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THEATER: Luk Perceval

Es gibt wenige große Theaterzeitschrift. Eine davon: „Theater der Zeit“. Über eine andere hatte ich bereits berichtet (HIER der Link zum Beitrag). Aktuell: Der Verlag von „Theater der Zeit“ bringt seit Jahren neben den zehn Monatsausgaben jeweils als Doppelausgabe 7 und 8 ein „Arbeitsbuch“ zu einer Persönlichkeit oder einem Thema der Theaterwelt heraus. Das Arbeitsbuch Nr. 28 erschien nun kürzlich zum flämischen Regisseur Luk Perceval.

HIER der Link zur Website von „Theater der Zeit“. HIER der Link zum Arbeitsbuch über Luk Perceval mit der Möglichkeit, reinzublättern und zu bestellen.

Thematisiert werden im (etwa 180-seitigen) Arbeitsbuch neben einigen Inszenierungen von Luk Perceval seine Sicht auf den derzeitigen „Zustand“ des Theaters vor allem in Deutschland – er arbeitete die letzten Jahrzehnte hauptsächlich in Deutschland – und seine interessanten Vorhaben in der näheren Zukunft – er wechselt nach Belgien. In deutscher Version und wortgleich in englischer Übersetzung – das macht (neben einiger Werbung deutscher Theater) leider auch den Umfang des Arbeitsbuches aus – liest man etwa ein Gespräch mit Luk Perceval, dann ein Gespräch mit dem Schriftsteller und Dramatiker Jon Fosse, außerdem ein gemeinsames Interview mit Luc Perceval zum Einen und – aus gegebenem Anlass – Milo Rau zum Anderen sowie Gespräche und Texte einiger seiner langjährigen Mitstreiter (die Bühnenbildnerin Annette Kurz, der Schauspieler Thomas Thieme, die Dramaturgin Marion Tiedtke, der Musiker Jens Thomas, der künstlerische Leiter Steven Heene, jetzt auch am NTGent, und weitere). Angereichert ist all das durch großformatige Bilder von einigen Inszenierungen von Luk Perceval.

Hier etwa eine Fotoaufnahme der Probe zu „Macbeth“ in Sankt Petersburg aus dem Jahre 2014 (auch zu seinen russischen Gastspielen sind zwei Texte zu lesen):

©️ Annette Kurz

2018 war Luk Perceval übrigens mit einer wohl sehr persönlichen Interpretation von „Romeo und Julia“ von William Shakespeare wiederum in Russland. Auch dazu einen Artikel.

Das Beitragsbild oben wiederum zeigt die Bühne der Inszenierung von „Frost“ am Thalia Theater in Hamburg, auch von 2014.

Luk Perceval ist fländrischer Herkunft. Er ging, wie gesagt, nun vor Kurzem einen interessanten Schritt: Er verließ Deutschland und wechselte an das NTGent in Belgien, dessen Intendant bekanntlich Milo Rau ist. Ein spannender Ort. HIER der Link zur Website des NTGent. Er ist dort für drei Jahre Artist in Residence. Auf der Suche nach den Möglichkeiten eines internationalen Theaters für das 21. Jahrhundert.

Am NTGent bringt Luk Perceval eine Trilogie über Belgiens Geschichte heraus. Jedes Jahr wird ein Teil der Trilogie gezeigt werden. Die Trilogie heißt insgesamt „The Sorrows of Belgium“. Der erste Teil dieser Trilogie, die sich mit der unaufgearbeiteten Vergangenheit Belgiens (etwa Kongo) auseinandersetzt, hat den Titel „Black“. Dieser erste Teil läuft bereits seit März – bis Anfang kommenden Jahres. Die folgenden Teile werden – den Nationalfarben Belgiens entsprechend – die Titel „Yellow“ und „Red“ haben.

HIER der Link zur Seite des Stückes „Black“ auf der Website des NTGent. HIER ein Video mit kurzen Ausschnitten aus „Black“. Und HIER noch eines dazu.

Luk Perceval und Milo Rau sprechen im gemeinsamen Interview im Arbeitsbuch über Fragen eines modernen internationalen Theaters, die ja besonders Milo Rau am NTGent in den Vordergrund stellt und praktiziert. Das und die Entwicklung des deutschen Stadttheaters sowie die Arbeit des heutigen Schauspielers und der Schauspielerin sind ganz offenbar die Themen, die Luc Perceval umtreiben. Er beklagt die harten riesigen und zementierten Strukturen des deutschen Stadttheaters und die daneben teilweise wackeligen, vor allem oft schlechten finanziellen Bedingungen der SchauspielerInnen.

Außerdem wäre in seiner Idealsicht

„… auch die Öffentlichkeitsarbeit auf der Probe dabei und würde mit Beteiligten Gespräche führen, Filmen, Podcasts machen und so weiter. Damit das Theater sich viel mehr öffnet. Damit ein Diskurs entsteht, eine Auseinandersetzung, ein Raum, mit dem man sich emotional und intellektuell identifizieren kann; damit man die Leute, die Stadt einlädt, mitzudenken und sich auch mit uns auseinander zu setzen.

Und so weiter. Ein Wermutstropfen beim Lesen (wie leider oft, wenn es um Kritiken zur Aufführungen geht): Um das Arbeitsbuch umfassend genießen zu können, sollte man möglichst viele der angesprochenen Inszenierungen von Luc Perceval gesehen haben. Inszenierungen, die ihn, wie gesagt, auch mehrfach nach Russland führten (wobei man diese Inszenierungen wahrscheinlich kaum gesehen haben wird). Viele der von den Mitstreitern geschilderten Eindrücke beziehen sich detailreich auf diese Inszenierungen. Schade, von diesen Eindrücken zu lesen, wenn man sie nicht nachvollziehen kann. Das nimmt etwas Freude am Gelesenen, doch auch das ist immer wieder gemischt mit Darstellungen der handelnden Personen, die einen guten Gesamteindruck schaffen, soweit das möglich ist. Aber wann hat man schon einen „Gesamteindruck“?

©️ des Beitragsbildes oben: Auch Annette Kurz

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SONSTIGES: Ernst Krenek – Karl V.

Ich habe es mir auf eine Empfehlung hin angesehen, klassische Opern sind ja an sich nicht mein Thema und nicht Thema dieses Blogs. Ernst Krenek‘s „Karl V.“ ist aber keine klassische Oper, es ist ein – heißt es – „Bühnenwerk mit Musik“, hätte also geradezu auch Theaterelemente, sagte man mir.

Das „Bühnenwerk mit Musik“ wird seit Februar 2019 in unregelmäßigen Abständen am Nationaltheater München gezeigt und ist nun erneut – es folgen in Kürze und im Oktober wieder Aufführungen des Stückes (HIER die nächsten Termine) – im Rahmen der Münchner Opernfestspiele zu sehen.

Es wurde kein leichter, aber ein durchaus beeindruckender Abend. Zum einen war mir bislang das Leben von Karl V. kaum bekannt. Zum anderen handelt es sich bei dem Bühnenwerk von Ernst Krenek um ein Werk der Zwölftonmusik. Es gab also auch zwei zentrale Fragen: Wer war eigentlich Karl V.? Und was ist eigentlich Zwölftonmusik genau genommen?

Nun, zunächst zur zweiten Frage: Die Zwölftonmusik. Natürlich denkt man zunächst an Arnold Schönberg, den Begründer der Zwölftonmusik in den Jahren um 1920. Aber es gab eben auch Mitstreiter. Einer davon war – eher am Rande – Ernst Krenek. Karl V. ist die erste „Oper“ in Zwölftonmusik geworden. Eine schöne Erklärung der Methode der Zwölftonmusik gibt anlässlich der Aufführung von „Karl V.“ das Nationaltheater in DIESEM Video. Wie sich die „Oper“ dann anhört? Einen Trailer zu Karl V., in dem man einen kurzen Eindruck von der Musik erhält, gibt es HIER. Schwierig, aber interessant.

Und wer war Karl V.? Es ist ja alles erst wenige Jahrhunderte her! Mein Gott, was sind schon 500 Jahre! Karl lebte 1500 – 1558. Nicht weit weg von Shakespeares Zeiten, der ja die Theaterwelt heute auch noch prägt. Shakespeare lebte 1564 – 1616. HIER ein schönes, erklärendes Video des ZDF zur Bedeutung Karls V. Er war ja ein Weltherrscher, der den katholischen Glauben weltweit verbreiten wollte. Und es war die Zeit Luthers, der Reformation. Alle vom ZDF im obigen Video genannten Elemente finden sich auch in Ernst Kreneks Bühnenwerk „Karl V.“ Dort geht es ja um das Leben von Karl V., darum, dass Karl V. vor seinem Tod gegenüber einem jungen Mönch sein Leben und sein Werk noch einmal Revue passieren lässt und sich rechtfertigt, als eine Übung seiner noch bevorstehenden Rechtfertigung vor dem Jüngsten Gericht. Zusätzlich zu dem, was im Video des ZDF erklärt wird, geht es in Krenek’s Werk auch noch um den Krieg mit Frankreich. Darauf geht das Video garnicht ein.

