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LITERATUR: Katya Apekina – Je tiefer das Wasser

Dieser nicht leicht zu verdauende, aber beeindruckende Roman ist in der derzeitigen schwierigen Situation (Corona) möglicherweise eher unpassend. Er zieht runter! – Ich hatte ihn kurz davor gelesen, Glück gehabt!

Man hat derzeit ja genug mit Ausgangsbeschränkungen zu tun, braucht jetzt vielleicht eher etwas Erbauendes, Aufmunterndes. Aber: Es ist ein sehr guter, meines Erachtens lesenswerter Roman!

Meine Bewertung: 8 Punkte von 10 Punkten.

Ich kann ihn empfehlen und würde vorschlagen, ihn sich für eine etwas leichtere Zeit zurückzulegen. Katya Apekina mit ihrem Debutroman „Je tiefer das Wasser“. Sie ist Russin, in Amerika aufgewachsen.

Es ist eine sehr eigenwillige Story, die auch eigenwillig und gut geschrieben ist. Autobiografisch? Ich weiß es nicht. Aber all das völlig frei zu erfinden, ist sicher schwer. Der Roman ist problembeladenen, die ProtagonistInnen des Romans tragen heftige Probleme mit sich herum, die große Komplikationen verursachen:

Nach dem Suizidversuch ihrer Mutter stranden zwei Schwestern bei ihrem Vater in New York, der sich schon in jungen Jahren von ihnen zurückgezogen hatte. Trennung. Doch damit beginnen erst die Probleme.

Die komplizierte Geschichte ist vor allem aus der Sicht der beiden Schwestern, Edith und Mae, beschrieben. In vielen vielen kurzen Kapitelchen werden die Vorgänge und Gefühle der Mitwirkenden aus allen möglichen Blickwinkeln heraus geschildert. Da kommt schon einmal die Zimmergenossin im Krankenhaus, in dem die Mutter liegt, zu Wort.

Es geht schon damit los, dass der Vater von Edith und Mae vor langer Zeit die um viele Jahre jüngere Tochter eines Bekannten heiratete. Marianne wurde seine Ehefrau, die dann eben Jahre später einen Suizidversuch unternahm.

Der Suizidversuch hängt irgendwie wahrscheinlich auch mit der eigenartigen und zerstörerischen Wirkung des Mannes, Dennis, einem erfolgreichen Schriftsteller und Frauenheld, zusammen. Hinzukommt aber sicherlich auch, dass Marianne wiederum sehr unter dem frühen Tod ihres Vaters, des Bekannten von Dennis, litt und schon früh depressive oder „verrückte“ Züge entwickelte. Züge, die wiederum ihre Tochter Mae intensiv miterlebte.

Hier spielt immer wieder auch im Hintergrund eine Black-Power-Geschichte herein, die (ganz amerikanisch) Ausgangspunkt für alles ist: Dennis fuhr nämlich in jungen Jahren mit seinem Freund Fred zu einer Demonstration und wurde im Grunde von Mariannes Vater, Jackson McLean, vor Gegnern der Anreisenden gerettet. Er, Jackson McLean, wurde aber daraufhin angeklagt und starb bald darauf im Stress.

Marianne ist also die Tochter von Jackson McLean, viele Jahre später gerät nun auch die Tochter von Marianne, Mae, in den irgendwie unerklärlichen Sog des ehemaligen Ehemannes von Marianne, ihres Vaters. Der Vater zieht irgendwie Personen auf sich und zerstört sie damit in gewisser Weise.

Wie gesagt: Sehr gut gemacht ist neben den komplizierten, aber sehr gut geschilderten psychischen Situationen der ProtagonistInnen – davon gibt es wahrlich viele verschiedene! – die Art und Weise, wie die einzelnen Szenen, die sich ergeben oder schon längst ergeben hatten, geschildert werden. Es gibt immer wieder Rückblenden.

Die eigentliche Handlung spielt ohnehin im Jahr 1997, als die Mutter den Suizidversuch unternommen hatte. Diese Zeit wiederum wird aus der Sicht von Edith im Präsens geschildert, ein großer Teil des Romans betrachtet diese Phase allerdings im Rückblick, aus der Sicht von Mae, Jahre später. Ein kleiner Teil des Romans beleuchtet wiederum die Vorgeschichte der Eltern in den sechziger Jahren. Es sind, wie gesagt, immer wieder kurze Kapitelchen mit kurzen Erklärungen der jeweils beteiligten Personen, in jeweils verschiedenen Zeiten. Sehr interessant gemacht.

Die Geschichte erscheint anfangs unverständlich, alles löst sich aber im Lauf der Zeit auf. Insoweit entsteht mehr und mehr der Sog, weiterzulesen.

Um die Übersicht über die Personenkonstellation einzubehalten, habe ich wieder eine Art mind map angelegt. Ich empfehle, sich diese mind map beim Lesen des Buches zur Seite dazuzulegen. HIER das Dokument.

HIER die Seite zum Buch auf der Website des Suhrkamp Verlages mit Informationen auch zu Katya Apekina.

THEATER und LITERATUR: „The Vacuum Cleaner“ und „Ich nannte ihn Krawatte“

DER ROMAN: Es ist die Erzählung über einen „Hikikomori“. Unter anderem zumindest. Ich bin andererseits durch ein Theaterstück auf das Buch gekommen. Es wurde mir dazu empfohlen. DAS THEATERSTÜCK: „The Vacuum Cleaner“ von Toshiki Okada, das an den Münchner Kammerspielen läuft.

„Ich nannte ihn Krawatte“ heißt der ROMAN von Milena Michiko Flašar. Es geht, wie im THEATERSTÜCK, um einen sogenannten „Hikikomori“. „Hikikomori“ werden in Japan Menschen genannt, die sich jahrelang von der Außenwelt abkapseln und – anstatt etwa irgendwann in jungen Jahren von zu Hause auszuziehen – nurmehr in ihren vier Wänden leben. Kein Kontakt zur Außenwelt! Schluss mit Gesellschaft! Es soll etwa eine Million Hikikomori in Japan geben – wobei die Zahlen sehr schwanken.

Die INSZENIERUNG „The Vacuum Cleaner“ wiederum ist zum Theatertreffen 2020 nach Berlin eingeladen, das im Mai stattfindet. Es wurde als eine der „10 bemerkenswertesten Inszenierungen deutschsprachiger Bühnen des vergangenen Jahres“ (die sogenannte „10er-Auswahl“) nach Berlin eingeladen. Das wiederum hatte mich angesichts der unspektakulären Inszenierung übrigens etwas gewundert, aber gut! Ich schreibe hier wenig über die Inszenierung.

HIER vielmehr „nur“ der Link zur Stückeseite, auf die ich schlicht verweise. HIER noch ein Video mit der Begründung der Jury des Berliner Theatertreffens zur Auswahl von „The Vacuum Cleaner!.

Es ist jedenfalls keineswegs eine irgendwie aufwühlende Inszenierung, eher ruhig und überschaubar. So arbeitet Toshiki Okada immer wieder an gesellschaftlichen Erscheinungen aus Japan – zum vierten Mal an den Münchner Kammerspielen. Immer etwas zurückhaltend und wahrscheinlich erkennen wir nicht alle Andeutungen und Anspielungen seiner „japanisch“ leisen und natürlich japanisch vornehmen und zurückhaltenden Arbeiten.

Meine Bewertung des Romans „Ich nannte ihn Krawatte“ jedenfalls, um den es hier im Folgenden gehen soll: 6 von 10 Punkten.

Man hält ein recht schmales „Büchlein“ in der Hand. Ein Büchlein aber – sah ich – mit über einhundert ganz kurzen, kleinen Kapiteln – mal ist es eine Seite, mal sind es eineinhalb Seiten, fast nie mehr. Auch inhaltlich ist es – merkte ich dann – keineswegs nur ein „Büchlein“. Das geschilderte Geschehen ist zwar äußerst überschaubar – hauptsächlich eine Unterhaltung des Hikikomori auf einer Parkbank mit einem Herrn, den er eben „Krawatte“ nannte.

