Man sieht nicht etwa eine herkömmliche Wiedergabe des Theaterstücks „Bernarda Albas Haus“ des spanischen Autors Federico García Lorca auf der Theaterbühne, man sieht – auch thematisch – ein Destillat des Werkes in besonderer Form, in Form von ruhigen bewegten Bildern, mit und ohne Sprache, die immer wieder wechseln, indem sie fast durchgehend auf einem langsamen Rollband über die Bühne ziehen.
Eine interessante Herangehensweise, mal anders, könnte man sagen. Ein wenig etwa an Susanne Kennedy erinnernd. „Tableaux vivants“ nennt die Regisseurin Süßkow im Programmheft diese bewegte Installation (so könnte man es auch nennen).
Während das Original des – kurz nach Fertigstellung des eindringlichen Theaterstückes – von franquistischen Truppen ermordeten Dichters mehr mit der Geschichte Mutter Bernarda Albas Unterdrückung ihrer fünf Töchter nach dem Tod ihres Mannes (sie sperrt ihre Töchter für acht Jahre Trauerzeit in ihrem Haus ein) und gleichzeitig mit dem Thema der Eifersucht unter den Töchtern arbeitet, auch mit dem Thema des (damaligen) Frauenbildes und Männerbildes, mit dem Thema des Rollenverständnisses der damaligen Zeit und mehr, lässt die Regisseurin Rieke Süßkow diese Aspekte weitgehend weg. Ihr geht es allgemeiner, schien mir persönlich jedenfalls, um den Tod und das Leben, beides gehört zusammen.
Man sieht/hört den thematischen Ansatz von Rieke Süßkow im Grunde ganz am Anfang: Auf dem langsamen Laufband (Bühne: Marlene Lockemann) fahren – als erstes „tableau vivant“ – schwarz gekleidete Frauen mit verdecktem Kopf immer wieder rückwärts über die Bühne und sagen/singen: „Der Tod!“. So habe ich es zeitlos gesehen: Es geht um Leben und Tod. Der Tod des Vaters änderte grundsätzlich das Leben der Töchter. Der Tod wird für die Töchter erstmals erkennbar und unmittelbar Bestandteil des Lebens. Und doch steht der Wunsch/die Notwendigkeit der Töchter – mehr oder weniger – im Raum, jeweils für sich weiterzuleben. „Früher war alles viel lustiger“ sagt zwar die Tochter Albina einmal, aber es muss ja weitergehen. Raus ins Leben? Drin bleiben? Zu den Männern? Die Liebe? Unterdrückung? Abhängigkeit? Die strenge Mutter, immer wieder herrisch gebietend mit ihrem Stock auf den Boden klopfend, verkörpert so gesehen den Tod, die Abhängigkeit vom Tod. Man kann – oder sollte? – es alles enger sehen, mehr auf die damalige spanische Gesellschaft bezogen, ich habe es aber so grundsätzlich und damit insgesamt so zeitlos gesehen.
Düstere Bilder, meist in Schwarzweiß gehalten, sofern nicht (dann in greller Farbe, siehe die Fotos) „Freiheit“ oder „das Leben draußen“ sich zeigte, optisch durch verschiedenes Schattenspiel sehr interessant gemacht, die Bühne eingerahmt von einer Art Passpartout oder Bilderrahmen, wenig Text, so blickt man in den eineinhalb Stunden fast auf ein bewegtes Gemälde, nicht auf eine Geschichte. Der Tod ist Teil des Lebens, die Gegenwart des Todes in unserem Leben und dessen Folgen.
Schon die ungewohnte extreme Langsamkeit des Fließbandes quält fast, genau das muss aber bei alledem so sein. Das Leben quält, könnte man dazu negativ sagen, und doch muss es gelebt werden. So gesehen ein sehr grundsätzliches Stück.
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters
Hier noch zwei Fotos:


Copyright der Bilder: Sandra Then




