Lion Feuchtwanger – „Erfolg“: Dieses kleine, unscheinbare Heftchen, dieser bescheidene Band, kränkliches Kloblättchen, dürftige Broschüre, unscheinbares Taschenbüchlein, windiges Ding … neinnein, genau das Gegenteil ist der Fall: Dieser Brocken! Ihn hatte ich zuletzt gelesen. Weil in den Kammerspielen ja am vergangenen Wochenende die Premiere von WARTESAAL von Lion Feuchtwanger war (ich sehe es am Sonntag). Und Wartesaal heißt die Trilogie von Lion Feuchtwanger, zu der auch „Erfolg“ gehört. „Erfolg“ – „Die Geschwister Oppenheim“ – „Exil“. Aber ich war auf dem Holzweg. Der Regisseur Stefan Pucher konzentriert seine Inszenierung an den Kammerspielen auf den Roman „Exil“! Trotzdem, es war eine gute Wahl. Jetzt kommt eben noch „Exil“ dran. Auch so ein windiges Ding, läppische fast 900 Seiten!
München in der Zeit nach dem I. Weltkrieg, erste Hälfte der Zwanziger Jahre. Lion Feuchtwanger schildert in dem Buch, wie man damals in Teilen der Münchner Gesellschaft dachte und handelte. „Erfolg“ ist ein grandioses Panorama der Zeit, in der Hitlers erster Anlauf zur Machtergreifung scheiterte. Lion Feuchtwanger war wohl der erste Schriftsteller, der das Aufkommen des Nationalsozialismus thematisierte. „Kein literarisches Werk vorher und nachher hat die Mentalität der Stadt und ihrer Bewohner so gut erfasst wie der „Erfolg“, trotz oder gerade wegen der begründeten Hassliebe, die daraus spricht“ (Franz Kotteder, Süddeutsche Zeitung, 7. Juni 2008). Was den Blick auf das Bayerische, Voralpenländische angeht, haben Feuchtwangers Beobachtungen vor allem heute noch volle Berechtigung! Sie sind zeitlos. Die Bayern bleiben die Bayern. Es ist sehr bedrückend, wie hilf- und wehrlos alle die damals aufkommenden Veränderungen gesehen und hingenommen haben. Erst kleine Veränderungen, Lappalien, Stimmungsänderungen, dann auch deutliche Veränderungen. Es wurde immer bedrückender. Aber jeder schaute auf sein eigenes Thema, sein Fortkommen. Durch das Buch zieht sich etwa die tragische Geschichte des progressiven Kunsthistorikers Dr. Martin Krüger, der wegen einer völligen Lappalie – im Grunde aber wegen mißliebiger Kunstwerke, die Krüger erwirbt und ausstellt – ins Gefängnis kam.
„Dieses Kunstskandälchen bildet […] nur den Ausgangspunkt, sozusagen den Schmetterlingsflügelschlag, aus dem sich ein Orkan von einem Roman entwickelt: ein Zeit- und Sittenbild epochalen Ausmaßes, in dem die bayerische Mentalität, die politisch-ökonomische Großwetterlage und die deutschen Zustände am Vorabend des Dritten Reichs spürbar, greifbar und schmeckbar werden. Dieser große politische Roman bleibt bei aller analytischen Schärfe stets das Werk eines Bestsellerautors. (Wilhelm Trapp, Süddeutsche Zeitung, 2. Mai 2008)
Erstaunlich wie immer ist die Zusammenfassung des Romans auf der WEBSITE von Dieter Wunderlich.
GLORIA
Von Branden Jacobs-Jenkins
Deutsch von Christine Richter-Nilson + Bo Magnus Nilson
Deutschsprachige Erstaufführung
Premiere am 20. Oktober 2017 im Residenztheater
Mit Marina Blanke (Ani / Sasha / Callie), Gunther Eckes (Dean / Devin), Christian Erdt (Miles / Shawn / Rashaad), Lilith Häßle (Gloria / Nan), Cynthia Micas (Kendra / Jenna), Bijan Zamani (Lorin)
Regie: Amélie Niermeyer
Bühne: Maria-Alice Bahra
Kostüme: Henrike Engel
Musik: Tom Müller
Licht: Tobia Löffler
Video: Philipp Batereau
Dramaturgie: Andrea Koschwitz
v.l. Bijan Zamani (Lorin), Christian Erdt (Rashaad)
Es könnte doch ein Theaterabend werden, der irgendwie lohnt, dachte ich. Es geht um die moderne Arbeitswelt, hier in einer Kulturredaktion einer New Yorker Zeitschrift. Gloriaheißt das Stück, von Branden Jacobs-Jenkins. Branden Jacobs-Jenkins wird in einem Interview – zu lesen bei http://www.residenztheater.de (HIER) – beschrieben als „one of the most exciting young dramatists working today,” und man zähle ihn zu den in den USA „most original and illuminating writers.” Branden Jacobs-Jenkins hat eine Zeitlang im Magazin The New Yorker gearbeitet. Ich kenne die Verlagsbranche in- und auswendig, habe fast 15 Jahre lang ausschließlich als Rechtsanwalt für das Verlagshaus BURDA gearbeitet. Ich kenne jede Abteilung. Und: Im Stück spielen zwei neue Schauspieler des Ensembles des Residenztheaters mit: Cynthia Micas und Lilith Hässle. Also es gab Gründe, hinzugehen.
Zum Inhalt:
Kendra, Dean, Ani und Miles arbeiten im Midtown-Office eines New Yorker Magazins. Jeder denkt nur an sich. Vieles am Job ist eigentlich (wie es oft im Stück heißt) „scheiße“. Es ist eben ein Sprungbrett für die Karriere. Auch wenn Miles nur Praktikant, Ani eigentlich Neurowissenschaftlerin und (wie die Bloggerin Kendra) auf der Suche nach neuen beruflichen Möglichkeiten eher zufällig in der Kulturredaktion des Magazins gelandet sind. Dean, der „Dienstälteste“ der Redaktion, fühlt sich als Romanautor. In Zeiten des Internets muss man immer auf dem Sprung sein und darf sich nicht zu lange an einer Position festbeißen, sonst bleibt man auf der Strecke. Deshalb beschäftigt sich jeder von ihnen mit sich und seinem eigenen Fortkommen. Eine ganz moderne Situation. Für das Magazin schreiben tut eigentlich keiner, sie haben alle kleinere Aufgaben. So kommt es, dass man die Einladung von Glorias aufwendig geplanter Einweihungsparty zur frisch bezogenen Eigentumswohnung verpasst oder überhaupt nicht ernst genommen hat. Gloria ist seit vielen Jahren in der Schlussredaktion des Magazins steckengeblieben. Sie hat keine Chance auf Veränderung und keine Freunde in und außerhalb des Jobs. Keiner von ihnen hat sich für Gloria interessiert.
