgendwie auch etwas widersprüchlich, das muss man aushalten. Einerseits das ernste historische Thema „Wallenstein“, das Drama von Friedrich Schiller, das man erwartet, über Wallenstein, einst der treue Gefährte des Kaisers, er will ja den Kaiser stürzen. Dazu andererseits das fast noch ernstere, weil „aktuelle“ Thema „Ukraine/Russland/Putin“, der ja im Flugzeug umgekommene Söldner Prigoshin mit seiner Wagner Truppe. Diese Themen stehen nebeneinander, es gibt sicher auch Parallelen: Wallenstein und Prigoschin führten Söldnertruppen, sie mussten sterben (Wallenstein am Ende, Prigoschin am Anfang des Nachmittags/Abends)! Aber genügt diese Parallele? War alles nicht doch sehr sehr unterschiedlich? War ein Krieg damals auch nur irgendwie vergleichbar mit heutigen Kriegen? Was bringt die Parallele „Wallenstein/Wagner Truppe?“.

Auch etwas unverständlich war mir: Wie sehr wollte Wallenstein damals eigentlich den Krieg gegen seinen Kaiser? Ihn drängen ja hauptsächlich seine Generäle! Er selber zaudert lange. „Nicht labern, handeln“ heißt es ja deutlich lesbar auf der Bühne. Prigoschin starb vielleicht durch Putin, Wallenstein wurde von seinen Generälen umgebracht, nicht durch den Kaiser, wenn ich es recht sehe.

So bleibt am Ende zum Einen die Begeisterung über diese Darstellungen und die Inszenierung, über dieses wahre Theaterfest, aber zum Anderen auch ein wenig das ungute Gefühl und die Frage: Hat man jetzt ein grandioses Fest miterlebt, ein Theaterkunstwerk, das gut zum Theatertreffen eingeladen werden kann, oder hat man ein schweres Thema oder gar zwei schwere, düstere Themen (Wallenstein und Prigoshin/Putin) oder gar drei solcher Themen (Wallenstein und Prigoschin und Söldnertruppen) mitgenommen? Das löst sich am Ende auch nicht einfach – mit einem sehr besonderen Soloauftritt von Katharina Bach – durch den Satz: „Der Mensch ist größer als der Krieg“. Dieser Satz war mir fremd nach dem Nachmittag/Abend.

Hier noch zwei Fotos:

Auf der Maximilianstraße:

Auf der Bühne:

Zu allem ist zu empfehlen das Zusatzheft über Wallenstein-Materialien, Texte und Bilder, die einen tollen Einblick geben. Man kann es im Foyer für fünf Euro kaufen.

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

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THEATER: Ingmar Bergman – Persona

Die Krankenschwester Alma wird mit der Betreuung der Patientin Elisabet beauftragt. Die Kranke ist die Bühnenschauspielerin Elisabet Vogler, die während einer Aufführung von Elektra aufgehört hat zu sprechen. 

Eine Redende, eine Schweigende. Sie sind insoweit unterschiedlich, aber zugleich sind sie gleich, äußerlich ohnehin, sie werden immer gleicher, „Du“ wird zu „Ich“, vielleicht sind sie beide zusammen eine Person. Kaum zu verstehen, was Ingmar Bergman alles dabei dachte. Alma sagt, sie könne aussehen wie Elisabet. Elisabet, die Schweigende, ist von beiden diejenige, die wohl kompromisslos versucht, bei sich zu sein, die alles andere als Schein zu erkennen scheint, die Welt ist für sie wohl nur Verfremdung, sie hat aufgehört mit dem Theater, dem Theater der Welt – könnte man sagen. Für sie ist jedes gesprochene Wort eine Lüge, das reale Leben so etwas wie eine Nichtwahrheit. Sie schweigt, so protestiert sie – könnte sein – gegen das Leben. Aber warum? Alma dagegen redet viel, sie erzählt Elisabet aus ihrem Leben, redet über ihr Innerstes, eine Abtreibung, auch sie meint damit wohl, bei sich zu sein, von sich zu erzählen, Wahres zu erzählen, aber sie protestiert nicht gegen das reale Leben – könnte man sagen. Im Gegenteil, sie braucht für sich wohl das – vielleicht ja „verlogene“ – Leben. Sie fleht Elisabet auch an, etwas zu sagen, wenn sie auch nur etwas zum Wetter sagen würde. Aber Elisabet redet nicht. Es ist dann sogar Alma, die von Elisabets gehasstem Sohn erzählt, von der ungeliebten Schwangerschaft. Wer soll das auch noch verstehen? Das Verhältnis von Elisabet und Alma zueinander verändert sich ja auch noch. Sind sie doch eins? Zwei immer widersprüchliche Teile von einer Person?

