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Gelesen und geblättert

LITERATUR: PEOPLE GONE MAD

Können sich in dieser rasanten Welt „echte Demokratien“ (die ja auf Diskussionen, Kritik, auf viel Zeit, auf Widerspruch und auf Kompromissen basieren) überhaupt noch halten oder wollen immer mehr Bürger eher etwas „Autoritäres“ als ihren Halt und ihre Sicherung in dieser Welt? Sieht ja so aus!

Der Historiker Moshe Zimmermann (M.Z.) sagt: Wehret den Anfängen! Er hat sich des Themas der Auflösung von Demokratie hin zu „illiberaler Demokratie“, zur „Ochlokratie“ oder „Zustimmungsdiktatur“ und „Autokratie“ mit Blick auf Vorgänge des schleichenden Untergangs von Demokratien in einigen Fällen der Vergangenheit und zusätzlich mit Blick auf die Gegenwart in Ungarn ( unter Victor Orban noch), in Deutschland (Stichwort AfD), in den USA (unter Donald Trump) und in Israel (unter Bibi Netanjahu ) angenommen. Ein wertvolles, lohnendes Buch, das die Augen ein bisschen öffnen kann!

M.Z. hat kein Wunderrezept, hält aber die Vorteile echter Demokratie ausdrücklich hoch! Die Vorteile der freiheitlichen Demokratie seien im Vergleich zu allen anderen Staatsformen „beeindruckend“. Das Buch endet mit Blick auf eine Aussage von Hannah Arendt: Solange der Staatsbürger sich politisch aktiv verhalten kann, muss er dagegenhalten, demonstrieren, sich äußern und entsprechend handeln, um den Prozess der Irreführung aufzuhalten. Es entstehe eben ein Prozess der Irreführung, anfangs sogar gerade mit den Mitteln der Demokratie. Der Prozess der „Irreführung“ weg von der Demokratie sei schleichend, zeigt M.Z., kurz gesagt. Am Ende bleibt der Appell an den Einzelnen, der moralische Appell an die Verantwortung und an den Menschenverstand als beste Abwehr gegen den people-gone-mad-Prozess.

Mein Fazit:

Verteilt über das – insgesamt sehr wertvolle – Buch werden immer wieder Faktoren genannt, die zum schleichenden Verschwinden der Demokratie führen, ich hätte mir nur gewünscht, dass diese Faktoren noch prägnanter aufgezeigt werden, dass sie nicht immer wieder schnell untergehen in der Gesamtschilderung des Historikers! Schade. Das wäre meine Kritik, es bleibt aber bei aufmerksamem Lesen ein sehr wertvolles Buch!

Der Aufbau des Buches:

M.Z. steigt (nach einem wichtigen Anfangskapitel – siehe unten) mit historischen Beispielen des Untergangs von Demokratien ein: Frankreich, die Affäre Boulanger und die Dreyfusaffäre, Amerika vor dem Zusammenbruch des Sowjetreichs, die damalige „rote Gefahr“ bis 1989, dann Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg, Weimarer Republik und schließlich Israel vor allem seit Bibi Netanjahu. Vor allem äußere Feinde der Demokratie werden oft benutzt, um das Volk im Inneren „verrückt“ zu machen.

Dann kommt das Kapitel „Nach dem Ende der Geschichte“, also nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989. Das Feindbild „Kommunismus“ verschwindet. Es entstehen aber neue Feindbilder, 9/11 etc.

Dann kommt fast als Fazit das Kapitel „ Gebrauchsanweisung für Demokratiezerstörer“. M.Z. unterscheidet dabei genauer: 1) Die Zeit, in der sich das Verschwinden der „echten“ freiheitlichen Demokratie anbahnt (Populisten auf dem Weg zur Macht), und 2) danach die Zeit, in der die wesentlichen Werte der freiheitlichen Demokratie bereits aufgegeben worden sind, verwässert sind und sich die Demokratiezerstörung weiter fortsetzt (Populisten an der Macht), die Zeit also, in der der Kampf für freiheitliche Demokratie schon als „Landesverrat“ eingestuft wird (M.Z. zitiert Erich Kästner). In der ersten Phase wird vor allem die Vernunft immer mehr durch den Glauben und durch Emotionen ersetzt! In der zweiten Phase werden dann die entscheidenden Institutionen der Demokratie konkret zerstört, Erziehung, Bildung, Wissenschaft, Medien, Justiz, Kultur … alles wird in Linie gebracht, siehe auch Donald Trump.

Das alles ist gut aufgezeigt. Mit dem Wissen des Historikers. Zu den Faktoren, die in der wichtigen ersten Phase den schleichenden Prozess der Zerstörung der Demokratie „von innen heraus“ ermöglichen, muss man aber fast eine Liste anlegen. Die Faktoren verschwinden sonst fast durch den doch recht historischen Stil der Erläuterungen (oder der Übersetzung?). Hier kommt jedenfalls das allererste Kapitel des Buches ins Spiel:

  • Entscheidend ist: Das „Volk“ verhält sich durch die Populisten mehr und mehr „kontrarational“, emotional – was der Demokratie und dem Austausch von vernünftigen Argumenten nicht entspricht.
  • Anstand und Vernunft, auch Wahrheiten, gehen unter. Emotionen werden gefördert durch Feindbilder, durch Ängste. Es soll auch fast eine „Furcht vor zuviel Freiheit“ entstehen.
  • Die demokratisch Gewählten werden als die „Zerstörer“ der Demokratie dargestellt, die Populisten als die „Retter“ der Demokratie!
  • Glaube wird geschürt, Skepsis wird als Element der Verwirrung dargestellt. Obwohl doch Skepsis und Kritik Elemente der freiheitlichen Demokratie sind.
  • Fakten werden verdreht, was bei den heutigen Sozialen Medien leicht möglich und leicht und schnell „streubar“ ist.
  • Die Wortwahl, die Sprache wird unsauber! Das Wort „Demokratie“ etwa wird beibehalten, aber es wird vom Volksinteresse so gesprochen, als seien es nur die „Populisten“, die wirklich das „Volk“ im Auge hätten.
  • Vorbilder werden geschaffen, auch wenn es die „gute alte Zeit“ ist.
  • Vorurteile, Pauschalisierungen und Ressentiments werden geschürt.
  • Gewalt wird als Heilmittel im Inneren und nach außen dargestellt. Wenn Gewalt außen eingesetzt wird, wird sie auch nach innen eher akzeptiert. Siehe Donald Trump.
  • Nötige Einschränkungen von Freiheiten zum Schutz von Grundwerten (zB in der Coronazeit) werden als Attacken auf die „Demokratie“ bewertet.
  • Soziale Abstiegsangst wird geschürt.
  • und und und

Viele gute Punkte, die man auch hier genau beobachten muss. Man muss allerdings sagen: Die gewählten Vertreter in der freiheitlichen Demokratie (zB hier in Deutschland) müssen eben auch gut sein! Sonst ist ein weiterer Faktor für einen Angriff gegen die freiheitliche Demokratie geschaffen, der Faktor „Unzufriedenheit mit den gewählten Vertretern“. Und da dürfte hier ruhig Einiges besser laufen, diese „Unzufriedenheit“ hilft auch der AfD, eine Irreführung des „Volkes“- weg von der freiheitlichen Demokratie – zum Erfolg zu führen! Der Weg aus der Irreführung heraus zurück zur freiheitlichen Demokratie ist schwieriger, so M.Z.

