Udo Lindenberg feiert morgen, am 17. Mai 2026, seinen 80. Geburtstag! Ich gratuliere!
Udo Lindenberg feiert morgen, am 17. Mai 2026, seinen 80. Geburtstag! Ich gratuliere!
Karriere machen ist das Eine, eine innere Stimme haben und konsequent nach ihr leben ist das Andere. Manche Menschen haben sie, die innere Stimme, der sie ihr Leben lang folgen. Toni Morrison hatte sie, denke ich. Von ihr – sie starb 2019 in New York – ist derzeit im Marstalltheater ihre einzige Kurzgeschichte zu sehen, „Rezitativ“.
Das Thema ihres Lebens war die Rassentrennung. Toni Morrison war sicher immer arbeitsam, hartnäckig, ehrgeizig, resolut, standhaft, „tough“, hat sich für ihr Lebensthema nichts geschenkt. Aufgewachsen in den Südstaaten in den Zeiten der Rassentrennung, schon als Kind literaturinteressiert, später die Südstaaten verlassen Richtung Norden, dann verheiratet mit Howard Morrison, dozierte englische und afroamerikanische Literatur an der Universität in Washington, hatte zwei Söhne aus der Ehe, die Ehe scheiterte nach wenigen Jahren (1964), war dann alleinerziehend, wurde Verlagslektorin, etablierte bei Random House als Cheflektorin das Genre afroamerikanischer Literatur, daneben weiterhin die Vorträge zur afroamerikanische Literatur, suchte nach einer weiblichen schwarzen Stimme zum Thema Rassentrennung, fand sie nicht, begann daher mit 39 Jahren (1970) selbst zu schreiben, die Kinder währenddessen noch auf ihrem Schoß, schrieb Bücher, immer wieder zum Thema Rassentrennung und Sklaverei, erhielt 1989 eine Professur, dann den Pulitzerpreis und 1990 den Literaturnobelpreis.
„Rezitativ“ ist also ihre einzige Kurzgeschichte, hier am Marstalltheater auf der Bühne. Bühnenfassungen ihrer anderen Werke, glaube ich, gibt es nicht. Die Kurzgeschichte „Rezitativ“ war von Toni Morrison in jedem Detail durchdacht, in jeder Zeile. Zwei Frauen, die sich – beginnend in einem Kinderheim, in dem sie sich kennen lernen, – über Jahre hinweg nur ein paarmal zufällig sehen und dann jeweils kurz miteinander sprechen. Eine Schwarze, eine Weiße. Der Clou: Toni Morrison lässt den gesamten Text hindurch nicht erkennen, welche der beiden Frauen die Schwarze ist und welche die Weiße. Die Erzählung zeigt, was trennt und was verbindet, zeigt, dass es die Trennung nach Hautfarbe in diesen Jahren gab, dass hinter allem aber auch etwas Gemeinsame steckt, nicht nur die trennenden Überlegungen „typisch“ und „charakteristisch“, deren Zuordnung Toni Morrison in dieser Erzählung ja gerade unmöglich macht. Das Gemeinsame war in „Rezitativ“ etwa der Aufenthalt der beiden Frauen in deren Kindheit im Kinderheim. Der Leser/Zuschauer will ständig das „Schwarze“ und das „Weiße“ an ihnen zuordnen, es geht aber nicht.
In der Inszenierung am Marstalltheater treten für beide Frauen sogar immer vier Frauen auf. Alle sind gleich gekleidet, irgendwie zwischen futuristisch und spießig, unklar bleibt dabei natürlich erst recht, wer wer ist. Sie erzählen die Kurzgeschichte recht wortgetreu, es ist mehr eine Erzählung, als ein Theaterstück. Daher wohl auch die wahrlich sparsame Bühnengestaltung auf der kleinen Bühne – in Farben, die am ehesten noch an die Südstaaten erinnern, orange und hellgrün. Optisch bleibt die Bühne insgesamt etwas fraglich (warum diese dünnen hellgrünen Eisengestelle? Warum diese fast unschöne Farbgebung?), aber man kann eben nicht immer alles perfektionieren, darum geht es ja auch nicht!
Ich könnte mir vorstellen, dass man für Toni Morrisons Kurzgeschichte eine noch weitaus größer angelegte Inszenierung hinbekommen kann, so feinfühlig detailliert konstruiert ist die Erzählung selbst. Schade, so geht es in dieser Inszenierung doch zu schnell, es bleibt das Vortragen einer Erzählung, obwohl Toni Morrisons Erzählung „Rezitativ“ den Leser/Zuschauer geradezu hin und her werfen kann/soll. All das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass beide (die Mädchen/Frauen Twyla und Roberta) einmal etwas Gemeinsames erlebt hatten, sie kommen dabei immer wieder auf etwas ganz Bestimmtes zu sprechen, sehen es im Lauf der Jahre immer wieder leicht anders.
Ein interessanter Beitrag über Toni Morrison findet sich HIER (WDR 2023).
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheater.
Hier noch ein Bild:

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld
Lohnenswert! Nur noch HEUTE bis kurz vor Mitternacht sind in der 3sat Mediathek drei der Stücke zu sehen, die im vergangenen Jahr zum Berliner Theatertreffen 2025 eingeladen waren:
HIER der Link zur Seite in der 3sat Mediathek.
Das Berliner Theatertreffen 2026 hat gerade begonnen. Mehr dazu folgt.
Das Reelle und das Unreelle. An diesem erstaunlichen Abend in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele sind es nur die kleinen Gitter. Sie sind das einzige für uns Menschen Verständliche, das einzige nach menschlichen Maßstäben Reelle, sie hängen über der Bühnenfläche – man weiß sofort: „Aah, das sind Gitter!“ Etwas oberhalb dieser Gittern hängen nochmals solche Gitter.
