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OPER/THEATER: Claudio Monteverdi – Il Ritorno, Joan Didion – Das Jahr magischen Denkens

Auch diese Produktion ist Teil des Festivals „Ja, Mai„ der bayerischen Staatsoper. Über die erste Produktion „Hanjo“ und über das Festival insgesamt habe ich im vorherigen Beitrag geschrieben. HIER der Link dorthin. „Festhalten oder Loslassen“, „Erwartungen“, „Warten“, das sind die thematischen Programmworte des diesjährigen Festivals.

Das Festival:

HIER noch einmal der Link zur Festivalseite auf der Website der bayerischen Staatsoper mit dem Programm für den Festivalmonat Mai. Das Festival läuft natürlich bis Ende Mai. Und HIER der Link zur Stückeseite von „Il Ritorno/Das Jahr magischen Denkens“ auf der Website der bayerischen Staatsoper.

Das Thema Warten:

Warten wir nicht immer auf etwas? Mal sind es 20 Jahre (etwa bei Homer und Claudio Monteverdi), mal sind es 3 Jahre (etwa in der Oper Hanjo, HIER meine Besprechung), mal ist es 1 Jahr (etwa im Buch „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion), mal ist es ein einziger Tag (etwa im Buch „Ulysses“ von James Joyce – ein Werk ohnehin, das ich in seiner Komplexität in jedem Satz Wort für Wort geradezu als ein „Weltwunder“ bezeichne! Das letzte Kapitel, der Molly-Monolog der wartenden Frau von Leopold Bloom, heißt auch „Penelope“!), mal ist das Ende noch offen (zuletzt im Theater: In den Stücken „Green Corridors“ (Münchner Kammerspiele, HIER der Link zu meiner Besprechung) und „Odyssee“ (Schauspielhaus Düsseldorf, auf dem Münchner Festival „Radikal jung“, HIER der Link zu meiner Besprechung) ging es zeitgemäß um ukrainische Frauen und ihr Warten auf/ihr Bangen um ihre Männer oder Familienmitglieder.

Die Kombination von Theater und Oper:

Nun, die zweite Produktion des Festivals, „Il Ritorno/Das Jahr magischen Denkens“ (daneben gibt es zahlreiche Veranstaltungen, Podcasts etc. mit Bezug zu den Themen), konfrontiert – zusätzlich zu den genannten Themen – die Oper frontal mit dem Theater. Auch das passt aber schon zum Thema der „Erwartung“: Bei Theater weiß man fast nie, was einen erwartet – bei Oper weiß man es fast immer! Oper bleibt fast immer klassisch nach festen Regeln aufgeführt. Nichts Neues! Darf oder kann man Oper überhaupt ändern? Für die Konfrontation Oper/Theater sorgt hier nun der außerordentlich erfolgreiche Theaterregisseur Christopher Rüping.

Zwei Elemente also:

  • Die Oper „Il Ritorno von Monteverdi“: Es geht fast schulmäßig um Odysseus und Penelope, Penelope’s 20 Jahre langes Warten auf Odysseus. 10 Jahre Troja, 10 Jahre Irrfahrten des Odysseus. Fast harmlos und schön wird es in der Oper erzählt. Claudio Monteverdis Oper war ja eine der ersten Opern überhaupt! Begleitet wird sie von zarter barocker Musik. In der hiesigen Version ist die Oper natürlich stark gestrafft, sie hätte sonst alleine schon 3 Stunden gedauert.
  • Joan Didions Buch „Das Jahr magischen Denkens“: Das Leben ändert sich von einer Sekunde auf die andere. Die Schriftstellerin Joan Didion schildert ihr Jahr nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes beim Abendessen. Sie kann nicht von ihm loslassen, lebt in der Erinnerung und denkt, er kommt zurück. Joan Didion wird von drei Personen gespielt: Wiebke Mollenhauer, Damian Rebgetz und Sibylle Canonica.

