THEATER UND LITERATUR: C. Bernd Sucher – Suchers Welt

Ich hatte ja kürzlich geschrieben, dass ich die sonntägliche Erläuterung von C. Bernd Sucher zu James Joyce in der Reihe „Suchers Leidenschaften“ mitverfolgt hatte. HIER mein Beitrag. Bei der Gelegenheit bin ich auf zwei relativ neue Büchlein von C. Bernd Sucher gestoßen: 49 leidenschaftliche Empfehlungen von C. Bernd Sucher zum Genre „Theater“ und 49 leidenschaftliche Empfehlungen von ihm zum Genre „Literatur“.

Vielen Dank an C. Bernd Sucher für die Exemplare! Beide Büchlein passen natürlich wunderbar in diesen Blog. Die Auflistung der Theaterempfehlungen siehe unten. Ich habe mir die Mühe gemacht, zu den Theatermenschen, über die C. Bernd Sucher schreibt, kleine Videos herauszusuchen (mal kürzere, mal längere, meist YouTube) und zu verlinken. Verlinken darf man ja. So kann man sich einen kleinen weiteren Eindruck verschaffen. Siehe unten.

Die Auflistung der Literaturempfehlungen von C. Bernd Sucher ist dagegen hier:

Eins ist klar: Es sind in beiden Fällen klassische Empfehlungen: Große Stars der Theaterwelt und große Stars der Literaturwelt. Ich selber hätte den ein oder anderen etwas progressiveren Menschen der Theaterwelt und das ein oder andere etwas progressivere Werk der Literaturwelt aufgenommen, aber dennoch. Um sich einen kleinen „Überblick“ zu verschaffen („Überblick“ insoweit, als mit C. Bernd Sucher ein großer Kenner der Materien schreibt), findet man eine schöne Auswahl in beiden Bereichen, Theater und Literatur.

Das Schöne ist auch: Es sind zwar sehr persönliche Auswahlen, aber sie ergehen sich in keinster Weise in rein persönlichen und subjektiven Statements zu den ausgewählten Menschen und Werken. Die Beschreibungen sind immer wieder informativ und interessant, getragen allerdings von großem Interesse, Vorlieben und Gefallen! Es sind ja „leidenschaftliche“ Empfehlungen. C. Bernd Sucher findet auch immer wieder Worte, die nicht übertrieben klingen, nicht abschrecken. Soweit ich die beschriebenen Personen oder Werke kenne, kann ich fast immer sagen: Treffend beschrieben, schöne Charakteristika formuliert!

Was die literarischen Werke angeht: C. Bernd Sucher schreibt nicht über die Inhalte der Werke, nicht über den Schreibstil. Er schreibt „um die Bücher herum“, schildert Umstände, wie sie entstanden sind, schildert Personen und Gegebenheiten, zitiert dann vielleicht kurz einmal raus, stellt sie in Beziehung zu anderen Werken des Autors etc. Er stellt sie immer wieder in einen interessanten Zusammenhang.

Was die Beschreibung der Personen der Theaterwelt anbelangt, fällt mir auf, dass er immer schnell auf den Kern kommt. Man bekommt ein Gefühl für das, was die Person wirklich ausmacht. Es werden Begegnungen geschildert, es wird der Lebensweg der Person dargestellt, werden besondere Erlebnisse oder Lebenseinschnitte der Person geschildert, Beziehungen zu bestimmten Theaterstücken oder Autoren genannt, Äußerungen gebracht etc. Und auch hier: Treffend und gut beschreibend, wenn ich das so vermessen sagen darf. Es sind ja immer kurze Texte. Sie kommen eben direkt auf interessante Punkte, es wird nicht um den heißen Brei herum geschrieben.

Hier, wie gesagt, sind die Links zur Theaterauswahl, schöne Videos zum Teil. Man muss die Menschen ja sehen.

HIER der link zur Seite des Buches „Literatur“ beim Droemer Knaur Verlag.

HIER der link zur Seite des Buches „Theater“ beim Droemer Knaur Verlag.

THEATER: Macbeth – Trilogie, Teil I

Shakespeare’s „Macbeth“ ist derzeit am Berliner Ensemble, am Münchner Residenztheater und an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Drei Inszenierungen. Über eine vierte derzeit zu sehende Inszenierung (am Wiener Burgtheater die Inszenierung von Antú Romero Nunes) kann ich leider nicht berichten.