Acht Monate später treffen sich Kendra und Dean im Café. Ebenso wie ihre ehemalige Chefin Nan wissen sie um die Exklusivität ihres persönlichen Schicksals als Überlebende von Glorias Amoklaufs am Tag nach ihrer Party in der Redaktion – sie erschießt manche ihrer Kollegen und sich selbst – und unternehmen alles, um ihr Überleben spektakulär zu vermarkten. Wieder: Die persönliche Karriere, der persönliche Erfolg! Ein Buch- oder Fernsehserienhit oder ein verzweifelter Amoklauf können gleichermaßen zu trauriger Berühmtheit führen, die sie ja alle weiterhin anstreben.
Also: Ein Amoklauf als letzter Aufschrei mangels jeder Art persönlichen Erfolges und sozialer Anerkennung und dann sogar der Versuch der Überlebenden, daraus Kapital zu schlagen für die eigene Karriere. Das wird gezeigt. Das Ganze vor dem Hintergrund einer recht desolat dargestellten Medienwelt (fake news!). Naja, fragwürdig. Zum Einen: Ich habe nicht erlebt, dass die Redaktionswelt sooo desolat ist. Zum Anderen: Das Stück wurde in den USA sogar für den Pulitzerpreis vorgeschlagen! Was beschwert man sich da eigentlich gegen Amokläufer, wenn die Veständlichkeit des Amoklaufes hier sogar locker und harmlos mit sozialen Defiziten unserer (Arbeits-)Welt erklärt wird und die Schleife dann sogar im Theater mit denselben fragwürdigen Marktmethoden (Stichworte Aufmerksamkeit, Ichbezogenheit, Karriere, Geld) weitergedreht wird. Es wird auf fast lustige Art gezeigt, wie es funktioniert. Aber soll es zum Nachdenken anregen? Bei mir hat das nicht gewirkt. Da muss man schon sehr kritisch rangehen, um eine Art Selbstkritik an unserer Arbeitswelt oder anderes herauszufiltern. Das Stück gibt dazu kaum etwas her. Da kommt eher braver Applaus.
Auch die Inszenierung: Sie war unspektakulär, harmlos, auch das Bühnenbild. Keine/r der SchauspielerInnen war, fand ich, besonders hervorstechend. Ihre Rollen hatten aber auch keinerlei besondere Prägnanz, keine Entwicklungslinien, keine Brüche. Es hätte um Soziales gehen können, um Amokläufe, um heutige Ichbezogenheiten, um die Medienwelt, die Arbeitswelt. Aber es wurde alles nur gestreift. Also ich weiß nicht. Im Programmheft zum Stück kommen einige interessante Aspekte zur Sprache. Auf der Bühne aber verflachte es. Da passt es, dass Donald Trump jetzt – nach dem Attentat in einer texanischen Kirche – von „Problemen mit geistiger Gesundheit“ faselt. Anstatt einmal auf die gesellschaftlichen Gründe zu schauen. Alles hätte im Stück viel viel desolater gezeigt werden müssen!
Da finde ich das politische Theater von MILO RAU interessanter, auch wenn der das Publikum geradezu quält. An äußerste Grenzen geht. Aber unsere Grenzen sind selbstgemacht und daher immer diskussionswürdig! Der hochaktive und engagierte Milo Rau ist übrigens als Nächstes am 19. November mit seinem Dokumentarfilm „Das Kongo Tribunal“ und einem anschließenden Symposium (HIER der link) zu Gast am Residenztheater. Zwei Jahre nach den tatsächlichen Anhörungen und nur wenige Tage nach seinem Kinostart am 16. November. Ist zwar ausverkauft, aber vielleicht gibt es Restkarten.
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Achtung! Es kann sein, dass der PC/Laptop zu tropfen anfängt, so triefend kitschig ist das Lied. Bitte etwas unterlegen, sonst bleiben unangenehme Fettflecken! Nicht dass ich Ärger bekomme! Aber es ist live, das ist doch etwas. Hier also Roxette mit It must have been love. Es geht eigentlich nach 2:20 Minuten des Videos richtig los. Spätestens dann sollte man also aufhören, zu weinen. Oder anfangen zu weinen.
Ich schreibe viel über Theaterbesuche. ABER: Ich bin kein professioneller Theaterkritiker!
Es geht hier nicht um Kritik, es geht um Eindrücke. Ich will ja Anregungen geben, es soll Spaß machen, den Blog zu lesen. Ich will Gelegenheiten aufzeigen. Sonst wäre es Zeitverlust für den Blogbesucher. Und für mich. So berichte ich in der Regel z. B. nicht über Theaterstücke, die nicht mehr gezeigt werden. Ein Gedanke dazu, der hoffentlich nicht zu schwerfällig klingt: Nun, kulturelle Einflüsse sind doch mindestens so wichtig für uns persönlich und für unsere Gesellschaft wie wirtschaftliche Erwägungen, politische, organisatorische, wissenschaftliche, technische etc. Mir tun sie jedenfalls gut! Sie gehen nur viel eher unter, obwohl sie viel anregender sind oder jedenfalls sein können. In der Organisation des Alltags spielen all die anderen Aspekte meist eine viel größere Rolle. Es ist aber wichtig, anregend, aufwühlend, beruhigend, öffnend etc., finde ich, wenn persönliche Entwicklungen und Entwicklungen des gesellschaftlichen Lebens auch kulturell/künstlerisch begleitet werden. Genau das macht das Theater oft. Dadurch wird Phantasie freigesetzt, entstehen neue Blicke, werden Grenzen aufgezeigt oder gesprengt und und und. Gut für den Alltag.
Vor wenigen Tagen war ich etwa wieder einmal im Münchner Residenztheater. An deren kleinerer Bühne Marstall, der ehemaligen „Experimentierbühne“ des Residenztheaters. Es ging sehr um das Persönliche, was am Stück lag. Es lief ein Stück nach einem Film von Rainer Maria Fassbinder. Fassbinder! Was für ein Kampfer mit sich und dem Leben! „In einem Jahr mit 13 Monden“ hieß der Film und das gleichnamige Theaterstück. Fassbinder wird im Vorspann des Films als einziger für Idee, Buch, Produktion, Ausstattung, Schnitt, Kamera und Regie genannt. Typisch, obwohl z.B. Juliane Lorenz den Film geschnitten hatte.