In der Inszenierung am Münchner Volkstheater gibt es noch dazu neben den „echten“ Elisabet und Alma eine Verdoppelung von Elisabet und Alma. Doppelungen mit Gesichtsmasken, die weitgehend gleich angezogen sind, gleich wie sie selbst und gleich wie die „richtigen“ Elisabet und Alma, schwach rot und hellblau aber in Plasikanziehsachen. Die „Doppelungen“ von Elisabet und Alma wirken dabei künstlicher, unveränderlich traurig oder zumindest fragend oder entsetzt oder entrüstet oder ratlos oder oder. Oder wirken sie durch die Masken geradezu verallgemeinernd? Alles Interpretationsfrage an diesem Abend. Die Doppelung macht es jedenfalls nicht leichter. Szenen wiederholen sich, schnelle Wechsel zwischen den „echten“ Elisabet und Alma und ihren Doppelungen …

Auch das dazu gut passende Bühnenbild (Bühne: Nadin Schumacher): Es sind drei Teile dieses Sommerhauses, in dem sich Elisabet und Alma aufhalten, in gewisser Weise sind auch das „Doppelungen“. Nichts gibt es „einfach“. Quadratische Räume, fast moderne eckige Räume, die auf der Bühne immer wieder einmal von den beiden Elisabets und/oder den beiden Almas verschoben, gedreht und versetzt werden. Szenen spielen im Inneren der Blöcke hinter den Wänden, werden live gefilmt und groß auf den Wänden gezeigt, auf die der Zuschauer blickt. Auch die Rückwand der Bühne ist Leinwand. Auch das sind im Grunde Doppelungen.

Bei all den Fraglichkeiten, die Ingmar Bergman dem Zuschauer hier auftürmt: Lena Brückner als Alma und Ruth Bosung als Elisabet spielen es sehr sehr glaubhaft, die Wortlosigkeit oder Traurigkeit von Elisabet, die Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und Verzweiflung von Alma, das wortlose Verhältnis beider zueinander und und und. Beide sind junge Ensemblemitglieder, sie „spielen“ es aber wie hocherfahrene Schauspielerinnen!

Trotzdem: Man darf nicht erwarten, dass man nach diesem Abend eine gesicherte Interpretation von „Persona“ von Ingmar Bergman wagen kann. Wer kann das schon bei „Persona“? Interessant etwa sind im Programmheft die Zitate:

Muss das sein? Ist es so wichtig, dass man nicht lügt, die Wahrheit sagt, in ehrlichem Ton spricht? Kann man überleben, ohne hin und wieder zu reden?

Oder:

Kann man ein und derselbe Mensch sein und im gleichen Augenblick zwei verschiedene Menschen? Wo bleiben alle guten Vorsätze, die man gefasst hat?

Oder:

Nicht scheinen, sondern sein. Bewusst, wach, jeden Augenblick. Zugleich der Abgrund zwischen dem, was du vor den anderen und dem, was du vor dir selber bist. Ständig dieses Schwindelgefühl, und der Hunger, ein Geheimnis preiszugeben.“

Regisseurin Sophie Glaser fügt mit dieser Inszenierung den vielen Fragen, die Ingmar Bergman mit „Persona“ ohnehin schon aufwirft, jedenfalls eher gewissermaßen noch weitere Fragen hinzu, als dass sie eine klare Interpretationshilfe gäbe. Verständlich, konsequent, aber nicht leicht!

HIER der Link zur Stückeseite „Persona“ auf der Website des Münchner Volkstheaters.

