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THEATER: Annette Paulmann – Fünf bis sechs Semmeln und eine kalte Wurst

Es erinnerte ein wenig an ein Stück, das viele Jahre lang fast ein Klassiker der Münchner Kammerspiele war: „Susn“ von Herbert Achternbusch. Auch „Susn“ wurde bis vor wenigen Jahren immer auf der kleinsten Bühne der Münchner Kammerspiele gespielt, dem „Werkraum“ im dritten Stock über dem Restaurant Conviva im Blauen Haus. Jetzt also „5-6 Semmeln und eine kalte Wurst“.

„5-6 Semmeln und eine kalte Wurst“ ist ein Abend allein von und für Annette Paulmann, sie ist die Regisseurin und die einzige Darstellerin. Schön, sie, die seit vielen vielen Jahren Mitglied des Ensembles der Kammerspiele ist, so in aller Vertrautheit der kleinen Bühne des Werkraum erleben zu können. „Susn“ war ja ein Stück für zwei Personen, aber auch dort war man erfreut, dass man die beiden damals so bekannten Gesichter der Kammerspiele Brigitte Hobmeier und Edmund Telgenkemper so nah brillieren sehen konnte. Wie jetzt im Falle von Annette Paulmann!

Es reicht/reichte in beiden Fällen eine schlichte Bühnenausstattung. Tisch, Stuhl, jetzt ein Bett, wenige Alltagsgegenstände. Beide Produktionen zeichnen sich durch eine große Schlichtheit und Klarheit in der Darstellung aus. Auch durch große Sachlichkeit. Kein Tamtam, es ist/war in beiden Fällen eine Erzählung. Die Erzählung eines Frauenschicksals jeweils. In beiden Stücken geht es dabei um alle Altersstufen dieser Frauen. In „ 5-6 Semmeln und eine kalte Wurst“ geht es um Lena Christ, die ihr recht kurzes Leben in ihrem Buch „Erinnerungen einer Überflüssigen“ erzählte. Annette Paulmann erzählt aus diesem tragischen Leben.

Natürlich kann man sich aktuell sagen: „Die Welt gerät völlig aus der Fugen und ich schaue mir das Schicksal einer einzelnen Person an! Passt das?“ Die Frage scheint berechtigt. Andererseits: Die Welt geriet schon oft aus den Fugen, stand am Abgrund, und trotzdem bleibt immer auch der Blick auf das Einzelschicksal. Gerade in Literatur und Theater. Das Leben ist klein, die Welt ist groß, die Welt kann offenbar nicht kontrolliert werden.

Ein Einschub aus aktuellem Anlass: Meine Idee wäre ja, dass Israel – bevor man mit Bodentruppen in Palästina eindringt – einen Grenzzugang zu Palästina öffnet und all die fürchterlich betroffenen, leidenden Menschen – vor allem alle Frauen und Kinder – in einen abgegrenzten Bereich auf israelischem Boden ausreisen lässt. Ein abgegrenzter Bereich natürlich, damit sich nicht Terroristen in Israel einschleusen. Und dieser abgegrenzte Bereich kann auch humanitär gut versorgt werden. Und Israel würde damit Menschlichkeit zeigen!

Lena Christ hatte eine fürchterliche Kindheit und Jugend. Sie wurde vor allem von ihrer Mutter, die in München lebte und dort eine Gastwirtschaft führte, permanent grausam geschlagen, erniedrigt. Die ersten sieben Jahre von Lena Christ, die sie in Glonn bei ihrer Großmutter verbrachte, waren noch glücklich, dann wurde sie von ihrer Mutter nach München geholt, um in der Gastwirtschaft zu helfen.

Annette Paulmann verwebt die Erzählung des Lebens von Lena Christ mit Erzählungen über das Leben einer anderen Frau. Nicht ganz klar bleibt dabei, ob es sich hier um Annette Paulmann autobiographisch oder um eine andere Person handelt. Prägend für den Abend bleibt ohnehin die Erzählung des Lebens von Lena Christ. Man folgt der Geschichte und kann sich nur denken: „Wie kann eine Mutter nur so brutal, so missachtend und seelenlos mit ihrer eigenen Tochter umgehen?“ Das wiederum ist allerdings eine Frage, die an diesem Abend nicht gelöst wird. Der Abend erzählt die Gegebenheiten, er forscht nicht weiter nach, er stellt keine Fragen in den Raum und keine Antworten. Annette Paulmann zeigt bei all diesen düsteren Erzählungen und düsterem Ausdruck sogar immer wieder auch geradezu ein leicht verschmitztes Lächeln – vielleicht dem Tonfall im Buch von Lena Christ folgend.

Das lässt mich aber ein wenig ratlos zurück. Auch das Ende der Erzählung, wonach die Mutter zur Tochter sagt: „Und? Hat es Dir geschadet?“, bleibt in der Luft hängen. Was für eine Frage! Lena Christ hat sich im Juni 1920 letztendlich im Alter von 39 Jahren das Leben genommen, verarmt, heruntergekommen. Es hat also durchaus geschadet! Annette Paulmann wiederum tanzt kurz vor dem Ende des Abends ausgelassen über die Bühne. Wie nach dem Motto: Das Leben hat letztendlich schöne Seiten! Schöne Seiten sieht man an diesem Abend aber nicht. Auch wenn mehrfach deutlich wird, dass die Tochter trotz allem nie von ihrer Liebe zur eigenen Mutter loslassen kann. Man sieht aber jedenfalls endlich einmal Annette Paulmann näher!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

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Sonstiges

Eine Ankündigung

Hier eine Ankündigung ohne besondere weitere Anmerkungen: Es wird sicher interessant, es geht um Werner Herzog. Ich gehe hin (Ein Dank an die Münchner Kammerspiele!). Es ist die Veranstaltung am 30. Oktober in den Münchner Kammerspielen: „Halluzinationen – Werner Herzogs innere und äußere Landschaften.“ Ein Abend VON und MIT Werner Herzog mit Musik, Filmen und Lesungen aus seinen Büchern und Texten anlässlich seines 80. Geburtstags.

HIER der Link zur Ankündigung auf der Website der Münchner Kammerspiele.

HIER der Link zur Website von Werner Herzog.

Und HIER der Link zum Beitrag über Werner Herzog auf Wikipedia.

Noch gibt es wohl Karten.

THEATER: Sivan Ben Yishai – Like Lovers Do

Vorgestern, Samstag, 09. Oktober 2021, war Premiere an den Münchner Kammerspielen. LIKE LOVERS DO ist ein Text von Sivan Ben Yishai, der 1978 in Tel Aviv geborenen Autorin und Regisseurin, die seit einigen Jahren (2012) in Berlin lebt. Sie schreibt meist rohe, brutale Texte – scheint mir (so gut kenne ich sie nicht) – über die Rollenzuschreibungen von Mann und Frau vor allem, über das Sexuelle.

Die Inszenierung hier an den Münchner Kammerspielen war ein weiterer Versuch, einen ihrer Text auf die Bühne zu bringen. Nicht leicht, da bei diesen Texten im Grunde in keinster Weise erkennbar ist, dass man sie als Theaterstück bringen kann. Es ist ein Text, kein Theaterstück. Texte von Sivan Ben Yishai sind aber schon oft auf die Bühne gekommen. Mehrfach in Berlin (Deutsches Theater Berlin, Maxim Gorki Theater), auch in Bochum, Lübeck, Mühlhem, Stuttgart, auch schon in München an den Kammerspielen (HIER ein Video dazu, „Liebe, eine argumentative Übung“).

„Like Lovers Do“ ist wieder ein schlichtweg extremer, ein roher und immer wieder geballt brutaler und gnadenloser Text, der für die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen offenbar durch eine bunte und fast albern futuristisch wirkende „Kinderatmosphäre“ auf der Bühne, dann teils durch die Aktionen der SchauspielerInnen und dann noch durch eine manchmal irgendwie auch fast etwas lächerlich wirkende Albernheit des Textes (trotz aller Brutalität) mit Leichtigkeit aufgefangen werden soll. Siehe das Beitragsbild oben. Anders wird es auch kaum gehen, der Text ist zu heftig, pornographisch geradezu.

Der Zuschauerraum war übrigens auffallend – fast durchgängig – von jungen Zuschauern besetzt! Kennen Sie Sivan Ben Yishai? Interessiert Sie das Thema? Kommen sie wegen der jungen Regisseurin Pinar Karabulut? Oder kommen sie wegen der Kombination der beiden schon jeweils für sich gesehen recht extremen Personen: Der Autorin Sivan Ben Yishai und der Regisseurin Pinar Karabulut? Oder einfach wegen der Buntheit der Inszenierung?

Sivan Ben Yisha jedenfalls legt mit diesem Text nicht nur irgendwie „den Finger in die Wunde“, sondern zeigt in ihm ganz extrem und ganz direkt viele viele Dinge, die einfach Realität sind. Tief in uns allen sitzende Rollenzuschreibungen! Thematisiert wird alles extrem an sexuellem Missbrauch, Gewalt, Männerrollen, Frauenrollen, Vergewaltigungen, Porno, Morde … Brutalste Verhaltensweisen zwischen Mann und Frau, es geht aber auch um Wünsche, Erwartungen, das Verhalten der Frauen. Sie will in diesem „zerrissenen“ Text letztlich die Zeit zurückdrehen, Jahrhunderte zurück, es hätte doch alles anders werden können. Der Text rauscht natürlich leider ein wenig an einem vorbei, es ist alles sehr viel. Akustisch ist er leider auch nicht immer gut zu verstehen. Es ist auch schnell und viel. Schauspielerisch verschwinden die SchauspielerInnen fast hinter ihren futuristischen – oder: auch wieder etwas albernen – Aufmachungen.

Hier noch ein Foto:

Fazit: Es ist immer interessant, all diese Dinge mit anderen Augen zu sehen, man weitet ja seinen Blick. So extrem und so geballt wie in diesem Text, findet man eine subjektive Sichtweise aber fast selten. Man kann das Stück als Anlass nehmen, Texte von Sivan Ben Yishai zu lesen! Dann kann man sich noch länger mit ihren Texten auseinandersetzen!

Die Regisseurin Pinar Karabulut wird übrigens mit „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ schon Ende Oktober eine weitere Premiere An den Münchner Kammerspielen haben. HIER der Link zur Stückeseite von „Der Sprung vom Elfenbeinturm“.

HIER der Link zur Stückeseite von „Like Lovers Do“ mit weiterem Material und einer Einführung.

