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THEATER: Aischylos – Agamemnon

Die Geschichte von Agamemnon ist bekannt. Er, der Grieche, zog aus Mykene in den Krieg gegen Troja in Kleinasien, der heutigen Türkei, löste den Trojanischen Krieg aus, um die Frau seines Bruders Menelaos, Helena, zu befreien bzw. ihren Raub zu rächen. Ein Trojaner nämlich, der Königssohn Paris, hatte Helena, die hübscheste Frau der damaligen Zeit, geraubt, da sie ihm in einem Schönheitswettbewerb (welche Göttin ist die schönste Göttin?) von der Göttin Aphrodite versprochen worden ist. Das geht natürlich nicht.

Zehn Jahre lang wurde Troja von den Griechen (unter der Anführerschaft von Agamemnon) belagert, bevor es von ihnen – angeblich – zerstört wurde. Agamemnon kehrte dann nach Beendigung des Krieges nach Mykene zurück. Hier beginnt im Grunde das Werk „Agamemnon“ von Aischylos. Agamemnons Frau Klytaimnestra hatte zehn Jahre lang auf ihn gewartet. Er kommt stolz zurück, auch wenn er nicht weiß, wo sein Bruder Menelaos geblieben ist (wahrscheinlich auch umgekommen). Allerdings empfängt Klytaimnestra ihn nur zum Schein sehr freudig. Im Grunde ist sie längst entschlossen, zusammen mit ihrem Geliebten (Aigisthos) Agamemnon aus Rache zu töten. Denn Agamemnon hatte vor seiner Reise nach Troja – wiederum auf göttliches Geheiß hin – die mit Klytaimnestra gezeugte Tochter Iphigenie geopfert, allein um günstige Winde für seine Seefahrt nach Troja zu bekommen. Was für eine Verstrickung insgesamt von Kriegsgeschehen und Rache, Liebe und Hass, Stolz und Ehre, Gott und Mensch!

Aischylos, einer der drei großen griechischen Dichter (Euripides, Sophokles, Aischylos), hatte diese Rückkehr Agamemnons nach Mykene nach dem Trojanischen Krieg schon etwa fünf Jahrhunderte vor Christi Geburt im ersten Teil seiner Trilogie „Orestie“ beschrieben.

Ich persönlich sage meinen Nachhilfeschülern in solchen Momenten gerne: „Ihr müsst wissen, ein Herr Aischylos ist damals tatsächlich durch die Straßen gelaufen. Es gab ihn, er hat es geschrieben!“ Und vielleicht gab es auch den Herrn Agamemnon und Troja. Unglaublich!

Allerdings war damals noch eine Zeit, in der der Mensch das Göttliche und das Menschliche einfach nicht voneinander trennen konnte. Die Götter mischten überall mit. Orakel führten die Schicksalswege der Menschen. Auch der Raub der Helena und dann der Trojanische Krieg schließlich gehen aus ihrer Sicht auf das göttliche Mitwirken von Aphrodite zurück, siehe oben. Auch in das Kriegsgeschehen selbst griff die Götterwelt immer wieder ein. Jedenfalls glaubten die Menschen damals, von Göttern geführt zu sein. Was für eine Zeit!

Nun hat sich am Münchner Residenztheater der Regisseur Ulrich Rasche des Werkes „Agamemnon“ von Aischylos in der Übersetzung von Walter Jens angenommen. Wer Ulrich Rasches Arbeiten kennt, erahnt sofort, was ihn erwartet. Wer ihn nicht kennt, muss es sich schon der Darbietungsform wegen ansehen! Was Ulrich Rasche immer wieder auf die Bühne bringt, ist nicht Theater im „herkömmlichen“ Sinne, es ist eine – fast immer düster wirkende – Literaturshow besonderer Art, manchmal bedrängend, manchmal großartig, mit ganz festen Prinzipien der jeweiligen Darbringung, absolut textlastig. Hier zwei Eindrücke:

Auch dieses Mal ist es in jeder Beziehung düster, martialisch, dunkel, bedrängend, fast schwer verkraftbar. Mit – typisch Ulrich Rasche – wieder extrem pompöser Bühnentechnik könnte alles eine auf die Personen reduzierte Optik erhalten, akustisch durch rhythmisches Trommeln unterstützt, die Personen permanent nur langsam und etwas unnatürlich auf einer Drehscheibe „voranschreitend“, dem Schicksal entgegen gehend. In diesem Fall scheint es aber auf die Spitze getrieben zu sein.

