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THEATER: Leonie Böhm – Schwestern nach Anton Tschechow

Es ist schon ein paar Tage her, am vergangenen Donnerstag den 15. April war die Onlinepremiere. Ich sehe noch keine weiteren Termine in der Planung des Schauspielhauses Zürich, es wird aber sicherlich nicht bei dieser einen Aufführung bleiben. Leonie Böhm hat wieder etwas inszeniert, diesmal zusammen mit dem Schauspieler Lukas Vögler. Er ist es auch, der den Monolog hält, dem man folgen konnte.

Der Monolog geht zurück auf das bekannte Drama „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow. Gerade erst hatte Leonie Böhm am Schauspielhaus Zürich das Stück Medea* inszeniert. Auch das war weitgehend ein Monolog. Wie üblich, hat Leonie Böhm auch hier, bei „Schwestern“, nicht das Interesse, die Handlung des Dramas „Drei Schwestern“ irgendwie wiederzugeben. In Monologform natürlich erst recht nicht. Nein, es werden wieder einzelne Gedanken aus dem Drama Drei Schwestern herauskristallisiert. Diesmal sind diese Gedanken sogar nicht einmal deutlich im Roman angelegt. Es geht um den Gedanken: Braucht der Mensch einen anderen Menschen? Kann er nicht einfach aufwachen und sagen: Ja, das bin ich!

Es ist insoweit ein sehr aktuelles Thema, wahrscheinlich sogar aus der derzeitigen Situation heraus geboren. Inwieweit brauchen wir andere Menschen? Wir müssen uns wegen Corona zurückziehen, wir müssen uns isolieren, wir haben kaum Gelegenheiten, uns mit anderen Menschen zu konfrontieren. Lukas Vögler spricht es zu Beginn seines Monologes auch deutlich an: Auch der Zuschauerraum des Theaters ist leer!

Lukas Vögler spricht als Bruder der Drei Schwestern. Auf der Bühne ist nichts außer ihm und ein riesiger schwarzer Panther. Er selbst, Lukas Vögler, mit langen Haaren, Haaren, die bis über die Hüfte hinunter gehen, siehe das Beitragsbild oben. Er soll nicht irgendwen verkörpern, er steht für alle, undefiniert. Der Panther geht zurück auf das bekannte Gedicht „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke. Es ist ein so genanntes Dinggedicht, ein Gedicht des Naturalismus, es beschreibt einfach den – einsamen und gefangenen – Panther. Und der Leser – beziehungsweise hier der Zuschauer – kann sich seine Gedanken machen, kann überlegen, was die Situation des Panthers mit der Situation des Menschen zu tun hat. Das Gedicht:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
 
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
 
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Der Panther sieht nur Stäbe, auch die nicht mehr! Aber der Wille und das Herz! Das hat auch der Panther! Lukas Vögler verschwindet gegen Ende seines Monologs im Rachen des Panthers - so ist es gemeint.

Die Drei Schwestern, die bekanntlich abseits von Moskau leben, drehen sich bekanntlich im Kreis, Jahre vergehen. Sie brauchen aber irgendetwas, an dem sie sich reiben, aufzehren (können). Sie brauchen auch andere Menschen, scheint Tschechow zu sagen, Liebschaften entstehen, das mag auch der Gedanke sein, der Lukas Vögler und Leonie Böhm antrieb. Der Mensch kann nicht alleine sein. Daher auch der von Lukas Vögler gesungene Song „Ohne Dich“, ein Song der Gruppe Rammstein. Der Monolog von Lukas Vögler ist keineswegs tiefsinnig, aber er steigert sich gegen Ende der Inszenierung. Keine schauspielerische Höchstleistung, aber das muss und soll garnicht sein. Die Inszenierung ist in gewisser Weise ein „Schnellschuss“, der auf unsere derzeitige Situation eingeht! Aber ein Schnellschuss, der nicht deprimiert, sondern den Zuschauer doch mit einem guten Gefühl hinterlässt, Lukas Vögler spielt keinen „Verlorenen“, der sich etwa aufgibt.

HIER Der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhauses Zürich.

Copyright des Beitragsbildes: Gina Folly

THEATER: Leonie Böhm – Medea* nach Euripides, Livestream des Schauspielhauses Zürich

Medea: „Ich war von Liebe überwältigt … ich bin in tiefster Seele gekränkt … ich werde von Grund aus vernichtet … ich fühl garnichts mehr … hin ist das Vertrauen … ich kann das nicht begreifen … ich hab Angst … die Welt ist aus den Fugen … alles ist weggebrochen … ich geb auf … ich hab Angst vor Gewalt“. Dass sie dann ihre beiden Kinder tötet, ist nicht gesichert. Es ist die Erzählung des Mythos durch Euripides, andere sagen, die Korinther hätten die Kinder getötet und hätten Euripides Geld dafür gegeben, sein Drama eben anders zu schreiben, nicht von der Tat der Korinther zu berichten.

Ich gehe einmal davon aus, dass viele der sicherlich zigMillionen Leser dieses Blogs – verteilt über das weite Rund der Erde, vor ihren Bildschirmen sitzend und ständig auf bessere Zeiten und weitere Blogbeiträge hoffend – Theaterfreunde sind und den Namen Leonie Böhm kennen. Sie hat am Schauspielhaus Zürich „Medea*“ inszeniert, dort ist sie aktuell eine der HausregisseurInnen. Es war letzte Woche im Livestream zu sehen. Die Inszenierung wurde zum Theatertreffen Berlin 2021 eingeladen, das im Mai wieder stattfinden soll. Wie die Inszenierungen dort wiederum zu sehen sein werden, wird noch bekanntgegeben werden. Online? Präsenz? Wir werden sehen.

Es geht – wieder einmal bei Leonie Böhm – nicht um die Darstellung der bekannten Geschehnisse um Medea. Leonie Böhm verfolgt auch hier wieder wenige tragende Gedanken zwischen den Zeilen eines Dramas.„Ich benutze die Klassiker und die Stücke immer dazu, um eine bestimmte Fragestellung zu untersuchen“, sagt sie in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur. Oft – nicht immer – sind es feministische Ansätze, die sie verfolgt. Eine ihrer ersten Arbeiten hieß etwa „Nathan die Weise“ nach Lessing. Oder zuletzt an den Münchner Kammerspielen: „Die Räuberinnen“ nach Schiller. „Und bei Medea hat mich sehr stark die Frage interessiert: Wie kommt man eigentlich aus einer Ohnmachtssituation und aus einer Ungerechtigkeitssituation wieder in die eigene Handlungsmacht?“ Das Feministische spielte bei ihrer Inszenierung Medea keine Rolle. Medea ist ja eine Frau! Sie hätte eher den Spieß umdrehen können, hätte den männlichen „Medeus“ daraus machen können.

Es ist ja eine in gewisser Weise immer wieder aktuelle Situation: Eine Frau, die von ihrem geliebten Mann betrogen und verlassen wird. Oder andersherum: Ein Mann, der von seiner geliebten Frau verlassen wird! Es wird höchst selten zur Ermordung der eigenen Kinder kommen, kann aber sicherlich zu Ohnmacht und Depression führen. Liebe kann unermesslich sein, die Enttäuschung dann auch! Euripides sah diese Unausweichlichkeit! Also: Wie kommt man da wieder raus? Muss es Rache sein? Diese Frage beschäftigte Leonie Böhm.

Im Gegensatz zur Tragödie von Euripides treten bei Leonie Böhm nur zwei Personen auf: Die Schauspielerin Maja Beckmann – Medea – und der Musiker Johannes Rieder, er stellt quasi den antiken „Chor“ dar, der Medea beobachtet, mit ihr spricht, im Hintergrund bleibt, musiziert, selten eingreift. Die Bühne ist – siehe Beitragsbild – komplett mit weißen Tüchern verhangen. Man fühlt sich – zeitlos – wie im Inneren von Medea, vom Wahnsinn eingesperrt. Erst gegen Ende der Inszenierung fallen alle weißen Tücher in sich zusammen. Musikalisch wiederum schön begleitet von Johannes Rieder und seinem rauhen Summen einer ruhigen Melodie am Klavier, scheint Medea dann aus ihrem Wahnsinn herauszukommen. Überhaupt wird die Inszenierung meines Erachtens geprägt von der zurückhaltenden Musik von Johannes Rieder, auch von ihm als Beobachter des Geschehens. Er zupft an der Gitarre, spielt ein wenig am Klavier. Er war es für mich, der die Inszenierung mit seiner Musik und seinen wenigen Worten prägte. Er mit seiner Erscheinung. Obwohl natürlich Maja Beckmann als Medea im Grunde im Mittelpunkt steht.