Hier noch ein Foto der trotz aller Fragen interessanten Inszenierung. Auch Elisabets Ehemann erscheint und Alma wird – auch für ihn – plötzlich zu Elisabet:

Copyright der Fotos: Gabriela Neeb

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THEATER: Irmgard Keun – Nach Mitternacht

Im Zentrum stehen Sannas Beobachtungen zur Frage: Wie (unterschiedlich) verhalten sich die Personen ihres Umfelds angesichts der unmittelbar bevorstehenden Umbruchs in die totalitären Herrschaft? Was konnte man überhaupt machen? Jeder hatte seine Variante, damit umzugehen, hatte seinen Weg. Und tatsächlich ist ja die Frage des persönlichen Verhaltens immer von Bedeutung, auch wenn es nicht immer gleich um den Einzug eines totalitären Systems geht.

Wir haben es bei „Nach Mitternacht“ mit einer völlig realistischen Darstellung der geschilderten Geschehnisse und gezeigten Personen zu tun. Anders etwa als es derzeit im Residenztheater der Ansatz von „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horvath ist. „Kasimir und Karoline“ spielt ja in fast derselben Zeit, kurz vor der Machtübernahme der Nazis, 1932, Wirtschaftskrise. Ödön von Horvath wählt aber – im Roman schon, nicht erst in der Inszenierung – einen ganz anderen Ansatz: Sein „Kasimir und Karoline“ erzählt zwar auch in gewisser Weise realistisch – vom Oktoberfest -, aber Horváth will sein Thema stilisierter, allgemeingültiger, „abstrakter“ zeigen.

Der Roman „Nach Mitternacht“ ist dagegen also – auch hier: so ist der Roman schon, nicht erst die Inszenierung – rein realistisch gedacht. Die Inszenierung im Marstalltheater wiederum ist so realistisch, dass man auch die Umbauarbeiten auf der Bühne im Halbdunkel sieht. Bei allem Realismus aber gilt: Cosima Spelleken führt im Theater gerne verschiedene Medien zusammen, so auch hier: Jeder Zuschauer bekommt bei Eintritt z.B. einen Kopfhörer, viele von Sannas stillen Überlegungen, Beobachtungen und Erinnerungen hört man dann über diese Kopfhörer, während Sanna auf der dunklen Bühne steht. Oder: Man sieht immer wieder auf Videoleinwänden (Bild, Film und Ton) Personen eingeblendet, an die Sanna jeweils denkt. Gut gemacht, um Sannas Gedankenwelt auf der Bühne umfassender einzubinden und damit den Einblick in Sannas Gedanken zu erweitern, ein Mittel, den Roman auf der Bühne „runder“ zu machen, ihn gut erzählen zu können.

Das immer recht dunkel gehaltene, ebenfalls hoch realistische Bühnenbild (Bühne Anna Kreinecker) schafft mehrere Situationen, eine Wohnung, eine Bar, einen Toilettenraum, ein Café und mehr. Auch – wie gesagt – durch umfangreiche Umbauarbeiten im Halbdunkel, während der nur ein Teil der Bühne – oft Sanna (Naffie Janha) allein – im Lichtkegel zu sehen ist. Schon dies: Im naheliegenden, aber auch lohnenden Vergleich von „Nach Mitternacht“ mit „Kasimir und Karoline“ – ebenfalls derzeit am Residenztheater, wie gesagt – ist das Bühnenbild bei „Kasimir und Karoline“ mit den riesigen Bierkrügen etwa gerade eben nicht „realistisch“.

Sannas Halbbruder Algin (Florian Jahr), dessen Frau Liska, deren Freundin Gerti (Linda Blümchen) und Gertis Liebe Aaron, ein „Halbjude“, Sannas Freund Franz, Algins Freund Heini, Journalist, Herr Kulmbach und weitere Personen prägen Sannas Beobachtungen. Immer steht spürbar im Mittelpunkt die Beobachtung, wie alles seltsam wird, wie jeder seinen Weg sucht, im Grunde seine Flucht sucht aus der spürbaren Unsicherheit der Zeit: Sanna flieht schließlich ins Ausland, ein anderer wird überzeugter Anhänger der Nazis, man diskutiert, denunziert, man „genießt“ doch noch ein „unbeschwertes“ Leben und tanzt, feiert – auch das ist ja eine Flucht -, ein Wünschelrutengänger will Juden und Arier aufspüren, Sannas Bruder Algin passt sich in seiner schriftstellerischen Arbeit den Vorgaben der Nazis an, sein Freund Heini findet das völlig falsch, es gibt auch einen Selbstmord als Ausweg, und und und.