HEUTE schreibe ich über Shakespeare’s „Macbeth“ am Berliner Ensemble.

Also: Gerne spüre ich ja irgendwelchen Verbindungen hinter denjenigen Dingen nach, mit denen ich mich so befasse. Oft habe ich ja mehr Zeit dazu, als andere. Verbindungen gab es diesmal auch:

Macbeth. Ich saß vorgestern Nachmittag, Montag, der 03.12.2018, in einem ICE auf einem irgendwie unbequemen Sitzplatz gegen die Fahrtrichtung und fuhr von Berlin zurück nach München. Ich hatte „Macbeth“ gesehen, neben anderen Dingen des Wochenendes. Ich schaute immer wieder auf die Anzeige am Ende des Wagens, in dem ich saß, und las über dem Durchgang zum nächsten Wagen in roter Leuchtschrift dauernd:  „ICE 5511 – Zug „Müritz“ – Wagen 24  – Uhrzeit …“.

„Müritz“? Nie gehört. Ich lese nach und sehe, dass Müritz der größte komplett in Deutschland liegende Binnensee in Mecklenburg-Vorpommern ist. Sagt Wkipedia. So weit, so gut.

Und Macbeth? Nun gut: Es war ja „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, was ich gesehen hatte. Als ich im ICE gerade noch etwas über Heiner Müller nachsah, las ich, dass Heiner Müller in jungen Jahren mit seinen Eltern einige Jahre in … wo? … in „Waren (Müritz)“ … gelebt hatte! Mein ICE! Aber es ging noch weiter: Heiner Müller lebte ja von 1929 bis 1995, hatte also als Kind noch den II. Weltkrieg und später dann den Mauerfall miterlebt. In der DDR hatte er bekanntlich gelebt. 1970 wurde er – las ich, ich wusste es garnicht – Dramaturg wo? … am Berliner Ensemble. 1992 übernahm er dann (gemeinsam mit Peter Zadek, Matthias Langhoff, Peter Palizsch und Fritz Marquardt) die Leitung des … des Berliner Ensembles.

Also „Macbeth“ von Heiner Müller. In den Achtzigerjahren war Heiner Müller, schreibt Wikipedia (es stimmt hoffentlich), liiert mit wem? … mit Margarita Broich! Siehe einfach meinen aktuellen Blogbeitrag zum Büchlein „Alles Theater“ von Margarita Broich (HIER). Also das auch noch!

Also: Ich saß ausgerechnet im ICE „Müritz“(!) und hatte am Freitagabend zuvor am Berliner Ensemble (!) von Heiner Müller (!) „Macbeth nach William Shakespeare“ gesehen. Und dann noch etwas: Am Berliner Ensemble wird es in Kürze ein Stück über wen? … über Heiner Müller geben, es heißt „Heiner 1 – 4“. Die Uraufführung wird am 26. Januar 2019 sein. HIER der Link zur Programmankündigung.

Jetzt aber zu „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, das seit Kurzem am Berliner Ensemble gebracht wird:

Es ist eine Inszenierung von Michael Thalheimer. Übrigens: Im Januar werde ich eine weitere Shakespeare – Inszenierung sehen, von wem? … von Michael Thalheimer! „Richard III.“ am Münchner Residenztheater. Ich werde auch darüber berichten. Es heißt dort übrigens „Richard III. VON Michael Thalheimer NACH William Shakespeare“. Mal sehen. Und bei der Gelegenheit: Wer inszeniert gerade am Wiener Burgtheater derzeit Glaube Liebe Hoffnung von Ödon von Horvath? Richtig: Michael Thalheimer!