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Gesehen und gehört

THEATER: Annie Ernaux – Das Ereignis

Davor war er eher in Richtung Philosophie unterwegs, „formale Logik“ war sein Thema gewesen. Dann ging es weg von der Logik und hin zu Text und Theater. Am Theater arbeitete Necati Öziri als Dramaturg, schrieb mit erstaunlichem Erfolg eigene Theaterstücke und Bücher, in Zürich hat z. B. Christopher Rüping 2022 seinen Theatertext „Der Ring des Nibelungen“ inszeniert. Sein Roman „Vatermal“ wiederum schaffte es dann bis in die Shortlist des Deutschen Buchpreises. 2018-2022 war er Leiter des internationalen Forums des Berliner Theatertreffens. Also interessant!

“Das Ereignis“ ist (natürlich) ein autobiografischer Text der französischen Nobelpreisträgerin Annie Ernaux. Es geht um die Abtreibung, die Annie Ernaux im Alter von 23 Jahren durchführen ließ. Sie war ungewollt schwanger und wollte auf keinen Fall das Kind bekommen. Damals zumindest, manchmal hört es sich fast so an, als würde sie es im Nachhinein – als sie es schrieb, war es 30 Jahre später – fast bereuen, so genau wie sie es beschreibt. Aber im Ganzen schildert sie ja die damalige Situation der 23-jährigen Annie Ernaux, das ist ja auch bei anderen Texten ihr Weg, die Dinge aufzuarbeiten.

Abtreibung war damals strafbar, war auch gesellschaftlich noch ganz anders gesehen. Der schwere Weg der jungen Annie Ernaux überhaupt hin zu einer Möglichkeit, abtreiben zu können. Die Zeitspanne zwischen dem Erfahren von der Schwangerschaft und der Abtreibung! Sie und ihre Umgebung in dieser Zeit! Die Reaktionen damals! Ihre Versuche. Die Widerstände, ihre Erfahrung damals! Das Gefühl, dadurch von der Welt abgetrennt zu sein. Das will sie schildern! Sehr eindrücklich, sehr schonungslos, bis hin zur genauen Beschreibung des abgetriebenen Fötus‘ in ihren Händen und in der Zwiebacktüte, bevor sie ihn ins Klo wirft. Schrecklich und ein schweres ethisches Thema bleibt es ja immer, egal ob strafbar oder nicht. Manch ein kleiner Satz des Textes ist sogar dann, wenn man ihn liest, fast noch eindringlicher, als wenn er nur kurz geäußert wurde. Zu Beginn wird es sehr persönlich, Eva Bay spricht kurz mit einzelnen ZuschauerInnen und „holt uns damit ab“.

Die Inszenierung ist aufs Äußerste reduziert. Es ist fast keine Inszenierung, könnte man meinen: Die Schauspielerin Eva Bay spricht den Text (eine Übersetzung des französischen Originals „L‘événement“, von Sonja Finck) emotional sogar eher zurückhaltend, auf leerer, dunkel gehaltener Bühne (im Werkraum), selber sehr neutral, eher streng gekleidet, fast zu jung auch für die (als sie es schrieb) fast 60-jährige Annie Ernaux.

Nur zwei kleine „Eingriffe“ des Regisseurs gibt es dabei: Auf der Videowand im Hintergrund liest man manchmal einen der damaligen Tagebucheinträge von Annie Ernaux. Und: Kurz spricht Eva Bay manchmal in ein am Rand stehendes Mikrofon, wenn sie zusätzlich aktuelle Gedanken der Schreiberin Annie Ernaux zum Text widergibt – was eigentlich untypisch ist für Annie Ernaux’ Herangehensweise an die Vergangenheit.

Dass sie am Ende „stolz“ ist, es endlich so niedergeschrieben und geschildert zu haben, ist eigentlich eher ihre Sache. Andererseits: Sie äußert, diese schwere Phase bis zur Abtreibung musste genau beschrieben werden! Nur darum ging es ihr! Nur das sei sie der Sache schuldig – was allerdings etwas nüchtern klingt. Es ist ohnehin meines Erachtens nicht der stärkste Text von Annie Ernaux.

Kein leichtes Stück jedenfalls, das sich Necati Öziri herausgesucht hat oder das er hier übernommen hat für seine erste Inszenierung. Bei diesem Text konnte er sich eigentlich nur extrem zurückhalten. Genau das passt, man darf aber auf Weiteres und Anderes von Necati Öziri gespannt sein.

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/50067-das-ereignis

Copyright des Fotos: Sima Dehgani

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Gesehen und gehört

THEATER: Michail Bulgakow – Meister und Margarita

Dieser zugegeben sehr komplizierte und sehr umfangreiche Roman ist nun an den Münchner Kammerspielen auf die Bühne gekommen. In der Inszenierung folgt man zusätzlich sogar einem Sprung hin zu den Rolling Stones: „Sympathy for the Devil“!

Es ist eine Inszenierung von Jette Steckel, deren letzte Münchner-Kammerspiele-Inszenierungen „Die Vaterlosen“ (2023) und „Mephisto“ (2025) jeweils zum Berliner Theatertreffen eingeladen waren. Ihre Inszenierung von „Meister und Margarita“ ist natürlich – trotz ihrer knapp über vier Stunden Dauer – „nur“ eine kurze Version dieses Mammutwerkes, aber sie ist beeindruckend.

Denn wie im Roman: Der Wahnsinn, der sie alle durch das Erscheinen eines „Teufels“ (Professor Woland) erfasst, lebt sich in jeder Hinsicht gut inszeniert aus, das muss erst einmal gelingen. Man folgt einem Theaterwerk der Dunkelheit, der Verwirrung, man spürt den Wahnsinn des Romans, er schwappt kurz sogar – in gewagter Form – auf die Maximilianstraße hinaus. Der Roman – 1940 war er zu Ende gebracht – war in Russland lange Zeit verboten und kam erst 1966 in erster, verkürzter Fassung zur Veröffentlichung. Im – sehr hilfreichen – digitalen Programmheft zur Inszenierung heißt es:

Auf eine unzensierte Version musste die sowjetische Leserschaft bis 1973 warten; …. Erst in den 1990ern kam in Russland der millionenfache Druck, und Der Meister und Margarita wurde vor allem unter jungen Menschen zum Kultbuch.

Verboten war der Roman zunächst eben, weil er die damaligen stalinistischen Zeiten völlig auf den Kopf stellte und damit intensiv kritisierte. Natürlich erkannte man in jeder Szene Systemkritik, Bulgakow lebte wahrscheinlich in unvorstellbarer ständiger Angst, unter massivem Druck, unter strenger Zensur etc. Zahlreiche seiner anderen Werke wurden verboten.

Zur Inszenierung: Das dunkle Bühnenbild dieser Inszenierung ist immer wieder ein Hingucker: Sowohl bei Pontius Pilatus‘ (hervorragend Edmund Telgenkämper) Gesprächen mit Jesus (auch hervorragend Erwin Aljukić), als auch im Hauptteil der Inszenierung, in dem riesige Kettenvorhänge Räume schaffen und in dem diese Kettenvorhänge immer wieder den Eindruck von Traum und Wahnsinn schaffen und gut ausdrücken (Bühne: Florian Lösche).