HIER übrigens noch etwas: Ein Video mit den bekannten Playmobilfiguren zum Inhalt von Krenek’s „Oper“ Karl V. Wieder einmal gut gemacht.

Mit all diesen Videos ist man wirklich bestens vorbereitet. Weitere Informationen mit viel Bildmaterial zur Inszenierung von „Karl V.“ findet man auf der WEBSITE der Bayerischen Staatsoper.

Es ist eine Inszenierung des Spaniers Carlus Padrissa, der weltweit meist Opern inszeniert. Er ist Mitbegründer des Performance-Kollektivs La Fura Dels Baus. HIER die Website des Kollektivs. Auch Marc Molinos, der für das bei der Inszenierung nicht unwichtige Videodesign von „Karl V.“ verantwortlich ist, arbeitet eng mit diesem Kollektiv zusammen. Die Inszenierungen von Carlus Padrissa werden auch schon mal als „visueller Overkill“ bezeichnet. HIER etwa, von BR Klassik.

So war es auch bei „Karl V.“. Teilweise gewaltig schöne Bilder. Fast jedes einzelne Bühnenbild – und es gab wahrlich viele Einzelbilder – wäre es für sich wert gewesen, es länger zu betrachten. Meistens sehr abstrakt gehalten, hoch geschmackvoll, beeindruckend! Nicht nur die riesigen Videos im Hintergrund – oft riesige abstrakte Wandbilder -, nein auch die Gestaltungen auf der Bühne. Sie vergingen fast zu schnell. Dennoch ist für mich fraglich, warum das sein muss. Meines Erachtens leiden sogar Musik und Inhalt darunter, zumal die Zwölftonmusik durchaus anstrengend sein kann. Ich habe teilweise auch nicht die Zusammenhänge zwischen Bühnenbild und Inszenierung und Inhalt erkennen können. Alles gigantisch. Gut, Karl V. dachte auch gigantisch, aber eben zu gigantisch. In seinem Reich sollte die Sonne nie untergehen.

Die Kostümierung der Mitwirkenden und die Erscheinung von Karl V. war mir dabei ein völliges Rätsel. Warum hat Karl V. denn wie ein Punk fünf Hörner auf dem Kopf (siehe das Beitragsbild oben)? Und ich als Theaterfreund würde sagen: Karl V. wurde in seiner Erscheinung zu monoton dargestellt. Er schleicht im Grunde durchgehend als leidender alter Mann über die Bühne.

Also: Wenn man sich für Karl V. und die Zwölftonmusik interessieren will und wenn man den visuellen Overkill von La Fura Dels Baus erleben will, lohnt es sich allemal. Hier noch zwei Bilder der Inszenierung:

©️ des Beitragsbildes oben: Auch Wilfried Hösl

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SONSTIGES: Thom Luz – Radio Requiem

Inszenierungen von Thom Luz hatte ich schon mehrfach gesehen. Sie sind ruhig, sensibel, ausdrucksstark, oft etwas melancholisch, setzen nicht auf hektische Effekte und regen bei aller Einfachheit zum Denken an. Zuletzt war es „Girl From The Fog Machine Factory“. HIER mein damaliger Beitrag.

Jetzt etwas Neues von ihm. „Radio Requiem“ in Basel. Ich habe es noch nicht gesehen, vielleicht habe ich eine Gelegenheit. Thom Luz kümmert sich ja gerne um die Dinge, die so langsam aus unserer Welt verschwinden. Ein „Spezialist für alles, was verschwinden kann und trotzdem noch da ist“ heißt es. Mit seiner Hannoveraner Treppenhausbespielung «Atlas der abgelegenen Inseln», der Mainzer Hinterbühnen-Verwandlung «Traurige Zauberer» und mit «Girl From The Fog Machine Factory» (Nebelmaschinen) wurde er schon zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen.

Jetzt also „Radio Requiem“. Das ehemalige SRF-Radiostudio „auf dem Bruderholz“ in Basel wird Ende 2019 abgerissen. Seit siebzig Jahren wurde an diesem Standort Radiogeschichte geschrieben. „Radio Requiem“ ist ein Spaziergang durch das Radiostudio. Und insgesamt sogar eine „Hommage an die goldene Zeit des Radio“, wie Deutschlandfunk Kultur HIER schreibt. Mehr Informationen zu dieser in Kleingruppen begehbaren Installation gibt es also auf Deutschlandfunk Kultur (siehe den link) und beim Theater Basel, zu finden über den Link rechts oben im Blog, dort ist der Weg zu den Onlineauftritten der großen deutschsprachigen Bühnen – mit Spielplänen etc.

Für hartgesottene Theaterfreunde gäbe es sogar eine Möglichkeit, einen Basel-Besuch zu verbinden mit Simon Stones sicher sehenswertem Stück „Hotel Strindberg“ – es war ja zum Theatertreffen 2019 in Berlin eingeladen: Man sieht am 4. Juli „Radio Requiem“, am 5. Juli „Exklusiv für alle“ – auch interessant! – und am 6. Juli „Hotel Strindberg“.

©️ des Beitragsbildes: Sandra Then, Theater Basel

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THEATERTREFFEN EXTRA: Ruhe nach dem Sturm

Es braucht Zeit. Das Theatertreffen 2019 ist zuende. Manches war hoch beeindruckend, anderes nicht. Entgegen meiner bisherigen Überlegungen brauche ich aber für all das, was ich gesehen habe, etwas mehr Zeit, um darüber schreiben zu können. So werde ich erst in den kommenden Tagen (oder Wochen) Stück für Stück schreiben. Es ist nötig, sich in der Ruhe NACH dem Sturm Gedanken zu den Dingen zu machen, merke ich.

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THEATER: Tipp zum Lesen

Für Theaterfreunde und Freunde der Arbeiten von Milo Rau, einem der zur Zeit ja „radikalsten Theatermacher“, habe ich hier einen aktuellen Tipp: Im Magazin der Süddeutschen Zeitung von heute, Freitag, den 3. Mai 2019, ist ein längerer Bericht über die derzeitigen Arbeiten von Milo Rau und seinem Team im zerbombten Mossul/Irak für ein neues Theaterstück zu lesen.

Ich kann nicht darauf verlinken, da der Artikel nur im bezahlbaren Bereich des Magazins vollständig zu lesen ist. „Orest in Mossul“ wird das Stück heißen, basierend auf der Orestie von Aischylos. Gedreht werden im Irak die Videoeinspielungen.

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THEATER: Thom Luz – Girl From The Fog Machine Factory

Er sagt: „Alles, was wir besitzen als Menschen, zerrinnt uns ja zwischen den Fingern wie Nebel. Auch die Liebe, die Zeit, Erinnerungen …Thom Luz, schweizerischer Regisseur, hat alle Nebelmaschinen, die er in seiner bisherigen Karriere als Theaterregisseur im Einsatz hatte (oder sich beschafft hatte), zusammengebracht und den entstehenden Nebel mit seinen Gedanken dazu zu einem gemeinsamen Einsatz gebracht. Ein Stück, das auch traurig machen kann – nichts bleibt, alles vergeht, alles zerrinnt.

Es war wieder eines der Stücke, die zum Berliner Theatertreffen 2019 (03. bis 20. Mai) eingeladen sind und die vorab auch in München bzw. Bayern zu sehen waren:

  • DIONYSOS STADT, der fast zehnstündige Antikenmarathon von Christopher Rüping, ohnehin. Es ist eine Produktion der Kammerspiele. Sie ist ausgewählt zum Berliner Theatertreffen 2019 – läuft noch an den Münchner Kammerspielen.
  • ORATORIUM von SheShePop wurde auch zum Theatertreffen 2019 ausgewählt – es war auch an den Münchner Kammerspielen sowie letztens in Augsburg zu sehen.
  • UNENDLICHER SPASS von David Foster Wallace wurde ebenfalls zum Theatertreffen 2019 ausgewählt – es war auch in Augsburg auf dem Brechtfestival zu sehen.
  • Und jetzt war GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY von Thom Luz an den Kammerspielen (Kammer 2) zu sehen. Es ist eine Koproduktion der Theater Gessnerallee Zürich, Théâtre Vidy-Lausanne, Kaserne Basel, des Internationalen Sommerfestivals Kampnagel Hamburg, des Theater Chur und des Südpol Luzern. Auch diese Produktion wurde (bekanntlich) zum Theatertreffen 2019 eingeladen.

HIER der Link zur Produktionsseite des Stückes GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY (mit einem Video vom Stück am Ende der Seite!) und HIER ein schönes Gespräch mit Thom Luz mit seinen Überlegungen zu diesem Stück. Beide Videos lohnen sich.

GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY ist in den kommenden Monaten noch an verschiedenen Orten Europas zu sehen (Bern, Montpellier, Antwerpen, Athen …). Die Termine finden sich oben rechts in diesem Blog unter „Websites und Termine von Performancegruppen“, dort unter „Bernetta“ (Bernetta ist keine Performancegruppe, sondern Produktionsgruppe, ich muss es einmal besser platzieren).

Eine Lagerhalle, die Firma vor dem Aus, Unordnung, Kartons, Nebelmaschinen, Leitern, Ventilatoren, ein paar Mitarbeiter, das sieht man. Das Stück konnte durchaus traurig machen: Es war keine irgendwie geartete „Story“, der man folgte. Es war mehr eine Beobachtung mit Gedanken zum Leben. Die Mitarbeiter lassen die Nebelmaschinen wirken.

Nebel – das einzige, was die Nebelmaschinen produzieren – hat es nun einmal an sich, sich unförmig auszubreiten – keiner weiß wohin -, dann kurz ansehnliche Bilder zu schaffen, überhaupt nicht greifbar zu sein und dann zu verschwinden. Sich einfach aufzulösen in Nichts. Und eigenartig, wie wir Menschen gestrickt sind. Wir sind im Grunde gefangen von dem Drang, immer irgendetwas erkennen zu wollen, dachte ich mir. Ich habe an mir selber festgestellt: Ständig will man (als Mensch) ja im Grunde irgendetwas erkennen, wenn man etwas anschaut. Man will wenigstens eine Form erkennen, irgendeine Struktur. In jeder Nebelschwade sollte doch am besten irgendetwas erkennbar werden. Irgendeine Assoziation sollte wenigstens kurz entstehen, greifbar werden, aufflackern.

Also: Bei jeder austretenden Nebelschwade hatte man immer wieder unwillkürlich ganz kurz einen kleinen Moment der Erwartung: „Endlich kommt eine Struktur zum Vorschein!“ Aber nein, man sah wieder nichts. Wieder wurde man enttäuscht. Man saß zwar nicht wirklich enttäuscht da, aber irgendwo war diese Enttäuschung. Es heißt ja auch zurecht: „In jeder Erwartung steckt eine Enttäuschung.“ Denn es wird ja nie irgendwo genau das eintreffen, was wir uns innerlich erwarten! So ist unser Leben. Auch Erinnerungen, die Zeit, Entwicklungen, alles verflüchtigt sich. Und das zeigten eben die Nebelschwaden immer wieder.

So hat man eine Enttäuschung nach der anderen zu verarbeiten, wenn man an diesen Abend dem Nebel zusieht. Und noch dazu lösen sich die Enttäuschungen dann in Nichts auf. Vielleicht können wir Menschen eben nicht (mehr) mit „Nichts“ umgehen. Es muss immer etwas sein! Obwohl der Nebel doch so schön aus diesen Nebelmaschinen herauskommt und dann kurz jedenfalls so schöne Bilder erzeugt. …

Auch mit Vergänglichkeit tun wir uns ja schwer. Wir kämpfen darum, alles ewig zu erhalten. Alles wird zeitlos digital speicherbar. Wir arbeiten gegen sich verändernde Fotoaufnahmen auf Papier, gegen schlechter werdende Tonbandaufzeichnungen etc.

Man kann es natürlich auch ganz anders sehen: „Schön, was mit Nebel alles angestellt werden kann!“ Und so weiter…

Ähnliche und weitere schöne Überlegungen zum Nebel und seiner Wirkung schildert übrigens Thom Luz in dem oben genannten und verlinkten Videogespräch.

Kurz noch: Man kann – wenn man sich weiter hineinsteigert – fast sagen, es geht „ganz einfach“ um den Widerspruch zwischen „Sein und Nichtsein“. Ganz simpel! Die Schauspieler versuchen ja, dem ganzen „Nichts“ immer wieder Struktur – also ein „Sein“ – zu geben. Sie verpacken den Nebel, sie erzeugen Nebelmusik (siehe das Blogbild), sie arbeiten mit Tonbändern, machen ein wenig Musik, arbeiten mit den Maschinen, sie zeigen immer wieder mit ausgestrecktem Finger ganz zielgerichtet und wichtig in irgendeine Richtung, sie reden angestrengt miteinander, sie kommen in der Fabrikhalle zusammen. Irgendetwas soll konkret werden – es wird aber nichts konkret. Sie gehen in Nebelschwaden hinein, ohne dass sie irgendetwas merken.

Irgend so ein schöner Gedanke wird auch ausschlaggebend gewesen sein, um dieses Stück zum Berliner Theatertreffen 2019 einzuladen. Es ist ein sinnlicher, poetischer Abend – ganz die Art von Thom Luz, der zuletzt schon mit dem wunderbaren Stück „Traurige Zauberer“ zum Theatertreffen eingeladen war.

Die Einladung zum Theatertreffen 2019 mit dem Stück GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY erscheint allerdings etwas hoch gegriffen! Meine Überlegung war: Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Stück auf einer größeren Bühne, die mehr Distanz schafft, die mehr Weite und Leere bietet, größeren Eindruck gemacht hätte. So war es jedenfalls bei dem Stück „Traurige Zauberer“. Dort war es besonders die Weite und Höhe des Raumes, die beeindruckte und eine besondere Atmosphäre schaffte. HIER übrigens mein damaliger Bericht zu „Traurige Zauberer“.

Vielleicht ist durch die Aufführung dieses Stückes in der kleineren Kammer 2 der Kammerspiele irgendwie ein wenig von möglicher Faszination verloren gegangen (andererseits: Das Stück wird nicht immer in großen Hallen gespielt. Etwa – sieht man im Gesprächsvideo oben – in der ebenso etwas kleineren Reithalle in Basel). Naja, man muss den ganzen Nebel ja danach auch wieder einfangen und einpacken, dann ist es ja gut, dass der Nebel seine Grenzen hat.

Hier noch ein Bild:

Sandra Then

©️ des Beitragsbildes: Sandra Then

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THEATER: Philippe Quesne – Farm Fatale

Philippe Quesne mag ja Szenerien, die unberührt sind und von den Menschen irgendwie bevölkert werden. In denen der Mensch mit der Natur in Verbindung tritt. Wobei: Es sind nicht immer Menschen. Nicht immer.

Bei „Caspar Western Friedrich“, seinem vor fast vier Jahren gezeigten „Erstlingswerk an den Münchner Kammerspielen“, waren es in der Tat Menschen, die der Natur gegenüberstanden. Es war noch sehr poetisch, an diesem schönen und ruhigen Abend, über den das Münchner Publikum damals irritiert war. Man konnte sich aber in aller Ruhe Gedanken machen über „Mensch und Natur“.

Auch bei „Crash Park“, das – vor Kurzem – auch an den Kammerspielen zu sehen war, waren es Menschen. Dort war es allerdings schon krasser, unromantisch. Die Natur – eine unberührte Insel -, um die es dort ging, wurde schon eher zerstört von den Menschen, die mit einem Flugzeug abgestürzt waren und sich auf die Insel retteten.

Bei der „Nacht der Maulwürfe“ – es war auch in den Münchner Kammerspielen zu sehen – waren es dagegen Maulwürfe, keine Menschen. Gut, an diesem spielerischen Phantasieabend zum Leben in der Unterwelt, zwischen Oberwelt und Unterwelt, ging es am wenigsten um „Mensch und Natur“. Zu sehen wäre die Nacht der Maulwürfe noch am Theatre Nanterre – Amandier, an dem Philippe Quesne Intendant ist (siehe rechts in der „Sidebar“ des Blogs den link zu Performancegruppen).

Und jetzt, bei „Farm Fatale“, das in den vergangenen Tagen Uraufführung an den Münchner Kammerspielen hatte, waren es Vogelscheuchen, keine Menschen mehr. Alle Menschen waren gestorben, heißt es. Bei „Crash Park“ waren ja nur wenige Menschen gestorben und man hatte das Verhalten der Überlebenden des Flugzeugabsturzes verfolgt. „Farm Fatale“ setze dagegen die „totale Apokalypse“ voraus. Es gab keine Menschen – vielleicht auch keine Tiere – mehr. Ein Plastikschwein, ein künstlicher Vogel fällt vom Himmel, das anfängliche Vogelgezwitscher kann – sieht man – per Fernbedienung abgestellt werden. Vogelscheuchen und ein paar verlorene Strohballen.

Aber auch hier, bei „Farm Fatale“, will Philippe Quesne, dass etwas Unberührtes berührt wird. Das Bühnenbild zeigt es – die Strohballen und die Vogelscheuchen sind anfangs schlicht auf weißem Untergrund und Hintergrund – wie auf einem weißen Blatt Papier – zu sehen. Es ist vielleicht auch nicht mehr viel da. Musikinstrumente werden hereingetragen, die Vogelscheuchen betreiben irgendwie einen Radiosender.