Worum es geht (hier frei nach der Ankündigung des Stückes im Spielplan des Residenztheaters – HIER)? Die desasteröse Suche des Erwin (später Elvira) nach Liebe. Erwin sehnt sich nach nichts mehr als nach Liebe. Früher hatte Erwin so etwas wie ein normales Leben geführt, mit Frau und Kind und einer Arbeit als Metzger. Doch dann hat Erwin Anton Saitz kennengelernt, sich verliebt, ungeheuer und bedingungslos, hat sich deswegen sogar in Casablanca zu einer Frau umoperieren lassen. Er tat das in blinder Hoffnung, irrational und rücksichtslos gegen sich selbst, getrieben von einer kaum auszuhaltenden schmerzhaften Sehnsucht. Fassbinder! Die Rechnung geht aber nicht auf. Erwin hat in eine unmögliche Liebe investiert, er hat seine geschlechtliche Identität einer Illusion geopfert, das Verhältnis zu Anton Saitz endet schnell. Nunmehr – hier beginnt eigentlich das Stück – ist er/sie hineingeworfen in einen chancenlosen, verzweifelten Kampf, sich mit dem neuen Körper zurechtzufinden. Jeder Versuch, hineinzupassen, akzeptiert zu werden, scheitert an einer seltsam distanzierten Umgebung, die zur Empathie, geschweige denn zur Liebe, unfähig ist. Er verzweifelt an sich, an den anderen, an der Gesellschaft. Er versucht es auch damit, dass er selber viel Liebe gibt (den erfolglosen Christoph unterstützt), um selber Liebe zu bekommen. Aber auch das nützt nicht. Solange, bis Erwin/Elvira schließlich kapituliert und – sich selbst entfremdet, anhaltend einsam – zugrunde geht.
In einem Jahr mit 13 Monden wird als einer der persönlichsten Filme Fassbinders bezeichnet, entstand aus seiner privaten Situation heraus. Im Mai 1978 hatte sich Armin Meier das Leben genommen, nachdem sich Fassbinder von ihm getrennt hatte. Fassbinder plagten Schuldgefühle und Selbstzweifel; er verarbeitete die persönliche Krise mit dem Film. Erst im Anschluss an diesen Film wurden übrigens die im allgemeinen bekanntesten seiner Filme gedreht, etwa 1980 Berlin Alexanderplatz (nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Döblin) und Lili Marlen (nach der Autobiographie „Der Himmel hat viele Farben“ von Lale Andersen), 1981 Lola (aus der BRD Trilogie, Teil 3), 1982 Die Sehnsucht der Veronika Voss (aus der BRD Trilogie, Teil 2) und Querelle (nach dem Roman „Querelle de Brest/Querelle“ von Jean Genet). In Jahren mit besonderen Mondkonstellationen sollen Depressionen besonders heftig auftreten. 1978 war so ein Jahr.
Es gibt auch einen gesellschaftlichen Aspekt: Der Film wird angesehen als Abrechnung mit Frankfurt, das aus Fassbinders Sicht in den 70er-Jahren – also jetzt bald genau 50 Jahre nach den 68ern – immer mehr zum Prototyp einer sozial kalten und vom Geld beherrschten Großstadt wurde. Das kommt in der Inszenierung aber nicht zur Geltung.
Ein kleiner weiterer Aspekt des Filmes – auch das spielt aber in der Inszenierung im Marstall keine Rolle: Fassbinder zielte wohl auch gegen Ignaz Bubis, den späteren Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, der – wie Anton Saitz im Film – sein Vermögen auch in Frankfurt durch Immobiliengeschäfte gemacht hatte.
Mein Eindruck: Man folgt – natürlich recht distanziert – der desaströsen Lage von Erwin/Elvira. Das Thema des Filmes ist kein Thema, das irgendeinen aktuellen Bezug hätte. Muss ja auch nicht! Ich nehme gerne etwas mit aus solch einem Theaterabend, irgendein Stimmungsbild, irgendeinen Gedanken, Überlegungen, mal viel, mal wenig. Hier aber kann man dem trostlosen Kampf des Protagonisten Erwin/Elvira um die Liebe nur fassungslos zusehen. Das Desaster beobachten. Sein Zerschellen an der Gesellschaft. Gut, die Liebe ist für uns immer ein Thema! Und die Gesellschaft auch! So hat es sich also natürlich gelohnt. Man kann sich etwa über die Exzentrik Gedanken machen, an der Erwin/Elvira und auch Fassbinder persönlich zerschellen. Über seine Lage vor der Gesellschaft.
Thomas Loibl war als Erwin/Elvira die zentrale Figur des Stückes. Um ihn und seine verzweifelte Lage und die Konsequenzen seiner verlorenen Suche nach der wahren Liebe dreht es sich. Mit tragischem Ende. Es ist eine sehr reduzierte Inszenierung, konzentriert auf Elvira. Auf der Bühne sieht man nichts außer zwei Matratzen, zwei Plastiktüten, die Schauspieler, das war es fast schon. Besonders Thomas Loibl überzeugt, alle anderen sind ohnehin eher unwichtig! Erwins einseitige eingebildete Liebe zu Anton Saitz, seine heillose Sehnsucht nach Liebe – auch geliebt zu werden, sein Schmerz, seine Ausgrenzung aus der Gesellschaft, seine Kritik an der Gesellschaft, seine Verlorenheit auf der zerstörenden Suche nach Liebe, sein Unvermögen, mit sich selbst etwas anzufangen, seine Verzweiflung, sein Unvermögen, den Halt zu erkennen, den ihm seine Familie (seine Frau Irene seine Tochter Anna-Marie) doch irgendwie immer weiter geben will. Und und und. Darum geht es. Wenn man schon vor dem Stück von all diesen Aspekten in Erwin/Elvira weiß, kann man ihm/ihr an diesem Abend wunderbar – durch Thomas Liobl – folgen.
Ein Stück tief bayerischer und deutscher Geschichte. Blick auf drei Generationen der bayerischen Wirtsfamilie des „Seewirt in Seedorf“ (eigentlich das Gasthaus Zum Fischmeister in Ambach am Starnberger See). Das ist Inhalt des sehr persönlichen Romans Mittelreich von Josef Bierbichler und der Musiktheater-Inszenierung dazu von Anna Sophie Mahler an den Münchner Kammerspielen. Die Weltkriege, die Nachkriegsjahre, Flüchtlinge, persönliche Schicksale.
Und jetzt dieselbe Inszenierung, gespielt von schwarzen Schauspielern (und Musikern). Dunkelhäutige Schauspieler und Musiker zu dieser bayerischen Erzählung! Zu sehen ist diese Kopie noch einmal am Samstag, den 21.10.2017. Das Original von Mittelreich in der Inszenierung von Anna Sophie Mahler ist dann am 03.11.2017 wieder zu sehen.
