Vom Münchner Residenztheater und von den Münchner Kammerspielen kann ich hier schon einmal die Übersichten der Premieren der kommenden Spielzeit bringen. Weiteres wird folgen:


Vom Münchner Residenztheater und von den Münchner Kammerspielen kann ich hier schon einmal die Übersichten der Premieren der kommenden Spielzeit bringen. Weiteres wird folgen:


Einen Stückeinhalt gibt es hier nicht, also etwa eine irgendwie zu erzählende von den SchauspielerInnen gemeinsam erlebte Geschichte. Nein, typisch Werner Schwab: Es sind Sprechblasen, sprachliche „Auswürfe“ der drei „Präsidentinnen“, in derber Sprache, ohne dass dadurch Charaktere entstehen. „Die Präsidentinnen“ des österreichischen (vor 32 Jahren sehr jung verstorbenen) Autors Werner Schwab hatte Premiere am Münchner Residenztheater.
Es gibt im Grunde nicht einmal so etwas wie Kommunikation. Man soll gerade kein „Theaterstück“ im herkömmlichen Sinne sehen. Das ist/war Werner Schwab. Er wollte nur Sprache zeigen. Derbe Sprache trifft auf Mensch, der Mensch ist nichts, der Mensch ist, was er ausscheidet, auch Sprache scheidet er aus. Er kommt aus dem Dreck, produziert Dreck und vergeht zu Dreck. Also ist alles Dreck – aber jeder Mensch hat seine Einbildung, seine Lebenswelt, seine Fantasie. Die wahnsinnige zeitlose Gedankenwelt des Werner Schwab. Gute Einblicke in Werner Schwabs Gedankenwelt gibt das Programmheft, ohne das man hier aufgeschmissen ist. Das absolut Gelungene ist: Es ist bitterböse und irgendwie ja inhaltlich besonders sinnlos, aber humorvoll und großartig inszeniert wird damit die Gedankenwelt des Werner Schwab aufs Tableau gebracht.
„Die Präsidentinnen“ ist eines der „Fäkaliendramen“ von Werner Schwab. Warum die drei Damen des Stückes „Präsidentinnen“ heißen? Keine Ahnung, sie sitzen in einer Küche! Der Titel „Die Präsidentinnen“ klingt irgendwie fast falsch, aus der Welt gefallen.
So geht es also „inhaltlich“ immer wieder um das Ausscheiden, um verstopfte Toiletten, zumindest in den sprachlichen Auswürfen einer der drei „Präsidentinnen“, den Auswürfen der Mariedl.
Nachdem sich Erna, Grete und Mariedl im Fernsehen die Übertragung einer Papstmesse angesehen haben, unterhalten sie sich über Gott und die Welt, in der Küche. Jede der drei Präsidentinnen lebt in ihrer Welt, in ihrer Fantasie. Das einzige, was zusammenhält, ist, dass die jeweiligen Auswürfe einer der Präsidentinnen Reaktionen der jeweils anderen beiden „Präsidentinnen“ in Form ihrer jeweiligen Auswürfe – und auch in brutalerer Form – hervorrufen.
Die geizige Erna sorgt sich um ihren Sohn Hermann, der lieber säuft als ihr ein Enkelkind zu schenken.Und sie fantasiert über den von ihr angehimmelten Fleischhauer Wottila, nicht zufällig mit Namen fast gleich fast demjenigen des damaligen Papstes Karol Woytila. Das Göttliche rahmt ohnehin alles ein. Alles ist böse. Die lüsterne Grete erzählt von ihrer psychisch verwirrten, in Australien lebenden Tochter Hannelore und schwärmt von ihrem Dackel Lydi. Und Mariedls große Leidenschaft ist es eben, verstopfte Klos mit bloßen Händen auszuräumen, wobei sie es zu einer wahren Meisterschaft gebracht hat. Kann man mehr Unsinn auf die Bühne bringen?
Die drei Frauen träumen von einem Fest, auf dem Grete einem Musikanten den Kopf verdreht und Wottila um Ernas Hand anhält, während Mariedl unter dem Jubel der Menge ohne Handschuhe die verstopften Klomuscheln reinigt, Dinge herauszieht, eine Dose Gulasch etwa. Mariedl lässt auch Hermann das Fest besuchen. Und so weiter, es gibt zumindest einen Verlauf an Ereignissen.
Mit herkömmlichen Worten lässt sich dieser Abend nicht im Geringsten einordnen. Was man allerdings sieht, ist – wie gesagt – großartig: Drei tolle Schauspielerinnen: Katja Jung, Myriam Schröder und Lisa Wagner. Wie sie hier fast verrückt und völlig überzeichnet agieren, in ihrem Aussehen, ihren Bewegungen, ihrer Sprache, ihrer fehlenden Mimik. Durch sie wird alles wie zu einer bösen Karikatur des (vor fast genau zehn Jahren verstorbenen) österreichischen Karikaturisten Manfred Deix! Ja, überhaupt Österreich – Manfred Deix und Werner Schwab mit Nähe zu Thomas Bernhards bösem Blick auf alles, bei Werner Schwab ist es nur noch deutlich „zerstörerischer“, er hat einen brutaleren Blick auf den Menschen, der Mensch und Kommunikation ist bei ihm fast nichts wert.
Des Weiteren sieht man: Das Bühnenbild und die Kostümierung, ebenfalls wirklich großartig! Alles ist auch hier überzeichnet, eine aufgedunsene und bunte Welt! Die karge Küche mit sinnloser Leiter nach oben ist eingerahmt in einem bunten vielleicht zehn Meter hohen Heiligenhäuschen, einem „Marterl“. Das wiederum ist mit Lämpchen bestückt, wie ein Spielautomat. So scheinheilig ist die Welt. Dazu die fast Comic-hafte Farbgebung des Inneren des Marterls und der Kostüme, siehe die Fotos.
Also: Hier ist eine wirklich in Allem großartige Inszenierung des – zumindest weiter zurückblickend, soweit ich kann – nicht selten inszenierten Werkes von Werner Schwab, in der dessen schwer verständliche oder auch fast schwer verdauliche Blick auf „Mensch und Sprache“ Gegenstand wird, – was man so mit sehr viel Humor gerne ansieht.
Hier sind noch zwei Fotos:


Hier der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters: https://www.residenztheater.de/stuecke/detail/die-praesidentinnen
Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld
In der kommenden Spielzeit beginnen NEUE ZEITEN an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Die ÜBERGANGSZEIT, die im Februar 2024 mit dem überraschenden Tod des damaligen Intendanten René POLLESCH begann, geht zu Ende! Im Herbst (eigentlich schon im August mit der Aktion „VOLKSBAD“) beginnt die ERSTE SPIELZEIT unter dem neuen Intendanten Matthias LILIENTHAL. Die Volksbühne, ein „GESCHENK“, wie er sie kürzlich in einem Interview nannte. Sie wird ein NEUES GESICHT erhalten, will Zentrum der Kreativität, Zentrum der verschiedensten Ansätze moderner Kunst und Zentrum des NACHDENKEN und der Diskussion über unsere WELT bleiben bzw. werden. Es wird spannend.