Man muss das Theater aber mit gemischten Gefühlen verlassen: War es Humor? War es Ernst? Vielleicht sollte es gerade so gemischt sein. Zwiespältig, gemischte Gefühle, weil: „Einerseits sehen wir todernste Themen – Umweltzerstörung, Bienensterben, Artensteben, Insektensterben, Klimaveränderung, Protest, keine Natur mehr, das Fehlen tierischer Geräusche bis hin zum Aussterben der Menschheit – und andererseits lachen wir darüber, weil die Dinge humorvoll dargestellt werden. Schon die Vogelscheuchen, köstliche Figuren in abstrusen Gesichtsmasken, siehe das Beitragsbild. Oder hier:

©️ Martin Argyroglo

Auch ihre langsamen Bewegungen. Ihre Sprache. Ihre Musik. Auch ihre Kleidung, Stroh kommt überall hervor, ihre Handlungen. Wenn ihnen etwas gefällt, schütteln Sie kurz wild mit ihren Händen. Am lustigsten etwa ist das Gespräch, das die Vogelscheuche, die gerne für den Sender Interviews führt, mit der wohl letzten Biene führt. Bevor auch sie verloren geht. Eine andere Vogelscheuche muss ins Schwyzerdeutsch übersetzen. Das Beitragsbild oben zeigt die Szene. Mehr als die Zwiespältigkeit zwischen Ernst und Humor bleibt von diesem Abend aber nicht. Tiefergehende Gedanken, die sich Philipp Quesne gemacht haben mag, blieben versteckt.

Allenfalls eine positive Grundstimmung wird angeregt. Die Vogelscheuchen finden ein Ei, das die Zukunft – mit allen Gestaltungsmöglichkeiten – zu beinhalten schien. Schön, wenn es so wäre. Die Einführung eines derart abstrakten Symboles – das Ei als Symbol, das Ei des Kolumbus – ist für die alles immer mit großer Ruhe betrachtenden Arbeiten von Philipp Quesne untypisch. Typisch sind ganz normale Menschen. Aber die Vogelscheuchen sind ja auch schon untypisch. Philippe Quesne, Meister der fast poetischen und langsamen Entwicklung von Bühnengeschehen, ist bei „Farm Fatale“ also insoweit ein wenig auf Abwegen. Es bleibt auch sehr nebulös.

Das Ei ist ein etwas billiges Symbol, so entwickelt sich doch auch recht wenig an diesem Abend, der wieder so eigenwillig schön gestaltet ist und zur Freude anregt. Pessimistisch will Philippe Quesne jedenfalls nicht sein, wie man dem Interview im Programmheft entnimmt. „Farm Fatale“ spielt irgendwie mit einem positiven Gefühl.

„Farm Fatale“ wird im April und im Mai an den Kammerspielen zu sehen sein. Ob danach, weiß ich nicht.

HIER ein Trailer zum Abend.

HIER die Seite zum Stück auf der Website der Kammerspiele.

HIER ein Überblick über Stationen des Lebens von Philippe Quesne.

©️ des Beitragsbildes: Martin Argyroglo

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THEATER: Aktuelles

Sehr schade: Zum Theatertreffen 2019, dass vom 3. bis 20. Mai in Berlin stattfinden wird, war unter anderem die Inszenierung „Das Internat“ von Ersan Mondtag ausgewählt worden. Das Stück wurde am Theater Dortmund gezeigt. Nun wurde bekannt, dass dieses Stück in Berlin leider nicht gezeigt werden kann.

Das Stück braucht drei Tage Vorbereitung für den Aufbau, den Tag der Aufführung und einen Tag für den Abbau. Offenbar hat sich in ganz Berlin kein Spielort finden lassen, an dem eine fünftägige Besetzung des Spielraumes möglich gewesen wäre. Das ist die Begründung. HIER der Link zu einem Gespräch mit Kay Voges, dem Intendanten des Schauspiels Dortmund. Es ist ja kaum zu glauben, dass in ganz Berlin kein Ort zu finden war! Aber das Gespräch mit Kay Voges zeigt recht glaubhaft, dass es wohl so war.

Ich bringe hier zumindest die Seite der damaligen Inszenierung auf der Website des Theater Dortmund: HIER.

HIER einen kleinen Trailer zur Inszenierung, der sich auf YouTube findet.

Und HIER ein kurzes Video zur Begründung, warum „Das Internat“ von Ersan Mondtag zum Theatertreffen 2019 eingeladen wurde.

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THEATER: Brechtfestival 2019 in Augsburg

Nur ein kurzer Hinweis auf das derzeit stattfindende Brechtfestival in Augsburg! HIER das Programm. Augsburg ist natürlich die große Bertolt-Brecht-Stadt. Bertolt Brecht wurde bekanntlich in Augsburg geboren, am 10. Februar 1898, also vor 121 Jahren. Erstaunlich ist, dass Bertolt Brecht dennoch thematisch immer wieder durchaus aktuell ist. Das „Leben in Städten“ ist Schwerpunkt dieses Jahr. Zwei Veranstaltungen habe ich bisher gesehen. Ich werde noch etwas genauer darüber schreiben.

Die Bertolt-Brecht-Realschule, das Bertolt-Brecht-Geburtshaus, die Bertolt-Brecht-Gedenkstätte, das Brechtfestival, all das findet sich in Augsburg! Nur der Bertolt Brecht Platz, der befindet sich in Berlin! Es ist der Platz vor dem Berliner Ensemble. 1963 wurde der Platz so genannt, zu Bertolt Brechts 65. Geburtstag. 1949 übernahm Bertolt Brecht in der DDR zusammen mit seiner Frau Helene Weigel das Theater am Schiffbauerdamm. Dort gründeten die beiden das „Berliner Ensemble“. Bertolt Brecht war ab 1974 künstlerischer Leiter des dortigen Theaters, das früher – wie gesagt – „Theater am Schiffbauerdamm“ hieß. 1974 wurde das „Theater am Schiffbauerdamm“ in „Berliner Ensemble“ unbenannt.

Seit 1995 etwa läuft am Berliner Ensemble – mittlerweile über 400 mal – das Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht, das schon vor 1974 über 500 mal gezeigt wurde. Weitere Termine werden demnächst bekanntgegeben.

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SONSTIGES: Ein Augenblick.

Ein nicht so schlechter Text aus Richard Powers‘ „Die Wurzeln des Lebens“. So kann man es auch sehen. Das Beitragsbild oben ist aus „Caspar Western Friedrich“ von Philippe Quesne, das 2017 an den Kammerspielen gezeigt wurde. Das Verhältnis des Menschen zur Natur.

Der Text:

„Stellen wir uns vor, der Planet wird um Mitternacht geboren, unsere Lebensspanne beträgt genau einen Tag.

Zuerst ist da nichts. 2 Stunden vergehen allein mit Lava und Meteoren. Leben zeigt sich erst gegen drei oder vier Uhr morgens. Und auch da sind es nur die einfachsten selbstreplizierenden Bausteine. Von der Morgendämmerung bis zum Vormittag – eine Million Millionen Jahre Verzweigungen – nichts als simple, schlichte Zellen.

Dann ist da alles. Etwas Unglaubliches geschieht, kurz nach Mittag. Eine Variante dieser einfachen Zellen versklavt einige andere. Zellkerne bekommen Membranen. Zellen entwickeln Organellen. Was anfangs ein Zeltplatz für einen war, entwickelt sich nun zur Stadt.

Der Tag ist zu zwei Drittel um, als die Wege von Pflanzen und Tieren sich trennen. Und trotzdem besteht das Leben immer noch nur aus Einzellern. Es wird schon dunkel, als sich die ersten komplexeren Zellgebilde zeigen. Alle größeren Lebensformen sind Spätankömmlinge, stellen sich erst nach Einbruch der Dunkelheit ein. Neun Uhr abends beschert der Welt Quallen und Würmer. Später in derselben Stunde beginnt das Gewimmel – Rückgrat, Knorpelgewebe, eine Explosion der Körperformen. Von einem Augenblick auf den anderen sprießen überall in der sich immer weiter ausbreitenden Krone neue Äste und Zweige und wachsen in rasendem Tempo.

Um kurz vor zehn ziehen die ersten Pflanzen an Land. Dann Insekten, die sich sogleich in die Lüfte erheben. Augenblicke später kommen Landwirbeltiere aus dem Schlamm am Gezeitensaum gekrochen und bringen auf ihrer Haut und in ihrer Eingeweiden ganze Welten aus älteren Geschöpfen mit. Als es elf schlägt, ist die Zeit der Dinosaurier schon vorbei, und sie übergeben das Kommando für eine Stunde an die Säuger und Vögel.
Irgendwo in diesen letzten sechzig Minuten, hoch oben, fast am oberen Rand des stammesgeschichtlichen Blätterdachs, entwickelt das Leben Bewusstsein. Die Geschöpfe fangen an zu spekulieren. Tiere bringen ihren Kindern bei, was Vergangenheit und Zukunft sind. Tiere lernen, wie sie Rituale abhalten.

