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THEATER: Ödön von Horvath – Jugend ohne Gott

Ödön von Horvath also: Er mochte es, relativ „gängig“ wirkende Geschichten, „Alltagsgeschichten“, mit seinen tiefergehenden literarischen, gesellschaftlichen und moralischen Themen – in den Jahre kurz vor dem Zweiten Weltkrieg – zu verbinden! So auch hier, in einem seiner letzten Werke, in „ Jugend ohne Gott“. Die Inszenierung ist seit kurzem an den Münchner Kammerspielen zu sehen. HIER ein Teaser. Es ist eine Inszenierung von Felicitas Brucker mit Texten von Anne Habermehl.

Es ging Ödön von Horvath in Jugend ohne Gott also nicht um den Mordfall! Es ging ihm um die Jugend, um eine Veränderung der Verhaltensweisen in den Zeiten des Aufkommens des Nationalsozialismus, um einen Gesinnungswandel. Angesichts des heute so starken Aufkommens der in wahrscheinlich großen Teilen rechtsextremen AfD ist es sehr berechtigt, dieses Stück zu bringen! Wir leben wieder in Zeiten des Umbruchs. Nicht aber ist das Stück aktuell berechtigt etwa „angesichts der heutigen Jugend“! Das darf nicht verwechselt werden! Gefährlicherweise wird an diesem Abend einmal „Gen Z regelt“ erwähnt, die gerade an diesem Abend auch in München demonstrierten, es sind aber Radikale, die die berechtigten friedlichen Demonstrationen der jungen Leute ausnutzen!

Ödön von Horvath sah es damals jedenfalls: Für ihn kam tatsächlich ein „Zeitalter der Fische“ auf! Gefühllos, stumpf, ohne Moral, „ohne Gott“, mit Orientierung zum Militärischen.

Die Inszenierung: Sie bringt – fast schon ein wenig anstrengend – extrem viel von alldem, was man so in einer tollen Inszenierung auf die Bühne bringen kann: Es gibt schöne Lichteffekte, immer wieder interessant bespielte Videowände (über der Bühne hängen fast religiös drei Videowände), es gibt dort Videos von Außenaufnahmen des Teams der SchauspielerInnen (siehe Teaser), es gibt Nahaufnahmen von der Bühne, Gesangseinlagen mit Mikrofon, kurze Einbindungen des Publikums, Läufe der SchauspielerInnen in einer Mittelschneise durch das Publikum, Regen auf der Bühne, dazu eine kurze Sprung-/Tanzeinlage in den Pfützen auf der Bühne, zwei große bewegliche Bühnenelemente, die im Hintergrund erkennbar von Bühnenmitarbeitern jeweils verschoben werden, und und und. All das ist als Inszenierung meines Erachtens sehr fantasievoll eingesetzt, wirklich hoch gelungen und absolut passend zum Stück. (Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Bettina Pommer, Video: Lion Bischof!)

So ist es eine insgesamt sehr fantasievolle, ästhetisch gut passende, bildstarke Inszenierung – man kann allenfalls sagen: Viele der Elemente hätten mehr Zeit verdient, hätten einen langen Abend füllen können. Allein die inhaltlich kaum zuzuordnenden, absolut nüchternen Bühnenelemente der beiden mehrstufigen weißen großen Tribünenteile (siehe Foto) fallen dabei fast etwas ab, sie geben diesem Stück keine Orientierung. Außer vielleicht: Sie sind die Tribünen zum Stichwort „die Beobachtungen des Lehrers“.

Und es besteht m. E. bei alledem fast ein wenig die Gefahr, dass man inhaltlich den Faden nicht findet! Gefühllose Jugend? Sie spielen anfangs ja zusammen Fußball auf der Bühne! Der Z liebt die E! Z schreibt ein Tagebuch! Das sind doch Gefühle! Andererseits finden alle das „Militärische“ gut, auch wenn sie den „Feind“ nicht erkennen. Gehorsam gefällt ihnen aber schon besser als Moral!

Ödön von Horvath sah damals eben den Wandel, keinen Endzustand, er sah das langsame Aufkommen der Naziwelt. So gibt es in „Jugend ohne Gott“ etwa den T in der Klasse … hier aber keinen Spoiler!

Und da ist der Lehrer – Thomas Schmauser spielt ihn wieder einmal überzeugend – der das Verhalten der Schüler beobachtet! Er erkennt, dass doch jeder für sich irgendwie am Tod des N eine Schuld mitträgt! Jeder, auch er selbst, da er ja das Tagebuch des Z heimlich „gebrochen“ hat und danach alles seinen Lauf nimmt. Die Moral, die der Lehrer untergehen sieht, führt ihn persönlich dazu: Er zerstört seine berufliche lebenslange Sicherheit im Lehreramt und gesteht im Prozess das „Aufbrechen“ des Tagebuchs! Nur er ist für die Wahrheit, nicht für die Lüge.

Ja, wir leben auch heute in Zeiten des Wandels! Wir sollten auch heute aufpassen. Allerdings sollten wir nicht der Jugend einen Vorwurf machen. Das will die Inszenierung von Felicitas Brucker an den Münchner Kammerspielen aber auch nicht. Sie kann aber wachrütteln!

Hier noch zwei Aufnahmen:

Copyright der Fotos: Julian Baumann

Und HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

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THEATER: Residenztheater – Cuvilléstheater – Marstall

Teil drei meines Residenztheater-Dreierpacks: Bertolt Brechts Dreigroschenoper am Residenztheater.

Man sieht die berühmte Schurkenoper oder Bettleroper von Bertolt Brecht. Man muss sie einmal gesehen haben, diese Geschichte der Unterwelt aus Brechts Augen. Dargeboten wird sie natürlich mit Livemusik, mit den mehr oder weniger bekannten Liedern dazu, es ist eine Art Operette, eben das Brecht’sche „Musiktheater“. Wobei Bertolt Brecht selbst sagte, es hieße „Dreigroschenoper“ nicht etwa, weil es ÜBER Bettler gehe, sondern weil es eine Oper FÜR Bettler sei.

Aber es geht ja in der Tat um Bettler, es spielt in der Gaunerwelt/Bettlerwelt von London/Soho. Der Herr über ein Netzwerk von Bettlern, Jonathan Peachum, der sich eher als gerissener Unternehmer sieht, um Geld von denen zu bekommen, die es haben, geht gegen den gerissensten Schurken Londons, Macheath, genannt Mackie Messer, vor, da Letzterer die Tochter der Peachums (Polly) geheiratet hat. Mackie Messer wiederum ist aber sogar mit dem Polizeichef Brown befreundet.

Die Inszenierung am Residenztheater:

Es ist eine durchaus beeindruckende Inszenierung, ja, sie verschafft den Eindruck der dortigen Welt. Dreieinhalb Stunden dauert sie, in denen man gerne einem Musiktheater zusieht, das nicht zum aktuellen Nachdenken anregt, nein, keinen aktuellen sozialen Sprengstoff beinhaltet oder auch nur streifen würde, nein, es ist einfach ein Klassiker. Immer wieder einmal humorvoll gespielt, insgesamt nicht trüb, sondern eher leicht, hier am Residenztheater vor allem mit einem Bühnenbild, das einen sofort in die Gaunerwelt führt.

Schauspielerisch ist es von allen Mitwirkenden sehr gelungen! Lukas Rüppel beginnt mit herrlicher Gelassenheit, humorvoll als Bänkelsänger (später auch mehrfach etwa als Mond), mit Ironie auf den Lippen, der ein wenig durch den Abend führt, Moritz Treuenfels als lässiger und hintertriebener Mackie Messer, der besorgte Oliver Stokowski als Jonathan Jeremiah Peachum, Cathrin Störmer als Celia Peachum, seine eher ordentliche Frau, Isabell Antonia Höckel einnehmend als Polly Peachum, Tochter der Peachums, Max Rothbart als drahtiger Brown, oberster Polizeichef von London, Liliane Amuat als Lucy, dessen Tochter, Vassilissa Reznikoff mit sehr viel „Brechtausdruck“ auf der Bühne als Spelunken-Jenny – um die wesentlichsten Figuren zu nennen. Der ansich so heruntergekommene „Brechtausdruck“ des Milieus der Dreigroschenoper weicht trotz allem fast irgendwie ein klein wenig, nur ein klein wenig zurück, obwohl das Bühnenbild so gut das Milieu repräsentiert. Denn das über den ganzen Abend unveränderte Bühnenbild passt von A – Z zum Milieu und zur Geschichte. Vielleicht ist nur die eine oder andere Figur fast zu makellos.

Das Bühnenbild (Inszenierung und Bühne Philipp Stölzl) besteht aus einer hohen Wand von braunen Teekisten, vielleicht auch Obst- oder Gemüsekisten, die erklettert werden, auf mehreren Ebenen schmale Spielebenen schaffen, über allem – auf dritter Ebene – spielt das „Orchester“. Auch der somit leere Orchestergraben vor der Bühne wird in gewisser Weise zur Spielebene. Viele Ebenen sind es somit, es geht hoch und runter – sozial gedacht kann man sagen: Eben ein Bertolt Brecht.

Ich kann hier aus Zeitgründen leider nicht weiter auf die Brecht’sche Gedankenwelt zu seiner Dreigroschenoper eingehen. Das Programmheft und die Website führen weiter. Es ist eine „old story“, trotzdem: Hingehen, ansehen, es ist eine gelungen runde Sache, die man nicht schnell „abhakt“.