HIER der Link zur persönlichen Website von Sivan Ben Yisha.

Copyright der Beitragsbilder: Krafft Angerer

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THEATER: Paper Tiger – Heart Chamber Fragments

In der jetzt so genannten „Therese-Giehse-Halle“ der Münchner Kammerspiele, vormals Kammer 2, war gestern Premiere des Stückes „Heart Chamber Fragments“, ein Performanceabend der chinesischen Truppe Paper Tigers. Auch Ensemblemitglieder der Münchner Kammerspiele wirken mit. Viel Tanz und Bewegung, basierend offenbar auf drei Texten: Jean-Luc Nancys Der Eindringling, Franz Kafkas Der Bau und Tao Yuanmings Der Pfirsichblütenquell

Wie diese drei Texte zusammenpassen, erschließt sich mir nicht ganz. Im ersten Text geht es um eine Herztransplantation, im zweiten und dritten Text geht es irgendwie eher um das Unbewusste, Träumerische. Dass es darum geht und wie diese drei Texte zusammenpassen sollen, entnehme ich vor allem dem Programmheft. Der Performance selbst kann ich es selten entnehmen.

Der Vorteil der Performance: Teilweise schöne Bilder durch den Tanz, die Bewegungen, und die Gesamtdarstellung. Manchmal wenigstens. Der Nachteil meines Erachtens: Emotionen spielen keine Rolle, alles wird ganz nüchtern, extrem nüchtern, dargestellt. Nur ein- oder zweimal blitzen – extrem allerdings – Emotionen auf. Einmal weint einer der Beteiligten heftig und einmal wütet ein anderer Beteiligter heftig. Dies sind dann meines Erachtens auch sofort ergreifende Szenen, die der Performance gut taten! Mehr davon hätte auch gut getan. So bleibt es aber insgesamt eine schwer verständliche Tanzperformance.

Zwei Dinge waren für mich noch auffallend: warum werden die gesprochenen Texte oder auch andere Texte an der Rückwand in Chinesisch wiedergegeben? Und: Man hat zu viel an Choreografie gespürt, finde ich. Jede Bewegung war irgendwie exakt geplant.

Ein Wort noch zur „Therese-Giehse-Halle“: Nichts gegen Therese Giehse, aber die Spielhalle der Kammerspiele gleich nach ihrem Namen zu benennen, halte ich für etwas verwegen. Was ist denn, wenn der oder die Nachfolger*In der jetzigen Intendantin Barbara Mundel die Halle wieder anders nennen möchte! Ist das dann ein Akt gegen Therese Giehse?

HIER der Link zur Stückeseite. Heute Abend und am kommenden Dienstagabend ist es wieder zu sehen.

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

THEATER: Gabriele Tergit – Effingers

Ich hatte es im letzten Blogbeitrag schon erwähnt: In den Münchner Kammerspielen habe ich nun das Stück „Effingers“ gesehen. Ein Familientableau aus der Zeit 1883-1942. Ich hatte es schon im letzten Blogbeitrag erwähnt, weil ich kurz danach am Münchner Residenztheater ebenfalls ein Stück gesehen hatte, das ein großes Tableau beteiligter Personen bietet. Allerdings aus modernen Zeiten, „Unsere Zeit“ von Simon Stone. Beide Inszenierungen sind große Ensemblearbeiten.

„Effingers“ basiert auf einem Recht monströsen Buch der jüdischen Schriftstellerin Gabriele Tergit, die in der Zeit von 1894-1982 lebte. Die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen war die „Welturaufführung“ dieses Stückes. Regie hatte Jan Bosse. Die nächsten Aufführungen von „Effingers“ sind am 1., 16. und 17. November.

Drei Generationen:

  • der Bankier Emmanuel Oppner, der die Geschäfte der Geschwister Effinger finanzieren wird, und seine Frau Selma Oppner
  • deren vier Kinder Theodor, Sofie, Klara und Annette
  • dann Karl und Paul Effinger, die zunächst eine Schraubenfabrik gründen und später in die Automobilbranche eintauchen. Sie sind etwa im Alter der Kinder des Bankiers Oppner – also mittlere Generation – und heiraten dessen Töchter Klara und Annette
  • deren Kinder wiederum, die dritte Generation, darunter etwa Lotte (Tochter von Paul Effinger und Klara Oppner) und Marianne (Tochter von Karl Effinger und Anette Oppner)

Es sind weitere Personen im Familientableau. Hier findet man den kompletten Stammbaum des gesamten Tableaus, hilfreich für den Besuch der Inszenierung:

Im Programmheft werden diejenigen Elemente genannt, die das Leben dieser drei Generationen deutlich bestimmten: „Industrialisierung, Jahrhundertwende, der 1. Weltkrieg, die beginnende Frauenbewegung, eine Pandemie, Inflation, Antisemitismus, Nationalsozialismus, Faschismus.“ Vor diesem Hintergrund wird die Familiengeschichte der Effingers aufgeblättert. Große Umbrüche.

Die Bühne ist weitgehend leer, im hinteren Teil steht eine große Plexiglaswand, auf die manchmal Fotos einzelner Personen der drei Generationen projiziert werden. Auch kleine Videos werden dort gezeigt, der obige Stammbaum wird zum Teil mit Kreide drauf geschrieben, Jahreszahlen werden drauf geschrieben. Die Familienmitglieder stellen sich immer wieder zu Gruppenfotos zusammen. All das – zusätzlich zur immer zeitgemäßen Kostümierung der Personen – gibt Orientierung. Ansonsten stehen links und rechts auf der Bühne viele Stühle, oft sitzen die Schauspieler auf diesen schmucklosen Stühlen.

Es ist ein Abend, der nicht zur Fantasie angeregt, es ist eine dokumentarische Schilderung der drei Generationen. Schade, ich bevorzuge Theaterabende, die meine Fantasie anregen. Ich vermute, dass etwas mehr an „freiem Griff“ in die Familienentwicklungen möglich gewesen wäre. Mehr Wagnis, die Charaktere zu zeigen. Weder das Thema, noch die Art der Inszenierung, auch nicht das Bühnenbild, wecken aber Fantasie. All die Elemente, die die damalige Zeit prägten, sind ja hinlänglich bekannt. Der Familienroman von Gabriele Tergit mag beeindruckend sein, es bleibt aber auf der Bühne leider eine rein dokumentarische, nüchterne Arbeit. Sie bietet kaum Gelegenheit für die Schauspieler, sich vielseitig zu zeigen. Gut, man hat die Gelegenheit, viele neue Ensemblemitglieder der Münchner Kammerspiele kennen zu lernen. Allzu viele Gelegenheiten dazu gab es ja in den letzten Jahren nicht.

Edmund Telgenkämper stach für mich heraus. Er hatte meines Erachtens sehr große Bühnenpräsenz. Dazu das Beitragsbild oben.

Fazit: Wer rein historisch an dieser Zeitspanne der riesigen gesellschaftlichen Umbrüche vor den beiden Weltkriegen interessiert ist, nicht etwa irgendwelche Bezüge zum Leben in unserer Zeit erwartet, hat hier Gelegenheit, eine entsprechende Familiengeschichte zu sehen.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic

THEATER: Wolfram Lotz – Die Politiker

Wolfram Lotz mag einmal nachts im Bett gelegen haben und es mag sein, dass er nicht einschlafen konnte. Er hat vielleicht ständig über ein und dasselbe Thema nachgedacht, immer wieder, über „die Politiker“. Diese eine Nacht ist dann wahrscheinlich sein Text „Die Politiker“ geworden. Und dieser Text wurde dann – nicht zum ersten Mal auf deutscher Bühne – zur Inszenierung an den Münchner Kammerspielen, die kürzlich Premiere hatte. Die Inszenierung ist gegen Ende Juli und, denke ich, in der folgenden Spielzeit weiterhin zu sehen.


Vorab: Dieser Theaterbesuch war natürlich ein doppeltes Ereignis:

Es ging nicht nur um das Erleben einer Inszenierung, es war auch nach langer Zeit das Erlebnis eines Theaterbesuch an sich. Vor der Bühne zu sitzen – zu warten – Menschen zu beobachten – zu wissen, dass eine ganz bestimmte Anzahl von Menschen im Theater sitzt – die Inszenierung live zu erleben – „hautnah“ zu erleben, wie die SchauspielerInnen auf der Bühne agieren – eine ganz bestimmte Inszenierung zu verfolgen – am Ende zu applaudieren – zu merken, dass die SchauspielerInnen für diesen Abend genau mich (und die anderen ZuschauerInnen) „brauchen“ und andersherum ich (und die anderen ZuschauerInnen) die SchauspielerInnen „brauche“! All das wird irgendwie live viel deutlicher, als im Streaming, oder es wird live überhaupt erst möglich.

Gut, es gab in den vergangenen Monaten teilweise wunderbare Streamings von Theaterinszenierungen, keine Frage, auch Streaming – also Theater online – kann besondere Effekte hervorrufen. Manche Streamings „funktionierten“ sehr gut, haben Atmosphäre oder irgendetwas anderes transportiert, manche Streamings „ funktionierten“ aus meiner Sicht dagegen weit weniger. So ist das nun einmal. Theater hat meines Erachtens nichts mit „Erfolg“ oder mit ständigem „Gelingen“ zu tun. Es ist jedes Mal ein Versuch.

Und nun zur Inszenierung von „Die Politiker“:

Wie gesagt, jemand durchlebt eine einzige Nacht und kreist immer wieder um ein Thema: Die Politiker. Die beiden Wörter „die Politiker“ hört man an diesem Abend (ohne Übertreibung) zwischen 700 und vielleicht 1000 mal. Wenn nicht sogar viel öfter, weil sie teilweise auch parallel von den drei SchauspielerInnen gesprochen oder gemurmelt werden. Meine Rechnung: Die Inszenierung dauert 70 Minuten, allein pro Minute hört man durchschnittlich mindestens zehnmal die Worte „die Politiker“, macht schon 700 mal. In den englischsprachigen Surtitles heißt es nur manchmal „politica“ und manchmal „politicians“. Etwas viel – als wäre Wolfram Lotz in einer fürchterlichen Gedankenschleife gesteckt, die ihn nicht irgendwie voran gebracht hätte. Es ist ja nicht so, dass man der Bezeichnung „die Politiker“ durch den Text von Wolfram Lotz auch nur irgendwie näher kommen würde. Das ist auch gar nicht beabsichtigt. Es gibt nicht „die Politiker“.