Auch wenn Leonie Böhm versucht, mit dieser Inszenierung herauszuarbeiten, wie Medea doch aus ihrem Wahnsinn herauskommen könnte (hätte können): Es wird irgendwie leider nicht ganz deutlich. Natürlich will Leonie Böhm keine Lösung präsentieren, darum geht es nicht. Natürlich kann alles offen bleiben. Es geht um Befindlichkeit. Medea hat ja bei Leonie Böhm vor allem Angst vor dem, was sie tun wird. Es ist ihr wenigstens bewusst, was sie tun wird, sie äußert es schon zu Beginn der Inszenierung. Sich dessen bewusst zu sein, ist schon das Thema für Leonie Böhm. Es geht um Medeas Einstellung. Darum, zu zeigen, dass Medea sich in ihrer Situation doch mit sich selbst beschäftigen kann (hätte können), nicht nur eine rasende unkontrollierte Furie war. „Du brauchst Mut, Deinen Platz zu finden“, sagt sie. Oder: „Das bin ich, das ist das Leben.“ Darum geht es Leonie Böhm wohl. Seinen Platz finden. Medea, die erkennt, in welcher Situation sie ist. Die Inszenierung endet so auch nicht im wahnsinnigen Kindermord, es geht eben nicht um das Gesamtgeschehen selbst.

Es wird auf der Bühne aber dennoch alles vielleicht nicht deutlich genug, ergänzende Erklärungen etwa in der guten Podcast-Einführung des Dramaturgen Bendix Fesefeldt (am Ende der Stückeseite zu Medea* HIER) und im Programmheft (ein Gespräch mit Leonie Böhm) bringen einem die Thematik im Grunde erst wirklich näher. Schade, die schöne Inszenierung erscheint daher nicht ganz ausgereift.

Copyright der Bilder: Gina Folly

THEATER: Leonie Böhm – Medea* nach Euripides

Wer Interesse an den Inszenierungen hat, die zum Berliner Theatertreffen 2021 ausgewählt wurden, könnte sich am Donnerstag, den 18. März, um 20:00 Uhr im Streaming (im Rahmen des „Streamy Thursday“) die Inszenierung Medea* von Leonie Böhm ansehen, die am Schauspielhaus Zürich entstanden ist. Karten vorab besorgen!

Ich werde es ansehen und im Blog über meine Eindrücke berichten. Auch „Der Zauberberg“, den ich letztens gesehen habe und über den ich dann auch geschrieben hatte (siehe den Beitrag zuletzt) ist ja eine der Inszenierungen, die zum Theatertreffen 2021 ausgewählt wurden.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhauses Zürich.

HIER Der Link zu meinem Beitrag über die Inszenierung von “Der Zauberberg“.

THEATER: Steamingangebote

Es hat sich ein wenig ein Trend ergeben. Einige Theater bieten in der kommenden – Corona-bedingt ja besonders stillen – Zeit Theateraufführungen gegen eine meist wirklich kleine Buchungsgebühr im Livestream oder im Stream on demand an.

Im Grunde ist es schön, dass damit die Entgeltlichkeit der Theaterarbeit wieder zum Vorschein kommt, es kann nicht immer alles kostenlos angeboten werden, es würde auf Kosten der Wertschätzung gehen..

Ich erwähne hier zunächst zwei schöne, wahrscheinlich ansehenswerte Angebote und werde diesen Blogbeitrag in den kommenden Tagen immer wieder ergänzen, wenn ich weitere Angebote ans Herz legen möchte.