Auch die Besetzung ist hier wieder eine Freude! Hervorgehoben seien aus meiner Sicht Edmund Telgenkämper und Erwin Aljukić, ohne andere nur irgendwie schmälern zu wollen. Auffallend ist daneben noch, dass Linda Pöppel, die man mit ihrer naturgegebenen immensen Bühnenpräsenz eher vom Deutschen Theater Berlin her kennt, dieses Ensemble bestens ergänzt. Man kann nur hoffen, dass sie öfter … Es ist von allen ein Fest der Spielfreude.

Einzig eine Art Showeinlage in Sachen Hypnose (ein großes Thema des Romans) nach der Pause wird etwas langatmig.

Der Kenner mag im Roman zusätzlich viele kleine Einzelheiten erkennen, auch Verbindungen zu Goethes Faust. Wohlan zum Buch! Mein Fazit zur Inszenierung: Man muss wissen, man sieht insgesamt hier schlicht die (wie gesagt sehr spielfreudige) Inszenierung eines russischen Klassikers der Weltliteratur, Bezüge zur heutigen Zeit braucht man nicht zu suchen, soweit sind wir nicht, dass Systemkritik nur noch in der Form einer Geschichte reinen Wahnsinns möglich wäre. Es bleibt somit ein sehr gelungener Abend für Theaterfreunde, die sich einfach mal gerne mit allen möglichen Emotionen (ernsten und heiteren) in einer wilden Geschichte mit wunderbarer Besetzung bei immer spannender Inszenierung durch einen langen Abend ziehen lassen möchten.

Hier der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/42859-meister-und-margarita. Geht momentan nicht anders.

Hier noch ein Foto, Linda Pöppel als Margarita:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic

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Gesehen und gehört

THEATER: Eurydike und Orpheus

Das Thema: „Der Mensch und die Unsterblichkeit“: Könnten wir Unsterblichkeit überhaupt ertragen oder hoffen wir gar auf Unsterblichkeit? Folgt Orpheus aus Liebe der tiefgefrorenen Eurydike? Die hatte ja nach genauer Vorhersage nur noch eine Stunde zu leben. Wollen und könnten wir aber mit unendlicher Liebe überhaupt etwas anfangen? Könnte Liebe überhaupt unendlich funktionieren? Oder leben wir künftig zumindest „seelisch“ als Digitalversionen unendlich fort? Werden wir dadurch unsterblich? Seltsame Fragen. War das hier bei „Eurydike und Orpheus“ ein Blick in die Zukunft?

Auf den Inhalt gehe ich diesmal kaum ein (siehe unten den Hinweis auf das digitale Programmheft). Es kommt selten vor, ganz subjektiv muss ich aber sagen: Dieser Abend hat mich schon formal geradezu erschrocken. Anderen mag es anders gehen. Ganz formal also:

  • Es war ein Abend mit ausschließlich „gesungenem“, ganz einfach gehaltenem Text (Libretto Robert Bolesto), begleitet von durchgehend fast schmerzhaft atonalen Klängen (Musik: Jan Duszyński). Sehr anstrengend. Es sind ja SchauspielerInnen, nicht SängerInnen. Ich würde eher in die Oper gehen, wenn ich einen ganzen Abend lang Gesang hören möchte.
  • Vorab noch: Aus dem bekannten griechischen Mythos „Orpheus und Eurydike“ umgedreht „Eurydike und Orpheus“ zu machen ist schon nicht sehr originell. Auch wenn hier Eurydike im Mittelpunkt stehen soll, es bleibt eine recht abgehalfterte Verdrehung, zu simpel.
  • Dazu noch: Sowohl Orpheus als auch Eurydike als weibliche Person zu bringen, ist genauso wenig originell. Diese – ich sage mal – „Mode des Theaters“ hätte hier wahrlich nicht schon wieder eingesetzt werden müssen. Manchmal mag es Sinn machen, verständlich sein, hier erschließt es sich mir nicht. Loslösung von der mythologischen Liebesgeschichte um Orpheus und Eurydike? Aber das Stück hier heißt doch – fast – so! Zumindest hätte Orpheus dann wenigstens „Orphea“ heißen müssen, wenn man die lateinischen Namen zugrunde legt. -us ist Maskulinum, -a ist Femininum.
  • Hades, den Gott der Unterwelt, dann auch noch weiblich zu besetzen, lässt mich nur fragen: Warum das denn? Auch Cerberus – überdeutlich martialisch gekleidet – war weiblich besetzt! Wie originell! Macht das irgendwie alles Sinn? Habe ich es alles nicht verstanden?
  • Auch das: Hades komplett in schwarz gekleidet zu bringen, schwarzer Hut mit breiter schwarzer Krempe: Wie einfallsreich! Es ist eher eine fast beleidigende Einfachheit der Darstellung.
  • Auch die anfängliche Kostümierung von Eurydike und Orpheus – siehe das Beitragsbild oben – wirkte ungeschickt, uninspiriert und billig. Eher unförmige Nachthemden. Nun gut.
  • Dann das Bühnenbild: Das Halbrund der Bühne (eine mit Gesteins und Eismassen dunkel bemalte halbhohe Wand) sollte vielleicht die Unterwelt darstellen. Oberhalb gab sie den Blick auf eine große wohl aufgehende Sonnenscheibe frei, die auch als Projektionsfläche für teils seltsame Videos von hinter der Bühne dient. Auch das wirkte schlicht gewollt. Vielleicht ist alles eben eine Budgetfrage, war meine Überlegung.
  • Vor allem aber: Das gesamte zweistündige Verhalten der SchauspielerInnen auf der Bühne wirkte (vielleicht absichtlich) von A bis Z gewollt, gekünstelt, nicht frei, nicht emphatisch, nicht beeindruckend. Man sah ein sehr gewolltes Gestelze, alle SchauspielerInnen waren in einem fürchterlich engen Korsett. Theater aus einer anderen Zeit (hoffentlich nicht aus künftiger Zeit). Oder sollte dadurch vielleicht eine besonders „abstrakte“ und „gekünstelte“ Stimmung entstehen als Besonderheit der Inszenierung? Das wiederum könnte ja dem fern liegenden Thema des Abends (die Unsterblichkeit, der Tod bloß als „Krankheit“, das Einfrierenlassen für eine krankheitsfreie Zukunft, die menschliche Seele als Digitalspeicherung endend) entsprechen.
  • Und und und ich könnte fortfahren.

Fast verärgert habe ich so die Kammerspiele an diesem Abend verlassen. Theater kann auch mal viel Kritik bekommen. Ich hatte möglicherweise einen übertrieben kritischen Blick, kommt vor. Es mag anderen anders gehen, selber ansehen! Aber mir erschien alles unglaublich gewollt. Mir nur, vielleicht – oder wahrscheinlich? – anderen nicht! Schade, kommt aber eben vor! So ist Theater.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele mit einigen INHALTLICH doch schön weiterführenden Beiträgen im digitalen Programmheft. Sollte man vielleicht davor lesen …

Copyright der Bilder: Julian Baumann

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THEATER: Volksbühne und Matthias Lilienthal

Auf http://www.nachkritik.de gibt es nun ein – soweit ich sehe – erstes etwas längeres Interview mit ihm über seine Ansichten zur Volksbühne. Hier der Link zum Interview (geht momentan nicht anders): https://nachtkritik.de/portraet-reportage/der-kommende-volksbuehnen-intendant-matthias-lilienthal-im-interview

Matthias Lilienthal hat jede Menge gesellschaftlicher und politischer Gedanken zur Position und Funktion der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Das ist die Volksbühne! Er sieht die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zunächst einmal als ein einmaliges „Geschenk“, da man hier alles bringen kann und soll, nur nicht herkömmliches Theater. Die Volksbühne steht nicht für herkömmliches Theater, sondern für alles andere.

