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THEATER: Residenztheater – Cuvilléstheater – Marstall

Teil drei meines Residenztheater-Dreierpacks: Bertolt Brechts Dreigroschenoper am Residenztheater.

Man sieht die berühmte Schurkenoper oder Bettleroper von Bertolt Brecht. Man muss sie einmal gesehen haben, diese Geschichte der Unterwelt aus Brechts Augen. Dargeboten wird sie natürlich mit Livemusik, mit den mehr oder weniger bekannten Liedern dazu, es ist eine Art Operette, eben das Brecht’sche „Musiktheater“. Wobei Bertolt Brecht selbst sagte, es hieße „Dreigroschenoper“ nicht etwa, weil es ÜBER Bettler gehe, sondern weil es eine Oper FÜR Bettler sei.

Aber es geht ja in der Tat um Bettler, es spielt in der Gaunerwelt/Bettlerwelt von London/Soho. Der Herr über ein Netzwerk von Bettlern, Jonathan Peachum, der sich eher als gerissener Unternehmer sieht, um Geld von denen zu bekommen, die es haben, geht gegen den gerissensten Schurken Londons, Macheath, genannt Mackie Messer, vor, da Letzterer die Tochter der Peachums (Polly) geheiratet hat. Mackie Messer wiederum ist aber sogar mit dem Polizeichef Brown befreundet.

Die Inszenierung am Residenztheater:

Es ist eine durchaus beeindruckende Inszenierung, ja, sie verschafft den Eindruck der dortigen Welt. Dreieinhalb Stunden dauert sie, in denen man gerne einem Musiktheater zusieht, das nicht zum aktuellen Nachdenken anregt, nein, keinen aktuellen sozialen Sprengstoff beinhaltet oder auch nur streifen würde, nein, es ist einfach ein Klassiker. Immer wieder einmal humorvoll gespielt, insgesamt nicht trüb, sondern eher leicht, hier am Residenztheater vor allem mit einem Bühnenbild, das einen sofort in die Gaunerwelt führt.

Schauspielerisch ist es von allen Mitwirkenden sehr gelungen! Lukas Rüppel beginnt mit herrlicher Gelassenheit, humorvoll als Bänkelsänger (später auch mehrfach etwa als Mond), mit Ironie auf den Lippen, der ein wenig durch den Abend führt, Moritz Treuenfels als lässiger und hintertriebener Mackie Messer, der besorgte Oliver Stokowski als Jonathan Jeremiah Peachum, Cathrin Störmer als Celia Peachum, seine eher ordentliche Frau, Isabell Antonia Höckel einnehmend als Polly Peachum, Tochter der Peachums, Max Rothbart als drahtiger Brown, oberster Polizeichef von London, Liliane Amuat als Lucy, dessen Tochter, Vassilissa Reznikoff mit sehr viel „Brechtausdruck“ auf der Bühne als Spelunken-Jenny – um die wesentlichsten Figuren zu nennen. Der ansich so heruntergekommene „Brechtausdruck“ des Milieus der Dreigroschenoper weicht trotz allem fast irgendwie ein klein wenig, nur ein klein wenig zurück, obwohl das Bühnenbild so gut das Milieu repräsentiert. Denn das über den ganzen Abend unveränderte Bühnenbild passt von A – Z zum Milieu und zur Geschichte. Vielleicht ist nur die eine oder andere Figur fast zu makellos.

Das Bühnenbild (Inszenierung und Bühne Philipp Stölzl) besteht aus einer hohen Wand von braunen Teekisten, vielleicht auch Obst- oder Gemüsekisten, die erklettert werden, auf mehreren Ebenen schmale Spielebenen schaffen, über allem – auf dritter Ebene – spielt das „Orchester“. Auch der somit leere Orchestergraben vor der Bühne wird in gewisser Weise zur Spielebene. Viele Ebenen sind es somit, es geht hoch und runter – sozial gedacht kann man sagen: Eben ein Bertolt Brecht.

Ich kann hier aus Zeitgründen leider nicht weiter auf die Brecht’sche Gedankenwelt zu seiner Dreigroschenoper eingehen. Das Programmheft und die Website führen weiter. Es ist eine „old story“, trotzdem: Hingehen, ansehen, es ist eine gelungen runde Sache, die man nicht schnell „abhakt“.

Fotos:

Copyright der Fotos: Sandra Then

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

THEATER: Residenztheater – Cuvilléstheater – Marstall

Teil 2. „Bye Bye Lolita“ von Lea Ruckpaul im Cuvilléstheater

„Bye Bye Lolita“ und der gleichnamige Roman von Lea Ruckpaul basieren ja auf dem Welterfolg „Lolita“ des russisch-amerikanischen Autors Vladimir Nabokov. Es geht dort bekanntlich um die pädophile Beziehung des Erzählers Humbert Humbert zur anfänglich zwölfjährigen Dolores Haze, die er Lolita nennt. Wegen Lolita heiratet er ihre Mutter und kommt Lolita näher, entführt sie. Nabokovs Roman ist vollständig aus der Sicht von Humbert Humbert geschrieben. Dem setzt Lea Ruckpaul in ihrem Roman „Bye Bye Lolita“ nun ihre Version entgegen, in der sich eine fiktiv älter gewordene Lolita mit ihren Erinnerungen an das damalige Geschehen und mit dessen Verarbeitung auseinandersetzt.

Ich kommentiere hier also die Inszenierung von „Bye Bye Lolita“ von Nora Schlocker, Bühnenbild und Kostüme sind dabei von Marie Caroline Rössle. Ich kann mit der Kritk und den Kommentaren zu „Bye Bye Lolita“, die ich auf http://www.nachtkritik.de gelesen habe, gut zurecht kommen. Die Inszenierung wird – wenn auch mit kontroversen Nebentönen – gelobt und als guter Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Thema Kindesmissbrauch gesehen.

Ja, das Thema Kindesmissbrauch bleibt auch heute unbedingt beachtenswert! Vielleicht hat das Problem sogar zugenommen, Stichwort „Netzwerke im Internet“ usw. Insoweit ist es in der Tat wertvoll, sich hier nun zu fragen, wie Dolores Haze alias Lolita vielleicht ihre Erlebnisse mit ihren Augen gesehen haben mag und wie sie sie im weiteren Verlauf ihres (hier unterstellten) weiteren Lebens vielleicht zu verarbeiten vermochte. Wie gesagt: Die Inszenierung wird meist als wertvoll angesehen, um sich diesem fürchterlichen immer wieder aktuellen Thema zu nähern.

Einige Dinge der Inszenierung am Cuvilléstheater sehe ich allerdings doch anders, als es bisher zumeist auf http://www.nachtkritik gesehen wird. Man kann aber gleich sagen: Das Thema selbst provoziert Subjektivität, der Umgang mit Kindesmissbrauch ist einerseits (hoffentlich) klar, andererseits aber ist es in der Darstellung im Theater natürlich ein schwieriges Unterfangen.

Dass man hier dem Geschehen um Lolita fast wie einem niedlichen Puppenspiel zusieht, liegt zunächst an der Bühnengestaltung und der Kostümierung. Kindesmissbrauch ist kein Puppenspiel, es soll hier natürlich auch nicht etwa so gezeigt werden, es ging aber leider fast ein wenig – mir zu sehr – in diese Richtung. „Haarscharf“ am Kitsch vorbei, schreibt der Münchner Merkur. Vielleicht geschieht dies aber gerade absichtlich, um Lolitas kindliche Lebenswelt zu verdeutlichen. Alles rosa, mit roten Herzen …

Zur Kostümierung: Hier war für mich fast störend, dass (die fünffach erscheinende) Lolita stereotyp mit strohblonder, etwas eigenartiger Perücke gezeigt wird. Ebenso die übergroßen hellrosafarbenen Sweatshirts, in denen „die Lolitas“ durchgehend gezeigt werden, wirkten für mich zu klischeehaft. Klar, auch das repräsentiert Lolitas junges Alter, 12 Jahre alt war sie! Trotzdem war es für mich auch hier insoweit zu direkt, zu sehr „mit dem Hammer drauf“.

Zur Bühnengestaltung: Auch der flauschige Teppichboden – rot – der leicht nach hinten ansteigenden Bühne verlieh dem Ganzen einen für mich zu direkten Eindruck. Auch so wurde meines Erachtens unnötig auf Lolitas Kindesalter hingewiesen. Es sollte wohl so sein, etwa auch der übergroße rote Lollie, den Lolita einmal lutscht.

Man könnte sich sogar fragen: Passt dieses Stück überhaupt ins Cuvilléstheater? Das Cuvilléstheater ist ja selber wiederum fast ein Puppentheater, jedenfalls ein Schmuckkästchen. Wie kann man dem schweren Thema Kindesmissbrauch in dieser extrem reichhaltigen und vor Schmuck überbordenden Atmosphäre nahekommen? Aber auch das soll wohl so sein. Man kann es auch verstehen, Lolita lebte – missbrauchte Kinder tun es – in einer Kinderwelt, nicht in einer Erwachsenenwelt! Das ist es ja, was oftmals ausgenutzt wird, und dann wird drumherum eine Scheinwelt aufgebaut. Insoweit ist alles sehr verständlich! Und so ist es auch verständlich, dass sogar eine Gruppe von jungen Mädchen auftritt und singt bzw. erzählt, wenn auch das schnell etwas zu klischeehaft wirken kann.

Über diese Äußerlichkeiten hinweg hatte ich allerdings teils auch Störgefühle mit Textaussagen. Lea Ruckpaul lässt Lolita in ihrem Roman „Bye Bye Lolita“ zurückdenken und auch mit einer Freundin und ihrer Mutter fiktiv darüber reden. Interessante Blicke von Lolita sind es, ihre Wut, ihre heftigen Vorwürfe gegen ihre Mutter, ihr Schmerz und und und. Ja, Lolitas Mutter rückt in den Focus. Dann aber wird es teils doch etwas vage. So auch am Ende:

„Ich bin porös, durch mich pfeift der Wind und da ist kein Unterschied zwischen dem Sand, dem Handtuch und meinem Fleisch. Ich bin sehr glücklich. Ich bin zu allem fähig. Auch zum Glück.“

Fazit: Wie auch immer, die Inszenierung „Bye Bye Lolita“ gibt Gelegenheit, sich mit dem fürchterlichen Thema Kindesmissbrauch auseinanderzusetzen. Wenn die Inszenierung einiges recht klischeehaft zeigt, mag genau das bezweckt sein: Gerade das kann zum Nachdenken anregen!

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Residenztheater – Cuvilléstheater – Marstall

Ich berichte über die drei Stücke in Einzelbeiträgen:

Teil 1: „Reigen.Variationen“ frei nach Arthur Schnitzler im Marstall:

Ich muss gestehen, den „Reigen“ von Arthur Schnitzler habe ich noch nie gesehen. Es heißt ja, das Stück war einer der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts, erschien 1900. Viele Jahre lang war es verboten, erst 1982 wurde es freigegeben – heute inhaltlich völlig unvorstellbar. Zehnmal treffen einzelne Personen auf ein gegengeschlechtliches Gegenüber; sie führen zehn Dialoge und jedes Mal kommt es zum Geschlechtsverkehr, der jedoch im Text durch Gedankenstriche angedeutet wird und auf der Bühne eine Leerstelle bleibt. Als Strukturprinzip verwendet Schnitzler die Tanzform des Reigens, indem eine Figur immer zwei Szenen hintereinander hat. Damit hat jede Figur zwei Sexualpartne

Interessant ist die jetzige Fassung „Reigen.Variationen“ im Marstall schon deswegen, weil die Szenerie in die heutige Zeit verlegt ist. Ort: Laut Text der Englische Garten, die Bühne bleibt aber neutral. Der Text ist von Anja Hilling, Regie führte der junge Israeli Ran Chai Bar-Zvi.

Interessant ist ja grundsätzlich das Konzept von 10 verschiedenen Dialogen von zufällig zusammentreffenden Personen. Wie verhalten Sie sich zum Thema Liebe, Kennenlernen, Begierde, Sexuelles, Nähe, auch gesellschaftliche „Rangordnung“, jede Person hat ja einen anderen Background.

Weiter interessant ist das Bühnenbild von Ansgar Prüwer, der schon öfters mit Ran Chai Bar-Zvi zusammenarbeitete. Die Personen stehen schemenhaft erkennbar zwischen drei Schichten Plastikplanen, die die Bühne bis oben verdecken, nur dann, wenn sie agieren, treten sie vor die erste Plastikplane, sind dann klar erkennbar. So jedenfalls in der ersten Hälfte der Inszenierung, in der die zehn Einzeldialoge gezeigt werden. Wie auf Datingplattformen: Fotos sieht man nur schemenhaft, außer man begibt sich in den Kreis der Abonnenten. Oder generell: Jeder Mensch taucht ja in jedem Gespräch kurz aus seiner Verschleierung auf … Was kann man schon erkennen!

Es gibt bei Anja Hilling eine zweite Hälfte: die Plastikplanen verdecken dann nicht mehr die Sicht, die fünf Personen zeigen sich dauerhaft. Hier ergänzt Anja Hilling den Reigen, all die Gespräche werden fortgeführt, ergänzt, betreffen weitere Gedanken der Beteiligten. Nähe, Distanz, Realität, Wunsch, einiges mehr. Es sind Erklärungsversuche jeder Person, sie hadern ja alle mit der Unerreichbarkeit des anderen, auch mit der Liebe, dem Zusammensein, mit sich. Sie sagen immer, es seien ihre Gedanken während des Geschlechtsverkehrs gewesen! Da kamen ihre Befindlichkeiten hoch.

Aber so ist das eben mit dem Plastikplanen im Leben, die uns immer verschleiern, kurz erscheint man.

Es sind viele interessante Gedanken in der zweiten Hälfte, man kann leider kaum alle aufnehmen. Das schmälert den Abend aber kaum! Ich fand ihn gelungen, eine gute Inszenierung, gute Bühne, schauspielerisch zum Teil fast zu zurückhaltend, Florian Jahr erschien mir am ergriffensten von dem, was er sagte, Schnitzlers „Reigen“ war gut weitergedacht!

Copyright der Fotos: Sandra Then

THEATER: Rainer Werner Fassbinder – Satansbraten

Im vergangenen Jahr war es das Stück „A Matz bist scho,“ angelehnt an Ödön von Horvaths „Kasimir und Karoline“. HIER mein damaliger Beitrag: https://qooz.de/2025/09/19/theater-oedoen-von-horvath-a-matz-bist-scho/

Auch dieses Jahr ist der Theaterabend ein Gewinn für den Theaterfreund, wieder ein schöner Abend außerhalb der so gediegenen Theaterwelt der Münchner Kammerspiele, des Residenztheaters, des Münchner Volkstheaters und anderer Theater.

Großartig bleibt ohnehin das Engagement aller Beteiligten, vor allem der Begründer des Theater Perlach, Ferdinand Leopolder und Andrea Funk.

Passend zu „Satansbraten“, diesem desolaten, sicher sehr persönlichen Stück von Rainer Werner Fassbinder ist auch hier wieder das Ambiente der MUCCA, eine nüchterne, recht heruntergekommene, große Halle, die mit Theaterbeleuchtung ausgestattet ist. Fast erfrischend einfach auch die Herangehensweise an diesem Abend: Die Zuschauer nehmen sich diesmal am Eingang ihre Stühle und platzieren sie dort, wo sie sitzen möchten, beidseitig entlang des als Bühne dienenden „Laufstegs“. Stühle auf Betonboden.

Der „Laufsteg“ (Bühne: Ferdinand Leopolder) zieht sich für etwa 10 m etwas erhöht durch die Halle, vorne und hinten wird er durch zwei ebenfalls erhöhte breitere kleine Spielflächen abgeschlossen. Auf beiden Seiten entlang des Laufstegs sitzt also das Publikum.

Die Inszenierung (Regie Andrea Funk) entspricht der Zerrissenheit des Protagonisten Walter Kranz, der als Schriftsteller in einer großen Schaffenskrise steckt, kein Geld hat, nichts produziert, keinen Vorschuss bekommt, sich für Stefan George hält. Geld, Liebe, die großen und die kleinen Leute, Mann und Frau, Hierarchien, darum dreht es sich ja bei Rainer Werner Fassbinder, so auch in diesem Stück. „Parade“ wird die Inszenierung genannt, ein fast vergessenes Wort. Die Szenen des „Satansbraten“ werden vom Ensemble auf der Bühne schlicht aneinandergereiht, was das Stück fast zu zerreißen droht, aber es geht ja um Zerrissenheit, so passt es!

Auch schauspielerische ist es von allen Beteiligten wirklich gelungen! Alle spielen schlicht überzeugend, man kann sagen professionell, sie mögen das Stück! Mehr davon! Es spielen: Lena Nathalie Halve, Elias Hammler, Charlotte Kahler, André Schwarz, Sophia Strasser, Katharina Elisabeth Süß, Christophe Zoller. Es musizieren dazu: Friederike Hujer, Jakob Lücking

Fazit: Es lohnt sich, es tut gut!