Der im anatomischen Sinne moderne Mensch taucht vier Sekunden vor Mitternacht auf. Erste Höhlenmalereien gibt es drei Sekunden darauf. Und im Tausendstel eines Klicks des Minutenzeigers löst das Leben das Geheimnis der DNA und macht sich erstmals ein Bild vom Baum des Lebens. Als die Mitternacht kommt, besteht fast der gesamte Erdball aus Monokulturfeldern, zur Erhaltung und Ernährung einer einzigen Spezies. Und das ist der Moment, in dem sich der Baum des Lebens von neuem verwandelt. Der Augenblick, in dem der mächtige Stamm ins Wanken gerät.“

©️ des Fotos: Martin Argyroglo, Münchner Kammerspiele.

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THEATER: Macbeth-Trilogie, Teil IV

Vorweg etwas: Es kommt mir schon ganz komisch vor, dass ich derzeit so viele Posts bringen. Es liegt einfach daran, dass ich – anstatt abends den Fernsehknopf zu drücken – 200 m weiter zu den Kammerspielen, 500 m zum Residenztheater oder mit dem Fahrrad ein Stückchen fahre, um mir ein Theaterstück anzusehen. Oder etwas lese oder so. Ein Blog treibt einen ja auch dazu, die Dinge weiterzuverfolgen. Und wenn ich schreibe, schreibe ich recht schnell. Also keine Angst.

Anfang Dezember hatte ich an den Münchner Kammerspielen schon einmal „Macbeth“ angesehen. HIER mein damaliger kurzer Bericht. Ich hatte damals angekündigt, noch einmal darauf zurückzukommen im Rahmen meiner großen Shakespeare-Tour. Ich habe jetzt in letzter Zeit also gesehen: „Macbeth“ von Heiner Müller am Berliner Ensemble, „Macbeth“ von William Shakespeare am Münchner Residenztheater, jetzt noch einmal „Macbeth“ von Amir Reza Koohestani an den Münchner Kammerspielen und kürzlich „Richard III.“ von William Shakespeare auch am Münchner Residenztheater (auch darüber schreibe ich bei Gelegenheit noch). Zusätzlich hatte ich das Buch „Der Tyrann“ vom großen Shakespeare-Kenner Stephen Greenblatt gelesen, in dem es um die Tyrannengestalten in Shakespeare‘s Dramen geht.

Nun also abschließend zu „Macbeth“ NACH William Shakespeare VON Amir Reza Koohestani an den Münchner Kammerspielen:

Amir Reza Koohestani ist Iraner. Man stelle sich nur vor, ein deutscher Regisseur würde sich einen persischen Klassiker vornehmen und dem persischen Publikum präsentieren. Genau so ist es doch wohl, wenn sich Amir Reza Koohestani dieses europäischen Klassikers von William Shakespeare annimmt. Zwei Welten prallen aufeinander. Diesen Abend nur „Macbeth“ zu nennen, täuscht dann natürlich. Es greift an sich zu kurz. Treffender wäre es – von der ganzen Inszenierung her – sicher gewesen, diesen Abend etwa „Macbeth iranisch/deutsch“ zu nennen. Das ist es ja, was man an diesem Abend sieht: Die Konfrontation des europäischen „Klassikers“ mit dem Versuch, ihn aus persischen Augen zu verstehen. Das ist das Thema des Abends.

Amir Reza Koohestani zieht „Macbeth“ deshalb an diesem Abend zunächst einmal auf eine Metaebene: Er zeigt, wie ein Regisseur, gespielt von Christian Löber (siehe das Foto oben), die Aufführung von Macbeth in letzten Zügen mit einigen Schauspielern vorbereitet. Die von ihm vorgesehene Schauspielerin für Macbeth‘s Ehefrau, Lady Macbeth, fällt kurz von der Premiere aus. Der Regisseur, der auch den Macbeth spielen würde, setzt kurzfristig seine persische Frau für diese Rolle ein, die von der persischen Schauspielerin, Journalistin, Regisseurin, Schriftstellerin Mahin Sadri gespielt wird. Und so beginnen die Probleme. Sie tastet sich natürlich an Shakespeare so heran, dass sie den Text erst einmal auf Farsi liest und spricht. Wie soll sie ihn sonst verstehen. Christian Löber als Regisseur hat schon damit seine Probleme. Aber auch später, wenn Mahin Sadri den Text spricht, hat er damit Probleme. Sie betone falsch.

Aber es kommen noch weitere Ebenen hinzu. Es ist eine kluge, und insgesamt nicht leicht zu verstehende Inszenierung. Man muss Shakespeare‘s Macbeth gut kennen, nur Stück für Stück wird die Geschichte in bestimmten Einzelheiten weiter erzählt. Im Grunde kommt hinzu, dass auch der Regisseur und Protagonist seines eigenen Stückes „Macbeth“, wie gesagt gespielt von Christian Löber, immer mehr Unverständnis für Shakespeare’s „Macbeth“ zeigt. Er wird völlig verwirrt. Andererseits geht er in seinem Projekt „Macbeth“ auf und hat ständig einzelne Szenen vor Augen. Er schaut in den Spiegel und sieht Macbeth!

Und es kommt hinzu, dass sich auch für ihn die Ebenen – das Private und seine künstlerische Tätigkeit – immer mehr verweben. So wird er einmal von seiner Frau gefragt: „Bist du ein Mann?“ Die Frau meint es als Textstelle von Shakespeare, gesprochen von Lady Macbeth. Der Mann fasst es als private Äußerung auf und reagiert etwas angesäuert zurück. Oder er redet anfangs mit einem Schauspielerkollegen – Stefan Merki – auf dem Pissoir über das Verhältnis von Macbeth zu seinem Freund Banquo, den er schließlich umbringen wird. „Was würdest Du denn machen, Dein bester Freund!“ fragt der Kollege und bedrängt Christian Löber geradezu. Oder er wird einmal fast neben der Bühne, glaube ich verstanden zu haben, ans Telefon gerufen mit dem Hinweis, Macbeth sei am Apparat. Und alles ist ja immer der Versuch des Iraners Amir Reza Koohestani, Shakespeare’s „Macbeth“ zu verstehen.

Die Inszenierung ist klug, teilweise humorvoll, teilweise ernst. Übrigens schön begleitet von dem starken, lauten Gesang einiger Shakespeareworte durch die polnische Musikerin Polly Lapkovskaja. Es zeigen sich insgesamt die immensen Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn ein iranischer Regisseur einen europäischen Klassiker auf die Bühne bringen will. Wie gesagt: Wie wäre es umgekehrt? Man könnte nur Fettnäpfchen erwischen! Aber es lohnt sich doch, sich mit fremden Klassikern – aus iranischer Sicht – auseinanderzusetzen. Auch wenn man an diesem Abend das Theater verlässt und sich sagen kann: Shakespeare verwirrt alle! Und alle scheitern irgendwie an Shakespeare‘s Macbeth.

Was ich übrigens dementsprechend davon halte, Shakespeare immer weiter als europäischen „Klassiker“ zu verstehen, werde ich noch etwas deutlicher, glaube ich, schreiben, wenn ich über „Richard III.“ schreibe.

©️ des Beitragsbildes: Thomas Aurin, Münchner Kammerspiele

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THEATER: Milo Rau – Die Wiederholung

Darf man alle Grenzen sprengen und alles infrage stellen? Diese Frage stellt sich, wenn man von Milo Rau „Die Wiederholung“ gesehen hat. Man kann das Theater – Kammer 3 der Münchner Kammerspiele –  an diesem Abend ansich nur fassungslos, verunsichert und irritiert verlassen, weil alle Grenzen gesprengt worden sind.

Allein schon die tiefe Erschütterung über den grauenhaften Inhalt des Abends würde man ja gerne im Rahmen der bekannten Grenzen – ein Theaterabend eben! – halten. Das geht aber nicht. Schon dann, wenn man sich sagt, „so etwas möchte man nicht im Theater sehen“, hat man es eigentlich falsch verstanden. Dann klammert man sich ja doch wieder an die irgendwie existierenden Grenzen des Theaterschauens! Aber genau mit der Reaktion „Bitte nicht!“ soll man ja vorsichtig sein, sagt der Abend vielleicht. Natürlich kann man sich an die herkömmlichen Grenzen der „Gewohnheit“ festklammern, aber genau um diese Grenzen geht es an diesem Abend! Ich finde es ja immer wieder, wie gesagt, interessant, wenn uns unsere Grenzen bewusst gemacht werden.

Es wird ein vor einigen Jahren in Lüttich tatsächlich geschehener Mord an einem homosexuellen Jugendlichen aufgearbeitet und in vielen Aspekten – auch den Tathergang betreffend – nachempfunden. Schon mit diesem Mord wurden ja faktisch alle Grenzen gesprengt. Es wurde ein Mensch umgebracht. Sinnlos umgebracht von Jugendlichen, die damit ebenfalls völlig ihre Grenzen gesprengt haben. Warum auch immer. Vielleicht weil sie arbeitslos und frustriert waren.