Schlicht also, es werden aber viele viele Eindrücke von beiden „Protagonisten“ erzählt, angesprochen. Zu viele für meinen Geschmack. Fast jedes der Geschehen, die so angesprochen werden, wäre für sich gesehen einen eigenen Roman wert. Es sind im Wesentlichen folgende Geschehen, die angesprochen werden und mit denen der Leser also konfrontiert wird :

  • Der Hikikomori wagt sich tatsächlich von zuhause heraus! Er geht in einen Park, sitzt auf einer Bank. „Krawatte“ sitzt ihm wochenlang gegenüber.
  • „Krawatte“ wiederum hat kürzlich seinen Job verloren und traut sich nicht, es seiner Frau zu gestehen, er tut so, als würde er täglich zur Arbeit gehen.
  • „Krawatte“ ist – liest man dann – Vater eines behinderten Sohnes gewesen. Er verlor seinen Sohn sehr früh – als Säugling starb es schon. Davon erzählt er dem Hikikomori.
  • Der Hikikomori wiederum hatte durch einen Unfall einen Freund fast verloren. Das war der Anlass für ihn, sich aus dem Leben zurückzuziehen, er wollte nicht mehr in das Leben andere „hineingezogen“ werden. Schuldgefühle und Scham.
  • Weiter: Der Hikikomori war – fast noch als Kind – in das eigenwilligste Mädchen der Straße verliebt. Der Hikikomori verlor dieses Mädchen, sie beging Selbstmord, weil sie in der Schule, scheint es, gemobbt wurde.
  • Und weiter: Der Hikikomori traf aus zunächst unerfindlichen Gründen „Krawatte“ nicht mehr im Park an – sieben Wochen lang , bis er erfuhr, dass „Krawatte“ genau an dem Tag, an dem er – auch auf Anraten des Hikikomori – seiner Frau vom Jobverlust erzählen wollte … und so weiter.
  • „Krawattes“ Frau erzählt dem Hikikomori dann später, sie habe ….

Ich will nicht alles verraten. Soviel erfährt man jedenfalls. Puh! Ich muss gestehen: Ich dachte, es ginge in dem Roman hauptsächlich um die Gedanken eines Hikikomori. Aber es geht eher um „Krawatte“:

Es ist gut geschrieben, schön zu lesen, aber eben alles etwas viel. So viele erschütternde Ereignisse in diesem Roman! Wirklich schön sind aber die immer wieder auftauchenden, sensiblen wunderbaren Gedanken zum Leben – das Leben, was ist das schon? Das wiederum sind wohl Gedanken eines Hikikomori! Wegen dieser Gedanken lohnt es!

LITERATUR: Andreas Maier – Die Familie

Andreas Maier hat den siebten Teil seiner auf elf Teile angelegten Familiensaga herausgebracht. Es geht um Autobiografisches, er ist aufgewachsen im Hessischen, in der Wetterau, in Friedberg. Ich hatte bereits das ein oder andere Mal von ihm geschrieben.

Meine Bewertung (1-10): 📚📚📚📚📚📚(6)

Bisher waren es in der Familiensaga die Titel: „Das Zimmer“, „Das Haus“, „Die Straße“, „Der Ort“, „Der Kreis“ und „Die Universität“. Jetzt ist der Romanteil „Die Familie“ erschienen. Es sollen noch die Teile „Die Städte“, „Die Heimat“, „Der Teufel“ und „Der liebe Gott“ folgen.

Im Grunde habe ich alles von Andreas Maier gelesen. Er schreibt einfach, mit leichter Anlehnung an Thomas Bernhard (er hat über Thomas Bernhard promoviert), schildert unspektakuläre Dinge, fein beobachtend, teils sarkastisch, trocken, bitter, aber auch humorvoll. Früher nicht autobiografisch, seit einiger Zeit autobiografisch. Ich sage es immer wieder: Lesenswert sind besonders, finde ich, seine ersten Werke: Wäldchestag, Klausen, Kirillow, Sanssouci etc. Jedes für sich schildert köstliche Begebenheiten („Klausen“ etwa: Der Bau der Brücke der Brennerautobahn über Klausen hinweg) und Personen mit einfachen und umso treffenderen Worten. Doch auch alle seine späteren Werke habe ich genossen. Da ist der jetzige Roman „Die Familie“ fast ein wenig eine Ausnahme: In diesem erstaunlich knappen Buch wird so viel geschildert, wofür sich Andreas Maier eigentlich, meine ich, mehr Raum gibt. Das Buch „Die Familie“ enttäuscht insoweit fast ein wenig, wenn man Andreas Maier’s trockenen und bissigen, immer auch humorvollen Schreibstil sucht. Daher nur sechs Punkte.

HIER die Seite zu Andreas Maier beim Suhrkamp Verlag. Und HIER zehn Seiten aus dem Roman „Die Familie“, gelesen von Andreas Maier.

Zum Inhalt: Im Folgenden zeichne ich ein wenig deutlicher, als sonst, den Verlauf des Romans nach – Achtung! Es geht wieder um die kleine Welt in Friedberg und letztlich um den Konflikt mit der „großen weiten Welt“, die immer wieder Bedeutung erlangt. Natürlich bleibt das lokale kleine Idyll in Friedberg nicht für immer das Idyll. Am Anfang war für ihn, für Andreas Maier, zwar noch alles schön begrenzt: Der große Garten, die (unter anderem) immer wieder waschende und kochende Mutter, der arbeitende Vater, CDU-Mitglied, die vom Vater ausgehobene Grube im Garten, das Zelt. Eine verfallene Mühle auf einem Teil des riesigen Grundstücks. Allenfalls der Blick des kleinen Andreas in die Sterne brachte eine erste Ahnung von Größerem.

Dann, in den ersten Jugendjahren, kam – der damaligen Zeit entsprechend – linkes Gedankengut im „Kinderplanet“ auf, es war von den Eltern nicht gerne gesehen, dass Andreas immer wieder dorthin ging. Ebenso war der Eingriff der Schule in die Erziehung der Kinder nicht gerne gesehen, „funktionale Miterzieher“ nannte die Mutter die Lehrer. Dann liest man vom amerikanischen Freund und spätere Ehemann von Andreas’ immer komplizierter werdender Schwester (es gibt doch einen älteren Bruder), von ihren meist unverständlichen USA-Reisen und Umzügen dorthin mit ihrem Mann und ihren Kindern, von ihren Aufenthalten dort und ihren Aufenthalten in anderen Ländern.

Die Mutter sagte nur: Was haben wir bloß falsch gemacht?

Dann liest man von „Türken“, die angeblich kurz in der Mühle gewohnt hatten (neben dem Haus, in dem Andreas aufwuchs), von „Rumänen“, die gegenüber wohnten, von Bülent, dem türkischen Freund von Andreas, von Dörte, der dänischen Ehefrau von Onkel Heinz, die offenbar Heinz sehr zu seinem Nachteil – finden die Eltern – verändert hat. Alles Dinge und Personen, die das „verwunschene“ Familienidyll in Friedberg nach Ansicht der Eltern störten. Friedberg und die Einflüsse der großen weiten Welt …. Schön wiederum, so war es doch bei vielen von uns! Und ich kann mich auch erinnern: Für Eltern war es damals alles viel suspekter, als es heute erscheint.

Und am Ende holt ihn, Andreas Maier, die vergangene Welt komplett ein: Die Nazivergangenheit der Familie. Das Idyll, das Andreas Maier in allen bisherigen Teilen seiner elfteiligen autobiografischen Familiensaga beschreibt, bricht zusammen. Alles, das ganze bisherige Leben der Familie, sei ja dann nur eine „Form des Schweigens“ gewesen. Da wird Andreas Maier fast etwas ernster, als es gewohnt ist. Wer Andreas Maier kennt, müsste sich eigentlich sagen: Auch das müsste irgendwie eine gewisse Leichtigkeit behalten. Das fällt fast schwer. In diesem Fall kann man das Buch nämlich auch so sehen, dass durchgehend etwas Schweres mitschwingt: Die Grube wie ein Grab, die Judenverfolgung, Friedberg wird „judenfrei“, ein Friedhof, etc. Andererseits: So ging es ja irgendwie fast allen deutschen Familien. Es war eben so.

Und dann folgt noch ein Epilog: Das Motto: Alles löst sich ohnehin auf. Alles wird letztlich gut, könnte man meinen, es lässt sich ohnehin nicht mehr so richtig nachvollziehen. Es bleibe nur „Schwarzweißaufnahmen“. Diese Feststellungen beziehen sich konkret auf ein Gerichtsverfahren, das sich durch den Roman zieht, sie könnten sich aber auch auf das Thema der Nazizeit beziehen.

Zum Schreibstil: Einiges habe ich oben ja schon erwähnt. Auffallend ist diesmal der ständige Wechsel zwischen Präsens und Vergangenheitsform in der Erzählung der Gegebenheiten. Das liest sich aber gut!