Darüber hängen teils wiederum schwarze quadratische Kästen,. Aus ihnen fällt später gelbbrauner Schleim auf die Gitter, der Schleim wird dann ganz langsam durch die Gitter aus etwa 5 m Höhe auf die Bühne tropfen, sich in langen Fäden herabziehen. Doch noch etwas Reelles sehen wir, etwas ganz Mechanisches: Martin Weigel geht zu Beginn – schon nackt – mit einem etwa 5 m hohen schlanken Metallgestell über die dunkle Bühne, mit dem er nach richtiger Positionierung neben den Gittern schwarze Eimer langsam in die Höhe zieht und oben wieder Schleim in die Gitter fallen lässt. Eine Art Hebebühne.
Das war’s. Alles andere an diesem Abend ist vollkommen unreell, undefinierbar, grenzenlos, nicht auch nur im Entferntesten unserer Welt des Reellen entsprechend. Es wird aber wunderbar! Sechs SchauspielerInnen – nackt auf der Bühne – beschäftigen sich wortlos mit dem glibberigen Schleim, tanzen zu sehr lauter dröhnender Musik, rutschen am Boden, bewegen sich, mal zusammen, mal allein, zappeln, verdrehen ihre Körper, immer nackt, bearbeiten sich – auch gegenseitig – mit der schleimigen unhaltbaren Glibbermasse, es wird eine irre Komposition, die uns irgendwie zeigen kann: Ja, ein Leben lang bauen wir uns eine Welt des Reellen auf (die Gitter, die Hebebühne, Physik!), aber eigentlich ist es doch so: Alles fließt, alles ist unhaltbar – πάντα ρεί – panta rei! Man kann bei Betrachtung des Abends denken: Ja, das ist das Leben! Jeder beschäftigt sich irgendwie, mal alleine, mal mehrere zusammen, mal alle zusammen! Alles scheinbar sinnlos, Spielerei, Verrücktheiten. Alle sind gleich, selbst die Nacktheit der sechs so unterschiedlichen Körper unterliegt hier nicht mehr unserer erlernten Bewertung. Insgesamt hat diese fast poetische totale Entgrenztheit eine besondere Ästhetik, die durch die Nacktheit nur geöffnet wird.
Mehr sei hier nicht gesagt, Doris Uhlich und die sechs insoweit mutigen SchauspielerInnen zeigen uns hier eine andere Welt, Worte würden zu Definitionen führen, aber genau das soll hier entfallen! Manch Zuschauer braucht vielleicht auch etwas Mut, aber es lohnt absolut!
Insoweit kann man nur sagen: Danke an Katharina Bach, Erwin Aljukić, Dennis Fell-Hernandez, Martin Weigel, Elias Krischke und Ann Muller für diese entgrenzende und entgrenzte Performance! Schön, durch deren Leistung so etwas sehen zu dürfen! Standing ovations – was man aber zurzeit seltsamerweise immer wieder sieht, es scheint ein gesteigertes Bedürfnis nach Theater zu geben, fern von unserer doch düsteren Welt.
Hier noch zwei Fotos:


HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Copyright der Fotos: Judith Buss
Der britische Regisseur und Dramatiker Robert Icke hatte zuletzt Arthur Schnitzlers Theaterstück „Professor Bernhardi“ (er nannte seine Fassung „Die Ärztin“, HIER der Link zur Stückeseite) in die Gegenwart übertragen. Die Inszenierung ist am Residenztheater noch zu sehen. Jetzt geht er bei der Wahl des Originals deutlich weiter zurück, um wieder die Aktualisierung eines Stoffes auf die Bühne zu bringen.
Es ist die antike Tragödie „Ödipus“ von Sophokles, die jetzt (nach Aufführungen in anderen Städten) am Münchner Residenztheater zu sehen ist. Ödipus’ Schicksal ist ja als altgriechischer Mythos bekannt: Spät erfährt Ödipus, dass er adoptiert ist, dass er in jungen Jahren zufällig seinen ihm unbekannten leiblichen Vater Laios getötet hatte und wiederum etwas später unwissentlich seine leibliche Mutter Iokaste, die Frau des gestorbenen Laios, zur Ehefrau genommen hatte. All diese Zusammenhänge waren ihm nicht bekannt. Mit Iokaste hatte Ödipus sogar vier Kinder, Antigone, Ismene, Etheokles und Polyneikes. Sein Schicksal endet natürlich tragisch.
Soweit der Mythos. Robert Icke behält für seine „moderne“ Fassung nicht alle Einzelheiten des Mythos bei, aber dessen Verlauf, die „Story“, er behält auch die antiken Namen bei und sogar das Prinzip von „Einheit von Zeit, Raum und Handlung“ einer klassischen antiken Tragödie. So sieht man, wie sich auf der Bühne alles in einem einzigen Raum innerhalb von knapp zwei Stunden abspielt, ohne Zeitsprünge.
„Ödipus“ spielt bei Robert Icke also unter Beibehaltung dieser antiken Elemente – vor allem der „Storyentwicklung“ um Ödipus herum – in der heutigen Welt: Ein Wahlabend, der smarte Ödipus steht vor einem großen Erfolg … die Hochrechnungen zeigen es … alle sind happy, die Kinder stolz … aber da bricht sein Leben zusammen … die teils verdrängte, teils unbekannte Vergangenheit kommt ans Tageslicht … es hatte vor etwa zwanzig Jahren einen Autounfall gegeben, Ödipus hatte ihn verursacht, Laios war dabei gestorben … und auch Iokastes Vergangenheit kommt hoch … sie hatte ihr Kind, den damaligen Säugling Ödipus, ausgesetzt.
