Es sind zwei Soloabende (gewissermaßen): Zum Einen – zum anderen später – ist es ein Abend an den Münchner Kammerspielen von und alleine mit (und in der Tat solo) Wiebke Puls. Es ist die von ihr selbst entwickelte Bühnenfassung des französischen Romans „Bevor ich es vergesse“ („Avant que j’oublie“) von Anne Pauly, der 2020 als „bestes Buch des Jahres“ mit dem französischen Publikumspreis ausgezeichnet worden ist und der Wiebke Puls so begeistert und dazu animiert hat, ihn auf die Bühne zu bringen. Dazu schreibe ich hier.
Zu „Bevor ich es vergesse“:
„Bevor ich es vergesse“ ist ein Abend, den man jedenfalls dann nicht sofort vergisst, wenn man bereits seinen Vater und/oder die Mutter verloren hat. Dann geht er nämlich nahe, jeder kennt es dann: Wie war er/sie? Was habe ich versäumt? Was bleibt? Wie geht es weiter? Man lebt ja gewissermaßen nach dem Tod der Eltern ein zweites Leben, blickt zurück in das erste Leben, das Leben mit „drei Beinen“ (Wiebke Puls sitzt ganz zu Anfang mit DREI Beinen auf einem Hocker, legt das dritte Bein dann in den Schrank), das so nie wieder sein wird.
Wiebke Puls als „Anne“ (das ist dem persönlichen Bezug des Ich-Romans geschuldet) bekommt nach dem Tod des Vaters – bei der Durchsicht des Schrankes – alle möglichen privaten Dinge des Vaters in die Hände und macht sich Gedanken über ihn, erinnert sich an ihn, an ihre eigene Kindheit mit ihm, an sein Leben, an seine Erzählungen aus seinem Leben, sein Verhalten, seine letzten Tage, an die Beerdigung, den Leichenschmaus, sie nimmt Kontakt auf mit seiner engsten Freundin aus der Schulzeit und und und. Dass es nicht leicht war mit ihm, weiß sie, das spielt aber nicht mehr die entscheidende Rolle.
Die engste Kindheitsfreundin, zu der der Vater später nie wieder Kontakt findet, auch wenn er es will, schreibt in einem Brief an Anne nach dem Tod des Vaters:
Von einer geliebten Person, die uns verlässt, bleibt eine feine, immaterielle Substanz: eine Abwesenheit, die man wie eine Anwesenheit empfinden kann, welche von nun an nichts mehr zu trüben vermag. Doch das mindert nicht den Schmerz, den man bewältigen muss, um seinen eigenen Weg weiterzugehen.
Das fasst es gut zusammen: Die Tatsache, dass man so das Leben seines Vaters, seiner Mutter noch einmal in vielen Gegenständen sieht, sich erinnert, wird – auch im Laufe dieses Abends – zur Tatsache, dass man damit eigentlich sich selbst sieht, seinen Schmerz erkennt, auch seine Versäumnisse. So singt Wiebke Puls auch: „Noch mehr als das (Anm: Mehr als alles …) möchte ich reden mit Papa!“ So ist es, aber es geht eben nicht mehr!
Es ist ein schöner Abend, um auch Wiebke Puls allein auf der Bühne zu erleben, was sich immer lohnt, es ist fast ein „Muss“ für Freunde der Münchner Theaterszene. Auch wie sie in die Rolle des alten Pastors schlüpft! Seit mehr als 20 Jahren ist sie bei den Münchner Kammerspielen. HIER der Link zu einem Podcast auf http://www.nachtkritik.de mit Wiebke Puls.
Manch Einzelheit ist nicht wirklich wichtig, die Gesamtheit macht es aus und der Wandel von Annes Blick auf den verstorbenen Vater über ihre Erinnerung hin zu sich selbst, zu ihrer eigenen Träne, mehr bleibt ihr ja nicht, zu ihrem Schmerz, ihrer Trauer, ihrer Vergebung, ihrem weiteren Leben. Letzteres spielt bei „Bevor ich es vergesse“ allerdings noch keine Rolle.
Der Titel „Bevor ich es vergesse“/Avant que j‘oublie“ ist für mich allerdings etwas fraglich. Was denn „vergessen“? Was will Anne Pauly damit sagen?
Zu „Heartship“, dem zweiten “Soloabend“ werde ich in Kürze schreiben. Das wiederum war kürzlich ein Abend im „Marstallsalon“, der kleinsten Bühne/der Bar des Residenztheaters, über dem Marstalltheater. „Heartship“ ist ein Dialog von zwei Frauen, nicht wirklich solo, aber irgendwie doch auch ein nah erlebter „Soloabend“.
HIER der Link zur Stückeseite von „Bevor ich es vergesse“ auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic
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