Mein Fazit: Es ist nicht eines der besten Bücher von Andreas Maier.

THEATER und LITERATUR: Viginie Despentes – Vernon Subutex

Ich hatte schon einmal darüber geschrieben: Über die Premiere von „Das Leben des Vernon Subutex“, inszeniert von Stefan Pucher, an den Münchner Kammerspielen. HIER mein damaliger Bericht. Ich fand es damals nicht überzeugend, hatte allerdings das Buch dazu noch nicht gelesen. Das habe ich jetzt nachgeholt und habe mir das Stück in den Kammerspielen wieder angeschaut. Heute geht es um Beides.

Meine Bewertung der Bücher (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚📚📚📚 (9)

Es sind drei Bücher. Subutex 1 – 3. Geschrieben von der Französin Virginie Despentes, die früher unter anderem in Peepshows arbeitete. Sie erhält viele Auszeichnungen für Ihre Werke. Sie schreibt unverblümt und verdammt ehrlich, in klarer und derber Sprache, Umgangston in den Gesprächen. Den Milieus entsprechend, über die sie schreibt. Und nichts wirkt gekünstelt. Das mag ich, daher die neun Bewertungspunkte. HIER der Link zu ihrer Seite bei Wikipedia. 1200 Seiten. Die Süddeutsche Zeitung schrieb einmal zurecht etwas wie: „Man will jede Seite lesen“.

Ich habe es gewagt, die drei Bücher auf Französisch zu lesen. Französisch hatte ich vor vielen Jahren in einem Studiumsjahr in Lausanne gelernt. Es wurde immer besser: Für Buch 1 hatte ich noch die deutsche Ausgabe daneben liegen. Für Buch 2 hatte ich die Seite des Onlinewörterbuchs http://www.leo.org parat. Buch 3 konnte ich schon fast wie die deutsche Ausgabe lesen. Nachzuschauen waren allerdings immer wieder die derben Wörter der Umgangssprache.

Ein deutliche Eindruck, den ich vor allem beim Vergleich der deutschen und der französischen Ausgabe von Band 1 gewonnen hatte: Seltsamerweise liest sich die deutsche Übersetzung rüder, uncharmanter, derber, fieser. Das ganze ist natürlich inhaltlich und vom Schreibstil her rüde, uncharmant und derb. So soll es aber auch sein, das ist es, was man erlebt und liest, wenn man den „Vernon Subutex“ liest. Aber in der französischen Originalausgabe hat alles eine gewisse Eleganz. Es wirkt in keinem Satz irgendwie plump. Im Deutschen wirkt es einfach plump. Ein Beispiel? Das deutsche „ficken“ heißt „baiser“ auf französisch. Ist doch irgendwie galanter, finde ich. Also: Wer kann, sollte es unbedingt auf Französisch lesen!!

INHALTLICH: Vernon Subutex, seines Zeichens Plattenhändler aus Paris, ist ohne Dach über dem Kopf. Sein Plattenladen hat Bankrott gemacht. Er kommt zunächst bei FreundInnen unter, bevor er auf Parkbänken landet. Bei einer Freundin stößt er auf brisante Tonbandaufnahmen/Videos des gestorbenen Musikers Alex Bleach. Bleach erklärt, dass es der Produzent Dopalet war, der den Tod der Ex-Pornodarstellerin Vodka Santana verursacht hatte. Dopalet will an die Aufnahmen kommen, sie aus dem Verkehr ziehen. Die Tochter von Vodka Santana, Aïcha, rächt sich kurios an Dopalet. Und so weiter. Bei alledem entsteht ein Kult um Vernon Subutex, der immer noch als begnadeter DJ wirkt. Es eskaliert.

Also: Ein erfolgloser Drehbuchautor mit Amok-Phantasien (Xavier). Eine ehemalige Drogendealerin, die zum Internet-Troll umgeschult hat (La Hyäne). Eine Professorentochter, die zum Islam konvertiert (Aïcha) und ihr darüber verzweifelnder Vater (Selim). Ein drogensüchtiger Popstar (Alex Bleach) und sein Manager (Max). Ein koksender Trader (Kiko), eine obdachlose Hundeliebhaberin (Olga) mit großem Gerechtigkeitssinn und eine ehemalige Pornodarstellerin (Pamela Kant). Ein rechtsradikaler H&M-Verkäufer (Noël) und sein Kumpel (Loïc), eine einsame Staatsbeamtin (Emilie), ein krankhafter Frauenschläger (Patrice) und eine Kellnerin mit Talent zum Tätowieren (Celeste). Sie alle und mehr bevölkern das Leben des Vernon Subutex. Sie alle träumen von einem anderen besseren Leben, auf ganz unterschiedliche Weise. 

SCHREIBSTIL: Einfach und einfach gut. Der Schreibstil und der Ton der Gespräche passen exakt zum Milieu, in dem alles spielt. Bei alledem erwischt man sich etwa auf jeder zehnten Seite dabei, von einem Thema zu lesen, das einen selber betrifft, eine Meinung zu hören, zu der man im Grunde auch etwas sagen kann, weil man sie kennt. Das liegt daran, dass Virginie Despentes viele Facetten unseres modernen Lebens schildert. Aus der Sicht von „unten“ – das Milieu des Buches – und immer wieder auch politisch. Lesen!

DAS THEATERSTÜCK: Wie gesagt, ich hatte schon darüber geschrieben. Damals dachte ich: „Das kann es doch nicht gewesen sein.“ Daher habe ich es gelesen und dann noch einmal angesehen. Und ich muss sagen: Die Inszenierung geht am Milieu vorbei, ist viel zahmer als das Buch, viel zu zahm. Aber es war eben eine Inszenierung von Stefan Pucher. Und Stefan Pucher bringt selten extrem Aufwühlendes. Er glättet mehr. So auch hier.

Gut, er versucht, den Ablauf der langen Geschichte um Vernon Subutex in dreieinhalb Stunden auf die Bühne zu bringen. Doch das Milieu und das Kulthafte der Erzählung gehen dabei meines Erachtens leider verloren. Auch die vielen sehr gelungenen Videoeinspielungen zeigen irgendwie ein anderes Milieu, als dasjenige, das Virginie Despentes schildert.

Hier eine Aufnahme der Inszenierung:

©️ Arno Declair

Und hier noch eine:

Arno Declair

Schön ist wie immer der professionelle und coole Gesang von Jelena Kuliç, die Vernon Subutex spielt. Und schön kann es sein – wer darauf Wert legt – fast alle Ensemblemitglieder der Kammerspiele auf der Bühne zu sehen. Zur Bühne noch: Sie erschien mir bei dieser Inszenierung unpassend eng und klein. Warum nicht so groß, wie die Ideen der Personen im Buch, so groß wie Paris, so groß wie die Themen, über die geredet wird, warum so eng?

Die Inszenierung wird auch in der kommenden Spielzeit zu sehen sein. HIER der Link zur Seite des Stückes auf der Website der Kammerspiele. Mit einem Video zur Inszenierung.

Auf Spotify gibt es eine Playlist mit allen Songs, die von Virginie Despentes in den Büchern erwähnt werden. HIER der Link.

LITERATUR: Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Meine Bewertung (1-10): 📚📚📚📚📚(5)

Es wurde mir sehr empfohlen, dieses Buch. Manche scheinen es besser zu finden, als ich. Mein Eindruck:

INHALT: Es geht im wesentlichen um das Leben des Ich-Erzählers Jules. Aber auch um das Leben seiner beiden Geschwister Liz und Marty, obwohl die Geschwister nach dem Tod der Eltern Jahre lang sehr getrennt voneinander leben. Sie verlieren früh in der Kindheit durch einen Unfall beide Eltern. Jules und seine Geschwister kommen ins Internat. Man verfolgt im Grunde das Leben des Ich-Erzählers bis zum frühen Tod seiner Frau Alva. Alva, die Jules schon im Internat kennen lernte. Immer wieder blendet Jules zurück in seine Vergangenheit. Zu verschiedenen Momenten, die ihn immer noch beschäftigen. Eingerahmt ist das Ganze von einem Motorradunfall von Jules, der bereits am Anfang der Geschichte erwähnt wird. Seine Geschwister fragen sich und ihn, ob es sogar ein Selbstmordversuch war, was Jules verneint.

STIL: Er hat mir nicht so gefallen. Die Geschichte ist interessant, man will weiterlesen, man will wissen, was mit wem passiert. Keine Frage. Insoweit ist es eine interessante Sommerlektüre. Für den Urlaub. Es gleitet nur immer wieder meines Erachtens in etwas zu gekünstelte Aussagen oder Gespräche an den entscheidenden Stellen. Das kann man dann natürlich „literarisch“ nennen. Ich lese aber ungern solch etwas gekünstelte Texte.

Es mischen sich die durchgehend sehr realistischen – vielleicht autobiografischen – Vorgänge in Jules Leben leider immer wieder mit etwas zu gekünstelter Sprache, fand ich. Und sofern es nicht etwas zu gekünstelt ist, ist es meines Erachtens sprachlich nicht gerade galant. Spannend, aber nicht galant oder im Stil aufregend geschrieben.

Also „Lesegenuss“ würde ich es nicht nennen. Eine interessante gute Urlaubslektüre. Man will zu Ende lesen.

HIER ein Link zur Besprechung des Buches auf der erstaunlich umfangreichen Website von Dieter Wunderlich.

THEATER UND LITERATUR: C. Bernd Sucher – Suchers Welt

Ich hatte ja kürzlich geschrieben, dass ich die sonntägliche Erläuterung von C. Bernd Sucher zu James Joyce in der Reihe „Suchers Leidenschaften“ mitverfolgt hatte. HIER mein Beitrag. Bei der Gelegenheit bin ich auf zwei relativ neue Büchlein von C. Bernd Sucher gestoßen: 49 leidenschaftliche Empfehlungen von C. Bernd Sucher zum Genre „Theater“ und 49 leidenschaftliche Empfehlungen von ihm zum Genre „Literatur“.

Vielen Dank an C. Bernd Sucher für die Exemplare! Beide Büchlein passen natürlich wunderbar in diesen Blog. Die Auflistung der Theaterempfehlungen siehe unten. Ich habe mir die Mühe gemacht, zu den Theatermenschen, über die C. Bernd Sucher schreibt, kleine Videos herauszusuchen (mal kürzere, mal längere, meist YouTube) und zu verlinken. Verlinken darf man ja. So kann man sich einen kleinen weiteren Eindruck verschaffen. Siehe unten.

Die Auflistung der Literaturempfehlungen von C. Bernd Sucher ist dagegen hier:

Eins ist klar: Es sind in beiden Fällen klassische Empfehlungen: Große Stars der Theaterwelt und große Stars der Literaturwelt. Ich selber hätte den ein oder anderen etwas progressiveren Menschen der Theaterwelt und das ein oder andere etwas progressivere Werk der Literaturwelt aufgenommen, aber dennoch. Um sich einen kleinen „Überblick“ zu verschaffen („Überblick“ insoweit, als mit C. Bernd Sucher ein großer Kenner der Materien schreibt), findet man eine schöne Auswahl in beiden Bereichen, Theater und Literatur.

Das Schöne ist auch: Es sind zwar sehr persönliche Auswahlen, aber sie ergehen sich in keinster Weise in rein persönlichen und subjektiven Statements zu den ausgewählten Menschen und Werken. Die Beschreibungen sind immer wieder informativ und interessant, getragen allerdings von großem Interesse, Vorlieben und Gefallen! Es sind ja „leidenschaftliche“ Empfehlungen. C. Bernd Sucher findet auch immer wieder Worte, die nicht übertrieben klingen, nicht abschrecken. Soweit ich die beschriebenen Personen oder Werke kenne, kann ich fast immer sagen: Treffend beschrieben, schöne Charakteristika formuliert!

Was die literarischen Werke angeht: C. Bernd Sucher schreibt nicht über die Inhalte der Werke, nicht über den Schreibstil. Er schreibt „um die Bücher herum“, schildert Umstände, wie sie entstanden sind, schildert Personen und Gegebenheiten, zitiert dann vielleicht kurz einmal raus, stellt sie in Beziehung zu anderen Werken des Autors etc. Er stellt sie immer wieder in einen interessanten Zusammenhang.

Was die Beschreibung der Personen der Theaterwelt anbelangt, fällt mir auf, dass er immer schnell auf den Kern kommt. Man bekommt ein Gefühl für das, was die Person wirklich ausmacht. Es werden Begegnungen geschildert, es wird der Lebensweg der Person dargestellt, werden besondere Erlebnisse oder Lebenseinschnitte der Person geschildert, Beziehungen zu bestimmten Theaterstücken oder Autoren genannt, Äußerungen gebracht etc. Und auch hier: Treffend und gut beschreibend, wenn ich das so vermessen sagen darf. Es sind ja immer kurze Texte. Sie kommen eben direkt auf interessante Punkte, es wird nicht um den heißen Brei herum geschrieben.

Hier, wie gesagt, sind die Links zur Theaterauswahl, schöne Videos zum Teil. Man muss die Menschen ja sehen.

HIER der link zur Seite des Buches „Literatur“ beim Droemer Knaur Verlag.

HIER der link zur Seite des Buches „Theater“ beim Droemer Knaur Verlag.

LITERATUR: Suchers Leidenschaften – James Joyce

Für Anhänger von James Joyce rückt wieder ein Jahrestag näher: Der 16. Juni. Es ist für sie der „Bloomsday“. Viele werden es wissen: Der Tag geht zurück auf das Werk „Ulysses“ von James Joyce. Im Wahnsinnswerk Ulysses – ich würde sogar sagen: Es ist eine Art Weltwunder der Literatur, wie kann man so etwas schreiben! – geht es um einen einzigen Tag und vor allem um Leopold Bloom. Es geht um den 16. Juni. Leopold Bloom geht durch Dublin.

Es passiert nichts und doch geht es um alles: Es geht um die ganze Welt. In der Einleitung zur kommentierten Ausgabe des „Ulysses“ (übersetzt von Hans Wollschläger, Suhrkamp Verlag) heißt es:

Schließlich ist Ulysses auch der Roman der ganzen Welt; er spannt den Bogen von Homers Odyssee am Anfang der abendländischen Literatur bis zum Leben des Dubliner Bürgers zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in dessen Tagesablauf sich die Abenteuer des mythischen Helden Odysseus spiegeln.

Hier ein Beispiel: So sieht eine Seite – die allererste Doppelseite – der sagenhaften kommentierten Ausgabe des Ulysses aus, um den Text herum sind die Anmerkungen. „Stattlich und feist …“

Es ist ein Werk der Weltliteratur, allerdings das – sagt man immer – am seltensten gelesene Werk. Es gibt aber einen Kreis von überzeugten Anhängern von James Joyce und vor allem von seinem Werk “Ulysses“. Etwa in den „reading groups“ der Zürich James Joyce Foundation. HIER der Link zu den nächsten Terminen der „reading groups“. Und HIER der Link zur Startseite der Website der Zürich James Joyce Foundation.

Gestern, Sonntag, der 2. Juni 2019, hatte C. Bernd Sucher im Rahmen seiner seit Jahren bestehenden Reihe „Suchers Leidenschaften“ am Vormittag im Gartensaal des Münchner Prinzregententheaters über James Joyce gesprochen. Nicht nur über den „Ullysses“, sondern über den Menschen James Joyce sowie über seine Werke. Wie und wann er seine spätere Frau kennen lernte, seine Bewunderung für Henrik Ibsen, dass er Wörter erfunden hat, wo er gelebt hat (Paris, Zürich, Triest) humorvolle Bemerkungen und vieles mehr. Vom Schauspieler Thomas Loibl (Residenztheater) wurden Auszüge aus den Werken von James Joyce vorgelesen, die Schauspielstudentin Luiza Candido de Oliveira Monteiro brachte andere Zitate.

Man kann James Joyce natürlich nicht in eineinhalb Stunden wirklich erfassen, es gab aber einen schönen Überblick und eben Einblicke in die Werke von James Joyce. Er schrieb auch Gedichte. C. Bernd Sucher konnte letztlich empfehlen, sich zunächst einmal „Ein Portrait des Künstlers als junger Mann“ von James Joyce mit in den Urlaub zu nehmen. Um dann auf das fast völlig unverständliche Werk „Finnegans Wake“ zu kommen.