Fotos:

Copyright der Fotos: Sandra Then

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

THEATER: Residenztheater – Cuvilléstheater – Marstall

Teil 2. „Bye Bye Lolita“ von Lea Ruckpaul im Cuvilléstheater

„Bye Bye Lolita“ und der gleichnamige Roman von Lea Ruckpaul basieren ja auf dem Welterfolg „Lolita“ des russisch-amerikanischen Autors Vladimir Nabokov. Es geht dort bekanntlich um die pädophile Beziehung des Erzählers Humbert Humbert zur anfänglich zwölfjährigen Dolores Haze, die er Lolita nennt. Wegen Lolita heiratet er ihre Mutter und kommt Lolita näher, entführt sie. Nabokovs Roman ist vollständig aus der Sicht von Humbert Humbert geschrieben. Dem setzt Lea Ruckpaul in ihrem Roman „Bye Bye Lolita“ nun ihre Version entgegen, in der sich eine fiktiv älter gewordene Lolita mit ihren Erinnerungen an das damalige Geschehen und mit dessen Verarbeitung auseinandersetzt.

Ich kommentiere hier also die Inszenierung von „Bye Bye Lolita“ von Nora Schlocker, Bühnenbild und Kostüme sind dabei von Marie Caroline Rössle. Ich kann mit der Kritk und den Kommentaren zu „Bye Bye Lolita“, die ich auf http://www.nachtkritik.de gelesen habe, gut zurecht kommen. Die Inszenierung wird – wenn auch mit kontroversen Nebentönen – gelobt und als guter Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Thema Kindesmissbrauch gesehen.

Ja, das Thema Kindesmissbrauch bleibt auch heute unbedingt beachtenswert! Vielleicht hat das Problem sogar zugenommen, Stichwort „Netzwerke im Internet“ usw. Insoweit ist es in der Tat wertvoll, sich hier nun zu fragen, wie Dolores Haze alias Lolita vielleicht ihre Erlebnisse mit ihren Augen gesehen haben mag und wie sie sie im weiteren Verlauf ihres (hier unterstellten) weiteren Lebens vielleicht zu verarbeiten vermochte. Wie gesagt: Die Inszenierung wird meist als wertvoll angesehen, um sich diesem fürchterlichen immer wieder aktuellen Thema zu nähern.

Einige Dinge der Inszenierung am Cuvilléstheater sehe ich allerdings doch anders, als es bisher zumeist auf http://www.nachtkritik gesehen wird. Man kann aber gleich sagen: Das Thema selbst provoziert Subjektivität, der Umgang mit Kindesmissbrauch ist einerseits (hoffentlich) klar, andererseits aber ist es in der Darstellung im Theater natürlich ein schwieriges Unterfangen.

Dass man hier dem Geschehen um Lolita fast wie einem niedlichen Puppenspiel zusieht, liegt zunächst an der Bühnengestaltung und der Kostümierung. Kindesmissbrauch ist kein Puppenspiel, es soll hier natürlich auch nicht etwa so gezeigt werden, es ging aber leider fast ein wenig – mir zu sehr – in diese Richtung. „Haarscharf“ am Kitsch vorbei, schreibt der Münchner Merkur. Vielleicht geschieht dies aber gerade absichtlich, um Lolitas kindliche Lebenswelt zu verdeutlichen. Alles rosa, mit roten Herzen …

Zur Kostümierung: Hier war für mich fast störend, dass (die fünffach erscheinende) Lolita stereotyp mit strohblonder, etwas eigenartiger Perücke gezeigt wird. Ebenso die übergroßen hellrosafarbenen Sweatshirts, in denen „die Lolitas“ durchgehend gezeigt werden, wirkten für mich zu klischeehaft. Klar, auch das repräsentiert Lolitas junges Alter, 12 Jahre alt war sie! Trotzdem war es für mich auch hier insoweit zu direkt, zu sehr „mit dem Hammer drauf“.

Zur Bühnengestaltung: Auch der flauschige Teppichboden – rot – der leicht nach hinten ansteigenden Bühne verlieh dem Ganzen einen für mich zu direkten Eindruck. Auch so wurde meines Erachtens unnötig auf Lolitas Kindesalter hingewiesen. Es sollte wohl so sein, etwa auch der übergroße rote Lollie, den Lolita einmal lutscht.

Man könnte sich sogar fragen: Passt dieses Stück überhaupt ins Cuvilléstheater? Das Cuvilléstheater ist ja selber wiederum fast ein Puppentheater, jedenfalls ein Schmuckkästchen. Wie kann man dem schweren Thema Kindesmissbrauch in dieser extrem reichhaltigen und vor Schmuck überbordenden Atmosphäre nahekommen? Aber auch das soll wohl so sein. Man kann es auch verstehen, Lolita lebte – missbrauchte Kinder tun es – in einer Kinderwelt, nicht in einer Erwachsenenwelt! Das ist es ja, was oftmals ausgenutzt wird, und dann wird drumherum eine Scheinwelt aufgebaut. Insoweit ist alles sehr verständlich! Und so ist es auch verständlich, dass sogar eine Gruppe von jungen Mädchen auftritt und singt bzw. erzählt, wenn auch das schnell etwas zu klischeehaft wirken kann.

Über diese Äußerlichkeiten hinweg hatte ich allerdings teils auch Störgefühle mit Textaussagen. Lea Ruckpaul lässt Lolita in ihrem Roman „Bye Bye Lolita“ zurückdenken und auch mit einer Freundin und ihrer Mutter fiktiv darüber reden. Interessante Blicke von Lolita sind es, ihre Wut, ihre heftigen Vorwürfe gegen ihre Mutter, ihr Schmerz und und und. Ja, Lolitas Mutter rückt in den Focus. Dann aber wird es teils doch etwas vage. So auch am Ende:

„Ich bin porös, durch mich pfeift der Wind und da ist kein Unterschied zwischen dem Sand, dem Handtuch und meinem Fleisch. Ich bin sehr glücklich. Ich bin zu allem fähig. Auch zum Glück.“

Fazit: Wie auch immer, die Inszenierung „Bye Bye Lolita“ gibt Gelegenheit, sich mit dem fürchterlichen Thema Kindesmissbrauch auseinanderzusetzen. Wenn die Inszenierung einiges recht klischeehaft zeigt, mag genau das bezweckt sein: Gerade das kann zum Nachdenken anregen!

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Residenztheater – Cuvilléstheater – Marstall

Ich berichte über die drei Stücke in Einzelbeiträgen:

Teil 1: „Reigen.Variationen“ frei nach Arthur Schnitzler im Marstall:

Ich muss gestehen, den „Reigen“ von Arthur Schnitzler habe ich noch nie gesehen. Es heißt ja, das Stück war einer der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts, erschien 1900. Viele Jahre lang war es verboten, erst 1982 wurde es freigegeben – heute inhaltlich völlig unvorstellbar. Zehnmal treffen einzelne Personen auf ein gegengeschlechtliches Gegenüber; sie führen zehn Dialoge und jedes Mal kommt es zum Geschlechtsverkehr, der jedoch im Text durch Gedankenstriche angedeutet wird und auf der Bühne eine Leerstelle bleibt. Als Strukturprinzip verwendet Schnitzler die Tanzform des Reigens, indem eine Figur immer zwei Szenen hintereinander hat. Damit hat jede Figur zwei Sexualpartne

Interessant ist die jetzige Fassung „Reigen.Variationen“ im Marstall schon deswegen, weil die Szenerie in die heutige Zeit verlegt ist. Ort: Laut Text der Englische Garten, die Bühne bleibt aber neutral. Der Text ist von Anja Hilling, Regie führte der junge Israeli Ran Chai Bar-Zvi.

Interessant ist ja grundsätzlich das Konzept von 10 verschiedenen Dialogen von zufällig zusammentreffenden Personen. Wie verhalten Sie sich zum Thema Liebe, Kennenlernen, Begierde, Sexuelles, Nähe, auch gesellschaftliche „Rangordnung“, jede Person hat ja einen anderen Background.

Weiter interessant ist das Bühnenbild von Ansgar Prüwer, der schon öfters mit Ran Chai Bar-Zvi zusammenarbeitete. Die Personen stehen schemenhaft erkennbar zwischen drei Schichten Plastikplanen, die die Bühne bis oben verdecken, nur dann, wenn sie agieren, treten sie vor die erste Plastikplane, sind dann klar erkennbar. So jedenfalls in der ersten Hälfte der Inszenierung, in der die zehn Einzeldialoge gezeigt werden. Wie auf Datingplattformen: Fotos sieht man nur schemenhaft, außer man begibt sich in den Kreis der Abonnenten. Oder generell: Jeder Mensch taucht ja in jedem Gespräch kurz aus seiner Verschleierung auf … Was kann man schon erkennen!

Es gibt bei Anja Hilling eine zweite Hälfte: die Plastikplanen verdecken dann nicht mehr die Sicht, die fünf Personen zeigen sich dauerhaft. Hier ergänzt Anja Hilling den Reigen, all die Gespräche werden fortgeführt, ergänzt, betreffen weitere Gedanken der Beteiligten. Nähe, Distanz, Realität, Wunsch, einiges mehr. Es sind Erklärungsversuche jeder Person, sie hadern ja alle mit der Unerreichbarkeit des anderen, auch mit der Liebe, dem Zusammensein, mit sich. Sie sagen immer, es seien ihre Gedanken während des Geschlechtsverkehrs gewesen! Da kamen ihre Befindlichkeiten hoch.

Aber so ist das eben mit dem Plastikplanen im Leben, die uns immer verschleiern, kurz erscheint man.

Es sind viele interessante Gedanken in der zweiten Hälfte, man kann leider kaum alle aufnehmen. Das schmälert den Abend aber kaum! Ich fand ihn gelungen, eine gute Inszenierung, gute Bühne, schauspielerisch zum Teil fast zu zurückhaltend, Florian Jahr erschien mir am ergriffensten von dem, was er sagte, Schnitzlers „Reigen“ war gut weitergedacht!