Nicht nur das oft laute Trommeln (oder manch andere schiefe Geräusche), nicht nur die Dunkelheit, nicht nur die schwarze Kleidung, das Thema „Trojakrieg“, das langsame Dahinschreiten der Personen, nicht nur die manchmal sich ergebende Spiegelung der Bühne von weit oben, die Lichteffekte, alles in Nebel getränkt, das extrem deutliche und laute Sprechen, das Chorische immer wieder, nein, alles zusammen. Alles zusammen erreicht ein inszenatorisches Ausmaß, das den Inhalt fast vergessen lässt. Es war in diesem Fall vielleicht zu viel von Ulrich Rasche!

Denn warum tötet ein Vater seine Tochter? Löst einen Krieg aus? Die Tötung der eigenen Tochter, zehn Jahre Krieg und schließlich die Zerstörung einer ganzen Stadt – alles wegen der Entführung der schönen Frau des Bruders. Ist es absolute Egomanie? Es heißt einmal mit der Stimme des Chores zu Agamemnon: „Töricht schienst du mir zu sein: Ein König, der den Sinn nicht steuern kann, nicht die Gedanken, nicht sein Herz.“ Ja, es schien eine völlig übertriebene Reaktion zu sein, die natürlich unfassbaren Gram und Wut bei den zurückgebliebenen hervorrief, nicht nur bei den leidenden Frauen der kämpfenden und gestorbenen Soldaten, sondern vor allem auch bei Agamemnons Frau, Klytaimnestra. Auf eine üble Tat folgt dann auch immer die nächste üble Tat. Rache, Rache, Rache, nur das kann der Mensch wohl, scheint Aischylos und die alte Welt schon gesehen zu haben. Man hat es damals auf einen Fluch und auf Rachegötter zurückgeführt, aber im Grunde ist es heute immer noch so, siehe Israel/Palästina. Auch dort folgt zum x-ten Mal Rache auf Rache. Aischylos hat den Menschen beschrieben.

Am Ende stehen lange Zeit Klytämnestra (Pia Händler) und schließlich auch Aigisthos (Lukas Rüppel) splitternackt vor dem Publikum und bringen die letzten Sätze. Kann ihre Nacktheit – sie sind den Personen Klytämnestra und Aigisthos entschlüpft – zeigen, dass es nicht nur um die beiden, um Klytämnestra und Aigisthos, geht, sondern um alle Menschen? Das kann es.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters. Nächste Termine sind am 22. Dezember, 28. Dezember und 29. Dezember.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld


THEATERTREFFEN EXTRA: Ágota Kristóf – Das große Heft, Fassung von Ulrich Rasche

Ulrich Rasche! Er war schon 2017 mit Friedrich Schillers „Die Räuber“ auf dem Theatertreffen, war 2018 mit Georg Büchners „Woyzeck“ auf dem Theatertreffen und dieses Jahr, 2019, mit „Das große Heft“, einem Roman von Ágota Kristóf.

Ein grauenhaftes Buch und eine Inszenierung, die einen mitgenommen hat. Das Grauenhafte kam in der für Ulrich Rasche so typischen Art der Inszenierung diesmal sogar noch etwas stärker zum Vorschein.

Sie waren Zwillinge – es war Krieg – ihre Mutter brachte sie zur Großmutter in die ländliche Gegend, weg von der bedrohten Hauptstadt – die Zwillinge lernten fürchterliches Leid kennen, Dreck, Hunger, Vergewaltigung, Erniedrigung, Tod, Lust an Gewalt etc. – aber sie nahmen alles hin, lernten daran, stählten sich, fasteten, töteten Tiere, sehen Sodomie, stellten sich blind und taub, fügten sich selbst Schmerzen zu, beleidigten sich gegenseitig und und und – sie behielten trotz allem in kleinen Momenten ihre Menschlichkeit – dadurch, dass sie ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Beobachtungen in einem „großen Heft“ festhalten, entsteht eine Aufsatzsammlung – was mit Mutter und Vater geschah, verrate ich hier nicht – es geht bis zum Ende, das noch einmal besonders grausam ist. Ergebnis: Brutalst gestählert für das Leben – es sind ja Kriegszeiten – und trotz aller Grausamkeit immer noch mit Herz? Geht das? Ist etwas unerschütterlich? Oder ist das Leid letztlich größer?

Es gibt eine (wahrscheinlich gelungene) Verfilmung des Romans, HIER der Trailer.