Die recht junge Regisseurin Felicitas Brucker – eine von insgesamt 30 RegisseurInnen, die auf der Website der Kammerspiele genannt werden! – lässt für diesen Text drei Personen auf der Bühne erscheinen. Katharina Bach, Svetlana Belesova und Thomas Schmauser. Alle drei agieren weitestgehend in eigens für Sie bestehenden kleinen Kästen, „videoanimierten“ Zimmern, die klein und eng wirken. Vor allem Thomas Schmauser und ganz besonders Katharina Bach verausgaben sich – und überzeugen dadurch – geradezu. Alle drei reden und reden und reden. Sie reden meist parallel, über Licht und Ton wird jeweils der Fokus auf eines der Zimmer gelegt. Eine aufgeregte Aneinanderreihung von Gedanken, Elfriede Jelinek lässt grüßen! Katharina Bach spielt die „explosivste“ Person des Trios.

Die Inszenierung endet dann mit dem Satz: „Alle Dinge sind allein!“ Und genau das spiegelt die Stimmungslage des gesamten Textes von Wolfram Lotz und der Inszenierung (und schon des Bühnenbildes) wider: Wir reden von „die Politiker“, können sie aber gar nicht greifen. Wir stürzen immer wieder nur herab auf unser Alleinsein. Der völlig unbestimmte Begriff „Die Politiker“ ist Projektionsfläche für die recht hilflose Situation der SchauspielerInnen. Alle drei SchauspielerInnen suchen im Grunde Auswege aus ihrer Einsamkeit, ihrer Isolation. Suizid? Gewalt? Schreiben statt schreien? Oder wollen sie mehr Verantwortung der Politiker?

Getragen wird das Gedankenkonvolut des Textes meines Erachtens dann auch noch davon, dass es bei den undefinierten „Politikern“ um Personen irgendwo „oben“ geht, während alle anderen Menschen „unten“ sind. Das mag primär ein verständlicher Gedanke sein, Schlussfolgerungen aus dieser sehr unschönen Situation zeigen sich aber im wilden Gedankenkonvolut des Textes nur unscharf. Um Einiges zu unscharf, fand ich. Eine gewisse Schärfe der Gedanken vermag dem rasanten Tempo der Gedankenwechsel zum Opfer gefallen sein. Die Überlegung „weniger ist mehr“ gilt für den Text von Wolfram Lotz leider nicht unbedingt!

Thomas Schmauser und Katharina Bach

Copyright der Fotos: Judith Buss


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THEATER: Die Münchner Kammerspiele – The Munich Kammerplays

Sie sind kaum wiederzuerkennen und man muss vor allem fast schon gut Englisch können, um zu verstehen, was angeboten wird. Die Münchner Kammerspiele: „The Munich Kammerplays“ kann man sie nennen. Sie geben sich englischsprachig. Schon die Hausfront der Münchner Kammerspiele in der Maximilianstraße – siehe mein Foto oben – zeigt es ja.

What is the City?“ und „I beleive in pink“ liest man an der Front. Ein Auszug aus dem derzeitigen Programmangebot zeigt es dann noch deutlicher. Angekündigt sind für Februar und März

  • Through a window – eine „Sammlung digitaler Kunstwerke der syrischen Künstlerin Sulafa Hijazi“ im Habibi Kiosk
  • Sisterhood – ein „Talk“ mit der Künstlerischen Leitung des TR Warzawa über die Möglichkeiten internationaler Zusammenarbeit
  • Broken Brecht – ein „epischer Autorinnenschaftskrimi“
  • tanikō (cold love)
  • Like Lovers Do (Memoirs of Medusa) – im Rahmen von Arbeit am Feminismus #schreiben
  • The Tempest
  • The Fittest Will Survive?
  • The Digital Assembly
  • Jeeps
  • Bohren & der Club of Gore
  • Habibi Gigs
  • Gezeigt war schon: „Touch“ von Falk Richter

Das ist viel für ein/zwei Monate! Dazu wir dann übrigens – zugegeben: neben einzelnen deutschsprachigen Titeln – derzeit noch angekündigt:

  • Paisajes para no colorear – Landschaften die nicht auszumalen sind
  • BELARUS! Das weibliche Gesicht der Revolution?
  • Buđenje Proleća – Frühlingserwachen

Und dazu laufen dann auch noch immer wieder – langfristig angelegt – Veranstaltungen unter dem (auf die Münchner Stadtgemeinschaft bezogenen) Motto: „What is the City?

Am Münchner Odeonsplatz fand dazu im vergangenen Jahr auch schon statt: „What is the city but the people? Eine – wie es hieß – Stadtraum-Performance mit Münchner*innen.


Nun, Internationalität ist natürlich unser alltägliches Leben geworden, keine Frage! Und ich habe nichts gegen Internationalität oder gegen die englische Sprache! Überhaupt nicht! Ich finde es immer wieder interessant zu sehen, wie man sich in anderen Ländern künstlerisch ausdrückt. Zuletzt hatte ich ja über ein wunderbares Streaming eines polnischen Teams am Residenztheater berichtet (HIER der Link). Aber doch gleich so geballt? Wo bleibt denn die Münchner Stadtgemeinschaft? Die Münchner Kammerspiele treten unter der neuen Intendantin Barbara Mundel vor allem mit folgendem Vorhaben an:

„Wir fragen nach neuen Verantwortlichkeiten im Theater: Wer spricht, wer entscheidet, was und wie wird erzählt? Theater verstehen wir als Labor … Dabei suchen wir nach neuen Begriffen, fremdartigen schönen Sprachen, lebbaren Körperlichkeiten und nach den verbindenden Erzählungen der Zukunft. … Wir möchten zugänglich sein und unsere Zugänglichkeit immer wieder aufs Neue überprüfen. Wir lassen die Wirklichkeit nicht in Ruhe. Sie lässt uns ja auch nicht in Ruhe.

Diese wortreich angelegten schönen Vorhaben setzen meines Erachtens auch voraus, dass – vor allem als Stadttheater – die „Zugänglichkeit“ zum Theater möglichst vielen MünchnerInnen aus allen Schichten gegeben bleibt. Und genau da mag die Frage entstehen, ob die überbordende Internationalität und vor allem Englischsprachigkeit des aktuellen Angebots für manch einen nicht eher schon abschreckende Wirkung oder gar geradezu etwas Elitäres hat. Wird damit nicht sofort eine Schere aufgemacht?

Dies ist mein Eindruck. Theater haben es nicht leicht momentan. Da hängt natürlich vieles in der Schleife und kann nicht richtig austariert werden. Wir werden sehen.

THEATER: Falk Richter – TOUCH

Wieder ins Theater – nach längerer Zeit. Ja, es kam mir vor wie ein Wagnis. Seit Beginn der Coronazeit lief Theater allenfalls online. Auch der Online-Hype ließ nach. Aber im Vertrauen auf die mittlerweile entwickelten guten Konzepte der Theater wg. Corona bin ich wieder in die Münchner Kammerspiele. „Touch“, eine Arbeit von Falk Richter. Die erste Inszenierung der ersten Spielzeit in der Intendanz von Barbara Mundel. Und die erste Inszenierung überhaupt von Falk Richter an den Münchner Kammerspielen.

Falk Richter ist ja bekannt als Autor und Regisseur, seit 2020 ist er Mitglied der künstlerischen Leitung des Theaters. Einer der „bedeutendsten Theaterregisseure“ in Deutschland, liest man manchmal. Zuletzt war er mit seiner Inszenierung „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek zum Berliner Theatertreffen 2019 eingeladen. Ich hatte darüber geschrieben. HIER der Link.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspielen.

Meine Eindrücke aus meinem Besuch der Inszenierung Touch muss ich mit allgemeinen Bemerkungen beginnen:

Vielleicht bedingt durch die kleinere Besucherzahl ist mir – im Foyer des Theaters sitzend – die angenehme Atmosphäre dieses Theaterbaus einmal wieder deutlich geworden. Die Münchner Kammerspiele gelten als „das einzige Jugendstiltheater Deutschlands“. Der Bau entstand um 1900, 1901 war die Eröffnung, die Münchner Kammerspiele zogen 1926 in das Gebäude ein. Das Angenehme: Das Auge trifft auf wenige Ecken und Kanten. Überall leicht gerundete Wölbungen des Gemäuers, die Ornamentik an den Decken, die Türen, dazu die in keiner Weise schrille Beleuchtung, angenehme Blicke und und und. Es lohnt sich, hier in ruhigen Minuten einen Blick auf die Details zu werfen.

Der nächste Eindruck: Jeder Besucher, jede Besucherin trug natürlich Maske. Es herrschte Distanz. Nicht nur im Foyer, auch während der Aufführung. Das hat wirklich einen Effekt, der sehr sehr schade ist. Es entfiel das Erlebnis und Vergnügen, das ich bisher bei jeder Veranstaltung sehr genossen hatte: Die Menschen zu sehen, sie kurz zu beobachten, zu treffen. Gespräche entfielen, Kontakte entfielen, Blicke entfielen – das Interesse an diesen Menschen jeden Alters, die in der Regel in den Münchner Kammerspielen wenig mit „Mainstream“ zu tun haben, musste ich aufgeben. Auch das Conviva im Blauen Haus, das üblicherweise Treffpunkt für Gespräche im Anschluss an Veranstaltungen war, hatte bereits geschlossen. Sperrstunde! Es wird hoffentlich irgendwann wieder besser.

Im Theaterraum selbst war jede zweite Sitzreihe entfernt. Dennoch erschien das Theater gut besucht. Vorteil: Man saß bequemer, freier – die Plätze neben mir waren unbesetzt – man fühlte sich nicht verloren. Kurz befiel mich nur ein klein bisschen Unwohlsein, als schlagartig die zahlreichen Türen in den Zuschauerraum vor Beginn der Veranstaltung geschlossen wurden. Warum sperrt man in unseren Corona Zeiten die Zuschauer so ein? Es mögen akustische Gründe sein. Jedes Klassenzimmer aber wird besser gelüftet! Gut, in Klassenzimmern wird auch mehr geredet… Insgesamt hatte ich aber den Eindruck, dass man im Grunde im Theater in einem sogar sehr sicheren Raum ist, was Corona anbelangt. Ich werde wieder öfters hingehen.