Interessant, wie kontrovers und engagiert sofort über die „Kopie“ – Inszenierung von Mittelreich von Anta Helena Recke geschrieben und gesprochen wird. Etwa zu lesen bei www.nachtkritik.de. Es war eine hoch detailgetreue Kopie der Inszenierung des Bierbichler-Romans, die 2016 sogar zum Berliner Theaterftreffen eingeladen war. Nur eine einzige Änderung: Anta Helena Recke, selber dunkelhäutig, besetzte die Rollen durchgehend mit dunkelhäutigen Schauspielern. Appropriation Art. Schon das Erstellen der Kopie wird demnach als ein neues Kunstwerk gesehen. Im Theaterbetrieb ein fast unbekannter Ansatz. Es geht der Appropriation Art allerdings nicht nur um das Erstellen der Kopie, sondern um einen Effekt, der dadurch zusätzlich eintritt. Hier durch die Art der Besetzung der Rollen für diese Kopie. Ziel einer Appropriation ist es, durch das Erstellen der Kopie einen anderen, sonst nicht auffallenden Aspekt sichtbar oder erfahrbar zu machen.
Mein Erlebnis: Es hat sich gelohnt! Irgendwie war es befreiend, erleichternd, zu sehen, dass es in dieser Inszenierung mehr um das Erlebte geht, nicht um das Deutsche daran. Das Deutsche daran verschwindet, verlässt jedenfalls das Zentrum der Erzählung! Man wurde sich im übrigen der Tatsache bewusst, dass man als Zuschauer solch ein Stück – oder jedes Stück? – gleich in einem (unsichtbaren) Kontext sieht. Und genau der wurde hier aufgehoben! Genau das war – für mich – der Aspekt, der sichtbar wurde. Der reine Vorgang der Appropriation – der Aneignung – wiederum ist dabei m. E. gut gelungen, man sah die so guten Schauspieler der Originalinszenierung vor sich: Annette Paulmann, Steven Scharf, Jochen Noch, Stefan Merki, Damian Rebgetz, Thomas Hauser. Besonders gelungen waren dabei die Kopien von Steven Scharf, Jochen Noch und Damian Rebgetz! Hinzu kam dieser besondere Effekt, das Stück anders zu sehen. Den sofort vorhandenen Kontext abzugeben, den man hereininterpretriert. Die eigene, mitschwingende Prägung der eigenen Sichtweise aufzugeben. Es fehlte einem ja die Möglichkeit, sich durchgehend am Deutschen und Bayerischen zu orientieren. Man konnte sich aber selber überprüfen: Was fehlte einem, was kam zum Vorschein? Natürlich schwang auch mit, dass man dunkelhäutige Menschen – die Schauspieler – hier etwas anders als üblich erlebte. Ob man sie zu selten so erlebt, wird diskutiert, siehe oben. Aber das war, denke ich, nicht der Hauptzweck.
Man kann natürlich viel zerlegen in der Diskussion zu dieser Inszenierung. Ist es schon Rassismus, wenn man über Rassismus redet? Ist es Rassismus, wenn man andeutet, dass es Rassismus gibt? Ist es schon eine Vertiefung der Unterscheidung von Schwarz und Weiß, wenn man diesen Unterschied auch nur irgendwie hervorhebt? Geht es überhaupt um schwarz und weiß? Ich glaube nicht! Es hätten ja auch Japaner sein können! Sie würde sich tatsächlich wünschen, so Anta Helena Recke in einem Interview, „dass die Intendanten dieses Landes mich jetzt mindestens zwei, drei Jahre lang an ihre Theater einladen und Stücke kopieren lassen. Nicht unbedingt immer nur mit Schwarzen, sondern auch mit extrem dicken Frauen oder asiatischen Deutschen, es gibt viele Möglichkeiten der Sichtbarmachung.“ Abschließen würde sie den Arbeitszyklus am liebsten mit einem Tatort. „Der Tatort ist für Deutschland, was ‚Mittelreich‘ für Theater-München ist. Wenn Sonntag um 20.15 Uhr eine Schwarzkopie von mir von einem Tatort läuft, dann kann ich damit aufhören.“
Jetzt käme auf meiner fiktiven Irgendwann-Party zur Abwechslung der Song What’s Up von den 4 Non Blondes dran. Ach ja, die Stimmung wäre gut! Oder wird gut. Hier:
Hier eine sehr lebensfrohe Live-Version von Pink, mit viel Einsatz des Publikums in der vollen Wembley Arena.
hier nur ein schönes Bild, siehe oben. Es gefällt mir, daher ist es hier zu sehen. Man muss es sich vergrößern, um den Text lesen zu können. Das wird hoffentlich gelingen. Ein Bild, in Postkartenformat, mit dem die gestrige GefahrBar in den Kammerspielen angekündigt war. Die GefahrBar ist ein kleiner Abend an den Kammerspielen, an dem ausschließlich Absurdes mit Gästen (meist Ensemblemitglieder) und Musik geboten wird, es findet etwa alle zwei Monate einmal statt. Mehr nicht. Es kommt nur zur Aufführung, was höchstens acht Stunden alt ist. Wenn man einfach einmal etwas hören/sehen will, das absolut keinen Sinn macht. Das muss ja auch mal sein. Dieses ständige Erforschen von Sinn und Bedeutung und Ursache und Konsequenz und Folge und Analyse und Ernsthaftigkeit und und und kann ja nicht alles sein! Ein Stück etwa war gestern: Eine Art Vortrag über die Entwicklung und die einzelnen Strömungen innerhalb des Fäkalismus. Auch wenn es den geben sollte, der Vortrag war natürlich höchst absurd in seiner Ernsthaftigkeit.
ABGEHOBEN UND BODENSTÄNDIG! Es ist, als stünde dieses Begriffspaar in jeder Hinsicht über den beiden aktuellen Premieren der Kammerspiele in München!
WAHRLICH ABGEHOBEN: DAS ERBE von Ersan Mondtag (Text Olga Bach), die Premiere war am vergangenen Freitag, und WAHRLICH BODENSTÄNDIG: TIEFER SCHWEBvon Christoph Marthaler (Regie und Text), die Premiere war am vergangenen Samstag. Hier wieder meine Erfahrungen:
Beide Abende sind „Assoziationen“ zu den jeweiligen Themen. Einmal zum Thema NSU (Das Erbe) und einmal zum Thema Flüchtlinge/Migration (Tiefer Schweb). Mit extrem unterschiedlichen Herangehensweisen! Auch wenn es nur beim Stück Das Erbe im Untertitel explizit heißt: „Eine Assoziation“ – zum NSU. Beim Stück Tiefer Schweb heißt es im Untertitel „Ein Auffangbecken“ – klingt auch schon bodenständiger.
Man sollte sich als Theaterfreund in München beide Stücke ansehen, dann merkt man, was abgehoben und was bodenständig hier alles bedeutet. Die Bühnenbilder, die Texte, die Personen, die Orte der „Geschehen“, die Inszenierungen, die gesamten Herangehensweisen. Und man wird übrigens ganz nebenbei wichtige Details zu Dönerfleisch (in Das Erbe) und zur Weißwurst (in Tiefer Schweb) erfahren. Zwei Kulinaria, die sehr alltagstauglich als Fremdes und als Heimatliches nebeneinander stehen – was in den Stücken mal zentrales Thema ist (Tiefer Schweb) und mal allerdings nur ganz hintergründig eine Rolle spielt (Das Erbe).