Einen ersten Blick in diese neue Welt liefert die derzeitige Version der Website der Volksbühne. Hier ist der Link zur derzeitigen Website: https://neu.volksbuehne-berlin.de/#reihen-und-projekte
Die endgültige NEUE VERSION der Website der Volksbühne soll am 1. Juli freigeschaltet werden.
Copyright des Fotos: Picture Alliance / dpa / Manfred Krause
Ich habe es gestern, am 07. Juni, ein zweites Mal gesehen und eine Bekannte, die mit mir in diesem erstaunlichen Tanztheaterstück war, schrieb mir später Folgendes:
„Nach der Vorstellung freute sich eine Frau, dies sei gelungene Inklusion. Ich sah das anders. Eigentlich ist gar nicht festzuhalten, dass zwei von den sechs Schauspieler*innen Einschränkungen hatten. Denn auf der Bühne haben alle eine so grandiose Vorstellung gegeben, dass die Behinderung bedeutungslos war.
Bei Wörtern wie „grandios“ ist nicht gesagt, was auf der Bühne stattfand. Das Ich, das Du, das Wir, das Entstehen und Vergehen, alles geht ineinander auf auf der Bühne. Glitschige Ursuppe tröpfelt und fließt und das Licht umfängt alles. Es ist keine spaßige Rutschpartie, es ist das ineinander Aufgehen, das sich Trennen und sich selber neu Erfinden, umgeben vom Schleim der Geburt. Es ist ein ernstes, ein beeindruckendes Erfahren von Körperlichkeit. Nacktheit heißt, die Geschlechtsteile zu zeigen. Aber die Dynamik der Veränderung, des Tanzes, des sich Hingebens lässt kaum Raum für die Zuteilung von Geschlechtern oder voyjeuristische Eindrücke. Sexualität ist hier im Hintergrund, das ist schon erstaunlich im Rückblick. Die sechs nackten Schauspieler*innen zeigen körperliches Verbinden in fließenden Varianten, sich tragen, sich ziehen lassen, sich verschränken, ineinander räkeln. Es ist viel Bewegung. Und viel Glitsch fließt zäh über die Körper. Die Musik heizt ein und wilde, zuckende Bewegungen werden in einer Freiheit präsentiert, die wohl nur äußerst selten auf Bühnen miterlebt werden.
Nur eine kleine Sprecheinlage. Körper mehrmals wiederholt mit einer Freude am Sein, am Mensch sein.
Es ist ein ernstes Treiben, es gibt Sturz und Wandlung, mich berührt vor allem die Offenheit, sich selbst zu begegnen und den anderen fast schon durchdiffundieren zu lassen. Und auch die langsamen Szenen, wo achtsam der Glitsch, erforscht und verteilt und ergossen über dem Haupt, zäh seltsame Formen mit dem Körper bildet, Schwimmhäute, fledermausartige Flügel überall. Der Glitsch ist überall am mitgestalten der Verbindungen. Und ja, alles fließt auch über Brüste, Vulva und Penis, aber das macht das Stück nicht aus. Es ist eine Randnotiz. Es ist die Mitte des Menschseins, dieses Gestalten, das Verfallen, das Scheitern und Aufbegehren. Es ist einfach alles, das all eins Sein, der ehrliche Blick auf das Ich, das Du und das Wir im Mensch sein.
Ich bin froh, dass ich das erleben konnte.
Mein damals erster Bericht (vom 29. April) ist übrigens hier (nur so möglich): https://qooz.de/2026/04/29/theater-doris-uhlich-glitsch/
Darin hatte ich am Ende geschrieben:
„Mehr sei hier nicht gesagt, Doris Uhlich und die sechs insoweit mutigen SchauspielerInnen zeigen uns hier eine andere Welt, Worte würden zu Definitionen führen, aber genau das soll hier entfallen!“
Hier sind nun mehr Worte, die es schaffen, nicht zu engen, herkömmlichen Definitionen zu führen, schön beschrieben und schön gesehen!
Hier noch zwei Fotos:


Copyright der Fotos: Judith Buss
Der Isländer Ólafur Arnalds. Bei Wikipedia heißt es:
„Er war Mitglied mehrerer Bands und ist seit 2007 hauptsächlich als Solomusiker tätig. Seine Kompositionen bewegen sich zwischen Indie, Neo-Klassik und elektronischer Musik.“
Er ist im Herbst auf Europatournee, gibt im Oktober 2026 zwei Konzerte in Berlin, beide sind aber wohl ausverkauft.
Hier ein langer Mitschnitt eines seiner schönen sehr langsamen Konzerte:
Und hier der Link zur Website von Ólafur Arnalds: https://olafurarnalds.com
Der Untertitel dieses Buch lautet: „Wie die Demokratie sich selbst zerstört“. Riesenthema unserer Zeit! Neben Umwelt/Klima vielleicht das größte Thema! Die Welt wird immer globaler … Klima und Umwelt, Wirtschaft, rasante technologische Entwicklungen, Informationsflut, Abhängigkeiten, Konkurrenzen und und und, alles wird zum globalen Wettkampf. Daneben Kriege, Flucht!
Können sich in dieser rasanten Welt „echte Demokratien“ (die ja auf Diskussionen, Kritik, auf viel Zeit, auf Widerspruch und auf Kompromissen basieren) überhaupt noch halten oder wollen immer mehr Bürger eher etwas „Autoritäres“ als ihren Halt und ihre Sicherung in dieser Welt? Sieht ja so aus!
Der Historiker Moshe Zimmermann (M.Z.) sagt: Wehret den Anfängen! Er hat sich des Themas der Auflösung von Demokratie hin zu „illiberaler Demokratie“, zur „Ochlokratie“ oder „Zustimmungsdiktatur“ und „Autokratie“ mit Blick auf Vorgänge des schleichenden Untergangs von Demokratien in einigen Fällen der Vergangenheit und zusätzlich mit Blick auf die Gegenwart in Ungarn ( unter Victor Orban noch), in Deutschland (Stichwort AfD), in den USA (unter Donald Trump) und in Israel (unter Bibi Netanjahu ) angenommen. Ein wertvolles, lohnendes Buch, das die Augen ein bisschen öffnen kann!