Copyright der Fotos: Sandra Then

THEATER: Rainer Werner Fassbinder – Satansbraten

Im vergangenen Jahr war es das Stück „A Matz bist scho,“ angelehnt an Ödön von Horvaths „Kasimir und Karoline“. HIER mein damaliger Beitrag: https://qooz.de/2025/09/19/theater-oedoen-von-horvath-a-matz-bist-scho/

Auch dieses Jahr ist der Theaterabend ein Gewinn für den Theaterfreund, wieder ein schöner Abend außerhalb der so gediegenen Theaterwelt der Münchner Kammerspiele, des Residenztheaters, des Münchner Volkstheaters und anderer Theater.

Großartig bleibt ohnehin das Engagement aller Beteiligten, vor allem der Begründer des Theater Perlach, Ferdinand Leopolder und Andrea Funk.

Passend zu „Satansbraten“, diesem desolaten, sicher sehr persönlichen Stück von Rainer Werner Fassbinder ist auch hier wieder das Ambiente der MUCCA, eine nüchterne, recht heruntergekommene, große Halle, die mit Theaterbeleuchtung ausgestattet ist. Fast erfrischend einfach auch die Herangehensweise an diesem Abend: Die Zuschauer nehmen sich diesmal am Eingang ihre Stühle und platzieren sie dort, wo sie sitzen möchten, beidseitig entlang des als Bühne dienenden „Laufstegs“. Stühle auf Betonboden.

Der „Laufsteg“ (Bühne: Ferdinand Leopolder) zieht sich für etwa 10 m etwas erhöht durch die Halle, vorne und hinten wird er durch zwei ebenfalls erhöhte breitere kleine Spielflächen abgeschlossen. Auf beiden Seiten entlang des Laufstegs sitzt also das Publikum.

Die Inszenierung (Regie Andrea Funk) entspricht der Zerrissenheit des Protagonisten Walter Kranz, der als Schriftsteller in einer großen Schaffenskrise steckt, kein Geld hat, nichts produziert, keinen Vorschuss bekommt, sich für Stefan George hält. Geld, Liebe, die großen und die kleinen Leute, Mann und Frau, Hierarchien, darum dreht es sich ja bei Rainer Werner Fassbinder, so auch in diesem Stück. „Parade“ wird die Inszenierung genannt, ein fast vergessenes Wort. Die Szenen des „Satansbraten“ werden vom Ensemble auf der Bühne schlicht aneinandergereiht, was das Stück fast zu zerreißen droht, aber es geht ja um Zerrissenheit, so passt es!

Auch schauspielerische ist es von allen Beteiligten wirklich gelungen! Alle spielen schlicht überzeugend, man kann sagen professionell, sie mögen das Stück! Mehr davon! Es spielen: Lena Nathalie Halve, Elias Hammler, Charlotte Kahler, André Schwarz, Sophia Strasser, Katharina Elisabeth Süß, Christophe Zoller. Es musizieren dazu: Friederike Hujer, Jakob Lücking

Fazit: Es lohnt sich, es tut gut!

Hier der Link zur Website des Theater Perlach: https://www.theaterperlach.de

Copyright des Beitragsbildes: Beate Kellmann

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BALLETT: Common Ground

Die drei Choreografien hatten ihre Uraufführung jeweils am weltweit renommierten, seit Jahren „nicht-klassisch“, anfangs fast „experimentell“ arbeitenden niederländischen NDT Nederlands Dans Theater! Das Bayerische Staatsballett bringt – Gott sei Dank – nicht zum ersten Mal Choreografien des NDT nach München. Eben auch hier wieder, natürlich mit den Tänzer:innen des Bayerischen Staatsballetts. Ich hatte schon mehrfach auf das NDT hingewiesen, da Choreografien der Compagnie des NDT manchmal – nicht oft – auch online gesehen werden können.

„Common Ground“ heißt der Abend, er kann am Bayerischen Staatsballett wieder im Oktober gesehen werden. Es ist ein „Muss“ für Freunde des „modernen“ Balletts, also des „vom klassischen Ballett entfernten“ Balletts mit eigener, freierer Bewegungssprache. (Vor allem gilt ja: Jugendliche zahlen auf allen Plätzen zehn Euro!)

Teil 1: CACTI

Der Zuschauer/die Zuschauerin sieht 27 Tänzer:innen auf der Bühne. Choreografie: Alexander Ekman. Meist bewegen sich die Tänzer:innen auf kleinen, quadratischen Podesten, die leicht unterschiedlich hoch sind. Mal bewegen sich alle identisch, mal jeder für sich. Im Hintergrund auf der Bühne ein Streichquartett. Man hört Texte, mal gesprochen, mal geflüstert. Man hört Geräusche von Schlägen der Tänzer:innen auf ihre eigenen Körper. Man folgt bei alledem weitgehend einem Gesamtbild, hat kaum Gelegenheit, die Einzelleistungen der Tänzer:innen zu würdigen. Dem Programmheft – ich empfehle es – kann man entnehmen: Es geht um Hierarchie, um Kritik an Choreografien, um Kunstfreiheit.

Ein Foto:

Teil 2: IMPASSE

Hier kann der Zuschauer/die Zuschauerin deutlicher einer kleinen Geschichte folgen. Choreografie: Johan Inger. Trompetenmusik von Ibrahim Maalouf. Ein Trio prägt das Geschehen. Ein Paar und ein Freund. Später kommt „city people“ und „exotic people“ hinzu. Alle haben ihre Wirkung auf das Paar. Die Bühne wird enger, der Vorhang bewegt sich. Tolle Einzelleistungen, denen man hier gut folgen kann/darf. Auch hier überschäumender Applaus mit begeisterten Rufen und Pfiffen.

Ein Foto:

Teil 3: BELLA FIGURA

Es ist das älteste Stück. Diese Choreografie hatte schon 1995 ihre Uraufführung, sie stammt von Jiri Kylián, der von 1978 an für 20 Jahre der künstlerische Leiter des NDT war und danach jahrelang weiterhin als viel ausgezeichneter Choreograf für das NDT arbeitete. Dieser Teil des Abends ist am ehesten eine Mischung aus klassischen Elementen und modernen Elementen, zu erwähnen ist die Lichtgestaltung, Kees Tjebees erstellt oder überprüft das besondere Lichtdesign – hier mit Barockelementen – weltweit für alle Choreografien von Jiri Kylián. Kyliáns Ballett ist „ein aktualisiertes Ballett, dass eine zeitgenössische Sensibilität anspricht, heißt es im Programmheft. Wieder begeisterter Applaus.

Ein Foto:

Man sollte es sich eigentlich nicht entgehen lassen!

Copyrights:

Titelbild: S. Gherciu

Bild Teil 1: Nicholas MacKay

Bild Teil 2: Nicholas MacKay

Bild Teil 3: S. Gherciu

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THEATER: Dietmar Jacobs/Moritz Netenjakob – Kalter weißer Mann

Zufällig hatte ich Elisa Bartelt vor circa einem Jahr kurz nach einem Theaterabend vor den Kammerspielen gesprochen. Der Kontakt blieb. So kam ich zu diesem Stück an der Komödie im Bayerischen Hof. Sie vertritt an einigen der kommenden Termine die Schauspielerin Anna Drózd. Derzeit ist Elisa Bartelt noch in ihrer Schauspielausbildung an der Münchener Schauspielschule Zerboni (auch Anna Drózd war an der Zerboni), sie ist theaterbegeistert, will auf jeden Fall Schauspielerin werden. Erste Engagements – wie auch hier in „Kalter weißer Mann“ – hat sie bereits. Auch in „Wolf“, einem Stück des Münchner Residenztheaters, das schon recht lange an bayerischen Schulen gezeigt wird, spielt sie mit. An eine staatliche oder städtische Schauspielschule möchte sie auch noch.

Zu „Kalter weißer Mann“:

Die „Komödie im Bayerischen Hof“ kannte ich noch nicht. Sie ist größer als gedacht, circa 500 Zuschauer werden hineinpassen! Wie bei E-Musik und U- Musik gibt es auch E-Theater und U-Theater, E steht für für Ernst und U für Unterhaltung. Die „Komödie im Bayerischen Hof“ steht auf jeden Fall für U. Auch mit „Kalter weißer Mann“ tut sie das, obwohl damit durchaus ein großes gesellschaftliches Thema verhandelt wird, „political correctness“ rauf und runter, humorvoll auf die Spitze getrieben, aber auch irgendwie ja ernst.

Auffallend war hierbei die gute Zusammensetzung der Schauspielerinnen und Schauspieler des Stückes. Alle waren jeweils so schön unterschiedlich, so gut passend und überzeugend zu dem, was sie jeweils spielten – im Ambiente eines Kirchenraumes, unter einem großen Kreuz. Ja, die schöne Unterschiedlichkeit der Personen macht das Stück aus! Der (alles nicht verstehende) Unternehmensnachfolger, die Sekretärin des Verstorbenen (mit ständig komischen Einwürfen), dazu ein schnell aufgedrehter Mitarbeiter als Social-Media-Freak, der die Kommentare im Internet zur Trauerschleife verfolgt, eine weitere (für die Themen „gendern“, „p.c.“, „lgtbqai+“ und und und besonders aufmerksame) Mitarbeiterin, dann der Pfarrer und eben die Praktikantin (mit ihrem jungen Blick auf alles). Elisa Bartelt passte ideal in diese Besetzung, sie bevorzugt ohnehin nicht die „beschwerten“, tragischen, ernsten Theaterrollen – derzeit zumindest.

