Der Untertitel dieses Buch lautet: „Wie die Demokratie sich selbst zerstört“. Riesenthema unserer Zeit! Neben Umwelt/Klima vielleicht das größte Thema! Die Welt wird immer globaler … Klima und Umwelt, Wirtschaft, rasante technologische Entwicklungen, Informationsflut, Abhängigkeiten, Konkurrenzen und und und, alles wird Wettkampf. Daneben Kriege, Flucht!
Können sich in dieser rasanten Welt „echte Demokratien“ (die ja auf Diskussionen, Kritik, auf viel Zeit, auf Widerspruch und auf Kompromissen basieren) überhaupt noch halten oder wollen immer mehr Bürger eher etwas „Autoritäres“ als ihren Halt und ihre Sicherung in dieser Welt? Sieht ja so aus!
Der Historiker Moshe Zimmermann (M.Z.) sagt: Wehret den Anfängen! Er hat sich des Themas der Auflösung von Demokratie hin zu „illiberaler Demokratie“, zur „Ochlokratie“ oder „Zustimmungsdiktatur“ und „Autokratie“ mit Blick auf Vorgänge des schleichenden Untergangs von Demokratien in einigen Fällen der Vergangenheit und zusätzlich mit Blick auf die Gegenwart in Ungarn ( unter Victor Orban noch), in Deutschland (Stichwort AfD), in den USA (unter Donald Trump) und in Israel (unter Bibi Netanjahu ) angenommen. Ein wertvolles, lohnendes Buch, das die Augen ein bisschen öffnen kann!
M.Z. hat kein Wunderrezept, hält aber die Vorteile echter Demokratie ausdrücklich hoch! Die Vorteile der freiheitlichen Demokratie seien im Vergleich zu allen anderen Staatsformen „beeindruckend“. Das Buch endet mit Blick auf eine Aussage von Hannah Arendt: Solange der Staatsbürger sich politisch aktiv verhalten kann, muss er dagegenhalten, demonstrieren, sich äußern und entsprechend handeln, um den Prozess der Irreführung aufzuhalten. Es entstehe eben ein Prozess der Irreführung, anfangs sogar gerade mit den Mitteln der Demokratie. Der Prozess der „Irreführung“ weg von der Demokratie sei schleichend, zeigt M.Z., kurz gesagt. Am Ende bleibt der Appell an den Einzelnen, der moralische Appell an die Verantwortung und an den Menschenverstand als beste Abwehr gegen den people-gone-mad-Prozess.
Mein Fazit:
Verteilt über das – insgesamt sehr wertvolle – Buch werden immer wieder Faktoren genannt, die zum schleichenden Verschwinden der Demokratie führen, ich hätte mir nur gewünscht, dass diese Faktoren noch prägnanter aufgezeigt werden, dass sie nicht immer wieder schnell untergehen in der Gesamtschilderung des Historikers! Schade. Das wäre meine Kritik, es bleibt aber bei aufmerksamem Lesen ein sehr wertvolles Buch!
Der Aufbau des Buches:
M.Z. steigt (nach einem wichtigen Anfangskapitel – siehe unten) mit historischen Beispielen des Untergangs von Demokratien ein: Frankreich, die Affäre Boulanger und die Dreyfusaffäre, Amerika vor dem Zusammenbruch des Sowjetreichs, die damalige „rote Gefahr“ bis 1989, dann Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg, Weimarer Republik und schließlich Israel vor allem seit Bibi Netanjahu. Vor allem äußere Feinde der Demokratie werden oft benutzt, um das Volk im Inneren „verrückt“ zu machen.
Dann kommt das Kapitel „Nach dem Ende der Geschichte“, also nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989. Das Feindbild „Kommunismus“ verschwindet. Es entstehen aber neue Feindbilder, 9/11 etc.