Schauspielerisch ist es dabei fast etwas undankbar, dass die rein realistische Darstellung sicherlich die ein oder andere schauspielerische Glanzleistung verhindert. So lässt sich hierzu kaum etwas hervorheben.

Interessant: Umbrüche schaffen nun einmal Unruhe, erzeugen Unsicherheit, damals erst recht. Und jeder ging (und geht) anders damit um, das zeigt Irmgard Keun in „Nach Mitternacht“. Der Roman und die Inszenierung schaffen so eine schöne Grundlage, auch heute wieder die möglichen unterschiedlichen Verhaltensweisen in solchen Situationen zu erkennen, sie – der Roman und die Inszenierung – sensibilisieren uns auch für heute. Wir stehen schließlich vor riesigen Umbrüchen – Stichwort allein KI – und müssen damit umgehen, nicht nur privat, sondern wohl mit viel mehr gesellschaftlichen Folgen.

Noch eine Aufnahme:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Ödön von Horváth – Kasimir und Karoline

Deshalb: Ging es Ödön von Horváth in „Kasimir und Karoline“ um die Liebe? Oder ging es ihm um das Wirtschaftliche (Weltwirtschaftskrise)? Oder um den Charakter der Menschen? Oder einfach um Irrungen und Sehnsüchte auf dem Oktoberfest (die „Wiesnbraut“)? Alles zusammen eher, wie sich alles gegenseitig beeinflusst! Im Programmheft der Inszenierung kann man gut Einiges über Gedanken zu „Kasmir und Karoline“ nachlesen, was auch fast nötig, jedenfalls hilfreich ist! Folgendes dazu:

Zunächst zum Inhalt

Man kennt den Inhalt ja grob: Kasimir verliert seinen Job, Karoline möchte auf die Wiesn. Kasimir geht mit. Kasimir ist durch den Verlust seines Jobs völlig verunsichert, er zweifelt an allem, auch an Karoline, er beleidigt sie auch. Karoline, die sich eigentlich nur amüsieren wollte (nur ein „Eis essen“ wollte, sagt sie immer), stört sich an Kasimirs Verhalten, gerät selber in den Strudel des Amusements und trennt sich von Kasimir. Später – immer noch auf dem Oktoberfest – möchte Kasimir sich bei ihr entschuldigen, auch Karoline möchte sich einmal wieder an Kasimir wenden. Es klappt aber nicht mehr. „Tot ist tot!“. Und so weiter. Und alles, weil Kasimir den Job verloren hat! Kerngedanke etwa: Wirtschaftliche Probleme können den Menschen und seine Liebe zerstören, die ihm doch allein Halt gäbe. Überhaupt des Menschen Gesinnung kann durch wirtschaftliche Einflüsse nur leiden! Das wäre ein Fazit.

Regie von Barbara Frey

Es ist nicht Barbara Freys erste Inszenierung am Münchner Residenztheater, aber lange ist es her, 20 Jahre! Barbara Frey hat ja wahrlich jede Menge Erfahrung, hat irrsinnig viel inszeniert, im Grunde hat sie schon jeden Klassiker der Theaterwelt irgendwann und an irgendeinem der großen deutschsprachigen Theaterhäuser inszeniert. Sie war etwa 10 Jahre lang Intendantin am Schauspielhaus Zürich und zuletzt (Spielzeiten 2021-2023) Leiterin der Ruhrtriennale. Was für ein Theaterleben!

Nun hat sie am Münchner Residenztheater also Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ inszeniert. Es mag eine für sie vielleicht typisch eher ruhige, in nichts „überdrallerte“ Inszenierung sein, sie setzt (soweit ich das beurteilen kann) selten auf große Effekte. Da kommt ihr Ödön von Horváth vielleicht sehr entgegen, ihm waren die Worte und sogar die Pausen zwischen den Sätzen, zwischen den Menschen, wichtig. Dementsprechend gestaltet sieht man jetzt auch am Residenztheater ihre ruhige, geradezu langatmige Inszenierung des „Kasimir und Karoline“. Man sollte sich auf jeden Fall auf einen Abend zum genauen Hinhören einstellen, nicht auf Effekte. Ist auch der schönere Ansatz fürs Theater, denke ich.