All das in der modernen Welt. Auch in Robert Ickes moderner Fassung des „Ödipus“ bahnt sich also die Wahrheit ihre Bahn. Es entstehen Überlegungen, es wird im Text angesprochen: Wir leben unser Leben oft mit einer Lüge, das Leben basiert fast zwangsläufig auf Lüge, unbewusst oder bewusst, weil immer Dinge unter den Tisch fallen und eine unvollständige Wahrheit ist eine Lüge.
Irgendetwas verschiebt sich allerdings, wenn man Robert Ickes Fassung des „Ödipus“ sieht. Auch wenn man ständig fast automatisch „klassisch“ mitdenkt: Zwangsläufig geht der antike Tragödiencharakter verloren, man folgt „nur noch“ einer moderne Geschichte mit tragischem Ausgang, mehr nicht. Im Original vor allem sind es Orakelsprüche, die Iokaste und Ödipus zu ihren Handlungen treiben, die Götter lenken, aber genau das entfällt natürlich in der modernen Welt. Kann das funktionieren?
Es kann funktionieren, eine solche Aktualisierung ist auch im Grunde sehr interessant, aber man sieht eben nicht mehr das antike Drama. Die antiken Dramen, so auch „Ödipus“ von Sophokles und so auch die gesamte griechische antike Welt, waren schließlich getragen von Einflüssen der Götter. Genau das hebt eine solche Geschichte, auch die Geschichte um Ödipus, in unfassbare Sphären der damaligen Welt.
Das so sehr Mythologische aufzugeben zugunsten einer Aktualisierung ist schwer, es gelingt bei Robert Ickes „Ödipus“ m. E. nicht rundum, da eben die Schicksalsführung durch Orakel keinen Ersatz findet oder finden kann. Die Götterwelt und das von ihr oft gelenkte Schicksal hatten früher eine unglaubliche Bedeutung! Früher, aber nicht mehr heute! Heute scheint der Zufall zu bestimmen.
Es ist bei alldem aber immer wieder eine Freude, vor allem die beiden langjährigen, so irre vielseitigen Ensemblemitglieder Barbara Horvath (hier als Iokaste) und Florian von Manteuffel (hier als Ödipus) – diesmal als smarte moderne Menschen – zu sehen. Sie stehen natürlich im Zentrum der Tragödie. Florian von Manteuffel etwa als Boanlkramer im Brandner Kasper, oder oder oder, und Barbara Horvath etwa ehemals in Simon Stones famosen „Drei Schwestern“, oder oder oder!
„Bühnenbildtechnisch“ wiederum scheint Robert Icke schlichte, modern-funktionale völlig emotionslose Räume zu bevorzugen.
Fast erstaunlich ist es übrigens, dass im Programmheft am Ende ein sehr guter Text zu lesen ist, dessen Bezug zum Stück zumindest nicht gleich klar wird: Worte einer Frau, die ein Epstein-Opfer war. Aber man merkt: Wie geht sie mit ihrer Vergangenheit um?
HIER Der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld
Man sieht nicht etwa eine herkömmliche Wiedergabe des Theaterstücks „Bernarda Albas Haus“ des spanischen Autors Federico García Lorca auf der Theaterbühne, man sieht – auch thematisch – ein Destillat des Werkes in besonderer Form, in Form von ruhigen bewegten Bildern, mit und ohne Sprache, die immer wieder wechseln, indem sie fast durchgehend auf einem langsamen Rollband über die Bühne ziehen.
Eine interessante Herangehensweise, mal anders, könnte man sagen. Ein wenig etwa an Susanne Kennedy erinnernd. „Tableaux vivants“ nennt die Regisseurin Süßkow im Programmheft diese bewegte Installation (so könnte man es auch nennen).
Während das Original des – kurz nach Fertigstellung des eindringlichen Theaterstückes – von franquistischen Truppen ermordeten Dichters mehr mit der Geschichte Mutter Bernarda Albas Unterdrückung ihrer fünf Töchter nach dem Tod ihres Mannes (sie sperrt ihre Töchter für acht Jahre Trauerzeit in ihrem Haus ein) und gleichzeitig mit dem Thema der Eifersucht unter den Töchtern arbeitet, auch mit dem Thema des (damaligen) Frauenbildes und Männerbildes, mit dem Thema des Rollenverständnisses der damaligen Zeit und mehr, lässt die Regisseurin Rieke Süßkow diese Aspekte weitgehend weg. Ihr geht es allgemeiner, schien mir persönlich jedenfalls, um den Tod und das Leben, beides gehört zusammen.
Man sieht/hört den thematischen Ansatz von Rieke Süßkow im Grunde ganz am Anfang: Auf dem langsamen Laufband (Bühne: Marlene Lockemann) fahren – als erstes „tableau vivant“ – schwarz gekleidete Frauen mit verdecktem Kopf immer wieder rückwärts über die Bühne und sagen/singen: „Der Tod!“. So habe ich es zeitlos gesehen: Es geht um Leben und Tod. Der Tod des Vaters änderte grundsätzlich das Leben der Töchter. Der Tod wird für die Töchter erstmals erkennbar und unmittelbar Bestandteil des Lebens. Und doch steht der Wunsch/die Notwendigkeit der Töchter – mehr oder weniger – im Raum, jeweils für sich weiterzuleben. „Früher war alles viel lustiger“ sagt zwar die Tochter Albina einmal, aber es muss ja weitergehen. Raus ins Leben? Drin bleiben? Zu den Männern? Die Liebe? Unterdrückung? Abhängigkeit? Die strenge Mutter, immer wieder herrisch gebietend mit ihrem Stock auf den Boden klopfend, verkörpert so gesehen den Tod, die Abhängigkeit vom Tod. Man kann – oder sollte? – es alles enger sehen, mehr auf die damalige spanische Gesellschaft bezogen, ich habe es aber so grundsätzlich und damit insgesamt so zeitlos gesehen.