Auch für die Hinterbliebenen des Getöteten wurden alle Grenzen gesprengt. „Warum?“ wird mehrfach von Ihnen und dem Freund des Getöteten gefragt. Sie können es nie verstehen! Es bleiben Ihnen nur völlig ungelöste Fragen.

Und weiter: Auch die Zuschauer werden im Grunde gezwungen, Grenzen zu sprengen. Gewohnte Grenzen des Zuschauens. Wann sieht man schon einmal in einer solchen Nähe und so detailiert nachgestellt einen grausamen Mord? Man ist einem schrecklichen Geschehen ausgesetzt! Noch dazu „untermalt“ von vielen vielen traurigen Emotionen. Gut, man sieht gewöhnlich mal etwa einen König sterben! Aber das ist Theater, reines Theater. Man zuckt mit der Schulter, wenn überhaupt.

Und noch weiter: Auch die Schauspieler sprengen für sich sicherlich Grenzen: Die beiden ältesten Schauspieler (eine Frau und ein Mann) sitzen längere Zeit nackt nebeneinander und küssen sich. Auch das ist ja ungewöhnlich.

Und noch etwas, was mit dem Sprengen von Grenzen zu tun hat: Eine der Mitwirkenden erzählt – in der Person des ehemaligen Freundes des Getöteten – er habe eine Wahrsagerin aufgesucht, um nach einem „Zeichen“ seines getöteten Freundes zu fragen. Wahrsagerei stößt ja herkömmlich auch schnell an die Grenze des Glaubhaften.

Und es ging immer weiter: Anhand der Konfrontation mit all diesen Grenzen werden dem Zuschauer auf einer völlig anderen Ebene weitere Grenzen aufgezeigt und auch diese Grenzen werden gesprengt. Es geht um die Grenzen des Schauspiels.  Das eigentlich große Thema von Milo Rau, der zurzeit wahrscheinlich schillerndsten Figur der europäischen Theaterszene. Es geht ihm nur sekundär um den Mord. Es geht um Schauspiel und Realität. Sicher sind die Grenzen des Schauspiels der Anlass, warum er solche Abende gestaltet. Was ist Schauspiel, was ist Realität?

Ständig wird man an diesem Abend zwischen Schauspiel und Realität hin- und hergeworfen. Ein Beispiel: Der – ich nenne ihn einmal: – „Aufnahmeleiter“ sitzt neben der Frau, die die Mutter des Getöteten spielt, einem Kameramann mit portabler Kamera gegenüber und sagt: „Aufnahme!“. Beide werden gefilmt, schlüpfen sofort in die Rollen der Eltern des Getöteten und erzählen von den Momenten vor und nach dem Mord.

Die Frau wurde – wie andere Mitwirkende auch – zu Beginn des Stückes noch gefragt, warum sie Schauspielerin sei und was sie bisher gemacht habe etc. Also auch hier werden die Ebenen der Privatpersonen und der Schauspieler sowie der dargestellten Personen, den Eltern des Getöteten, vermischt, nebeneinander gezeigt.

Immer wieder diese Vermischung. So wird auch erzählt, wie man tatsächlich – in der Realität der Vorbereitung des Stückes – einen der Verurteilten in Gefängnis besucht hatte! Schauspiel? Realität? Für die Einen ist es Vorbereitung, für die Anderen Vergangenheit.

Auch der Aufnahmeleiter: Er ist der „Aufnahmeleiter“ (und auch den spielt er ja nur, er steht ja auf der Bühne) und er ist plötzlich der Vater des Getöteten. Und daneben ist er natürlich Privatperson. Viele Szenen sind übrigens auf einer Leinwand zu verfolgen, wobei sich auch hier wieder zeigt: Es stellt sich heraus, dass die Aufnahmen, auf die man blickt, gar nicht live vom Kameramann kommen, obwohl sie wörtlich und inhaltlich identisch mit dem sind, was der Kameramann gerade aufzunehmen vorgibt. Also noch eine Ebene. Oder man sieht auf der Leinwand eine Person in einem Bett sitzen, während das gleiche Bett auf der Bühne leer ist.

Und man überlegt wirklich immer mehr: Was ist überhaupt noch reell, was ist Schauspiel! Man hört ja anfangs auch die Aussage, dass Schauspieler, die sich auf ihre Rolle vor Beginn des Abends einstimmen, vorbereiten, im Grunde auf der Bühne gerade deswegen bloß „Schauspieler“ bleiben. Man wird an diesem Abend eigentlich weggeführt von der Schauspielerei. Hin zur Realität!

Milo Rau verfolgt zu dieser Frage ohnehin eine sehr besondere Ansicht: Er hat kürzlich das so genannte „Genter Manifest“ geschrieben. Es sind seine Grundsätze, nach denen er Theater macht. Milo Rau ist derzeit der Intendant des NT Gent. HIER das lesenswerte Genter Manifest (am Ende des verlinkten Beitrags).

Man hat also alle möglichen Grenzen gesehen und musste sie für sich aufheben. Alles wurde infrage gestellt. Eine Schlussfolgerung ist schwer! Ich würde sagen: Es wird einem bewusst gemacht, dass man beim Betrachten eines Theaterstückes im Grunde meistens feige an der Realität vorbeischaut. Auch wenn man meint, an der Realität „nah dran“ zu sein: Es ist nicht die Realität.

Gegen Ende erzählt eine der Mitwirkenden noch eine schöne Geschichte: Sie mag, sagt sie, besonders den 6. Akt von Tragödien: Den Akt, wenn sich alle SchauspielerInnen vor dem Publikum verneigen und wieder vereint sind. Auch wenn sie während des Stückes getötet wurden, verbannt, verletzt, beleidigt, oder was auch immer und wer auch immer. Sie wiederholen das Stück ja schließlich. Die Wiederholung.

Wer sich dem aussetzen will: Heute Abend noch einmal in den Münchner Kammerspielen, 20:00 Uhr.

©️ des Beitragsfotos: Hubert Amiel, Kammerspiele

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MUSIK: Pink Floyd – Wish you were here

Das muss natürlich auch einmal sein: Pink Floyd, Wish You Were Here. Der Oberklassiker. Mehr kann ich dazu kaum sagen.  Es gehört einfach  auch einmal in meine Sammlung. Ich kann hier die Lyrics dazu bringen:

So, so you think you can tell
Heaven from hell
Blue skies from pain
Can you tell a green field
From a cold steel rail?
A smile from a veil?
Do you think you can tell?
Did they get you to trade
Your heroes for ghosts?
Hot ashes for trees?
Hot air for a cool breeze?
Cold comfort for change?
Did you exchange
A walk on part in the war
For a lead role in a cage?
How I wish, how I wish you were here
We’re just two lost souls
Swimming in a fish bowl
Year after year
Running over the same old ground
And how we found
The same old fears
Wish you were here

Und auf Deutsch:

So, also du denkst, du könnest wirklich unterscheiden,
Zwischen Himmel und Hölle,
Blauem Himmel und Schmerz.
Kannst du ein grünes Feld
Von einem kalten, stählernen Gleis unterscheiden?
Ein inniges Lächeln von einer Maskerade?
Glaubst du, du kannst das wirklich unterscheiden?

 

Haben sie dich dazu gebracht,

Deine Helden gegen Geister einzutauschen?
Heiße Asche gegen Bäume?
Heiße Luft gegen eine kühle Brise?
Schwachen Trost gegen Veränderung?
Und hast du eine Statistenrolle im Krieg
Gegen eine Hauptrolle in einem Käfig getauscht?

Wie sehr ich mir wünsche, du wärst hier.
Wir sind nur zwei verlorene Seelen,
Die in einem Goldfischglas schwimmen,
Jahr für Jahr,
immer wieder auf den gleichen alten Pfaden unterwegs,
was haben wir letztendlich gefunden?
Nur die gleichen alten Ängste.
Ich wünsche, du wärst hier.

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THEATER: August Strindberg – Der Vater

Es war die 20. Premiere in dieser Spielzeit, alle drei Bühnen der Münchner Kammerspiele inbegriffen! 1887 wurde August StrindbergsDer Vater“ uraufgeführt. Jetzt hat es Nicolas Stemann in München auf die Bühne des großen Spielhauses der Kammerspiele („Kammer 1“) gebracht. Auf den ersten Blick eine unspannende Wahl. August Strindberg ist übrigens vor fast exakt 106 Jahren, am 14. Mai 1912 in Stockholm gestorben. Ich habe das Stück gesehen und gelesen.