Wie anders war da übrigens – ein Blick zurück – die Inszenierung von „Kasimir und Karoline“, die 2011 auch am Münchner Residenztheater gezeigt worden war! Es war eine damals recht umstrittene, wilde Inszenierung von Frank Castorf, mit Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek. Ich hatte sie – leider, bei den SchauspielerInnen – nicht sehen können. Hier aber ein Trailer:

Also jetzt die Inszenierung von Barbara Frey gewissermaßen als ein Gegenstück dazu. Und Barbara Frey folgt damit insgesamt dem Denken von Ödön von Horváth – auch wenn es damit für den Zuschauer durchgehend an diesem Abend sehr ruhig zugeht! Stellen Sie sich eben auf einen Abend des genauen Hinhörens ein, auf Horváth’s Worte kommt es an, auf nichts anderes.

Die Zeitumstände 1932

Ödön von Horvath lebte so kurz! Im Alter von 37 Jahren schon, im Jahre 1938, wurde er bekanntlich in Paris von einem herabfallenden Ast erschlagen! Er war von Wien über Mailand und Zürich nur kurz für ein Treffen nach Paris gereist.

Ein Wahrsager soll Horváth prophezeit haben, dass ihm in den ersten Tagen des Juni 1938 auf einer Reise „das bedeutendste Ereignis seines Lebens“ bevorstünde. Daraufhin benutzte der abergläubische Horváth angeblich u. a. keine Fahrstühle mehr. Am Tag seines Unfalltods lehnte er das Angebot von Freunden, ihn mit dem Auto ins Hotel zurückzubringen, mit der Begründung ab, dass dies zu gefährlich sei. Stattdessen machte er sich zu Fuß auf den Weg … im Juni 1938.

1938 hatte Horváth schon jede Menge produziert gehabt, sein „Kasimir und Karoline“ hatte im November 1932 Uraufführung, kurz danach, im Folgejahr 1933, sollte sein „Glaube Liebe Hoffnung“ zur Uraufführung kommen, wurde aber untersagt, es hatte dann 1936 unter dem Titel „Liebe, Pflicht und Hoffnung“ Uraufführung …

Ganz kurz nach der Uraufführung von „Kasimir und Karoline“, am 30. Januar 1933, wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, es war der Beginn der schrecklichen Zeit der Naziherrschaft. Horváth wurde im März 1933 in „Schutzhaft“ genommen, er verließ Deutschland zunächst nach Österreich, sein Haus in Murnau wurde auch 1933 durchsucht. Weit vor all diesen Ereignissen, im Jahre 1916 schon, war er übrigens kurz am Münchner Wilhelmsgymnasium gewesen, an dem ich selber mein Abitur gemacht habe! Wegen schlechter Leistungen musste er allerdings sehr bald auf ein „Realgymnasium“ wechseln.

Und: Da war 1932 die Weltwirtschaftskrise! Das war für Ödön von Horváth sicher auch einer der ausschlaggebenden Umstände, die ihn zu „Kasimir und Karoline“ geleitet haben. Siehe oben zum Inhalt. Liebe bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten, bei Verlust des Jobs (Kasimir), die Liebe und die Sehnsucht (Karolines Sehnsucht) nach Besserem, nach sozialem Aufstieg, der Verlust von Halt, von Sicherheit im Leben bei Verlust von Job und Liebe (Kasimir). Überhaupt: Die wirtschaftlichen Verhältnisse und der Charakter, das „Zu-kriminellen-Taten-verleitet-werden“ (die anderen), auch ein Gesichtspunkt (Kasimir betont demgegenüber immer wieder, dass er doch anständig ist). Im Grunde sind bei diesem Stück am Ende jedenfalls alle für sich irgendwie Verlierer. Das ist das Stück.