Dann kommt fast als Fazit das Kapitel „ Gebrauchsanweisung für Demokratiezerstörer“. M.Z. unterscheidet dabei genauer: 1) Die Zeit, in der sich das Verschwinden der „echten“ freiheitlichen Demokratie anbahnt (Populisten auf dem Weg zur Macht), und 2) danach die Zeit, in der die wesentlichen Werte der freiheitlichen Demokratie bereits aufgegeben worden sind, verwässert sind und sich die Demokratiezerstörung weiter fortsetzt (Populisten an der Macht), die Zeit also, in der der Kampf für freiheitliche Demokratie schon als „Landesverrat“ eingestuft wird (M.Z. zitiert Erich Kästner). In der ersten Phase wird vor allem die Vernunft immer mehr durch den Glauben und durch Emotionen ersetzt! In der zweiten Phase werden dann die entscheidenden Institutionen der Demokratie konkret zerstört, Erziehung, Bildung, Wissenschaft, Medien, Justiz, Kultur … alles wird in Linie gebracht, siehe auch Donald Trump.
Das alles ist gut aufgezeigt. Mit dem Wissen des Historikers. Zu den Faktoren, die in der wichtigen ersten Phase den schleichenden Prozess der Zerstörung der Demokratie „von innen heraus“ ermöglichen, muss man aber fast eine Liste anlegen. Die Faktoren verschwinden sonst fast durch den doch recht historischen Stil der Erläuterungen (oder der Übersetzung?). Hier kommt jedenfalls das allererste Kapitel des Buches ins Spiel:
- Entscheidend ist: Das „Volk“ verhält sich durch die Populisten mehr und mehr „kontrarational“, emotional – was der Demokratie und dem Austausch von vernünftigen Argumenten nicht entspricht.
- Anstand und Vernunft, auch Wahrheiten, gehen unter. Emotionen werden gefördert durch Feindbilder, durch Ängste. Es soll auch fast eine „Furcht vor zuviel Freiheit“ entstehen.
- Die demokratisch Gewählten werden als die „Zerstörer“ der Demokratie dargestellt, die Populisten als die „Retter“ der Demokratie!
- Glaube wird geschürt, Skepsis wird als Element der Verwirrung dargestellt. Obwohl doch Skepsis und Kritik Elemente der freiheitlichen Demokratie sind.
- Fakten werden verdreht, was bei den heutigen Sozialen Medien leicht möglich und leicht und schnell „streubar“ ist.
- Die Wortwahl, die Sprache wird unsauber! Das Wort „Demokratie“ etwa wird beibehalten, aber es wird vom Volksinteresse so gesprochen, als seien es nur die „Populisten“, die wirklich das „Volk“ im Auge hätten.
- Vorbilder werden geschaffen, auch wenn es die „gute alte Zeit“ ist.
- Vorurteile, Pauschalisierungen und Ressentiments werden geschürt.
- Gewalt wird als Heilmittel im Inneren und nach außen dargestellt. Wenn Gewalt außen eingesetzt wird, wird sie auch nach innen eher akzeptiert. Siehe Donald Trump.
- Nötige Einschränkungen von Freiheiten zum Schutz von Grundwerten (zB in der Coronazeit) werden als Attacken auf die „Demokratie“ bewertet.
- Soziale Abstiegsangst wird geschürt.
- und und und
Viele gute Punkte, die man auch hier genau beobachten muss. Man muss allerdings sagen: Die gewählten Vertreter in der freiheitlichen Demokratie (zB hier in Deutschland) müssen eben auch gut sein! Sonst ist ein weiterer Faktor für einen Angriff gegen die freiheitliche Demokratie geschaffen, der Faktor „Unzufriedenheit mit den gewählten Vertretern“. Und da dürfte hier ruhig Einiges besser laufen, diese „Unzufriedenheit“ hilft auch der AfD, eine Irreführung des „Volkes“- weg von der freiheitlichen Demokratie – zum Erfolg zu führen! Der Weg aus der Irreführung heraus zurück zur freiheitlichen Demokratie ist schwieriger, so M.Z.