ABGEHOBEN: Das Erbe in der Regie von Ersan Mondtag: Schon die Szene: Entmenschlichte Wesen lassen die Erde zurück, in einem Raumschiff, in dem sie das kulturelle Erbe der Menschen mitnehmen. Sie haben abgehoben! Man sieht die Erde auf einer Leinwand verschwinden. So sind auch die Personen, so ist auch das Gerüst der Inszenierung: Abgehoben. Kein reeller Raum (das Notausgangsschild des Theaterraumes wird sogar abgedeckt, wirklich nichts kann an die Realität erinnern). Das kulturelle Erbe der Menschen ist es den Wesen aber offenbar Wert, mitgenommen zu werden. Der Text des Abends ist eine Mischung aus Quellen wie Sophokles, Bildbeschreibungen zu Lukas Cranach, Gesetzestexten, Prozessakten der RAF, des NSU, der Stasi, von Rudolf Hess, den Gebrüdern Grimm und etwa 40 weiteren. Ich weiß zwar nicht, wer das gezählt oder erfahren hat, aber man liest es. Im Programmheft sind 35 Quellen genannt, einschließlich Angela Merkel und Spongebob. Die Wesen waren früher wohl auch einmal Menschen mit Emotionen. Sie werden auf zwei Leinwänden abwechselnd wie auf sich bewegenden Portraits als reale Menschen gezeigt). Dann aber entdecken sie, dass sie doch einen der Menschen an Bord haben: Ausgerechnet Ursula Zschäpe. Sie wissen um den endlosen und monströsen Prozess um Ursula Zschäpe, sie sagen sich immer wieder monoton und regungslos vier- oder fünfstellige Zahlen auf, was den Seitenzahlen der Prozessakten oder der Nummerierung der Beweisstücke des Prozesses am Münchner Landgericht (?) entspricht. Sie müssen sich mit Ursula Zschäpe auseinandersetzen und kommen auf das Thema der Schuld im Kulturerbe der (deutschen) Menschen. Das Leben des Menschen besteht/bestand immer aus Schuld. Die Menschen – sehen sie wohl – wollen die Schuld nur so gerne an Ursula Zschäpe abgeben, verhandeln sie endlos an ihrem Fall. Aber es gab schon immer Schuld. Sie können sie nicht abgeben! Im Gegenteil, Ursula Zschäpe gebiert am Ende ein Hirn, das alle anderen Schauspieler letztlich neonfarben wieder befleckt.
BODENSTÄNDIG: Tiefer Schweb von Christoph Marthaler. In einer Unterwasserdruckkammer im Bodensee tagt ein Ausschuss zu sonderbaren Entwicklungen. In einem holzvertäfelten Raum, an einem Holztisch. Auch das ganz bodenständig. So sind auch die Personen dieses Stückes, so ist auch das Gerüst dieser Inszenierung. Der Ausschuss tagt an der tiefsten Stelle des Bodensees, dem „Tiefer Schweb“. Tiefer, also „Bodenständiger“ geht es nicht in dieser Krisenregion. Ein Stück, in dem es um unseren Umgang mit den Themen rund um die Migration geht. Es wird ansich unser Verhalten veräppelt, das – am Ende begeisterte – Publikum lacht oft laut. Fast wie im Kabarett. Tendenz ins Klamaukhafte. Am Ende aber merkt man: Wir haben über uns selber gelacht! Speziell über unseren Verwaltungswahn. Wie wir mit den Problemen der Migration umgehen! Hilflos. Am Thema vorbei. Gezeigt wird es an diesem kafkaesken „Ausschuss“, der die Entwicklungen sieht – immer mehr Bakterien im Bodensee! -, dafür die Heimatliebe ganz hoch hält – absurde Trachten werden vorgeführt und endlose Heimatlieder gesungen (bei Anwesenheitspflicht) – und auch bestätigt wissen will, dass sich die angekommenen Fremden „integrieren“. Zum Beispiel eben die Zutaten für die bayerische Weißwurst perfekt aufsagen UND schuhplatteln können. Bodenständig, aber absurd, immer absurder.
Ein großer Unterschied beider Stücke noch: Das Erbe verlässt man sehr betroffen über die vielleicht beabsichtigte Anklage unseres Verhaltens, das Stück Tiefer Schweb sehr angeheitert über die Anklage unseres Verhaltens. Letzteres fällt leichter, aber beides zusammen ist gut!
Gute Kritiken für beide Stücke fast überall. HIER die Besprechung von Das Erbe im Deutschlandfunk Kultur, ein Podcast.
Und HIER die Besprechung von Tiefer Schweb ebenfalls im Deutschlandfunk Kultur, auch als Podcast.
Zwei weitere Ereignisse bringe ich in den kommenden Tagen ausführlicher. Beides Fälle, in denen Theaterfreunde sagen können: Klasse, dass sie in München etwas auf die Bühne bringen!
Am Donnerstag, den 22.06.2017 war an den Kammerspielen die Premiere des Stückes DAS ERBE unter der Regie von Ersan Mondtag (Text Olga Bach).
Und heute, Samstag, den 24.06.2017,ist an den Kammerspielen dann die Premiere des Stückes TIEFER SCHWEB von Christoph Marthaler.
Beide Regisseure sind in der Theaterwelt renommiert für ihre Arbeiten. Der junge Regisseur Ersan Mondtag (Jahrgang 1987) war mit den Inszenierungen „Tyrannis“ und „Die Vernichtung“ (ebenfalls ein Text von Olga Bach, mit der er schon mehrfach zusammen arbeitete) zuletzt zweimal in Folge zum Berliner Theatertreffen eingeladen (vgl. meine Blogbeiträge aus Berlin 2017). Der ältere schweizerische Regisseur Christoph Marthaler (Jahrgang 1951) ist bekannt für seine eigenwilligen und poetischen Musiktheaterabende. Er kehrt (wieder mit seinem Dramaturgen Malte Ubenauf) mit der Inszenierung Tiefer Schweb (so heißt eine der tiefsten Stellen im Bodensee) nach vielen Jahren zurück nach München an die Kammerspiele.
Ich hatte kürzlich ein wenig über Phil Collins geschrieben und hatte bei dieser Gelegenheit dem Stück „I don’t care anymore“die Ehre zuteil kommen lassen, hier als MUSIK DER WOCHE gebracht zu werden. Ich wollte ihm ein bisschen helfen. Es hat offenbar voll gewirkt: Phil Collins gibt in den kommenden Wochen restlos ausverkaufte Konzerte. Eine Woche lang spielt er in London, dann eine Woche lang in Köln (5 Konzerte, siehe meinen Blogpost, Suchmaske rechts), dann in Paris (da gibt es wohl noch Karten), dann ein Konzert in Dublin und dann vor wahrscheinlich ca. 300.000 Menschen noch einmal in London, im dortigen Hyde Park. Der Hyde Park gilt als einer der größten innerstädtischen Parks weltweit. Am 30. Juni ist dieses Konzert.