Man könnte natürlich seitenweise über die Werke von James Joyce schreiben. Ich empfehle, sich eines zu schnappen und anzufangen. Ich empfehle sogar die kommentierte Ausgabe des „Ulysses“. Es gibt Menschen, die den genauen Fußweg von Leopold Bloom in Dublin kennen und nachgehen. Wo sich Leopold Bloom am 16. Juni 1904 aufgehalten und welchen Weg er durch Dublin genommen hatte, kann man übrigens auch den Karten in der kommentierten Suhrkamp-Fassung des Ulysses entnehmen:

Noch eine Empfehlung: Es gibt eine Hörspielfassung des Ulysses, 23 CDs. Sie ist 2012 erschienen und galt damals als eine der besten CDs, die es bis dahin gab. Es ist in der Tat eine wunderbare Lesung, untermalt ein wenig von Musik und anderen Tönen. Leopold Bloom wird gelesen von Dietmar Bär und Molly Bloom von Birgit Minichmayr. HIER der Link zum Angebot von Amazon. Bitte aber nicht bei Amazon kaufen, lokale Buchhändler unterstützen. Wirklich eine Hörerlebnis!

Und noch ein Hinweis: C. Bernd Suchers Erklärungen zu James Joyce kann man ähnlich auch als Hörbuch herunterladen oder als CD kaufen: HIER der Link zum Angebot von Amazon. Aber wie gesagt …

Die Lesung endete sehr schön mit der Schlusspassage des Ulysses. Über mehr als 60 Seiten erstreckt sich der ohne Punkt und Komma geschriebene Monolog der Frau von Leopold Bloom (in der Hörspielfassung wunderbar gelesen von Birgit Minichmayr). Er endet mit:

… ja und wie er mich geküsst hat unter der maurischen Mauer und ich hab gedacht na schön er so gut wie jeder andere und hab ihn mit den Augen gebeten er soll doch noch mal fragen ja und dann hat er mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen dass er meine Brüste fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will Ja.

LITERATUR: Saša Stanišić – Herkunft

Ich hatte vor Jahren einen Roman von Saša Stanišić gelesen und fand ihn sehr gut: „Vor dem Fest“ hieß er. Saša Stanišić hatte – ich glaube 2016 – dafür den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Jetzt habe ich sein neuestes Werk gelesen. „Herkunft“ heißt es.

Meine Bewertung (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚 (6)

Saša Stanišić schreibt an einer Stelle: „Bin das ich? Sohn meiner Eltern, Enkelsohn meiner Großeltern, Urenkel meiner Urgroßeltern, Kind Jugoslawiens, geflüchtet vor einem Krieg, zufällig nach Deutschland. Vater, Schriftsteller, Figur. Bin das alles ich?“ Genau darum geht es. Saša Stanišić erzählt von seiner Herkunft. Nicht nur von der jugoslawischen Heimat, seinem Geburtsort, nein, vielmehr von seinen Erinnerungen, seinen Vorfahren, seinem Lebensweg, dem Lebensweg der Vorfahren. Das ist für ihn Herkunft.

Saša Stanišić schreibt in vielen kleinen Kapiteln über all das. Er schreibt immer wieder über Erlebnisse und Erinnerungen, über Personen seiner Zeit in Jugoslawien und in Deutschland.

Inhaltlich: Geboren ist er am 7. März 1978 („Ich bin in einem Land geboren, das ist nicht mehr gibt.“) – die Flucht der Mutter mit den Kindern vor dem Krieg in Jugoslawien nach Deutschland 1992 („1991 waren Zugehörigkeiten ein Zündstoff geworden.“) – der Vater kam ein halbes Jahr später nach, die Großeltern kamen 1995 nach Deutschland – sie lebten zunächst in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Heidelberg – die Eltern mussten Deutschland 1998 wieder verlassen, wanderten nach Florida aus – seine Fahrt in sein Heimatdörfchen Višegrad 2009 – Besuch eines Friedhofes in Oskoruša – Besuch der Ruine des Hauses seiner Urgroßeltern – zunehmend geht es im Verlauf des Buches um den Tod seiner Großmutter – der Besuch der Großmutter in Višegrad 2018 – die Großmutter stirbt im November 2018 – Saša Stanišić lebt aktuell in Hamburg. Das ist der Rahmen für viele kleine Erzählungen.

Es geht hin und her in den Jahren, hin und her zwischen den Personen. Manchmal nicht leicht, ich habe das Buch mehrfach durchblättern müssen, um einen Überblick zu bekommen. Ich rate dazu an, sich die Personen und Jahreszahlen im Text immer wieder kenntlich zu machen, zu markieren, dann geht das Buch auf. Saša Stanišić kommt augenscheinlich – und verständlicherweise – selber nicht leicht damit zurecht, in Deutschland/Hamburg zu leben und eine völlig andere Herkunft zu haben. Geboren in einem Land, das es nicht mehr gibt.

Der Stil des Buches: Saša Stanišić erzählt von absolut höchstpersönlichen Erlebnissen, Erinnerungen, dennoch ist das Buch nicht getragen von Emotionen. Ganz im Gegenteil: Es ist geprägt von einer nüchternen, melancholischen und irgendwie auch fast traurigen Schreibweise. Kurz gehaltene Aussagen. Nach dem Motto fast: „In was bin ich da nur reingeraten?“ Gerade das macht es aber aus. Es schwingt auch immer eine Art Traurigkeit über den Verlust Jugoslawiens mit. Manchmal allerdings etwas kompliziert geschrieben, dachte ich. Aber Stanišić kann schreiben!

Ich habe mir, wie so oft, der Übersichtlichkeit halber eine Übersicht dazu erstellt. Alles auf einen Blick. Hier kann man sie herunterladen und zum Lesen dazunehmen:

Das Buch hat dann leider am Ende einen Teil, den ich nicht mochte: Der Leser wird angehalten, sich Stück für Stück selber zu entscheiden, wie und wo er weiter lesen will. Jeder findet damit sein eigenes Ende. Warum er das macht, erschließt sich mir nicht. Interessant ist daran allerdings, dass sich Wirklichkeit und Phantasie vermischen. Es geht in diesem letzten Teil des Buches um die Frage: Wie endete das Leben der Großmutter?

Sechs Punkte vergebe ich nur, da ich das Gefühl hatte, dass ich beim ersten Durchlesen viel zu viel überlesen hatte. Ich hatte die zeitliche Orientierung verloren und bin über viele schöne Beschreibungen irgendwie hinweggehuscht.

HIER ein interessantes Gespräch auf ARD mit Saša Stanišić über sein Buch „Herkunft“.

HIER liest Saša Stanišić aus seinem Buch „Herkunft“. Man lernt ihn und ein wenig (10 Minuten) aus seinem Werk „Herkunft“ kennen.

HIER die Seite des Luchterhand Verlag es zu Saša Stanišić’s Buch „Herkunft“.

LITERATUR: Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex

Ich werde in nächster Zeit viele kleine Berichte schreiben, da ich derzeit das Berliner Theatertreffen mitverfolge. Ich werde schnell schreiben, ohne große Überarbeitung. Hier zunächst einmal ein Bericht über das Buch, das ich zuletzt noch gelesen hatte. Virginie Despentes – Vernon Subutex.

Meine Bewertung (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚📚📚 (8)

Also: Ich bin auf das Buch „Vernon Subutex“ gestoßen, da ich in den Kammerspielen vor kurzem das Stück „Das Leben des Vernon Subutex“, inszeniert von Stefan Pucher, gesehen hatte. Die Inszenierung hat mich nicht begeistert, war eher langweilig, halbherzig. Siehe meinen damaligen Beitrag – einfach im Suchfeld oben „Subutex“ eingeben. Das Buch ist völlig anders! Wobei: Es sind DREI Bände. Ich habe erst den ersten Band gelesen., werde mich aber auch an den nächsten Band machen. Zumal die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen, so hört man, eher auf dem Inhalt des zweiten und dritten Bandes beruht.

Da ich einmal etwas Französisches lesen wollte – ich konnte früher einmal ganz gut französisch – habe ich mir die französische Originalfassung genommen. Daneben lag aber immer die deutsche Fassung. Es war nicht einfach, da es absolut in Umgangssprache geschrieben ist. Aber nicht verdrechselt im Stil, sondern einfach und klar und direkt und frech und vulgär.

Vernon Subutex hat mit seinem Plattenladen pleite gemacht. Kein Geld, keine Wohnung, er kommt bei Freunden unter, landet schließlich auf der Straße. Was man liest, sind seine zahlreichen Treffen mit Bekannten, bei denen er zunächst wohnt, bevor er auf der Straße landet und weitere Personen trifft. Er trifft viele Personen. Insoweit war sicher auch die Inszenierung an den Kammerspielen wahrlich als Ensemble-Arbeit geplant. 13 Mitglieder des Ensembles spielen mit.