Hier der Link zur Website des Theater Perlach: https://www.theaterperlach.de

Copyright des Beitragsbildes: Beate Kellmann

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THEATER: Dietmar Jacobs/Moritz Netenjakob – Kalter weißer Mann

Zufällig hatte ich Elisa Bartelt vor circa einem Jahr kurz nach einem Theaterabend vor den Kammerspielen gesprochen. Der Kontakt blieb. So kam ich zu diesem Stück an der Komödie im Bayerischen Hof. Sie vertritt an einigen der kommenden Termine die Schauspielerin Anna Drózd. Derzeit ist Elisa Bartelt noch in ihrer Schauspielausbildung an der Münchener Schauspielschule Zerboni (auch Anna Drózd war an der Zerboni), sie ist theaterbegeistert, will auf jeden Fall Schauspielerin werden. Erste Engagements – wie auch hier in „Kalter weißer Mann“ – hat sie bereits. Auch in „Wolf“, einem Stück des Münchner Residenztheaters, das schon recht lange an bayerischen Schulen gezeigt wird, spielt sie mit. An eine staatliche oder städtische Schauspielschule möchte sie auch noch.

Zu „Kalter weißer Mann“:

Die „Komödie im Bayerischen Hof“ kannte ich noch nicht. Sie ist größer als gedacht, circa 500 Zuschauer werden hineinpassen! Wie bei E-Musik und U- Musik gibt es auch E-Theater und U-Theater, E steht für für Ernst und U für Unterhaltung. Die „Komödie im Bayerischen Hof“ steht auf jeden Fall für U. Auch mit „Kalter weißer Mann“ tut sie das, obwohl damit durchaus ein großes gesellschaftliches Thema verhandelt wird, „political correctness“ rauf und runter, humorvoll auf die Spitze getrieben, aber auch irgendwie ja ernst.

Auffallend war hierbei die gute Zusammensetzung der Schauspielerinnen und Schauspieler des Stückes. Alle waren jeweils so schön unterschiedlich, so gut passend und überzeugend zu dem, was sie jeweils spielten – im Ambiente eines Kirchenraumes, unter einem großen Kreuz. Ja, die schöne Unterschiedlichkeit der Personen macht das Stück aus! Der (alles nicht verstehende) Unternehmensnachfolger, die Sekretärin des Verstorbenen (mit ständig komischen Einwürfen), dazu ein schnell aufgedrehter Mitarbeiter als Social-Media-Freak, der die Kommentare im Internet zur Trauerschleife verfolgt, eine weitere (für die Themen „gendern“, „p.c.“, „lgtbqai+“ und und und besonders aufmerksame) Mitarbeiterin, dann der Pfarrer und eben die Praktikantin (mit ihrem jungen Blick auf alles). Elisa Bartelt passte ideal in diese Besetzung, sie bevorzugt ohnehin nicht die „beschwerten“, tragischen, ernsten Theaterrollen – derzeit zumindest.

Fazit: Es war zwar nicht meinen E-Gewohnheiten im Theater entsprechend, aber es war auch gut! Humor tut doch auch zu ernsthaften Themen gut!

Hier ist der Link zur Stückeseite von „Kalter weißer Mann“ auf der Website der Komödie im Bayerischen Hof: https://www.komoedie-muenchen.de/spielplan-tickets/5368/kalter-weißer-mann.html

Hier noch ein Trailer:


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Gelesen und geblättert Gesehen und gehört

THEATER: Mein kleines Prachttier

Dazu „passend“ – wenn auch rührend aus älterer Zeit – ist derzeit auch an den Münchner Kammerspielen das Stück „Fräulein Else“ – nach Arthur Schnitzlers gleichnamigem Roman – zu sehen. Es ist der Bewusstseinsstrom einer jungen Frau angesichts der damaligen sexualisierten Gewalt ihr gegenüber seitens eines Geschäftsfreundes des Vaters, der ihre und des Vaters Notlage ausnützt. Dieses Solostück mit Julia Riedler (auch in gewisser Weise aktualisiert für die heutige Zeit) war gerade zum Berliner Theatertreffen 2026 eingeladen, das im Mai stattfand.

Am Münchner Residenztheater wird in der kommenden Spielzeit das Stück „Prima Facie“ weiter im Spielplan stehen. Dort geht es – ein weiterer Aspekt! – um die junge forsche und trickreiche Anwältin von Angeklagten in Fällen sexualisierte Gewalt, die nun selbst vergewaltigt wird und jetzt erkennt, welche Probleme die Gerichtsverfahren bieten, wenn es um die Glaubwürdigkeit des Opfers geht.

Noch etwas: „Bye Bye Lolita“ wird im Oktober am Münchner Residenztheater (Cuvillestheater) Premiere haben. Lea Ruckpaul lässt in ihrem erfolgreichen Debütroman die Opferfigur Dolores Haze – Lolita – überleben und erzählt die Geschichte ihres jahrelangen Missbrauchs durch ihren Stiefvater mit der Analysefähigkeit der erwachsenen Frau.

Viele Sichtweisen also.

Nun zu „Mein kleines Prachttier“:

Fazit unten: Man sollte es sich ansehen, sogar das Buch lesen und dann darüber reden! „Wir müssen ins Gespräch kommen“ sagt Leonie Böhm zu diesem Thema, das schafft sie hier.

Das Stück hatte am 13.06. Premiere an den Münchner Kammerspielen. Die Inszenierung ist von Leonie Böhm, die auch zusammen mit Julia Riedler für „Fräulein Else“ verantwortlich zeichnete. Leonie Böhms Thema: Die Scham soll die Seite wechseln, der Täter soll sie empfinden, nicht das Opfer soll das Leben lang damit belastet sein!

„Mein kleines Prachttier“ basiert auf dem im höchsten Maße bedrängenden Roman von Marieke Lucas Rijneveld. Das Buch, erschienen 2021, ist um ein Vielfaches intensiver und breiter angelegt, als das Theaterstück. Leonie Böhm hat den Inhalt des Romans für die Bühne auf etwa eine Stunde gekürzt, eingedämpft, auch sprachlich verändert, um eine nach ihren Vorstellungen passende Bühnenversion entstehen zu lassen.

Ist es gelungen? Nun, es ist fragwürdig. Nach dem Stück hört man auch Stimmen wie: „Hier wird das Vorgehen eines Pädophilen verharmlost“. Schließlich vergewaltigt der Tierarzt in dieser besonderen Beziehung das 14-jährige Mädchen am Ende, wenn sie wehrlos im Krankenhaus liegt. Ja, eine Vergewaltigung in jungen Jahren oder überhaupt ist fürchterlich! Ja, ein Pädophiler! Frauen können danach wahrscheinlich kaum noch frei und glücklich leben. Da ist aber genau das Ende des Stückes, Leonie Böhm zeigt auf der Bühne, dass das Mädchen letztlich glücklich und frei weiterleben möchte, wie immer schon. Das Mädchen fühlt sich „innerlich schief“, aber es soll für sie glücklich weiter gehen. Das wird auch das Ende des Buches sein, ich lese es gerade.

Meine Meinung dazu aber: Auf den 360 Seiten des Buches wird das besondere Verhältnis zwischen dem Tierarzt, der fast täglich auf dem Bauernhof des Vaters des Mädchens erscheint, und dem Mädchen selbst um ein Vielfaches deutlicher geschildert. Eines ist klar: Es ist auf jeden Fall so, wie es der Tierarzt auf der Bühne sagt: „Ich bin ein Monster! Ich habe sie zerstört!“ Er weiß es schon sehr früh. Wenn man das Buch liest, spürt man mehr und mehr: Da brodelt lange lange die Pädophilie in ihm! Es ist in meinen Augen dennoch „die Sache wert“, hm, dass dieser Mann in diesem fiktiven Roman alles genau schildert, dieses besondere Verhältnis der beiden, die intensive Vorgeschichte, was alles dahinter steht. Er will alles darlegen, alles. „Damit ich mich sehe und Du Dich“ heißt es in etwa. Es steht insgesamt viel dahinter, das Mädchen und er, sie sind beide sehr sensibel, haben ihre Traumata, ihre Ängste, ihre Trauer, ihre Fantasien. Sie haben sehr ähnliche Themen mit sich. Irgendwie steht dabei der Unterschied dahinter, der sich zu gleichen Themen ergibt aus dem „phantasievollen Leben in Kindheit und Jugend“ gegenüber dem „Leben in der harten Realität der Erwachsenenwelt“. So ist es eine nicht immer nur einseitigen Annäherung. Das junge Mädchen aber denkt harmlos in ihrer Welt, er dagegen weiß: Er wird das Monster sein, er wird sie „aus der Erde reißen“.

Die Besonderheiten des Verhältnisses beider zueinander kommen in der Bühnenfassung von Leonie Böhm nicht ganz ausreichend zum Ausdruck, finde ich. Dann würde man nämlich noch besser verstehen, dass es sich bei der Erzählung von Rijneveld eben nicht „nur“ um die schnelle fürchterliche Handlung eines „Pädophilen“ handelt, sondern – zumindest in dieser Erzählung – dass es alles hier eine lange besondere Geschichte hat. Das zeigt ja Marieke Lucas Rijneveld auf 360 Seiten und durchaus auch Leonie Böhm, aber letztere m. E. zu kurz, gut und klug gekürzt, aber doch zu kurz. Auch wenn es am Ende ein klarer Fall von Vergewaltigung ist, Buch und Böhm wollen insoweit den Blick weiten hinein in ein bisher literarisch weitgehend unbeschriebenes Blatt.

Die Inszenierung ist im übrigen aber m. E. gelungen! Neben dem Text wird nicht viel auf die Bühne gebracht. Annette Paulmann und Maren Solty spielen zusammen (insgesamt beide natürlich sehr gut!) den 49-jährigen Tierarzt. Die grauenhafte Absicht des Mannes kommt allenfalls etwas zu kurz in ihrem doch recht lockeren Verhalten auf der Bühne. Nur kurz wechselt Maren Solty auch in die Rolle des Mädchens und am Ende wechseln beide Schauspielerinnen noch kurz gemeinsam in deren Rolle. Schön ist aber übrigens wiederum der Altersunterschied der beiden Schauspielerinnen, er hält alles offen.

Das Bühnenbild ist ein riesiges Geweih, sonst nichts. Im Buch steht das Geweih für Geschlechtsteil. Man kann sich aber auch viele andere Dinge darunter vorstellen. Sich verzweigende Gedankenwege … die Entwicklung eines Verhältnisses zweier Menschen … das Leben … Argumente, Gespräche … alles verzweigt sich … und und und. Das inspiriert.

Daher: Man sollte es sich ansehen, sogar das Buch lesen und dann darüber reden! Vielleicht nur hätte sLeonie Böhm noch etwas mehr darauf achten müssen, dass es nicht für den Zuschauer um Verharmlosung von Pädophilie geht, hätte doch etwas mehr aus dem Buch bringen müssen. Aber ihr Ansatz schon bei ihrer „Fortschreibung“ von Schnitzlers „Fräulein Else“ war ja eben derjenige, dass das geschädigte Mädchen trotz allem am Ende frei sein soll, nicht ihr Leben lang belastet sein soll! Der Mann soll belastet sein! Stimmt, wenn es geht!

Hier noch ein Foto:

Hier der Link zur Stückeseite von „Mein kleines Prachttier“auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/42871-mein-kleines-prachttier

Copyright der Fotos: Judith Buss

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THEATER: Einige Premieren der Spielzeit 2026/2027

Vom Münchner Residenztheater und von den Münchner Kammerspielen kann ich hier schon einmal die Übersichten der Premieren der kommenden Spielzeit bringen. Weiteres wird folgen:

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THEATER: Werner Schwab – Die Präsidentinnen

Es gibt im Grunde nicht einmal so etwas wie Kommunikation. Man soll gerade kein „Theaterstück“ im herkömmlichen Sinne sehen. Das ist/war Werner Schwab. Er wollte nur Sprache zeigen. Derbe Sprache trifft auf Mensch, der Mensch ist nichts, der Mensch ist, was er ausscheidet, auch Sprache scheidet er aus. Er kommt aus dem Dreck, produziert Dreck und vergeht zu Dreck. Also ist alles Dreck – aber jeder Mensch hat seine Einbildung, seine Lebenswelt, seine Fantasie. Die wahnsinnige zeitlose Gedankenwelt des Werner Schwab. Gute Einblicke in Werner Schwabs Gedankenwelt gibt das Programmheft, ohne das man hier aufgeschmissen ist. Das absolut Gelungene ist: Es ist bitterböse und irgendwie ja inhaltlich besonders sinnlos, aber humorvoll und großartig inszeniert wird damit die Gedankenwelt des Werner Schwab aufs Tableau gebracht.

„Die Präsidentinnen“ ist eines der „Fäkaliendramen“ von Werner Schwab. Warum die drei Damen des Stückes „Präsidentinnen“ heißen? Keine Ahnung, sie sitzen in einer Küche! Der Titel „Die Präsidentinnen“ klingt irgendwie fast falsch, aus der Welt gefallen.

So geht es also „inhaltlich“ immer wieder um das Ausscheiden, um verstopfte Toiletten, zumindest in den sprachlichen Auswürfen einer der drei „Präsidentinnen“, den Auswürfen der Mariedl.

Nachdem sich Erna, Grete und Mariedl im Fernsehen die Übertragung einer Papstmesse angesehen haben, unterhalten sie sich über Gott und die Welt, in der Küche. Jede der drei Präsidentinnen lebt in ihrer Welt, in ihrer Fantasie. Das einzige, was zusammenhält, ist, dass die jeweiligen Auswürfe einer der Präsidentinnen Reaktionen der jeweils anderen beiden „Präsidentinnen“ in Form ihrer jeweiligen Auswürfe – und auch in brutalerer Form – hervorrufen.

Die geizige Erna sorgt sich um ihren Sohn Hermann, der lieber säuft als ihr ein Enkelkind zu schenken.Und sie fantasiert über den von ihr angehimmelten Fleischhauer Wottila, nicht zufällig mit Namen fast gleich fast demjenigen des damaligen Papstes Karol Woytila. Das Göttliche rahmt ohnehin alles ein. Alles ist böse. Die lüsterne Grete erzählt von ihrer psychisch verwirrten, in Australien lebenden Tochter Hannelore und schwärmt von ihrem Dackel Lydi. Und Mariedls große Leidenschaft ist es eben, verstopfte Klos mit bloßen Händen auszuräumen, wobei sie es zu einer wahren Meisterschaft gebracht hat. Kann man mehr Unsinn auf die Bühne bringen?

Die drei Frauen träumen von einem Fest, auf dem Grete einem Musikanten den Kopf verdreht und Wottila um Ernas Hand anhält, während Mariedl unter dem Jubel der Menge ohne Handschuhe die verstopften Klomuscheln reinigt, Dinge herauszieht, eine Dose Gulasch etwa. Mariedl lässt auch Hermann das Fest besuchen. Und so weiter, es gibt zumindest einen Verlauf an Ereignissen.

Mit herkömmlichen Worten lässt sich dieser Abend nicht im Geringsten einordnen. Was man allerdings sieht, ist – wie gesagt – großartig: Drei tolle Schauspielerinnen: Katja Jung, Myriam Schröder und Lisa Wagner. Wie sie hier fast verrückt und völlig überzeichnet agieren, in ihrem Aussehen, ihren Bewegungen, ihrer Sprache, ihrer fehlenden Mimik. Durch sie wird alles wie zu einer bösen Karikatur des (vor fast genau zehn Jahren verstorbenen) österreichischen Karikaturisten Manfred Deix! Ja, überhaupt Österreich – Manfred Deix und Werner Schwab mit Nähe zu Thomas Bernhards bösem Blick auf alles, bei Werner Schwab ist es nur noch deutlich „zerstörerischer“, er hat einen brutaleren Blick auf den Menschen, der Mensch und Kommunikation ist bei ihm fast nichts wert.

Des Weiteren sieht man: Das Bühnenbild und die Kostümierung, ebenfalls wirklich großartig! Alles ist auch hier überzeichnet, eine aufgedunsene und bunte Welt! Die karge Küche mit sinnloser Leiter nach oben ist eingerahmt in einem bunten vielleicht zehn Meter hohen Heiligenhäuschen, einem „Marterl“. Das wiederum ist mit Lämpchen bestückt, wie ein Spielautomat. So scheinheilig ist die Welt. Dazu die fast Comic-hafte Farbgebung des Inneren des Marterls und der Kostüme, siehe die Fotos.

Also: Hier ist eine wirklich in Allem großartige Inszenierung des – zumindest weiter zurückblickend, soweit ich kann – nicht selten inszenierten Werkes von Werner Schwab, in der dessen schwer verständliche oder auch fast schwer verdauliche Blick auf „Mensch und Sprache“ Gegenstand wird, – was man so mit sehr viel Humor gerne ansieht.

Hier sind noch zwei Fotos:

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters: https://www.residenztheater.de/stuecke/detail/die-praesidentinnen

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld

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THEATER: Annie Ernaux – Das Ereignis

Davor war er eher in Richtung Philosophie unterwegs, „formale Logik“ war sein Thema gewesen. Dann ging es weg von der Logik und hin zu Text und Theater. Am Theater arbeitete Necati Öziri als Dramaturg, schrieb mit erstaunlichem Erfolg eigene Theaterstücke und Bücher, in Zürich hat z. B. Christopher Rüping 2022 seinen Theatertext „Der Ring des Nibelungen“ inszeniert. Sein Roman „Vatermal“ wiederum schaffte es dann bis in die Shortlist des Deutschen Buchpreises. 2018-2022 war er Leiter des internationalen Forums des Berliner Theatertreffens. Also interessant!

“Das Ereignis“ ist (natürlich) ein autobiografischer Text der französischen Nobelpreisträgerin Annie Ernaux. Es geht um die Abtreibung, die Annie Ernaux im Alter von 23 Jahren durchführen ließ. Sie war ungewollt schwanger und wollte auf keinen Fall das Kind bekommen. Damals zumindest, manchmal hört es sich fast so an, als würde sie es im Nachhinein – als sie es schrieb, war es 30 Jahre später – fast bereuen, so genau wie sie es beschreibt. Aber im Ganzen schildert sie ja die damalige Situation der 23-jährigen Annie Ernaux, das ist ja auch bei anderen Texten ihr Weg, die Dinge aufzuarbeiten.

Abtreibung war damals strafbar, war auch gesellschaftlich noch ganz anders gesehen. Der schwere Weg der jungen Annie Ernaux überhaupt hin zu einer Möglichkeit, abtreiben zu können. Die Zeitspanne zwischen dem Erfahren von der Schwangerschaft und der Abtreibung! Sie und ihre Umgebung in dieser Zeit! Die Reaktionen damals! Ihre Versuche. Die Widerstände, ihre Erfahrung damals! Das Gefühl, dadurch von der Welt abgetrennt zu sein. Das will sie schildern! Sehr eindrücklich, sehr schonungslos, bis hin zur genauen Beschreibung des abgetriebenen Fötus‘ in ihren Händen und in der Zwiebacktüte, bevor sie ihn ins Klo wirft. Schrecklich und ein schweres ethisches Thema bleibt es ja immer, egal ob strafbar oder nicht. Manch ein kleiner Satz des Textes ist sogar dann, wenn man ihn liest, fast noch eindringlicher, als wenn er nur kurz geäußert wurde. Zu Beginn wird es sehr persönlich, Eva Bay spricht kurz mit einzelnen ZuschauerInnen und „holt uns damit ab“.

Die Inszenierung ist aufs Äußerste reduziert. Es ist fast keine Inszenierung, könnte man meinen: Die Schauspielerin Eva Bay spricht den Text (eine Übersetzung des französischen Originals „L‘événement“, von Sonja Finck) emotional sogar eher zurückhaltend, auf leerer, dunkel gehaltener Bühne (im Werkraum), selber sehr neutral, eher streng gekleidet, fast zu jung auch für die (als sie es schrieb) fast 60-jährige Annie Ernaux.

Nur zwei kleine „Eingriffe“ des Regisseurs gibt es dabei: Auf der Videowand im Hintergrund liest man manchmal einen der damaligen Tagebucheinträge von Annie Ernaux. Und: Kurz spricht Eva Bay manchmal in ein am Rand stehendes Mikrofon, wenn sie zusätzlich aktuelle Gedanken der Schreiberin Annie Ernaux zum Text widergibt – was eigentlich untypisch ist für Annie Ernaux’ Herangehensweise an die Vergangenheit.

Dass sie am Ende „stolz“ ist, es endlich so niedergeschrieben und geschildert zu haben, ist eigentlich eher ihre Sache. Andererseits: Sie äußert, diese schwere Phase bis zur Abtreibung musste genau beschrieben werden! Nur darum ging es ihr! Nur das sei sie der Sache schuldig – was allerdings etwas nüchtern klingt. Es ist ohnehin meines Erachtens nicht der stärkste Text von Annie Ernaux.

Kein leichtes Stück jedenfalls, das sich Necati Öziri herausgesucht hat oder das er hier übernommen hat für seine erste Inszenierung. Bei diesem Text konnte er sich eigentlich nur extrem zurückhalten. Genau das passt, man darf aber auf Weiteres und Anderes von Necati Öziri gespannt sein.

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/50067-das-ereignis

Copyright des Fotos: Sima Dehgani

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THEATER: Michail Bulgakow – Meister und Margarita

Dieser zugegeben sehr komplizierte und sehr umfangreiche Roman ist nun an den Münchner Kammerspielen auf die Bühne gekommen. In der Inszenierung folgt man zusätzlich sogar einem Sprung hin zu den Rolling Stones: „Sympathy for the Devil“!

Es ist eine Inszenierung von Jette Steckel, deren letzte Münchner-Kammerspiele-Inszenierungen „Die Vaterlosen“ (2023) und „Mephisto“ (2025) jeweils zum Berliner Theatertreffen eingeladen waren. Ihre Inszenierung von „Meister und Margarita“ ist natürlich – trotz ihrer knapp über vier Stunden Dauer – „nur“ eine kurze Version dieses Mammutwerkes, aber sie ist beeindruckend.

Denn wie im Roman: Der Wahnsinn, der sie alle durch das Erscheinen eines „Teufels“ (Professor Woland) erfasst, lebt sich in jeder Hinsicht gut inszeniert aus, das muss erst einmal gelingen. Man folgt einem Theaterwerk der Dunkelheit, der Verwirrung, man spürt den Wahnsinn des Romans, er schwappt kurz sogar – in gewagter Form – auf die Maximilianstraße hinaus. Der Roman – 1940 war er zu Ende gebracht – war in Russland lange Zeit verboten und kam erst 1966 in erster, verkürzter Fassung zur Veröffentlichung. Im – sehr hilfreichen – digitalen Programmheft zur Inszenierung heißt es:

Auf eine unzensierte Version musste die sowjetische Leserschaft bis 1973 warten; …. Erst in den 1990ern kam in Russland der millionenfache Druck, und Der Meister und Margarita wurde vor allem unter jungen Menschen zum Kultbuch.

Verboten war der Roman zunächst eben, weil er die damaligen stalinistischen Zeiten völlig auf den Kopf stellte und damit intensiv kritisierte. Natürlich erkannte man in jeder Szene Systemkritik, Bulgakow lebte wahrscheinlich in unvorstellbarer ständiger Angst, unter massivem Druck, unter strenger Zensur etc. Zahlreiche seiner anderen Werke wurden verboten.

Zur Inszenierung: Das dunkle Bühnenbild dieser Inszenierung ist immer wieder ein Hingucker: Sowohl bei Pontius Pilatus‘ (hervorragend Edmund Telgenkämper) Gesprächen mit Jesus (auch hervorragend Erwin Aljukić), als auch im Hauptteil der Inszenierung, in dem riesige Kettenvorhänge Räume schaffen und in dem diese Kettenvorhänge immer wieder den Eindruck von Traum und Wahnsinn schaffen und gut ausdrücken (Bühne: Florian Lösche).

Auch die Besetzung ist hier wieder eine Freude! Hervorgehoben seien aus meiner Sicht Edmund Telgenkämper und Erwin Aljukić, ohne andere nur irgendwie schmälern zu wollen. Auffallend ist daneben noch, dass Linda Pöppel, die man mit ihrer naturgegebenen immensen Bühnenpräsenz eher vom Deutschen Theater Berlin her kennt, dieses Ensemble bestens ergänzt. Man kann nur hoffen, dass sie öfter … Es ist von allen ein Fest der Spielfreude.

Einzig eine Art Showeinlage in Sachen Hypnose (ein großes Thema des Romans) nach der Pause wird etwas langatmig.

Der Kenner mag im Roman zusätzlich viele kleine Einzelheiten erkennen, auch Verbindungen zu Goethes Faust. Wohlan zum Buch! Mein Fazit zur Inszenierung: Man muss wissen, man sieht insgesamt hier schlicht die (wie gesagt sehr spielfreudige) Inszenierung eines russischen Klassikers der Weltliteratur, Bezüge zur heutigen Zeit braucht man nicht zu suchen, soweit sind wir nicht, dass Systemkritik nur noch in der Form einer Geschichte reinen Wahnsinns möglich wäre. Es bleibt somit ein sehr gelungener Abend für Theaterfreunde, die sich einfach mal gerne mit allen möglichen Emotionen (ernsten und heiteren) in einer wilden Geschichte mit wunderbarer Besetzung bei immer spannender Inszenierung durch einen langen Abend ziehen lassen möchten.

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/42859-meister-und-margarita. Geht momentan nicht anders.

Hier noch ein Foto, Linda Pöppel als Margarita:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic

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THEATER: Eurydike und Orpheus

Das Thema: „Der Mensch und die Unsterblichkeit“: Könnten wir Unsterblichkeit überhaupt ertragen oder hoffen wir gar auf Unsterblichkeit? Folgt Orpheus aus Liebe der tiefgefrorenen Eurydike? Die hatte ja nach genauer Vorhersage nur noch eine Stunde zu leben. Wollen und könnten wir aber mit unendlicher Liebe überhaupt etwas anfangen? Könnte Liebe überhaupt unendlich funktionieren? Oder leben wir künftig zumindest „seelisch“ als Digitalversionen unendlich fort? Werden wir dadurch unsterblich? Seltsame Fragen. War das hier bei „Eurydike und Orpheus“ ein Blick in die Zukunft?

Auf den Inhalt gehe ich diesmal kaum ein (siehe unten den Hinweis auf das digitale Programmheft). Es kommt selten vor, ganz subjektiv muss ich aber sagen: Dieser Abend hat mich schon formal geradezu erschrocken. Anderen mag es anders gehen. Ganz formal also:

  • Es war ein Abend mit ausschließlich „gesungenem“, ganz einfach gehaltenem Text (Libretto Robert Bolesto), begleitet von durchgehend fast schmerzhaft atonalen Klängen (Musik: Jan Duszyński). Sehr anstrengend. Es sind ja SchauspielerInnen, nicht SängerInnen. Ich würde eher in die Oper gehen, wenn ich einen ganzen Abend lang Gesang hören möchte.
  • Vorab noch: Aus dem bekannten griechischen Mythos „Orpheus und Eurydike“ umgedreht „Eurydike und Orpheus“ zu machen ist schon nicht sehr originell. Auch wenn hier Eurydike im Mittelpunkt stehen soll, es bleibt eine recht abgehalfterte Verdrehung, zu simpel.
  • Dazu noch: Sowohl Orpheus als auch Eurydike als weibliche Person zu bringen, ist genauso wenig originell. Diese – ich sage mal – „Mode des Theaters“ hätte hier wahrlich nicht schon wieder eingesetzt werden müssen. Manchmal mag es Sinn machen, verständlich sein, hier erschließt es sich mir nicht. Loslösung von der mythologischen Liebesgeschichte um Orpheus und Eurydike? Aber das Stück hier heißt doch – fast – so! Zumindest hätte Orpheus dann wenigstens „Orphea“ heißen müssen, wenn man die lateinischen Namen zugrunde legt. -us ist Maskulinum, -a ist Femininum.
  • Hades, den Gott der Unterwelt, dann auch noch weiblich zu besetzen, lässt mich nur fragen: Warum das denn? Auch Cerberus – überdeutlich martialisch gekleidet – war weiblich besetzt! Wie originell! Macht das irgendwie alles Sinn? Habe ich es alles nicht verstanden?
  • Auch das: Hades komplett in schwarz gekleidet zu bringen, schwarzer Hut mit breiter schwarzer Krempe: Wie einfallsreich! Es ist eher eine fast beleidigende Einfachheit der Darstellung.
  • Auch die anfängliche Kostümierung von Eurydike und Orpheus – siehe das Beitragsbild oben – wirkte ungeschickt, uninspiriert und billig. Eher unförmige Nachthemden. Nun gut.
  • Dann das Bühnenbild: Das Halbrund der Bühne (eine mit Gesteins und Eismassen dunkel bemalte halbhohe Wand) sollte vielleicht die Unterwelt darstellen. Oberhalb gab sie den Blick auf eine große wohl aufgehende Sonnenscheibe frei, die auch als Projektionsfläche für teils seltsame Videos von hinter der Bühne dient. Auch das wirkte schlicht gewollt. Vielleicht ist alles eben eine Budgetfrage, war meine Überlegung.
  • Vor allem aber: Das gesamte zweistündige Verhalten der SchauspielerInnen auf der Bühne wirkte (vielleicht absichtlich) von A bis Z gewollt, gekünstelt, nicht frei, nicht emphatisch, nicht beeindruckend. Man sah ein sehr gewolltes Gestelze, alle SchauspielerInnen waren in einem fürchterlich engen Korsett. Theater aus einer anderen Zeit (hoffentlich nicht aus künftiger Zeit). Oder sollte dadurch vielleicht eine besonders „abstrakte“ und „gekünstelte“ Stimmung entstehen als Besonderheit der Inszenierung? Das wiederum könnte ja dem fern liegenden Thema des Abends (die Unsterblichkeit, der Tod bloß als „Krankheit“, das Einfrierenlassen für eine krankheitsfreie Zukunft, die menschliche Seele als Digitalspeicherung endend) entsprechen.
  • Und und und ich könnte fortfahren.

Fast verärgert habe ich so die Kammerspiele an diesem Abend verlassen. Theater kann auch mal viel Kritik bekommen. Ich hatte möglicherweise einen übertrieben kritischen Blick, kommt vor. Es mag anderen anders gehen, selber ansehen! Aber mir erschien alles unglaublich gewollt. Mir nur, vielleicht – oder wahrscheinlich? – anderen nicht! Schade, kommt aber eben vor! So ist Theater.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele mit einigen INHALTLICH doch schön weiterführenden Beiträgen im digitalen Programmheft. Sollte man vielleicht davor lesen …

Copyright der Bilder: Julian Baumann

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THEATER: Constance Debré – Love me tender

Regisseurin Felicitas Brucker hatte in den letzten Jahren mehrfach Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen: „Nora“, „Die Freiheit einer Frau“ (wieder am 13.03.), „Baumeister Solness“, „Die Politiker“. Jetzt hat sie den autobiografischen Roman „Love me tender“ der französischen Autorin Constance Debré umgesetzt, der 2020 erschien.

Neben allem Text des Romans: Die drei Schauspielerinnen singen, tanzen, laufen, weinen, schreien … in diesen fast zwei Stunden … alles. Annette Paulmanns erste Worte zeigen dabei den Inhalt des Abends an, es sind Constance Debré’s Worte:

„Warum sollte die Liebe zwischen einer Mutter und einem Sohn nicht genau wie jede andere sein? Warum sollten wir uns nicht trennen können? Warum sollten wir nicht aufhören können einander zu lieben?  Warum müssen wir uns unbedingt lieben, in und außerhalb der Familie, und warum müssen wir uns selbst und anderen immer wieder davon erzählen?“

Darum geht es: Eine Mutter will ihre Freiheit leben, will alles hinter sich lassen, alle gesellschaftlichen Konventionen, gibt alles auf, lebt sexuell fast wahllos lesbisch, nach zwanzig Jahren Ehe. Sie hat aber einen Sohn und von dem gibt es wohl kaum einen „Rückzug“. Doch, es gibt ihn, zunächst erzwungener maßen: Der Vater des Sohnes namens Paul verhindert nämlich immer wieder Pauls Kontakt zur Mutter und sie, die Mutter, verkraftet den fast totalen Verlust des Kontaktes zum Sohn (der noch dazu vom Vater beeinflusst wird) nicht. Natürlich nicht. Die Justiz hilft ihr überhaupt nicht. Aber auch das ist möglich: Will sie vielleicht sogar auch die besondere Bindung zum eigenen Sohn zugunsten ihrer Freiheit aufgeben? Beides vielleicht. Sie steckt in einem Dilemma. Was macht man da? Die eigene Freiheit leben oder sie doch wieder aufgeben, sich den „Regeln“ beugen? Sind die Schmerzen, die mit der gewünschten eigenen Freiheit verbunden sind, zu groß?

An einigen Stellen wirkt die Inszenierung der Bühnenfassung von „Love me tender“ bei diesen schweren Fragen – ganz anders als Felicitas Bruckners bisherige Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen – allerdings etwas gewollt und übertrieben, vielleicht auch ist der Roman von Felicitas Brucker zu wenig gekürzt und pointiert worden. Mir ist nicht alles klar geworden. Und was nicht aufkommt: Der Gedanke der Einsicht zB des Vaters oder des Sohnes mit dem Lebensumbruch der Mutter. Das wiederum mag für solche Fälle ein wichtiges Element sein, in der Suche nach Lösungen. Aber es geht eben nicht nur um die Lösung eines Einzelfalles, sondern um Existenzielles: Was bremst die Freiheit aus? Kann Liebe bremsen? Überhaupt: Freiheitsdrang einerseits und Verlust andererseits … und so.

Fazit: Drei herausragende Schauspielerinnen auf dieser so lässigen kleineren Bühne der Münchner Kammerspiele, das hat was, aber dazu etwas viel Aktionismus (Einsatz von Musik, Videowände auf der Bühne, große Liveaufnahmen an der Rückwand, Gesang, Rap, Licht, Nacktheit, Körpereinsatz mal so mal so und und und …), eine ruhigere Erzählweise hätte mir an mancher Stelle geholfen bei den so existenziellen Fragen des Romans. Trotzdem: So geht es auch gut, zumal bei der so starken und überzeugenden Besetzung!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

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THEATER: Otto-Falckenberg-Schule – Anna, Mascha und Julia

Die Studierenden des 3. Schauspieljahrgangs der Otto Falckenberg Schule, der Schauspielschule der Münchner Kammerspiele, haben sich nun in ihrer in gewisser Weise inhaltlich anspruchsvollen Abschlussinszenierung mit einigen der bekannten Werke Anton Tschechows gleichzeitig beschäftigt. Mit „Onkel Wanja“, „Die Möwe“, „Iwanow“, „Der Kirschgarten“. Auch in diesen Werken geht es bekanntlich um Tschechows fürchterliche, immer unlösbare Frage: Warum lebe ich? Was ist Liebe? Was macht das Leben aus? Warum ist es so schwer, glücklich zu sein? Das haben sie herausdestilliert aus diesen Werken, vor allem mit Blick auf weibliche Personen in den Stücken, damit haben sie letztlich Anton Tschechow dargestellt.

Sie haben es interessant gemacht, zu sehen ist es noch einmal am 27. Februar. Die Personen der oben genannten Werke sind dabei immer wieder im Gespräch mit Anton Tschechow persönlich, der zusammen mit seiner Schwester Mascha auf der Bühne der Therese-Giehse-Halle erscheint, sich einmischt, gefragt wird und sich auch Gedanken über sein Thema, Leben und Liebe, in seinen Personen macht. Die DarstellerInnen der Personen der Werke Tschechows treten auch teils aus sich heraus, sind dann die SchauspielerInnen und Schauspieler selbst.

Auch der Darsteller von Anton Tschechow (Luis Brunner) tritt aus seiner Rolle heraus und sagt etwa:

Und dann dachte ich mir: gehts in seinen Texten nicht genau darum?
Dass wir alle Menschen mit Wünschen, Ängsten und Sehnsüchten sind und wir können es uns nicht aussuchen, wer wir sind und was wir wollen und wir versuchen krampfhaft unser Leben lang irgendwie das Beste draus zu machen, aber wissen einfach nicht wie?

Mein Eindruck: Diese Befassung der 3. Schauspieljahrgangs der Otto Falckenberg Schule mit Anton Tschechow und seinem großen Thema hat etwas! Sie könnte sogar etwas für Christopher Rüping sein! Ich sehe es vor mir, in einer für ihn so typischen Inszenierung: Auf großer leerer Hauptbühne, mit Livemusik, die gewählte Zusammenstellung der Personen aus Tschechows Werken, … es würde gut passen (Die Inszenierung der Arbeit der Otto-Falckenberg-Schule entstand unter der Regie der schon recht erfahrenen und erfolgreichen Regisseurin/Performerin/Theaterleiterin Lizzy Timmers).

Inhaltlich ist es natürlich – ganz nach Anton Tschechow – recht traurig. Nicht nur Anton Tschechow war schließlich mit sich und seinen Werken nicht zufrieden, auch alle anderen Personen, die hier aus den Werken von Anton Tschechow auf der Bühne erscheinen, scheitern an oder hadern mit ihren Problemen, Sehnsüchten, Situationen, unerfüllten Wünschen, unerfüllter Liebe vor allem, an ihren Zweifeln … Traurig aber wahr! Einfach wahr – wie der riesige Mond, der (auch passend, Bühne Bettina Kirmair) über allem schwebt, fast etwas viel, aber lohnenswert!

HIER der Link zur Stückeseite.

Copyright des Fotos: Judith Buss

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Allgemein Gesehen und gehört

THEATER: Die beiden großen Münchner Theaterhäuser – Kleineres und zweite Besuche

  1. Zusammenfassung:

JCOM: Mendele Lohengrin:

An den Münchner Kammerspielen ist es am 8. Februar wieder zu sehen. Jüdische Klezmermusik trifft auf Richard Wagner. Ein Dilemma, Wagner war Antisemit. Erzählt wird die Geschichte eines jüdischen Musikers, der in Wien erstmals Richard Wagners Lohengrin hört und völlig verblüfft ist von dieser umwerfenden Musik! Heinrich York-Steiner schrieb 1898 die Geschichte von Mendele, Stefan Merki liest den Text, Ethel Merhaut singt dazu, das Orchester des Jewish Chamber Orchestra Munich spielt dazu ein Konzert, das hauptsächlich von Klezmermusik getragen ist, aber auch Wagners Lohengrin und anderes anklingen lässt. Was soll Mendele machen? Die umwerfende Musik Wagners verachten wegen seines Antisemitismus? Aufhören mit Musik? Ist Musik von allem losgelöst?

HIER der link zur Stückeseite.

Rania Mleihi: My personal ten years – Wir schaffen das:

An den Münchner Kammerspielen ist es am 8. Februar wieder zu sehen. Sehr persönlich erzählt Rania Mleihi vor allem mit Bildern und Videos auf der Leinwand. Die syrische Theatermacherin Rania Mleihi sitzt davor an einemTisch, wortlos bastelt sie mit Sand. Es ist ihre eigene Biografie vor dem Hintergrund zweier historischer Ereignisse: Angela Merkels „Wir schaffen das“ und dem jüngsten Umbruch in Syrien nach der Flucht von Diktator Bashar al-Assad. Nähe und Ferne, Heimat und Flucht, Familie und Trennung, wann lebt man vor diesem Hintergrund wirklich in Deutschland. Viele spannende Fragen, die m. E. schwer erkennbar Antworten finden, die bleibende Zerrissenheit der geflüchteten Syrerin bleibt hier das Thema.

HIER der link zur Stückeseite.

Manfred Zapatka: Lesung „Beton“ von Thomas Bernhard:

Hierzu gibt es leider derzeit keinen weiteren Ausführungstermin. Aber das Residenztheater bringt ja immer wieder gerne etwas von Thomas Bernhard. Zuletzt Minetti, ebenfalls mit Manfred Zapatka. HIER.

Die Lesung aus Thomas Bernhards „Beton“ hat es etwa nur zur Hälfte geschafft, das Residenztheater zu füllen. So viele Fans von Thomas Bernhard gibt es wohl doch nicht, obwohl er immer empfehlenswert ist und bleibt! Seine Theaterstücke! Seine Romane! Er ist und bleibt einzigartig! Er schreibt so subjektiv – auch in „Beton“ natürlich -, fast absurd, aber doch erkennt man sich ständig, wenn man ehrlich ist. Manfred Zapatka liest ihn wunderbar! Die Bernhard’sche Kunst, ständig über banale Dinge zu schreiben und doch mehr zu sagen: Zapatka gelingt es wunderbar, sie in seiner Lesung zu zeigen, was nicht leicht ist!

HIER der link zur Stückeseite.

2. Anregungen für noch Laufendes:

Wiederholungen, erneute Besuche von Stücken, die ich bereits gesehen habe und gerne ein zweites Mal sehen möchte, sind meist sehr lohnend. Es beginnt morgen, Mittwoch den 04.02., an den Kammerspielen mit Mephisto von Klaus Mann, das zum diesjährigen Theatertreffen in Berlin eingeladen ist. HIER der Link zur Stückeseite.

Für erneut sehenswert halte ich außerdem an den Kammerspielen etwa Wachse oder weiche, Sauhund, Katzelmacher und Wallenstein und am Residenztheater etwa Drei Schwestern, das ebenfalls (2017) zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, HIER, Kasimir und Karoline, Warten auf Godot und 77 Versuche, die Welt zu verstehen.

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THEATER: Avishai Milstein – Play Auerbach!

  • Eine Gruppe von „Laienschauspielern“ möchte ein Theaterstück zum 100-jährigen Ende des Zweiten Weltkriegs spielen, eine „Philipp Auerbach Revue“. Nur „Play“, nicht alles wieder aufwühlen. Warum hat man eigentlich von Philipp Auerbach noch nichts gehört? Es gibt in München nicht einmal eine Auerbachstraße (HIER der Link zu einer Initiative für eine Straßenbenennung, verlinkt auch auf der Website der Münchner Kammerspiele). Sein Engagement für die aus den KZ’s befreiten, nach Deutschland/München zurückkommenden Juden war sagenhaft, sein Schicksal war letztlich traurig und jahrelang durch KZ’s schrecklich. Er hat mehrere KZs überlebt, er blieb aber nach dem Zweiten Weltkrieg in München, wohnte in der Holbeinstraße, wurde 1945 von den Amerikanern als „Staatskommissar für rassisch, politisch und religiös Verfolgte“ in München eingesetzt, 1952 beging er Selbstmord – nach einer Verurteilung durch die bayerische Justiz. Seine Worte in einem Abschiedsbrief: „ Ich habe bis zuletzt gekämpft, es war umsonst …“. So wird es vorgelesen.
  • „Play Auerbach!“ ist Teil eines Projektes an den Münchner Kammerspielen zum jüdischen (Über)Leben nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Grunde macht die Bezeichnung des Projektes „Wohin jetzt?“ etwas unsicher. (HIER der Link zur Projektseite, es gibt Termine im Dezember). Werden wir in unserer Erinnerungskultur mit diesem Titel „Wohin jetzt?“ nicht etwas fehlgeleitet? Geht und ging es denn nur um eine „Ortsfrage“, um das „Wohin jetzt“? Muss es für das jüdische Überleben damals nicht eher heißen „Wie jetzt überhaupt weiter“. Denn wie oder warum sollte man als Jude nach den unvorstellbaren KZ-Erfahrungen („Die Hölle auf Erden“ heißt es in Play Auerbach) überhaupt noch weiterleben. „Wo“ man leben könnte/wollte war natürlich auch die Frage, aber die Frage „Wohin“ verharmlost es schon wieder ein wenig. Auch eine Frage der Orientierung. Philipp Auerbach jedenfalls schaffte es bis 1952. Mit wie gesagt unglaublichem Engagement für die zurückkehrenden „Displaced Persons“. Sehr gut gespielt von Samuel Finzi – er als ein Fremdkörper in der dadurch verwirrten Antisemitismus-Projektgruppe „Play Auerbach“. Auerbach hatte alles gegeben für seine Vision, in Deutschland könnten nach dem Zweiten Weltkrieg Juden und Deutsche doch noch zusammenleben!
  • Die Inszenierung ist eine Auftragsarbeit des Autors Avishai Milstein, geboren 1964 in Tel Aviv (Regie: Sandra Strunz). Milstein reißt einen insgesamt fast Minute für Minute in die Orientierungslosigkeit/Verunsicherung: Aber genau das will er! Ein ständiger letztlich bissig daherkommender Wechsel, eine fast schwer zu trennende Mischung von „Humor“ und bitterem Ernst. Noch dazu ist das Geschehen auf der Bühne verlegt in das Jahr 2045, 100 Jahre nach Kriegsende! Auch das ist ein Aspekt für Orientierungslosigkeit, Verunsicherung, denn wir wissen wirklich nicht, was sein wird (Michel Friedman etwa sagte kürzlich an selber Stelle im Gespräch mit Harald Lesch: „In zehn Jahren leben wir nicht mehr in einer Demokratie“ …).
  • Die Gruppe von „Laienschauspielern“ möchte also ein Theaterstück spielen. Vor allem Wiebke Puls zeigt als „Beate“, die Regisseurin der Truppe, dabei großartig fast ein unbekanntes hinreißendes Persiflage-Gesicht. Köstlich! Alle spielen es großartig, nur sie ist in einer lustigen Rolle, alle anderen spielen ernst. Sie sind alle verunsichert, nicht nur die Zuschauer. Es macht seit einiger Zeit immer wieder Freude, das immer besser werdende Ensemble der Münchner Kammerspiele zu sehen! Auch klasse etwa der Gesang von Annika Neugart als Therese Giehse.
  • Insgesamt: So verunsichert habe ich lange kein Theaterstück verlassen! Aber genau darauf sollte es hinauslaufen! Bitterböse im Grunde und gleichzeitig ummantelt von einer lustigen Rahmenstory. Das Lachen konnte einem an den Lippen gefrieren – nicht nur danach wegen der Kälte draußen, sondern schon während der Aufführung, auch wenn die teilweise Überladung (Auftritt Therese Giehse und Otto Falckenberg etwa …) es nicht immer leicht machte. Lehrreich war es damit allemal und sollte es für jeden sein: „Alles vergessen?“ Wir gehen – und gingen – nicht nur bei der Aufarbeitung/Erinnerung an die Nazigreuel oft an der Sache vorbei, wollen die Realität nicht wirklich unter uns haben. Michel Friedman hatte zum Thema „Lüge“ im Gespräch mit Harald Lesch dementsprechend auch allgemein gesagt: „Wir belügen uns vor allem gerne selbst!“ Das trifft es! Und Orientierungslosigkeit – bei mir die Folge des sehr gelungenen Abends – ist ja Kern der Situation der jüdischen Heimkehrer damals gewesen.

Hier noch ein Foto (Therese Giehse singt):

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele, die zu vielen weiteren Inhalten führt.

Copyright der Fotos: Julian Baumann

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THEATER: Frei nach Ödön von Horváth – Glaube Liebe Roboter

Es ist eine Inszenierung, bei der Manches nicht leicht erkennbar ist. Die ja recht bekannte Geschichte des Originals „Glaube Liebe Hoffnung“ von Ödön von Horvath etwa erkennt man verständlicherweise kaum, sie ist ja überschrieben, sie kommt nur immer wieder bruchstückhaft vor. Aber auch die von Bonn Park in seiner Inszenierung „Glaube Liebe Roboter“ darüber gelegten Gedanken und Ideen erkennt man nicht leicht.

Lange sieht man sich dem chaotischen, erstaunlich „altbacken“ wirkenden (Bühne von Daniela Zorrozua) Labor gegenüber, in dem aus Menschen Roboter gemacht werden. Auch Elisabeth verkauft – wie in Horváths Original „Glaube Liebe Hoffnung“ – ihre Körperteile an das Labor, bei Bonn Park wird sie dann später zu „Elisabot“. Verhandelt wird bei allem das Thema: „Wie sollen wir stehen zur Zukunft? Brauchen wir/wollen wir Fortschritt? Freude? Angst? Unsicherheit? Können wir etwas aufhalten?“ So in etwa. Viele Fragen, viele Reaktionen.

Am Ende wird alles relativ klar, weil sich alle noch einmal emotional mit fast melancholischem Gesang vor dem Publikum gemeinsam ins Zeug legen (Song von Dagobert) und die Zuschauer – ausverkauft – mit einer Art Stimmungsbild (der Jugend vor allem) nach Hause schicken! Es heißt: „Alles ist verzwickt“! Tja, so ist es! Gott sei Dank kann man es nicht nur negativ sehen.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Volkstheaters. Nächste Vorstellung ist am Donnerstag (4.12.).

Hier ein Trailer:

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Arno Declair.

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THEATER: Caren Jeß – Heartship

Die intime und nahe Atmosphäre im Marstall Salon (mit bis zu 40 ZuschauerInnen) lässt dieses „Duett“ durchaus als Solo erscheinen. „Heartship“ ist die erste Produktion im Marstall Salon gewesen. Sara und Ann sind grundverschieden, es entsteht aber eine besondere Nähe zwischen beiden. Letztlich erzählt Ann, sie habe ihr Verhältnis zueinander einmal „Heartship“ genannt. Es kommen ja einige Begriffe in Betracht: Friendship, situationship, relationship, polyfidelity, Bekanntschaft, Beziehung, Romanze, Liebe, Affaire, Seitensprung und und und. Jedes Verhältnis ist dabei anders, nichts passt, es gibt zu wenig Begriffe, da kommt Ann eben auf „Heartship“. Das ist – es gibt noch einen anderen Zusammenhang – die Idee des Titels.

Inhaltlich ist das Verhältnis der beiden zueinander – wie gesagt – von großer Unterschiedlichkeit der beiden geprägt. Das ist „Heartship“ inhaltlich: Sara ist die unkonventionelle Selbstoptimiererin, die Probleme am liebsten gegen die Wand schmettert, ohnehin überall in der Gesellschaft zuviel „Druck“ sieht, und Ann ist die Frau mit vertuschten Problemen, die sie nicht los wird, die sie nur verdrängt: Eine frühe Vergewaltigung, jetzt wieder ein Kollege, der ihr zu nahe kommt, schon länger ihre „Selbstverletzungen“. Sie müsse selber damit zurecht kommen, ist ihre Losung. Aber darüber reden beide im Laufe der Zeit, ohnehin hält Ann (in einer Bar namens „Heartship“!) gerne Reden über das nötige Ende das Patriarchats.

Der Text von Caren Jeß (eine Auftragsarbeit des Residenztheaters) will viel, er schafft es aber m. E. nicht ganz, er bleibt zu unpräzise, ist eben auch sehr schnell in der Darstellung der Entwicklung des Verhältnisses beider zueinander. Aber man kann nicht alles haben! „Heartship“ ist jedenfalls – ohne viel „Bühneneinsatz“ – eine kurze Kontroverse vor allem zum Thema: Wie gehe ich mit Problemen aus der „feministischen Ecke“ um? Vergewaltigung, Annäherung, Bedrängung … . Kann ich es mit „Selbstbefreiung“ o. ä. schaffen? Dazu kommen Saras Gedanken zu Patriarchat, Druck an allen Ecken im Leben etc.

In der Kürze der Zeit bleibt es eine „Story“, es sind ja auch große Themen – auf der schönen kleinen Bühnenfläche und dem Cafe/der Bar des Marstall Salons.

HIER der Link zur Stückeseite von „Heartship“ auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Adrienne Meister