Besonders an den Konzerten ist: Es sind Konzerte im Sitzen, er kommt mit Stock auf die Bühne und setzt sich auf einen Sessel. Es geht wohl nicht mehr anders. Nach seinem ersten Konzert in der Londoner Royal Albert Hall schreibt die SZ (Alexander Gorkow): „Er kann kaum noch gehen, aber wieso sollten sie ihn gehen lassen?“: Hier der Link zu der schönen Konzertkritik von Alexander Gorkow: SZ – KRITIK
Wer es sehen will, kann es sich am: Schauspielhaus Leipzig anschauen. Oder noch ein paar Taghe lang HIER in der 3Sat-Mediathek. Ausgehend vom Roman 89/90 von Peter Richter. Regie Claudia Bauer. Eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2017. Sehr begehrt. Die Wendejahre 1989/1990 aus Sicht einer Gruppe jugendlicher DDR – Bürger:
Tenor: „Wir haben durch die Wende komplett den Boden unter den Füßen verloren. Nicht Ost, nicht West.“ Und vieles kam hoch, was in der DDR nie aufgearbeitet worden ist.
Im Programmheft heißt es: „Bereits 1945 war es schon einmal so abgelaufen: Einige Nazis und Kriegsverbrecher wurden benannt, verurteilt oder vertrieben – das Böse schien damit verbannt, und nun sollte Mit der „Stunde Null“ alles Gute bei uns blühen und gedeihen. Die DDR hatte diese absurde Idee tatsächlich zur Grundlage ihrer „antifaschistischen“ Gesinnung und Moral gemacht. Unter völliger Verkennung der sozialpsychologischen und charakterlichen Zusammenhänge wurde stets gelehrt, daß in Ostdeutschland der Nationalsozialismus per Gesetz auf Stumpf und Stiel vernichtet sei. Die sogenannte „Entnazifizierung“ wie auch die Proklamation des Endes der Stalinismusära sollten vor allem vertuschen, daß die große Mehrzahl der Deutschen damals und heute begeisterte Täter oder wenigstens bereitwillige Mitläufer waren. Der einzelne wollte unbedingt geschont bleiben – und in der Tat, wie schon gehabt: wieder wollte kaum jemand wirklich etwas gewußt haben oder gar verantwortlich und schuldig mitbeteiligt gewesen sein.
In anschließenden Gesprächen mit Zuschauern, die selbst oder deren Familie in der DDR gelebt haben, heißt es einheitlich: „Genau so war es! So ist es noch heute! Sehr gut, so etwas einmal zu zeigen!“
Mein Eindruck: Inhaltlich wertvoll, aber in der Umsetzung zu bieder, fast historisch, dokumentarisch, bedrängend, ohne zweite Ebenen, platt und direkt. Manche Idee aber gut! Helmut Kohl als Birne darzustellen ist aber nicht sehr originell.
Das Stück, das im Staatstheater Mainz läuft, wurde auch nach Berlin eingeladen. Es geht um das, was uns verborgen ist. Zunächst: Im Programmheft findet sich dieser Text, den ich persönlich (mancheiner wird es nachvollziehen können) sehr gut verstehe. Ein schönes Bild:
Die „normale“ Identität ist von Anfang an eine mutierbare und transformierbare Entität; sie ist immer bereit sich aus dem Staub zu machen oder Adieu zu sagen. Zumeist fließt das Leben dahin wie ein Fluss. Die zu diesem Leben gehörenden Veränderungen und Metamorphosen, die infolge von Zufällen oder Schwierigkeiten auftreten oder einfach mit dem natürlichen Gang der Dinge zusammenhängen, tauchen auf wie die Spuren und Falten einer beständigen, fast logischen Vollendung, die bis zum Tod führt.
Manchmal jedoch verlässt der Fluss sein Bett, ohne dass es einen geologischen Grund oder eine unterirdische Verwerfung gäbe, um diese Überschwemmung oder jene Abweichung zu erklären. Die plötzlich abweichende oder umgeleitete Form dieses Lebens hat eine explosive Plastizität, die sich bis dahin unter der polierten Erscheinungdes Subjekts verbirgt wie vergrabener Sprengstoff unter der Pfirsichhaut des Seins zum Tode. Eine neue, noch nie dagewesene Person tritt zur alten dazu und nimmt schließlich den ganzen Platz ein. Ein neues Wesen kommt zum zweiten Mal auf die Welt, aus einer tiefen Spalte, die sich in der Biographie aufgetan hat.
(Catherine Malabou)
So. Und zum Stück noch: Es ist eine „Einladung, eine Welt kennen zu lernen, die man so vielleicht noch nicht kennt„, so der Autor und Regisseur des Stückes, der junge Schweizer Thom Luz. Es ist kein „problembezogenes“ Stück, wie etwa Five Easy Pieces oder Der Schimmelreiter. Es ist einfach – könnte ich sagen – „lebensbewusst“. Wer es sich leisten kann – ich meine zeitlich und emotional und von seiner ganzen Lebenssituation her! Es entstand wohl schlicht aus Thom Luz‘ persönlichen thematischen Vorlieben heraus: Das Leben und all das eigentlich uns Verborgene, versunkene Vergangenheiten, Unwirkliches, das Verschwinden, Nebel, Unfassbares, die Welten hinter der vorderen Welt, Traum, Scheintod, Tod, das sind ein paar der Begriffe und Vorlieben von Thom Luz. Ihn interessieren, sagt er, Menschen, die in einer verschwindenden oder verschwundenen Vergangenheit leben. Daher das Stück „Traurige Zauberer“. Ein schöner und widersprüchlicher Titel (schon das …au… …au… der Wörter). „Lukullisch“ nennt ihn Thom Luz auch. Und: Erst kam der Titel, dann der Inhalt. Zauberer passen ja in diese Themenwelt.