Zur Inszenierung Touch:

Nach der zweistündigen Inszenierung hatte ich einen Eindruck: Es war durchgängig negativ. Als wäre die Welt morgen zu Ende und heute machte man noch ein Theaterstück darüber! Ich fragte mich: Warum das? Falk Richter bringt immer wieder Rundumschläge. Insoweit ist es politisches Theater. Negatives politisches Theater. Rassismus, Feminismus, Flüchtlinge, Tierquälerei, Klimakatastrophe, das Virus, die Vereinsamung des Einzelnen, die Aggression des Einzelnen gegen andere Menschen, der Untergang der Empathie, das fehlende Gefühl des Menschen für andere Menschen, das fehlende Gefühl für sich selber und und und. Es war mir too much! Falk Richter hat ja Recht, der Mensch schafft es nur, alles zu zerstören, mehr kann er nicht! Trotzdem.

All das, was Richter anspricht, kann wirklich mit gutem Recht kritisiert werden. Es wird ja auch im Laufe des Abends einmal treffend errechnet, dass der Mensch imstande ist, die Welt ruckzuck zu zerstören. Und zwar in Windeseile. Wenn die Geschichte der Erdkugel ein Kalenderjahr wäre, wäre die Zeit der Menschheit vielleicht ein Tag vor Jahresende – so ähnlich. Und wir nennen es dann „Geschichte“. Trotzdem.

Man muss auch sagen: Man braucht viel Kraft, um alle diese Themen immer wieder in ein „Theaterstück„ – besser: einen Theaterabend – packen zu können. Falk Richter macht es immer wieder. Braucht es auch! Aber ist es nicht etwas zu unsensibel, gleich auf alles hinzuweisen? Soll der Abend irgendwie aufrütteln? Mir gefallen dazu Stücke viel besser, die einzelne dieser Aspekte herausgreifen. Da kann man sich selber besser überprüfen.

Das ist ohnehin ein Aspekt, der mir fehlte: Es fehlte jede Art von Sensibilität, Wärme und Empathie. Kalt war schon das Bühnenbild: Auf dem Boden liegende Eisblöcke, im Hintergrund eine Lochkarte oder Ähnliches, siehe oben, Kuben zur Abtrennung der Menschen werden hereingerollt, gesichtslose Masken, große Plastikplanen über den AkteurInnen und und … Ebenso die begleitende „Musik“: Kalt, technisch, nicht melodisch. Matthias Grübel hatte schon mehrfach die Musik für Falk Richters Inszenierungen geschrieben. Der Abend „Touch“ endete mit dem Lied „This mess we‘re in“, was wahrlich gut passte! Auch das aber ist alles andere als ein zartes Lied, eher düster.

Auch die Schauspieler: Sie schauen sich gegenseitig kaum an, auf der Bühne ist viel Aktion, man soll sich sicherlich nicht mit ihnen identifizieren. Es wird keine Geschichte erzählt. Es wird die Zerrissenheit und Einsamkeit der Personen dargestellt. Alle Schauspieler und Tänzer bringen immer wieder Tanzeinlagen. Auch diese Tanzeinlagen zeigen abrupte, verzerrte Bewegungen. Der im Rollstuhl fahrende kleinwüchsige Erwin Aljukic war allerdings ein Erlebnis! Mir ging es so: Er bekam mehr und mehr ein Gesicht, etwas, was man bei einem Menschen in seiner Lebenssituation sicherlich etwas weniger berücksichtigt. Von ihm möchte ich gerne noch mehr sehen!

Schließlich entwirft Falk Richter einen Blick in die Zukunft: Auch der ist aber nicht schön. Die Schauspieler bewegen sich langsam wie im Weltall in Astronautenanzügen mit übergroßen eckigen und durchsichtigen Kopfbedeckungen.

Nun, die Münchner Kammerspiele bieten zu Beginn der neuen Intendanz ein vollbepacktes Programm. Ich werde das ein oder andere sehen können.



THEATER und LITERATUR: Falk Richter – disconnected

Falk Richter, der Theaterregisseur, der wegen einiger seiner Stücke – meist Stücke, die er selbst geschrieben hat – sehr bekannt (international bekannt) geworden ist. Andererseits ist er wegen rechtlicher Auseinandersetzungen mit der AfD zu seinem Stück FEAR bekannt geworden. Hierzu etwas mehr weiter unten.

Über 35 eigene Theaterstücke hat Falk Richter in etwas über 25 Jahren bisher entwickelt. Er ist ab der kommenden Spielzeit Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen. Die Münchner Kammerspiele schreiben über ihn:

„Autor und Regisseur, 1969 in Hamburg geboren, studierte Theaterregie in Hamburg … Hausregisseur an der Schaubühne Berlin sowie am Maxim Gorki Theater und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Zu seinen wichtigsten Werken zählen u. A. die weltweit gespielten Stücke „Electronic City“, „Unter Eis“, „Trust“ und „Fear“. … Einladungen zum Berliner Theatertreffen und Nominierung für den Mülheimer Dramatiker*innen-Preis … zuletzt 2020 mit „In My Room“. Uraufführung von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg … wurde er zum Regisseur des Jahres 2018 gewählt. … Professor an der Danish National School for Performing Arts in Kopenhagen.“

Ich habe von ihm auf dem Berliner Theatertreffen 2019 die Inszenierung von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ gesehen. In meinem Blog habe ich aus dieser Inszenierung auch zwei Musikstücke gebracht. „Fade Into You „ von Mazzy Star (HIER) und „Frank‘s Dance Peace“ (HIER), Musik des Theatermusikers Matthias Grübel, der in dieser Inszenierung für die Musik verantwortlich war. Theater, Musik und Tanz sind ja die drei Bereiche, die Falk Richter gerne verbindet, so wie es auch für die kommenden fünf Jahre an den Münchner Kammerspielen angekündigt ist.

Vor knapp zwei Jahren hatte Falk Richter ein Buch veröffentlicht, in dem er seine Auffassung von Theater erklärt. Es heißt „DISCONNECTED“ mit dem Untertitel „Theater Tanz Politik“. Ich habe es gelesen. Freunde der Münchner Kammerspiele werden Interesse an diesem Buch haben, da doch davon ausgegangen werden kann, dass Falk Richter auch weiterhin die dort erklärten Auffassungen vertreten und in gewisser Weise zur Basis seiner Inszenierungen machen wird.

Das Buch erscheint im Alexander Verlag Berlin. HIER ist der Link zur Buchseite des Alexander Verlags.

Falk Richter ist ein politisch und gesellschaftskritisch arbeitender Autor und Theateregisseur. In DISCCONNECTED geht er auf einige seiner Produktionen ein, die allesamt immer auch seine Sicht der Gesellschaft in unseren Sphären – die westliche Welt – widerspiegeln. Es sind vor allem seine Stücke „Trust“, „Das System“, „Unter Eis“, „For the Disconnected Child“, „Safe Places“, „Small Town Bodies“, „Complexity of Belonging“.

Zu seinem Stück FEAR musste er viel Kritik einstecken. Auf Wikipedia heißt es dazu:

“Die Inszenierung von FEAR beschreibt Katharina Röben in der Zeitung Die Welt als „überraschend konkret“, sie setze „reale Akteure in den Fokus“ und ergründe „die Angst hinter Hass und Fremdenfeindlichkeit“. Allerdings verharre sie „in einer exakten Bestandsaufnahme – aktuell, rhythmisch, bekannt“, sie liefere „zwar keine Antworten“, sei „aber herrlich komisch, albern und performativ“. ZEIT – Journalist Daniel Müller empfand das Stück als „hart“ und „eindrücklich“. Rechtswidrig sei es nicht. Es gehe „in Richters Stück um die Frage, wie diese gefährlichen Gedanken wieder aus der Welt zu schaffen sind. Die Gedanken, wohlgemerkt, nicht die Menschen, die sie in die Welt tragen“. Dagegen bezeichnete der Welt – Theaterkritiker Jan Küveler das Stück als „traurige“ und „feige“ Veranstaltung, die nicht an Tabus rühre und lediglich Vorurteile und Klischees bediene. Alexander Kissler diagnostizierte im Onlineangebot der Zeitschrift CICERO, der Abend propagiere „Vernichtung, nicht Diskurs“. Er sei „eine Kampfansage, kein Diskussionsangebot“ sowie eine „intellektuelle Bankrotterklärung“. Peter Laudenbach bilanzierte (HIER) in der Süddeutschen Zeitung, das Stück unterliege der „gleichen Logik wie die rechten Foren und Blogs, deren Teilnehmer einander zu immer schrilleren Ausfällen gegen Demokratie, Presse, Kanzlerin und sonstige Andersdenkende anstacheln: Diskursunfähigkeit als Programm“.

Ich konnte diese Anmerkungen ein wenig verstehen, als ich das Buch „Disconnected“ las. Das Buch geht zurück auf drei im Januar 2016 im Rahmen der fünften Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik gehaltene öffentliche Vorträge. Man liest darin im Grunde nicht etwas über künstlerische Aspekte des Theaters heute, sondern Gesellschaftskritik mit meines Erachtens etwas unschönem, zu pauschalem Unterton.

Die Kernaussagen von Falk Richters umfassender Gesellschaftskritik, die sich allein schon im Buchtitel „Disconnected“ widerspiegeln, lauten: Entfremdung des Individuums von sich selbst, vom Gegenüber und von der Gesellschaft – Einsamkeit, Entfremdung, Erschöpfung, Resignation, Überforderung – Unfähigkeit zur Nähe, gesellschaftlicher Druck zur Selbstentfremdung durch Selbstoptimierung – Zurichtung des Menschen durch die Marktverhältnisse!

All das schreibt Falk Richter der gesellschaftlichen Entwicklung der westlichen Welt zu. Starke Worte, die in vielerlei Hinsicht Berechtigung haben. Mir missfielen aber im Buch zwei Aspekte:

– Es ist zu viel und zu negativ: So wirkt es fast kindisch, all diese Aspekte aufzuführen, ohne wirklich ins Detail zu gehen. Das Buch strotzt von – wahrscheinlich locker über einhundert – Fragen zu diesen Aspekten. Antworten können natürlich kaum geliefert werden. Ob und welche Antworten hierzu in den Theaterstücken geliefert werden, kann ich noch nicht beurteilen.

Seine Inszenierungen sind oft Collagen mit vielen Brüchen, es sind nicht durchgehende „Geschichten“. Der Zuschauer wird hin- und hergeschleudert. Falk Richter bevorzugt es dabei, Situationen und Gefühle der Menschen gerade durch Tanz und Bewegung (Anouk van Dijk) darzustellen. Ich fürchte nur, dass man Hass und Zerrissenheit etwa durch Tanz besser darstellen kann, als Tendenzen zu möglichen Antworten auf die vielen aufgeworfenen Fragen und Beobachtungen. So bliebe es dann auch auf der Bühne allein bei der Bestandsaufnahme, der Bemängelung vieler Dinge.