Düstere Bilder, meist in Schwarzweiß gehalten, sofern nicht (dann in greller Farbe, siehe die Fotos) „Freiheit“ oder „das Leben draußen“ sich zeigte, optisch durch verschiedenes Schattenspiel sehr interessant gemacht, die Bühne eingerahmt von einer Art Passpartout oder Bilderrahmen, wenig Text, so blickt man in den eineinhalb Stunden fast auf ein bewegtes Gemälde, nicht auf eine Geschichte. Der Tod ist Teil des Lebens, die Gegenwart des Todes in unserem Leben und dessen Folgen.
Schon die ungewohnte extreme Langsamkeit des Fließbandes quält fast, genau das muss aber bei alledem so sein. Das Leben quält, könnte man dazu negativ sagen, und doch muss es gelebt werden. So gesehen ein sehr grundsätzliches Stück.
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters
Hier noch zwei Fotos:


Copyright der Bilder: Sandra Then
Bei der sehr stark besuchten öffentlichen Generalprobe in den Münchner Kammerspielen war es schon so: Nach dem Ende des Stückes folgten schnell standing ovations komplett durch alle Reihen hindurch. Die Inszenierung frei nach Arthur Schnitzlers ‚Fräulein Else‘ hatte dann seine Münchenpremiere – sicher wieder mit standing ovations und Jubel – ich habe die Zweitaufführung gesehen, und wieder war es so.
Klar: Die Inszenierung (Regie: Leonie Böhm) ist dieses Jahr (im Mai) zum Berliner Theatertreffen eingeladen, sie kann dann übrigens im TV in der 3sat-Mediathek als eines der „Starken Stücke“ des Theatertreffens gesehen werden. Sie hatte im vergangenen Jahr Uraufführung am Wiener Akademietheater und ist derzeit an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Hier werden noch zwei Aufführungen folgen (Ende April und Ende Mai), ob sogar noch weitere folgen werden, ist mir nicht bekannt.
Julia Riedler jedenfalls, die zusammen mit Leonie Böhm das Konzept für die Inszenierung verantwortet, hat ja beste Beziehungen zu den Kammerspielen, war hier einige Jahre lang im Ensemble und lebt jetzt in Wien, also nicht soo weit weg. Es ist ja ihr Soloabend, den sie – so oder so ähnlich – schon jahrelang im Kopf hatte.
Der Inhalt von Arthur Schnitzlers Stück „Fräulein Else“ – einer Novelle, einem inneren Monolog – ist schnell erzählt: Else, die Protagonistin der Novelle, die im Theater sonst eher als Zwei-Personen-Inszenierung gebracht wird, soll bei einem Kunsthändler (Herrn Dorsday) ein Darlehen für den verschuldeten Vater erwirken. Es ist vom Vater das Schlimmste zu befürchten, wenn es Else nicht gelingt, das Geld zu bekommen, Gefängnis auf jeden Fall. Der Kunsthändler verlangt aber einen Striptease von Else dafür. Er nutzt damit die unlösbare Situation von Else aus. Das Schlafmittel Veronal spielt eine entscheidende Rolle.
So ist das Original, entstanden 1924. Die Konstellation, in der sich Else befindet, bleibt auch bei Böhm/Riedler so „klassisch“ und dramatisch, das Stück nimmt aber hier eine andere Entwicklung. Es ist der Überlegung von Leonie Böhm und Julia Riedler geschuldet, dass die Thematik hier neu gedacht wird. Julia Riedler tanzt am Ende bei lauter Musik befreit auf. Ich verrate nichts.
Prägende Elemente sind:
Hervorragend gespielt wird es von Julia Riedler. Nur gegen Ende, wenn es doch so sehr auf die (neuen) Einsichten des Kunsthändlers Dorsday ankommt, geht es doch sehr „schnell“ zur Sache, es waren plötzlich viele Aussagen, die bei mir immer wieder kurz gestört waren von der Überlegung, wer es eigentlich gerade sagt, das war nicht leicht.
Ein barocker Kronleuchter ist die einzige Requisite auf der Bühne – die Bühne ist fast den Abend durchgehend nur der Teil vor dem Bühnenvorhang, siehe oben -, er lässt an die damalige Zeit des „Fräulein Else“ zurückdenken, während das Thema – merkt man – in die heutige Zeit geholt wird.
Eine entscheidende Überlegung des Konzeptes ist es, das Publikum in die Situation von Else zu holen, es mit einzubeziehen. Vielleicht rührt auch daher – zumindest zum Teil – die so starke Regung des Publikums am Ende des eineinhalbstündigen Abends. Das Publikum nimmt im Grunde sogar beide Positionen ein, jeweils von Julia Riedler provoziert, die ja mit dem Publikum kommuniziert. Die Position von Herrn Dorsday, weil Julia Riedler ja am Ende nackt sein wird, lange Zeit nackt auf der Bühne spielt, nur mit einem grünen Höschen bekleidet. Jeder/jede Besucher/in sitzt also doch vor dem Ziel von Herrn Dorsday. Andererseits: Else holt das Publikum auch auf ihre Seite, wenn sie das Publikum zwischendrin etwa auffordert: „Fahren wir alle den kurzen Weg mit der Straßenbahn, über die Isar zu Herrn Dorsday … Oder wenn sie im Publikum Geld sammeln will, um die Schmach abzuwenden.
Die Beteiligung des Publikums geht in der Tat sehr weit, Julia Riedler ist bei der Kommunikation mit dem Publikum schlagfertig improvisierend charmant, aber teils auch geradezu provokant. Meine Sitznachbarin meinte etwa, das war „too much“. Nun gut.