M.Z. hat kein Wunderrezept, hält aber die Vorteile echter Demokratie ausdrücklich hoch! Die Vorteile der freiheitlichen Demokratie seien im Vergleich zu allen anderen Staatsformen „beeindruckend“. Das Buch endet mit Blick auf eine Aussage von Hannah Arendt: Solange der Staatsbürger sich politisch aktiv verhalten kann, muss er dagegenhalten, demonstrieren, sich äußern und entsprechend handeln, um den Prozess der Irreführung aufzuhalten. Es entstehe eben ein Prozess der Irreführung, anfangs sogar gerade mit den Mitteln der Demokratie. Der Prozess der „Irreführung“ weg von der Demokratie sei schleichend, zeigt M.Z., kurz gesagt. Am Ende bleibt der Appell an den Einzelnen, der moralische Appell an die Verantwortung und an den Menschenverstand als beste Abwehr gegen den people-gone-mad-Prozess.
Mein Fazit:
Verteilt über das – insgesamt sehr wertvolle – Buch werden immer wieder Faktoren genannt, die zum schleichenden Verschwinden der Demokratie führen, ich hätte mir nur gewünscht, dass diese Faktoren noch prägnanter aufgezeigt werden, dass sie nicht immer wieder schnell untergehen in der Gesamtschilderung des Historikers! Schade. Das wäre meine Kritik, es bleibt aber bei aufmerksamem Lesen ein sehr wertvolles Buch!
Der Aufbau des Buches:
M.Z. steigt (nach einem wichtigen Anfangskapitel – siehe unten) mit historischen Beispielen des Untergangs von Demokratien ein: Frankreich, die Affäre Boulanger und die Dreyfusaffäre, Amerika vor dem Zusammenbruch des Sowjetreichs, die damalige „rote Gefahr“ bis 1989, dann Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg, Weimarer Republik und schließlich Israel vor allem seit Bibi Netanjahu. Vor allem äußere Feinde der Demokratie werden oft benutzt, um das Volk im Inneren „verrückt“ zu machen.
Dann kommt das Kapitel „Nach dem Ende der Geschichte“, also nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989. Das Feindbild „Kommunismus“ verschwindet. Es entstehen aber neue Feindbilder, 9/11 etc.
Dann kommt fast als Fazit das Kapitel „ Gebrauchsanweisung für Demokratiezerstörer“. M.Z. unterscheidet dabei genauer: 1) Die Zeit, in der sich das Verschwinden der „echten“ freiheitlichen Demokratie anbahnt (Populisten auf dem Weg zur Macht), und 2) danach die Zeit, in der die wesentlichen Werte der freiheitlichen Demokratie bereits aufgegeben worden sind, verwässert sind und sich die Demokratiezerstörung weiter fortsetzt (Populisten an der Macht), die Zeit also, in der der Kampf für freiheitliche Demokratie schon als „Landesverrat“ eingestuft wird (M.Z. zitiert Erich Kästner). In der ersten Phase wird vor allem die Vernunft immer mehr durch den Glauben und durch Emotionen ersetzt! In der zweiten Phase werden dann die entscheidenden Institutionen der Demokratie konkret zerstört, Erziehung, Bildung, Wissenschaft, Medien, Justiz, Kultur … alles wird in Linie gebracht, siehe auch Donald Trump.
Das alles ist gut aufgezeigt. Mit dem Wissen des Historikers. Zu den Faktoren, die in der wichtigen ersten Phase den schleichenden Prozess der Zerstörung der Demokratie „von innen heraus“ ermöglichen, muss man aber fast eine Liste anlegen. Die Faktoren verschwinden sonst fast durch den doch recht historischen Stil der Erläuterungen (oder der Übersetzung?). Hier kommt jedenfalls das allererste Kapitel des Buches ins Spiel:
Viele gute Punkte, die man auch hier in Deutschland sehr genau beobachten muss. Man muss allerdings sagen: Die gewählten Vertreter in der freiheitlichen Demokratie (zB hier in Deutschland) müssen eben auch gut sein! Sonst ist ein weiterer Faktor für einen Angriff gegen die freiheitliche Demokratie geschaffen, der Faktor „Unzufriedenheit mit den gewählten Vertretern“. Und da dürfte hier ruhig Einiges besser laufen, diese „Unzufriedenheit“ hilft auch der AfD, eine Irreführung des „Volkes“- weg von der freiheitlichen Demokratie – zum Erfolg zu führen! Der Weg aus der Irreführung heraus zurück zur freiheitlichen Demokratie ist schwieriger, so M.Z.
Der Link zum Buch hier (geht zurzeit nicht anders):
https://www.ullstein.de/werke/people-gone-mad/hardcover/9783549110201
Zum ersten Mal ist er Regisseur eines Theaterstücks. „Das Ereignis“ von Annie Ernaux ist das Stück – momentan an den Münchner Kammerspielen (im Werkraum). Geboren wurde er 1988 im Ruhrgebiet (heute also 38 Jahre alt), wuchs bei seiner (türkischstämmigen) alleinerziehenden Mutter auf. Text und Theater wurden ab 2010 sein Ding.
Davor war er eher in Richtung Philosophie unterwegs, „formale Logik“ war sein Thema gewesen. Dann ging es weg von der Logik und hin zu Text und Theater. Am Theater arbeitete Necati Öziri als Dramaturg, schrieb mit erstaunlichem Erfolg eigene Theaterstücke und Bücher, in Zürich hat z. B. Christopher Rüping 2022 seinen Theatertext „Der Ring des Nibelungen“ inszeniert. Sein Roman „Vatermal“ wiederum schaffte es dann bis in die Shortlist des Deutschen Buchpreises. 2018-2022 war er Leiter des internationalen Forums des Berliner Theatertreffens. Also interessant!
“Das Ereignis“ ist (natürlich) ein autobiografischer Text der französischen Nobelpreisträgerin Annie Ernaux. Es geht um die Abtreibung, die Annie Ernaux im Alter von 23 Jahren durchführen ließ. Sie war ungewollt schwanger und wollte auf keinen Fall das Kind bekommen. Damals zumindest, manchmal hört es sich fast so an, als würde sie es im Nachhinein – als sie es schrieb, war es 30 Jahre später – fast bereuen, so genau wie sie es beschreibt. Aber im Ganzen schildert sie ja die damalige Situation der 23-jährigen Annie Ernaux, das ist ja auch bei anderen Texten ihr Weg, die Dinge aufzuarbeiten.
Abtreibung war damals strafbar, war auch gesellschaftlich noch ganz anders gesehen. Der schwere Weg der jungen Annie Ernaux überhaupt hin zu einer Möglichkeit, abtreiben zu können. Die Zeitspanne zwischen dem Erfahren von der Schwangerschaft und der Abtreibung! Sie und ihre Umgebung in dieser Zeit! Die Reaktionen damals! Ihre Versuche. Die Widerstände, ihre Erfahrung damals! Das Gefühl, dadurch von der Welt abgetrennt zu sein. Das will sie schildern! Sehr eindrücklich, sehr schonungslos, bis hin zur genauen Beschreibung des abgetriebenen Fötus‘ in ihren Händen und in der Zwiebacktüte, bevor sie ihn ins Klo wirft. Schrecklich und ein schweres ethisches Thema bleibt es ja immer, egal ob strafbar oder nicht. Manch ein kleiner Satz des Textes ist sogar dann, wenn man ihn liest, fast noch eindringlicher, als wenn er nur kurz geäußert wurde. Zu Beginn wird es sehr persönlich, Eva Bay spricht kurz mit einzelnen ZuschauerInnen und „holt uns damit ab“.