– Der zweite Aspekt, der mir missfiel: Die Erläuterungen von Falk Richter haben insoweit teilweise fast einen aggressiven Unterton. Nicht explizit, aber es wird so viel Unwohlsein gegenüber den aufgegriffenen Aspekten und Personen erzeugt, dass man fast aggressiv werden könnte. Dies scheint auch einer der Gründe zu sein, warum Falk Richter mit seinem Stück FEAR stark kritisiert wurde. Aussagen und Darstellungen gegen Rechtspopulisten der AfD wurden, so die Kritik, mit fast den selben unschönen Mitteln gebracht, die kritisiert werden sollten.

Das Buch „Disconnected“ ist insoweit eine grobe Anhäufung gesellschaftspolitischer Aspekte, die Falk Richter umtreiben. Wir werden sehen, welche Aspekte davon in nächster Zeit von ihm in seinen Produktionen an den Münchner Kammerspielen zur Geltung gebracht werden.

Hoffentlich wird er die Themen etwas sensibler, fantasievoller und nicht so einseitig vorwurfsvoll bringen, wie es im Buch DISCONNECTED geschieht. Hoffentlich auch mit ein bisschen mehr Sinn für Details als es im Buch DISCONNECTED geschieht. Andererseits: Klar, man darf natürlich auch einmal pauschal und gröber arbeiten. Es bleibt spannend an den Kammerspielen – nach der Zeit unter Matthias Lilienthal, die mir gegenüber von mehreren Kennern und Liebhabern der Theaterwelt als „Geschichte“ bezeichnet wird. „Wir haben Geschichte erlebt“, hörte ich.

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THEATER: Opening Ceremony

Am Samstag, den 11. Juli 2020, fand die Abschlussveranstaltung der Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen statt. Natürlich vor einer begrenzten Besucherzahl. Ursprünglich waren coronabedingt 200 Gäste genehmigt, einige wurden nachgenehmigt.

Vielleicht waren es am Ende 400 Zuschauer. Der Ort war großzügig gewählt. Am Eingangsbereich standen mehrere Menschen, die ein Schild vor sich hielten: „Karte gesucht!“

Von vornherein konnte man sich wundern: Der Titel der Abschlussveranstaltung: „Opening Ceremony“ – der Ort der Veranstaltung: Das Münchner Olympiastadion – das „Setting“: Etwas, was nichts mit Theater im herkömmlichen Sinne zu tun hat! Umso treffender war es!

Hier Eindrücke vom faszinierenden Münchner Olympiastadion. Etwas verbleichte Handyaufnahmen (mit Ausnahme der letzten beiden:

Die „Konkurrenz“ (besser: „Nachfolgerin“) des Olympiastadions, die Allianz Arena, kam im Laufe der Veranstaltung zur Erwähnung. Nach der Veranstaltung sagte mir eine Dame völlig zu Recht: Die Atmosphäre des Olympiastadions ist einzigartig, ganz besonders:

Die Allianz Arena ist ein Bauwerk, ein architektonischer Koloss, vor dem man fast Angst haben muss. Das Olympiastadion ist Architektur für den Menschen! Das Stadion … die Weite … die Schwingungen der Gebäude … die Blicke … die Offenheit … die Farben … die Hügeligkeit des Geländes … das sagenhafte Olympiadach … die Geschichte des Olympiazentrums! Siehe die Fotos! Die Atmosphäre, das war es an diesem Tag! Bei fantastischem Wetter, vormittags hatte es noch geschüttet.

Das Besondere am Olympiastadion ist vielleicht auch etwas, was während der Veranstaltung von einem der Schauspieler gesagt wurde: Von außen kann man das Innere spüren und von innen das Äußere. Ganz anders als bei der Allianz Arena, auch das wurde erwähnt.

Mein Gefühl auf dem Weg zum Stadion war außerdem: Man besuchte nicht eine „Veranstaltung“, einen „Veranstaltungsort“. Man zog in eine Welt, in die Weite und Leichtigkeit des Olympiageländes. Das Gefühl der weiten Welt. Mit diesem Gefühl, das beim Oympiapark irgendwie besonders mitschwingt, ging ja auch Matthias Lilienthal vor fünf Jahren in die Intendanz der Münchner Kammerspiele.

Insoweit passte der Ort!

Allerdings kam Matthias Lilienthal nicht mit dem Motto: „Wie schön ist alles, lasst uns die Vielfalt der Welt feiern!“ Sondern eher mit dem Gefühl: „Wir wollen hier – es begann 2015 – in München ein bisschen „Weltfeeling“ mit Blicken auf die Schwierigkeiten und auch die Ideen, die auf der Welt bestehen, pflanzen! München aus seiner Verträumtheit holen!

Und in diese Richtung gingen wohl auch die Anfangsüberlegungen von Toshiki Tokada, der diese Abschiedsveranstaltung gestaltete. Er hatte ja mehrfach an den Kammerspielen unter Matthias Lilienthal inszeniert.

Inhaltlich war es natürlich nicht tiefgehend, das war bei der Abschlussveranstaltung auch wahrlich nicht beabsichtigt. Man konnte auch die SchauspielerInnen fast nicht erkennen- obwohl einige ja die Kammerspiele verlassen werden. Das gesamte Ensemble war anwesend, winkend am Schluss. Es war auch nicht so, dass viel passierte – bei zarten Klängen einer E-Gitarre. Auch war es nicht so, dass Matthias Lilienthal sich winkend gezeigt hätte. Das hätte auch nicht zu ihm gepasst.

Sie redeten miteinander und man betrachtete kleine Vorkommnisse. Der grüne Rasen wurde mit Gießkannen gegossen, einzelne SchauspielerInnen gingen über den Rasen, die übrigen standen vor der Haupttribüne, siehe das letzte Foto oben.

Es begann noch imposant – Julia Riedler flog an einem Drahtseil vom Stadiondach zur anderen Stadionseite, eine wehende Fahne hinter sich herschleppend. Dann wurde fantasiert. Thematisch über etwas ganz Großes – wohl die abgesagten Olympischen Spiele in Tokio (das „globale Event“) – auch über Corona ein wenig. Aber man konnte sich auch denken: Sie reden im Grund genausogut über Theater! Es ging um das Aussähen von Samen, Pflege des Rasens, das Wuchern, das Weitertragen des Samens durch Bienen und Vögel. Das Wesen des Theaters, zumindest in den vergangenen fünf Jahren an den Münchner Kammerspielen und vielleicht auch in der Zukunft der Münchner Kammerspiele.

Es war bei alledem (in der von Toshiki Okada bekannten Reduktion des Geschehens) das Feeling, das einen trug. Wehmut kam auf. Im Anschluss sagte der Münchner Kulturreferent Anton Biebl – nach all den Unkenrufen vieler Münchner in den vergangenen Jahren -: „Du hat uns ein Theater geschenkt, das es hier noch nie gegeben hat.

Nun, vielleicht ist eine Saat gesät worden und die Pflanzen werden gepflegt. Dann waren die vergangenen fünf Jahre an den Kammerspielen verkürzt gesagt insgesamt auch so etwas wie eine „Opening Ceremony“ – im Sinne von Matthias Lilienthal! Schade – fünf weitere Jahre wären interessant gewesen. Aber er sagt in einem Interview kürzlich (SPIEGEL), es käme nicht auf die übliche Dekade an. Es käme nur darauf an, was entstanden sei – sinngemäß.

Copyright des Beitragsbildes und der letzten beiden Fotos im Beitrag: Julian Baumann

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THEATER: Kammerspiele – Plakataktion

MünchnerInnen aufgepasst! Auf Litfasssäulen etc.! Ein Teil der Verabschiedung von Matthias Lilienthal als Intendant der Münchner Kammerspiele ist eine seit Freitag, den 26.06.2020, laufende Plakataktion. Eine Art Geschenk an die Münchner.

Thema: Das öffentliche Erleben von Kunst und Kultur ist bekanntlich immer noch auf ein Minimum reduziert. Eine gefährliche Situation, die nicht Bestand haben darf! Die Münchner Kammerspiele haben ausgewählte Künstler*innen nach Entwürfen und Motiven von Plakaten zum Thema „WELT OHNE KUNST“ gefragt. Die Ergebnisse sind nunmehr als Open-Air-Ausstellung vom 26. Juni an bis zum Ende der Spielzeit auf bereits gemieteten Plakatflächen der Kammerspiele in ganz München zu sehen.

Abschließen wird die Intendanz von Matthias Lilienthal übrigens wahrscheinlich – Näheres ist noch nicht bekannt – am 17. Juli mit einer Veranstaltung im Olympiastadion mit Team, Ensemble und Zuschauern!

Meine Lieblingsmotive der Plakataktion sind (eigene Fotos, nicht immer beste Qualität):

undefined Gestaltung Gregor Hildebrandt, Professor für Malerei und Grafik an der Münchner Akademie der Bildenden Künste.

undefined Gestaltung Philippe Quesne, ein Szenenbild seiner 2016er Inszenierung Caspar Western Friedrich, einer meiner Lieblingsinszenierungen der vergangenen fünf Jahre. Der Mensch und die Natur war das Thema, das damals sehr poetisch aufgegriffen wurde.

undefined Gestaltung Milo Rau, der leider in den vergangenen 5 Jahren keine Repertoirearbeit an den Kammerspielen machte. Die Kammerspiele wirkten an Koproduktionen mit und Milo Rau hatte Gastaufführungen.

undefined Gestaltung Henrike Naumann, Künstlerin, geb. in der DDR, international ausgestellt, zuletzt im Münchner Haus der Kunst, Möbel als Ausdruck von Zeitgeist sind ihr Schwerpunkt.

undefined Gestaltung Tobias Rehberger, „Ausgeraucht“, Grenzgänger zwischen Kunst, Design und Architektur, ausgezeichnet 2009 mit dem Goldenen Löwen auf der Biennale in Venedig.

undefined Gestaltung im Einvernehmen mit Elfriede Jelinek, der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin (2004), deren Stück „Wut“ ja in den vergangenen Jahren lief. Es war damals eine Arbeit des Regisseurs Nicolas Stemann.