Das Bühnenbild, die Kostümierung:

Das Bühnenbild stammt von Martin Zehetgruber, Kostüme von Esther Geremus. Vor dem Hintergrund der oben geschilderten Zusammenhänge könnte man sagen: Bühnenbild und Kostümierung waren fast zu schön! Man sitzt ja eineinhalb Stunden lang wie „eingelullt“ oder „sediert“ vor der ansprechenden, fast schicken Bühnenwelt, selbst die drei wirklich riesigen Bierkrüge auf der Bühne sind ja fast schick, die Kleidung gepflegt, farblich abgestimmt, die Drehbühne modern. (Es gab übrigens auf dem Oktoberfest 1932 in der Tat noch keine Bierbänke, es gab Stühle). Die Weltwirtschaftskrise steckt damit letztlich allein im schlampigen Hemd, das Kasimir (Simon Zagermann) trägt. Aber andererseits, das ist Ödön von Horvath eben, das muss man zugestehen: Es soll ja bei ihm alles stilisiert sein, nicht realistisch. Dann eben so! Aber gleich so schön stilisiert? Hm, diese „Sedierung“ durch Bühne und Kostüm kann auch von der Prägnanz der Horváth’schen Aussagen um Wirtschaft, Charakter und Liebe in „Kasimir und Karoline“ ablenken. Fast einzig nicht stilisiert ist übrigens das Zeichen HB auf den Bierkrügen! Aber: Beeindruckend schön als Andeutung des Oktoberfestes ist das Bühnenbild!

Horváths „Gebrauchsanweisung“ für seine Stücke:

Wichtig bei Ödön von Horvath ist die „Gebrauchsanweisung“, die er kurz nach der Premiere von „Kasimir und Karoline“ für alle seine Stücke geschrieben hat. Mit dem Obersatz „Das dramatische Grundmotiv aller meiner Stücke ist der ewige Kampf zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein.

HIER die Gebrauchsanweisung, die auch im Programmheft abgedruckt ist. Barbara Frey hält sich sehr genau daran! (An Eines nicht: „Vor einem Vorhang“ soll nach Ödön von Horváth am besten gespielt werden, der Vorhang fährt hier erst am Ende langsam herunter). So führt aber die strenge Horváth’sche Herangehensweise von Barbara Frey in der Tat dazu, dass man wunderbar auf den Text achtet, wie von Horváth gewünscht, nicht etwa auf irgendetwas „Realistisches“. Man erlebt es wie eine dezent schauspielerisch unterstützte Lesung von „Kasimir und Karoline“, was zur Verdeutlichung des Stückes beiträgt! Man braucht nur Ruhe bei sich und Geduld!

Zu den SchauspielerInnen:

Dazu ganz subjektiv: Anna Drexler und Simon Zagermann sind fast meine Favoriten des derzeitigen Ensembles des Residenztheaters. Seltsamerweise aber konnte mich gerade dieses Duo, auf das ich mich gefreut hatte, hier nicht überzeugen. Es war für mich irgendwie unpassend, dass sie beide im Stück als Kasimir und Karoline verliebt gewesen sein sollen, ein Paar waren. Als würden sie einfach nicht zusammenpassen. Ihre Liebe wird ja auch nie gezeigt, sie kommt allenfalls zwischen den Zeilen zum Ausdruck, bei der selbstsicheren Anna Drexler/Karoline mehr als beim verzweifelnden Simon Zagermann/Kasimir. Sie stehen jedenfalls von Beginn an jeder allein für sich. Und ansonsten: Man spielt es sehr stilisiert. Stilisierter, als es kürzlich das THEATER_PERLACH in „A Matz bist scho“ nach Horváths „Kasimir und Karoline“ zeigte (mein Bericht HIER), was auch gut war.

Meine Empfehlung:

Hingehen, aber zur gedanklichen Unterstützung das Programmheft lesen (auch die Horváth’sche „Gebrauchsanweisung“ darin), dann kann ein Schuh draus werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass es an einem etwas zu sehr vorbei plätschert, es ist ja, wie gesagt, nicht so, dass Handlung die Prägnanz des Stückes fördert. Aber auch da wieder: Gerade das kann gefallen, die Ruhe, es ist hier ja extra so angelegt!

Eine wunderbare Verfilmung von „Kasimir und Karoline“ gibt es übrigens, die ich unbedingt empfehle! Ich hatte die Verfilmung kürzlich schon im Beitrag zu „A Matz bist scho“ erwähnt. HIER der Trailer zum Film, man wird ihn sicher als Download oder zum Kauf/ zur Leihe noch finden. Es ist für mich filmisch einer der besten Fernsehfilme, die ich kenne. Am besten ist Beides zusammen: Hingehen ins Residenztheater UND den Film ansehen! 