Die Inszenierung:

Die beiden Elemente kombinieren sich an diesem Abend Stück für Stück. Es beginnt ganz ganz vorsichtig und steigert sich, mehr und mehr verweben sich beide Bestandteile. Christopher Rüping überrascht damit allerdings nicht vollständig, er kombiniert eher die bekannten – auch das Theater betreffend schon fast „klassischen“ – Elemente beider Genres miteinander. Das Theatergenre mit leerer und offener Bühne (immer wieder gut!), einer Videowand, der Kamera auf der Bühne, herauf- und herunterschwebenden Personen, dem Gang der SchauspielerInnen in den Zuschauerraum einerseits. Das Operngenre natürlich mit schönem Gesang, schöner Musik, Opulenz vortäuschendem Bühnenbild, klassischen Auftritten (etwa der Verehrer von Penelope) andererseits. Beide Bestandteile sind aber nicht klar getrennt voneinander, das Schöne ist die ansteigende Verschränkung beider Genres. Gegen Ende hebt sich die Verschränkung wieder auf: Odysseus nimmt seine geliebte Penelope wieder in den Arm. Wiebke Mollenhauer, Sibylle Canonica und Damian Rebgetz, Joan Didion verkörpernd, schauen im Hintergrund tieftraurig zu. Der Ehemann von Joan Didion kommt ja schließlich nicht zurück! Und Odysseus wird ja gespielt von Charles Daniels, der auch den verstorbenen Ehemann von Joan Didion spielt.

Das barocke „kleine“ Cuvillestheater eignet sich natürlich sehr für die barocke Oper, obwohl ich es insgesamt schade fand, dass der Abend nicht auf der großen Bühne des Nationaltheaters stattfand! Dort wäre es vielleicht eher – schon in der Vorbereitung – ein großer Wurf gewesen/geworden! Im Cuvillestheater bleibt es ein „kleiner Wurf“. Manches wirkte in der Tat ein wenig nach „kleinem Wurf“: Das Bühnenbild etwa, das für die „Opernteile“ des Abends geschaffen wurde, besteht aus einigen dünnen Holzwänden, die herein oder herabgefahren werden. Die Maskierung von Odysseus zum alten Mann auch sehr „griffig“, eher lustig. Aber man kann natürlich nicht immer den „großen Wurf“ erwarten! Schade aber, bei Christopher Rüping erwartet man mittlerweile eben immer viel! Vor allem auch bei dieser schönen Besetzung!

Ich fand nur zeitweise die beiden Themen „Das Warten von Penelope auf Odysseus“ einerseits und „Das Jahr von Joan Didion nach dem Tod des Ehemannes“ andererseits nicht sehr gut zueinander passend! Das war für mich das Problem des Abends. Penelope „wartet“ ganz anders! Sie hofft noch auf das Leben ihres Odysseus. Der Mann von Joan Didion dagegen war nun einmal gestorben. Das hat die Verschränkung der Genres aus meiner Sicht erschwert.

Schauspielerisch:

Der Part der Penelope wird sehr schön und wunderbar klar gesungen (soweit ich das beurteilen kann) von der Schwedin Kristina Hammarström, besonders hat auch die junge Australierin Xenia Puskarz Thomas überzeugt! Joan Didion wiederum wird, wie gesagt, von den drei SchauspielerInnen Wiebke Mollenhauer, Sibylle Canonica und Damian Rebgetz gespielt. Alle drei wieder sehr gut, besonders Wiebke Mollenhauer und Damian Rebgetz, die immer für etwas Besonderes im Theater stehen! Sie strahlen immer eine riesige Selbstverständlichkeit auf der Bühne aus. Auch sie spielen aber teilweise fast zurückhaltend, abgesehen von Szenen, in denen sie sich außerordentlich „ins Zeug legen“ (Stichwort Tränen!).

Fazit:

Eine vielschichtige, interessante Verschränkung beider Genres, auch wenn es durchaus noch „verwirrender“, „überraschender“ hätte ausfallen können! Aber es wird nicht die letzte Operninszenierung für Christopher Rüping bleiben!

Hier ein Video mit Erläuterungen von Christopher Rüping:

Copyright des Beitragsbildes: Wilfried Hösl

LITERATUR: Suchers Leidenschaften – James Joyce

Für Anhänger von James Joyce rückt wieder ein Jahrestag näher: Der 16. Juni. Es ist für sie der „Bloomsday“. Viele werden es wissen: Der Tag geht zurück auf das Werk „Ulysses“ von James Joyce. Im Wahnsinnswerk Ulysses – ich würde sogar sagen: Es ist eine Art Weltwunder der Literatur, wie kann man so etwas schreiben! – geht es um einen einzigen Tag und vor allem um Leopold Bloom. Es geht um den 16. Juni. Leopold Bloom geht durch Dublin.