Copyright des Beitragsbildes oben: Judith Buss

THEATER ONLINE TIPP und MUSIK: Philippe Quesne – Caspar Western Friedrich

Das Streamingangebot deutschsprachiger Bühnen – auch Oper etc. – hat ja schnell große Ausmaße angenommen. Man sieht die Angebote gebündelt gut bei www.nachtkritik.de. HIER der link. Ein Streamingangebot möchte ich hervorheben.

Meine Empfehlung: Morgen, Samstag, 28. März 2020, ab 18:00 Uhr kann es für 24 Stunden gestreamt werden: “Caspar Western Friedrich“ von den Münchner Kammerspielen. Schon aus aktuellem Anlass.

Es war eine Arbeit des für Bühnenbilder berüchtigten Kanadiers (?) Philippe Quesne, sie hatte Uraufführung an den Münchner Kammerspielen, Januar 2016.

Ein wunderschöner Theatermoment beginnt mit Minute 50 des Streaming. Dazu auch die Musik, „Goodbye Precious Falling“ von Quickspace. Ansehen und anhören!! Ich stelle den Song unten ein.

Das Stück ist im Grunde von unglaublicher Aktualität: Es zeichnet sich zum Einen dadurch aus, dass der Mensch nicht sich selbst, sondern die Natur betrachtet. Wie Caspar David Friedrich auf seinen Gemälden und wie die Cowboys im Wilden Westen. Und wie wir alle derzeit erzwungenermaßen weltweit fassungslos das bedrohliche Coronavirus erleben, eine brutale Naturerscheinung.

Die SchauspielerInnen des Stückes sieht man auch meist von hinten. Sie stehen auf der Bühne und betrachten fassungslos die Natur. Errichten etwas – das ist der Unterschied zum aktuellen Stillstand. Auch das ist aber durchaus bezeichnend in seiner Aktualität: Wir müssen uns derzeit voneinander abwenden! Umso schöner wäre es, wenn wir in dieser Situation tatsächlich unser Verhältnis zur Natur etwas überdenken.

Das „Stück“ ist leider in München nicht sehr gut angekommen. Das Münchner Theaterpublikum folgte wohl auch der heftigen Kritik am Programm der Münchner Kammerspiele seitens der Medien (vor allem der Süddeutschen Zeitung – HIER die insoweit deutliche Besprechung von Christine Dössel, SZ im Januar 2016). Man hatte leider viel zu wenig Verständnis für den so speziellen, aber athmosphärisch wunderschönen Ansatz des Stückes, viel zu wenig Verständnis für das von Matthias Lilienthal damals (es war seine erste Spielzeit in München) zusammengestellte Programm der Kammerspiele – es war oftmals überraschend, keine Frage.

Die Aufzeichnung der hier gezeigten Aufführung muss etwas später gewesen sein, Peter Brombacher liest am Ende Worte der Enttäuschung des Ensembles über das angekündigte Ende der Intendanz von Matthias Lilienthal vor, Minute 1:30:00 des Streaming.

Auch Caspar Western Friedrich war alles andere als Sprechtheater. Es ist aber ein Stück der totalen Entschleunigung. Auch das hochaktuell!

Ich empfehle das schöne, malerische und wortkarge Stück. Ich habe es mehrfach gesehen und hoffe, dass das Streaming einiges von der Atmosphäre transportieren kann. Einfach wirken lassen, darum geht es.

HIER der link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier Quickspace mit Goodbye Precious Falling:

Copyright des Beitragsbildes: Martin Argyroglo

THEATER: René Pollesch – It’s so easy, was schwer zu machen ist.

René Pollesch hatte an den Münchner Kammerspielen mit seiner neuesten Inszenierung „Passing – its so easy, was schwer zu machen ist“ Uraufführung. Eine riesige Spinne auf der Bühne, um sie dreht sich alles. Es ist ein Theoriewulst ohne eine bestimmte Handlung – nicht ganz zeitgemäß, aber irgendwie gewinnendes Theater.

An Drahtseilen auf- und abfahrend, nicht bedrohlich, nicht ekelhaft – wie einst Tarantula, die im Hintergrund in Filmausschnitten längere Zeit zu sehen ist – ,ihr Inneres kann bestiegen werden, sie sitzen teils im Inneren.

Auf www.nachtkritik.de ist die Spinne beschrieben als „Porsche Cayenne-gleiche Spinne“. In der Tat, nicht schwarz, nicht behaart, fast schick, modern, wie das Interieur eines hochklassigen PKW – orangefarben, schwarz, silberne Metallzusätze. Auf dem Weg zu Künstlicher Intelligenz.

Nicht nur mit der Spinne greift René Pollesch im Grunde zunächst einmal in eine Zeit zurück, die nicht mehr existiert. Blicke in die Zeit der 70er-Jahre sind es. Auch die SchauspielerInnen sind – in amerikanischem Style – in dieser Zeit – der Zeit der Tarantulafilme, der B-Movies – gekleidet. Und Filmausschnitte alter Streifen eben – schwarzweiß – sieht man. Auch Tarantula. Andererseits die „moderne“ Spinne auf der Bühne, das ist der Widerspruch an diesem Abend, mit dem man umgehen muss.

Verbunden sind beide „Zeiten“ durch zeitlose Themen, über die alle – ohne erkennbare Orientierung – reden. Inhaltlich kann man den Abend kaum genauer beschreiben, geschweige denn zusammenfassen. Man beobachtet eine Gruppe von Menschen (sechs Personen), wie sie sich letztlich Gedanken macht zu diesen Themen – Text, Theorie, Sprache, René Pollesch eben, ein wenig Kapitalismuskritik, Bertolt Brecht, das Theater ( … das Theater müsste ein Flugblatt sein, dann könnten es auch die sehen, die am Boden liegen …), das Leben.

Es hat mit Themen zu tun, die wohl nach René Polleschs Ansicht zeitlos und auch jetzt zeitgemäß sind. „Passing“ heiße „… durchgehen als …„, eines der Themen, über die geredet wird. Sinngemäß: „Wir wollen nicht sein, was wir sind – das können wir garnicht -, wir wollen „durchgehen als …„“. Passing eben. Wie Schauspieler. Oder sinngemäß: „Im Grunde wollen wir, dass immer nur etwas „nebenan“ geschehe, nicht unmittelbar mit uns„: Und alle sagen etwas dazu.

Handlung? Ein Film wurde gedreht. Im Abspann heißt es aber nicht „Ende“, sondern „Fertig!“. Der Regisseur – Thomas Schmauser – regt sich auf, versteht es nicht. Auch die Anderen – Kathrin Angerer, Kinan Hmeidan, Kamel Najma, Benjamin Radjaipour, Damian Rebgetz – überlegen, sind verwirrt. Und schon ist man im ersten Thema: Was ist schon jemals „zu Ende“? Und „Fertig“: „Fertig“ als abgeschlossen, „fertig“ als erschöpft, am Ende, oder was? Und sie reden.

Was überzeugt und Spaß macht, sind die SchauspielerInnen: Kathrin Angerer – die herrlich Harmlose, Unbedarfte. Benjamin Radjaipour – der junge Schlaue, Thomas Schmauser – der aufgeregte Regisseur/Filmproduzent. Diese Drei spielen wunderbar! Sie machen den Abend zu einem doch noch gelungenen Abend! Damian Rebgetz – amerikanischer Cop der 70er Jahre – ist als Einziger nicht genau einzuordnen, hatte vielleicht auch am ehesten Schwierigkeiten damit. Und Kinan Hmeidan und Kamel Najma – meist in ihrer Muttersprache redend.

Realitäten und Gedanken ändern sich. Entsprechend ändern sich Blicke. Man merkt es ja immer wieder am Theater. Und wie ist es bei René Pollesch, Ikone der Theaterwelt der letzten 30 Jahre? Ganz zeitgemäß sind seine Themen in „Passing“ nicht, fand ich, es gibt Brennenderes. Gut, Theater muss nicht „zeitgemäß“ sein, muss nicht immer die Finger in die Wunde legen! Aber wenn man René Polleschs Herangehensweise etwa mit Milo Rau, Forced Entertainment, vielen anderen vergleicht: René Polleschs Abend hatte dann etwas Altbackenes, etwas die zurzeit brennende Welt Verharmlosendes. Muss auch mal sein, könnte man sagen!

Kleine „Abschweifungen“ zur Realität noch: Wir stecken in ihr fest, so ist es! Darum geht es! Noch dazu ist es ja so: Der Mensch findet keine guten Lösungen für die Realität! Er bemüht sich, aber meist geht es schief. Unfähig sind wir! Man sieht es weltweit! Hier und da gibt es eine gute Lösung, aber im Grunde: „Fehlanzeige“!

Es geht daher darum, Alternativen zur Realität zu erkennen, das ist unsere einzige Chance! Und gerade die Kunst – dazu gehört die Theaterkunst – ermöglicht es, solche Alternativen zur Realität aufzuzeigen, aufzuspüren! Und die Realität zu kritisieren! Zu zeigen, wie man die Dinge auch sehen kann, wie man sich in ihr verhalten könnte, sie verändern könnte, sie sich wünschen kann …. jede Kunst schafft subjektive Möglichkeiten, uns von der Fessel der Realität zu lösen … was immer dringend nötig ist, immer gut tut.

Nur den Blick auf die letztlich in die Irre führende Realität gerichtet, verlören wir unser Kritikbewusstsein, bekämen einen Tunnelblick, würden Alternativen nicht erkennen, würden Toleranz verlieren, würden uns und die Realität für das Wahre halten, würden an der Realität scheitern, verzweifeln! Wir würden übersehen, auf welch verschiedene Arten wir die Realität sehen und gestalten könnten. Wir würden uns und die Realität mehr und mehr verkennen! Man stelle sich vor, es gäbe nur die Realität – was auch immer die Realität ist, jeder hat ja seine eigene Realität.

Fazit: Ein recht amüsanter Theaterabend, nicht aufregend, etwas weltfremd. HIER der link zur Stückeseite.

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin

THEATER und LITERATUR: „The Vacuum Cleaner“ und „Ich nannte ihn Krawatte“

DER ROMAN: Es ist die Erzählung über einen „Hikikomori“. Unter anderem zumindest. Ich bin andererseits durch ein Theaterstück auf das Buch gekommen. Es wurde mir dazu empfohlen. DAS THEATERSTÜCK: „The Vacuum Cleaner“ von Toshiki Okada, das an den Münchner Kammerspielen läuft.

„Ich nannte ihn Krawatte“ heißt der ROMAN von Milena Michiko Flašar. Es geht, wie im THEATERSTÜCK, um einen sogenannten „Hikikomori“. „Hikikomori“ werden in Japan Menschen genannt, die sich jahrelang von der Außenwelt abkapseln und – anstatt etwa irgendwann in jungen Jahren von zu Hause auszuziehen – nurmehr in ihren vier Wänden leben. Kein Kontakt zur Außenwelt! Schluss mit Gesellschaft! Es soll etwa eine Million Hikikomori in Japan geben – wobei die Zahlen sehr schwanken.

Die INSZENIERUNG „The Vacuum Cleaner“ wiederum ist zum Theatertreffen 2020 nach Berlin eingeladen, das im Mai stattfindet. Es wurde als eine der „10 bemerkenswertesten Inszenierungen deutschsprachiger Bühnen des vergangenen Jahres“ (die sogenannte „10er-Auswahl“) nach Berlin eingeladen. Das wiederum hatte mich angesichts der unspektakulären Inszenierung übrigens etwas gewundert, aber gut! Ich schreibe hier wenig über die Inszenierung.

HIER vielmehr „nur“ der Link zur Stückeseite, auf die ich schlicht verweise. HIER noch ein Video mit der Begründung der Jury des Berliner Theatertreffens zur Auswahl von „The Vacuum Cleaner!.

Es ist jedenfalls keineswegs eine irgendwie aufwühlende Inszenierung, eher ruhig und überschaubar. So arbeitet Toshiki Okada immer wieder an gesellschaftlichen Erscheinungen aus Japan – zum vierten Mal an den Münchner Kammerspielen. Immer etwas zurückhaltend und wahrscheinlich erkennen wir nicht alle Andeutungen und Anspielungen seiner „japanisch“ leisen und natürlich japanisch vornehmen und zurückhaltenden Arbeiten.

Meine Bewertung des Romans „Ich nannte ihn Krawatte“ jedenfalls, um den es hier im Folgenden gehen soll: 6 von 10 Punkten.

Man hält ein recht schmales „Büchlein“ in der Hand. Ein Büchlein aber – sah ich – mit über einhundert ganz kurzen, kleinen Kapiteln – mal ist es eine Seite, mal sind es eineinhalb Seiten, fast nie mehr. Auch inhaltlich ist es – merkte ich dann – keineswegs nur ein „Büchlein“. Das geschilderte Geschehen ist zwar äußerst überschaubar – hauptsächlich eine Unterhaltung des Hikikomori auf einer Parkbank mit einem Herrn, den er eben „Krawatte“ nannte.

Schlicht also, es werden aber viele viele Eindrücke von beiden „Protagonisten“ erzählt, angesprochen. Zu viele für meinen Geschmack. Fast jedes der Geschehen, die so angesprochen werden, wäre für sich gesehen einen eigenen Roman wert. Es sind im Wesentlichen folgende Geschehen, die angesprochen werden und mit denen der Leser also konfrontiert wird :

  • Der Hikikomori wagt sich tatsächlich von zuhause heraus! Er geht in einen Park, sitzt auf einer Bank. „Krawatte“ sitzt ihm wochenlang gegenüber.
  • „Krawatte“ wiederum hat kürzlich seinen Job verloren und traut sich nicht, es seiner Frau zu gestehen, er tut so, als würde er täglich zur Arbeit gehen.
  • „Krawatte“ ist – liest man dann – Vater eines behinderten Sohnes gewesen. Er verlor seinen Sohn sehr früh – als Säugling starb es schon. Davon erzählt er dem Hikikomori.
  • Der Hikikomori wiederum hatte durch einen Unfall einen Freund fast verloren. Das war der Anlass für ihn, sich aus dem Leben zurückzuziehen, er wollte nicht mehr in das Leben andere „hineingezogen“ werden. Schuldgefühle und Scham.
  • Weiter: Der Hikikomori war – fast noch als Kind – in das eigenwilligste Mädchen der Straße verliebt. Der Hikikomori verlor dieses Mädchen, sie beging Selbstmord, weil sie in der Schule, scheint es, gemobbt wurde.
  • Und weiter: Der Hikikomori traf aus zunächst unerfindlichen Gründen „Krawatte“ nicht mehr im Park an – sieben Wochen lang , bis er erfuhr, dass „Krawatte“ genau an dem Tag, an dem er – auch auf Anraten des Hikikomori – seiner Frau vom Jobverlust erzählen wollte … und so weiter.
  • „Krawattes“ Frau erzählt dem Hikikomori dann später, sie habe ….

Ich will nicht alles verraten. Soviel erfährt man jedenfalls. Puh! Ich muss gestehen: Ich dachte, es ginge in dem Roman hauptsächlich um die Gedanken eines Hikikomori. Aber es geht eher um „Krawatte“:

Es ist gut geschrieben, schön zu lesen, aber eben alles etwas viel. So viele erschütternde Ereignisse in diesem Roman! Wirklich schön sind aber die immer wieder auftauchenden, sensiblen wunderbaren Gedanken zum Leben – das Leben, was ist das schon? Das wiederum sind wohl Gedanken eines Hikikomori! Wegen dieser Gedanken lohnt es!

THEATER: Bertolt Brecht – Im Dickicht der Städte

Kämpfen war in den letzten Wochen – mit verschiedenen Schwerpunkten – das Motto an den Münchner Kammerspielen: Es geht uns ja eigentlich täglich um einen Kampf – den Kampf gegen große und kleine Widrigkeiten, den täglichen Kampf der Selbstbehauptung.

Es begann mit dem kleinen Festival „Friendly Confrontations“, vor etwa zwei Wochen. Man konnte unter anderem einen dokumentarischen Film sehen, in dem gezeigt wurde, wie Boxsportler des TSV 1860 München in ein Trainingslager nach Ghana fuhren. Danach konnte man einen Abend lang Boxduelle verschiedener Gewichtsklassen zwischen Boxsportlern des TSV 1860 München und denjenigen einer ghanaischen Auswahl – wohl der Nationalmannschaft – ansehen. Richtige Boxkämpfe – im Theater, in Kammer 2 der Münchner Kammerspiele.

Dahinter stand sportliche Freundschaft zwischen Boxern verschiedener Nationen. Kampf und Freundschaft. Kampf muss nicht immer gehässig sein. Hier ein eigenhändig geschossenes Bild:

Kurze Zeit später das Bochumer Gastspiel der „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist in den Kammerspielen. Eine Inszenierung des Klassikers von Johan Simons. HIER mein Bericht dazu. Auch dort ging es um Kampf. Penthesilea muss Achill besiegen, sie liebt ihn. Und Achill liebt Penthesilea. Kampf und Liebe.

Und jetzt Premiere von Bertolt Brechts sehr frühem Stück „Im Dickicht der Städte“. Eine Inszenierung von Christopher Rüping, der mittlerweile – er war ja mehrere Jahre lang an den Münchner Kammerspielen – Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich ist.

Noch früher hatte Bertolt Brecht „Trommeln in der Nacht“ geschrieben, das Christopher Rüping ebenfalls inszeniert hatte. Und auch jetzt wieder geht es ums Kämpfen. Man hörte immer wieder auch bei dieser Inszenierung den Gong für die Einleitung einer weiteren „Runde“. Bertolt Brecht schildert einen „Kampf“ zwischen einem Holzhändler (Shlink) und einem kleinen Angestellten einer Buchhandlung (Garga). Der Holzhändler fordert den Kampf – man weiß gar nicht warum. Des Kämpfens willen? Der Selbstbehauptung willen? Er gibt alles auf, schenkt es Garga. Alles kommt ins Wanken. Schwer zu verstehen, was Bertolt Brecht dabei dachte. Kampf und Soziales sicher auch. Auch Kampf gegen Einsamkeit, Kampf gegen Aussichtslosigkeit. Kampf jedes/r einzelnen.

Bertolt Brecht Stück ist insgesamt äußerst schwer verständlich. Ich könnte es dreimal lesen, würde es nur bruchstückhaft verstehen. Hieraus eine Inszenierung zu machen, ist erstaunlich. Christopher Rüpings Inszenierung folgt zwar dem Verlauf des von Bertolt Brecht geschriebenen Stückes. Vor allem viele soziale Aspekte aber, die Bertolt Brecht in seinem Stück brachte und die ihm wahrscheinlich wichtig waren, verschwinden bei der Inszenierung von Christopher Rüping. Rüping holt Bertolt Brecht Stück in die mittlerweile völlig veränderte Gegenwart, legt den Schwerpunkt eher auf die Isolierung jedes einzelnen Menschen.

Beginnend schon vor der Aufführung, wenn sich im Foyer des Theaters Schauspieler/innen in einer riesigen durchsichtigen Plastikkugel aufhalten und nur auf ihr Handy starren. Sie hören nichts, sehen niemanden an. Die chaotische Bühne ist nur mit Rollkisten für Requisiten vollgestellt. Das Ensemble leistet durchgehend wieder Erstaunliches in dieser sehr freien Inszenierung. Jede/r spielt jede/n, es werden verschiedene Sprachen gesprochen. Das Dickicht von Großstädten, auch so holt Christopher Rüping das Stück in die Gegenwart.

Und jeder kämpft irgendwie um Liebe, ohne zum Ziel zu gelangen, ohne auch zur Liebe fähig zu sein, ohne auf Gegenliebe zu stoßen … Schwerpunkt dieser Inszenierung: Liebe und Anerkennung, nicht – wie eher bei Brecht – Soziales. Ich habe das Stück erst im Nachhinein gelesen und werde mir die Aufführung ein weiteres Mal ansehen. Erst dann, glaube ich, kann ich mehr beurteilen. Erst dann werde ich mehr darüber schreiben können.

Es wird sich empfehlen, Bertolt Brechts Stück „Im Dickicht der Städte „ vorab gelesen zu haben, auch wenn Brecht einen wohl anderen Schwerpunkt im Auge hatte. Und auch, wenn es schwer fallen wird, Brechts Originalstück zu verstehen.

Sehen kann man diese Inszenierung im März an vier Terminen. Ein Theaterabend fürs irgendwie freie Theater, nicht klassisch, nicht umwerfend. Vielleicht auch an Bertolt Brechts Original vorbei. Aber es heißt ja auch: „Im Dickicht der Städte“ NACH Bertolt Brecht. Es hätte auch heißen können: „Im Dickicht der Städte HEUTE“

HIER der link zur Stückeseite.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann

THEATER: Christopher Rüping – Dionysos Stadt

Es kommt nicht oft vor, dass man sich im Theater ein Stück dreimal ansieht. Es kommt aber auch nicht oft vor, dass das Stück selbst dann fast 10 Stunden dauert. So ist es aber bei der Inszenierung „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping. Dreimal, jeweils fast 10 Stunden! Das dritte Mal habe ich es jetzt – es läuft in den Münchner Kammerspielen – mit Familie zwischen den Jahren gesehen.

HIER ein Trailer zur Inszenierung. Und HIER der link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Ich meine: Wenn man zum Einen irgendwie einen Bezug zu Antike finden will, sollte man es sich ansehen. Es geht andererseits natürlich nicht nur darum, etwas zu lernen, nein. Man kann eher sagen: Es ist einfach ein vollkommen gelungenes Theaterprojekt.

In vier völlig unterschiedlichen Darstellungsformen erlebt man wesentliches Geschehen der Antike. Mythologie und Familientragödie. Es kommt derzeit weiterhin monatlich an jeweils einem Wochenende, Samstags und Sonntags. Auch Anfang Januar wieder.

Über die Premiere hatte ich ja bereits berichtet. HIER mein damaliger Beitrag.

Es ist jedes Mal dasselbe: Keine einzelne Sekunde ist langweilig oder schleppt sich hin. Aufgebaut ist die Inszenierung wie auf den antiken dionysischen Feiern: Drei „ernsten“ Teilen folgt zum Abschluss ein vierter, „heiterer“ Teil. Jeder Teil ist eine völlig eigenständige Inszenierung, nichts wiederholt sich, nichts zieht sich.

Teil 1:

Die Entstehung der menschlichen Zivilisation. Prometheus, der Menschenfreund, schafft es, den Menschen im Streit mit Zeus das Feuer zu geben. Die Vorgeschichte, die im Stück garnicht vorkommt, sieht so aus: Zeus war ziemlich sauer. Prometheus wollte ihn austricksen. Und Zeus sagte sich dann: Feuer kriegen die Menschen nicht! Die Menschen lebten in Höhlen.

Aber Prometheus schnappte sich ein bisschen Glut und brachte sie – in einer Riesenfenchel – den Menschen. Und mit dem Feuer begann alles. Menschliche Zivilisation konnte sich entwickeln. Auch wenn Zeus – das war Teil der Inszenierung – immer wieder fragte: „Warum? Why? Sie werden Bomben bauen!“ Prometheus glaubte aber an die Menschen.

Kombiniert wird diese mythologische Geschichte der Entstehung der menschlichen Zivilisation dann mit einer der zahlreichen Liebesaffären von Zeus. Zeus liebte Io, allerdings bemerkte es Hera, die Ehefrau des Zeus, und griff immer wieder ein. Zeus verwandelt Io zunächst – nichts einfacher als das – in eine Kuh, um die Affäre zu vertuschen. Zuletzt musste Io aber in Gestalt dieser Kuh über das Meer fliehen. Daher das Ionische Meer und der Bosporus (bos heißt griechisch Rind). Denn Hera schickte ständig eine lästige und schmerzhafte Stechmücke, eine Rinderdassel, hinter ihr her.

HIER ein kleines Schaubild über die Zusammenhänge aus Teil 1. Gut sehen kann man alles nur, wenn man Word auf dem Gerät hat.

Teil 2:

Teil 2 der Inszenierung ist der zehnjährige Krieg um Troja, den die Götter kräftig mitbeeinflusst haben. Die Armada der griechischen Schiffe, die Kämpfe zwischen Hektor und Achill, die Troerinnen, die Eingriffe der Götter in die Kämpfe, die Zerstörung Trojas (siehe dazu das obige Beitragsbild). Begleitet war es von Schlagzeugeinsätzen von Matze Pröllochs. Andromache, die Frau des Trojaners Hector, musste am Ende ihr Kind, ein Säugling, Astyanax, den Griechen geben, die es dann von der Stadtmauer – oder einem Turm – herunterfallen ließen, damit kein Trojaner je Troja wieder aufbaut. Hat ja gewirkt.

Teil 3:

Agamemnon kommt nach den zehn Jahren des trojanischen Krieges zu Klytaimnestra zurück, seiner Frau, und die Familientragödien beginnen. Ich kann dazu nicht alle Einzelheiten erzählen. Die – von den Göttern erstmals weitestgehend unbeeinflusste – Familientragödie um Orest und Elektra ist es, die „Orestie“. Orest und Elektra, die beiden Kinder des Agamemnon.

HIER ein Schaubild über die Zusammenhänge aus Teil 2 und Teil 3. Auch hier gilt: Gut sehen kann man auf diesem Schaubild alles nur, wenn man Word auf dem Gerät hat. Das Schaubild sieht schon etwas komplizierter aus, man sollte sich ein bisschen auskennen. Ich habe es in ähnlicher Form einmal beim Lesen des absolut empfehlenswerten Romans „Kassandra“ von Christa Wolf entworfen.

Teil 4:

Fußball und Zinedine Zidane. Ein lockerer Ausklang, in dem man immer wieder Momente findet, in denen etwas Göttliches in der Luft zu liegen scheint. Wenn etwa einzelne SchauspielerInnen plötzlich einfach stehen bleiben und in den Himmel schauen. Oder wenn es um Zinedine Zidane geht.

Nun, dass es mir auch beim dritten Mal sehr gefallen hat, brauche ich wahrscheinlich nicht zu sagen.

Ich wünsche allen Lesern ein gutes neues Jahr!

THEATER: Leonie Böhm – Die Räuberinnen

„Die Räuberinnen“ nach Friedrich Schiller von Leonie Böhm, gestern war Premiere an den Münchner Kammerspielen. Ich muss es mir noch einmal ansehen, Einzelheiten würden mich genauer interessieren, bevor ich etwas Detaillierteres dazu schreiben könnte. Hier zunächst ein paar ganz grundsätzliche Überlegungen:

Ich finde, man kann sich dessen bewusst sein, dass man wieder einmal an den Münchner Kammerspielen Stücke sieht, die besonders auffallen. Auffallen, weil man aus den üblichen Theatergewohnheiten herausgerissen ist. Das ist an den Münchner Kammerspielen in den letzten Jahren immer wieder der Fall gewesen, dennoch fällt es jetzt wieder auf:

„Die Räuberinnen“ und ein anderes Stück, das derzeit dort zu sehen ist: „Nirvanas Last“ von Damian Rebgetz, Erinnerungen an das letzte je gegebene Konzert von Nirvana vor dem Selbstmord von Curt Cobain. Diese beiden Veranstaltungen zeigen, welche Wege die Münchner Kammerspiele der Theaterkunst eröffnen. Und nicht etwa hinten in den kleineren Kammern 2 oder 3. Nein, vorne in Kammer 1!

„Die Räuberinnen“ sieht man in einer einfach abgefahrenen Inszenierung! Es „Inszenierung“ zu nennen, ist schon zuviel gesagt. Performance vielleicht eher. Es fällt mir fast schwer, es einfach zu „besprechen“. Es ist irgendwie abgefahren und berührt einen selbst thematisch durch die Leistungen der vier Schauspielerinnen. Eva Löbau, Julia Riedler, Gro Swantje Kohlhoff und Sophie Krauss.

Die SchauspielerInnen haben sicherlich intensiv an der Entstehung des Abends mitgewirkt und werden das Stück im Lauf der nächsten Monate sicherlich – hört man, ahnt man, weiß man – auch weiter entwickeln. Ich kann mir etwa nicht vorstellen, dass Leonie Böhm den Schauspielerinnen gesagt hätte: „Und jetzt zieht euch bitte aus!“ und die Schauspielerinnen gesagt hatten: „Ok, machen wir!“ Nicht bei dieser Inszenierung, es wird viel individueller – aber in der Gemeinschaft der vier – gelaufen sein.

Man sieht eben nicht die Leistung eines Regisseurs, der ein „Stück“ auf die Bühne bringt, man sieht – mehr als sonst – künstlerische und sehr ins Persönliche gehende Leistungen der mitwirkenden Schauspielerinnen. Und zwar so offen, dass Eva Löbau zu Beginn des Abends zurecht darauf hinweist, dass keine Fotoaufnahmen gemacht werden sollen. Sie offenbaren sich, sie entblößen sich, entäußern sich. Trotzdem passend, nicht überambitioniert, nicht gewollt, nicht reißerisch.

Ähnlich – nicht etwa extrem allerdings – bei „Nirvanas Last“ von Damian Rebgetz – meines Erachtens ein Kandidat für das Theatertreffen 2020 in Berlin. Die dortigen SchauspielerInnen (teils mit weiteren MusikerInnen) singen komplett das letzte je gegebene Konzert von Nirvana nach. Auch das ist nicht ein „Stück“, es ist mehr persönliche Leistung der SchauspielerInnen. Sie singen die Songs in völlig andere Art und Weise. Mit Sehgewohnheiten alter „Theaterhasen“ hat das nichts zu tun. Für junge Menschen ist es schon eher!

Und das ist schön! Kunst ändert sich! Es mag beim Theater die Tendenz geben, dass man eben immer wieder „Theater“ sehen will, gelungene „Inszenierungen“, „Klassiker“ auch. Man verfällt Gewohnheiten. Mehr wahrscheinlich, als wenn man in eine Ausstellung geht. Gut, „Die Räuberinnen“ von Leonie Böhm basiert auf einem Klassiker: „Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Aber die Handlung des Klassikers verschwindet hier vollkommen. Der Grundgedanke, der aus „Die Räuber“ herausdestilliert wird, ist etwa: Was hält uns davon ab, nach eigenen Konzepten und Entwürfen zu leben, anstatt nach vorgegebenen Konditionen, nach gesellschaftlichen Vorgaben? Und: Wie können wir in diesem einen Leben frei sein? Es geht vor allem auch nicht nur um Individualismus, sondern Gott sei Dank um Gemeinschaft! Aber das sagt alles noch viel zu wenig. Mehr dazu versuche ich in Bälde.

Hier ein paar Links, in denen schon mehr über den Inhalt des Abends gesagt wird:

HIER der link zur außergewöhnlich gut gelungenen – mein subjektiver Eindruck – Besprechung auf http://www.nachtkritik.de (mit weiteren Fotos).

HIER der link zu einer ebenfalls guten – finde ich – kürzeren Besprechung im Deutschlandfunk Kultur.

HIER ein Gespräch mit Leonie Böhm in der Abendzeitung.

HIER die Seite zum Stück auf der Website der Münchner Kammerspiele

© des Beitragsbildes: Judith Buss