Fazit: Es war zwar nicht meinen E-Gewohnheiten im Theater entsprechend, aber es war auch gut! Humor tut doch auch zu ernsthaften Themen gut!

Hier ist der Link zur Stückeseite von „Kalter weißer Mann“ auf der Website der Komödie im Bayerischen Hof: https://www.komoedie-muenchen.de/spielplan-tickets/5368/kalter-weißer-mann.html

Hier noch ein Trailer:


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Gelesen und geblättert Gesehen und gehört

THEATER: Mein kleines Prachttier

Dazu „passend“ – wenn auch rührend aus älterer Zeit – ist derzeit auch an den Münchner Kammerspielen das Stück „Fräulein Else“ – nach Arthur Schnitzlers gleichnamigem Roman – zu sehen. Es ist der Bewusstseinsstrom einer jungen Frau angesichts der damaligen sexualisierten Gewalt ihr gegenüber seitens eines Geschäftsfreundes des Vaters, der ihre und des Vaters Notlage ausnützt. Dieses Solostück mit Julia Riedler (auch in gewisser Weise aktualisiert für die heutige Zeit) war gerade zum Berliner Theatertreffen 2026 eingeladen, das im Mai stattfand.

Am Münchner Residenztheater wird in der kommenden Spielzeit das Stück „Prima Facie“ weiter im Spielplan stehen. Dort geht es – ein weiterer Aspekt! – um die junge forsche und trickreiche Anwältin von Angeklagten in Fällen sexualisierte Gewalt, die nun selbst vergewaltigt wird und jetzt erkennt, welche Probleme die Gerichtsverfahren bieten, wenn es um die Glaubwürdigkeit des Opfers geht.

Noch etwas: „Bye Bye Lolita“ wird im Oktober am Münchner Residenztheater (Cuvillestheater) Premiere haben. Lea Ruckpaul lässt in ihrem erfolgreichen Debütroman die Opferfigur Dolores Haze – Lolita – überleben und erzählt die Geschichte ihres jahrelangen Missbrauchs durch ihren Stiefvater mit der Analysefähigkeit der erwachsenen Frau.

Viele Sichtweisen also.

Nun zu „Mein kleines Prachttier“:

Fazit unten: Man sollte es sich ansehen, sogar das Buch lesen und dann darüber reden! „Wir müssen ins Gespräch kommen“ sagt Leonie Böhm zu diesem Thema, das schafft sie hier.

Das Stück hatte am 13.06. Premiere an den Münchner Kammerspielen. Die Inszenierung ist von Leonie Böhm, die auch zusammen mit Julia Riedler für „Fräulein Else“ verantwortlich zeichnete. Leonie Böhms Thema: Die Scham soll die Seite wechseln, der Täter soll sie empfinden, nicht das Opfer soll das Leben lang damit belastet sein!

„Mein kleines Prachttier“ basiert auf dem im höchsten Maße bedrängenden Roman von Marieke Lucas Rijneveld. Das Buch, erschienen 2021, ist um ein Vielfaches intensiver und breiter angelegt, als das Theaterstück. Leonie Böhm hat den Inhalt des Romans für die Bühne auf etwa eine Stunde gekürzt, eingedämpft, auch sprachlich verändert, um eine nach ihren Vorstellungen passende Bühnenversion entstehen zu lassen.

Ist es gelungen? Nun, es ist fragwürdig. Nach dem Stück hört man auch Stimmen wie: „Hier wird das Vorgehen eines Pädophilen verharmlost“. Schließlich vergewaltigt der Tierarzt in dieser besonderen Beziehung das 14-jährige Mädchen am Ende, wenn sie wehrlos im Krankenhaus liegt. Ja, eine Vergewaltigung in jungen Jahren oder überhaupt ist fürchterlich! Ja, ein Pädophiler! Frauen können danach wahrscheinlich kaum noch frei und glücklich leben. Da ist aber genau das Ende des Stückes, Leonie Böhm zeigt auf der Bühne, dass das Mädchen letztlich glücklich und frei weiterleben möchte, wie immer schon. Das Mädchen fühlt sich „innerlich schief“, aber es soll für sie glücklich weiter gehen. Das wird auch das Ende des Buches sein, ich lese es gerade.

Meine Meinung dazu aber: Auf den 360 Seiten des Buches wird das besondere Verhältnis zwischen dem Tierarzt, der fast täglich auf dem Bauernhof des Vaters des Mädchens erscheint, und dem Mädchen selbst um ein Vielfaches deutlicher geschildert. Eines ist klar: Es ist auf jeden Fall so, wie es der Tierarzt auf der Bühne sagt: „Ich bin ein Monster! Ich habe sie zerstört!“ Er weiß es schon sehr früh. Wenn man das Buch liest, spürt man mehr und mehr: Da brodelt lange lange die Pädophilie in ihm! Es ist in meinen Augen dennoch „die Sache wert“, hm, dass dieser Mann in diesem fiktiven Roman alles genau schildert, dieses besondere Verhältnis der beiden, die intensive Vorgeschichte, was alles dahinter steht. Er will alles darlegen, alles. „Damit ich mich sehe und Du Dich“ heißt es in etwa. Es steht insgesamt viel dahinter, das Mädchen und er, sie sind beide sehr sensibel, haben ihre Traumata, ihre Ängste, ihre Trauer, ihre Fantasien. Sie haben sehr ähnliche Themen mit sich. Irgendwie steht dabei der Unterschied dahinter, der sich zu gleichen Themen ergibt aus dem „phantasievollen Leben in Kindheit und Jugend“ gegenüber dem „Leben in der harten Realität der Erwachsenenwelt“. So ist es eine nicht immer nur einseitigen Annäherung. Das junge Mädchen aber denkt harmlos in ihrer Welt, er dagegen weiß: Er wird das Monster sein, er wird sie „aus der Erde reißen“.

Die Besonderheiten des Verhältnisses beider zueinander kommen in der Bühnenfassung von Leonie Böhm nicht ganz ausreichend zum Ausdruck, finde ich. Dann würde man nämlich noch besser verstehen, dass es sich bei der Erzählung von Rijneveld eben nicht „nur“ um die schnelle fürchterliche Handlung eines „Pädophilen“ handelt, sondern – zumindest in dieser Erzählung – dass es alles hier eine lange besondere Geschichte hat. Das zeigt ja Marieke Lucas Rijneveld auf 360 Seiten und durchaus auch Leonie Böhm, aber letztere m. E. zu kurz, gut und klug gekürzt, aber doch zu kurz. Auch wenn es am Ende ein klarer Fall von Vergewaltigung ist, Buch und Böhm wollen insoweit den Blick weiten hinein in ein bisher literarisch weitgehend unbeschriebenes Blatt.

Die Inszenierung ist im übrigen aber m. E. gelungen! Neben dem Text wird nicht viel auf die Bühne gebracht. Annette Paulmann und Maren Solty spielen zusammen (insgesamt beide natürlich sehr gut!) den 49-jährigen Tierarzt. Die grauenhafte Absicht des Mannes kommt allenfalls etwas zu kurz in ihrem doch recht lockeren Verhalten auf der Bühne. Nur kurz wechselt Maren Solty auch in die Rolle des Mädchens und am Ende wechseln beide Schauspielerinnen noch kurz gemeinsam in deren Rolle. Schön ist aber übrigens wiederum der Altersunterschied der beiden Schauspielerinnen, er hält alles offen.

Das Bühnenbild ist ein riesiges Geweih, sonst nichts. Im Buch steht das Geweih für Geschlechtsteil. Man kann sich aber auch viele andere Dinge darunter vorstellen. Sich verzweigende Gedankenwege … die Entwicklung eines Verhältnisses zweier Menschen … das Leben … Argumente, Gespräche … alles verzweigt sich … und und und. Das inspiriert.

Daher: Man sollte es sich ansehen, sogar das Buch lesen und dann darüber reden! Vielleicht nur hätte sLeonie Böhm noch etwas mehr darauf achten müssen, dass es nicht für den Zuschauer um Verharmlosung von Pädophilie geht, hätte doch etwas mehr aus dem Buch bringen müssen. Aber ihr Ansatz schon bei ihrer „Fortschreibung“ von Schnitzlers „Fräulein Else“ war ja eben derjenige, dass das geschädigte Mädchen trotz allem am Ende frei sein soll, nicht ihr Leben lang belastet sein soll! Der Mann soll belastet sein! Stimmt, wenn es geht!

Hier noch ein Foto:

Hier der Link zur Stückeseite von „Mein kleines Prachttier“auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/42871-mein-kleines-prachttier

Copyright der Fotos: Judith Buss

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THEATER: Werner Schwab – Die Präsidentinnen

Es gibt im Grunde nicht einmal so etwas wie Kommunikation. Man soll gerade kein „Theaterstück“ im herkömmlichen Sinne sehen. Das ist/war Werner Schwab. Er wollte nur Sprache zeigen. Derbe Sprache trifft auf Mensch, der Mensch ist nichts, der Mensch ist, was er ausscheidet, auch Sprache scheidet er aus. Er kommt aus dem Dreck, produziert Dreck und vergeht zu Dreck. Also ist alles Dreck – aber jeder Mensch hat seine Einbildung, seine Lebenswelt, seine Fantasie. Die wahnsinnige zeitlose Gedankenwelt des Werner Schwab. Gute Einblicke in Werner Schwabs Gedankenwelt gibt das Programmheft, ohne das man hier aufgeschmissen ist. Das absolut Gelungene ist: Es ist bitterböse und irgendwie ja inhaltlich besonders sinnlos, aber humorvoll und großartig inszeniert wird damit die Gedankenwelt des Werner Schwab aufs Tableau gebracht.

„Die Präsidentinnen“ ist eines der „Fäkaliendramen“ von Werner Schwab. Warum die drei Damen des Stückes „Präsidentinnen“ heißen? Keine Ahnung, sie sitzen in einer Küche! Der Titel „Die Präsidentinnen“ klingt irgendwie fast falsch, aus der Welt gefallen.

So geht es also „inhaltlich“ immer wieder um das Ausscheiden, um verstopfte Toiletten, zumindest in den sprachlichen Auswürfen einer der drei „Präsidentinnen“, den Auswürfen der Mariedl.

Nachdem sich Erna, Grete und Mariedl im Fernsehen die Übertragung einer Papstmesse angesehen haben, unterhalten sie sich über Gott und die Welt, in der Küche. Jede der drei Präsidentinnen lebt in ihrer Welt, in ihrer Fantasie. Das einzige, was zusammenhält, ist, dass die jeweiligen Auswürfe einer der Präsidentinnen Reaktionen der jeweils anderen beiden „Präsidentinnen“ in Form ihrer jeweiligen Auswürfe – und auch in brutalerer Form – hervorrufen.

Die geizige Erna sorgt sich um ihren Sohn Hermann, der lieber säuft als ihr ein Enkelkind zu schenken.Und sie fantasiert über den von ihr angehimmelten Fleischhauer Wottila, nicht zufällig mit Namen fast gleich fast demjenigen des damaligen Papstes Karol Woytila. Das Göttliche rahmt ohnehin alles ein. Alles ist böse. Die lüsterne Grete erzählt von ihrer psychisch verwirrten, in Australien lebenden Tochter Hannelore und schwärmt von ihrem Dackel Lydi. Und Mariedls große Leidenschaft ist es eben, verstopfte Klos mit bloßen Händen auszuräumen, wobei sie es zu einer wahren Meisterschaft gebracht hat. Kann man mehr Unsinn auf die Bühne bringen?

Die drei Frauen träumen von einem Fest, auf dem Grete einem Musikanten den Kopf verdreht und Wottila um Ernas Hand anhält, während Mariedl unter dem Jubel der Menge ohne Handschuhe die verstopften Klomuscheln reinigt, Dinge herauszieht, eine Dose Gulasch etwa. Mariedl lässt auch Hermann das Fest besuchen. Und so weiter, es gibt zumindest einen Verlauf an Ereignissen.

Mit herkömmlichen Worten lässt sich dieser Abend nicht im Geringsten einordnen. Was man allerdings sieht, ist – wie gesagt – großartig: Drei tolle Schauspielerinnen: Katja Jung, Myriam Schröder und Lisa Wagner. Wie sie hier fast verrückt und völlig überzeichnet agieren, in ihrem Aussehen, ihren Bewegungen, ihrer Sprache, ihrer fehlenden Mimik. Durch sie wird alles wie zu einer bösen Karikatur des (vor fast genau zehn Jahren verstorbenen) österreichischen Karikaturisten Manfred Deix! Ja, überhaupt Österreich – Manfred Deix und Werner Schwab mit Nähe zu Thomas Bernhards bösem Blick auf alles, bei Werner Schwab ist es nur noch deutlich „zerstörerischer“, er hat einen brutaleren Blick auf den Menschen, der Mensch und Kommunikation ist bei ihm fast nichts wert.

Des Weiteren sieht man: Das Bühnenbild und die Kostümierung, ebenfalls wirklich großartig! Alles ist auch hier überzeichnet, eine aufgedunsene und bunte Welt! Die karge Küche mit sinnloser Leiter nach oben ist eingerahmt in einem bunten vielleicht zehn Meter hohen Heiligenhäuschen, einem „Marterl“. Das wiederum ist mit Lämpchen bestückt, wie ein Spielautomat. So scheinheilig ist die Welt. Dazu die fast Comic-hafte Farbgebung des Inneren des Marterls und der Kostüme, siehe die Fotos.

Also: Hier ist eine wirklich in Allem großartige Inszenierung des – zumindest weiter zurückblickend, soweit ich kann – nicht selten inszenierten Werkes von Werner Schwab, in der dessen schwer verständliche oder auch fast schwer verdauliche Blick auf „Mensch und Sprache“ Gegenstand wird, – was man so mit sehr viel Humor gerne ansieht.

Hier sind noch zwei Fotos:

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters: https://www.residenztheater.de/stuecke/detail/die-praesidentinnen

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld

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THEATER: Annie Ernaux – Das Ereignis

Davor war er eher in Richtung Philosophie unterwegs, „formale Logik“ war sein Thema gewesen. Dann ging es weg von der Logik und hin zu Text und Theater. Am Theater arbeitete Necati Öziri als Dramaturg, schrieb mit erstaunlichem Erfolg eigene Theaterstücke und Bücher, in Zürich hat z. B. Christopher Rüping 2022 seinen Theatertext „Der Ring des Nibelungen“ inszeniert. Sein Roman „Vatermal“ wiederum schaffte es dann bis in die Shortlist des Deutschen Buchpreises. 2018-2022 war er Leiter des internationalen Forums des Berliner Theatertreffens. Also interessant!

“Das Ereignis“ ist (natürlich) ein autobiografischer Text der französischen Nobelpreisträgerin Annie Ernaux. Es geht um die Abtreibung, die Annie Ernaux im Alter von 23 Jahren durchführen ließ. Sie war ungewollt schwanger und wollte auf keinen Fall das Kind bekommen. Damals zumindest, manchmal hört es sich fast so an, als würde sie es im Nachhinein – als sie es schrieb, war es 30 Jahre später – fast bereuen, so genau wie sie es beschreibt. Aber im Ganzen schildert sie ja die damalige Situation der 23-jährigen Annie Ernaux, das ist ja auch bei anderen Texten ihr Weg, die Dinge aufzuarbeiten.

Abtreibung war damals strafbar, war auch gesellschaftlich noch ganz anders gesehen. Der schwere Weg der jungen Annie Ernaux überhaupt hin zu einer Möglichkeit, abtreiben zu können. Die Zeitspanne zwischen dem Erfahren von der Schwangerschaft und der Abtreibung! Sie und ihre Umgebung in dieser Zeit! Die Reaktionen damals! Ihre Versuche. Die Widerstände, ihre Erfahrung damals! Das Gefühl, dadurch von der Welt abgetrennt zu sein. Das will sie schildern! Sehr eindrücklich, sehr schonungslos, bis hin zur genauen Beschreibung des abgetriebenen Fötus‘ in ihren Händen und in der Zwiebacktüte, bevor sie ihn ins Klo wirft. Schrecklich und ein schweres ethisches Thema bleibt es ja immer, egal ob strafbar oder nicht. Manch ein kleiner Satz des Textes ist sogar dann, wenn man ihn liest, fast noch eindringlicher, als wenn er nur kurz geäußert wurde. Zu Beginn wird es sehr persönlich, Eva Bay spricht kurz mit einzelnen ZuschauerInnen und „holt uns damit ab“.

Die Inszenierung ist aufs Äußerste reduziert. Es ist fast keine Inszenierung, könnte man meinen: Die Schauspielerin Eva Bay spricht den Text (eine Übersetzung des französischen Originals „L‘événement“, von Sonja Finck) emotional sogar eher zurückhaltend, auf leerer, dunkel gehaltener Bühne (im Werkraum), selber sehr neutral, eher streng gekleidet, fast zu jung auch für die (als sie es schrieb) fast 60-jährige Annie Ernaux.

Nur zwei kleine „Eingriffe“ des Regisseurs gibt es dabei: Auf der Videowand im Hintergrund liest man manchmal einen der damaligen Tagebucheinträge von Annie Ernaux. Und: Kurz spricht Eva Bay manchmal in ein am Rand stehendes Mikrofon, wenn sie zusätzlich aktuelle Gedanken der Schreiberin Annie Ernaux zum Text widergibt – was eigentlich untypisch ist für Annie Ernaux’ Herangehensweise an die Vergangenheit.

Dass sie am Ende „stolz“ ist, es endlich so niedergeschrieben und geschildert zu haben, ist eigentlich eher ihre Sache. Andererseits: Sie äußert, diese schwere Phase bis zur Abtreibung musste genau beschrieben werden! Nur darum ging es ihr! Nur das sei sie der Sache schuldig – was allerdings etwas nüchtern klingt. Es ist ohnehin meines Erachtens nicht der stärkste Text von Annie Ernaux.

Kein leichtes Stück jedenfalls, das sich Necati Öziri herausgesucht hat oder das er hier übernommen hat für seine erste Inszenierung. Bei diesem Text konnte er sich eigentlich nur extrem zurückhalten. Genau das passt, man darf aber auf Weiteres und Anderes von Necati Öziri gespannt sein.

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/50067-das-ereignis

Copyright des Fotos: Sima Dehgani

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THEATER: Michail Bulgakow – Meister und Margarita

Dieser zugegeben sehr komplizierte und sehr umfangreiche Roman ist nun an den Münchner Kammerspielen auf die Bühne gekommen. In der Inszenierung folgt man zusätzlich sogar einem Sprung hin zu den Rolling Stones: „Sympathy for the Devil“!

Es ist eine Inszenierung von Jette Steckel, deren letzte Münchner-Kammerspiele-Inszenierungen „Die Vaterlosen“ (2023) und „Mephisto“ (2025) jeweils zum Berliner Theatertreffen eingeladen waren. Ihre Inszenierung von „Meister und Margarita“ ist natürlich – trotz ihrer knapp über vier Stunden Dauer – „nur“ eine kurze Version dieses Mammutwerkes, aber sie ist beeindruckend.