Das Interessante an der Inszenierung ist zweifellos die Wendung des Stückes am Ende, daher rührt die Inszenierung! Denn damit wird der Bogen zu unserer heutigen Zeit und zum Thema MeToo (toxisches sexuelles Verhalten von Männern gegenüber Frauen in bedrängter Lage) geschlagen. Der schwere Vorhang öffnet sich am Ende und Julia Riedler tanzt …
HIER der Link zu einem sehr interessanten Gespräch mit Julia Riedler über Scham auf der Bühne.
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Armin Smailovic
Ich wünsche allen schöne Ostertage! Anklicken und auf YouTube sehen.
Zweimal – am Anfang und am Ende des Stückes – heißt es fast wortgleich: „Es wird eine Zeit kommen, wo Sie nicht begreifen werden, dass Sie so leichtsinnig mit Ihrem Leben umgehen konnten, … das doch nicht Ihnen gehört … Wem denn sonst? … Der Allgemeinheit. Am Anfang und am Ende – diese Aussage war für Anna Gmeyner in ihrem Stück „Automatenbüfett“ vielleicht von Bedeutung. Zunächst kaum zu verstehen, was wollte Gmeyner damit sagen?
Aber hier meine Empfehlung: Im Residenztheater – im Marstall – ist derzeit Anna Gmeyners „Automatenbüfett“ zu sehen. Automatenbüfett – eine Art Warenautomat mit kleinen Speisen und frischem Bier, in einer kleinen Gemeinde, betrieben von Adam (Leopold Adam) und seiner Frau, der „Frau Adam“.
Anna Gmeyner, die österreichische Autorin – geboren übrigens genau HEUTE vor 124 Jahren, am 16. März 1902, gestorben am 3. Januar 1991 – schaffte nicht den ganz großen Durchbruch, verließ 1933 Nazideutschland zunächst nach Paris, später England, und kehrte nie wieder zurück.
„Automatenbüfett“ wurde 1933 in Zürich uraufgeführt. Es ist ein eher selten gespieltes Stück, das im Grunde in die Richtung Marieluise Fleißer und Ödön von Horváth geht: Alltagsszenen – kein komplizierter Handlungsstrang – der (einfache) Mensch und seine „Probleme“ mit dem Leben – die Liebe und das Leben – aufkommender Nationalsozialismus, es ist aber auch zeitlos.
Eine recht bekannt gewordene Inszenierung des Wiener Akademietheaters von „Automatenbüfett“ war 2021 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Hier der Trailer zur damaligen Inszenierung:
Die Inszenierung des Münchner Residenztheaters nun (Regie Else-Sophie Jach) ist sehr anders als die damalige Inszenierung des Wiener Akademietheaters, und auch sehr gelungen! Denn der „Charakter“ des Stückes kommt auch hier sehr schön zur Geltung, was für das keineswegs „handlungsgetriebene“ Stück entscheidend ist. Das langsame Stück lebt im Grunde einerseits von einer gewissen „Alltagstragik“ und zugleich von leise mitschwingendem Humor. Es lebt von Nichtaktualität („Automatenbüfetts“ dieser Art gibt es im Grunde heute nicht mehr) und doch auch von Aktualität oder zumindest Zeitlosigkeit. Hier der Trailer zur Inszenierung des Residenztheaters:
Das Automatenbüfett ist bei Else-Sophie Jach also ersetzt durch eine riesige schräge Tischfläche, hinter der zumeist (vor der Pause) die handelnden Personen im Grunde nur kurz hervorkommen, um etwas zu sagen, dann wieder abtauchen. Das genügt. Der Tisch zerfällt allerdings mehr und mehr, beginnend mit dünnen Abspaltungen, am Ende stehen nur noch Teile des Tisches auf der Bühne, passend zum Geschehen: Die eingespielte Dorfgemeinschaft zerfällt. Warum sie zerfällt? Eine große Idee, Adams großes Fischzuchtprojekt scheitert. Die Ehe zwischen Adam und seiner Frau scheitert, neue Liebe entsteht. Konkurrenzen entstehen, Misstrauen entsteht. Die gerade erst zufällig von Adam vom Selbstmord gerettete Eva (wie immer gut: Anna Drexler) bringt alles in Unruhe, ohne eigentlich selbst viel zu machen.
Schauspielerisch sehr gut passend ist – wie auch 2020/2021 bei der Inszenierung des Akademietheaters – die immer wieder ganz leicht gekünstelte Ausdrucksform der Personen, durch die alles genau pointiert, fast überspitzt wird (besonders durch Patrick Isermeyer). Schön und passend ist auch der Einsatz der Videoszenen (Niels Voges) mit Szenen, die sich oft unter dem Tisch abspielen, schön und passend ist außerdem – wie gesagt – die sachte Mischung von Ernst und Humor, in aller „Langsamkeit“. Humor etwa in der Art und Weise, wie das frische Bier gezapft wird, an Eva zur Verteilung an die Gäste weitergegeben wird, aber auch ein wenig im Verhalten der Personen.
Und vielleicht schwingt eben der Satz mit: Das Leben gehört der Allgemeinheit! Nach dem Motto: Mach mit! Hm. Es ist sicher nicht die alles prägende Aussage des Stückes und es bleibt für mich offen, was genau damit gemeint sein könnte. Vielleicht: „Wir brauchen uns – nur: Wir setzen zu sehr auf große Ideen und Projekte, setzen zu wenig auf die Liebe.“ Andererseits: Sowohl die große Idee, Adams Fischzuchtprojekt (das ganz Deutschland zugute kommen soll), als auch die Liebe – das Begehren – schaffen Unruhe. Aber nur die Liebe setzt sich durch am Ende. Und es heißt mit Blick auf die damalige Zeit: Wir stehen in Europa vor einem Pulverfass! Das war die damalige Zeit, ist aber auch zeitlos! Man könnte sagen: Wenn wir doch nur einen Gang runterschalten könnten! Vielleicht hat Anna Gmeyner das gesehen.