Es passiert nichts und doch geht es um alles: Es geht um die ganze Welt. In der Einleitung zur kommentierten Ausgabe des „Ulysses“ (übersetzt von Hans Wollschläger, Suhrkamp Verlag) heißt es:

Schließlich ist Ulysses auch der Roman der ganzen Welt; er spannt den Bogen von Homers Odyssee am Anfang der abendländischen Literatur bis zum Leben des Dubliner Bürgers zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in dessen Tagesablauf sich die Abenteuer des mythischen Helden Odysseus spiegeln.

Hier ein Beispiel: So sieht eine Seite – die allererste Doppelseite – der sagenhaften kommentierten Ausgabe des Ulysses aus, um den Text herum sind die Anmerkungen. „Stattlich und feist …“

Es ist ein Werk der Weltliteratur, allerdings das – sagt man immer – am seltensten gelesene Werk. Es gibt aber einen Kreis von überzeugten Anhängern von James Joyce und vor allem von seinem Werk “Ulysses“. Etwa in den „reading groups“ der Zürich James Joyce Foundation. HIER der Link zu den nächsten Terminen der „reading groups“. Und HIER der Link zur Startseite der Website der Zürich James Joyce Foundation.

Gestern, Sonntag, der 2. Juni 2019, hatte C. Bernd Sucher im Rahmen seiner seit Jahren bestehenden Reihe „Suchers Leidenschaften“ am Vormittag im Gartensaal des Münchner Prinzregententheaters über James Joyce gesprochen. Nicht nur über den „Ullysses“, sondern über den Menschen James Joyce sowie über seine Werke. Wie und wann er seine spätere Frau kennen lernte, seine Bewunderung für Henrik Ibsen, dass er Wörter erfunden hat, wo er gelebt hat (Paris, Zürich, Triest) humorvolle Bemerkungen und vieles mehr. Vom Schauspieler Thomas Loibl (Residenztheater) wurden Auszüge aus den Werken von James Joyce vorgelesen, die Schauspielstudentin Luiza Candido de Oliveira Monteiro brachte andere Zitate.

Man kann James Joyce natürlich nicht in eineinhalb Stunden wirklich erfassen, es gab aber einen schönen Überblick und eben Einblicke in die Werke von James Joyce. Er schrieb auch Gedichte. C. Bernd Sucher konnte letztlich empfehlen, sich zunächst einmal „Ein Portrait des Künstlers als junger Mann“ von James Joyce mit in den Urlaub zu nehmen. Um dann auf das fast völlig unverständliche Werk „Finnegans Wake“ zu kommen.

Man könnte natürlich seitenweise über die Werke von James Joyce schreiben. Ich empfehle, sich eines zu schnappen und anzufangen. Ich empfehle sogar die kommentierte Ausgabe des „Ulysses“. Es gibt Menschen, die den genauen Fußweg von Leopold Bloom in Dublin kennen und nachgehen. Wo sich Leopold Bloom am 16. Juni 1904 aufgehalten und welchen Weg er durch Dublin genommen hatte, kann man übrigens auch den Karten in der kommentierten Suhrkamp-Fassung des Ulysses entnehmen:

Noch eine Empfehlung: Es gibt eine Hörspielfassung des Ulysses, 23 CDs. Sie ist 2012 erschienen und galt damals als eine der besten CDs, die es bis dahin gab. Es ist in der Tat eine wunderbare Lesung, untermalt ein wenig von Musik und anderen Tönen. Leopold Bloom wird gelesen von Dietmar Bär und Molly Bloom von Birgit Minichmayr. HIER der Link zum Angebot von Amazon. Bitte aber nicht bei Amazon kaufen, lokale Buchhändler unterstützen. Wirklich eine Hörerlebnis!

Und noch ein Hinweis: C. Bernd Suchers Erklärungen zu James Joyce kann man ähnlich auch als Hörbuch herunterladen oder als CD kaufen: HIER der Link zum Angebot von Amazon. Aber wie gesagt …

Die Lesung endete sehr schön mit der Schlusspassage des Ulysses. Über mehr als 60 Seiten erstreckt sich der ohne Punkt und Komma geschriebene Monolog der Frau von Leopold Bloom (in der Hörspielfassung wunderbar gelesen von Birgit Minichmayr). Er endet mit:

… ja und wie er mich geküsst hat unter der maurischen Mauer und ich hab gedacht na schön er so gut wie jeder andere und hab ihn mit den Augen gebeten er soll doch noch mal fragen ja und dann hat er mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen dass er meine Brüste fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will Ja.