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite von „Kasimir und Karoline“ auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Mathias Horn

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THEATER: Helmut Dietl – Schtonk

In diesem Stück müssen zwangsläufig verschiedene Orte gezeigt werden, anders wird es kaum gehen. Das wurde bühnentechnisch wirklich gut gelöst – auch mit gelungener Aufteilung der Bühne durch eine kleine im hinteren Teil stehende „Trennwand“ (hinter der und durch die immer wieder schnelle Verwandlungen und sofortige Ortswechsel möglich sind) und unter kurzer Einbeziehung des Zuschauerraumes sogar (Kostüm und Bühne von Andrea Uhmann).

Man kennt ja den Film „Schtonk“ (Regie Helmut Dietl), in dem der wohl eher mittellose Fritz Knobel es schafft, über den Reporter Hermann Willié insgesamt 60 gefälschte Tagebücher von Adolf Hitler an das Magazin HHpress zu verkaufen. Die deutsche Geschichte müsse umgeschrieben werden, heißt es dann auf einer Pressekonferenz. Der Film war ja besetzt mit lauter großen Namen, Uwe Ochsenknecht, Götz George, Christiane Hörbiger, Harald Juhnke, Veronica Ferres, Ulrich Mühe.

HIER ein köstlicher fast zehnminütiger Zusammenschnitt des Films. Es gibt einige schöne Trailer zum Film.

Schön auch, dass die Prägnanz dieser Satire durch manche wörtliche Übernahme des Textes aus den Film so gut beibehalten wird (Hitlers „Blähungen“, das nötige „Umschreiben der Geschichte“, Hitlers Hoffnung auf „Karten für die Olympischen Spiele für Eva“ und und und).

Hier noch ein Bild der Aufführung:

HIER der Link zur Website des Zentraltheaters. Die noch kommenden Termine siehe oben im Beitragsbild. Die von mir besuchte Aufführung wurde sogar von einer größeren Schulklasse aus Überlingen am Bodensee besucht!

Copyright des Fotos: Lea Mahler

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THEATER: Ödön von Horváth – A Matz bist scho

Die Version des THEATER_PERLACH ist kurzfristiger zu sehen. Deren leider recht wenigen Termine (auch gestern Abend, am 18.09.2025) sind oben im Bild zu sehen.

Schon die Spielstätten beider Versionen sind extrem unterschiedlich! Die Version des THEATER_PERLACH wird an einem Spielort gebracht, der das glatte Gegenteil ist zum Münchner Residenztheater in seiner feinen Atmosphäre. Gezeigt wird die Version des THEATER_PERLACH nämlich im MUCCA im sich fast selbst überlassenen Areal an der Schwere-Reiter-Straße/Ecke Dachauer Straße, das mit heruntergekommenen Industriehallen bebaut ist, von verschiedensten Initiativen kurz- oder langfristig kreativ genutzt wird und von der Stadt München zum „Kreativquartier“ entwickelt werden soll. Das Residenztheater ist da ein klein wenig anders.

Vom THEATER_PERLACH hört man nicht oft. Es ist eine private Initiative, sie bringen pro Jahr eine Inszenierung auf die Bühne, es ist aber nicht etwa eine „Laientruppe“, nein, das Ensemble besteht aus jungen ausgebildeten Schauspielern und Schauspielerinnen, die sich vor allem mit der Unterstützung von Ferdinand Leopolder als „Produzent“ und Andrea Funk meist als „Regisseurin“ sehr engagiert der Theatersache annehmen. So sieht Theaterbegeisterung aus! Man muss hoffen, dass die städtische Förderung nicht versiegt, sie ist geringer geworden, hört man! Eine feste Spielstätte hat das THEATER_PERLACH nicht. Umso mehr lohnt es sich, jetzt zum MUCCA zu gehen!