Die Inszenierung ist aufs Äußerste reduziert. Es ist fast keine Inszenierung, könnte man meinen: Die Schauspielerin Eva Bay spricht den Text (eine Übersetzung des französischen Originals „L‘événement“, von Sonja Finck) emotional sogar eher zurückhaltend, auf leerer, dunkel gehaltener Bühne (im Werkraum), selber sehr neutral, eher streng gekleidet, fast zu jung auch für die (als sie es schrieb) fast 60-jährige Annie Ernaux.
Nur zwei kleine „Eingriffe“ des Regisseurs gibt es dabei: Auf der Videowand im Hintergrund liest man manchmal einen der damaligen Tagebucheinträge von Annie Ernaux. Und: Kurz spricht Eva Bay manchmal in ein am Rand stehendes Mikrofon, wenn sie zusätzlich aktuelle Gedanken der Schreiberin Annie Ernaux zum Text widergibt – was eigentlich untypisch ist für Annie Ernaux’ Herangehensweise an die Vergangenheit.
Dass sie am Ende „stolz“ ist, es endlich so niedergeschrieben und geschildert zu haben, ist eigentlich eher ihre Sache. Andererseits: Sie äußert, diese schwere Phase bis zur Abtreibung musste genau beschrieben werden! Nur darum ging es ihr! Nur das sei sie der Sache schuldig – was allerdings etwas nüchtern klingt. Es ist ohnehin meines Erachtens nicht der stärkste Text von Annie Ernaux.
Kein leichtes Stück jedenfalls, das sich Necati Öziri herausgesucht hat oder das er hier übernommen hat für seine erste Inszenierung. Bei diesem Text konnte er sich eigentlich nur extrem zurückhalten. Genau das passt, man darf aber auf Weiteres und Anderes von Necati Öziri gespannt sein.
Hier der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/50067-das-ereignis
Copyright des Fotos: Sima Dehgani
Der Roman „Meister und Margarita“ von Michael Bulgakow ist ein Fantasieroman des Wahnsinns. Moskau zur Stalinzeit – Zauberei, Hypnose, der Teufel, ein sprechender Kater, Zeitsprünge über Epochen, bis zurück zu Pontius Pilatus, überall verwirrte Menschen und und und, alles steht auf dem Kopf. Das war Bulgakows Methode der Systemkritik in der Stalinzeit.
Dieser zugegeben sehr komplizierte und sehr umfangreiche Roman ist nun an den Münchner Kammerspielen auf die Bühne gekommen. In der Inszenierung folgt man zusätzlich sogar einem Sprung hin zu den Rolling Stones: „Sympathy for the Devil“!
Es ist eine Inszenierung von Jette Steckel, deren letzte Münchner-Kammerspiele-Inszenierungen „Die Vaterlosen“ (2023) und „Mephisto“ (2025) jeweils zum Berliner Theatertreffen eingeladen waren. Ihre Inszenierung von „Meister und Margarita“ ist natürlich – trotz ihrer knapp über vier Stunden Dauer – „nur“ eine kurze Version dieses Mammutwerkes, aber sie ist beeindruckend.
Denn wie im Roman: Der Wahnsinn, der sie alle durch das Erscheinen eines „Teufels“ (Professor Woland) erfasst, lebt sich in jeder Hinsicht gut inszeniert aus, das muss erst einmal gelingen. Man folgt einem Theaterwerk der Dunkelheit, der Verwirrung, man spürt den Wahnsinn des Romans, er schwappt kurz sogar – in gewagter Form – auf die Maximilianstraße hinaus. Der Roman – 1940 war er zu Ende gebracht – war in Russland lange Zeit verboten und kam erst 1966 in erster, verkürzter Fassung zur Veröffentlichung. Im – sehr hilfreichen – digitalen Programmheft zur Inszenierung heißt es:
Auf eine unzensierte Version musste die sowjetische Leserschaft bis 1973 warten; …. Erst in den 1990ern kam in Russland der millionenfache Druck, und Der Meister und Margarita wurde vor allem unter jungen Menschen zum Kultbuch.
Verboten war der Roman zunächst eben, weil er die damaligen stalinistischen Zeiten völlig auf den Kopf stellte und damit intensiv kritisierte. Natürlich erkannte man in jeder Szene Systemkritik, Bulgakow lebte wahrscheinlich in unvorstellbarer ständiger Angst, unter massivem Druck, unter strenger Zensur etc. Zahlreiche seiner anderen Werke wurden verboten.
Zur Inszenierung: Das dunkle Bühnenbild dieser Inszenierung ist immer wieder ein Hingucker: Sowohl bei Pontius Pilatus‘ (hervorragend Edmund Telgenkämper) Gesprächen mit Jesus (auch hervorragend Erwin Aljukić), als auch im Hauptteil der Inszenierung, in dem riesige Kettenvorhänge Räume schaffen und in dem diese Kettenvorhänge immer wieder den Eindruck von Traum und Wahnsinn schaffen und gut ausdrücken (Bühne: Florian Lösche).
Auch die Besetzung ist hier wieder eine Freude! Hervorgehoben seien aus meiner Sicht Edmund Telgenkämper und Erwin Aljukić, ohne andere nur irgendwie schmälern zu wollen. Auffallend ist daneben noch, dass Linda Pöppel, die man mit ihrer naturgegebenen immensen Bühnenpräsenz eher vom Deutschen Theater Berlin her kennt, dieses Ensemble bestens ergänzt. Man kann nur hoffen, dass sie öfter … Es ist von allen ein Fest der Spielfreude.
Einzig eine Art Showeinlage in Sachen Hypnose (ein großes Thema des Romans) nach der Pause wird etwas langatmig.
Der Kenner mag im Roman zusätzlich viele kleine Einzelheiten erkennen, auch Verbindungen zu Goethes Faust. Wohlan zum Buch! Mein Fazit zur Inszenierung: Man muss wissen, man sieht insgesamt hier schlicht die (wie gesagt sehr spielfreudige) Inszenierung eines russischen Klassikers der Weltliteratur, Bezüge zur heutigen Zeit braucht man nicht zu suchen, soweit sind wir nicht, dass Systemkritik nur noch in der Form einer Geschichte reinen Wahnsinns möglich wäre. Es bleibt somit ein sehr gelungener Abend für Theaterfreunde, die sich einfach mal gerne mit allen möglichen Emotionen (ernsten und heiteren) in einer wilden Geschichte mit wunderbarer Besetzung bei immer spannender Inszenierung durch einen langen Abend ziehen lassen möchten.