Auch das (kurze) „Drama“ liest sich auf den ersten Blick harmlos und unspektakulär. Eine banale Geschichte, wonach die Frau des Rittmeisters es schafft, ihn durch ihre starke weibliche Stellung in den Tod zu treiben. Aufhänger der Geschichte ist, dass der Vater unsicher wird, ob er wirklich der Vater der „Tochter“ Berta ist. Und Aufhänger ist, dass seine Frau Laura der Tochter Berta eine andere Ausbildung zukommen lassen möchte, als der Vater. Er kommt damit nicht zurecht. Doch das ist nur der erste Blick. Schon das Buch enthält interessante Aussagen zum Verhältnis Mann – Frau.

Es ist sicherlich nicht leicht, vor allem diesen zweiten, tieferen Blick auf das Verhältnis Mann – Frau auf die Bühne zu bringen. Nicolas Stemann hat es mit gemischtem Erfolg, wie ich finde, versucht. „Feminismus“ sagt man heute schnell. Gleichzeitig ist aber alles immer auch eine Frage des Patriarchats. Man denke da nur an die Sicht islamisch denkender Menschen auf die Rolle der Frau! Ein Riesenthema. August Strindberg hat das Stück wohl so verstanden, dass es „antifeministisch“ genannt werden konnte. Der Mann das Opfer, der „Sklave“, wie der Rittmeister sagt. Strindberg redet aber auch über einen sehr psychologischen Ansatz: Der Mann und die Mutter und der Mann, der sein Leben lang versucht, etwas zu machen, um sich zu beweisen. Er sagt:

Ich, der in der Kaserne und vor der Truppe der Befehlende war, ich war bei dir der Gehorchende und ich wuchs an dir, ich sah zu dir auf wie zu einem höher begabten Wesen und ich hörte auf dich, als wäre ich dein unverständiges Kind.

Da steckt Einiges drin. Nicolas Stemann versucht, den Aspekt hervorzuheben, dass der Feminismus natürlich auch Probleme der Männerwelt beinhaltet. Auf der Leinwand verschmelzen – siehe das Beitragsbild – das Gesicht der Frau (Julia Riedler) und des Mannes (Daniel Lommatzsch) zu einem Gesicht. Eigentlich sieht wohl auch Strindberg schon, dass Feminismus etwas mit den Männern zu tun hat. Sehr interessant sind auch die Verbindungen zu heutigen Diskussionen (etwa die #me-too-Bewegung). Das Thema ist ja absolut zeitlos, aktuelle Bezüge kommen aber bei Stemann nur zaghaft auf die Bühne. Hätte man hier nicht viel viel mehr auf die Bühne bringen können? Hätte man hier nicht viel aufgewühlter das Theater verlassen müssen? Einen interessanten Einblick in heutige Gedanken zum „Feminismus“ geben jedenfalls die im Programmheft abgedruckten Gespräche mit Nicolas Stemann und mit der Kulturwissenschaftlerin und Autorin Mithu Sanyal (ihre Arbeiten kreisen schon immer auch um das Thema Feminismus). Hier liest man von vielen Aspekten des Themas!
Zur Inszenierung: Stemann-typisch eine Bühne, die keine Räumlichkeit zeigt, sondern eine bespielbare Fläche (grellgrüner Boden, aus dem bewegliche Stehlampen ragen), dazu einzelne Gegenstände auf der Bühne (ein Sofa, später ein Tisch, ein Fernsehapparat,) sphärische Musik (seine bekannten beiden Musiker Thomas Kürstner und Sebastian Vogel kommen immer wieder auf die Bühne und begleiten mit fast drohenden Klängen das Spiel), die SchauspielerInnen übernehmen mehrere Rollen (sie sind Schauspieler und Rolle zugleich), auf besonders großer Fläche (ein Vorhang) werden teils die Schauspielerinnen  schwarz-weiß in Video gezeigt. Schöne Bilder, Julia Riedler sehr überzeugend. Inhaltlich hangelt sich der Abend erstaunlich nahe an Strindbergs Stück entlang. Wie gesagt: Da hätte Provokanteres, Mutigeres kommen können. Ansonsten: Überzeugend spielte neben Julia Riedler (sie kommt hier viel mehr in ihre „Rolle“ als etwa im „Wartesaal“, finde ich) besonders am Ende Wiebke Puls mit langem Monolog (siehe das Blogbild).

 

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin

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MUSIK: Kinks – Lola

Die Musik, die ich hier im Blog bringe, hat manches Mal Erinnerungswerte. Nicht immer, aber oft. So etwa das Lied von SIMPLE MINDS, „Don’t you (forget about me)“. Freunde werden dieses Lied immer mit mir verbinden. Stichwort Lausanne, 1983/84. Es wird heute noch angestimmt, wenn es um meine schäbige Vergangenheit geht. Es war ein wunderbares Studienjahr in Lausanne. Heute „Lola“ von den Kinks. Auch dort spielen sie rein, meine Erinnerungen.

In der jährlichen Sommerzeit, in meiner Kindheit und Jugendzeit, verbrachten wir immer drei/vier Wochen auf Sylt, dieser so trostlosen Insel, diesem deutschen Problemviertel! Ich mit den überforderten Eltern und meinen beiden Geschwistern, dem Bruder und der Schwester. Es war jedes Jahr großer Sommerurlaub. Angereist kamen wir mit dem irgendwie finanzierten Auto. Wir, die kleinen Kinder, lagen damals tatsächlich noch unangeschnallt hinten: Einer auf der Fensterablage, einer auf der Rücksitzbank, einer im Fußbereich (!). Ich sehe mich noch im Fußbereich – die Mittelverstrebung störte immer. Ich erinnere mich gut.

Wir wohnten in einem dieser verfallenen, dreckigen, wertlosen Häuschen in Kampen. „Kampen“ klingt schon wie „Lumpen“. Eine armselige Hütte war es. Es gab aber fließend Wasser! Es waren trotzdem schöne Zeiten! Tagsüber lümmelten arme Menschen am Strand „Buhne 16“ in ihren kaputten und verschmutzten Strandkörben – zerschunden, abgearbeitet, müde, ungewaschen, alkoholisiert, stinkend, krank, verletzt, entstellt. Sie lümmelten dort und warteten auf nichts, einfach nichts. Wünschten sich höchstens, dass der Tag doch bitte so bleibe … oder doch bitte vorübergehe. Manche gingen ins kalte Wasser der Nordsee, auch bei Flut.

Am späten Nachmittag sah man sie dann wieder. Man sah sie im Ort, diese Clochards, Bettler, arme unrasierte Menschen. Sie kannten sich alle, von irgendwelchen Brücken im Hamburger Hafen wahrscheinlich. Im „Gogärtchen“ standen sie, die Ärgernisse des Tages mit einem Gläschen Champagner oder schon wieder mit einem Drink – am besten mit beidem – herunterspülend. Es war deprimierend, ja traurig.

Abends und nachts, nachdem sie mit ihren zerkratzten, verbeulten und klappernden Lamborghinis oder Porsches in ihre erbärmlichen, dem Verfall preisgegebenen, mit Reet notdürftig gedeckten Hütten in Kampen/Wattseite auf Sylt gerumpelt waren, kamen einige wieder in die Dorfstraße. In den „Rauchfang“ etwa, schräg gegenüber vom billigen „Gogärtchen“, der Absteige, in der erst einmal noch der Dreck des Nachmittags beseitigt werden musste. Ich glaube der Treffpunkt am Abend hieß „Rauchfang“. Dort sah man sie also wieder, diese ungepflegten, schmutzigen Clochards, ihre billigen Frauen (oder waren es Nutten?). Sie trugen ihr letztes Hemd, ihre letzte verdreckte und eingerissene Hose, meist abgelatschte, verbrauchte und verdreckte Schuhe. Sonnenbrand auf der Stirn. Und dort kam auch dieses Lied von den Kinks, „Lola“. Jeden Abend kam es.

Ich sehe sie dann auf den wackelnden Tischen herumzappeln, sie ließen sich hemmungslos gehen. Es war der Höhepunkt des Abends. Ein Ritual. Als hätten sie tatsächlich Spaß am Leben. Betrunken grölte man auf den Tischen „Lola“ mit. Ich sehe es vor mir. Hier also das Lied:

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LITERATUR: Lion Feuchtwanger – Exil

Mit Lion Feuchtwanger kann mir keiner mehr kommen! Nach dem schmalen Bändchen Erfolg habe ich jetzt noch das Heftchen Exil von ihm gelesen. Zwei Teile seiner Kurzgeschichtentrilogie Wartesaal. Und das alles wegen der Inszenierung des Stückes „Wartesaal“ von Stefan Pucher an den …. Münchner Kammerspielen natürlich. Nächste Woche gehe ich hin.

Ist ja ohnehin interessant: Am vergangenen Donnerstag, 14.12.2017, war Premiere des Stückes Trommeln in der Nacht von Bertolt Brecht (HIER mein Blogbeitrag) und jetzt kommt eben Lion Feuchtwanger. Beide kannten sich nämlich, waren gute Freunde. Es gibt ein Buch über ihre Freundschaft: „Sunset“ von Klaus Modick (HIER eine Besprechung des Buches aus 2011 vom Deutschlandfunk Kultur).

