Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, ein schweres Thema – hier aus verschiedenen Perspektiven – Anlass: „Mein kleines Prachttier“ in den Münchner Kammerspielen. In der kommenden Spielzeit wird an den Münchner Kammerspielen das Stück „The truest True Crime“ zu sehen sein, Premiere wird am 11.12. sein. Es wird die Erzählung einer Frau (true story) von ihrer Vergewaltigung und von ihrer eigenständigen Ermittlung des Täters sein. Schon jetzt ist an den Münchner Kammerspielen eben „Mein kleines Prachttier“ zu sehen. Darum geht es hier. Ein kompletter „Seitenwechsel“, es ist die eindringliche fiktive Erzählung eines 49-jährigen Mannes von der Vorgeschichte seiner Vergewaltigung eines 14-jährigen Mädchens, eines Tierarztes, der im Hause des Mädchens ein und aus ging.
Dazu „passend“ – wenn auch rührend aus älterer Zeit – ist derzeit auch an den Münchner Kammerspielen das Stück „Fräulein Else“ – nach Arthur Schnitzlers gleichnamigem Roman – zu sehen. Es ist der Bewusstseinsstrom einer jungen Frau angesichts der damaligen sexualisierten Gewalt ihr gegenüber seitens eines Geschäftsfreundes des Vaters, der ihre und des Vaters Notlage ausnützt. Dieses Solostück mit Julia Riedler (auch in gewisser Weise aktualisiert für die heutige Zeit) war gerade zum Berliner Theatertreffen 2026 eingeladen, das im Mai stattfand.
Am Münchner Residenztheater wird in der kommenden Spielzeit das Stück „Prima Facie“ weiter im Spielplan stehen. Dort geht es – ein weiterer Aspekt! – um die junge forsche und trickreiche Anwältin von Angeklagten in Fällen sexualisierte Gewalt, die nun selbst vergewaltigt wird und jetzt erkennt, welche Probleme die Gerichtsverfahren bieten, wenn es um die Glaubwürdigkeit des Opfers geht.
Noch etwas: „Bye Bye Lolita“ wird im Oktober am Münchner Residenztheater (Cuvillestheater) Premiere haben. Lea Ruckpaul lässt in ihrem erfolgreichen Debütroman die Opferfigur Dolores Haze – Lolita – überleben und erzählt die Geschichte ihres jahrelangen Missbrauchs durch ihren Stiefvater mit der Analysefähigkeit der erwachsenen Frau.
Viele Sichtweisen also.
Nun zu „Mein kleines Prachttier“:
Fazit unten: Man sollte es sich ansehen, sogar das Buch lesen und dann darüber reden! „Wir müssen ins Gespräch kommen“ sagt Leonie Böhm zu diesem Thema, das schafft sie hier.
Das Stück hatte am 13.06. Premiere an den Münchner Kammerspielen. Die Inszenierung ist von Leonie Böhm, die auch zusammen mit Julia Riedler für „Fräulein Else“ verantwortlich zeichnete. Leonie Böhms Thema: Die Scham soll die Seite wechseln, der Täter soll sie empfinden, nicht das Opfer soll das Leben lang damit belastet sein!
„Mein kleines Prachttier“ basiert auf dem im höchsten Maße bedrängenden Roman von Marieke Lucas Rijneveld. Das Buch, erschienen 2021, ist um ein Vielfaches intensiver und breiter angelegt, als das Theaterstück. Leonie Böhm hat den Inhalt des Romans für die Bühne auf etwa eine Stunde gekürzt, eingedämpft, auch sprachlich verändert, um eine nach ihren Vorstellungen passende Bühnenversion entstehen zu lassen.
Ist es gelungen? Nun, es ist fragwürdig. Nach dem Stück hört man auch Stimmen wie: „Hier wird das Vorgehen eines Pädophilen verharmlost“. Schließlich vergewaltigt der Tierarzt in dieser besonderen Beziehung das 14-jährige Mädchen am Ende, wenn sie wehrlos im Krankenhaus liegt. Ja, eine Vergewaltigung in jungen Jahren oder überhaupt ist fürchterlich! Ja, ein Pädophiler! Frauen können danach wahrscheinlich kaum noch frei und glücklich leben. Da ist aber genau das Ende des Stückes, Leonie Böhm zeigt auf der Bühne, dass das Mädchen letztlich glücklich und frei weiterleben möchte, wie immer schon. Das Mädchen fühlt sich „innerlich schief“, aber es soll für sie glücklich weiter gehen. Das wird auch das Ende des Buches sein, ich lese es gerade.
Meine Meinung dazu aber: Auf den 360 Seiten des Buches wird das besondere Verhältnis zwischen dem Tierarzt, der fast täglich auf dem Bauernhof des Vaters des Mädchens erscheint, und dem Mädchen selbst um ein Vielfaches deutlicher geschildert. Eines ist klar: Es ist auf jeden Fall so, wie es der Tierarzt auf der Bühne sagt: „Ich bin ein Monster! Ich habe sie zerstört!“ Er weiß es schon sehr früh. Wenn man das Buch liest, spürt man mehr und mehr: Da brodelt lange lange die Pädophilie in ihm! Es ist in meinen Augen dennoch „die Sache wert“, hm, dass dieser Mann in diesem fiktiven Roman alles genau schildert, dieses besondere Verhältnis der beiden, die intensive Vorgeschichte, was alles dahinter steht. Er will alles darlegen, alles. „Damit ich mich sehe und Du Dich“ heißt es in etwa. Es steht insgesamt viel dahinter, das Mädchen und er, sie sind beide sehr sensibel, haben ihre Traumata, ihre Ängste, ihre Trauer, ihre Fantasien. Sie haben sehr ähnliche Themen mit sich. Irgendwie steht dabei der Unterschied dahinter, der sich zu gleichen Themen ergibt aus dem „phantasievollen Leben in Kindheit und Jugend“ gegenüber dem „Leben in der harten Realität der Erwachsenenwelt“. So ist es eine nicht immer nur einseitigen Annäherung. Das junge Mädchen aber denkt harmlos in ihrer Welt, er dagegen weiß: Er wird das Monster sein, er wird sie „aus der Erde reißen“.
Die Besonderheiten des Verhältnisses beider zueinander kommen in der Bühnenfassung von Leonie Böhm nicht ganz ausreichend zum Ausdruck, finde ich. Dann würde man nämlich noch besser verstehen, dass es sich bei der Erzählung von Rijneveld eben nicht „nur“ um die schnelle fürchterliche Handlung eines „Pädophilen“ handelt, sondern – zumindest in dieser Erzählung – dass es alles hier eine lange besondere Geschichte hat. Das zeigt ja Marieke Lucas Rijneveld auf 360 Seiten und durchaus auch Leonie Böhm, aber letztere m. E. zu kurz, gut und klug gekürzt, aber doch zu kurz. Auch wenn es am Ende ein klarer Fall von Vergewaltigung ist, Buch und Böhm wollen insoweit den Blick weiten hinein in ein bisher literarisch weitgehend unbeschriebenes Blatt.
Die Inszenierung ist im übrigen aber m. E. gelungen! Neben dem Text wird nicht viel auf die Bühne gebracht. Annette Paulmann und Maren Solty spielen zusammen (insgesamt beide natürlich sehr gut!) den 49-jährigen Tierarzt. Die grauenhafte Absicht des Mannes kommt allenfalls etwas zu kurz in ihrem doch recht lockeren Verhalten auf der Bühne. Nur kurz wechselt Maren Solty auch in die Rolle des Mädchens und am Ende wechseln beide Schauspielerinnen noch kurz gemeinsam in deren Rolle. Schön ist aber übrigens wiederum der Altersunterschied der beiden Schauspielerinnen, er hält alles offen.
Das Bühnenbild ist ein riesiges Geweih, sonst nichts. Im Buch steht das Geweih für Geschlechtsteil. Man kann sich aber auch viele andere Dinge darunter vorstellen. Sich verzweigende Gedankenwege … die Entwicklung eines Verhältnisses zweier Menschen … das Leben … Argumente, Gespräche … alles verzweigt sich … und und und. Das inspiriert.
Daher: Man sollte es sich ansehen, sogar das Buch lesen und dann darüber reden! Vielleicht nur hätte sLeonie Böhm noch etwas mehr darauf achten müssen, dass es nicht für den Zuschauer um Verharmlosung von Pädophilie geht, hätte doch etwas mehr aus dem Buch bringen müssen. Aber ihr Ansatz schon bei ihrer „Fortschreibung“ von Schnitzlers „Fräulein Else“ war ja eben derjenige, dass das geschädigte Mädchen trotz allem am Ende frei sein soll, nicht ihr Leben lang belastet sein soll! Der Mann soll belastet sein! Stimmt, wenn es geht!
Hier noch ein Foto:

Hier der Link zur Stückeseite von „Mein kleines Prachttier“auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/42871-mein-kleines-prachttier
Copyright der Fotos: Judith Buss