Hier der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/42859-meister-und-margarita. Geht momentan nicht anders.
Hier noch ein Foto, Linda Pöppel als Margarita:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic
An den Münchner Kammerspielen ist derzeit die zweite Arbeit der polnischen Regisseurin Anna Smolar an diesem Theater zu sehen. Ein schwieriger Abend!
Das Thema: „Der Mensch und die Unsterblichkeit“: Könnten wir Unsterblichkeit überhaupt ertragen oder hoffen wir gar auf Unsterblichkeit? Folgt Orpheus aus Liebe der tiefgefrorenen Eurydike? Die hatte ja nach genauer Vorhersage nur noch eine Stunde zu leben. Wollen und könnten wir aber mit unendlicher Liebe überhaupt etwas anfangen? Könnte Liebe überhaupt unendlich funktionieren? Oder leben wir künftig zumindest „seelisch“ als Digitalversionen unendlich fort? Werden wir dadurch unsterblich? Seltsame Fragen. War das hier bei „Eurydike und Orpheus“ ein Blick in die Zukunft?
Auf den Inhalt gehe ich diesmal kaum ein (siehe unten den Hinweis auf das digitale Programmheft). Es kommt selten vor, ganz subjektiv muss ich aber sagen: Dieser Abend hat mich schon formal geradezu erschrocken. Anderen mag es anders gehen. Ganz formal also:
Fast verärgert habe ich so die Kammerspiele an diesem Abend verlassen. Theater kann auch mal viel Kritik bekommen. Ich hatte möglicherweise einen übertrieben kritischen Blick, kommt vor. Es mag anderen anders gehen, selber ansehen! Aber mir erschien alles unglaublich gewollt. Mir nur, vielleicht – oder wahrscheinlich? – anderen nicht! Schade, kommt aber eben vor! So ist Theater.
Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele mit einigen INHALTLICH doch schön weiterführenden Beiträgen im digitalen Programmheft. Sollte man vielleicht davor lesen …
Copyright der Bilder: Julian Baumann
In der Theaterwelt ist es eine der spannendsten Entwicklungen der nächsten Zeit: Matthias Lilienthal wird zur kommenden Spielzeit 2026/2027 die Intendanz der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz übernehmen.
Auf http://www.nachkritik.de gibt es nun ein – soweit ich sehe – erstes etwas längeres Interview mit ihm über seine Ansichten zur Volksbühne. Hier der Link zum Interview (geht momentan nicht anders): https://nachtkritik.de/portraet-reportage/der-kommende-volksbuehnen-intendant-matthias-lilienthal-im-interview
Matthias Lilienthal hat jede Menge gesellschaftlicher und politischer Gedanken zur Position und Funktion der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Das ist die Volksbühne! Er sieht die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zunächst einmal als ein einmaliges „Geschenk“, da man hier alles bringen kann und soll, nur nicht herkömmliches Theater. Die Volksbühne steht nicht für herkömmliches Theater, sondern für alles andere.
Er sieht die Volksbühne etwa als ein „Zentrum des Nachdenkens“ über das Ende der Demokratie oder über die Frage „Was ist unsere Realität?, über die Frage: „Wer setzt sich mit welchem Narrativ durch?“, auch über soziale Fragen, er möchte auch Widerstand gegen die AfD etablieren, es geht um unsere Zeit der riesigen Veränderungen, nicht nur in Berlin, generell! Er sagt: „Niemand weiß, wohin es geht. Ich auch nicht. Aber das ist ein Moment, wo man Sachen neu ausprobieren und Dinge neu auf den Tisch legen kann.“
So hat er in unseren national, international und weltweit in vielerlei Hinsicht so dramatischen Zeiten viele, viele Ideen. Sicher auch, was Berlin betrifft. Einiges wird sicher provokant werden, es geht sicher nicht um leise Töne! Andererseits: Wer Matthias Lilienthal kennt, weiß, dass es ihm natürlich um die Theaterkunst/Bühnenkunst geht, nicht rein um Politik, schon garnicht geht es ihm um Belehrung! Es geht sicher um junge Stimmen! Es wird spannend, ich hoffe, die Volksbühne wird ab Herbst eine starke Stimme werden in den vielen „Reibungsprozessen“ unserer Zeit.
Udo Lindenberg feiert morgen, am 17. Mai 2026, seinen 80. Geburtstag! Ich gratuliere!
Karriere machen ist das Eine, eine innere Stimme haben und konsequent nach ihr leben ist das Andere. Manche Menschen haben sie, die innere Stimme, der sie ihr Leben lang folgen. Toni Morrison hatte sie, denke ich. Von ihr – sie starb 2019 in New York – ist derzeit im Marstalltheater ihre einzige Kurzgeschichte zu sehen, „Rezitativ“.
Das Thema ihres Lebens war die Rassentrennung. Toni Morrison war sicher immer arbeitsam, hartnäckig, ehrgeizig, resolut, standhaft, „tough“, hat sich für ihr Lebensthema nichts geschenkt. Aufgewachsen in den Südstaaten in den Zeiten der Rassentrennung, schon als Kind literaturinteressiert, später die Südstaaten verlassen Richtung Norden, dann verheiratet mit Howard Morrison, dozierte englische und afroamerikanische Literatur an der Universität in Washington, hatte zwei Söhne aus der Ehe, die Ehe scheiterte nach wenigen Jahren (1964), war dann alleinerziehend, wurde Verlagslektorin, etablierte bei Random House als Cheflektorin das Genre afroamerikanischer Literatur, daneben weiterhin die Vorträge zur afroamerikanische Literatur, suchte nach einer weiblichen schwarzen Stimme zum Thema Rassentrennung, fand sie nicht, begann daher mit 39 Jahren (1970) selbst zu schreiben, die Kinder währenddessen noch auf ihrem Schoß, schrieb Bücher, immer wieder zum Thema Rassentrennung und Sklaverei, erhielt 1989 eine Professur, dann den Pulitzerpreis und 1990 den Literaturnobelpreis.
„Rezitativ“ ist also ihre einzige Kurzgeschichte, hier am Marstalltheater auf der Bühne. Bühnenfassungen ihrer anderen Werke, glaube ich, gibt es nicht. Die Kurzgeschichte „Rezitativ“ war von Toni Morrison in jedem Detail durchdacht, in jeder Zeile. Zwei Frauen, die sich – beginnend in einem Kinderheim, in dem sie sich kennen lernen, – über Jahre hinweg nur ein paarmal zufällig sehen und dann jeweils kurz miteinander sprechen. Eine Schwarze, eine Weiße. Der Clou: Toni Morrison lässt den gesamten Text hindurch nicht erkennen, welche der beiden Frauen die Schwarze ist und welche die Weiße. Die Erzählung zeigt, was trennt und was verbindet, zeigt, dass es die Trennung nach Hautfarbe in diesen Jahren gab, dass hinter allem aber auch etwas Gemeinsame steckt, nicht nur die trennenden Überlegungen „typisch“ und „charakteristisch“, deren Zuordnung Toni Morrison in dieser Erzählung ja gerade unmöglich macht. Das Gemeinsame war in „Rezitativ“ etwa der Aufenthalt der beiden Frauen in deren Kindheit im Kinderheim. Der Leser/Zuschauer will ständig das „Schwarze“ und das „Weiße“ an ihnen zuordnen, es geht aber nicht.
In der Inszenierung am Marstalltheater treten für beide Frauen sogar immer vier Frauen auf. Alle sind gleich gekleidet, irgendwie zwischen futuristisch und spießig, unklar bleibt dabei natürlich erst recht, wer wer ist. Sie erzählen die Kurzgeschichte recht wortgetreu, es ist mehr eine Erzählung, als ein Theaterstück. Daher wohl auch die wahrlich sparsame Bühnengestaltung auf der kleinen Bühne – in Farben, die am ehesten noch an die Südstaaten erinnern, orange und hellgrün. Optisch bleibt die Bühne insgesamt etwas fraglich (warum diese dünnen hellgrünen Eisengestelle? Warum diese fast unschöne Farbgebung?), aber man kann eben nicht immer alles perfektionieren, darum geht es ja auch nicht!
Ich könnte mir vorstellen, dass man für Toni Morrisons Kurzgeschichte eine noch weitaus größer angelegte Inszenierung hinbekommen kann, so feinfühlig detailliert konstruiert ist die Erzählung selbst. Schade, so geht es in dieser Inszenierung doch zu schnell, es bleibt das Vortragen einer Erzählung, obwohl Toni Morrisons Erzählung „Rezitativ“ den Leser/Zuschauer geradezu hin und her werfen kann/soll. All das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass beide (die Mädchen/Frauen Twyla und Roberta) einmal etwas Gemeinsames erlebt hatten, sie kommen dabei immer wieder auf etwas ganz Bestimmtes zu sprechen, sehen es im Lauf der Jahre immer wieder leicht anders.
Ein interessanter Beitrag über Toni Morrison findet sich HIER (WDR 2023).
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheater.
Hier noch ein Bild:

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld
Lohnenswert! Nur noch HEUTE bis kurz vor Mitternacht sind in der 3sat Mediathek drei der Stücke zu sehen, die im vergangenen Jahr zum Berliner Theatertreffen 2025 eingeladen waren:
HIER der Link zur Seite in der 3sat Mediathek.
Das Berliner Theatertreffen 2026 hat gerade begonnen. Mehr dazu folgt.
Das Reelle und das Unreelle. An diesem erstaunlichen Abend in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele sind es nur die kleinen Gitter. Sie sind das einzige für uns Menschen Verständliche, das einzige nach menschlichen Maßstäben Reelle, sie hängen über der Bühnenfläche – man weiß sofort: „Aah, das sind Gitter!“ Etwas oberhalb dieser Gittern hängen nochmals solche Gitter.
Darüber hängen teils wiederum schwarze quadratische Kästen,. Aus ihnen fällt später gelbbrauner Schleim auf die Gitter, der Schleim wird dann ganz langsam durch die Gitter aus etwa 5 m Höhe auf die Bühne tropfen, sich in langen Fäden herabziehen. Doch noch etwas Reelles sehen wir, etwas ganz Mechanisches: Martin Weigel geht zu Beginn – schon nackt – mit einem etwa 5 m hohen schlanken Metallgestell über die dunkle Bühne, mit dem er nach richtiger Positionierung neben den Gittern schwarze Eimer langsam in die Höhe zieht und oben wieder Schleim in die Gitter fallen lässt. Eine Art Hebebühne.
Das war’s. Alles andere an diesem Abend ist vollkommen unreell, undefinierbar, grenzenlos, nicht auch nur im Entferntesten unserer Welt des Reellen entsprechend. Es wird aber wunderbar! Sechs SchauspielerInnen – nackt auf der Bühne – beschäftigen sich wortlos mit dem glibberigen Schleim, tanzen zu sehr lauter dröhnender Musik, rutschen am Boden, bewegen sich, mal zusammen, mal allein, zappeln, verdrehen ihre Körper, immer nackt, bearbeiten sich – auch gegenseitig – mit der schleimigen unhaltbaren Glibbermasse, es wird eine irre Komposition, die uns irgendwie zeigen kann: Ja, ein Leben lang bauen wir uns eine Welt des Reellen auf (die Gitter, die Hebebühne, Physik!), aber eigentlich ist es doch so: Alles fließt, alles ist unhaltbar – πάντα ρεί – panta rei! Man kann bei Betrachtung des Abends denken: Ja, das ist das Leben! Jeder beschäftigt sich irgendwie, mal alleine, mal mehrere zusammen, mal alle zusammen! Alles scheinbar sinnlos, Spielerei, Verrücktheiten. Alle sind gleich, selbst die Nacktheit der sechs so unterschiedlichen Körper unterliegt hier nicht mehr unserer erlernten Bewertung. Insgesamt hat diese fast poetische totale Entgrenztheit eine besondere Ästhetik, die durch die Nacktheit nur geöffnet wird.
Mehr sei hier nicht gesagt, Doris Uhlich und die sechs insoweit mutigen SchauspielerInnen zeigen uns hier eine andere Welt, Worte würden zu Definitionen führen, aber genau das soll hier entfallen! Manch Zuschauer braucht vielleicht auch etwas Mut, aber es lohnt absolut!
Insoweit kann man nur sagen: Danke an Katharina Bach, Erwin Aljukić, Dennis Fell-Hernandez, Martin Weigel, Elias Krischke und Ann Muller für diese entgrenzende und entgrenzte Performance! Schön, durch deren Leistung so etwas sehen zu dürfen! Standing ovations – was man aber zurzeit seltsamerweise immer wieder sieht, es scheint ein gesteigertes Bedürfnis nach Theater zu geben, fern von unserer doch düsteren Welt.
Hier noch zwei Fotos:


HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Copyright der Fotos: Judith Buss
Der britische Regisseur und Dramatiker Robert Icke hatte zuletzt Arthur Schnitzlers Theaterstück „Professor Bernhardi“ (er nannte seine Fassung „Die Ärztin“, HIER der Link zur Stückeseite) in die Gegenwart übertragen. Die Inszenierung ist am Residenztheater noch zu sehen. Jetzt geht er bei der Wahl des Originals deutlich weiter zurück, um wieder die Aktualisierung eines Stoffes auf die Bühne zu bringen.
Es ist die antike Tragödie „Ödipus“ von Sophokles, die jetzt (nach Aufführungen in anderen Städten) am Münchner Residenztheater zu sehen ist. Ödipus’ Schicksal ist ja als altgriechischer Mythos bekannt: Spät erfährt Ödipus, dass er adoptiert ist, dass er in jungen Jahren zufällig seinen ihm unbekannten leiblichen Vater Laios getötet hatte und wiederum etwas später unwissentlich seine leibliche Mutter Iokaste, die Frau des gestorbenen Laios, zur Ehefrau genommen hatte. All diese Zusammenhänge waren ihm nicht bekannt. Mit Iokaste hatte Ödipus sogar vier Kinder, Antigone, Ismene, Etheokles und Polyneikes. Sein Schicksal endet natürlich tragisch.
Soweit der Mythos. Robert Icke behält für seine „moderne“ Fassung nicht alle Einzelheiten des Mythos bei, aber dessen Verlauf, die „Story“, er behält auch die antiken Namen bei und sogar das Prinzip von „Einheit von Zeit, Raum und Handlung“ einer klassischen antiken Tragödie. So sieht man, wie sich auf der Bühne alles in einem einzigen Raum innerhalb von knapp zwei Stunden abspielt, ohne Zeitsprünge.
„Ödipus“ spielt bei Robert Icke also unter Beibehaltung dieser antiken Elemente – vor allem der „Storyentwicklung“ um Ödipus herum – in der heutigen Welt: Ein Wahlabend, der smarte Ödipus steht vor einem großen Erfolg … die Hochrechnungen zeigen es … alle sind happy, die Kinder stolz … aber da bricht sein Leben zusammen … die teils verdrängte, teils unbekannte Vergangenheit kommt ans Tageslicht … es hatte vor etwa zwanzig Jahren einen Autounfall gegeben, Ödipus hatte ihn verursacht, Laios war dabei gestorben … und auch Iokastes Vergangenheit kommt hoch … sie hatte ihr Kind, den damaligen Säugling Ödipus, ausgesetzt.
All das in der modernen Welt. Auch in Robert Ickes moderner Fassung des „Ödipus“ bahnt sich also die Wahrheit ihre Bahn. Es entstehen Überlegungen, es wird im Text angesprochen: Wir leben unser Leben oft mit einer Lüge, das Leben basiert fast zwangsläufig auf Lüge, unbewusst oder bewusst, weil immer Dinge unter den Tisch fallen und eine unvollständige Wahrheit ist eine Lüge.
Irgendetwas verschiebt sich allerdings, wenn man Robert Ickes Fassung des „Ödipus“ sieht. Auch wenn man ständig fast automatisch „klassisch“ mitdenkt: Zwangsläufig geht der antike Tragödiencharakter verloren, man folgt „nur noch“ einer moderne Geschichte mit tragischem Ausgang, mehr nicht. Im Original vor allem sind es Orakelsprüche, die Iokaste und Ödipus zu ihren Handlungen treiben, die Götter lenken, aber genau das entfällt natürlich in der modernen Welt. Kann das funktionieren?
Es kann funktionieren, eine solche Aktualisierung ist auch im Grunde sehr interessant, aber man sieht eben nicht mehr das antike Drama. Die antiken Dramen, so auch „Ödipus“ von Sophokles und so auch die gesamte griechische antike Welt, waren schließlich getragen von Einflüssen der Götter. Genau das hebt eine solche Geschichte, auch die Geschichte um Ödipus, in unfassbare Sphären der damaligen Welt.
Das so sehr Mythologische aufzugeben zugunsten einer Aktualisierung ist schwer, es gelingt bei Robert Ickes „Ödipus“ m. E. nicht rundum, da eben die Schicksalsführung durch Orakel keinen Ersatz findet oder finden kann. Die Götterwelt und das von ihr oft gelenkte Schicksal hatten früher eine unglaubliche Bedeutung! Früher, aber nicht mehr heute! Heute scheint der Zufall zu bestimmen.
Es ist bei alldem aber immer wieder eine Freude, vor allem die beiden langjährigen, so irre vielseitigen Ensemblemitglieder Barbara Horvath (hier als Iokaste) und Florian von Manteuffel (hier als Ödipus) – diesmal als smarte moderne Menschen – zu sehen. Sie stehen natürlich im Zentrum der Tragödie. Florian von Manteuffel etwa als Boanlkramer im Brandner Kasper, oder oder oder, und Barbara Horvath etwa ehemals in Simon Stones famosen „Drei Schwestern“, oder oder oder!
„Bühnenbildtechnisch“ wiederum scheint Robert Icke schlichte, modern-funktionale völlig emotionslose Räume zu bevorzugen.
Fast erstaunlich ist es übrigens, dass im Programmheft am Ende ein sehr guter Text zu lesen ist, dessen Bezug zum Stück zumindest nicht gleich klar wird: Worte einer Frau, die ein Epstein-Opfer war. Aber man merkt: Wie geht sie mit ihrer Vergangenheit um?
HIER Der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld
Man sieht nicht etwa eine herkömmliche Wiedergabe des Theaterstücks „Bernarda Albas Haus“ des spanischen Autors Federico García Lorca auf der Theaterbühne, man sieht – auch thematisch – ein Destillat des Werkes in besonderer Form, in Form von ruhigen bewegten Bildern, mit und ohne Sprache, die immer wieder wechseln, indem sie fast durchgehend auf einem langsamen Rollband über die Bühne ziehen.
Eine interessante Herangehensweise, mal anders, könnte man sagen. Ein wenig etwa an Susanne Kennedy erinnernd. „Tableaux vivants“ nennt die Regisseurin Süßkow im Programmheft diese bewegte Installation (so könnte man es auch nennen).
Während das Original des – kurz nach Fertigstellung des eindringlichen Theaterstückes – von franquistischen Truppen ermordeten Dichters mehr mit der Geschichte Mutter Bernarda Albas Unterdrückung ihrer fünf Töchter nach dem Tod ihres Mannes (sie sperrt ihre Töchter für acht Jahre Trauerzeit in ihrem Haus ein) und gleichzeitig mit dem Thema der Eifersucht unter den Töchtern arbeitet, auch mit dem Thema des (damaligen) Frauenbildes und Männerbildes, mit dem Thema des Rollenverständnisses der damaligen Zeit und mehr, lässt die Regisseurin Rieke Süßkow diese Aspekte weitgehend weg. Ihr geht es allgemeiner, schien mir persönlich jedenfalls, um den Tod und das Leben, beides gehört zusammen.
Man sieht/hört den thematischen Ansatz von Rieke Süßkow im Grunde ganz am Anfang: Auf dem langsamen Laufband (Bühne: Marlene Lockemann) fahren – als erstes „tableau vivant“ – schwarz gekleidete Frauen mit verdecktem Kopf immer wieder rückwärts über die Bühne und sagen/singen: „Der Tod!“. So habe ich es zeitlos gesehen: Es geht um Leben und Tod. Der Tod des Vaters änderte grundsätzlich das Leben der Töchter. Der Tod wird für die Töchter erstmals erkennbar und unmittelbar Bestandteil des Lebens. Und doch steht der Wunsch/die Notwendigkeit der Töchter – mehr oder weniger – im Raum, jeweils für sich weiterzuleben. „Früher war alles viel lustiger“ sagt zwar die Tochter Albina einmal, aber es muss ja weitergehen. Raus ins Leben? Drin bleiben? Zu den Männern? Die Liebe? Unterdrückung? Abhängigkeit? Die strenge Mutter, immer wieder herrisch gebietend mit ihrem Stock auf den Boden klopfend, verkörpert so gesehen den Tod, die Abhängigkeit vom Tod. Man kann – oder sollte? – es alles enger sehen, mehr auf die damalige spanische Gesellschaft bezogen, ich habe es aber so grundsätzlich und damit insgesamt so zeitlos gesehen.
Düstere Bilder, meist in Schwarzweiß gehalten, sofern nicht (dann in greller Farbe, siehe die Fotos) „Freiheit“ oder „das Leben draußen“ sich zeigte, optisch durch verschiedenes Schattenspiel sehr interessant gemacht, die Bühne eingerahmt von einer Art Passpartout oder Bilderrahmen, wenig Text, so blickt man in den eineinhalb Stunden fast auf ein bewegtes Gemälde, nicht auf eine Geschichte. Der Tod ist Teil des Lebens, die Gegenwart des Todes in unserem Leben und dessen Folgen.
Schon die ungewohnte extreme Langsamkeit des Fließbandes quält fast, genau das muss aber bei alledem so sein. Das Leben quält, könnte man dazu negativ sagen, und doch muss es gelebt werden. So gesehen ein sehr grundsätzliches Stück.
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters
Hier noch zwei Fotos:


Copyright der Bilder: Sandra Then
Bei der sehr stark besuchten öffentlichen Generalprobe in den Münchner Kammerspielen war es schon so: Nach dem Ende des Stückes folgten schnell standing ovations komplett durch alle Reihen hindurch. Die Inszenierung frei nach Arthur Schnitzlers ‚Fräulein Else‘ hatte dann seine Münchenpremiere – sicher wieder mit standing ovations und Jubel – ich habe die Zweitaufführung gesehen, und wieder war es so.
Klar: Die Inszenierung (Regie: Leonie Böhm) ist dieses Jahr (im Mai) zum Berliner Theatertreffen eingeladen, sie kann dann übrigens im TV in der 3sat-Mediathek als eines der „Starken Stücke“ des Theatertreffens gesehen werden. Sie hatte im vergangenen Jahr Uraufführung am Wiener Akademietheater und ist derzeit an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Hier werden noch zwei Aufführungen folgen (Ende April und Ende Mai), ob sogar noch weitere folgen werden, ist mir nicht bekannt.
Julia Riedler jedenfalls, die zusammen mit Leonie Böhm das Konzept für die Inszenierung verantwortet, hat ja beste Beziehungen zu den Kammerspielen, war hier einige Jahre lang im Ensemble und lebt jetzt in Wien, also nicht soo weit weg. Es ist ja ihr Soloabend, den sie – so oder so ähnlich – schon jahrelang im Kopf hatte.
Der Inhalt von Arthur Schnitzlers Stück „Fräulein Else“ – einer Novelle, einem inneren Monolog – ist schnell erzählt: Else, die Protagonistin der Novelle, die im Theater sonst eher als Zwei-Personen-Inszenierung gebracht wird, soll bei einem Kunsthändler (Herrn Dorsday) ein Darlehen für den verschuldeten Vater erwirken. Es ist vom Vater das Schlimmste zu befürchten, wenn es Else nicht gelingt, das Geld zu bekommen, Gefängnis auf jeden Fall. Der Kunsthändler verlangt aber einen Striptease von Else dafür. Er nutzt damit die unlösbare Situation von Else aus. Das Schlafmittel Veronal spielt eine entscheidende Rolle.
So ist das Original, entstanden 1924. Die Konstellation, in der sich Else befindet, bleibt auch bei Böhm/Riedler so „klassisch“ und dramatisch, das Stück nimmt aber hier eine andere Entwicklung. Es ist der Überlegung von Leonie Böhm und Julia Riedler geschuldet, dass die Thematik hier neu gedacht wird. Julia Riedler tanzt am Ende bei lauter Musik befreit auf. Ich verrate nichts.
Prägende Elemente sind:
Hervorragend gespielt wird es von Julia Riedler. Nur gegen Ende, wenn es doch so sehr auf die (neuen) Einsichten des Kunsthändlers Dorsday ankommt, geht es doch sehr „schnell“ zur Sache, es waren plötzlich viele Aussagen, die bei mir immer wieder kurz gestört waren von der Überlegung, wer es eigentlich gerade sagt, das war nicht leicht.
Ein barocker Kronleuchter ist die einzige Requisite auf der Bühne – die Bühne ist fast den Abend durchgehend nur der Teil vor dem Bühnenvorhang, siehe oben -, er lässt an die damalige Zeit des „Fräulein Else“ zurückdenken, während das Thema – merkt man – in die heutige Zeit geholt wird.
Eine entscheidende Überlegung des Konzeptes ist es, das Publikum in die Situation von Else zu holen, es mit einzubeziehen. Vielleicht rührt auch daher – zumindest zum Teil – die so starke Regung des Publikums am Ende des eineinhalbstündigen Abends. Das Publikum nimmt im Grunde sogar beide Positionen ein, jeweils von Julia Riedler provoziert, die ja mit dem Publikum kommuniziert. Die Position von Herrn Dorsday, weil Julia Riedler ja am Ende nackt sein wird, lange Zeit nackt auf der Bühne spielt, nur mit einem grünen Höschen bekleidet. Jeder/jede Besucher/in sitzt also doch vor dem Ziel von Herrn Dorsday. Andererseits: Else holt das Publikum auch auf ihre Seite, wenn sie das Publikum zwischendrin etwa auffordert: „Fahren wir alle den kurzen Weg mit der Straßenbahn, über die Isar zu Herrn Dorsday … Oder wenn sie im Publikum Geld sammeln will, um die Schmach abzuwenden.
Die Beteiligung des Publikums geht in der Tat sehr weit, Julia Riedler ist bei der Kommunikation mit dem Publikum schlagfertig improvisierend charmant, aber teils auch geradezu provokant. Meine Sitznachbarin meinte etwa, das war „too much“. Nun gut.
Das Interessante an der Inszenierung ist zweifellos die Wendung des Stückes am Ende, daher rührt die Inszenierung! Denn damit wird der Bogen zu unserer heutigen Zeit und zum Thema MeToo (toxisches sexuelles Verhalten von Männern gegenüber Frauen in bedrängter Lage) geschlagen. Der schwere Vorhang öffnet sich am Ende und Julia Riedler tanzt …
HIER der Link zu einem sehr interessanten Gespräch mit Julia Riedler über Scham auf der Bühne.
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Armin Smailovic