Denn wie im Roman: Der Wahnsinn, der sie alle durch das Erscheinen eines „Teufels“ (Professor Woland) erfasst, lebt sich in jeder Hinsicht gut inszeniert aus, das muss erst einmal gelingen. Man folgt einem Theaterwerk der Dunkelheit, der Verwirrung, man spürt den Wahnsinn des Romans, er schwappt kurz sogar – in gewagter Form – auf die Maximilianstraße hinaus. Der Roman – 1940 war er zu Ende gebracht – war in Russland lange Zeit verboten und kam erst 1966 in erster, verkürzter Fassung zur Veröffentlichung. Im – sehr hilfreichen – digitalen Programmheft zur Inszenierung heißt es:

Auf eine unzensierte Version musste die sowjetische Leserschaft bis 1973 warten; …. Erst in den 1990ern kam in Russland der millionenfache Druck, und Der Meister und Margarita wurde vor allem unter jungen Menschen zum Kultbuch.

Verboten war der Roman zunächst eben, weil er die damaligen stalinistischen Zeiten völlig auf den Kopf stellte und damit intensiv kritisierte. Natürlich erkannte man in jeder Szene Systemkritik, Bulgakow lebte wahrscheinlich in unvorstellbarer ständiger Angst, unter massivem Druck, unter strenger Zensur etc. Zahlreiche seiner anderen Werke wurden verboten.

Zur Inszenierung: Das dunkle Bühnenbild dieser Inszenierung ist immer wieder ein Hingucker: Sowohl bei Pontius Pilatus‘ (hervorragend Edmund Telgenkämper) Gesprächen mit Jesus (auch hervorragend Erwin Aljukić), als auch im Hauptteil der Inszenierung, in dem riesige Kettenvorhänge Räume schaffen und in dem diese Kettenvorhänge immer wieder den Eindruck von Traum und Wahnsinn schaffen und gut ausdrücken (Bühne: Florian Lösche).

Auch die Besetzung ist hier wieder eine Freude! Hervorgehoben seien aus meiner Sicht Edmund Telgenkämper und Erwin Aljukić, ohne andere nur irgendwie schmälern zu wollen. Auffallend ist daneben noch, dass Linda Pöppel, die man mit ihrer naturgegebenen immensen Bühnenpräsenz eher vom Deutschen Theater Berlin her kennt, dieses Ensemble bestens ergänzt. Man kann nur hoffen, dass sie öfter … Es ist von allen ein Fest der Spielfreude.

Einzig eine Art Showeinlage in Sachen Hypnose (ein großes Thema des Romans) nach der Pause wird etwas langatmig.

Der Kenner mag im Roman zusätzlich viele kleine Einzelheiten erkennen, auch Verbindungen zu Goethes Faust. Wohlan zum Buch! Mein Fazit zur Inszenierung: Man muss wissen, man sieht insgesamt hier schlicht die (wie gesagt sehr spielfreudige) Inszenierung eines russischen Klassikers der Weltliteratur, Bezüge zur heutigen Zeit braucht man nicht zu suchen, soweit sind wir nicht, dass Systemkritik nur noch in der Form einer Geschichte reinen Wahnsinns möglich wäre. Es bleibt somit ein sehr gelungener Abend für Theaterfreunde, die sich einfach mal gerne mit allen möglichen Emotionen (ernsten und heiteren) in einer wilden Geschichte mit wunderbarer Besetzung bei immer spannender Inszenierung durch einen langen Abend ziehen lassen möchten.

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/42859-meister-und-margarita. Geht momentan nicht anders.

Hier noch ein Foto, Linda Pöppel als Margarita:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic

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THEATER: Toni Morrison – Rezitativ

Das Thema ihres Lebens war die Rassentrennung. Toni Morrison war sicher immer arbeitsam, hartnäckig, ehrgeizig, resolut, standhaft, „tough“, hat sich für ihr Lebensthema nichts geschenkt. Aufgewachsen in den Südstaaten in den Zeiten der Rassentrennung, schon als Kind literaturinteressiert, später die Südstaaten verlassen Richtung Norden, dann verheiratet mit Howard Morrison, dozierte englische und afroamerikanische Literatur an der Universität in Washington, hatte zwei Söhne aus der Ehe, die Ehe scheiterte nach wenigen Jahren (1964), war dann alleinerziehend, wurde Verlagslektorin, etablierte bei Random House als Cheflektorin das Genre afroamerikanischer Literatur, daneben weiterhin die Vorträge zur afroamerikanische Literatur, suchte nach einer weiblichen schwarzen Stimme zum Thema Rassentrennung, fand sie nicht, begann daher mit 39 Jahren (1970) selbst zu schreiben, die Kinder währenddessen noch auf ihrem Schoß, schrieb Bücher, immer wieder zum Thema Rassentrennung und Sklaverei, erhielt 1989 eine Professur, dann den Pulitzerpreis und 1990 den Literaturnobelpreis.

„Rezitativ“ ist also ihre einzige Kurzgeschichte, hier am Marstalltheater auf der Bühne. Bühnenfassungen ihrer anderen Werke, glaube ich, gibt es nicht. Die Kurzgeschichte „Rezitativ“ war von Toni Morrison in jedem Detail durchdacht, in jeder Zeile. Zwei Frauen, die sich – beginnend in einem Kinderheim, in dem sie sich kennen lernen, – über Jahre hinweg nur ein paarmal zufällig sehen und dann jeweils kurz miteinander sprechen. Eine Schwarze, eine Weiße. Der Clou: Toni Morrison lässt den gesamten Text hindurch nicht erkennen, welche der beiden Frauen die Schwarze ist und welche die Weiße. Die Erzählung zeigt, was trennt und was verbindet, zeigt, dass es die Trennung nach Hautfarbe in diesen Jahren gab, dass hinter allem aber auch etwas Gemeinsame steckt, nicht nur die trennenden Überlegungen „typisch“ und „charakteristisch“, deren Zuordnung Toni Morrison in dieser Erzählung ja gerade unmöglich macht. Das Gemeinsame war in „Rezitativ“ etwa der Aufenthalt der beiden Frauen in deren Kindheit im Kinderheim. Der Leser/Zuschauer will ständig das „Schwarze“ und das „Weiße“ an ihnen zuordnen, es geht aber nicht.

In der Inszenierung am Marstalltheater treten für beide Frauen sogar immer vier Frauen auf. Alle sind gleich gekleidet, irgendwie zwischen futuristisch und spießig, unklar bleibt dabei natürlich erst recht, wer wer ist. Sie erzählen die Kurzgeschichte recht wortgetreu, es ist mehr eine Erzählung, als ein Theaterstück. Daher wohl auch die wahrlich sparsame Bühnengestaltung auf der kleinen Bühne – in Farben, die am ehesten noch an die Südstaaten erinnern, orange und hellgrün. Optisch bleibt die Bühne insgesamt etwas fraglich (warum diese dünnen hellgrünen Eisengestelle? Warum diese fast unschöne Farbgebung?), aber man kann eben nicht immer alles perfektionieren, darum geht es ja auch nicht!

Ich könnte mir vorstellen, dass man für Toni Morrisons Kurzgeschichte eine noch weitaus größer angelegte Inszenierung hinbekommen kann, so feinfühlig detailliert konstruiert ist die Erzählung selbst. Schade, so geht es in dieser Inszenierung doch zu schnell, es bleibt das Vortragen einer Erzählung, obwohl Toni Morrisons Erzählung „Rezitativ“ den Leser/Zuschauer geradezu hin und her werfen kann/soll. All das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass beide (die Mädchen/Frauen Twyla und Roberta) einmal etwas Gemeinsames erlebt hatten, sie kommen dabei immer wieder auf etwas ganz Bestimmtes zu sprechen, sehen es im Lauf der Jahre immer wieder leicht anders.

Ein interessanter Beitrag über Toni Morrison findet sich HIER (WDR 2023).

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheater.

Hier noch ein Bild:

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld

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THEATER: Doris Uhlich – Glitsch

Darüber hängen teils wiederum schwarze quadratische Kästen,. Aus ihnen fällt später gelbbrauner Schleim auf die Gitter, der Schleim wird dann ganz langsam durch die Gitter aus etwa 5 m Höhe auf die Bühne tropfen, sich in langen Fäden herabziehen. Doch noch etwas Reelles sehen wir, etwas ganz Mechanisches: Martin Weigel geht zu Beginn – schon nackt – mit einem etwa 5 m hohen schlanken Metallgestell über die dunkle Bühne, mit dem er nach richtiger Positionierung neben den Gittern schwarze Eimer langsam in die Höhe zieht und oben wieder Schleim in die Gitter fallen lässt. Eine Art Hebebühne.

Das war’s. Alles andere an diesem Abend ist vollkommen unreell, undefinierbar, grenzenlos, nicht auch nur im Entferntesten unserer Welt des Reellen entsprechend. Es wird aber wunderbar! Sechs SchauspielerInnen – nackt auf der Bühne – beschäftigen sich wortlos mit dem glibberigen Schleim, tanzen zu sehr lauter dröhnender Musik, rutschen am Boden, bewegen sich, mal zusammen, mal allein, zappeln, verdrehen ihre Körper, immer nackt, bearbeiten sich – auch gegenseitig – mit der schleimigen unhaltbaren Glibbermasse, es wird eine irre Komposition, die uns irgendwie zeigen kann: Ja, ein Leben lang bauen wir uns eine Welt des Reellen auf (die Gitter, die Hebebühne, Physik!), aber eigentlich ist es doch so: Alles fließt, alles ist unhaltbar – πάντα ρεί – panta rei! Man kann bei Betrachtung des Abends denken: Ja, das ist das Leben! Jeder beschäftigt sich irgendwie, mal alleine, mal mehrere zusammen, mal alle zusammen! Alles scheinbar sinnlos, Spielerei, Verrücktheiten. Alle sind gleich, selbst die Nacktheit der sechs so unterschiedlichen Körper unterliegt hier nicht mehr unserer erlernten Bewertung. Insgesamt hat diese fast poetische totale Entgrenztheit eine besondere Ästhetik, die durch die Nacktheit nur geöffnet wird.