Jetzt also wirklich zu „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, das ich am Freitag am Berliner Ensemble gesehen habe:

Man hatte Heiner Müller in den Siebzigerjahren ja nach der Aufführung senes Macbeth „Nihilismus“ vorgeworfen. Es war eben eine Heiner-Müller-Übersetzung von Macbeth. Manche Äußerung der Übersetzung von Heiner Müller geht in der Tat in die Richtung Nihilismus. Nach dem Motto: „Was schert es mich, wie die Welt nach meinem Tod aussieht. Wenn ich tot bin, ist auch die Welt tot. Ich will meine Macht JETZT. Es geht nur ums Jetzt und um meine Lebenszeit. Es gibt keine Zukunft!„

Dementsprechend ist auch die Inszenierung  von Michael Thalheimer sicher krasser, als eine „normale“ Aufführung des Stückes Macbeth. Etwas krasser: Man merkt es nicht durchgehend, aber an der einen oder anderen Stelle und an der sehr blutrünstigen, eindringlichen Gesamtinszenierung. Die Inszenierung überzeugte mich, sie ist als Gesamtinszenierung auf jeden Fall beeindruckend. Keinerlei Schnickschnack, es geht um die Personen und die Texte. Die Personen tauchen immer wieder aus tiefem Nebel auf der großen leeren Bühne auf. Das ist eindringlich, zeitlos, hat den Hang dazu, irgendwie zeitgemäß, fast aktuell zu sein. Es geht nicht um die Zeit des 15ten oder 16ten Jahrhunderts.

Im Sinne des „Sozialisten“ Heiner Müller kam allerdings etwas „Klassentrennendes“ nicht gerade zur Geltung. Die Inszenierung orientierte sich insoweit, auch wenn Sie beeindruckend war, doch eher am William Shakespear’schen Wahnsinn von Macbeth, nicht am Heiner Müller’schen Klassenbild.

Zu den  Schauspielern: Trotz allem muss ich sagen: Sascha Nathan ist meines Erachtens keine Idealbesetzung für Macbeth gewesen. Ideal gewesen wäre ein Benny Claessens! Aber der kann ja nicht überall mitspielen. Er hätte wahrscheinlich den Wahnsinn von Macbeth und dessen nihilistische Einstellung (in der Fassung von Macbeth VON Heiner Müller) im WahnsInn deutlicher darstellen können oder wollen. Das ging Sascha Nathan ab! Sascha Nathan wirkte wie ein überforderter, nicht wie ein aggressiver Macbeth. Verwirrt wahnsinnig, nicht egomanisch wahnsinnig. So gesehen verfehlte Michael Thalheimer mit Sascha Nathan als Macbeth geradezu den Kern der Müllerschen Fassung von Macbeth. Themaverfehlung – zugunsten einer trotzdem beeindruckenden Gesamtinszenierung.

Am überzeugendsten war meines Erachtens Kathrin Wehlisch. Man sieht sie oben im Bild! Und hier noch ein Bild von ihr:

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Vielleicht müsste man – zumindest nach Heiner Müller – das Blut in Shakespeare’s „Macbeth“ heute ersetzen durch das Geld der kapitalistischen Welt! Wäre mal interessant, es durchzuspielen. Früher hieß es (so sah es wohl Heiner Müller): „Brutalität und Blut regieren die Welt und sichern die Macht!“ Heute heißt es: „Geld regiert die Welt, Geld sichert die Macht!“

Also: Insgesamt sehenswert! Hingehen und ein eigenes Urteil bilden!

HIER der Link zur Macbeth-Seite des Berliner Ensembles.

©️ des Beitragsbildes oben und des weiteren Fotos: Mathias Horn, Berliner Ensemble

THEATER: Vor dem Auftritt

Die Theatersaison rückt näher, der Blick wird wieder geschärft.  Es geht auch in München in Kürze wieder los.  Die Leser werden es merken. Gestern gab es  schon einmal eine Ausstellung der Fotografin Cordula Treml, gezeigt werden Aufnahmen  von SchauspielerInnen in den Minuten VOR ihren Auftritten.  Ich hatte im Vorfeld  einige Fragen an Cordula Treml, die Antworten dazu werde ich in Kürze in einem weiteren Beitrag hier bringen.

Die teilweise wunderbaren Fotografien können in verschiedenen Größen auch käuflich erworben werden. Gestern, am 13. September 2018, war die Vernissage, die Ausstellung läuft noch bis Freitag, den 21. September 2018. Sie ist zu sehen im Schauraum 1899 in der Landwehrstraße 67 in München.

Die SchauspielerInnen: Man sieht sie immer „nur“ auf der Bühne. Nie aber kurz vor oder kurz nach ihren Auftritten. Erst wiederum etwas später nach ihren Auftritten erlebe ich sie oft in den Kantinen der Theater. Doch das sind ja schon wieder ganz andere Momente. Fröhlichere Momente. Als wären sie dann wieder in ihr eigenes Leben zurückgekehrt.