Er sieht die Volksbühne etwa als ein „Zentrum des Nachdenkens“ über das Ende der Demokratie oder über die Frage „Was ist unsere Realität?, über die Frage: „Wer setzt sich mit welchem Narrativ durch?“, auch über soziale Fragen, er möchte auch Widerstand gegen die AfD etablieren, es geht um unsere Zeit der riesigen Veränderungen, nicht nur in Berlin, generell! Er sagt: „Niemand weiß, wohin es geht. Ich auch nicht. Aber das ist ein Moment, wo man Sachen neu ausprobieren und Dinge neu auf den Tisch legen kann.

So hat er in unseren national, international und weltweit in vielerlei Hinsicht so dramatischen Zeiten viele, viele Ideen. Sicher auch, was Berlin betrifft. Einiges wird sicher provokant werden, es geht sicher nicht um leise Töne! Andererseits: Wer Matthias Lilienthal kennt, weiß, dass es ihm natürlich um die Theaterkunst/Bühnenkunst geht, nicht rein um Politik, schon garnicht geht es ihm um Belehrung! Es geht sicher um junge Stimmen! Es wird spannend, ich hoffe, die Volksbühne wird ab Herbst eine starke Stimme werden in den vielen „Reibungsprozessen“ unserer Zeit.


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MUSIK: Udo Lindenberg – Ich mach mein Ding

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THEATER: Toni Morrison – Rezitativ

Das Thema ihres Lebens war die Rassentrennung. Toni Morrison war sicher immer arbeitsam, hartnäckig, ehrgeizig, resolut, standhaft, „tough“, hat sich für ihr Lebensthema nichts geschenkt. Aufgewachsen in den Südstaaten in den Zeiten der Rassentrennung, schon als Kind literaturinteressiert, später die Südstaaten verlassen Richtung Norden, dann verheiratet mit Howard Morrison, dozierte englische und afroamerikanische Literatur an der Universität in Washington, hatte zwei Söhne aus der Ehe, die Ehe scheiterte nach wenigen Jahren (1964), war dann alleinerziehend, wurde Verlagslektorin, etablierte bei Random House als Cheflektorin das Genre afroamerikanischer Literatur, daneben weiterhin die Vorträge zur afroamerikanische Literatur, suchte nach einer weiblichen schwarzen Stimme zum Thema Rassentrennung, fand sie nicht, begann daher mit 39 Jahren (1970) selbst zu schreiben, die Kinder währenddessen noch auf ihrem Schoß, schrieb Bücher, immer wieder zum Thema Rassentrennung und Sklaverei, erhielt 1989 eine Professur, dann den Pulitzerpreis und 1990 den Literaturnobelpreis.

„Rezitativ“ ist also ihre einzige Kurzgeschichte, hier am Marstalltheater auf der Bühne. Bühnenfassungen ihrer anderen Werke, glaube ich, gibt es nicht. Die Kurzgeschichte „Rezitativ“ war von Toni Morrison in jedem Detail durchdacht, in jeder Zeile. Zwei Frauen, die sich – beginnend in einem Kinderheim, in dem sie sich kennen lernen, – über Jahre hinweg nur ein paarmal zufällig sehen und dann jeweils kurz miteinander sprechen. Eine Schwarze, eine Weiße. Der Clou: Toni Morrison lässt den gesamten Text hindurch nicht erkennen, welche der beiden Frauen die Schwarze ist und welche die Weiße. Die Erzählung zeigt, was trennt und was verbindet, zeigt, dass es die Trennung nach Hautfarbe in diesen Jahren gab, dass hinter allem aber auch etwas Gemeinsame steckt, nicht nur die trennenden Überlegungen „typisch“ und „charakteristisch“, deren Zuordnung Toni Morrison in dieser Erzählung ja gerade unmöglich macht. Das Gemeinsame war in „Rezitativ“ etwa der Aufenthalt der beiden Frauen in deren Kindheit im Kinderheim. Der Leser/Zuschauer will ständig das „Schwarze“ und das „Weiße“ an ihnen zuordnen, es geht aber nicht.

In der Inszenierung am Marstalltheater treten für beide Frauen sogar immer vier Frauen auf. Alle sind gleich gekleidet, irgendwie zwischen futuristisch und spießig, unklar bleibt dabei natürlich erst recht, wer wer ist. Sie erzählen die Kurzgeschichte recht wortgetreu, es ist mehr eine Erzählung, als ein Theaterstück. Daher wohl auch die wahrlich sparsame Bühnengestaltung auf der kleinen Bühne – in Farben, die am ehesten noch an die Südstaaten erinnern, orange und hellgrün. Optisch bleibt die Bühne insgesamt etwas fraglich (warum diese dünnen hellgrünen Eisengestelle? Warum diese fast unschöne Farbgebung?), aber man kann eben nicht immer alles perfektionieren, darum geht es ja auch nicht!

Ich könnte mir vorstellen, dass man für Toni Morrisons Kurzgeschichte eine noch weitaus größer angelegte Inszenierung hinbekommen kann, so feinfühlig detailliert konstruiert ist die Erzählung selbst. Schade, so geht es in dieser Inszenierung doch zu schnell, es bleibt das Vortragen einer Erzählung, obwohl Toni Morrisons Erzählung „Rezitativ“ den Leser/Zuschauer geradezu hin und her werfen kann/soll. All das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass beide (die Mädchen/Frauen Twyla und Roberta) einmal etwas Gemeinsames erlebt hatten, sie kommen dabei immer wieder auf etwas ganz Bestimmtes zu sprechen, sehen es im Lauf der Jahre immer wieder leicht anders.

Ein interessanter Beitrag über Toni Morrison findet sich HIER (WDR 2023).

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheater.

Hier noch ein Bild:

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld

THEATER: Starke Stücke 2025

  • Unser Deutschlandmärchen
  • Double Serpent
  • Die Gewehre der Frau Carrar/Würgendes Blei
  • Bernarda Albas Haus

HIER der Link zur Seite in der 3sat Mediathek.

Das Berliner Theatertreffen 2026 hat gerade begonnen. Mehr dazu folgt.

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THEATER: Doris Uhlich – Glitsch

Darüber hängen teils wiederum schwarze quadratische Kästen,. Aus ihnen fällt später gelbbrauner Schleim auf die Gitter, der Schleim wird dann ganz langsam durch die Gitter aus etwa 5 m Höhe auf die Bühne tropfen, sich in langen Fäden herabziehen. Doch noch etwas Reelles sehen wir, etwas ganz Mechanisches: Martin Weigel geht zu Beginn – schon nackt – mit einem etwa 5 m hohen schlanken Metallgestell über die dunkle Bühne, mit dem er nach richtiger Positionierung neben den Gittern schwarze Eimer langsam in die Höhe zieht und oben wieder Schleim in die Gitter fallen lässt. Eine Art Hebebühne.