Warum sich Ulrich Rasche dieses grauenhafte Buch herausgesucht hat, verstehe ich nicht ganz. Nur um zu erschüttern und zu beeindrucken? Das wäre wahrlich gelungen! Ich habe lange überlegt: Langsam frage ich mich, was denkt sich Ulrich Rasche dabei? Wie schon mehrfach gesagt: Es ist ja keine Theateraufführung, es ist etwas Anderes. Ulrich Rasche bringt Literaturshows auf unglaublich eindringlicher Art und Weise auf die Bühnen. Kann man Literatur in dieser Art so vereinheitlichen? Zu was führt das? Gut, es macht einerseits den Text eindringlicher und bewusster. Der Text und der Inhalt – nur darauf kommt es Ulrich Rasche vielleicht an – werden dem Zuhörer geradezu eingehämmert. Das hat eine beeindruckende Wirkung und kommt den puren Texten der Werke meist zugute. „Achte nur auf das, was der Autor sagt“, scheint Ulrich Rasche sich und uns zu sagen.

Andererseits aber gehen Elemente verloren: Jede Nuance der Gefühlswelt. Jede Freude. Jede Gelassenheit. Jede Leichtigkeit. All das will Ulrich Rasche nie zeigen! Es geht unter im Gebrüll, im Stakkato des Textes, im Ambiente insgesamt. Alles wirkt schwer. Wird der Zuhörer durch diese Art der Darbietung übertölpelt? Soll er einen ganz bestimmten Eindruck bekommen? Man kommt ja kaum zum Atmen. Ich bin fast schon vorsichtig, lese die Texte dann lieber noch einmal!

Ágota Kristófs trauriger Roman „Das große Heft“ ist 1986 erschienen, wurde in 30 Sprachen übersetzt. Noch lauter, noch bedrohlicher und aggressiver als in seinem bisherigen Stücken wird der Text des Buches hier in großen Ausschnitten von den auf sich drehenden Scheiben ständig marschierenden Schauspielern einzeln oder im Chor rezitiert, gerufen, geschrien. Noch eindringlicher als sonst. Und wie immer begleitet von monotoner Livemusik, Schlagzeug, Violinen, Cello, E-Bass. Auch die Musik schien mir diesmal noch ein wenig lauter. Diesmal waren es im Übrigen nur männliche Mitwirkende, auch das prägte den Abend mit. Es war alles beeindruckend, aber grenzwertig.

In der nächsten Spielzeit übrigens wird Ulrich Rasche auch erstmals am Wiener Burgtheater inszenieren. „Die Bakchen“ von Euripides. Männlich kann es dann wohl kaum werden. HIER der Link zum neuen Spielzeitheft des Burgtheaters in Wien. Es wird ja dort die erste Spielzeit unter dem neuen Intendanten Martin Kušej sein.

Es gab ja kürzlich auch schwere Vorwürfe gegen Ulrich Rasche am Frankfurter Schauspielhaus. HIER ein Bericht der FAZ. Schade. Offenbar gab es Schwierigkeiten im Umgang Ulrich Rasches mit seinen Mitarbeitern. Vielleicht fehlen ihm im wahren Leben doch die Dinge, die auch in seinem Literaturtheater fehlen (siehe oben)? Die Leichtigkeit etc.

HIER ein kurzes Video des Staatsschauspiel Dresden zur Inszenierung.

©️ des Beitragsbildes: Sebastian Hoppe

THEATER: Hugo von Hofmannsthal – Elektra

Es gibt „Theateraufführungen“, bei denen man im Grunde vor der Frage steht: Was sieht man sich da an? „Theater“? Nun, Definitionen sind natürlich schnell künstliche Schranken, die versuchen, Phänomene zu erfassen und einzuordnen, die sich aber doch weiterentwickeln.

Definieren sollte man daher auch den Begriff „Theater“ nicht unbedingt, vieles entwickelt sich auch in der Theaterwelt weiter. Definitionen schaffen nur Schubladen. Eine dieser älteren Schubladen war natürlich das „Sprechtheater“. Aber dahingehend hat sich das Theater ja schon sehr weit geöffnet. Was auch schön ist! Aber trotzdem: Manchmal kann man sich fragen: Was ist das, was man sieht? Schauspiel? Performance? Wieder etwas anderes? Ich meine, man geht ja „ins Theater“.

Zwei derartige „Stücke“, die zu solchen Überlegungen Anlass gaben, konnte ich in den letzten Tagen sehen: „Oratorium“ von SheShePop in Augsburg und „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal in München. Über „Oratorium“ schreibe ich gesondert. Hier geht es um „Elektra“.

„Elektra“ läuft seit kurzem am Münchner Residenztheater. Eine Inszenierung von Ulrich Rasche. Wer „Ulrich Rasche“ hört, weiß zumindest seit seiner Inszenierung von „Die Räuber“ von Friedrich Schiller am Münchner Residenztheater Bescheid. Außerdem „Woyzeck“ von Georg Büchner. Beide Inszenierungen waren in den vergangenen Jahren zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Dieses Jahr ist von ihm „Das große Heft“ nach dem Roman von Agota Kristof eingeladen. HIER einen Trailer über „Das große Heft“.

Was Ulrich Rasche macht, sind gigantische Literaturshows! Es ist eben nicht „Theater“, sage ich mal. Es sind auch nicht „Performances“, das große Pendant heutzutage. Wobei das Wort „Literaturshow“ zu banal ist. „Literatur – Opus“ wäre der bessere Begriff für seine Art der Inszenierung. Oder besser: „Zelebrierung klassischer Literatur“.

Genau: Wahrhaft Zelebrierung klassischer Literatur. Auch „Elektra“ ist wieder eine solche Zelebrierung. Ein höchst aufwändiges Herauszerren eines klassischen Literaturtextes aus dem Schatten. Die klassischen Literaturvorlagen, denen sich Ulrich Rasche annimmt, werden auf gigantisch aufwendige („Das große Heft“ ist nicht so aufwendig – Dresden hat sicher nicht die Mittel, das Münchner Residenztheater ist da besonders -, aber nach demselben Modell gebaut), sehr beeindruckende, eindringliche und gleichzeitig geradezu bedrängende Art und Weise dargebracht. Immer begleitet von lauter und leiser Livemusik mit Pauken und Violinen. Wobei auch „Musik“ kann man es kaum nennen. Es ist eine akustische, immer wieder auch bis ins Bedrängende gehende Begleitung und Untermalung des Werkes. Sie führt das ganze noch einmal ins Extreme. Monotonie, Präzision, Perfektion, Lautstärke, Kraft, Akustik, Text, stundenlange Fußmärsche der Akteure. Nur das ist Ulrich Rasche.

Manche sagen zu seinen Inszenierungen „Mensch-Maschinen-Theater“. Den Grund dafür sieht man etwa im obigen Beitragsbild. Oder hier in diesen weiteren Bildern:

©️ Thomas Aurin
©️ Thomas Aurin

Ich finde aber nicht, dass der Begriff „Mensch-Maschinen-Theater“ passt. Es geht nicht um Schauspiel. Es wäre ja bei Ulrich Rasche seit Jahren dasselbe Schauspiel! Es geht um die Rezitation einer klassischen Vorlage. Mehr nicht. Fast wortgetreue bringt Rasche die Texte. Das Wort zählt, nur das Wort. Und nur das Wort muss man hier auch wirklich ernst nehmen! Entsprechend langsam und deutlich und laut sprechen auch die auf der Stahlkonstruktion gehenden „Akteure“. Die Nebeneffekte der gigantischen Textzelebrierung: Bei „Elektra“ gehen alle SchauspielerInnen auf einer sich drehenden Scheibe. Gegenläufig dreht sich ein dünnes Lichtband. Auch übrigens bei „Das große Heft“ geht man auf einer sich drehenden Scheibe , siehe im Trailer. Bei „Die Räuber“ waren es breite, riesige Laufbänder. Bei „Woyzeck“ wieder eine Scheibe.

Angegurtet, immer dunkel (schwarz – manche nur beige) gekleidet, immer die dunkle Bühne, manchmal hochästhetische Lichteffekte, immer die „Musik“. Ein bisschen Nebel. Die Scheibe, die Laufbänder bewegen sich. Drehen sich, kippen. Bei „Elektra“ auch: Die Scheibe (siehe oben) hebt, senkt und verschiebt sich. Hinzukommt diesmal: Der riesige Stahldeckel der Konstruktion, der sich auch bewegt und verschiebt. Ein riesiges Stahlkonstrukt.

Dieser Zelebrierung des Textes kann man meines Erachtens nur folgen – oder sich der Bedrängung durch die Eindrücke widersetzen, wenn man sich mit den Vorlagen, die gebracht werden, auseinandergesetzt hat. So auch bei „Elektra“. Ich hatte während der Vorstellung von Elektra dazu eine Herangehensweise, die ich gleich schildern werde, weiter unten.