Mehr sei hier nicht gesagt, Doris Uhlich und die sechs insoweit mutigen SchauspielerInnen zeigen uns hier eine andere Welt, Worte würden zu Definitionen führen, aber genau das soll hier entfallen! Manch Zuschauer braucht vielleicht auch etwas Mut, aber es lohnt absolut!

Insoweit kann man nur sagen: Danke an Katharina Bach, Erwin Aljukić, Dennis Fell-Hernandez, Martin Weigel, Elias Krischke und Ann Muller für diese entgrenzende und entgrenzte Performance! Schön, durch deren Leistung so etwas sehen zu dürfen! Standing ovations – was man aber zurzeit seltsamerweise immer wieder sieht, es scheint ein gesteigertes Bedürfnis nach Theater zu geben, fern von unserer doch düsteren Welt.

Hier noch zwei Fotos:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright der Fotos: Judith Buss

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THEATER: Frei nach Arthur Schnitzler – Fräulein Else

Klar: Die Inszenierung (Regie: Leonie Böhm) ist dieses Jahr (im Mai) zum Berliner Theatertreffen eingeladen, sie kann dann übrigens im TV in der 3sat-Mediathek als eines der „Starken Stücke“ des Theatertreffens gesehen werden. Sie hatte im vergangenen Jahr Uraufführung am Wiener Akademietheater und ist derzeit an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Hier werden noch zwei Aufführungen folgen (Ende April und Ende Mai), ob sogar noch weitere folgen werden, ist mir nicht bekannt.

Julia Riedler jedenfalls, die zusammen mit Leonie Böhm das Konzept für die Inszenierung verantwortet, hat ja beste Beziehungen zu den Kammerspielen, war hier einige Jahre lang im Ensemble und lebt jetzt in Wien, also nicht soo weit weg. Es ist ja ihr Soloabend, den sie – so oder so ähnlich – schon jahrelang im Kopf hatte.

Der Inhalt von Arthur Schnitzlers Stück „Fräulein Else“ – einer Novelle, einem inneren Monolog – ist schnell erzählt: Else, die Protagonistin der Novelle, die im Theater sonst eher als Zwei-Personen-Inszenierung gebracht wird, soll bei einem Kunsthändler (Herrn Dorsday) ein Darlehen für den verschuldeten Vater erwirken. Es ist vom Vater das Schlimmste zu befürchten, wenn es Else nicht gelingt, das Geld zu bekommen, Gefängnis auf jeden Fall. Der Kunsthändler verlangt aber einen Striptease von Else dafür. Er nutzt damit die unlösbare Situation von Else aus. Das Schlafmittel Veronal spielt eine entscheidende Rolle.

So ist das Original, entstanden 1924. Die Konstellation, in der sich Else befindet, bleibt auch bei Böhm/Riedler so „klassisch“ und dramatisch, das Stück nimmt aber hier eine andere Entwicklung. Es ist der Überlegung von Leonie Böhm und Julia Riedler geschuldet, dass die Thematik hier neu gedacht wird. Julia Riedler tanzt am Ende bei lauter Musik befreit auf. Ich verrate nichts.

Prägende Elemente sind:

Hervorragend gespielt wird es von Julia Riedler. Nur gegen Ende, wenn es doch so sehr auf die (neuen) Einsichten des Kunsthändlers Dorsday ankommt, geht es doch sehr „schnell“ zur Sache, es waren plötzlich viele Aussagen, die bei mir immer wieder kurz gestört waren von der Überlegung, wer es eigentlich gerade sagt, das war nicht leicht.

Ein barocker Kronleuchter ist die einzige Requisite auf der Bühne – die Bühne ist fast den Abend durchgehend nur der Teil vor dem Bühnenvorhang, siehe oben -, er lässt an die damalige Zeit des „Fräulein Else“ zurückdenken, während das Thema – merkt man – in die heutige Zeit geholt wird.

Eine entscheidende Überlegung des Konzeptes ist es, das Publikum in die Situation von Else zu holen, es mit einzubeziehen. Vielleicht rührt auch daher – zumindest zum Teil – die so starke Regung des Publikums am Ende des eineinhalbstündigen Abends. Das Publikum nimmt im Grunde sogar beide Positionen ein, jeweils von Julia Riedler provoziert, die ja mit dem Publikum kommuniziert. Die Position von Herrn Dorsday, weil Julia Riedler ja am Ende nackt sein wird, lange Zeit nackt auf der Bühne spielt, nur mit einem grünen Höschen bekleidet. Jeder/jede Besucher/in sitzt also doch vor dem Ziel von Herrn Dorsday. Andererseits: Else holt das Publikum auch auf ihre Seite, wenn sie das Publikum zwischendrin etwa auffordert: „Fahren wir alle den kurzen Weg mit der Straßenbahn, über die Isar zu Herrn Dorsday … Oder wenn sie im Publikum Geld sammeln will, um die Schmach abzuwenden.

Die Beteiligung des Publikums geht in der Tat sehr weit, Julia Riedler ist bei der Kommunikation mit dem Publikum schlagfertig improvisierend charmant, aber teils auch geradezu provokant. Meine Sitznachbarin meinte etwa, das war „too much“. Nun gut.

Das Interessante an der Inszenierung ist zweifellos die Wendung des Stückes am Ende, daher rührt die Inszenierung! Denn damit wird der Bogen zu unserer heutigen Zeit und zum Thema MeToo (toxisches sexuelles Verhalten von Männern gegenüber Frauen in bedrängter Lage) geschlagen. Der schwere Vorhang öffnet sich am Ende und Julia Riedler tanzt …

HIER der Link zu einem sehr interessanten Gespräch mit Julia Riedler über Scham auf der Bühne.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

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THEATER: Anna Gmeyner – Automatenbüfett

Aber hier meine Empfehlung: Im Residenztheater – im Marstall – ist derzeit Anna Gmeyners „Automatenbüfett“ zu sehen. Automatenbüfett – eine Art Warenautomat mit kleinen Speisen und frischem Bier, in einer kleinen Gemeinde, betrieben von Adam (Leopold Adam) und seiner Frau, der „Frau Adam“.

Anna Gmeyner, die österreichische Autorin – geboren übrigens genau HEUTE vor 124 Jahren, am 16. März 1902, gestorben am 3. Januar 1991 – schaffte nicht den ganz großen Durchbruch, verließ 1933 Nazideutschland zunächst nach Paris, später England, und kehrte nie wieder zurück.

„Automatenbüfett“ wurde 1933 in Zürich uraufgeführt. Es ist ein eher selten gespieltes Stück, das im Grunde in die Richtung Marieluise Fleißer und Ödön von Horváth geht: Alltagsszenen – kein komplizierter Handlungsstrang – der (einfache) Mensch und seine „Probleme“ mit dem Leben – die Liebe und das Leben – aufkommender Nationalsozialismus, es ist aber auch zeitlos.

Eine recht bekannt gewordene Inszenierung des Wiener Akademietheaters von „Automatenbüfett“ war 2021 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Hier der Trailer zur damaligen Inszenierung:

Die Inszenierung des Münchner Residenztheaters nun (Regie Else-Sophie Jach) ist sehr anders als die damalige Inszenierung des Wiener Akademietheaters, und auch sehr gelungen! Denn der „Charakter“ des Stückes kommt auch hier sehr schön zur Geltung, was für das keineswegs „handlungsgetriebene“ Stück entscheidend ist. Das langsame Stück lebt im Grunde einerseits von einer gewissen „Alltagstragik“ und zugleich von leise mitschwingendem Humor. Es lebt von Nichtaktualität („Automatenbüfetts“ dieser Art gibt es im Grunde heute nicht mehr) und doch auch von Aktualität oder zumindest Zeitlosigkeit. Hier der Trailer zur Inszenierung des Residenztheaters:

Das Automatenbüfett ist bei Else-Sophie Jach also ersetzt durch eine riesige schräge Tischfläche, hinter der zumeist (vor der Pause) die handelnden Personen im Grunde nur kurz hervorkommen, um etwas zu sagen, dann wieder abtauchen. Das genügt. Der Tisch zerfällt allerdings mehr und mehr, beginnend mit dünnen Abspaltungen, am Ende stehen nur noch Teile des Tisches auf der Bühne, passend zum Geschehen: Die eingespielte Dorfgemeinschaft zerfällt. Warum sie zerfällt? Eine große Idee, Adams großes Fischzuchtprojekt scheitert. Die Ehe zwischen Adam und seiner Frau scheitert, neue Liebe entsteht. Konkurrenzen entstehen, Misstrauen entsteht. Die gerade erst zufällig von Adam vom Selbstmord gerettete Eva (wie immer gut: Anna Drexler) bringt alles in Unruhe, ohne eigentlich selbst viel zu machen.

Schauspielerisch sehr gut passend ist – wie auch 2020/2021 bei der Inszenierung des Akademietheaters – die immer wieder ganz leicht gekünstelte Ausdrucksform der Personen, durch die alles genau pointiert, fast überspitzt wird (besonders durch Patrick Isermeyer). Schön und passend ist auch der Einsatz der Videoszenen (Niels Voges) mit Szenen, die sich oft unter dem Tisch abspielen, schön und passend ist außerdem – wie gesagt – die sachte Mischung von Ernst und Humor, in aller „Langsamkeit“. Humor etwa in der Art und Weise, wie das frische Bier gezapft wird, an Eva zur Verteilung an die Gäste weitergegeben wird, aber auch ein wenig im Verhalten der Personen.