Bei Cordula Treml geht es um die Momente kurz VOR einem Auftritt. Genau so interessieren mich die Momente der SchauspielerInnen kurz NACH ihren Auftritten. Auch dazu gibt es Fotografien. Ich  bemühe mich derzeit, auch Zugang zu diesen Aufnahmen zu erhalten und werde dann darüber schreiben. Die Schauspielerin und Fotografin Margarita Broich aus Berlin (bis vor kurzem war sie liiert mit dem bekannten Schauspieler Martin Wuttke) hat die Momente unmittelbar NACH den Auftritten in Fotografien erfasst. Und es gibt eine Menge interessanter Aufnahmen von SchauspielerInnen IM UMFELD ihrer Auftritte vom Münchner Fotografen Johannes Seyerlein. Auch Portraitaufnahmen. Auch zu ihm habe ich Kontakt aufgenommen. Mal sehen, inwieweit ich all diese Momente im Blog bringen kann. SchauspielerInnen neben der Bühne gewissermaßen! Vielleicht  kann ich etwas auf einer Extraseite machen. Es würde meine Theaterberichte so gut ergänzen.

Zur Ausstellung „Vor dem Auftritt“:

Schon die hier (oben und unten) gebrachten Bilder zeigen, dass besondere Situationen erfasst sind, wenn SchauspielerInnen kurz vor ihren Auftritten „erwischt“ werden. Fast alle der von Cordula Treml gebrachten Fotografien zeigen SchauspielerInnen, die sehr konzentriert, in sich gekehrt, ja fast durchgehend traurig erscheinen. Siehe das Bild oben! Möglicherweise ergibt sich ja eine gewisse Traurigkeit, wenn man fremde Schicksale auf der Bühne verkörpern will. Wer verinnerlicht schon gerne fremde Schicksale und fremde Einstellungen, SchauspielerInnen tun es! Jedes Schicksal ist auch für sich genommen irgendwie traurig! Traurig im weitesten Sinne, nicht gleich zum Weinen traurig. Vielleicht hat es auch etwas mit Demut zu tun.  Vielleicht sehen es aber junge SchauspielerInnen von heute wiederum etwas anders! Performance, Selbstverwirklichung etc! Die „Schauspielerei“ hat sich sicherlich geändert.  Es ist eben längst nicht mehr alles „Sprechtheater“.  Vielleicht wollen junge SchauspielerInnen heute viel mehr von ihrer eigenen Persönlichkeit auf die Bühne mitnehmen.

Im Katalog zur Ausstellung sind im Gegensatz zur Ausstellung selbst zu fast jedem Foto kurze Aussagen zu den Momenten vor dem Auftritt enthalten.  Michael Maertens vom Wiener Burgtheater bringt es auf den Punkt:

Ich hasse Maske. Ich brauche Maske.

Ich bin in der Maske ängstlicher als auf der Bühne. Ich will mich ja immer so gerne verstecken. Es geht in der Maske nicht. Aber auf der Bühne habe ich dann Maske und kann mich wunderbar verstecken. Dank der Maske.„

In der Maske sitzen somit zwei Personen, und genau das werden die SchauspielerInnen merken: Sie sitzen dort persönlich – vor dem Spiegel – und werden Stück für Stück verwandelt in eine andere Person. Auf der Bühne wiederum erscheint dann nur diese andere Person. Wie gesagt: Vielleicht legen junge SchauspielerInnen heute ihre eigene Person nicht mehr in der Maske ab, sondern nehmen Sie mit auf die Bühne.

Der Katalog  zur Ausstellung kann käuflich erworben werden (Euro 24), er enthält alle Aufnahmen. Wer Interesse hat, kann sich auch bei mir melden, ich würde Anfragen weiterleiten.

HIER  die Website von Cordula Treml.

Und hier noch zwei Aufnahmen (Oben: Bettina Stucky. Unten links: Sophie von Kessel. Unten rechts: Eva Meckbach). Da steckt doch auch eine gewisse Traurigkeit drin, nicht nur Anspannung, oder?

©️ aller Aufnahmen:  Cordula Treml