Das war’s. Alles andere an diesem Abend ist vollkommen unreell, undefinierbar, grenzenlos, nicht auch nur im Entferntesten unserer Welt des Reellen entsprechend. Es wird aber wunderbar! Sechs SchauspielerInnen – nackt auf der Bühne – beschäftigen sich wortlos mit dem glibberigen Schleim, tanzen zu sehr lauter dröhnender Musik, rutschen am Boden, bewegen sich, mal zusammen, mal allein, zappeln, verdrehen ihre Körper, immer nackt, bearbeiten sich – auch gegenseitig – mit der schleimigen unhaltbaren Glibbermasse, es wird eine irre Komposition, die uns irgendwie zeigen kann: Ja, ein Leben lang bauen wir uns eine Welt des Reellen auf (die Gitter, die Hebebühne, Physik!), aber eigentlich ist es doch so: Alles fließt, alles ist unhaltbar – πάντα ρεί – panta rei! Man kann bei Betrachtung des Abends denken: Ja, das ist das Leben! Jeder beschäftigt sich irgendwie, mal alleine, mal mehrere zusammen, mal alle zusammen! Alles scheinbar sinnlos, Spielerei, Verrücktheiten. Alle sind gleich, selbst die Nacktheit der sechs so unterschiedlichen Körper unterliegt hier nicht mehr unserer erlernten Bewertung. Insgesamt hat diese fast poetische totale Entgrenztheit eine besondere Ästhetik, die durch die Nacktheit nur geöffnet wird.

Mehr sei hier nicht gesagt, Doris Uhlich und die sechs insoweit mutigen SchauspielerInnen zeigen uns hier eine andere Welt, Worte würden zu Definitionen führen, aber genau das soll hier entfallen! Manch Zuschauer braucht vielleicht auch etwas Mut, aber es lohnt absolut!

Insoweit kann man nur sagen: Danke an Katharina Bach, Erwin Aljukić, Dennis Fell-Hernandez, Martin Weigel, Elias Krischke und Ann Muller für diese entgrenzende und entgrenzte Performance! Schön, durch deren Leistung so etwas sehen zu dürfen! Standing ovations – was man aber zurzeit seltsamerweise immer wieder sieht, es scheint ein gesteigertes Bedürfnis nach Theater zu geben, fern von unserer doch düsteren Welt.

Hier noch zwei Fotos:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright der Fotos: Judith Buss

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THEATER: Robert Icke – Ödipus nach Sophokles

Es ist die antike Tragödie „Ödipus“ von Sophokles, die jetzt (nach Aufführungen in anderen Städten) am Münchner Residenztheater zu sehen ist. Ödipus’ Schicksal ist ja als altgriechischer Mythos bekannt: Spät erfährt Ödipus, dass er adoptiert ist, dass er in jungen Jahren zufällig seinen ihm unbekannten leiblichen Vater Laios getötet hatte und wiederum etwas später unwissentlich seine leibliche Mutter Iokaste, die Frau des gestorbenen Laios, zur Ehefrau genommen hatte. All diese Zusammenhänge waren ihm nicht bekannt. Mit Iokaste hatte Ödipus sogar vier Kinder, Antigone, Ismene, Etheokles und Polyneikes. Sein Schicksal endet natürlich tragisch.

Soweit der Mythos. Robert Icke behält für seine „moderne“ Fassung nicht alle Einzelheiten des Mythos bei, aber dessen Verlauf, die „Story“, er behält auch die antiken Namen bei und sogar das Prinzip von „Einheit von Zeit, Raum und Handlung“ einer klassischen antiken Tragödie. So sieht man, wie sich auf der Bühne alles in einem einzigen Raum innerhalb von knapp zwei Stunden abspielt, ohne Zeitsprünge.

„Ödipus“ spielt bei Robert Icke also unter Beibehaltung dieser antiken Elemente – vor allem der „Storyentwicklung“ um Ödipus herum – in der heutigen Welt: Ein Wahlabend, der smarte Ödipus steht vor einem großen Erfolg … die Hochrechnungen zeigen es … alle sind happy, die Kinder stolz … aber da bricht sein Leben zusammen … die teils verdrängte, teils unbekannte Vergangenheit kommt ans Tageslicht … es hatte vor etwa zwanzig Jahren einen Autounfall gegeben, Ödipus hatte ihn verursacht, Laios war dabei gestorben … und auch Iokastes Vergangenheit kommt hoch … sie hatte ihr Kind, den damaligen Säugling Ödipus, ausgesetzt.

All das in der modernen Welt. Auch in Robert Ickes moderner Fassung des „Ödipus“ bahnt sich also die Wahrheit ihre Bahn. Es entstehen Überlegungen, es wird im Text angesprochen: Wir leben unser Leben oft mit einer Lüge, das Leben basiert fast zwangsläufig auf Lüge, unbewusst oder bewusst, weil immer Dinge unter den Tisch fallen und eine unvollständige Wahrheit ist eine Lüge.

Irgendetwas verschiebt sich allerdings, wenn man Robert Ickes Fassung des „Ödipus“ sieht. Auch wenn man ständig fast automatisch „klassisch“ mitdenkt: Zwangsläufig geht der antike Tragödiencharakter verloren, man folgt „nur noch“ einer moderne Geschichte mit tragischem Ausgang, mehr nicht. Im Original vor allem sind es Orakelsprüche, die Iokaste und Ödipus zu ihren Handlungen treiben, die Götter lenken, aber genau das entfällt natürlich in der modernen Welt. Kann das funktionieren?

Es kann funktionieren, eine solche Aktualisierung ist auch im Grunde sehr interessant, aber man sieht eben nicht mehr das antike Drama. Die antiken Dramen, so auch „Ödipus“ von Sophokles und so auch die gesamte griechische antike Welt, waren schließlich getragen von Einflüssen der Götter. Genau das hebt eine solche Geschichte, auch die Geschichte um Ödipus, in unfassbare Sphären der damaligen Welt.

Das so sehr Mythologische aufzugeben zugunsten einer Aktualisierung ist schwer, es gelingt bei Robert Ickes „Ödipus“ m. E. nicht rundum, da eben die Schicksalsführung durch Orakel keinen Ersatz findet oder finden kann. Die Götterwelt und das von ihr oft gelenkte Schicksal hatten früher eine unglaubliche Bedeutung! Früher, aber nicht mehr heute! Heute scheint der Zufall zu bestimmen.

Es ist bei alldem aber immer wieder eine Freude, vor allem die beiden langjährigen, so irre vielseitigen Ensemblemitglieder Barbara Horvath (hier als Iokaste) und Florian von Manteuffel (hier als Ödipus) – diesmal als smarte moderne Menschen – zu sehen. Sie stehen natürlich im Zentrum der Tragödie. Florian von Manteuffel etwa als Boanlkramer im Brandner Kasper, oder oder oder, und Barbara Horvath etwa ehemals in Simon Stones famosen „Drei Schwestern“, oder oder oder!

„Bühnenbildtechnisch“ wiederum scheint Robert Icke schlichte, modern-funktionale völlig emotionslose Räume zu bevorzugen.