Geschildert wird die absolut untere Schicht in Frankreich, Paris. Drogen, Sex, Musik, Obdachlose, Gewalt, Rechtsradikale, alles. Aber einfach lesenswert. Eine Milieustudie ohne jede Zurückhaltung. Virginie Despentes war früher Prostituierte, sie kennt sich aus. Und das Schöne dabei ist, dass immer wieder – auch zwischen den Zeilen – das heutige Leben in vielen Aspekten durchscheint. Mit ganz plötzlichen kleinen Aussagen zu reichen Menschen, zu Politikern, etc. Und allein durch die so direkte und völlig unverfälschte Art der Schilderung der Personen des Romans.

Wer Französisch kann: Lesenswert ist vor allem die französische Fassung. Die deutsche Fassung ist zwar eine fast wörtliche Übersetzung, aber erstaunlicherweise merkt man einen Unterschied: Irgendwie klingt alles trotz dieser unglaublichen Direktheit und Klarheit und Derbheit gerade im Französischen etwas angenehmer. Etwas ironischer vielleicht. Es hat dort immer irgendwie einen etwas edleren Unterton oder Nebenklang. Im Deutschen klingt alles einfach nur platt und derb. Ich finde, in der deutschen Fassung stört man sich eher an der Derbheit der Schilderung und der Sprache, im Französischen hat alles einen irgendwie erträglicheren Charakter.

Schon der Titel der Bücher: Im Französischen heißt es einfach „Vernon Subutex“. Im Deutschen gleich komplizierter und m. E. verfälschend „Das Leben des Vernon Subutex“. Es geht garnicht um das ganze Leben des Vernon Subutex, nun gut.

So kam auch die Inszenierung von Stefan Pucher meines Erachtens in keinster Weise an das Buch heran. Ich werde sie mir aber noch einmal ansehen.

HIER ein Link zu einem netten Beitrag aus der Süddeutschen Zeitung über Menschen in München, deren Herz an Vinylplatten hängt – als Sammler, Verkäufer, DJ und Plattenspielerbauer.

Soviel zunächst, ich ergänze diesen Beitrag auch noch etwas.

LITERATUR, MUSIK: Richard Powers – Die Wurzeln des Lebens

Erst das Buch, dann unten dazu etwas Musik. Es ist ein erstaunliches Buch, das ich empfehlen kann. Ich finde es lesenswert. Meine Bewertung (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚📚📚 (9)

Es ist eine recht besondere Art der Darstellung, es ist ein recht besonderer Schreibstil, es verbleibt ein recht besonderes Gefühl. Verschiedene Personen – die alle im ersten der drei Kapitel dargestellt werden – entwickeln sich im Roman sehr unterschiedlich, kommen aber zum Teil zusammen.. Man braucht Zeit für das Buch (ca. 700 Seiten), aber man möchte ständig weiter lesen, denke ich.

Wegen der inhaltlichen und stilistischen, der erzählerischen Qualität, es hat wenige „Durchhänger“. Alles ist im Präsensstil geschrieben, was es noch eindrücklicher macht. Es sind „normale“ Schicksale, aber mit besonderen Erlebnissen! Teilweise finden die Personen im Lauf des Romans, wie gesagt, zusammen. Richard Powers kann wahrlich gut erzählen. Ich hatte vor Jahren schon seinen Roman „Klang der Zeit“ gelesen. Auch dieses ebenfalls sehr umfangreiche Buch fand ich damals absolut lesenswert und wunderbar (Amerika aus jüdischer und dunkelhäutiger Sicht einer Familie in New York. Zwei Söhne musikalisch hochbegabt.)

Und was ist der Kern des Ganzen? Es geht in unterschiedlicher Intensität und Ausprägung um ein riesiges Thema: Den Baum, die Natur, den Menschen! Damit ist alles verwoben. Alle setzen sich für die Rettung der Bäume und der Natur ein!

Sie machen unterschiedlichste Dinge, die Personen in „Die Wurzeln des Lebens“. Die Ausgangspunkte ihre Leben werden – einer nach dem anderen – im ersten Kapitel (fast 200 Seiten) nebeneinander geschildert. Im zweiten und dritten Teil versteigen sich ihre Lebenswege, ihre Aktivitäten, ihre Schicksale nicht nur weiter in ihrem jeweiligen unterschiedlichen Kampf und dem Verständnis für Bäume, sondern sie verweben sich – teilweise – miteinander. Es sind Schicksalswege, die sich kreuzen. Man muss allerdings gut aufpassen, will man die einzelnen Wege gut auseinander halten. Zum Teil werden oder sind sie Aktivisten für Bäume, für Riesenbäume in Amerika. Sie heißen: Nicholas Hoel, Mimi Ma, Adam Appich, Ray Brinkmann, Dorothy Cazaly, Douglas Pavlicek, Neelay Mehta, Patricia Westerford, Olivia Vandergriff.

Und das Schicksal jeder einzelnen Person wurde bereits oder wird irgendwann von Bäumen beeinflusst. Ja, von Bäumen! Mit manchem Schicksalsschlag. Einer fiel als Junge von einem Baum – und war seitdem querschnittsgelähmt, einer wurde in Kambodscha nach einem Sprung aus einem Flugzeug von einem Baum aufgefangen und so weiter.

Dem Thema wird man auf besondere Art und Weise näher gebracht! Vor Beginn des dritten Kapitels liest man eine wunderbare Überlegung:

Es mag missionarisch klingen, doch das Buch ist es nicht! Die oben gezeigte Überlegung stellt nicht den durchgehenden Schreibstil des Romans dar. So pathetisch wird nicht durchgehend geschrieben.

Es sind eher immer wieder kleine Aussagen, die den Wert der Bäume und der Natur ausdrücken. So, dass man einen Blick und Sinn für die Natur, speziell für Bäume, bekommt. Nach dem Motto „Erst die Erde (oder Bäume), dann der Mensch“. Aber es läuft fatalerweise immer schon andersherum: „Erst der Mensch, dann (erst) die Erde“. Oder eben: „… dann (erst) die Bäume“. So macht der Mensch „in letzter Sekunde“ (siehe oben) vielleicht alles kaputt.

Zitate aus verschiedensten Stellen, Äußerungen verschiedenster Personen des Romans sind etwa:

Das Staunenswerteste, was 4 Milliarden Jahre Leben hervorgebracht haben, braucht Hilfe. (Bäume)

Grenzenlose Eigenliebe darf nicht mehr der Maßstab des Lebens sein.

Weiden, Pappeln, Erlen: Sie alle werden dabei ertappt, wie sie einander auf dem Luftweg vor Insektenüberfällen warnen.

(Der Wald:) … eines der ältesten, größten Lebewesen des Planeten …

Die Photosynthese ist ein schieres Wunder. Sie ist das Fundament für die gesamte Kathedrale der Schöpfung. All der Lärm, der um das Leben auf der Erde gemacht wird, ist nichts als Begleitmusik zu dieser atemberaubenden magischen Kunst.

Als hätten die Wälder 400 Millionen Jahre lang auf uns Anfänger gewartet.

Es gibt keine Einzelwesen im Wald. Jeder Baum ist von anderen abhängig.

Kommunikation der Bäume

… Studien… die belegen, dass kongenitale kognitive Blindheit die Menschen für alle Zeiten daran hindern wird, das zu tun, was gut und richtig für sie wäre.

Das Leben. Der Planet. Wir bekommen ja schon unsere Strafe. Aber selbst jetzt gilt man doch noch als Irrer, wenn man das sagt.

Aber die Menschen interessieren sich nicht für Hoffnung und Wahrheit, wenn der Nutzen fehlt.

Und so weiter. All diese „hochtrabenden“ Aussagen werden gerade dadurch so glaubhaft, dass man im Grunde vor allem verschiedene individuelle Schicksalswege verfolgt. Man bekommt mit diesem Buch Mitgefühl für Bäume und ein Gefühl für das, was wir mit ihnen machen. Es lohnt sich.