Ödön von Horváths Stück „Kasimir und Karoline“ kennt man ja, es passt zur jetzt beginnenden Wiesn! Wie man sich (absichtlich) verliert auf der Wiesn, sich selbst und eben auch (unabsichtlich) den Freund/die Freundin, Kasimir etwa die Karoline! Eine „Ballade vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir und seiner Braut“ nennt Ödön von Horváth seine Geschichte von Kasimir, der, arbeitslos geworden, auf dem Oktoberfest seine Braut Karoline für immer verliert. Das Oktoberfest, also die „gewählte“ Gaudi, und die „ungewählte“ Realität mischen sich fatalerweise bei Horváth. Aufs Oktoberfest geht man ja eigentlich auch heute noch, um sich für kurze Zeit in eine andere Welt zu versetzen, um sich von der Realität zu entfernen, sie einfach auszublenden! Die Realität kommt ja am Tag danach wieder ins Spiel! Aber die Trennung Wiesn/Realität geht eben nicht immer, vor allem eben nicht bei Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“.

Karoline ist bei Ödön von Horváth die „Wiesnbraut“. Sie will auf der Wiesn auch natürlich Amusement, aber im Amusement will sie doch auch das „bessere Milieu“, will höher hinaus und verliert dabei ihren Kasimir, weil sie eben doch im Amusement gleichzeitig die (schwierige) Realität vor Augen hat. Kasimir fragt Karoline noch: „Was willst Du denn durch diese Herrschaften dort erreichen?“ Eine höhere gesellschaftliche Stufe und so“, antwortet sie.

Die Inszenierung des THEATER_PERLACH ist an mancher Stelle wortgetreu Ödön von Horváth, was auch kaum anders geht bei diesem Stück. Es heißt in der Ankündigung „frei nach Ödön von Horváth“, passt auch alles bestens zusammen. Man sitzt in der hohen Halle des MUCCA an drei Seiten um die Bühnenfläche herum, jeder sieht (fast) jeden, wie auf der Wiesn. In der Mitte der etwas höher gelegten Bühnenfläche steht ein Baumstamm, geschmückt mit langen Bändern, die auch immer wieder wie beim Schäfflertanz benutzt werden. Über 50 Bierkrüge werden an die Spiegelwand im Hintergrund gehängt, es gibt immer wieder kürzere musikalische und tänzerische bayerische „Einlagen“, wie im Originalstück manch Lied gesungen, manch Wiesnmusik angespielt wird, dafür gibt es einen Musiker mit Ziehharmonika, auch die Kostümierung ist schön farbenfroh, es sind aber nicht etwa alle in Tracht! Die Wiesn, sie wird hier eher dezent angedeutet.

Die jungen Schauspieler und Schauspielerinnen spielen es wirklich gut! Es wird dabei nicht der noch weit schickere heutige Wiesnkult dargestellt, nein, man bleibt eher in der Horváth’schen Zeit oder zeitlos. Nicht zwanghaft bleibt man dort, aber doch eher eben in Horváths Zeit, nicht deutlich in der heutigen extremeren Wiesn-Welt. Sie spielen es auch allesamt nicht übertrieben, Kasimir mit seiner Melancholie und seinem Unverständnis sehr gut, der Schürzinger sehr gut, der Rauch und der Speer schön besetzt, Karoline auch gut, es wird von allen gut gespielt! Es ist nicht leicht, alle Personen des Stückes über den Horváth’schen Text hinaus prägnant auf die Bühne zu bringen. Wie sie alle in etwas hineinschlittern! Der ein oder anderen Person des Stückes hätte mit Text und Darstellung vielleicht noch mehr Deutlichkeit gut getan, aber das ist eine Frage der Inszenierung. So basiert der Abend trotz der guten Einlagen sehr auf dem Text, den Dialogen! Auch das geht aber kaum anders bei diesem Stück. Im Orignaltext von „Kasimir und Karoline“ stecken die Charaktere des Stückes im Grunde ja herrlich hinter den meist kurzen banalen Sätzen und kurzen Unterhaltungen in seinen 117 „Szenen“. Schwer auf der Bühne. Ich fand es aber insgesamt gut gelungen, gerne mehr vom THEATER_PERLACH mit den jungen SchauspielerInnen!

Eine schlicht wunderbare Verfilmung von „Kasimir und Karoline“ gibt es übrigens, die ich unbedingt empfehle! HIER der Trailer, man wird es sicher als Download oder zum Kauf/ zur Leihe noch finden. Es ist für mich filmisch einer der besten Fernsehfilme, die ich kenne. Am besten ist beides: Hin ins MUCCA UND den Film ansehen! Vielleicht demnächst auch noch „Kasimir und Karoline“ im Residenztheater sehen. Unterschiede sind immer gut!