Entscheidend ist jedenfalls: Auch wenn mir letztlich der zweifache Satz „Das Leben gehört der Allgemeinheit“ unverständlich blieb und für mich keine Auflösung durch das Stück findet (vielleicht ist er unwichtig): Mit der Inszenierung am Residenztheater gelingt es – auch durch die schauspielerischen Leistungen, all das für das Stück „Automatenbüfett“ Prägende aus dem Stück schön „herauszukitzeln“, sodass es auf fast „Horváth’sche Art“ eben einfach und besonders wird.
Die nächste Inszenierung von „Automatenbüfett“ steht übrigens doch schon bevor. Sie ist am Deutschen Theater Berlin in zehn Tagen, am 26. März, zu sehen (Regie, Jan Bosse). HIER der Link.
Copyright des obigen Beitragsbildes: Birgit Hupfeld
HIER noch der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Es ist ein Song von Otis Redding, der ja viel zu früh starb. Hier wird der Song vom amerikanischen Singer/Songwriter Marc Broussard gesungen.
Broussard singt den schönen Song ein ganz klein wenig verlangsamt, das macht es aus, klingt sehr gefühlvoll. Nicht schlecht, wenn es auch akustisch durch die Liveaufnahme nicht ganz so toll klingt, aber gut:
Ein sehr engagierter Abend mit den drei ohnehin tollen Schauspielerinnen Annette Paulmann, Katharina Bach und Jelena Kuljić. Hut ab! Es ist eine große Leistung der drei, den Roman „Love me tender“ von Constance Debré so wortreich und so tatkräftig auf die kleinere Bühne der Kammerspiele, die Bühne der „Therese-Giehse-Halle“ zu bringen.
Regisseurin Felicitas Brucker hatte in den letzten Jahren mehrfach Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen: „Nora“, „Die Freiheit einer Frau“ (wieder am 13.03.), „Baumeister Solness“, „Die Politiker“. Jetzt hat sie den autobiografischen Roman „Love me tender“ der französischen Autorin Constance Debré umgesetzt, der 2020 erschien.
Neben allem Text des Romans: Die drei Schauspielerinnen singen, tanzen, laufen, weinen, schreien … in diesen fast zwei Stunden … alles. Annette Paulmanns erste Worte zeigen dabei den Inhalt des Abends an, es sind Constance Debré’s Worte:
„Warum sollte die Liebe zwischen einer Mutter und einem Sohn nicht genau wie jede andere sein? Warum sollten wir uns nicht trennen können? Warum sollten wir nicht aufhören können einander zu lieben? Warum müssen wir uns unbedingt lieben, in und außerhalb der Familie, und warum müssen wir uns selbst und anderen immer wieder davon erzählen?“
Darum geht es: Eine Mutter will ihre Freiheit leben, will alles hinter sich lassen, alle gesellschaftlichen Konventionen, gibt alles auf, lebt sexuell fast wahllos lesbisch, nach zwanzig Jahren Ehe. Sie hat aber einen Sohn und von dem gibt es wohl kaum einen „Rückzug“. Doch, es gibt ihn, zunächst erzwungener maßen: Der Vater des Sohnes namens Paul verhindert nämlich immer wieder Pauls Kontakt zur Mutter und sie, die Mutter, verkraftet den fast totalen Verlust des Kontaktes zum Sohn (der noch dazu vom Vater beeinflusst wird) nicht. Natürlich nicht. Die Justiz hilft ihr überhaupt nicht. Aber auch das ist möglich: Will sie vielleicht sogar auch die besondere Bindung zum eigenen Sohn zugunsten ihrer Freiheit aufgeben? Beides vielleicht. Sie steckt in einem Dilemma. Was macht man da? Die eigene Freiheit leben oder sie doch wieder aufgeben, sich den „Regeln“ beugen? Sind die Schmerzen, die mit der gewünschten eigenen Freiheit verbunden sind, zu groß?
An einigen Stellen wirkt die Inszenierung der Bühnenfassung von „Love me tender“ bei diesen schweren Fragen – ganz anders als Felicitas Bruckners bisherige Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen – allerdings etwas gewollt und übertrieben, vielleicht auch ist der Roman von Felicitas Brucker zu wenig gekürzt und pointiert worden. Mir ist nicht alles klar geworden. Und was nicht aufkommt: Der Gedanke der Einsicht zB des Vaters oder des Sohnes mit dem Lebensumbruch der Mutter. Das wiederum mag für solche Fälle ein wichtiges Element sein, in der Suche nach Lösungen. Aber es geht eben nicht nur um die Lösung eines Einzelfalles, sondern um Existenzielles: Was bremst die Freiheit aus? Kann Liebe bremsen? Überhaupt: Freiheitsdrang einerseits und Verlust andererseits … und so.
Fazit: Drei herausragende Schauspielerinnen auf dieser so lässigen kleineren Bühne der Münchner Kammerspiele, das hat was, aber dazu etwas viel Aktionismus (Einsatz von Musik, Videowände auf der Bühne, große Liveaufnahmen an der Rückwand, Gesang, Rap, Licht, Nacktheit, Körpereinsatz mal so mal so und und und …), eine ruhigere Erzählweise hätte mir an mancher Stelle geholfen bei den so existenziellen Fragen des Romans. Trotzdem: So geht es auch gut, zumal bei der so starken und überzeugenden Besetzung!
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Armin Smailovic
Anton Tschechow, der nur 44 Jahre alt wurde, hat sehr viel geschrieben. Er produzierte über 600 literarische Werke, 10 Dramen, 4 Einakter, hunderte von Kurzgeschichten, einen Reisebericht über das Strafgefangenenlager Sachalin und unzählige Briefe. So sagt es Anton Tschechows Schwester Mascha auch zu Beginn der Inszenierung. Man kennt ja einige seiner Werke.