Dazu passend ist ein Titel von Olafur Arnalds, Tree:

Tree

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LITERATUR: Jonathan Safran Foer – Hier bin ich

Nach elf Jahren ist ein neuer Roman von Jonathan Safran Foer erschienen. HIER BIN ICH. Ich setze ihn ins Verhältnis zu etwas wie „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz (siehe früherer Blogbeitrag). Man sieht daran nämlich wunderbar deutlich, wie sich die Zeiten einfach verändern! Auch bei Foer geht es  – unter anderem – um Generationen. Die Kinder, die Eltern, die Großeltern, ein Onkel, dessen Familie. Und durchgängig geht es hier um das Jüdische und die Einstellungen der Personen zum jüdischen Leben und den Traditionen.. Manchmal geradezu schwer verständlich, wenn man sich nicht gerade gut auskennt. Aber wie anders sich jeder verhält – im Vergleich zu früheren Zeiten – und wie anders Foer es auch beschreibt! Modernes Leben. Vordergründig geht es bei Jonathan Foer um einen jüdisch-amerikanischen Schriftsteller, der mit Frau und den Kindern in Washington DC lebt. Es wird fast der Alltag geschildert, kein besonderer Handlungsstrang, auch anders als früher. Julia und Jacob Bloch haben durchaus Probleme: Jacobs hochbetagter Großvater soll ins Altersheim, will aber nicht, ihr ältester Sohn droht von der Schule zu fliegen, dabei wollen sie in ein paar Wochen seine Bar Mizwa (Mannwerdung) feiern. Geplant ist ein großes Familienfest, zu dem auch die Verwandtschaft aus Israel anreist, was die angespannte Stimmung im Hause Bloch weiter anheizt. Die Verwandschaft kommt auch. Und dann macht Julia eine Entdeckung, die alles infrage stellt, ihre Ehe, ihre gemeinsamen Werte, die Zukunft der Familie … Während sich die häusliche Krise zuspitzt, ereignet sich noch dazu  ein globales Desaster: Ein katastrophales Erdbeben im Nahen Osten führt zu einem gewaltigen internationalen politischen Konflikt, der auch die Familie Bloch im Kern trifft. Mit auffallender und besonderer Schlagfertigkeit kommunizieren alle miteinander. Alle ständig mit eigener Beschäftigung. Wie es eben heute ist. Das macht Spass, liest man nicht so oft. Wie anders ist da eine ruhige und intensive Schilderung etwa in „Deutschstunde“! Ein mit vielen feinen Beobachtungen geschilderter Kern ist – wie gesagt – das Auseinanderbrechen von Jacobs und Julias Ehe. Und all die Erzählebenen dienen im Grunde dazu, die Identität des Autors/ Erzählers zu schärfen, der ewig unentschlossen, abschweifend, überlegend, zweifelnd seine Selbstbestimmung anstrebt. Inwiefern das gelingt, bleibt aber offen. Aber es ist sehr vielseitig, anspruchsvoll geschrieben! Es geht um die totale Konzentration auf das eigene Ich. Unsere Zeit! Man hat nur am Ende nicht etwa eine „Geschichte“ und das Verhältnis der Personen dazu vor Augen. Irgendwie anders, als man es gewohnt ist Wieder einmal anders.

Hier bin ich: Roman

 

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LITERATUR: Stephan Lessenich

Wieder hatte ich Zeit, mich einem Thema zu widmen: So, wie sich Umweltzerstörung wahrlich nicht mehr als Gespinst wegdiskutieren lässt, lässt sich auch ein anderes globales Phänomen – das allerdings noch ein Schattendasein führt – nicht wegdiskutieren. Und so, wie die Umweltprobleme zu uns kommen, werden uns auch Probleme aus dem anderen Phänomen einholen. Die Flüchtlingskrise ist ein Element davon.

Es geht darum: Die wohlhabende Welt lebt auf Kosten der armen Welt. „Neben uns die Sinflut“ war ein sehr interessantes Gespräch der Journalistin Franziska Augstein (Süddeutsche Zeitung) mit dem Soziologen Stephan Lessenich über sein neues Buch „Neben uns die Sinflut“. Es fand wieder statt in den sehr global denkenden Kammerspielen. Zum Inhalt des Buches und des Gespräches: Wer zahlt den Preis für unseren westlichen Wohlstand in der globalisierten und zunehmend kapitalisierten Welt? Dem Westen – dem reichen Norden – geht es gut, weil es den meisten Menschen anderswo – im armen Süden – schlecht geht. Augen auf! Wir „externalisieren“ möglichst viel von dem, was den Wohlstand stört. Etwa Umweltprobleme. Wir machen andere Länder platt und sagen: Naja, dort herrschen ja katastrophale Zustände. Aber wir wissen es alle: Wir holen uns etwa die Rohstoffe aus den armen Ländern, um selber gut leben zu können. Etwa Silizium für unsere Handys, Bauxit für die Aluminiumherstellung etc. Wir lassen oft auch schmutzig und zur Not völlig umweltschädlich in den armen Ländern produzieren – um selber schön leben zu können. Armut, Schmutz, Sozoialprobleme, Abfall, Ungerechtigkeit etc. werden systematisch ausgelagert, der westliche Anteil an dieser Praxis wird verdrängt. Auch nach Lessenichs Auffassung wird das künftig mehr und mehr zurückschlagen. In seiner neusten Publikation bietet der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Stephan Lessenich eine Analyse dieser Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse der globalisierten Wirtschaft. Aber was kann man machen? Eine schwere Frage. Ich meine: Erst einmal aufklären und Bewusstsein schaffen: Angesprochen wurde auch: Politisch werden, individuell handeln … Die Diskssion war ein Beitrag zu diesen Ansätzen. Das Buch ist sehr lesenswert und zeigt viele Beispiele.

Neben uns die Sintflut

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LITERATUR: Teresa Präauer, Oh Schimmi

Teresa Präauer ist eine junge, 37-jährige österreichische Schriftstellerin. In der ZEIT war kürzlich ein längerer Bericht über sie und ihr neues Buch „Oh Schimmi“ zu lesen. Sie ist bildende Künstlerin und Schriftstellerin, „von Realismus“ – schreibt die ZEIT – „hält sie wenig“. Gerade das ist reizvoll. Es muss nicht immer alles wahr, authentisch, autobiografisch, historisch oder schön recherchiert sein. Die ZEIT schreibt weiter: „Verrückt, verstörend, sehr komisch und auch tragisch, ein virtuoser Sprachexzess mitten aus unserer Gegenwart – und doch tatsächlich das absolute Gegenprogramm zur gängigen Literatur von heute.“

Schimmi heißt Jimmy. Er lebt mit seiner – halbseidenen – Mutter (er sagt manchmal  „Motter“) in einem nicht näher verorteten Hochhausturm, soll immerzu Tierfilme gucken, liebt Süßes, das ihm aus Krankheitsgründen verboten ist, und wählt Abzocke-Sexnummern aus dem TV (Zindy: „Ruf mich an!“), bis die Mama das Handy einzieht. Das Apartment darf er, behindert, wie er ist, nicht verlassen, also startet er eher bemitleidenswerte Ausbruchsversuche, die früher oder später grandios scheitern. Eine Asiatin namens Maguro hat er aus dem Nagelstudio entführt und hält sie unter seinem Bett gefesselt, ernährt sie mit Marshmallows und Cola. Besessen ist Schimmi („Isch bin ein Multitalent!„) von Konsum und Sex und von Ninni, die in einem anderen Hochhausturm in Sichtweite lebt. Man erfährt Einiges aus seiner Sicht  über seine Lebenssituation. Über seinen Vater und den Stiefvater etwa. Das schöne Ende des ZEIT – Artikels (von Alexander Camann): „Es ist ein ironischer Spiegel, den Präauer unserer Epoche vorhält, zwischen autistischer Not und phrasenhafter Großkotzigkeit.“

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Langdon, Wallstein Verlag

Hier ein Foto aus dem Buch als kleine Leseprobe, die den Schreibstil dieses angenehm verrückten und doch realistischen Buches zeigt: Schimmi kommt gerade in die Diskothek XXL und findet sich – natürlich völlig zu unrecht – wahnsinnig cool. Etwas später fliegt er wieder heraus.

Teresa Präauer

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LITERATUR: Siegfried Lenz, Deutschstunde

Eine Anregung brachte mich auf den Roman Deutschstunde des Nobelpreisträgers Siegfried Lenz. Das Werk erschien 1968 und kann als Literaturklassiker angesehen werden. Es befasst sich mit einem Szenario, das sich während und nach dem II. Weltkrieg abspielt. Das Szenario geht auf die Aussage „Wir haben doch nur unsere Pflicht getan“ ein. Es ist die Ich-Erzählung eines Jungen, der – anlässlich eines Deutschaufsatzes zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ – aus seiner Kindheit das Geschehen um das „Malverbot“ für einen Künstler schildert. Der Maler lebte auf einem Hof an der Nordsee; der Vater des Jungen, damaliger Polizeiposten der Gegend, hatte – auf dem Nachbarhof lebend – den Auftrag, die Einhaltung des Verbotes zu überwachen. Der Hintergrund: Emil Nolde hatte während des II. Weltkrieges Malverbot bekommen (Im Roman heißt der Maler „Max Ludwig Nansen“, die Anfangsbuchstaben M und L klingen wie „Em El“, fast also „Emil“ und Nolde hieß mit bürgerlichem Namen Jansen).

Am Beispiel des Vaters prangert Siegfried Lenz die unreflektierte Autoritätsgläubigkeit eines Mitläufers im Nationalsozialismus an. Aber auch der Künstler M. L. Nansen ist nicht wirklich frei: Er kann nicht anders, als trotz des Verbots weiter zu malen und auch „unsichtbare Bilder“ entstehen zu lassen. Unfrei ist auch der Junge, der es für seine Aufgabe hält, die Bilder des Malers vor der Zerstörung zu retten. „Deutschstunde“ ist ein Plädoyer für das Gewissen, die Eigenverantwortung und die kritische Hinterfragung von Autoritäten. Ein immer aktuelles Thema. Eine umfangreiche Urlaubslektüre, eine recht konventionelle, aber sehr schöne, sehr genaue Beschreibung aller Einzelheiten, das Land, die Personen, die Geschehnisse, die Gefühlslagen. Schön zu lesen.

Wirklich sehr empfehlenswert ist seine deutlich kürzere, großartige Erzählung Die Schweigeminute!

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LITERATUR: Bloomsday

Heute ist der berüchtigte Bloomsday. Der Bloomsday ist ein alljährlich am 16. Juni feierlich begangener Gedenktag, der sich auf den Ulysses, das Hauptwerk des irischen Schriftstellers James Joyce, bezieht.Es ist der einzige Roman weltweit, der zelebriert wird.Für mich handelt es sich bei diesem Buch, dem am wenigsten gelesenen Klassiker des 20. Jahrhnderts, geradezu um eines der Weltwunder!

Namensgeber ist die Hauptfigur des Romans, Leopold Bloom. Der Roman spielt in Dublin und beschreibt die Ereignisse eines einzigen Tages, des 16. Juni 1904. Am Bloomsday suchen Fans und Freunde, Leser (und Nicht-Leser) des Romans die „realen“ Orte des fiktiven Geschehens auf, an denen dessen Hauptpersonen – der Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom und seine Frau Molly, der junge Lehrer und Schriftsteller Stephen Dedalus und andere Romanfiguren – bestimmte Dinge tun oder erleben (wie Zitronenseife in Sweny’s Shop erwerben oder ein Gorgonzolabrot bei Davy Byrne verspeisen). Annähernd verstehen kann man den Roman trotz seiner sehr einfachen Handlung nur dann, wenn man die kommentierte, von Hans Wollschläger übersetzte Fassung liest, die im Suhrkamp-Verlag herausgebracht wurde. Es ist unglaublich, was in diesem Roman steckt. James Joyce lebte meist in Paris, Zürich und Triest und schilderte doch mit unglaublicher Detailkenntnis (Sonneneinstrahlung auf einem Gehweg um eine bestimmte Uhrzeit) den Tag in Dublin. In der James Joyce Foundation in Zürich werden seit Jahrzehnten Lese- und Diskussionsgruppen zum Roman veranstaltet.

Sehr hörenswert ist die aus 21 CDs bestehende Hörspielfassung des Romans! Sie galt nach ihrem Erscheinen als die beste Hörspielfassung aller Zeiten.

 

 

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LITERATUR: Ralf Rothmann

Ralf Rothmann, Feuer brennt nicht

Es gibt Menschen, die unglaublich viel in sehr interesssanter, feinfühliger, ausgefallener, ehrlicher und anschaulicher Sprache erzählen können. Ich empfehle Ralf Rothmann, 1953 in Schleswig geboren. Gerade ist sein neuer Roman Im Frühling sterben erschienen, der sehr beeindruckenmd sein soll. Ich habe ein früheres Werk von ihm gelesen: Feuer brennt nicht.

Inhalt: Berlin, fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall. Kreuzberg ist gesichtslos geworden und so ziehen die Buchhändlerin Alina und der Schriftsteller Wolf an den Müggelsee, wo die Unterschiede zwischen Ost und West noch nicht verwischt sind. Wolf leidet zunehmend unter den „Details der Zweisamkeit“. Charlotte taucht auf, eine Geliebte aus der Vergangenheit, und er ergreift die Flucht, befeuert von ihrem offensiven Eros. Als er „die Hölle der Verheimlichung“ hinter sich hat, ist Wolf überrascht: Alina akzeptiert das Verhältnis zu der anderen, ermuntert ihn sogar. Eine detaillierte Chronik des erotischen Begehrens, eine dunkel-glühende Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des behutsamen Zusammenwachsens von Ost und West.

Buchtipps

 

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LITERATUR: Buchtipps

Wer A sagt, kann auch oft B sagen: Hier wurde kürzlich das Buch Wäldchestag von Andreas Maier empfohlen. Er hat weitere schöne Erzählungen (Romane?) geschrieben. Ich empfehle noch Klausen, Kirillow und Sanssouci. Wer an etwas skurrilen Personen, an nicht zuviel wirrer Handlung, köstlichen Beschreibungen, recht einfacher Sprache und durchaus an Hintergrundgedanken zum Geschehen interessiert ist, dem kann all das gut gefallen:

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Es geht grob gesagt um Folgendes: (Texte vom Suhrkamp-Verlag)

Kirillow:

Kirillow

Franz Kober und Julian Nagel sind mehr als Freunde, fast schon Wahlbrüder. Eingeschrieben an der Uni Frankfurt, studieren sie jedoch weniger ein bestimmtes Fachgebiet als vielmehr die prinzipielle Frage, wie falsches und wahres Leben voneinander zu unterscheiden sind. Unversehens verstrickt uns Andreas Maier mit Kirillow in das Beziehungs- und Redegeflecht der beiden jungen Männer und ihrer Clique, die ständig in Bewegung sind: auf der Suche nach Erleuchtung, einem Lebensziel, einem Partner, Anerkennung, mehr Alkohol und mehr Würstchen und einem Schlafplatz für den Rest der Nacht. Ebenso unterhaltend wie bestechend wirkt die Komik, mit der Maier den Ernst der Krankheit Jugend zum Gegenstand seines Erzählens macht.

Klausen:

Klausen

»Klausen ist ein Tatort.« Was wirklich in diesem Südtiroler Ferienidyll für vor allem deutsche Touristen passiert ist, darüber gehen die Meinungen leidenschaftlich auseinander. Man erzählt von einem Überfall, gar einem gezielten Schuß aus dem Hinterhalt. Wer ist das Opfer, wer der Täter? Darüber gibt es zunächst nur abenteuerliche Spekulationen. Erste Verdächtigungen gehen naturgemäß in Richtung der Pakistani und der Albaner auf der Ploderburg, aber bald geraten Hintermänner in den Blick, deren Grundstücksspekulationen die Vorgänge halbwegs plausibel zu machen scheinen. Jedoch werden nicht der einschlägig vorbestrafte Laner und sein Kontrahent Zurner verhaftet, sondern Gasser und seineSaufkumpane. Was beginnt wie eine Provinzposse, wächst sich aus: Ist Klausen gar Umschlagplatz eines internationalen Drogenkartells? Wie sich Öffentlichkeit bildet, wie eine Verwirrung die nächste stiftet, bis alle Gewißheiten (oder was wir dafür halten) immer wahnhaftere Züge annehmen und schrill auf unser Handeln zurückwirken, das komponiert Andreas Maier zu einer bitterbösen Komödie über dieses vielleicht doch nicht so weltabgelegene Klausen.

Sanssouci:

Sanssouci

„Wäldchestag“ in Potsdam: ein skrupelloses Zwillingspaar, ein orthodoxer Mönch, eine sadistische Vegetarierin und ihre Opfer, ein Fernsehredakteur und der Bürgermeister: Sie alle stolpern übereinander, fallen sich in den Arm oder gehen sich aus dem Weg nach dem Unfalltod des Regisseurs Max Hornung, der als Wessi Potsdam mit der Fernsehserie „Oststadt“ verewigt und in Empörung und Dankbarkeit gespalten hat. Tatsächlich hat die Stadt auch einen realen doppelten Boden: ein Gangsystem unter dem Schloßpark, in dem man sich zu Zeitvertreib, Quälereien und Okkultismus trifft.

Copyright des Beitragsbildes: Jürgen Bauer, Suhrkamp