Fast erstaunlich ist es übrigens, dass im Programmheft am Ende ein sehr guter Text zu lesen ist, dessen Bezug zum Stück zumindest nicht gleich klar wird: Worte einer Frau, die ein Epstein-Opfer war. Aber man merkt: Wie geht sie mit ihrer Vergangenheit um?

HIER Der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Federico García Lorca – Bernarda Albas Haus

Eine interessante Herangehensweise, mal anders, könnte man sagen. Ein wenig etwa an Susanne Kennedy erinnernd. „Tableaux vivants“ nennt die Regisseurin Süßkow im Programmheft diese bewegte Installation (so könnte man es auch nennen).

Während das Original des – kurz nach Fertigstellung des eindringlichen Theaterstückes – von franquistischen Truppen ermordeten Dichters mehr mit der Geschichte Mutter Bernarda Albas Unterdrückung ihrer fünf Töchter nach dem Tod ihres Mannes (sie sperrt ihre Töchter für acht Jahre Trauerzeit in ihrem Haus ein) und gleichzeitig mit dem Thema der Eifersucht unter den Töchtern arbeitet, auch mit dem Thema des (damaligen) Frauenbildes und Männerbildes, mit dem Thema des Rollenverständnisses der damaligen Zeit und mehr, lässt die Regisseurin Rieke Süßkow diese Aspekte weitgehend weg. Ihr geht es allgemeiner, schien mir persönlich jedenfalls, um den Tod und das Leben, beides gehört zusammen.

Man sieht/hört den thematischen Ansatz von Rieke Süßkow im Grunde ganz am Anfang: Auf dem langsamen Laufband (Bühne: Marlene Lockemann) fahren – als erstes „tableau vivant“ – schwarz gekleidete Frauen mit verdecktem Kopf immer wieder rückwärts über die Bühne und sagen/singen: „Der Tod!“. So habe ich es zeitlos gesehen: Es geht um Leben und Tod. Der Tod des Vaters änderte grundsätzlich das Leben der Töchter. Der Tod wird für die Töchter erstmals erkennbar und unmittelbar Bestandteil des Lebens. Und doch steht der Wunsch/die Notwendigkeit der Töchter – mehr oder weniger – im Raum, jeweils für sich weiterzuleben. „Früher war alles viel lustiger“ sagt zwar die Tochter Albina einmal, aber es muss ja weitergehen. Raus ins Leben? Drin bleiben? Zu den Männern? Die Liebe? Unterdrückung? Abhängigkeit? Die strenge Mutter, immer wieder herrisch gebietend mit ihrem Stock auf den Boden klopfend, verkörpert so gesehen den Tod, die Abhängigkeit vom Tod. Man kann – oder sollte? – es alles enger sehen, mehr auf die damalige spanische Gesellschaft bezogen, ich habe es aber so grundsätzlich und damit insgesamt so zeitlos gesehen.

Düstere Bilder, meist in Schwarzweiß gehalten, sofern nicht (dann in greller Farbe, siehe die Fotos) „Freiheit“ oder „das Leben draußen“ sich zeigte, optisch durch verschiedenes Schattenspiel sehr interessant gemacht, die Bühne eingerahmt von einer Art Passpartout oder Bilderrahmen, wenig Text, so blickt man in den eineinhalb Stunden fast auf ein bewegtes Gemälde, nicht auf eine Geschichte. Der Tod ist Teil des Lebens, die Gegenwart des Todes in unserem Leben und dessen Folgen.

Schon die ungewohnte extreme Langsamkeit des Fließbandes quält fast, genau das muss aber bei alledem so sein. Das Leben quält, könnte man dazu negativ sagen, und doch muss es gelebt werden. So gesehen ein sehr grundsätzliches Stück.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters

Hier noch zwei Fotos:

Copyright der Bilder: Sandra Then

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THEATER: Frei nach Arthur Schnitzler – Fräulein Else

Klar: Die Inszenierung (Regie: Leonie Böhm) ist dieses Jahr (im Mai) zum Berliner Theatertreffen eingeladen, sie kann dann übrigens im TV in der 3sat-Mediathek als eines der „Starken Stücke“ des Theatertreffens gesehen werden. Sie hatte im vergangenen Jahr Uraufführung am Wiener Akademietheater und ist derzeit an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Hier werden noch zwei Aufführungen folgen (Ende April und Ende Mai), ob sogar noch weitere folgen werden, ist mir nicht bekannt.

Julia Riedler jedenfalls, die zusammen mit Leonie Böhm das Konzept für die Inszenierung verantwortet, hat ja beste Beziehungen zu den Kammerspielen, war hier einige Jahre lang im Ensemble und lebt jetzt in Wien, also nicht soo weit weg. Es ist ja ihr Soloabend, den sie – so oder so ähnlich – schon jahrelang im Kopf hatte.

Der Inhalt von Arthur Schnitzlers Stück „Fräulein Else“ – einer Novelle, einem inneren Monolog – ist schnell erzählt: Else, die Protagonistin der Novelle, die im Theater sonst eher als Zwei-Personen-Inszenierung gebracht wird, soll bei einem Kunsthändler (Herrn Dorsday) ein Darlehen für den verschuldeten Vater erwirken. Es ist vom Vater das Schlimmste zu befürchten, wenn es Else nicht gelingt, das Geld zu bekommen, Gefängnis auf jeden Fall. Der Kunsthändler verlangt aber einen Striptease von Else dafür. Er nutzt damit die unlösbare Situation von Else aus. Das Schlafmittel Veronal spielt eine entscheidende Rolle.

So ist das Original, entstanden 1924. Die Konstellation, in der sich Else befindet, bleibt auch bei Böhm/Riedler so „klassisch“ und dramatisch, das Stück nimmt aber hier eine andere Entwicklung. Es ist der Überlegung von Leonie Böhm und Julia Riedler geschuldet, dass die Thematik hier neu gedacht wird. Julia Riedler tanzt am Ende bei lauter Musik befreit auf. Ich verrate nichts.

Prägende Elemente sind:

Hervorragend gespielt wird es von Julia Riedler. Nur gegen Ende, wenn es doch so sehr auf die (neuen) Einsichten des Kunsthändlers Dorsday ankommt, geht es doch sehr „schnell“ zur Sache, es waren plötzlich viele Aussagen, die bei mir immer wieder kurz gestört waren von der Überlegung, wer es eigentlich gerade sagt, das war nicht leicht.

Ein barocker Kronleuchter ist die einzige Requisite auf der Bühne – die Bühne ist fast den Abend durchgehend nur der Teil vor dem Bühnenvorhang, siehe oben -, er lässt an die damalige Zeit des „Fräulein Else“ zurückdenken, während das Thema – merkt man – in die heutige Zeit geholt wird.

Eine entscheidende Überlegung des Konzeptes ist es, das Publikum in die Situation von Else zu holen, es mit einzubeziehen. Vielleicht rührt auch daher – zumindest zum Teil – die so starke Regung des Publikums am Ende des eineinhalbstündigen Abends. Das Publikum nimmt im Grunde sogar beide Positionen ein, jeweils von Julia Riedler provoziert, die ja mit dem Publikum kommuniziert. Die Position von Herrn Dorsday, weil Julia Riedler ja am Ende nackt sein wird, lange Zeit nackt auf der Bühne spielt, nur mit einem grünen Höschen bekleidet. Jeder/jede Besucher/in sitzt also doch vor dem Ziel von Herrn Dorsday. Andererseits: Else holt das Publikum auch auf ihre Seite, wenn sie das Publikum zwischendrin etwa auffordert: „Fahren wir alle den kurzen Weg mit der Straßenbahn, über die Isar zu Herrn Dorsday … Oder wenn sie im Publikum Geld sammeln will, um die Schmach abzuwenden.

Die Beteiligung des Publikums geht in der Tat sehr weit, Julia Riedler ist bei der Kommunikation mit dem Publikum schlagfertig improvisierend charmant, aber teils auch geradezu provokant. Meine Sitznachbarin meinte etwa, das war „too much“. Nun gut.

Das Interessante an der Inszenierung ist zweifellos die Wendung des Stückes am Ende, daher rührt die Inszenierung! Denn damit wird der Bogen zu unserer heutigen Zeit und zum Thema MeToo (toxisches sexuelles Verhalten von Männern gegenüber Frauen in bedrängter Lage) geschlagen. Der schwere Vorhang öffnet sich am Ende und Julia Riedler tanzt …

HIER der Link zu einem sehr interessanten Gespräch mit Julia Riedler über Scham auf der Bühne.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

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OSTERN 2026

Ich wünsche allen schöne Ostertage! Anklicken und auf YouTube sehen.

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THEATER: Anna Gmeyner – Automatenbüfett

Aber hier meine Empfehlung: Im Residenztheater – im Marstall – ist derzeit Anna Gmeyners „Automatenbüfett“ zu sehen. Automatenbüfett – eine Art Warenautomat mit kleinen Speisen und frischem Bier, in einer kleinen Gemeinde, betrieben von Adam (Leopold Adam) und seiner Frau, der „Frau Adam“.

Anna Gmeyner, die österreichische Autorin – geboren übrigens genau HEUTE vor 124 Jahren, am 16. März 1902, gestorben am 3. Januar 1991 – schaffte nicht den ganz großen Durchbruch, verließ 1933 Nazideutschland zunächst nach Paris, später England, und kehrte nie wieder zurück.

„Automatenbüfett“ wurde 1933 in Zürich uraufgeführt. Es ist ein eher selten gespieltes Stück, das im Grunde in die Richtung Marieluise Fleißer und Ödön von Horváth geht: Alltagsszenen – kein komplizierter Handlungsstrang – der (einfache) Mensch und seine „Probleme“ mit dem Leben – die Liebe und das Leben – aufkommender Nationalsozialismus, es ist aber auch zeitlos.

Eine recht bekannt gewordene Inszenierung des Wiener Akademietheaters von „Automatenbüfett“ war 2021 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Hier der Trailer zur damaligen Inszenierung:

Die Inszenierung des Münchner Residenztheaters nun (Regie Else-Sophie Jach) ist sehr anders als die damalige Inszenierung des Wiener Akademietheaters, und auch sehr gelungen! Denn der „Charakter“ des Stückes kommt auch hier sehr schön zur Geltung, was für das keineswegs „handlungsgetriebene“ Stück entscheidend ist. Das langsame Stück lebt im Grunde einerseits von einer gewissen „Alltagstragik“ und zugleich von leise mitschwingendem Humor. Es lebt von Nichtaktualität („Automatenbüfetts“ dieser Art gibt es im Grunde heute nicht mehr) und doch auch von Aktualität oder zumindest Zeitlosigkeit. Hier der Trailer zur Inszenierung des Residenztheaters:

Das Automatenbüfett ist bei Else-Sophie Jach also ersetzt durch eine riesige schräge Tischfläche, hinter der zumeist (vor der Pause) die handelnden Personen im Grunde nur kurz hervorkommen, um etwas zu sagen, dann wieder abtauchen. Das genügt. Der Tisch zerfällt allerdings mehr und mehr, beginnend mit dünnen Abspaltungen, am Ende stehen nur noch Teile des Tisches auf der Bühne, passend zum Geschehen: Die eingespielte Dorfgemeinschaft zerfällt. Warum sie zerfällt? Eine große Idee, Adams großes Fischzuchtprojekt scheitert. Die Ehe zwischen Adam und seiner Frau scheitert, neue Liebe entsteht. Konkurrenzen entstehen, Misstrauen entsteht. Die gerade erst zufällig von Adam vom Selbstmord gerettete Eva (wie immer gut: Anna Drexler) bringt alles in Unruhe, ohne eigentlich selbst viel zu machen.

Schauspielerisch sehr gut passend ist – wie auch 2020/2021 bei der Inszenierung des Akademietheaters – die immer wieder ganz leicht gekünstelte Ausdrucksform der Personen, durch die alles genau pointiert, fast überspitzt wird (besonders durch Patrick Isermeyer). Schön und passend ist auch der Einsatz der Videoszenen (Niels Voges) mit Szenen, die sich oft unter dem Tisch abspielen, schön und passend ist außerdem – wie gesagt – die sachte Mischung von Ernst und Humor, in aller „Langsamkeit“. Humor etwa in der Art und Weise, wie das frische Bier gezapft wird, an Eva zur Verteilung an die Gäste weitergegeben wird, aber auch ein wenig im Verhalten der Personen.

Und vielleicht schwingt eben der Satz mit: Das Leben gehört der Allgemeinheit! Nach dem Motto: Mach mit! Hm. Es ist sicher nicht die alles prägende Aussage des Stückes und es bleibt für mich offen, was genau damit gemeint sein könnte. Vielleicht: „Wir brauchen uns – nur: Wir setzen zu sehr auf große Ideen und Projekte, setzen zu wenig auf die Liebe.“ Andererseits: Sowohl die große Idee, Adams Fischzuchtprojekt (das ganz Deutschland zugute kommen soll), als auch die Liebe – das Begehren – schaffen Unruhe. Aber nur die Liebe setzt sich durch am Ende. Und es heißt mit Blick auf die damalige Zeit: Wir stehen in Europa vor einem Pulverfass! Das war die damalige Zeit, ist aber auch zeitlos! Man könnte sagen: Wenn wir doch nur einen Gang runterschalten könnten! Vielleicht hat Anna Gmeyner das gesehen.

Entscheidend ist jedenfalls: Auch wenn mir letztlich der zweifache Satz „Das Leben gehört der Allgemeinheit“ unverständlich blieb und für mich keine Auflösung durch das Stück findet (vielleicht ist er unwichtig): Mit der Inszenierung am Residenztheater gelingt es – auch durch die schauspielerischen Leistungen, all das für das Stück „Automatenbüfett“ Prägende aus dem Stück schön „herauszukitzeln“, sodass es auf fast „Horváth’sche Art“ eben einfach und besonders wird.

Die nächste Inszenierung von „Automatenbüfett“ steht übrigens doch schon bevor. Sie ist am Deutschen Theater Berlin in zehn Tagen, am 26. März, zu sehen (Regie, Jan Bosse). HIER der Link.

Copyright des obigen Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

HIER noch der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

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MUSIK: Marc Broussard – These Arms of Mine

Broussard singt den schönen Song ein ganz klein wenig verlangsamt, das macht es aus, klingt sehr gefühlvoll. Nicht schlecht, wenn es auch akustisch durch die Liveaufnahme nicht ganz so toll klingt, aber gut:

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THEATER: Constance Debré – Love me tender

Regisseurin Felicitas Brucker hatte in den letzten Jahren mehrfach Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen: „Nora“, „Die Freiheit einer Frau“ (wieder am 13.03.), „Baumeister Solness“, „Die Politiker“. Jetzt hat sie den autobiografischen Roman „Love me tender“ der französischen Autorin Constance Debré umgesetzt, der 2020 erschien.

Neben allem Text des Romans: Die drei Schauspielerinnen singen, tanzen, laufen, weinen, schreien … in diesen fast zwei Stunden … alles. Annette Paulmanns erste Worte zeigen dabei den Inhalt des Abends an, es sind Constance Debré’s Worte:

„Warum sollte die Liebe zwischen einer Mutter und einem Sohn nicht genau wie jede andere sein? Warum sollten wir uns nicht trennen können? Warum sollten wir nicht aufhören können einander zu lieben?  Warum müssen wir uns unbedingt lieben, in und außerhalb der Familie, und warum müssen wir uns selbst und anderen immer wieder davon erzählen?“

Darum geht es: Eine Mutter will ihre Freiheit leben, will alles hinter sich lassen, alle gesellschaftlichen Konventionen, gibt alles auf, lebt sexuell fast wahllos lesbisch, nach zwanzig Jahren Ehe. Sie hat aber einen Sohn und von dem gibt es wohl kaum einen „Rückzug“. Doch, es gibt ihn, zunächst erzwungener maßen: Der Vater des Sohnes namens Paul verhindert nämlich immer wieder Pauls Kontakt zur Mutter und sie, die Mutter, verkraftet den fast totalen Verlust des Kontaktes zum Sohn (der noch dazu vom Vater beeinflusst wird) nicht. Natürlich nicht. Die Justiz hilft ihr überhaupt nicht. Aber auch das ist möglich: Will sie vielleicht sogar auch die besondere Bindung zum eigenen Sohn zugunsten ihrer Freiheit aufgeben? Beides vielleicht. Sie steckt in einem Dilemma. Was macht man da? Die eigene Freiheit leben oder sie doch wieder aufgeben, sich den „Regeln“ beugen? Sind die Schmerzen, die mit der gewünschten eigenen Freiheit verbunden sind, zu groß?

An einigen Stellen wirkt die Inszenierung der Bühnenfassung von „Love me tender“ bei diesen schweren Fragen – ganz anders als Felicitas Bruckners bisherige Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen – allerdings etwas gewollt und übertrieben, vielleicht auch ist der Roman von Felicitas Brucker zu wenig gekürzt und pointiert worden. Mir ist nicht alles klar geworden. Und was nicht aufkommt: Der Gedanke der Einsicht zB des Vaters oder des Sohnes mit dem Lebensumbruch der Mutter. Das wiederum mag für solche Fälle ein wichtiges Element sein, in der Suche nach Lösungen. Aber es geht eben nicht nur um die Lösung eines Einzelfalles, sondern um Existenzielles: Was bremst die Freiheit aus? Kann Liebe bremsen? Überhaupt: Freiheitsdrang einerseits und Verlust andererseits … und so.

Fazit: Drei herausragende Schauspielerinnen auf dieser so lässigen kleineren Bühne der Münchner Kammerspiele, das hat was, aber dazu etwas viel Aktionismus (Einsatz von Musik, Videowände auf der Bühne, große Liveaufnahmen an der Rückwand, Gesang, Rap, Licht, Nacktheit, Körpereinsatz mal so mal so und und und …), eine ruhigere Erzählweise hätte mir an mancher Stelle geholfen bei den so existenziellen Fragen des Romans. Trotzdem: So geht es auch gut, zumal bei der so starken und überzeugenden Besetzung!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

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THEATER: Otto-Falckenberg-Schule – Anna, Mascha und Julia

Die Studierenden des 3. Schauspieljahrgangs der Otto Falckenberg Schule, der Schauspielschule der Münchner Kammerspiele, haben sich nun in ihrer in gewisser Weise inhaltlich anspruchsvollen Abschlussinszenierung mit einigen der bekannten Werke Anton Tschechows gleichzeitig beschäftigt. Mit „Onkel Wanja“, „Die Möwe“, „Iwanow“, „Der Kirschgarten“. Auch in diesen Werken geht es bekanntlich um Tschechows fürchterliche, immer unlösbare Frage: Warum lebe ich? Was ist Liebe? Was macht das Leben aus? Warum ist es so schwer, glücklich zu sein? Das haben sie herausdestilliert aus diesen Werken, vor allem mit Blick auf weibliche Personen in den Stücken, damit haben sie letztlich Anton Tschechow dargestellt.

Sie haben es interessant gemacht, zu sehen ist es noch einmal am 27. Februar. Die Personen der oben genannten Werke sind dabei immer wieder im Gespräch mit Anton Tschechow persönlich, der zusammen mit seiner Schwester Mascha auf der Bühne der Therese-Giehse-Halle erscheint, sich einmischt, gefragt wird und sich auch Gedanken über sein Thema, Leben und Liebe, in seinen Personen macht. Die DarstellerInnen der Personen der Werke Tschechows treten auch teils aus sich heraus, sind dann die SchauspielerInnen und Schauspieler selbst.

Auch der Darsteller von Anton Tschechow (Luis Brunner) tritt aus seiner Rolle heraus und sagt etwa:

Und dann dachte ich mir: gehts in seinen Texten nicht genau darum?
Dass wir alle Menschen mit Wünschen, Ängsten und Sehnsüchten sind und wir können es uns nicht aussuchen, wer wir sind und was wir wollen und wir versuchen krampfhaft unser Leben lang irgendwie das Beste draus zu machen, aber wissen einfach nicht wie?

Mein Eindruck: Diese Befassung der 3. Schauspieljahrgangs der Otto Falckenberg Schule mit Anton Tschechow und seinem großen Thema hat etwas! Sie könnte sogar etwas für Christopher Rüping sein! Ich sehe es vor mir, in einer für ihn so typischen Inszenierung: Auf großer leerer Hauptbühne, mit Livemusik, die gewählte Zusammenstellung der Personen aus Tschechows Werken, … es würde gut passen (Die Inszenierung der Arbeit der Otto-Falckenberg-Schule entstand unter der Regie der schon recht erfahrenen und erfolgreichen Regisseurin/Performerin/Theaterleiterin Lizzy Timmers).

Inhaltlich ist es natürlich – ganz nach Anton Tschechow – recht traurig. Nicht nur Anton Tschechow war schließlich mit sich und seinen Werken nicht zufrieden, auch alle anderen Personen, die hier aus den Werken von Anton Tschechow auf der Bühne erscheinen, scheitern an oder hadern mit ihren Problemen, Sehnsüchten, Situationen, unerfüllten Wünschen, unerfüllter Liebe vor allem, an ihren Zweifeln … Traurig aber wahr! Einfach wahr – wie der riesige Mond, der (auch passend, Bühne Bettina Kirmair) über allem schwebt, fast etwas viel, aber lohnenswert!

HIER der Link zur Stückeseite.

Copyright des Fotos: Judith Buss