Und vielleicht schwingt eben der Satz mit: Das Leben gehört der Allgemeinheit! Nach dem Motto: Mach mit! Hm. Es ist sicher nicht die alles prägende Aussage des Stückes und es bleibt für mich offen, was genau damit gemeint sein könnte. Vielleicht: „Wir brauchen uns – nur: Wir setzen zu sehr auf große Ideen und Projekte, setzen zu wenig auf die Liebe.“ Andererseits: Sowohl die große Idee, Adams Fischzuchtprojekt (das ganz Deutschland zugute kommen soll), als auch die Liebe – das Begehren – schaffen Unruhe. Aber nur die Liebe setzt sich durch am Ende. Und es heißt mit Blick auf die damalige Zeit: Wir stehen in Europa vor einem Pulverfass! Das war die damalige Zeit, ist aber auch zeitlos! Man könnte sagen: Wenn wir doch nur einen Gang runterschalten könnten! Vielleicht hat Anna Gmeyner das gesehen.

Entscheidend ist jedenfalls: Auch wenn mir letztlich der zweifache Satz „Das Leben gehört der Allgemeinheit“ unverständlich blieb und für mich keine Auflösung durch das Stück findet (vielleicht ist er unwichtig): Mit der Inszenierung am Residenztheater gelingt es – auch durch die schauspielerischen Leistungen, all das für das Stück „Automatenbüfett“ Prägende aus dem Stück schön „herauszukitzeln“, sodass es auf fast „Horváth’sche Art“ eben einfach und besonders wird.

Die nächste Inszenierung von „Automatenbüfett“ steht übrigens doch schon bevor. Sie ist am Deutschen Theater Berlin in zehn Tagen, am 26. März, zu sehen (Regie, Jan Bosse). HIER der Link.

Copyright des obigen Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

HIER noch der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

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THEATER: Constance Debré – Love me tender

Regisseurin Felicitas Brucker hatte in den letzten Jahren mehrfach Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen: „Nora“, „Die Freiheit einer Frau“ (wieder am 13.03.), „Baumeister Solness“, „Die Politiker“. Jetzt hat sie den autobiografischen Roman „Love me tender“ der französischen Autorin Constance Debré umgesetzt, der 2020 erschien.

Neben allem Text des Romans: Die drei Schauspielerinnen singen, tanzen, laufen, weinen, schreien … in diesen fast zwei Stunden … alles. Annette Paulmanns erste Worte zeigen dabei den Inhalt des Abends an, es sind Constance Debré’s Worte:

„Warum sollte die Liebe zwischen einer Mutter und einem Sohn nicht genau wie jede andere sein? Warum sollten wir uns nicht trennen können? Warum sollten wir nicht aufhören können einander zu lieben?  Warum müssen wir uns unbedingt lieben, in und außerhalb der Familie, und warum müssen wir uns selbst und anderen immer wieder davon erzählen?“

Darum geht es: Eine Mutter will ihre Freiheit leben, will alles hinter sich lassen, alle gesellschaftlichen Konventionen, gibt alles auf, lebt sexuell fast wahllos lesbisch, nach zwanzig Jahren Ehe. Sie hat aber einen Sohn und von dem gibt es wohl kaum einen „Rückzug“. Doch, es gibt ihn, zunächst erzwungener maßen: Der Vater des Sohnes namens Paul verhindert nämlich immer wieder Pauls Kontakt zur Mutter und sie, die Mutter, verkraftet den fast totalen Verlust des Kontaktes zum Sohn (der noch dazu vom Vater beeinflusst wird) nicht. Natürlich nicht. Die Justiz hilft ihr überhaupt nicht. Aber auch das ist möglich: Will sie vielleicht sogar auch die besondere Bindung zum eigenen Sohn zugunsten ihrer Freiheit aufgeben? Beides vielleicht. Sie steckt in einem Dilemma. Was macht man da? Die eigene Freiheit leben oder sie doch wieder aufgeben, sich den „Regeln“ beugen? Sind die Schmerzen, die mit der gewünschten eigenen Freiheit verbunden sind, zu groß?

An einigen Stellen wirkt die Inszenierung der Bühnenfassung von „Love me tender“ bei diesen schweren Fragen – ganz anders als Felicitas Bruckners bisherige Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen – allerdings etwas gewollt und übertrieben, vielleicht auch ist der Roman von Felicitas Brucker zu wenig gekürzt und pointiert worden. Mir ist nicht alles klar geworden. Und was nicht aufkommt: Der Gedanke der Einsicht zB des Vaters oder des Sohnes mit dem Lebensumbruch der Mutter. Das wiederum mag für solche Fälle ein wichtiges Element sein, in der Suche nach Lösungen. Aber es geht eben nicht nur um die Lösung eines Einzelfalles, sondern um Existenzielles: Was bremst die Freiheit aus? Kann Liebe bremsen? Überhaupt: Freiheitsdrang einerseits und Verlust andererseits … und so.

Fazit: Drei herausragende Schauspielerinnen auf dieser so lässigen kleineren Bühne der Münchner Kammerspiele, das hat was, aber dazu etwas viel Aktionismus (Einsatz von Musik, Videowände auf der Bühne, große Liveaufnahmen an der Rückwand, Gesang, Rap, Licht, Nacktheit, Körpereinsatz mal so mal so und und und …), eine ruhigere Erzählweise hätte mir an mancher Stelle geholfen bei den so existenziellen Fragen des Romans. Trotzdem: So geht es auch gut, zumal bei der so starken und überzeugenden Besetzung!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

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Allgemein Gesehen und gehört

THEATER: Die beiden großen Münchner Theaterhäuser – Kleineres und zweite Besuche

  1. Zusammenfassung:

JCOM: Mendele Lohengrin:

An den Münchner Kammerspielen ist es am 8. Februar wieder zu sehen. Jüdische Klezmermusik trifft auf Richard Wagner. Ein Dilemma, Wagner war Antisemit. Erzählt wird die Geschichte eines jüdischen Musikers, der in Wien erstmals Richard Wagners Lohengrin hört und völlig verblüfft ist von dieser umwerfenden Musik! Heinrich York-Steiner schrieb 1898 die Geschichte von Mendele, Stefan Merki liest den Text, Ethel Merhaut singt dazu, das Orchester des Jewish Chamber Orchestra Munich spielt dazu ein Konzert, das hauptsächlich von Klezmermusik getragen ist, aber auch Wagners Lohengrin und anderes anklingen lässt. Was soll Mendele machen? Die umwerfende Musik Wagners verachten wegen seines Antisemitismus? Aufhören mit Musik? Ist Musik von allem losgelöst?

HIER der link zur Stückeseite.

Rania Mleihi: My personal ten years – Wir schaffen das:

An den Münchner Kammerspielen ist es am 8. Februar wieder zu sehen. Sehr persönlich erzählt Rania Mleihi vor allem mit Bildern und Videos auf der Leinwand. Die syrische Theatermacherin Rania Mleihi sitzt davor an einemTisch, wortlos bastelt sie mit Sand. Es ist ihre eigene Biografie vor dem Hintergrund zweier historischer Ereignisse: Angela Merkels „Wir schaffen das“ und dem jüngsten Umbruch in Syrien nach der Flucht von Diktator Bashar al-Assad. Nähe und Ferne, Heimat und Flucht, Familie und Trennung, wann lebt man vor diesem Hintergrund wirklich in Deutschland. Viele spannende Fragen, die m. E. schwer erkennbar Antworten finden, die bleibende Zerrissenheit der geflüchteten Syrerin bleibt hier das Thema.

HIER der link zur Stückeseite.

Manfred Zapatka: Lesung „Beton“ von Thomas Bernhard:

Hierzu gibt es leider derzeit keinen weiteren Ausführungstermin. Aber das Residenztheater bringt ja immer wieder gerne etwas von Thomas Bernhard. Zuletzt Minetti, ebenfalls mit Manfred Zapatka. HIER.

Die Lesung aus Thomas Bernhards „Beton“ hat es etwa nur zur Hälfte geschafft, das Residenztheater zu füllen. So viele Fans von Thomas Bernhard gibt es wohl doch nicht, obwohl er immer empfehlenswert ist und bleibt! Seine Theaterstücke! Seine Romane! Er ist und bleibt einzigartig! Er schreibt so subjektiv – auch in „Beton“ natürlich -, fast absurd, aber doch erkennt man sich ständig, wenn man ehrlich ist. Manfred Zapatka liest ihn wunderbar! Die Bernhard’sche Kunst, ständig über banale Dinge zu schreiben und doch mehr zu sagen: Zapatka gelingt es wunderbar, sie in seiner Lesung zu zeigen, was nicht leicht ist!

HIER der link zur Stückeseite.

2. Anregungen für noch Laufendes:

Wiederholungen, erneute Besuche von Stücken, die ich bereits gesehen habe und gerne ein zweites Mal sehen möchte, sind meist sehr lohnend. Es beginnt morgen, Mittwoch den 04.02., an den Kammerspielen mit Mephisto von Klaus Mann, das zum diesjährigen Theatertreffen in Berlin eingeladen ist. HIER der Link zur Stückeseite.

Für erneut sehenswert halte ich außerdem an den Kammerspielen etwa Wachse oder weiche, Sauhund, Katzelmacher und Wallenstein und am Residenztheater etwa Drei Schwestern, das ebenfalls (2017) zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, HIER, Kasimir und Karoline, Warten auf Godot und 77 Versuche, die Welt zu verstehen.