Karriere machen ist das Eine, eine innere Stimme haben und konsequent nach ihr leben ist das Andere. Manche Menschen haben sie, die innere Stimme, der sie ihr Leben lang folgen. Toni Morrison hatte sie, denke ich. Von ihr – sie starb 2019 in New York – ist derzeit im Marstalltheater ihre einzige Kurzgeschichte zu sehen, „Rezitativ“.
Das Thema ihres Lebens war die Rassentrennung. Toni Morrison war sicher immer arbeitsam, hartnäckig, ehrgeizig, resolut, standhaft, „tough“, hat sich für ihr Lebensthema nichts geschenkt. Aufgewachsen in den Südstaaten in den Zeiten der Rassentrennung, schon als Kind literaturinteressiert, später die Südstaaten verlassen Richtung Norden, dann verheiratet mit Howard Morrison, dozierte englische und afroamerikanische Literatur an der Universität in Washington, hatte zwei Söhne aus der Ehe, die Ehe scheiterte nach wenigen Jahren (1964), war dann alleinerziehend, wurde Verlagslektorin, etablierte bei Random House als Cheflektorin das Genre afroamerikanischer Literatur, daneben weiterhin die Vorträge zur afroamerikanische Literatur, suchte nach einer weiblichen schwarzen Stimme zum Thema Rassentrennung, fand sie nicht, begann daher mit 39 Jahren (1970) selbst zu schreiben, die Kinder währenddessen noch auf dem ihrem Schoß, schrieb Bücher, immer wieder zum Thema Rassentrennung und Sklaverei, erhielt 1989 eine Professur, dann den Pulitzerpreis und 1990 den Literaturnobelpreis.
„Rezitativ“ ist also ihre einzige Kurzgeschichte, hier am Marstalltheater auf der Bühne. Bühnenfassungen ihrer anderen Werke, glaube ich, gibt es nicht. Die Kurzgeschichte „Rezitativ“ war von Toni Morrison in jedem Detail durchdacht, in jeder Zeile. Zwei Frauen, die sich – beginnend in einem Kinderheim, in dem sie sich kennen lernen, – über Jahre hinweg nur ein paarmal zufällig sehen und dann jeweils kurz miteinander sprechen. Eine Schwarze, eine Weiße. Der Clou: Toni Morrison lässt den gesamten Text hindurch nicht erkennen, welche der beiden Frauen die Schwarze ist und welche die Weiße. Die Erzählung zeigt, was trennt und was verbindet, zeigt, dass es die Trennung nach Hautfarbe in diesen Jahren gab, dass hinter allem aber auch etwas Gemeinsame steckt, nicht nur die trennenden Überlegungen „typisch“, das „charakteristisch“, deren Zuordnung Toni Morrison in dieser Erzählung ja gerade unmöglich macht. Das Gemeinsame war in „Rezitativ“ etwa ihr Aufenthalt im Kinderheim. Der Leser/Zuschauer will ständig das „Schwarze“ und das „Weiße“ an ihnen zuordnen, es geht aber nicht.
In der Inszenierung am Marstalltheater treten für beide Frauen sogar immer vier Frauen auf. Alle sind gleich gekleidet, irgendwie zwischen futuristisch und spießig, unklar bleibt dabei natürlich erst recht, wer wer ist. Sie erzählen die Kurzgeschichte recht wortgetreu, es ist mehr eine Erzählung, als ein Theaterstück. Daher wohl auch die wahrlich sparsame Bühnengestaltung auf der kleinen Bühne – in Farben, die am ehesten noch an die Südstaaten erinnern, orange und hellgrün. Optisch bleibt die Bühne daher etwas fraglich (warum diese dünnen hellgrünen Eisengestelle? Warum diese fast unschöne Farbgebung?)
Ich könnte mir vorstellen, dass man für Toni Morrisons Kurzgeschichte eine noch weitaus größer angelegte Inszenierung hinbekommen kann, so feinfühlig detailliert konstruiert ist die Erzählung selbst. Schade, so geht es in dieser Inszenierung doch zu schnell, es bleibt das Vortragen einer Erzählung, obwohl Toni Morrisons Erzählung „Rezitativ“ den Leser/Zuschauer geradezu hin und her werfen kann/soll. All das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass beide (die Mädchen/Frauen Twyla und Roberta) einmal etwas Gemeinsames erlebt hatten, sie kommen immer wieder auf etwas ganz Bestimmtes zu sprechen.
Ein interessanter Beitrag über Toni Morrison findet sich HIER (WDR 2023).
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheater.
Hier noch ein Bild:

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld







