Das Reelle und das Unreelle. An diesem erstaunlichen Abend in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele sind es nur die kleinen Gitter. Sie sind das einzige für uns Menschen Verständliche, das einzige nach menschlichen Maßstäben Reelle, sie hängen über der Bühnenfläche – man weiß sofort: „Aah, das sind Gitter!“ Etwas oberhalb dieser Gittern hängen nochmals solche Gitter.
Darüber hängen teils wiederum schwarze quadratische Kästen,. Aus ihnen fällt später gelbbrauner Schleim auf die Gitter, der Schleim wird dann ganz langsam durch die Gitter aus etwa 5 m Höhe auf die Bühne tropfen, sich in langen Fäden herabziehen. Doch noch etwas Reelles sehen wir, etwas ganz Mechanisches: Martin Weigel geht zu Beginn – schon nackt – mit einem etwa 5 m hohen schlanken Metallgestell über die dunkle Bühne, mit dem er nach richtiger Positionierung neben den Gittern schwarze Eimer langsam in die Höhe zieht und oben wieder Schleim in die Gitter fallen lässt. Eine Art Hebebühne.
Das war’s. Alles andere an diesem Abend ist vollkommen unreell, undefinierbar, grenzenlos, nicht auch nur im Entferntesten unserer Welt des Reellen entsprechend. Es wird aber wunderbar! Sechs SchauspielerInnen – nackt auf der Bühne – beschäftigen sich wortlos mit dem glibberigen Schleim, tanzen zu sehr lauter dröhnender Musik, rutschen am Boden, bewegen sich, mal zusammen, mal allein, zappeln, verdrehen ihre Körper, immer nackt, bearbeiten sich – auch gegenseitig – mit der schleimigen unhaltbaren Glibbermasse, es wird eine irre Komposition, die uns irgendwie zeigen kann: Ja, ein Leben lang bauen wir uns eine Welt des Reellen auf (die Gitter, die Hebebühne, Physik!), aber eigentlich ist es doch so: Alles fließt, alles ist unhaltbar – πάντα ρεί – panta rei! Man kann bei Betrachtung des Abends denken: Ja, das ist das Leben! Jeder beschäftigt sich irgendwie, mal alleine, mal mehrere zusammen, mal alle zusammen! Alles scheinbar sinnlos, Spielerie, Verrücktheiten. Alle sind gleich, selbst die Nacktheit der sechs so unterschiedlichen Körper unterliegt hier nicht mehr unserer erlernten Bewertung. Insgesamt hat diese fast poetische totale Entgrenztheit eine besondere Ästhetik, die durch die Nacktheit nur geöffnet wird.
Mehr sei hier nicht gesagt, Doris Uhlich und die sechs insoweit mutigen SchauspielerInnen zeigen uns hier eine andere Welt, Worte würden zu Definitionen führen, aber genau das soll hier entfallen! Manch Zuschauer braucht vielleicht auch etwas Mut, aber es lohnt absolut!
Insoweit kann man nur sagen: Danke an Katharina Bach, Erwin Aljukić, Dennis Fell-Hernandez, Martin Weigel, Elias Krischke und Ann Muller für diese entgrenzende und entgrenzte Performance! Schön, durch deren Leistung so etwas sehen zu dürfen! Standing ovations – was man aber zurzeit seltsamerweise immer wieder sieht, es scheint ein gesteigertes Bedürfnis nach Theater zu geben, fern von unserer doch düsteren Welt.
Hier noch zwei Fotos:


HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Copyright der Fotos: Judith Buss