Die Studierenden des 3. Schauspieljahrgangs der Otto Falckenberg Schule, der Schauspielschule der Münchner Kammerspiele, haben sich nun in ihrer in gewisser Weise inhaltlich anspruchsvollen Abschlussinszenierung mit einigen der bekannten Werke Anton Tschechows gleichzeitig beschäftigt. Mit „Onkel Wanja“, „Die Möwe“, „Iwanow“, „Der Kirschgarten“. Auch in diesen Werken geht es bekanntlich um Tschechows fürchterliche, immer unlösbare Frage: Warum lebe ich? Was ist Liebe? Was macht das Leben aus? Warum ist es so schwer, glücklich zu sein? Das haben sie herausdestilliert aus diesen Werken, vor allem mit Blick auf weibliche Personen in den Stücken, damit haben sie letztlich Anton Tschechow dargestellt.
Sie haben es interessant gemacht, zu sehen ist es noch einmal am 27. Februar. Die Personen der oben genannten Werke sind dabei immer wieder im Gespräch mit Anton Tschechow persönlich, der zusammen mit seiner Schwester Mascha auf der Bühne der Therese-Giehse-Halle erscheint, sich einmischt, gefragt wird und sich auch Gedanken über sein Thema, Leben und Liebe, in seinen Personen macht. Die DarstellerInnen der Personen der Werke Tschechows treten auch teils aus sich heraus, sind dann die SchauspielerInnen und Schauspieler selbst.
Auch der Darsteller von Anton Tschechow (Luis Brunner) tritt aus seiner Rolle heraus und sagt etwa:
Und dann dachte ich mir: gehts in seinen Texten nicht genau darum?
Dass wir alle Menschen mit Wünschen, Ängsten und Sehnsüchten sind und wir können es uns nicht aussuchen, wer wir sind und was wir wollen und wir versuchen krampfhaft unser Leben lang irgendwie das Beste draus zu machen, aber wissen einfach nicht wie?
Mein Eindruck: Diese Befassung der 3. Schauspieljahrgangs der Otto Falckenberg Schule mit Anton Tschechow und seinem großen Thema hat etwas! Sie könnte sogar etwas für Christopher Rüping sein! Ich sehe es vor mir, in einer für ihn so typischen Inszenierung: Auf großer leerer Hauptbühne, mit Livemusik, die gewählte Zusammenstellung der Personen aus Tschechows Werken, … es würde gut passen (Die Inszenierung der Arbeit der Otto-Falckenberg-Schule entstand unter der Regie der schon recht erfahrenen und erfolgreichen Regisseurin/Performerin/Theaterleiterin Lizzy Timmers).
Schauspielerisch ist es durchweg gut! Mal auf der runden „Bühne auf der Bühne“, dem Podium für Tschechows Werke, mal daneben. Ich fragte mich danach ganz frech: Wenn ich zwei oder drei der DarstellerInnen engagieren könnte, welche würde ich „auswählen“? Ich beantworte diese Frage hier nicht. Das mag auch jeder anders sehen. Jede/r wird seinen/ihren Weg hoffentlich gehen, sehr interessant!
Inhaltlich ist es natürlich – ganz nach Anton Tschechow – recht traurig. Nicht nur Anton Tschechow war schließlich mit sich und seinen Werken nicht zufrieden, auch alle anderen Personen, die hier aus den Werken von Anton Tschechow auf der Bühne erscheinen, scheitern an oder hadern mit ihren Problemen, Sehnsüchten, Situationen, unerfüllten Wünschen, unerfüllter Liebe vor allem, an ihren Zweifeln … Traurig aber wahr! Einfach wahr – wie der riesige Mond, der (auch passend, Bühne Bettina Kirmair) über allem schwebt, fast etwas viel, aber lohnenswert!
HIER der Link zur Stückeseite.
Copyright des Fotos: Judith Buss
Hier eine kleine Zusammenfassung meiner letzten Besuche kleinerer, nicht häufig zu sehender Aufführungen an den Münchner Kammerspielen und am Münchner Residenztheater. Und dazu ein paar Anregungen für noch Laufendes auf diesen Bühnen – Aufführungen, zu denen ich gerne zweite – immer lohnende – Besuche einrichten werde, wenn möglich.
JCOM: Mendele Lohengrin:
An den Münchner Kammerspielen ist es am 8. Februar wieder zu sehen. Jüdische Klezmermusik trifft auf Richard Wagner. Ein Dilemma, Wagner war Antisemit. Erzählt wird die Geschichte eines jüdischen Musikers, der in Wien erstmals Richard Wagners Lohengrin hört und völlig verblüfft ist von dieser umwerfenden Musik! Heinrich York-Steiner schrieb 1898 die Geschichte von Mendele, Stefan Merki liest den Text, Ethel Merhaut singt dazu, das Orchester des Jewish Chamber Orchestra Munich spielt dazu ein Konzert, das hauptsächlich von Klezmermusik getragen ist, aber auch Wagners Lohengrin und anderes anklingen lässt. Was soll Mendele machen? Die umwerfende Musik Wagners verachten wegen seines Antisemitismus? Aufhören mit Musik? Ist Musik von allem losgelöst?
HIER der link zur Stückeseite.