Inhaltlich ist es entsprechend schwer zu fassen. Es mag an der ungünstigen Akustik und der fehlenden Unmittelbarkeit der Aufführung gelegen haben (ich habe es im Rahmen des Public Viewing im SONY-Center am Potsdamer Platz auf einer Großleinwand gesehen) Ich hatte es in vielerlei Hinsicht einfach nicht verstanden! Gott sei Dank lief es bzw. läuft es (noch für wenige Tage) in der MEDIATHEK von 3Sat! Ich habe es mir dort noch einmal angesehen. Sehr hilfreich ist vor allem das ebenfalls dort zu findende Interview mit Thom Luz. Es ist ein völlig bizarrer Inhalt. Man blickt auf die riesige schwarze Bühne, seitlich ein paar Gerüste, Requsiten.Viel Platz. Es scheint der Raum hinter einer Bühne zu sein. Zwei Zauberer scheinen sich auf ihren Auftritt vorzubereiten. Dann merkt man, das es um eine Schiffsreise geht. Später merkt man, dass das Schiff sogar untergegangen ist, alle Passagiere gestorben sind. Was auf der Bühne passiert, verwundert alle. Auch die Schauspieler zeigen ihr Unverständnis über das Wenige, stehen oft staunend auf der Bühne, blicken auf all das Eigenartige, was sich hier in aller Ruhe ereignet. Bizarre Musik trägt das Stück. Es sind lange Blicke in Verschwundenes, in Spiegel, sich Ergebendes. Und so weiter. Da könnte ich noch einiges schreiben, aber man muss es dazu ja gesehen haben!
Und schon wieder etwas. Mit Musik. Hier in Berlin ist volles Programm. Programm mit vielen Dingen, denen man sich sonst eben auch nicht immer hingibt. Deswegen bin ich ja momentan hier: Im Rahmen des Berliner Theatertreffens wurde im umfangreichen Begleitprogramm ein Film gezeigt. Was das mit Theater zu tun hat, weiß ich nicht, aber es muss ja nicht. „Raving Iran“ heißt der Film, von Susanne Regina Meures. Eine Doku über zwei Jugendliche aus dem Iran, denen es nicht erlaubt war, eine CD ihrer Musik – sie sind DJ’s – zu erstellen. Zu westlich, Frauen singen, das Cover der CD war politisch nicht gewünscht etc. Die Musik hat sie dann in die Welt hinaus geführt. Nicht weiter abstrus, nicht dramatisch, nicht herzzerreißend, aber es war interessant. Sie wurden von dem Organisator eines Schweizer Festivals (Street Dance/Love Parade) eingeladen und haben von der Schweiz 5-Tages-Visa erhalten. So konnten sie ausreisen. Dann sind sie einfach geblieben. Ob sie Asyl beantragt haben oder sonst eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen haben, wird nicht gezeigt.
Eines der Musikstücke, die im Film laufen, ist meine Musik der Woche. Wahrscheinlich muss man es BRÜLLEND LAUT hören, wie in einem Club. So, dass man sich nicht mehr unterhalten kann. Auf Youtube kann man auch eine vierstündige Fassung der Musik hören. Wenn man eine schöne Party schmeißt oder so! Eine Party, auf der man sich nicht unterhalten kann, allenfalls anbrüllt.
Der Schimmelreiter, gezeigt im Hamburger Thalia Theater, sollte mein zweites Stück auf dem Theatertreffen 2017 werden. Es wurde leider kurzfristig abgesagt, da ein Schauspieler erkrankte und nicht ersetzt werden kann. Der Regisseur: Johan Simons. Statt des Stückes wurde mit den verbleibenden Schauspielern eine Lesung des Schimmelreiter gebracht. Anschließend ein Klavierkonzert von Beethoven. Beides passte wunderbar zusammen. Schade trotzdem! Johan Simons erklärte im anschließenden Publikumsgespräch, warum der erkrankte Schauspieler in diesem Fall einfach nicht ersetzt werden konnte. Er war wohl zu bedeutend für die Aufführung.
Das Stück wird sehenswert sein – für diejenigen, die in Hamburg leben oder dort hin kommen. Der erkrankte Schauspieler wird allerdings gut sechs Wochen lang ausfallen.
Der Schimmelreiter: Thema: Wie schwer es ist, Neues zu etablieren.
In der Novelle geht es um die Lebensgeschichte von Hauke Haien. Oft sitzt Hauke bis tief in die Nacht am Deich und beobachtet die Wellen, die an den Damm schlagen. Er überlegt, wie man den Schutz vor Sturmfluten verbessern könnte, indem man die Deiche zur See hin flacher anlegt.
Als der örtliche Deichgraf Tede Volkerts einen seiner Knechte entlässt, bewirbt sich Hauke um die Stelle. Er wird angenommen. Als es darum geht, die Stelle des Deichgrafen neu zu vergeben, keimt ein Konflikt zwischen Hauke und dem Großknecht Ole auf. Traditionell kann nur Deichgraf werden, wer ausreichend Land sein Eigen nennt. Dies träfe auf Knecht Hauke nicht zu. Gegenüber dem Oberdeichgrafen, der die Stelle des örtlichen Deichgrafen zu vergeben hat, ergreift Elke – Tochter des verstorbenen Deichgrafen – das Wort und erklärt, Hauke werde durch die Hochzeit mit ihr das Land ihres Vaters bekommen und damit genügend Grundbesitz aufweisen. Hauke wird Deichgraf.
Unheimlich erscheint den Dorfbewohnern ihr Deichgraf durch sein Pferd: Einen edel aussehenden Schimmel, den er krank und verkommen einem zwielichtigen Durchreisenden abgekauft und aufgepäppelt hatte. Der Schimmel soll, darin bestätigen sich die Einwohner gegenseitig, das wiederbelebte Pferdeskelett von der verlassenen Hallig Jeverssand sein, das mit dem Kauf des Schimmels verschwunden war. Oft wird das Tier mit dem Teufel in Verbindung gebracht.
Hauke setzt die neue Deichform, die er als Kind bereits geplant hat, in die Tat um. Manche Leute sind dagegen. Doch Hauke setzt sich durch. Vor einem Teil des alten Deiches lässt er einen neuen bauen, es entsteht mehr Ackerfläche.
Tagein, tagaus beobachtet er seinen Deich, indem er ihn mit seinem Schimmel abreitet. Der neue Deich hält den Stürmen stand, doch der alte Deich, der rechts und links des neuen Kooges (Landes) weiterhin verläuft und dort die vorderste Front zur See darstellt, scheint marode und von Mäusen durchgraben. Angesichts der Beschwichtigung durch den alten Großknecht Ole Peters und der bereits maulenden Arbeiter führt Hauke an dem alten Deich keine umfassenden Baumaßnahmen durch, sondern beschränkt sich mit großen Gewissensbissen lediglich auf Flickwerk. Als Jahre später eine Jahrhundertsturmflut hereinbricht und der alte Deich zu brechen droht, will man auf Anordnung des Bevollmächtigten, Ole Peters, den von Hauke konstruierten neuen Deich durchstoßen, da jener sich damit erhofft, dass sich die Kraft des Wassers in den neuen, noch unbewohnten Koog ergießen und damit der alte Deich gerettet werde. Hauke stellt die Arbeiter kurz vor dem Durchstich zur Rede und verhindert die Vollendung dieser Arbeit, kurz darauf bricht der alte Deich endgültig. Als in jener Nacht auch Elke mitsamt ihrer gemeinsamen Tochter Wienke, die geistig behindert ist, aus Angst um Hauke in Richtung Deich hinausfährt, muss dieser mit ansehen, wie die durch den Deichbruch in den alten Koog schießenden Wassermassen Frau und Kind unter sich begraben. In seiner Verzweiflung stürzt er sich ebenso mitsamt seinem Pferd in die tosenden Wasser, die das Land überfluten, und ruft: „Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!“
Theatertreffen 2017 / Berliner Festspiele
"Drei Schwestern"
von Simon Stone nach Anton Tschechow
Regie Simon Stone
Theater Basel
Uraufführung 10. Dezember 2016
www.theater-basel.ch
v.l.n.r.: Liliane Amuat, Franziska Hackl, Barbara Horvath
Wenn es einen solchen Freundeskreis gäbe: Lässig im Alltagsgeschehen, aber zugleich nebenbei intensiv, emotional, eindringlich, schlagfertig, direkt, austauschfreudig, prägnant. Bei aller Banalität. Dazwischen eine Umarmung oder ein Kuss, auch Sex, Streit, Tränen, Freude, Musik usw. Das Verhalten der jungen Truppe in diesem ausgewählten Stück ist so lässig und normal und gegenwärtig. Und zeigt andererseits immer mehr ehrliche Emotionen, denen wir uns im wahren Leben ja selten wirklich öffnen! Wann umarmt man schon einmal jemanden? Wann gibt man schon einmal einen Kuss! Ich sicherlich zu selten! So kann aber doch das Leben sein, wenn man ganz dicht dran ist, sich dem eigenen Glück, dem Unglück, der Freude oder den Sorgen hingibt! Schon anhand Tschechows Stück wunderbar zu zeigen, in ganz moderner Zeit. Auch wenn jeder doch sehr mit sich selbst kämpft. „Drei Schwestern„ von Anton Tschechow.
Anton Tschechow zeigt Menschen, die mit ihrer Vergangenheit nicht weiter kommen und dann – bewusst oder unbewusst – Dinge zerstören. Fast gleichgültig ist jeder am Anfang, es ist einfach ein Treffen im Ferienhaus. Was harmlos beginnt, endet aber tragisch. Das erste Stück der 10er-Auswahl des Theatertreffens 2017 wurde am Samstag im Berliner Festspielhaus aufgeführt.
Ich empfehle: Seht es Euch an, es kann in der 3Sat-Mediathek aufgerufen werden. Wie? Ganz einfach: www.3Sat.de aufrufen – dort die „Mediathek“ anklicken – dann den Reiter „Sendung verpasst“ anklicken – das Datum „Samstag, 06.05.2017“ anklicken – dann die Aufzeichnung der Aufführung „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow anklicken und ansehen!
Oder noch einfacher: HIER klicken! Man kann es noch wenige Tage ansehen.
Oder: Nach Basel fahren, um diese Inszenierung von Simon Stone am Theater Basel anzusehen! (Warum nicht? Basel hat ja z. B. noch das schöne MUSEUM FONDATION BEYELER):
Simon Stone ist Hausregisseur am Theater Basel. Seine Bearbeitung von Ibsens „Gabriel Borkmann“ wurde von der Zeitschrift Theater heute zur besten Inszenierung 2016 gewählt und auch schon zum Theatertreffen 2016 eingeladen.
Die Bühne: Ein sich immer wieder langsam drehendes Ferienhaus mit großen Glasfronten. Ein schöner Anblick. Man hat Einsicht in alle Zimmer auf beiden Etagen und folgt so dem modernen alltäglichen Geschehen. Weihnachtsvorbereitungen etwa. Gurke schneiden etwa. Die Zimmer bieten oft gleichzeitig Szenen. Wie in unserem richtigen Leben: Gleichzeitigkeit. Die Kinder der Besitzerfamilie (Andrej und seine drei Schwestern, die zusammen das Haus geerbt haben) kommen mit Freunden zusammen.
Drei Szenen: Das erste Treffen im Frühling, die Weihnachtsfeier im Winter und der Auszug aus dem Haus im dritten Teil. Mehr und mehr wird im Kreis der Freunde aufgedeckt: Jeder für sich ist auf seine Art auf dem Weg, sein eigenes Glück, sein Leben und teils auch das Glück und das Leben anderer zu zerstören. Oder er trägt schon länger Unglück mit sich herum.
Allein Olga, die älteste der Schwestern, sie ist es, die das sieht. Sie schreit gegen Ende, wild durch das Ferienhus rennend: „Seid ihr alle vollkommen verrückt geworden??!!“ Sie kann es aber nicht aufhalten. Olga wird wahrlich fantastisch gespielt von Barbara Horvath. Aber jeder im Ensemble (etwa die anderen Schwestern Mascha – Franziska Hackl – und Irina – Liliane Amuat) besticht durch wunderbar natürliches Verhalten. Als würde man einfach einer jungen Truppe von Freunden zusehen.
Kurze Andeutungen zu einzelnen Zerstörungen des Glücks:
Mascha ist mit Theodor verheiratet, der auch anwesend ist. Sie begeht aber Ehebruch mit Alexander, dem Gast. Alexander ist auch verheiratet, hat zwei Kinder (seine Familie bewohnt ein Haus in der Nachbarschaft) und begeht somit seinerseits Ehebruch. Er erklärt Mascha gegen Ende allerdings …. auf 3Sat ansehen! Alexanders Frau wiederum, hört man später, …. auf 3Sat ansehen! Irina, die jüngste der Schwestern, trennt sich von Nikolai. Was macht Nikolai? Auf 3Sat ansehen! Andrej wiederum, der Bruder der Schwestern, ist drogensüchtig. Seinen Job hat er aufgegeben. Roman, der etwas älterer Freund im Kreis, steckt im Nihilismus/Existenzialismus fest und … auf 3Sat ansehen! Das Ferienhaus: Die Geschwister verkaufen es. Natascha, die erste Frau von Andrej: Sie kauft das Ferienhaus und kündigt an, es schon „übermorgen“ abreißen zu lassen. Sie habe es von ihrem zweiten Mann geschenkt bekommen. Und sie erklärt ihrem ersten Mann Andrej, dass das zweite Kind … auf 3Sat ansehen.
Und mehr …. auf 3Sat ansehen!
Andrej fragt einmal sinngemäß: Suchen wir das Glück im Leben oder wollen wir es immer wieder zerstören? Wir rennen oft Dingen nach, die das Glück eher zerstören. Weil unsere Wünsche und Träume und Emotionen und Gefühle und Vergangenheit und Sehnsüchte und und und uns nach etwas anderem streben lassen.
Um die gerne gesehene Theaterwelt nicht aus den Augen zu verlieren: Ich berichte über meine Berlinfahrt zum diesjährigen Theatertreffen in Berlin ein wenig hier im Blog.