Worum geht es nochmal in der klassischen Version von „Elektra“: Die Familientragödie. Der Vater Agamemnon opfert für guten Wind auf seiner Reise nach Troja die Tochter Iphigenie. Die Mutter Klytämnestra nimmt es ihm übel. Agamemnon kommt nach Jahren des Krieges nach Hause. Er wird von Klytämnestra und ihrem Freund Aigistos getötet. Dass Aigisthos dadurch König wird, ist natürlich auch ein schöner Effekt. Elektra wiederum, die Tochter von Agamemnon und Klytämnestra, möchte den Tod ihres Vaters rächen. Sie kann es nicht, versucht, ihre Schwester Chrysotemis zu überreden. Sie tut es auch nicht. Dann kommt ihr totgeglaubter Bruder Orest. Er tut es. Er tötet die Mutter. In der griechischen Urfassung von Elektra geht es Elektra dann gut. In der Fassung von Hugo von Hofmannsthal zerbricht Elektra daran.

Meine Sicht der Dinge an dem Abend war eine andere. Ich habe mir vorgestellt: „Es gab gar keinen Tod. Das mit den Toten war immer nur eine übertriebene Art der Darstellung einer ganz anderen Situation. Alles übertrieben.“

Es gab nur einen kleinen Familienstreit. Er dauerte vielleicht nur 10 Minuten. Und daraus hätten die Griechen – Euripides, Sophokles etc. – dann eben die Tragödie „Elektra“ gemacht. Ein durchaus heftiger Streit war es vielleicht, die Familie sollte eben, würde man heute sagen, einmal eine Therapie besuchen. Ich hatte diesen Gedanken, da Hugo von Hofmannsthal ohnehin eine psychologisierende Herangehensweise hatte.

Und so sah ich es im Einzelenen: Elektra, Orest und Chrysothemis sind nur Teile einer einzigen Person. Auch das war bei mir angeregt durch das wieder sehr interessante Programmheft des Abends. Die gigantische Stahlkonstruktion ist dann der Kopf von Elektra. Alles schmilzt zusammen. Es spielt sich nur kurz in Elektras Kopf ab: Eine Familiensituation war es: Elektra hatte sich – vielleicht schon vor längerer Zeit – mit ihrem Vater gestritten. Der Vater hatte sie irgendwie verletzt, weil er irgendetwas anderes für wichtiger hielt (also Iphigenie, einen Teil von Elektra, „opferte“). Das aber nur nebenbei.

Die Mutter Klytämnestra hat dann – einige Zeit später – einen Freund. Die Mutter wirft es dem Vater auch vor, dass er mit Elektra nicht gut umging, sie verletzte. Der Vater war wegen irgendetwas (der Wind) der Tochter gegenüber egoistisch. Die Ehe scheiterte eben. Wie so oft. Warum auch immer, es wäre die Aufgabe einer Therapie, bei der vielleicht herauskäme, warum sich die Mutter so über den Vater ärgerte. Weil sie sich über ihn ärgerte, hat sie einen Freund. Elektra möchte dann, war meine Vorstellung, der Mutter jedenfalls Vorwürfe machen. Da wurde früher eben geschrieben: Sie möchte die Mutter töten! Weil die Mutter diesen Freund hat (Aigistos). Und das sind die 10 Minuten, um die es nur geht. Elektra schafft es nicht, der Mutter einen schweren Vorwurf zu machen. Sie will mehr, als nur einen kleinen Streit anzetteln. Elektra ist belastet. Sie sagt ja auch: Warum liegt alles so schwer auf mir? Warum zerstört es mich? Psychologie pur.

Elektra redet in meinem ner Vorstellung mit sich selbst (mit Chrysothemis). Sie wartet auf die Kraft in sich (auf „den Bruder Orest“ als Teil von Elektra), ihrer Mutter diesen schweren Vorwurf machen zu können. Und etwa aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen, nach heutigem Muster. Sie bekommt dann die Kraft (Orest taucht ja auf), sie macht der Mutter den Vorwurf (Orest „tötet“ ja die Mutter) und im Anschluss daran geht es Elektra gut beziehungsweise schlecht. Im klassischen Text heiratet Elektra später den Pylades. Der ganz „normale“ Fall für eine Familientherapie eben.

Und so wurde der gigantischer Abend in meiner Vorstellung auf ein ganz normales Maß heruntergedampft. Das tat gut. Aber eins ist klar: Dieser Abend ist besonders, er ist absolut zu empfehlen, wenn man sich mit dem Text auseinandersetzt. Nicht einfach ein Schauspiel erwarten!

HIER geht’s zur Programmseite des Residenztheaters zu „Elektra“. HIER ein Filmchen über den Aufbau der Bühne bei „Elektra“.

©️ auch des Beitragsbildes: Thomas Aurin