– Das erste Angebot:

Das Schauspielhaus Zürich bringt im Rahmen des „streamy thursday“ diese Woche, also am 17.12.2020, um 19.30 Uhr (bis 21.30 Uhr) im Livestream aus dem Schiffsbau die (in den Kritiken „gelobte“) Inszenierung von Einfach das Ende der Welt des französischen Autors Jean-Luc Lagarce in der Regie von Christopher Rüping.

Daraus oben das Beitragsbild, Copyright Diana Pfammatter

Es ist die Geschichte des zu einem erfolgreichen Künstler gewordenen Sohnes, der Jahrzehnte zuvor seine Familie verlassen hatte und nun in seine kleine Heimatstadt und zu seiner Familie zurückkehrt. Es geht um alte Vorwürfe ihm gegenüber, um sein Verhältnis zur Familie etc. HIER der link zur Stückeseite. Den Verweis auf die Sendung im Livestream findet man dort ebenfalls.

Christopher Rüping ist ja den Münchnern in den vergangenen Jahren vor allem bekannt gewesen durch seine sagenhafte 10-Stunden-Inszenierung „Dionysos Stadt“, die an den Münchner Kammerspielen gebracht wurde.

Schöne Einblicke in das Denken der Figuren des Stückes haben die jeweiligen SchauspielerInnen in Videos gegeben. HIER der link zu den einzelnen Videos.

– Das zweite Angebot:

Das Deutsche Theater Berlin bietet unter DTDIGITAL Livestreams an. HIER der link zur Angebotsseite mit weiteren Verlinkungen zu den Stücken. So wie es aussieht, sind manche davon Livestreams und manche on demand für eine gewisse Zeit selbständig abrufbar.

MORGEN, am 15.12.2020 wird Maria Stuart von Friedrich Schiller, eine Inszenierung von Anne Lenk, im Livestream gebracht. Am 19.12.2020 folgt dann Woyzeck Interrupted nach Georg Büchner, eine Inszenierung von Amir Reza Koohestani. Regisseur und Regisseurin sind wiederum den Münchnern bekannt aus dem Residenztheater bzw. den Kammerspielen!

Erwähnenswert dürfte auch Der kleine König Dezember sein, ein „Familienstück“ von Axel Hacke, das etwas für die ruhige Familie in der kommenden Zeit sein kann. Es ist schon ab Anfang Dezember on demand abrufbar bis zum 01.01.2021.

– Ein weiteres Angebot: Die Berliner Schaubühne! Sie bringt folgende Streamings:

  • Seit 16. bis zum 19. Dezember: Prof. Bernhardi von Arthur Schnitzler
  • Am 19. Dezember bis 22. Dezember: Wie es euch gefällt von William Shakespeare
  • Am 22. Dezember bis 25. Dezember: Ungeduld des Herzens von Stefan Zweig
  • Am 25. Dezember bis 28. Dezember: Groß und Klein von Botho Strauß
  • und Weiteres, siehe HIER

– Und noch etwas: Das Schauspielhaus Bochum bringt folgende Lifestreamings: HIER der Link.

  • Asche zu Asche von Harold Pinter am 18. Dezember um 19:30 Uhr.
  • Die Befristeten von Elias Canetti am 9. Januar 2021 um 19:30 Uhr.

UND:

Nicht verzagen! Wir werden es schon schaffen! An die ANDEREN denken, nicht an SICH, wenn es um Vorsicht geht! An die Situation in den Krankenhäusern denken!! Sich eben EINMAL wirklich beschränken und andere Schwerpunkte setzen!! Klein feiern, die Feiertage bescheidener, ruhiger und mit Phantasie gestalten!! Jede Beschränkung kann auf eine andere Art und Weise ein Gewinn sein. Veränderung kann vor allem rückblickend schön sein – wenn man dann beides sieht: Das Gewohnte und die Veränderung.

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MUSIK: Harry Belafonte – Try To Remember

Ich hatte kürzlich hier im Blog angekündigt: „Der Mensch erscheint im Holozän“ nach Max Frischs Roman, eine Inszenierung von Alexander Giesche, Schauspielhaus Zürich. Sie war am Samstag auf 3sat zu sehen. 3sat hat die Inszenierung als eines der drei diesjährigen „Starken Stücke“ gebracht, die sie jedes Jahr vom Theatertreffen Berlin auswählen. Es ist bis März 2021 in der Mediathek von 3sat zu finden.

Eine Inszenierung, die von Alexander Giesche als „Visual Poem“ bezeichnet wird. Es ist keine Inszenierung des Romans, es sind „Bilder“ zum Thema des Romans: Der Mensch – die Natur – die Technik. Mir hat es gut gefallen. Die Schauspieler treten etwas zurück, die Bilder sind es, die berühren, das Verhältnis der beiden Schauspieler – Karin Pfammatter und Maxmilian Reichert – zu den Dingen auf der Bühne: Der Natur, der Technik. Es ist nur eine Anlehnung an den Roman.

Zum Roman heißt es auf 3sat:

„Der Mensch erscheint im Holozän“ von Max Frisch ist eine Erzählung über das Vergessen und Vergehen. Mit dem Verlust des Gedächtnisses verschwindet auch der Mensch, verliert sich und die Kontrolle über das eigene Leben. 

Ein Gefühl der Heimat bleibt, die vertraute Umgebung, die Natur, die Berge, der Schnee, wie das Licht ins Tal fällt zu verschiedenen Jahreszeiten. In einem durch ein Unwetter von der Außenwelt abgeschlossenen Bergdorf kämpft Herr Geiser gegen den fortschreitenden Verlust seines Gedächtnisses. Mit Hilfe kleiner Zettel, die er in seinem Haus verteilt, baut er sich eine Wissensdatenbank auf. Die Isolation macht Herrn Geisers zurückgezogenes Leben noch einsamer. Hinzu kommt die Sorge, dass durch den andauernden Regen der ganze Berg ins Rutschen geraten könnte.

Es wird in diesem Visual Poem unter anderem ein Lied eingespielt, das ich hier wieder als Musikbeitrag bringen möchte. „Try To Remember“ von Harry Belafonte. In diesem Lied geht es ja irgendwie um den Menschen und sein Altern, das Unaufhaltsame. Passend zum Romaninhalt. Der Text des Liedes ist folgender:

Try to remember the kind of September
When life was slow and oh so mellow
Try to remember the kind of September
When grass was green and grain was yellow

Try to remember the kind of September
When you were young and callow fellow
Try to remember and if you remember
Then follow

Follow

Try to remember when life was so tender
That no-one wept except the willow
Try to remember when life was so tender
That dreams were kept beside your pillow

Try to remember when life was so tender
That love was an ember about to billow
Try to remember and if you remember
Then follow
Follow

Deep in December it’s nice to remember
Although you know the snow will follow
Deep in December it’s nice to remember
Without a hurt, the heart is hollowDeep in December
It’s nice to remember


The fire of September that made you mellow
Deep in December our hearts should remember and follow
Follow


THEATER: Wiedergefundenes

Es war im Sommer 2018 eine 64 – Stunden – Installation von Alexander Giesche. NEW BEGINNINGS – das passt ja zu unseren Zeiten. Ich hatte diese Entree-Darbietung – sie stand vor dem Eingang zur eigentlichen Installation – mit Handy aufgenommen und jetzt wiedergefunden. Ich finde die Aufnahme gut, bringe sie daher hier.

Auch das waren die Münchner Kammerspiele der vergangenen fünf Jahre. Offen für alles. Viel Freiraum für die „Freie Theaterszene“. Erstaunlich, was für Sätze man da liest. Gemeint war nicht Corona, aber trotzdem:

  • Können wir zurück?
  • Wie schütze ich mich davor?
  • Was entwickelt sich da?
  • Wer verhüllt da eigentlich?
  • Ein Virus im System!
  • Wie impfe ich mich dagegen?

Aber das ist nur Zufall. Gemeint war anderes, keine Frage. Ohnehin wäre ja zu hoffen, dass es nicht bei diesen Fragen bliebe. Es könnte sich gerne Einiges ändern. Mal sehen.

HIER ein link zu Alexander Giesche. An Alexander Giesche sieht man übrigens, wie sich die „freie Theaterszene“ mit der „Stadt- oder Staatstheaterszene“ vermischt. Alexander Giesche war, denke ich, eher der freien Szene zuzurechnen, nun ist er einer der Hausregisseure am Schauspielhaus Zürich! Ist doch interessant! Und schon eingeladen gewesen zum Theatertreffen!

Mit „Der Mensch erscheint im Holozän“, einer Produktion am Schauspielhaus Zürich, „nach Max Frisch“, war Alexander Giesche ja in 2020 zum Berliner Theatertreffen eingeladen – das ja wegen Tante Corona ausfiel.

HIER der link zur Stückeseite beim Schauspielhaus Zürich, mit einer schönen Bildergalerie..

THEATER: Transfer Bochum Zürich

Ich hatte nachgesehen: Wo geht eigentlich Anna Drexler hin, die ja in der vergangenen Spielzeit am Münchner Residenztheater engagiert war und davor an den Münchner Kammerspielen war. Nun, sie ist jetzt Mitglied des Ensembles des Schauspielhauses Bochum.

HIER die „Spielzeitzeitung“ des Schauspielhauses Bochum für 2019/2020. Intendant des Schauspielhauses Bochum ist ja Johan Simons! Im Frühjahr 2020 kommt ja am Schauspielhaus Bochum auch „Miranda July’s Der erste fiese Typ“ mit Anna Drexler. Das Stück hatte an den Münchner Kammerspielen Uraufführung. Schönes Stück! Hier ein Foto:

©️ David Baltzer, Kammerspiele

Dabei ist mir noch Folgendes aufgefallen: Zwischen dem Schauspielhaus Zürich und dem Schauspielhaus Bochum ist eine „langfristige Zusam- menarbeit“ vereinbart worden. „Transfer Bochum Zürich“. Gut, Gastauftritte anderer Theater gibt es immer wieder. Es scheint aber zwischen Bochum und Zürich einen etwas beständigeren Boden zu bekommen. Es heißt dazu:

„Beide Bühnen verbindet das Bestreben, ein modernes Stadttheater zu entwerfen, das sowohl ästhetisch als auch strukturell den Herausforderungen der Gegenwart gewachsen ist. Konkret zeigt sich die Partnerschaft darin, dass das Schauspielhaus Zürich in den nächsten Jah- ren je eine Arbeit pro Spielzeit aus Bochum zeigt. Andererseits wird eine Arbeit vom Schauspiel- haus Zürich nach Deutschland reisen. Den Anfang machen in der ersten Spielzeit jeweils Arbeiten der beiden Intendanten Nicolas Stemann und Johan Simons.“

Von Nicolas Stemann wird in Bochum die Inszenierung „Der Streik“ gezeigt. Von Johan Simons wird in Zürich die Inszenierung „Plattform/Unterwerfung“ gezeigt.

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Gesehen und gehört

THEATERTREFFEN EXTRA: BEUTE FRAUEN KRIEG (Schauspielhaus Zürich)

Es sind mindestens vier Geschichten der griechischen Mythologie, die eng miteinander verwoben sind: Wir haben immer wieder von den Einzelteilen gehört. Thema der Inszenierung BEUTE FRAUEN KRIEG von Karin Henkel sind drei Teile davon.

ERSTE STORY: Die Opferung der Tochter Iphigenie durch Agamemnon, den griechischen Herrscher in Mykene. Er opfert sie, da er nur so Wind für seine zahlreichen Schiffe auf dem Weg nach Troja bekam.

Und die ZWEITE STORY: Der Raub der schönen Helena durch Paris. Der Anlass des trojanischen Krieges: Paris war ein Sohn des Königs von Troja, Priamos, und seiner Frau Hekabe. Bruder von Kassandra. Helena war Griechin. Sie galt als schönste Frau der Welt und war verheiratet mit dem griechischen Heerführer Menelaos.

Eine DRITTE GESCHICHTE ist dann, dass der Grieche Agamemnon nach zehnjähriger Belagerung Trojas nach Hause kam und feststellen musste, dass seine Frau Klytämnestra bereits mit einem anderen, mit dem Nebenbuhler Aigisthos, zusammen war. Beide töten Agamemnon.

Und hier beginnt die VIERTE GESCHICHTE. Die Geschichte von Elektra und Orest. Beide waren – neben Iphigenie – Kinder von Klytämnestra und Agamemnon. Sie trauern um ihren ermordeten Vater und rächen ihn. Sie töten Klytaimnestra. Alles hängt also zusammen.

Übrigens hängt ja auch die Odyssee damit zusammen. Die Irrfahrten des Odysseus auf der Heimkehr nach dem trojanischen Krieg. „Die Odyssee“ hieß ja eines der anderen Stücke des Theatertreffens 2018, siehe HIER meinen Beitrag.

In BEUTE FRAUEN KRIEG, Inszenierung von Karin Henkel am Schauspielhaus Zürich,  werden die ersten drei Stories zum Thema. HIER ein link zu einem Trailer! Es geht um das Leid der Trojanerinnern, die nach dem Untergang ihrer Stadt von den Griechen verschleppt und vergewaltigt wurden. Die Trojanerinnen – etwa Kassandra – als Racheobjekte der Griechen. Zum anderen geht es um die Opferung von Iphigenie durch den Vater Agamemnon. Und es geht um die schöne Helena. Der Elektrakomplex und die Tötung Agamemnons durch seine Frau und Aigisthos kommen dagegen nicht zum Tragen. Die Inszenierung geht zurück auf „Die Troerinnen“ von John von Düffel und „Iphigenie in Aulis“ von Soeren Voima.

Gespielt wurde in den beeindruckenden riesigen Rathenauhallen, 20 Meter hoch? Am südöstlichen Rand Berlins.  Abgetrennt war der Teilraum des Theaters durch riesige schwarze Tücher. Cool! Von wegen Plüschsessel oder gediegenes Theaterhaus oder ähnlich. Bierbänke und kahle Wände! Eine langgezogene Bühne, wie ein Laufsteg. Der Laufsteg wurde  bald durch herabgesenkte Trennwände dreigeteilt. Erst im zweiten Teil wieder vereinheitlicht. Schon das ist eine Idee, die das Interesse auf die einzelnen Stories fokussierte.  Auf jedem Teil der dreigeteilten Bühne wurde ein Teil der obigen Troja-Geschichten verhandelt. Die Zuschauer hatten Kopfhörer und konnten immer einen Teil sehen und hören. Man wechselte zweimal die Plätze, sodass man doch alles sehen konnte.

Schauspielerisch von allen – wirklich allen – großartige Leistungen! Ich würde besonders Kate Strong als Hetäre nennen, die immer wieder – auch auf Englisch – auf die Beteiligten beeindruckend einredete, hinterfragte, es in den Griff zu bekommen versuchte. Großartige Schauspielerleistungen! Nichts wirkte gekünstelt! Es läuft noch (wenige Male) am Schauspielhaus Zürich!

Das Thema von BEUTE FRAUEN KRIEG ist ja völlig zeitlos: Die „Rolle“ der Frau. Die Zeitlosigkeit kommt in der Inszenierung etwa durch Fritz Fenne (als Odysseus) zum Ausdruck, der manchmal mit modernem kabellosem Mikrofon durch die Räume geht und erzählt.

Sehr aktuell ist das Thema durch die bekannte „#me too -Debatte“.

Etwas zurück: Das Thema des Feminismus in früheren Zeiten wird ja auch gerade an den Münchner Kammerspielen aufgegriffen! August Strindbergs „Der Vater“, der sich gegen aufkommenden Feminismus sträubt. 19. Jahrhundert. HIER mein Blogbeitrag dazu!

Weit zurück: Weit zurückgehend – vier Jahrhunderte vor Chrisi Geburt! – ist die Rolle der Frau eben nach dem trojanischen Krieg revolutionär von Euripides aufgegriffen worden.

Da habe ich zwei Überlegungen:

Erste Überlegung:

Sehr beeindruckend wird das Los der trojanischen Frauen ja auch im Roman „Kassandra“ von Christa Wolf beschrieben. Absolut subjektiv und komplett aus Sicht von Kassandra, die der Grieche Agamemnon für sich beansprucht. Sie rekapituliert alles auf dem Schiff, gefesselt auf der Fahrt zu Agamemnon. Ein Muss für Literaturfreunde! Ich dachte an das Buch: Auch in BEUTE FRAUEN KRIEG wird ähnlich subjektiv das Leid der Trojanerinnen gezeigt. Aber aus der Sicht mehrerer Frauen: Hekabe, Iphigenie, Helena, Andromache (Frau des Trojaners Hector, deren Kind getötet wird).

Zweite (freche) Überlegung:

Von „Rolle der Frau“ zu reden, hat ja schon einen machohaften Anklang. Frauen leben – Behauptung! – nebenbei auch in einer anderen Welt. In einer anderen Sphäre. Das enthebt sie vom männlichen Gehabe! Das ist das Problem der Männer. Es mag damit zusammen hängen, dass Frauen Kinder bekommen und daher irgendwie näher am Leben der Welt sind. Führen Frauen Krieg? Nein! Ziehen Frauen in den Krieg? Nein. Ich glaube, Kriegsgelüste waren und sind „weltliche“ Männersache. Sich behaupten, kämpfen, der Drang des Männlichen. Männer wollen sich beweisen. Im Grunde gegenüber der Mutter? Wunderbar wird in BEUTE FRAUEN KRIEG gezeigt, wie aber die Männer dabei – bei ihren machomäßigen Entscheidungen – in Probleme geraten. Iphigenies Opferung durch Agamemnon etwa. Die Frauen konnten das Treiben der Männer nur beobachten. (Aber gab es wenigstens griechsche/römische Schriftstellerinnen? Wohl nicht einmal das!) Und das Problem war  – jedenfalls früher! -, dass die siegreichen Männer die Frauen nach ihrem Belieben in ihre weltliche Welt gezogen haben. Aus Trotz, die Frau als Opfer, um dem/den Unterlegenen erst recht eins auszuwischen. Verschleppt und vergewaltigt nach Trojas Zerstörung zum Beispiel. Das Leid der Frau nach der Zerstörung Trojas, das große Thema von BEUTE FRAUEN KRIEG.

Aber eigentlich ist es auch heute noch Thema.

Siehe Jugoslawien/Serbien. Das Machogehabe der Männerwelt.

Siehe Islam. Gerade, weil es meist – vermute ich – doch die Männer sind, die den Frauen „diktieren“, sich zu verschleiern, ist es – auch wenn es religiös begründet wird – meines Erachtens doch vielleicht ein Thema der weltlichen Welt der Männer. Frauen sollen sich in der Welt der Männer verschleiern und sie können sich dem bis heute kaum widersetzen – sofern sie es wollen. Wobei:  Ich finde Frauen mit Kopftuch – nicht ganz versteckt hinter der Burka – ja oftmals wahnsinnig schön!

Siehe auch #me too.

Frauen leben in zwei Welten, Männer nur in ihrer weltlichen. Das verunsichert den Mann. Macht aggressiv. Was für eine These! Ich Psychologe!

Die Zeiten haben sich insoweit geändert. Frauen wollen mehr und mehr weltlich gleichberechtigt leben. Das ist dann Feminismus. Etwa in der Berufswelt. Etwa in der Bundeswehr. Warum auch nicht! Nicht, weil die Frauen ihre sphärische Welt verändern oder den Unterschied zwischen der sphärischen Welt und der weltlichen Welt ändern oder aufheben wollen. Nein. Sondern es geht dann beim Thema Feminismus um die „Rolle“ der Frau in der weltlichen Welt. Wie gesagt: Die Überlegungen, welche „Rolle“ die Frau innehat, ist – auch wenn es sich bei der Frage vordergründg um die Frau dreht – dann mindestens auch eine Männerfrage. Feminismus ist ein Männerthema! Männer haben ein Problem! Frauen haben Männern etwas voraus, nämlich eine eigene Welt. Und die weltliche Welt den Männern zu überlassen, wäre zerstörerisch. Das wurde auch wunderbar deutlich in BEUTE FRAUEN KRIEG. Die „Rolle“ der Frau in der weltlichen Welt ist wichtig. Wirklich volle Gleichberechtigung und so weiter. Aber können die Männer „Rollen“ vergeben?

HIER noch der link zur (guten) Website des Schauspielhauses Zürich zu diesem Stück.

Copyright des Beitragsbildes: Toni Suter, Schauspielhaus Zürich