Bertolt Brecht bat damals in München Lion Feuchtwanger, sein Werk „Trommeln in der Nacht“ einmal zu lesen. Es hatte damals noch den Titel „Spartacus“. Feuchtwanger war begeistert und seine Frau Marta regte damals an, Brechts Stück „Trommeln in der Nacht“ zu nennen. Also interessant, dass beide jetzt in den Kammerspielen inszeniert werden.

Zum Buch „Exil“ von Lion Feuchtwanger: Das Buch „Erfolg“ (HIER mein kleiner Blogbeitrag dazu) hatte mir besser gefallen! Dort geht es ja um München – das ich natürlich gut kenne – nach dem ersten Weltkrieg, das Aufkommen des Nationalsozialismus. Ich finde, dort werden die Verhältnisse unglaublich dicht und gut erkennbar beschrieben. Man erkennt sehr gut die damaligen Verhältnisse. Auch die Personen sind sehr interessant ausgewählt. Man lernt fast über die Bayern! Dieses gemütliche Bauernvolk. Man ist voll drin.

Im Buch „Exil“ geht es dagegen um die Verhältnisse deutsche Exilanten in Paris. Etwa zur gleichen Zeit, nach dem I. Weltkrieg. Auch Marta und Lion Feuchtwanger lebten ja einige Jahre in Frankreich, bevor sie nach Amerika übersiedelten. Es fiel mir bei „Exil“ etwas schwerer, die Personen wirklich zu verstehen, reinzukommen. Auffallend aber, dass eine fast maximal breit gefächerte Personenkonstellation beschrieben wurde: Juden – Nazis – ein Deutscher, der den Nazis nahestehen wollte, aber mit einer Halbjüdin befreundet war – ein jüdischer Junge, der aus Überzeugung gerne in der Sowjetunion leben wollte – ein jüdischer Geschäftsmann, dessen Tochter noch in Deutschland festsaß – ein Exilant, der in der Schweiz von den Nazis verschleppt wurde – Künstler, Politiker, Journalisten – ein Exilant, der es schaffen wollte, dass sich ein bedrohlicher Nazi seiner atteaktiven jüdischen Freundin annäherte, um ihn in Verruf zu bringen – und und und. Alles dabei.

Und daneben eben zurzeit Bertolt Brecht mit einer wieder anderen Sicht: Der Sicht auf einen Kriegsheimkehrer. Man kommt rum in der damaligen Zeit.

Aber man braucht etwas Zeit für diese niedlichen Kurzgeschichten „Erfolg“ und „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Hemingway liest sich schneller!

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THEATER: Bertolt Brecht – Trommeln in der Nacht VON Bertold Brecht

Jeder kann doch nur das machen, was er braucht und was er überhaupt kann. Mehr geht nicht. Wir sind keine Übermenschen! So hat es vielleicht auch Bertolt Brecht gesehen, als er für das Stück „Trommeln in der Nacht“ ein Ende gesucht hatte. Es war das zweite Werk des damals 24-Jährigen. Gestern war Premiere in den Kammerspielen,Trommeln in der Nacht“ von Bertolt Brecht. Inszeniert von Christopher Rüping.

Ja, wir können nur das machen, was wir brauchen und können, also schaffen. Wir sind keine Übermenschen! Vielleicht hat Brecht gesehen, dass ein Mann, der nach dem I. Weltkrieg und vier Jahren Kriegsaufenthalt in Afrika nach Hause kommt, nicht gleich an einer Revolution teilnehmen kann. Auch nicht aus Frust. Irgendwo hört es doch auf! Der tot geglaubte Kriegsheimkehrer Andreas Kragler – gespielt von Christian Löber – sucht Halt in seinem Leben. Es hat sich in seiner Abwesenheit alles weiterentwickelt. Er gehört da kaum mehr hin. Er sucht und braucht Vertrautes! Seine Verlobte Anna sollte schon einen Anderen heiraten, sie ist sogar schon schwanger von ihm, er selber galt als tot, erscheint wie eine Leiche auf der Bühne, die Fabrik des Schwiegervaters in spe stellte um auf Kinderwägen. Und er: Vier Jahre Afrika, völlig fertig, zurück in der alten Heimat. Wenn das nicht zu Orientierungslosigkeit führt! So kann es übrigens auch Flüchtlingen gehen, die derzeit hier in Deutschland sind. Andreas Kragler entscheidet sich im Stück „Trommeln in der Nacht“ VON Brecht originalgetreu aber dennoch – Anna kehrt zu ihm zurück – für seine damalige Liebe, für Anna. Ich verstehe diese Variante sehr gut, die Revolution war doch wohl eher etwas für daheim Gebliebene.

Es gibt zwei Versionen der Inszenierung, die künftig abwechselnd gezeigt werden: Einmal „Trommeln in der Nacht“ VON Bertolt Brecht und einmal „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht. Die Version Trommeln der Nacht VON Bertolt Brecht ist die von Brecht geschriebene Version. Bertolt Brecht hatte dann jahrelang mit diesem Ende gehadert, mit der Entscheidung für die Liebe und gegen die Revolution.

In der zweiten Version der Inszenierung, „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht, wird sich Andreas Kragler anders entscheiden. Was ja zumindest „auch“ im Sinne von Bertolt Brecht sein kann! Er wird sich für die Revolution entscheiden. Ich bin gespannt, am Sonntag Abend ist die Premiere dieser zweiten Inszenierung. Ich werde auch über die zweite Fassung berichten. Brechts Stück sollte ursprünglich „Spartacus“ heißen, da es in der Zeit des Spartacus – Aufstandes nach dem I. Weltkrieg geschrieben war. Das deutet in der Tat auf das Interesse Brechts an der Revolution hin. Obwohl er eben letztlich ein Ende gegen die Revolution gewählt hatte.

Zur Inszenierung: Es ist eine sehr gelungene Inszenierung. Getragen von einem überzeugenden Ensemble. Starke und sehr glaubhaft prägende Bühnenpräsenz haben vor allem Damian Rebgetz (als Journalist Barbusch) und Christian Löber (als Andreas Kragler), auch Wiebke Mollenhauer (als Anna). Es ließe sich so viel dazu sagen. Es gibt so viele Aspekte! Was da alles aus dem Text herausgeholt wird! Allein die Vielschichtigkeit der Inszenierung. Die immer wunderbar zur Brechtschen Zeit passenden Elemente, auch wenn stückchenweise Andeutungen zu modernerer Zeit gebracht werden, wenn etwa Damian Rebgetz „I shot the sheriff“ singt. Oder wenn die Modernität in der späteren Kostümierung und im Bühnenbild (etwa die herabgelassenen Neonröhrenkonstrukte) Einzug erhalten. Bertolt Brecht wurde damit aber, war mein Eindruck, in keiner Weise ausgehebelt. Es bleibt ein Brechtabend.

Zuerst wird man zurückgeführt in den ersten Akt der Inszenierung von 1922. Deutlich ironisch wird im alten Stil gespielt. Die Zeiten im Theater haben sich geändert! Die Uraufführung 1922 fand damals in den Münchner Kammerspielen statt (an anderem Ort). Das gleiche Bühnenbild wurde jetzt rekonstruiert. Dann rutscht man langsam in modernere Zeiten. Dennoch bleibt man voll und ganz im Thema von Bertolt Brecht. Es zerfaselt nicht! Weitere „Schicht“: Der Journalist Barbusch begleitet das Bühnengeschehen in immer wieder anderer Form auf süffisante Art und Weise. Er singt, er beobachtet, er erklärt einer fiktiven Person neben der Bühne den Inhalt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Inszenierung: Die Einbeziehung des Publikums. Es gelingt, das Publikum nicht beim bloßen Glotzen zu belassen. „Glotzt nicht so romantisch“ hatte Bertolt Brecht schon in seiner Uraufführung 1922 im Foyer der Kammerspiele plakatiert. Auch er richtete sich damit schon an das Publikum. Das Publikum, das auf der Bühne so gerne mit Dramatik, mit Mord und Totschlag amüsiert werden will, wird wachgerüttelt. Christian Löber – unterstützt von weiteren Schauspielern – wendet sich gegen Ende kämpferisch an das Publikum: Sinngemäß: „Nein, wir bieten Euch kein Drama, da müsst ihr schon selber dafür sorgen, wenn sich was ändern soll!“

Die Inszenierung bleibt insgesamt irgendwie nah dran an Bertold Brecht, der vor fast 120 Jahren in Augsburg geboren wurde. Allenfalls etwas ratlos hatte ich die Kammerspiele verlassen. Ich musste die Vielzahl der Aspekte erst einmal verdauen. Aber dafür habe ich ja auch noch die Aufführung der zweiten Versionam Sonntag, die sich nur am Ende von der gestrigen Inszenierung unterscheiden wird.

Wieder einmal sage ich: Hingehen!

Copyright des Blogbildes: Julian Baumann