Rania Mleihi: My personal ten years – Wir schaffen das:
An den Münchner Kammerspielen ist es am 8. Februar wieder zu sehen. Sehr persönlich erzählt Rania Mleihi vor allem mit Bildern und Videos auf der Leinwand. Die syrische Theatermacherin Rania Mleihi sitzt davor an einemTisch, wortlos bastelt sie mit Sand. Es ist ihre eigene Biografie vor dem Hintergrund zweier historischer Ereignisse: Angela Merkels „Wir schaffen das“ und dem jüngsten Umbruch in Syrien nach der Flucht von Diktator Bashar al-Assad. Nähe und Ferne, Heimat und Flucht, Familie und Trennung, wann lebt man vor diesem Hintergrund wirklich in Deutschland. Viele spannende Fragen, die m. E. schwer erkennbar Antworten finden, die bleibende Zerrissenheit der geflüchteten Syrerin bleibt hier das Thema.
HIER der link zur Stückeseite.
Manfred Zapatka: Lesung „Beton“ von Thomas Bernhard:
Hierzu gibt es leider derzeit keinen weiteren Ausführungstermin. Aber das Residenztheater bringt ja immer wieder gerne etwas von Thomas Bernhard. Zuletzt Minetti, ebenfalls mit Manfred Zapatka. HIER.
Die Lesung aus Thomas Bernhards „Beton“ hat es etwa nur zur Hälfte geschafft, das Residenztheater zu füllen. So viele Fans von Thomas Bernhard gibt es wohl doch nicht, obwohl er immer empfehlenswert ist und bleibt! Seine Theaterstücke! Seine Romane! Er ist und bleibt einzigartig! Er schreibt so subjektiv – auch in „Beton“ natürlich -, fast absurd, aber doch erkennt man sich ständig, wenn man ehrlich ist. Manfred Zapatka liest ihn wunderbar! Die Bernhard’sche Kunst, ständig über banale Dinge zu schreiben und doch mehr zu sagen: Zapatka gelingt es wunderbar, sie in seiner Lesung zu zeigen, was nicht leicht ist!
HIER der link zur Stückeseite.
2. Anregungen für noch Laufendes:
Wiederholungen, erneute Besuche von Stücken, die ich bereits gesehen habe und gerne ein zweites Mal sehen möchte, sind meist sehr lohnend. Es beginnt morgen, Mittwoch den 04.02., an den Kammerspielen mit Mephisto von Klaus Mann, das zum diesjährigen Theatertreffen in Berlin eingeladen ist. HIER der Link zur Stückeseite.
Für erneut sehenswert halte ich außerdem an den Kammerspielen etwa Wachse oder weiche, Sauhund, Katzelmacher und Wallenstein und am Residenztheater etwa Drei Schwestern, das ebenfalls (2017) zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, HIER, Kasimir und Karoline, Warten auf Godot und 77 Versuche, die Welt zu verstehen.
Von Moby hatte ich schon etwas gebracht. HIER und HIER. Alles vom gleichen Konzert, in LA im La Fonda Theatre, es sind musikalisch sicherlich eher einfache Songs, aber schön!
Über Moby hatte ich schon einmal Folgendes geschrieben:
Neben seiner Karriere als Musiker betrieb Moby (sein Ur-Ur-Großonkel hat die Erzählung „Moby Dick“ geschrieben, daher sein Spitzname Moby!) von 2002 bis 2015 das vegetarische Restaurant TeaNY in New York und in Los Angeles das vegane Restaurant Little Pine, das im Juli 2020 von Investoren übernommen wurde (laut Wikipedia). HIER der Link zur Website des Restaurants. Moby lebt seit seinem 22. Lebensjahr vegan, um Tieren kein Leid zuzufügen. Nicht schlecht! Respekt! Tierrechtsaktivismus nennt er den Sinn seines Lebens und das, was ihn am Morgen aus dem Bett bringt. Weiter sagte Moby, er würde – vor die Wahl gestellt – lieber ein Tierrechtsaktivist, als ein erfolgreicher Musiker sein!
Moby bietet auf einer Internetseite über 200 Titel seiner Musik kostenlos an. HIER.
Und Damien Jurado ist ein US-amerikanischer Musiker, da kann ich nur auf Wikipedia verweisen, HIER.
Der Song:
Vor wenigen Minuten erst wurden sie bekanntgegeben: Die Pressekonferenz läuft noch! Die zehn Theaterstücke, die im Rahmen der bekannten „10er-Auswahl“ zu den „bemerkenswertesten deutschsprachigen Theaterstücken des vergangenen Jahres 2025“ gewählt wurden. Vor wenigen Minuten! Vorsicht – noch ganz heiß!
Gratulation! 739 Produktionen wurden gesichtet. Die zehn „bemerkenswertesten“ Produktionen werden wieder wie üblich auf dem Berliner Theatertreffen, das dieses Jahr vom 1. Mai bis zum 17. Mai stattfindet, im Festspielhaus gezeigt werden, drei davon sind außerdem wieder für einen gewissen Zeitraum auf 3sat zu sehen („Starke Stücke“)!
Es sind dieses Mal die folgenden Produktionen:

HIER der Link mit allen Details.
Jetzt, wo ich die letzten Tage des Jahres gerade (wieder) in Österreich verbringe, hier noch zum Abschluss ein Lied des Österreichers Ludwig Hirsch, das auch einmal hier im Blog gebracht werden kann – nicht wegen des Themas, sondern wegen der Sentimentalität und ruhigen Art der Musik: „Komm großer schwarzer Vogel“ ist ein im Grunde sehr trauriges, aber ein sehr schönes Lied! Live 1993 im Wiener Volkstheater gesungen.
Das Lied platzierte sich in den österreichischen Charts, kurz nachdem Ludwig Hirsch sich am 24. November 2011 im Alter von 65 Jahren das Leben genommen hatte. Er hatte Lungenkrebs. Das Lied ist ja ein Lied in Erwartung des Todes …
ICH WÜNSCHE ALLEN EINEN GUTEN RUTSCH INS JAHR 2026!
Wahrscheinlich war es so: