THEATER und LITERATUR: Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Man kann es lesen und es läuft derzeit in den Münchner Kammerspielen: „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch. Zum Buch: Rüde und frech geschrieben, eine politische Utopie, keine schöne Literatur, ein verrücktes Gedankenspiel. So kann man es vielleicht beschreiben.

Meine Bewertung des Buches (1 – 10): (5)

Man kann lachen und merkt, dass es eigentlich einen wichtigen Gedanken enthält. Literarisch ist es wahrlich nicht besonders, daher gebe ich nur fünf Punkte.

Es geht um einen steinreichen Investmentbanker, Victor, der in Frankfurt lebt, letztlich – nachdem er wieder einmal bei Vapiano gegessen hat – seinen Beruf hinschmeißt und eine politische Idee entwickelt, die gegen die sich immer mehr vergrößernde Wohlstandsschere gerichtet ist.

Copyright: Gabriela Neeb

Alexander Schimmelbusch selbst war fünf Jahre lang Investmentbanker. Er kennt die Szene bestens. Und er wird in seiner Schilderung kaum übertreiben. Ich kenne auch einen Investmentbanker, der sich nach wenigen Jahren harter Arbeit in einer Frankfurter Investmentbank auf einen wunderschönen, wahrscheinlich millionenschweren riesigen Bauernhof am Tegernsee zurückziehen konnte. Schön für ihn! Bestens renoviert, edel ….

Treffende Sätze aus dem Roman „Hochdeutschland“ sind etwa:

„Es war ein altes System, das durch zu viele Hände gegangen war, das immer wieder repariert und modifiziert worden war und nach den Tuningmaßnahmen durch den Neoliberalismus nicht mehr als Volkswagen, sondern als Zuhälter-Mercedes mit Diffusor und Flügeltüren daherkam.
Victor bezog sich auf den Neoliberalismus im umgangssprachlichen Sinne, also auf die radikale Heilslehre von der Entsolidarisierung, die in den letzten zwei Jahrzehnten lustvoll einen tiefen Keil in die Gesellschaften des Westens getrieben hatte.“

Alexander Schimmelbuschs Idee: Vermögensobergrenze für Reiche, volles Leistungsprinzip, aber dann Wohlstand für alle durch eine „unternehmerische Regierung“, die Deutschlands Position auf dem Weltmarkt sichert. In gewisser Weise ein Chinamodell: Der Staat schützt den unternehmerischen Erfolg Deutschlands weltweit durch Staatsbeteiligungen, der Staat muss sich um die Zukunft kümmern. So auch schon der letzte „Deal“ von Victor, sein Treffen mit dem Finanzminister. Die Idee entwickelt sich dann zur politischen Partei, die sogar die Regierung stellt. Usw.

Amüsant geschrieben, voll beladen mit Klischees (die aber irgendwie wahrscheinlich auch alle zutreffen), natürlich nicht politisch voll durchdacht. Allein die Vermögensobergrenze von € 25 Mio. ist ja letztlich völlig illusorisch.

Dem Buch entsprechend ist die Inszenierung an den Kammerspielen „aus Schaum gemacht“. Siehe das Bild oben. Die SchauspielerInnen waten in einer tiefen Schaummasse, die über die Bühne verteilt ist. Schauspielerisch keine Glanzleistung, es ist eher eine rednerische Erzählung des Buches, Erzählung eines Teils des Buches, abwechselnd durch die fünf SchauspielerInnen. Kaum Interaktionen.

Den Kern des Buches verstehe ich aber gut: Er hat etwas sehr Realistisches: Einerseits soll Deutschland weiterhin auf dem Weltmarkt eine Rolle spielen, damit unser Wohlstand weiterhin gesichert ist. Andererseits geht es unbedingt um das soziale Denken in Deutschland. Die Reichen müssen nicht noch reicher werden. Es geht um die, die NICHT reich sind. Usw. Insoweit lesenswert, ansehenswert.

HIER der link zur Seite des Stückes an den Münchner Kammerspielen, mit Video und vielen Fotoaufnahmen.

HIER der link zur Seite des Buches beim Rowohlt Verlag.

LITERATUR: Max Frisch – Biedermann und die Brandstifter

Ich helfe derzeit einem Schüler, seine Hochschulberechtigung zu bekommen. Wir üben auch für seinen Abschluss im Fach Deutsch. In diesem Zusammenhang war „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch zu lesen und zu „verstehen“. Ich wusste nicht mehr, wie allgemeingültig und zeitlos Max Frisch’s Buch ist. Wir stecken auch heute drin.

Es ist eine Parabel, also keine „Erzählung“, kein „Roman“ (mit der Entwicklung bestimmter Beziehungen, bestimmter Personen). Es ist als Parabel angelegt, als Beschreibung einer Situation, in der die auftretenden Personen, die Texte, die Symbole, die Szenen etc. im Endeeffekt Beispielcarakter haben. Beispielcharakter auch für die heutige Zeit.

Viele kennen das Buch von früher. Es lohnt sich, ist ziemlich erschreckend. Max Frisch hat es mit diesem Buch geschafft aufzuzeigen, wie wir immer wieder reagieren! Worum es noch einmal geht? Es geht um den Unternehmer Biedermann (Produktion von Haaröl), dem es nicht gelingt, die beiden Brandstifter Schmitz und Eisenring, die sein so erfolgreiches und angenehmes Leben gefährden, aus dem Haus zu bekommen. Er ist unfähig und schaufelt sich sein eigenes Grab! Den einen Brandstifter, Herrn Schmitz, hat er sogar freiwillig in sein Haus unter das Dach aufgenommen. Beide lädt er zum Essen ein.

Es geht darum, wie Biedermann mit der Gefahr, die er deutlich erkennt, umgeht. Ich empfehle dieses Buch – oder zumindest den Film hier, in dem das Stück wortgetreu komplett anzusehen ist. Hier:

Was mir klar wurde, man kann das Buch in der Tat so lesen, den Film so sehen: Wie gehen wir HEUTE mit erkennbaren Gefahren um? Etwa mit der drohenden Klimakatastrophe und der unaufhörlichen Umweltzerstörung. Wir sehen sie kommen, sie kommt immer näher, sie „wohnt“ schon bei uns – wie die Brandstifter, aber wir sind aufgrund unseres eigenartigen Verhaltens nicht fähig, sie wirklich in Schranken zu weisen. Ganz im Gegenteil! Wir helfen ihr sogar, voranzukommen. So, wie Herr Biedermann den Brandstiftern hilft, ihnen sogar Streichhölzer reicht. Es wird schon nichts passieren. Am Ende steht er vor seinem abgebrannten Haus.

Es gibt viele verschiedene Interpretationen des Stückes „Biedermann und die Brandstifter“. Das Buch wird auch deshalb in der Schule gerne gelesen. Ich kann nur einige Aspekte herausgreifen, die zeigen, dass wir HEUTE mit der Klimakatastrophe und Umweltkatastrophe so umgehen, wie es Herr Biedermann mit den Brandstiftern tat. „Biedermann und die Brandstifter“ entstand in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, in den fünfziger Jahren. Es gibt Interpretationen, wonach das Stück auch etwa zeigen würde, wie Adolf Hitler stark werden konnte. Er kam näher aber wir konnten nicht damit umgehen. So wie die Klimaveränderungen HEUTE.

  • Es geht im Grunde auch um Verlogenheit. Die Verlogenheit oder zumindest Unfähigkeit des Herrn Biedermann. Um die Diskrepanz zwischen dem, was er tut und dem, was er redet. Die Unfähigkeit liegt darin, dass er gar nicht so sein kann, wie er redet. Biedermann ist Unternehmer (Eine Nebenhandlung zeigt, dass er seinen langjährigen Mitarbeiter Knecht – der sich schließlich umbringt – entlässt). Biedermann ist rücksichtslos. Wie wir insgesamt mit der Umwelt rücksichtslos sind, wenn es um das Unternehmerische geht. Einerseits rücksichtslos und andererseits – wenn es darum geht, Umweltbelange doch einmal zu berücksichtigen – auch verlogen. Reduzieren wir etwa unseren CO2-Ausstoß? Nein!
  • Wir sehen auch HEUTE, wie die Gefahr unaufhaltsam näherrückt! Aber wir sind nicht fähig, sie einzuschränken. Denn es bleibt halbherzig, was wir tun. Biedermann auch: Er versucht etwa, die Brandstifter durch gespielte „Menschlichkeit“ zu vereinnahmen. Wer so „menschlich“ ist, kann doch nicht Opfer der Brandstifter werden! Aber es ist eben nur halbherzig! Es ist gespielte Menschlichkeit. Biedermann ist Opfer seiner eigenen Phrasen. Auch hier kann man Parallelen zur aufkommenden Klimakatastrophe erkennen. Wir reagieren mit Phrasen – Hauptsache, der Wohlstand bleibt erhalten. Wirklich deutlich und entschieden wird gegen die drohende Klimakatastrophe nicht vorgegangen. Wichtiger ist, dass der Wohlstand erhalten bleibt.
  • Auch unser Umgang mit der Umwelt ist ein „Spiel mit dem Feuer“. Auch insoweit passt „Biedermann und die Brandstifter“ bestens.
  • Die ganze Symbolik von „Biedermann und die Brandstifter“ passt auch HEUTE: Biedermann fühlt sich einerseits wohl, andererseits hat er Angst. Die immer wieder schlagen die Uhr zeigt, dass seine Zeit abläuft. Eine Kranzbestellung nach dem Tod des ehemaligen Mitarbeiters Knechtling wird falsch ausgeführt: Als wäre Biedermann gestorben! Die Brandstifter lächeln über das Verhalten Biedermanns. Und und und.

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THEATER: Tipp zum Lesen

Für Theaterfreunde und Freunde der Arbeiten von Milo Rau, einem der zur Zeit ja „radikalsten Theatermacher“, habe ich hier einen aktuellen Tipp: Im Magazin der Süddeutschen Zeitung von heute, Freitag, den 3. Mai 2019, ist ein längerer Bericht über die derzeitigen Arbeiten von Milo Rau und seinem Team im zerbombten Mossul/Irak für ein neues Theaterstück zu lesen.

Ich kann nicht darauf verlinken, da der Artikel nur im bezahlbaren Bereich des Magazins vollständig zu lesen ist. „Orest in Mossul“ wird das Stück heißen, basierend auf der Orestie von Aischylos. Gedreht werden im Irak die Videoeinspielungen.

THEATER: Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex

Das Buch hatte Furore gemacht. Es war in Frankreich und später auch in Deutschland ein großer Erfolg. Es gibt drei Bände dieses Werkes (insgesamt über 1200 Seiten), das als moderner Gesellschaftsroman unserer Zeit angesehen wird. Virginie Despentes ist 1969 in Nancy geboren, arbeitete in Massagesalons und Peep-Shows, bevor sie ihre literarischen Erfolge mit den wilden Werken hatte.

Man muss es nicht unbedingt als Roman über unsere Gesellschaft komplett ansehen, obwohl ja manch einer zu Virginie Despentes sagt, sie sei der „weiblicher Balzac des 21. Jahrhunderts“. Gut, es kommen im Roman jede Menge völlig unterschiedlicher Menschen als Querschnitt gewissermaßen zur Sprache. In http://www.perlentaucher.de (HIER) heißt es dagegen zum Beispiel in der Zusammenfassung einer Buchbesprechung (3. Band) mit interessantem kurzem Blick auf den Inhalt des Romans:


Anders als viele andere hält Rezensentin Iris Radisch Virginie Despentes nicht für einen „weiblichen Balzac des 21. Jahrhunderts“. Despentes Blick, erklärt Radisch, richte sich in ihren drei Büchern über den gealterten Punk-Häuptling Vernon Subutex nämlich nur auf einen bestimmten Teil der französischen Gesellschaft: die gescheiterten Utopisten und Idealisten der 70er, welche nun in Abbruchbuden oder unter freiem Himmel hausen und ihre Enttäuschung und ihren Zorn mit Erinnerungen an eine abenteuerreiche und glanzvolle Vergangenheit füttern, eine Zeit, in der die französische Subkultur noch Hoffnungen auf eine bessere Gesellschaft barg, in der es überhaupt noch so etwas wie Subkultur gab. Näher als der Vergleich mit Balzac liegt laut Radisch daher der mit Michel Houellebecq. Wie er „intoniere“ sie den „Untergang des Abendlandes“, allerdings weitaus mitfühlender als der Sozialpessimist Houellebecq. Rau und ruppig, und zwar sprachlich wie inhaltlich, geht es aber auch im 3. Teil des Subutex zu, meint die Kritikerin, die das Buch als Vorgeschichte zum Aufstand der Gelbwesten liest.

Ich werde das Buch noch lesen. Hier erst einmal zur Inszenierung von Stefan Pucher an den Münchner Kammerspielen:

Es wird nicht leicht sein, diesen dreiteiligen Roman auf eine fast dreistündige Inszenierung für das Theater „zusammenzudampfen“. Stefan Pucher ist es nicht gelungen! Man konnte einiges erwarten: Insgesamt 13 Mitglieder des Ensembles der Münchner Kammerspiele nahmen teil. Ich fand es schade, sie so zu sehen, in dieser Inszenierung! Sie haben allesamt mehr verdient. Gut, Jelena Kuliç steht als (weibliche Besetzung von) Vernon Subutex im Zentrum der Inszenierung. Es ist ja insgesamt eine Geschichte um ihn/sie herum. Vernon Subutex beobachtet alles. Die Höhepunkte dieses Abends sind auch ihre Gesangseinlagen. Davon hätte der Abend gut viel mehr vertragen. Jelena Kuliç hätte ohnehin vielleicht mehr im Mittelpunkt stehen können, war mein Gefühl. Ihr wäre es auch gegönnt gewesen. Sie schafft mit ihrer rauen Stimme doch oft ganz bestimmte Stimmungen und vielleicht hätten mehr Gesang von ihr und mehr Eindrücke von ihr für mehr Zeitgeist gesorgt, um den es ja im Roman geht. Vielleicht ist sie genau die richtige Besetzung für Vernon Subutex. So, wie in La Sonnambula, das ja sehr erfolgreich war. Und soviel ich höre, sind ohnehin im Roman viele Songtitel genannt. Vernon Subutex hatte ja im Roman einen Plattenladen, bevor er pleite ging.

Insgesamt war die Inszenierung halbherzig! Schon das langweilige Bühnenbild – ein dunkles Stufengerüst, auf dem sich alle tummeln und das ist die Bühne klein und eng wirken ließ. Dann das „Geschehen“ auf der Bühne: Die Schauspieler tummeln sich mehr und mehr auf dem Stufengerüst. Sie sitzen am Ende teils einfach herum, während einer/eine von ihnen spricht oder macht. Hier eine Aufnahme:

©️ Arno Declair

Es ist viel „Gerede“, nicht Schauspielerei. Aber das mag am Roman liegen. Jede Person – und es sind viele – hat ja auch im Roman ihren Teil beizutragen, hat eine eigene Einstellung zu den Dingen. Aber keine/r der Schauspieler/innen hatte – abgesehen ein wenig von Jelena Kuliç und ein wenig von Annette Paulmann – meines Erachtens Gelegenheit, zu glänzen. Und Sie können glänzen.

Noch dazu war das „Gerede“ des Abends teils ein sehr schnelles Gerede. Und noch dazu werden allerlei Themen angesprochen, Gott und die Welt. Es gab keinen Schwerpunkt. Ob das dem Zeitgeist entspricht, den Virginie Despentes in ihrem so gelobten Roman erfasst? Vielleicht ist es ja so, ich werde es lesen. Gelungen fand ich noch die Videoeinspielungen auf den Leinwänden, auch die Sequenzen in den Videos, in denen Abdoul Kader Traoré spricht.

Gut, ich werde das Buch lesen und mir die Inszenierung noch einmal ansehen. Abschließend werde ich dann genauer darüber schreiben können. Vielleicht relativiert sich dann mein schlechter Eindruck. Am ehesten gilt natürlich wieder: Selber ansehen!

©️ des Beitragsbildes: Arno Declair, Münchner Kammerspiele

THEATER: Federico Bellini – Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini

Pier Paolo Pasolini wurde im Alter von 53 Jahren nachts auf brutale Art und Weise angeblich von einem Stricherjungen ermordet. Angeblich vom Stricherjungen. Der Stricherjunge – Pino Pelosi – wurde verurteilt. Er widerrief dreißig Jahre später sein Geständnis. Es gibt bis heute Zweifel daran, ob Pasolini tatsächlich so gestorben ist, wie es im anfänglichen Geständnis von Pelosi geschildert wurde. Pelosi ist mittlerweile gestorben, der Mord wird nie richtig aufgeklärt werden.

Und daraus ein Theaterstück? Aus diesem brutalen Mord? Noch dazu in Verbindung mit Dante Alighieri’s „Die göttliche Komödie“?

Gut, die Verbindung mit Dantes „Die göttliche Komödie“ ist noch naheliegend: Dante Alighieri selbst lebte zwar um 1300, aber sein Werk der Weltliteratur „Die göttliche Komödie“ war – so das Programmheft – der „Fixpunkt“ des Werkes von Pasolini, der im Friaul geboren war. Und vielleicht seines Lebens. Sein Hang zum Subproletariat – in Rom dann hauptsächlich – war wie ein Hang zur Hölle. Das schon. Sein Kampf gegen den Neokapitalismus in Italien der damaligen Zeit, der Kampf für das Proletariat! Über 30 Prozesse wurden gegen Pasolini fast durchgehend von staatlicher Seite ausgehend angestrengt.

Ein Vergleich drängt sich erst einmal auf: Im Dezember 2018 war an den Münchner Kammerspielen eine Inszenierung von Milo Rau zu sehen, in der ein vor wenigen Jahren in Belgien verübter Mord an einem homosexuellen Jungen nachvollzogen und auf die Empfindungen nahestehender Personen eingegangen wurde. Es steht auch nur ein Auto auf der Bühne. Der Mord erregte damals viel Aufsehen in Belgien. „Die Wiederholung“ hieß die Inszenierung von Milo Rau. HIER der Link zu meinem damaligen Bericht. Milo Rau geht es ja sehr darum, im Theater die Realität zu zeigen. Pure Realität, auch wenn es dann auf der Bühne eine „Wiederholung“ ist. Es war damals auch wahrlich nicht angenehm, aber es hatte Wirkung. Man konnte überlegen: „Was bedeutet es eigentlich, ins Theater zu gehen?“

Anders war der Abend hier bei „Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini“. Welche Wirkung hatte der Abend „Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini“? Der Titel: „EINE göttliche Komödie …“ ist ja fast schon zynisch. Ermordung und Komödie!

Schauspielerisch ist der Abend vor allem für Tim Werths, der Pier Paolo Pasolini spielt, eine Herausforderung. Eine großartige Leistung und von ihm wird hier wirklich viel verlangt! Etwa am Ende bei seinem Schlussmonolog, einer Rede – ein Auszug aus der „Göttlichen Komödie“ – an seine Mutter, die er – längst nackt – in einer Wasserpfütze vor dem Publikum sitzend hält. Er wird auch einmal an seinem Penis von einem anderen Schauspieler über die Bühne gezogen. Auch die anderen Schauspieler – vor allem Franz Pätzold – überzeugen absolut. Die junge Truppe des Residenztheaters steigert sich! (Franz Pätzold verlässt das Residenztheater leider bald zusammen mit Martin Kušej in Richtung Burgtheater Wien.) Trotzdem: Es bleibt ein großes „Aber“!

Nach einer Viertelstunde setzten in der Premiere Buhrufe ein. Später verließen Zuschauer das Theater vorzeitig. Natürlich: So soll es sein! Theater soll kontrovers sein! Es ist ja fast ein gutes Zeichen für das Theater, wenn Zuschauer rufen und das Theater verlassen. Das macht Freude! Und gerade zu Pasolini passt ja das Kontroverse. Er, der – dann doch erfolgreiche – Schriftsteller und Intellektuelle und das von ihm immer wieder aufgesuchte (irgendwie vielleicht „ehrlichere“) Subproletariat. Pasolini war schwul und hatte sich in dieser seiner letzten Nacht wieder einmal einen Stricherjungen organisiert.

Und noch etwas, bevor ich zum „Aber“ komme: Der Abend war in sich durchaus stimmig: Gerade das in allem Extreme dieses Abends entspricht eben genau dem Leben von Pier Paolo Pasolini. Die Minuten seiner Ermordung werden auf der Bühne immer wieder wiederholt. Immer in leicht geänderter Version, verschiedenen Vermutungen zum Hergang folgend. Die einzelnen Abläufe werden dabei vorwärts und rückwärts „abgespult“. Die Schauspieler – alle männlich – agieren vorwärts und rückwärts. Eine komplett leere Bühne bis hinter zur Brandmauer – nur der graue Alfa Romeo von Pasolini steht auf der Bühne – sechs (fast immer identisch gekleidete) junge Personen – manchmal regnet es auf die Bühne herab. Mehr nicht. Später kommt eine Telefonzelle, ok. Es war jedenfalls fast therapeutisch. Als würde Italien immer noch darunter leiden, dass und wie Pasolini ermordet wurde. Und dass es nie richtig aufgeklärt werden wird.

Auch inhaltlich sehr stimmig: Pasolinis „Fixpunkt“ Dante Alighieri, der Übergang Pasolinis in Dante’s Höllenreich bis zum Paradies, aber auch das „Auftreten“ der Mutter, seine einzig „unverzichtbare Liebe“, Worte Pasolinis an seine Mutter. Die ungefragte Liebe der Mutter ist das Paradies. Alles eine Art letzter Einbildung von Pier Paolo Pasolini, am Boden liegend, vom eigenen Auto mehrfach überfahren. Trotzdem noch einmal: Es bleibt ein großes „Aber“.

Zum großen „Aber“: Meines Erachtens ist es ZU SEHR eine gelungene Inszenierung! Zu sehr! Die anfangs vielfach wiederholte Ermordung Pasolinis. Die identisch gekleideten Schauspieler. Die Nacktszenen. Die slow-motion-Sequenzen der Bewegungen der Schauspieler. Das ganze Geschehen auf der Bühne, das immer vor dem sich am Boden krümmenden Pasolini abläuft. Die Zitate aus Dante’s göttlicher Komödie. Das Erscheinen der Mutter von Pier Paolo Pasolini, die für ihn wohl die wichtigste „Figur“ in seinem Leben war. Alles eine Inszenierung.

Das ist genau der Unterschied zu Milo Rau, der bei der Realität bleibt. Bei Bellini wird die schreckliche Tat zu einer Theaterinszenierung. Wird sie damit nicht verherrlicht? Oder verhohnepipelt? Man hat eben „wieder eine schreckliche Ermordung gesehen“! Die Inszenierung ist sehr gelungen, sehr gelungen! Aber warum schaut man es sich an? Sollte man sich nicht fragen, warum man sich etwas ansieht? Bei Milo Rau ist es anders. Er lässt einen Zuschauer zurück, der sich viele Fragen stellt bei all dem grausamen Realismus. Bei Federico Bellini dagegen hatte ich am Ende keine Frage. Es blieb in einer bewegenden und eindringlichen, auch extremen Inszenierung ein fürchterliches Ereignis, das zu keinen weiteren Fragen anregte. Das ist jedenfalls das große „Aber“. So ging es mir jedenfalls. Aber sehen Sie es sich selber an!

Das Stück wird übrigens sehr kontrovers, hauptsächlich sehr kritisch gesehen. Viele negative, sehr negative Stimmen liest man auf http://www.nachtkritik.de. Am Ende des Beitrags auf http://www.nachtkritik.de (HIER) liest man Stimmen aus der Presse und von Zuschauern.

Hier noch ein Bild:

©️ Matthias Horn

HIER der Link zur Programmseite des „Stückes“ auf der Website des Residenztheaters. HIER Aussagen des Regisseurs Antonio Latella zum Stück.

©️ des Beitragsbildes oben: Matthias Horn

MUSIK: Rio Reiser – Für immer und Dich

Wer am Sonntag den Tatort „Für Immer und Dich“ gesehen hat, hat dieses Lied am Anfang und am Ende gehört. Man kann natürlich sagen: Eine Schnulze! Rio Reisers „Für Immer und Dich“. Aber gut, warum nicht! Das Besondere ist vielleicht: Es ist nicht sanft, nicht lieblich gesungen, es wird mit großer Überzeugung erst ganz ruhig gesungen und dann fast herausgeschrien.

Es ist ein konsequenter, intensiver Song, vom Text her, von der Musik her. Aber trotzdem ist es eben eine „Schnulze“. Auch wenn die schöne Aussage kommt: „Egal, wie du mich nennst, egal, wo du heut pennst!“ Und noch etwas: Die Kommissarin des Tatorts war Eva Löbau, sie ist seit dieser Spielzeit Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele. Zu sehen derzeit etwa in „Kill The Audience“ und Ende April in „Drei Schwestern“, einer Inszenierung von Susanne Kennedy an den Münchner Kammerspielen. Also hat sich doch wieder ein Bogen gespannt. Rio Reiser ist ja schon 1996 gestorben.

THEATER: Forced Entertainment – Real Magic

„So, what is the word Richard is thinking of?“

Ich kann es nur empfehlen, deshalb bringe ich hier einmal einen Hinweis:

Heute Abend in den Münchner Kammerspielen, 20:00 Uhr (und morgen, Samstag, 19.00 Uhr). „Real Magic“ von Forced Entertainment. Das Stück war eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2017 als eines der 10 „bemerkenswertesten“ Stücke des Jahres. Ich hatte es in Berlin gesehen und werde es noch einmal ansehen. HIER mein damaliger Beitrag im Blog. Es ist eine Performance, kein Theaterstück. Was ich besonders daran mochte, ist, dass mit wirklich allereinfachsten Mitteln im Grunde viel vom ganzen Leben gezeigt wird. Es ist im Grunde eine einzige Szene, die sich permanent wiederholt. Witzig und ernst zu gleich. Tim Etchells, (Mit-)Gründer von Forced Entertainments, sagte einmal ungefähr: Mit diesem Stück sind wir dort angekommen, wo wir mit unserer Gruppe hin wollten.

HIER die Seite zum Abend auf der Website der Kammerspiele.

HIER die Website von Forced Entertainment.

Und HIER ein Video mit Ausschnitten von Real Magic und einem Gespräch mit Tim Etchells, dem Gründer von Forced Entertainment.

ÜBRIGENS HEUTE AUCH – IN BERLIN UND DORTMUND:

Am Berliner Ensemble und am Schauspiel Dortmund läuft heute zeitgleich und miteinander verknüpft ein Stück, das ich auch einmal gerne sehen würde. Titel: „Parallelwelten“. Die zwei siebenköpfigen Schauspielensembles auf den Bühnen im Berliner Ensemble und im Schauspiel Dortmund spielen zeitgleich miteinander Theater. Sie sind, wie das Publikum, zugleich voneinander getrennt und doch sicht- und hörbar miteinander verbunden, in Echtzeit: durch ein Glasfaserkabel, das Bilder und Töne in Lichtgeschwindigkeit über 420,62 Kilometer Luftlinie zwischen Dortmund und Berlin hin- und hertransportiert.

HIER der Link zur Seite des Berliner Ensembles, Unterseite „Parallelwelten“.

Und HIER der Link zum Schauspiel Dortmund, Unterseite „Parallelwelten“.

THEATER: Rimini Protokoll und Thomas Melle – Unheimliches Tal/Uncanny Valley

Heute Abend gibt es vielleicht noch ein paar Restkarten. Es wird die letzte Vorstellung im November sein. Im Dezember kommt es dann zweimal. Mehr weiß ich nicht. Ich habe es leider erst gestern gesehen, konnte also nicht früher darüber schreiben.

Davor wurde gerade noch – in anderer Runde – über „politisches Theater“ gesprochen und dann sieht man es in der Vorstellung „Unheimliches Tal“ (Es ist eine Produktion von Rimini Protokoll und  dem Autor Thomas Melle. Letzterer ist ja sehr bekannt geworden durch sein Buch „Die Welt im Rücken“.  Und das Theaterstück „Die Welt im Rücken“ am Wiener Burgtheater hat Furore gemacht): Die Zeit überrennt uns! Da hilft kein politisches Hin oder Her. Gut, umso mehr müssen wir aufpassen, wie wir die Veränderungen politisch steuern. Aber aufhalten können wir sie nicht. Einige jedenfalls nicht. Es geht in der Politik eben immer um das „Wie“. Das „Was“ kommt ohnehin. So erlebt man auch „Unheimliches Tal“ (HIER der Link zur Seite des Abends bei den Kammerspielen). Man sitzt einer Person gegenüber, die kein Mensch ist, sondern ein Roboter. Ein sogenannter humanoider Roboter. Eine Stunde lang redet er mit dem Publikum. Und als Zuschauer hat man bisher sicher zumeist ungekannte Eindrücke.

– Er bewegt sich genau so, wie wir es kennen oder erwarten, wenn geredet wird. Man merkt fast, was man für Erwartungen hat. Oder Gewöhnungen. Gut, an seinen Bewegungen erkennt man schon noch, dass es ein Roboter ist. Aber das ist ja vielleicht gerade gewollt! Man fühlt sich vielleicht umso mehr in einer eigenartigen Position! Und weit ist es wahrscheinlich nicht mehr bis dahin, dass man es nicht mehr erkennt, kann man sich vorstellen.

– Er sieht menschlich aus. Wie Thomas Melle.

– Er erzählt von sich als Thomas Melle, den er ja verkörpert.  Und er erzählt von sich als Roboter. Er erzählt, wie unangenehm es ihm war, nachgebaut zu werden.

– Er bezieht das Publikum in seine Überlegungen mit ein. Schon dadurch gibt man ihm irgendwie menschliche Qualitäten.  Man fühlt sich ja plötzlich betroffen. Man weiß: Man sitzt einem Roboter gegenüber, aber dieses Gefühl verwischt immer wieder.

– Er stellt Fragen in des Publikum. Er schaut einen an.

– Entwickelt man Empathie für ihn? Findet man es nicht sogar gut, dass er so  verständlich und unaufgeregt redet?

–  Man hat ja fast weniger Zweifel dem Roboter gegenüber. Er wird ja wohl keine Fehler machen. Nicht irgendwie emotional reagieren.

– Wie ist das Verhältnis von Thomas Melle zu seinem Nachbau? Und man fragt sich fast: Wie ist andersherum das Verhältnis des Nachbaus zu Thomas Melle? Obwohl das ja gar nicht geht. Oder doch irgendwann?

– Es geht hin und her. Dann erzählt er etwa, dass er ein Interview geführt hatte. Und auf der hinter ihm stehenden Leinwand sieht man Thomas Melle als menschliche Person, wie er dem Interviewpartner zuhört.

– Und dahinter steht ja noch eine Thematik: Thomas Melle leidet ja an bipolarer Störung, also der Entfernung von sich selbst (oder Persönlichkeitsspaltung oder ähnlich, ich bin kein Mediziner). Und genau das geschieht ja auch wieder mit Thomas Melle, wenn er auf eine gleich aussehende Roboteranimation blickt.

Lauter solche Eindrücke schwirren geradezu um einen herum, wenn man diese Stunde verfolgt. Und dann kann man sich denken: Naja, in Altersheimen etwa, für die Seniorenpflege, wird so ein Roboter vielleicht bald schon einmal eingesetzt werden! Ob das aufgehalten werden kann oder ob es dann wieder nur um das „Wie“ geht?

THEATER: Milo Rau – Lam Gods

Naja, ich laufe nicht nur fröhlich durch die Welt, denke ich mir manchmal. So antworte ich auch manchmal, wenn ich gefragt werde, wie es mir geht. Das ist doch ein bisschen ehrlicher, als immer mit „gut!“ zu antworten, denke ich. Mir fallen immer wieder Dinge auf, an denen ich mich reibe. Aber mit positiver Grundstimmung! Auch politisch. Daher finde ich Theater ja so gut, wenn es an unseren Ansichten rüttelt.

Am  belgischen Nationaltheater, dem NT Gent, bringt etwa der junge Milo Rau, einer der aufregendsten Regisseure unserer Zeit, zurzeit das Stück „Lam Gods“. Ich hatte schon mehrfach über Milo Rau geschrieben. HIER etwa. Das Stück Lam Gods ist das erste Stück von Milo Rau am NT Gent, an dem er jetzt Intendant ist.  Es geht zurück auf einen weltberühmten Altar In der Genter St.-Bavo-Kathedrale. HIER die Seite zum Stück auf der Website des NT Gent.

Und HIER eine Kritik zum Stück von Christine Dössel, um die geht es mir.

Es scheint wieder ein sehr beeindruckendes Stück zu sein! Milo Rau hat ja ein Manifest zum „Stadttheater der Zukunft“ geschrieben, will das Theater mehr in die Realität holen. Gleichlautend zur hier verlinkten Kritik von Christine Dössel erschien ihre Kritik in München in der Süddeutschen Zeitung. Da hatte ich sie kürzlich gelesen.

Warum ich es jetzt hier bringe? Naja, nicht gerade Begeisterung über die Süddeutsche Zeitung ist es! Ich reibe mich wieder! Aber nicht wund reiben! Das würde meine kleine Meinung nur überbetonen! Christine Dössel ist seit Jahren Theaterkritikerin bei der Süddeutschen Zeitung. Sie schreibt interessante Kritiken. In München hat sie aber nicht unerheblich dazu beigetragen, dass man den Münchner Kammerspielen vorwarf, sie seien in eine „Krise“ geraten. Christine Dössel  argumentierte immer, „Sprechtheater“ alter Schule sei an den Münchner Kammerspielen nicht mehr vertreten und das Ensemble werde nicht ausreichend eingesetzt. Und die Münchner glauben ja an ihre „Süddeutsche“ wie an eine Institution.

Und nun ihre Begeisterung für Milo Raus Stück in der obigen Kritik aus Belgien! Beides –  die Begeisterung über das Stück im NT Gent und ihre standhafte Kritik in München – passt m. E. nicht gut zusammen. Da wird mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen!

Milo Rau setzt neben zwei Ensemblemitgliedern viele, viele Laienschauspieler ein. Das wird er, wie ich ihn kenne, künftig auch in seinen weiteren Stücken tun.

Da Christine Dössel mit ihrer Stimmungsmache gegen die Münchner Kammerspiele mit dazu beitrug, dass die Münchner Theaterfreunde immer unsicherer und unoffener auf die Kammerspiele blickten, habe ich einen – natürlich kurz gehaltenen –  Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung geschrieben.

Ich finde ohnehin, dass Journalisten doch sehr wenig der Kritik ausgesetzt sind. Sie arbeiten im Grunde irrsinnig kritiklos! Ob das so gut ist! Es gibt ja auch hervorragende  Journalisten,  keine Frage! Auch in der Politik ist es aber meines Erachtens auch einmal eine Frage wert, ob nicht die Medien zur Politikverdrossenheit beitragen! Wenn man viele der Fernsehdiskussionen sieht. Dort wird nicht gerade eine sorgfältige Diskussionskultur gepflegt! Und das wäre doch auch Aufgabe der Journalisten.

Mein kurzer Leserbrief an die SZ also: Er wurde meines Wissens natürlich nicht abgedruckt. Enthält offenbar zuviel Kritik an der Zeitung, nur Kritik an der Sache wird wohl abgedruckt. Daher bringe ich ihn einfach hier, er soll ruhig gelesen werden. Ich habe ihn jetzt fast schon vorweggenommen. Ich hatte geschrieben:

„Grandios gelungen“, „genial ausgeklügelt“ und „theatrales Kunstwerk“ nennt Christine Dössel die erste Arbeit von Milo Rau am belgischen Nationaltheater Gent, dem NT Gent, „Genter Altar“ oder „Lam Gods“. Man bekommt Lust hinzufahren. Aber eine Ensemblearbeit ist diese Arbeit nicht! Genau das aber hat Christine Dössel doch oft genug in den letzten Jahren an den Münchner Kammerspielen kritisiert. Milo Rau setzt (zur Begeisterung von Christine Dössel) ein: Kinder, einen Theatermitarbeiter, einen Bauern, eine todkranke Frau, einen afghanischen Flüchtling, ein gecastetes Genter Ehepaar, eine Genter Mutter, Tiere, eine Theaterputzfrau und und! In München hieß es dagegen „Krise der Münchner Kammerspiele“, weil drei SchauspielerInnen das Theater gewechselt hatten! Bis die CSU dieser recht banalen Stimmung folgte. Wird da nicht mit zweierlei Maß gemessen? Kann man das dem Leser und vor allem dem Münchner Theatergänger guten Gewissens verkaufen? Mit spürbarem Wohlwollen schreibt Christine Dössel etwa auch über das NTGent unter Milo Rau, 41 Gastspiele seien in der jetzigen Spielzeit geplant! Ob das genug Sprechtheater wird? (Nachtrag: Und ob das viel für das Ensemble des NT Gent bringt?) Es wird mit zweierlei Maß gemessen, ohne dass man erkennen könnte, warum. Das ist nicht schön.
Und  HIER abschließend noch ein Link: der Link zu nachtkritik.de und dem Manifest „Stadttheater der Zukunft“ von Milo Rau und anderen. Am Ende der langen Vorbemerkung ist das Manifest abgedruckt.

©️ des Beitragsbildes: Michiel Devijver

 

THEATER, LITERATUR: Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

Alle Tage sind gleich lang, jedoch verschieden breit.“ Diesen schönen Spruch hat Udo Lindenberg einmal getan. „Breit“ kann man gerade bei Udo Lindenberg natürlich so oder so verstehen! Der Satz steht auf einem Siebdruck eines limitierten Aquarells von ihm.  Udo Lindenberg kennt ja jeder: Es ist doch dieser Mann, der sein Leben lang einen Mann spielt, der Udo Lindenberg ist ….

Der Satz über die Länge und Breite der Tage wird wiederum zitiert in der Inszenierung „Panikherz von Oliver Reese am Berliner Ensemble. Habe ich gesehen. Die Inszenierung geht wiederum zurück auf ein Buch. Das BuchPanikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre. Habe ich dann gelesen. Über beides schreibe ich hier.

Und was das jetzt noch mit Udo Lindenberg zu tun hat? Zum Einen hat Panik immer mit Udo Lindenberg zu tun. Ich glaube Udo Lindenberg hält sämtliche Markenrechte an dem Wort „Panik“. Zum Anderen erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre im Buch Panikherz wahnsinnig viel von seiner schon in Jugendjahren bestehenden Liebe zu eigentlich allen Udo Lindenberg Songs, er ist mit ihm befreundet.

„Panikherz“ nach Benjamin von Stuckrad-Barre wird als Theaterstück in der kommenden Spielzeit am Berliner Ensemble weiter gebracht werden.

Zum Buch: Mir hätte ein Lektor das Buch um die Ohren gehauen. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre hat ja einen Namen und schon einiges veröffentlicht. Das schlaue Wikipedia sagt:

Bekanntheit erreichte er vor allem mit seinem 1998 erschienenen Debütroman Soloalbum sowie dem 2003 entstandenen gleichnamigen Film. Durch den Erfolg dieses Romans und seiner folgenden Werke entwickelte sich Stuckrad-Barre zu einem der neuen deutschen Popliteraten der 1990er Jahre.

Das Buch ist eine autobiografische Erzählung des bisherigen Lebens von Benjamin Stuckrad-Barre. Eine völlig lineare Erzählung, ohne Höhepunkte, ohne einen besonderen Stil (außer: locker dahingeschrieben), ohne Hervorhebung oder Darstellung bestimmter Personen oder Gegebenheiten oder eines Themas, absolut ichbezogen, stoned, literarisch nicht besonders, nur anfangs lustig, mit abnehmender Tendenz. Man kann es lesen, um den irren Lebensweg von Benjamin Stuckrad-Barre zu sehen. Sein Leben gibt viel her. Haben offenbar auch viele gemacht, sagt die SPIEGEL-Bestsellerliste.

Auf den ersten Blick kann man sagen: „Naja, einer dieser Medienfuzzis, die es geschafft haben, ins Fernsehen zu kommen und bekannt zu werden. Und irgendwie nichts ernst nehmen. Einfach das Leben als irre Welle mitnehmen.“ Das sagt am Anfang der Inszenierung auch eine der vier SchauspielerInnen, Bettina Hoppe: Jede Welle schlägt gegen die Felsen nach dem Motto: „Ist mir egal – wumm – ist mir egal – wumm – egal –„. So mag er es. Naja! Talkshows, Bücher, Freundschaft mit Christoph Schlingensief, Freundschaft mit Udo Lindenberg, überall einen Fuß in der Tür der Medienwelt, journalistische Tätigkeiten bei der Zeitschrift Rolling Stones, der taz, beim NDR, Autor für die Harald Schmidt Show, alles Backstage, alle Exzesse der Welt, Alkohol, Drogen, Bulimie, mehrere Entzugstherapien und so weiter. Exzessiv, aber mehr nicht.

Das Buch zeigt, wie Benjamin von Stuckrad – Barre immer schön am Abgrund entlang lief. Er war eine Zeit lang ziemlich kaputt (das schreibt sich allerdings ziemlich undramatisch). Zeilen aus Liedern von Udo Lindenberg, aber auch von vielen anderen Musikern seiner Zeit, werden immer wieder gebracht. Vor allem die Musik von Udo Lindenberg scheint zu seinem Befinden gepasst zu haben.

Aber er hat es immerhin geschafft, nicht endgültig abzustürzen. Ich muss das umfangreiche Buch noch zu Ende lesen, es ist aber – finde ich – so schlechte Literatur, ich brauche eine Pause. So gesehen mein Fazit: Interessant, auch diesen Weg zu sehen, aber nicht unbedingt zu empfehlen! Strandlektüre vielleicht.

Zur Inszenierung: In der Inszenierung von Oliver Reese (auch Intendant des BE, Nachfolger von Claus Peymann) hört man immer wieder Ausschnitte aus Stücken von Udo Lindenberg. Ein schönes Potpourri, auch wenn es klanglich nicht immer überzeugt. Livemusik und die Schauspieler singen.

Alle vier Schauspieler stellen Benjamin von Stuckrad-Barre dar und erzählen aus dem Buch. Wie eine mitgespielte Lesung. Am überzeugendsten spielt – finde ich – Nico Holonics, der den Verfall von Stuckrad-Barre am exzessivsten darstellt. Und Carina Zichner, die eine erstaunliche Bühnenpräsenz hat. Sie stellt Benjamin Stuckrad-Barre vor allem in jungen Jahren dar. Die Inszenierung hat mir gefallen! Nicht gekünstelt, nicht überdrallert, nicht affektiert, nah am Buch. Klares Bühnenbild, vorne nichts und im Hintergrund eine Bar, Livemusiker. Aber das Buch selbst ist eher eine Zumutung..

UND ACHTUNG: Am 6. Oktober 2018 gibt es im BE (Berliner Ensemble) eine lange Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Nacht mit einer Sondervorstellung von „Panikherz“ um 17.00 Uhr und einer anschließenden Marathonlesung „20 Jahre Soloalbum“ ab 19.30 Uhr mit Benjamin von Stuckrad-Barre und zahlreichen Gästen. Amüsant allemal!

HIER der link zur schönen Seite des Berliner Ensembles online zum Stück „Panikherz“.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Röder, BE

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Sonstiges

SONSTIGES: Ballett – Anna Karenina von Christian Spuck

Zugegeben, Ballett ist nicht Schwerpunkt dieses Blogs. Aber über den Tellerrand hinaus blicken, ist doch immer interessant. Und in Kürze folgt viel THEATER. Das Theatertreffen 2018 steht bevor! Und Tanz findet sich ja in heutiger Zeit auch immer wieder einmal in Theatern. Wenn auch nicht in derartiger Perfektion wie im Ballett. Anna Karenina von Lew Tolstoi wurde als Ballett im Bayerischen Nationaltheater in München auf die Bühne gebracht. Choreographie Christian Spuck. Was für ein anderes Erlebnis! Es wird in dieser Spielzeit noch einmal und dann in der kommenden Spielzeit das ein oder andere Mal zu sehen sein! Also, wer Interesse hat:

Den Roman Anna Karenina von Lew Tolstoi (man betont Karenina ja auf dem „e“) kann ich ja unbedingt empfehlen. Er gibt einen unglaublich detaillierten, vor allem nicht schwülstigen Einblick in das russische Leben zur damaligen Zeit. Und aus russischer Sicht den Blick auf das damals weltweit noch große Problem des Ehebruchs. Der Eifersucht, der Liebe, des Hasses, der Verzweiflung, der Konkurrenz, des Abgrundes, der gesellschaftlichen Erwartungen. Es endet ja tragisch.

Im Bayerischen Nationaltheater in München hat jetzt also – ich hatte die Chance, hinzugehen – Christian Spuck den 1000-Seiten-Roman als Ballett auf die Bühne gebracht. HIER ein Trailer. Und HIER (das kleinere Video rechts anklicken) ein Video mit Erläuterungen von Christian Spuck und den beiden „Protagonisten“ sowie weiteren Ausschnitten der Inszenierung. Ansehen! In den Videos sieht es fast kitschig aus, ich finde aber, Christian Spuck hat das Gespür, Kitsch zu vermeiden. Es wird Eleganz.

Ballett kann man „mögen oder nicht mögen“, finde ich, es ist nicht so diskursiv wie Theaterabende sein können. Ich hatte mich aber dennoch sehr darauf gefreut, denn:

Ich erinnerte mich: Als junger Student hatte ich tatsächlich (!) längere Zeit den Gedanken, das Gefühl, dass ich am liebsten Balletttänzer wäre! Nicht viele Worte, sondern Tanz, das hatte mir gefallen! Ich hatte ein Jahr in Lausanne studiert, dort erschien beim jährlichen Prix de Lausanne irgendwie auch der Ballettstar John Neumeier, ich glaube als Mitglied der Jury. Oder es gab einen John-Neumeier-Preis für den Nachwuchs. Aber für Ballett muss man ja schon als Kind mit Tanz beginnen. Tja, daraus ist leider nichts geworden. Knapp daneben, ich wurde Rechtsanwalt. Naja, das ist doch ähnlich, es ist eben Ballett mit Worten? Nein, es ist eher Fechten mit Worten, würde ich sagen!

Und es gab noch einen besonderen Grund, hinzugehen: Ich hatte im Blog zu Ostern über Christian Spuck geschrieben. Er hatte mit dem Staatsballett und dem Staatsorchester Zürich das Verdi-Requiem („Messa da Requiem“) als Ballett mit Chor inszeniert. Es wurde zusammen mit einer Dokumentation über Spucks Arbeit auf 3sat gesendet. Ich war damals wahrlich begeistert! Jetzt war er zur Münchner Ballettwoche 2018 eingeladen.

Also bin ich hin. Und, was soll ich sagen: Ich war baff! Es wäre anmaßend, wenn ich jetzt hier eine detaillierte Kritik mit Pros und Contras bringen würde! Aber: Erster Gedanke mit Blick durch das Nationaltheater: Es ist schon ein Privileg, ich möchte sagen: elitär, es zu erleben. Man sollte einmal pro Monat einen Abend für Harz IVler geben! Kunst sollte nicht elitär sein! Allein das extreme Erlebnis, danach aus dem Nationaltheater in einen lauen Frühlingsabend zu treten, Blick auf die Frauenkirche und die Maximilianstraße … . Das sollte eigentlich nicht immer nur Wohlhabenden vorbehalten sein.

Während der Aufführung – und danach – dann der Gedanke: Diese unglaubliche Eleganz des Balletts, diese unglaubliche Schönheit des Bühnenbildes, der gesamten Choreographie, der Kostümierung, der Farben, diese unglaublichen Leistungen der TänzerInnen, die so treffende russische Musik, all das erleben zu können. Alles hatte eine irre Leichtigkeit trotz des so schweren Lebens von Anna Karenina. Gut, sie lebte in feinen Kreisen. Die Musik brachte dabei generell russische Schwere hinein, fand ich. Aber genau das war passend! Allein das Zusammenspiel von Musik (Auswahl Christian Spuck) mit dem Tanz, der Choreographie, dem Russischen. Leichtigkeit und Schwere mischtern sich so den Abend hindurch. Beides in Formvollendung. Die Trailer oben lassen es erahnen.

Und dann noch die Überlegung: Man sitzt da und betrachtet einfach mal so Menschen, die allein mit phantastischen körperlichen Bewegungen, mit Tanz, etwas zum Ausdruck bringen. Das allein macht doch etwas mit einem! Man rutscht komplett weg vom banalen Alltag! Etwa der – für mich – beeindruckendste Tanz von Jonah Cook und Lauretta Summerscales als Kostja (Lewin) und Kitty, dem zweiten verliebten Paar, dem der Roman folgt. Es war der erste Tanz nach der Pause.

Es waren also völlig andere Eindrücke als bei einem Theaterbesuch, zwei Welten. Auch wenn es um die Geschichte eines Romans ging, was ja in beiden Vorführungsformen vorkommt. Beeindruckend allemal!

 

 

 

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Gelesen und geblättert

LITERATUR: Merce Rodoreda – Auf der Plaza del Diamant

Wieder etwas neben Allem: Mehr zufällig bin ich auf das Buch „Auf der Plaza del Diamant“ von Merce Rodoreda gestoßen. Ich hatte etwas völlig anderes erwartet. Gabriel Garcia Marquez sagte laut Buchdeckel:

Ich weiß nicht, wie oft ich den Roman wieder gelesen habe, und einige Male auf katalanisch, mit einer Mühe, die viel über meine Verehrung aussagt.

Und ebenfalls auf dem Buchdeckel steht ein Zitat von Roger Willemsen:

Wer nicht davon lassen kann, wie ich, beginnt nach dem Umblättern der letzten Seite gleich wieder mit der ersten.

Beides klang sehr vielversprechend. (Aber man weiß ja nie, ob solche Zitate nicht eher Goodwill – Aktionen gegenüber dem Verlag sind.)

Merce Rodoreda ist, habe ich gelernt, eine katalanische Schriftstellerin. Man sagt, sie sei „eine der bedeutendsten katalanischen Autorinnen des 20. Jahrhundert“, Der Roman „Auf der Placa del Diamant“ habe sie berühmt gemacht, er wurde in 20 Sprachen übersetzt. Geboren war sie 1908, gestorben am 13. April 1983, also vor fast genau 35 Jahren. Katalonien ist ja ganz aktuell momentan.

Etwas genauer: Sie wurde 1908 in Barcelona geboren, ihre ersten Bücher erschienen in den dreißiger Jahren, darunter der mit dem Preis Crexells ausgezeichnete Roman „Aloma“. Dann begann ein fast zwanzigjähriges Schweigen: Merce Rodoreda ging, wie viele republikanische Katalanen, ins Exil nach Paris, bis sie vor den deutschen Truppen in den unbesetzten Teil Frankreichs floh und schließlich nach Genf zog. Hier arbeitete sie als Übersetzerin für die Unesco und begann wieder zu schreiben. Es entstanden die Romane, die sie berühmt machten: „Auf der Plaça del Diamant“ und „Der zerbrochene Spiegel“. Merce Rodoreda starb 1983 in Girona.

Das Buch Auf der Plaza del Diamant hat mich dann überrascht, da der Schreibstil so simpel ist, wie ich es noch nie gelesen hatte. Ich wollte es fast weglegen. Es wird kaum ein Buch geben, in dem etwa öfter das Wort „und“ vorkommt, was nicht an der Übersetzung liegen wird. Und dennoch berührt das Buch. Mit einfachsten Worten beschreibt Rodoreda (ACHTUNG: Ab hier sollte nicht weiterlesen, wer es selber lesen will!) ihre Liebe zu einem jungen Mann, ihr Leben mit ihm, sie bekommen zwei Kinder, die Zeiten des großen Elends während des spanischen Bürgerkriegs, ihr Mann zieht in den Krieg, sie schildert ihren Verlust des Lebenswillens, will sich und die beiden Kinder schon fast umbringen, schildert den Verlust ihres Mannes und ihre „Flucht“ in die Ehe mit einem älteren Mann, den sie schon lange kennt. Es ist wie eine Rettung für sie und ihre Kinder. Ein letztlich sehr berührendes Buch, das gerade durch die Einfachheit der Sprache die Situation sehr nahe bringt.

Zu einer Leseprobe geht es HIER

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Allgemein Gesehen und gehört

THEATER: Mittelreich – Inszenierung mit schwarzen Schauspielern

Ein Stück tief bayerischer und deutscher Geschichte. Blick auf drei Generationen der bayerischen Wirtsfamilie des „Seewirt in Seedorf“ (eigentlich das Gasthaus Zum Fischmeister in Ambach am Starnberger See). Das ist Inhalt des sehr persönlichen Romans Mittelreich von Josef Bierbichler und der Musiktheater-Inszenierung dazu von Anna Sophie Mahler an den Münchner Kammerspielen. Die Weltkriege, die Nachkriegsjahre, Flüchtlinge, persönliche Schicksale.
Und jetzt dieselbe Inszenierung, gespielt von schwarzen Schauspielern (und Musikern). Dunkelhäutige Schauspieler und Musiker zu dieser bayerischen Erzählung! Zu sehen ist diese Kopie noch einmal am Samstag, den 21.10.2017. Das Original von Mittelreich in der Inszenierung von Anna Sophie Mahler ist dann am 03.11.2017 wieder zu sehen.
Interessant, wie kontrovers und engagiert sofort über die „Kopie“ – Inszenierung von Mittelreich von Anta Helena Recke geschrieben und gesprochen wird. Etwa zu lesen bei www.nachtkritik.de. Es war eine hoch detailgetreue Kopie der Inszenierung des Bierbichler-Romans, die 2016 sogar zum Berliner Theaterftreffen eingeladen war. Nur eine einzige Änderung: Anta Helena Recke, selber dunkelhäutig, besetzte die Rollen durchgehend mit dunkelhäutigen Schauspielern. Appropriation Art. Schon das Erstellen der Kopie wird demnach als ein neues Kunstwerk gesehen. Im Theaterbetrieb ein fast unbekannter Ansatz. Es geht der Appropriation Art allerdings nicht nur um das Erstellen der Kopie, sondern um einen Effekt, der dadurch zusätzlich eintritt. Hier durch die Art der Besetzung der Rollen für diese Kopie. Ziel einer Appropriation ist es, durch das Erstellen der Kopie einen anderen, sonst nicht auffallenden Aspekt sichtbar oder erfahrbar zu machen.
Mein Erlebnis: Es hat sich gelohnt! Irgendwie war es befreiend, erleichternd, zu sehen, dass es in dieser Inszenierung mehr um das Erlebte geht, nicht um das Deutsche daran. Das Deutsche daran verschwindet, verlässt jedenfalls das Zentrum der Erzählung! Man wurde sich im übrigen der Tatsache bewusst, dass man als Zuschauer solch ein Stück – oder jedes Stück? – gleich in einem (unsichtbaren) Kontext sieht. Und genau der wurde hier aufgehoben! Genau das war – für mich – der Aspekt, der sichtbar wurde. Der reine Vorgang der Appropriation – der Aneignung – wiederum ist dabei m. E. gut gelungen, man sah die so guten Schauspieler der Originalinszenierung vor sich: Annette Paulmann, Steven Scharf, Jochen Noch, Stefan Merki, Damian Rebgetz, Thomas Hauser. Besonders gelungen waren dabei die Kopien von Steven Scharf, Jochen Noch und Damian Rebgetz! Hinzu kam dieser besondere Effekt, das Stück anders zu sehen. Den sofort vorhandenen Kontext abzugeben, den man hereininterpretriert. Die eigene, mitschwingende Prägung der eigenen Sichtweise aufzugeben. Es fehlte einem ja die Möglichkeit, sich durchgehend am Deutschen und Bayerischen zu orientieren. Man konnte sich aber selber überprüfen: Was fehlte einem, was kam zum Vorschein? Natürlich schwang auch mit, dass man  dunkelhäutige Menschen – die Schauspieler – hier etwas anders als üblich erlebte. Ob man sie zu selten so erlebt, wird diskutiert, siehe oben. Aber das war, denke ich, nicht der Hauptzweck.
Man kann natürlich viel zerlegen in der Diskussion zu dieser Inszenierung. Ist es schon Rassismus, wenn man über Rassismus redet? Ist es Rassismus, wenn man andeutet, dass es Rassismus gibt? Ist es schon eine Vertiefung der Unterscheidung von Schwarz und Weiß, wenn man diesen Unterschied auch nur irgendwie hervorhebt? Geht es überhaupt um schwarz und weiß? Ich glaube nicht! Es hätten ja auch Japaner sein können! Sie würde sich tatsächlich wünschen, so Anta Helena Recke in einem Interview, „dass die Intendanten dieses Landes mich jetzt mindestens zwei, drei Jahre lang an ihre Theater einladen und Stücke kopieren lassen. Nicht unbedingt immer nur mit Schwarzen, sondern auch mit extrem dicken Frauen oder asiatischen Deutschen, es gibt viele Möglichkeiten der Sichtbarmachung.“ Abschließen würde sie den Arbeitszyklus am liebsten mit einem Tatort„Der Tatort ist für Deutschland, was ‚Mittelreich‘ für Theater-München ist. Wenn Sonntag um 20.15 Uhr eine Schwarzkopie von mir von einem Tatort läuft, dann kann ich damit aufhören.“
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Gesehen und gehört

THEATER: Eugene Labiche – Trüffel Trüffel Trüffel

Ich hätte auch den Fernseher anmachen können. Aber nein, wie immer bin ich – wie schon lange geplant und gebucht – ins Theater rübergegangen. Die Theatersaison 2017/2018 hat begonnen. Über die an den Münchner Kammerspielen zur Spielzeiteröffnung gebotene „große“ Premiere der Inszenierung zum Buch „On the Road“ von Jack Kerouac, die ich am vergangenen Freitag gesehen habe, berichte ich in ein paar Tagen. Es gab vorgestern und gestern an den Kammerspielen zwei weitere – ich würde sagen: „kleine“ – Premieren. Inszenierungen, die an den Bühnen der Kammer 2 und der Kammer 3 geboten wurden.
Vorgestern etwa war die erste Aufführung von „Trüffel Trüffel Trüffel“ von Regisseur Felix Rothenhäusler. Ein Lustspiel von Eugène Labiche (eigtl. „La poudre aux yeux“,  „Sand in den Augen“). Zwei Familien, deren Kinder heiraten möchten und die in ihren Gesprächen und „Verhandlungen“ dazu sich gegenseitig Großbürgerlichkeit vorspielen, sich Sand in die Augen streuen. Sie reden geschwollen daher, laden zum Essen ein, ordern beim besten Restaurant des Ortes eine Unzahl von Trüffelspeisen und abonnieren eine Loge in der Oper, wo leider nichts anderes läuft als immer wieder „Rigoletto“. Er, ein kaum beschäftigter Arzt, erzählt von seinen vielen Patienten, etc. Zugegeben, die Szene – Gespräche und Verhandlungen der Eltern über eine Heirat der Kinder – gibt es heute kaum mehr. Eugene Labiche lebte zwischen 1815 und 1888. Man erwischt sich aber dabei, das alles garnicht schlimm zu finden. Und keineswegs veraltet. So ist das doch in vielen Bereichen. Man findet die Personen ja fast symphatisch in ihrer Übertreibung. Sie werden fast interessanter, nicht unsymphatisch. Es darf nur nicht anstrengend werden, aber darum kämpfen sie mit sich selbst. Es ist eine harmlose, lustige Inszenierung, alle Schauspieler stehen das ganze Stück über vor dem Publikum gegenüber. Ein Textstück. Der Text und die Überzeugungskraft vor allem der Ensemblemitglieder Anette Paulmann, Samouil Stojanov und auch Wiebke Puls schaffen – auch durch kleine Gesten – die Atmosphäre. Aktuell ist das Thema immer wieder. Der Mensch will eben belogen werden! Das macht einfach interessant. Hier nur sehen wir, dass gelogen wird. Und die fake news der Neuzeit sprengen natürlich mehr und mehr die Grenzen, scheinen doch gefährlicher. Wir können garnicht mehr zwischen wahr und fake unterscheiden. Oder nehmen wir das auch irgendwann hin?
Blogfoto: Copyright Julian Baumann
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Gesehen und gehört Sonstiges

SONSTIGES: Reality

Ich befinde mich immer ganz gerne zwischen gut und böse, zwischen schön und nicht schön, ernst und nicht ernst. Man sollte doch seine Position nicht allzu ernst nehmen. So ist es ja auch immer wieder im Theater. Immer wieder Neues ausprobieren, kritisch sein, Bekanntes nicht automatisch für  gut befinden, etwas versuchen. Die Münchner Kammerspiele machen das ganz schön, brauchen vielleicht aber sogar eine noch schärfere Ausrichtung, klarere Konturen, um verstanden zu werden. Sie wollen jedenfalls nicht gefällig sein. Und das in München! Und ab und zu hier im Blog ein Stück Musik, damit nicht doch alles zu ernst wird.

Ich bin letztens auf das obige Foto gestoßen (Hoffentlich kann ich es so verwenden, aber es war schon in Facebook). Es zeigt viel vom Leben, es zeigt eigentlich alles vom Leben! Es zeigt eigentlich überhaupt das Leben. Was jeder Mensch ganz grundsätzlich mit sich trägt, daher bringe ich es hier. THERE’S SOMETHING TERRIBLE ABOUT REALITY AND I DON’T KNOW WHAT. NOBODY TELLS ME. Sie, dieses schöne Mädchen – ihr zarter Blick – ihre Traurigkeit – aber zugleich ihre Schönheit – aber sie stellt fest: SOMETHING TERRIBLE ABOUT REALITY – sie weiß aber nicht, was es ist! – und niemand kann ihr helfen – warum sagt es niemand – weiß es jemand? Etwa die Umwelt als ganz „reelles“ Beispiel: Da droht etwas zu kommen, Klimawandel etc., aber wir wissen es nicht ganz genau. Aber es ist doch alles so schön! So soll es doch bleiben! Aber Schönheit alleine ist eingebildet. Das könnten wir uns in der westlichen Welt etwa auch ab und zu sagen. Schönheit ist bequem. Aber plötzlich bemerkt sie ihre Traurigkeit. Jetzt ist sie am Leben dran. Die Umwelt ist ja nur ein Thema. Man könnte ganz grundsätzlich viel darüber philosophieren (ich bin kein Philosoph).  Soviel in einem Bild und einer Aussage! Schön!

 

 

 

 

 

#T

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Sonstiges

SONSTIGES: Toskana

So ein schöner Flecken Erde! Die Toskana. Gut, wenn man länger hier ist, wird deutlich, wie verheerend die Lage ist. Es gibt etwa keine Hochhäuser! Ich gehe manchmal einfach ganz nah an irgendein Haus ran und blicke nach oben. Dann wirkt es schon ganz anders.

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Oder: Seit mehr als zwei Wochen bin ich hier: Ich habe ehrlich gesagt noch nicht eine einzige Ampel gesehen! Und das nicht etwa, weil ich mit dem Traktor auf dem Feld umhertuckern würde. Aber auch da gibt es eine Lösung: Ich halte ab und zu an Kreuzungen an und denke mir: Hier könnte man auch mal die grüne Welle einführen. Und bin ziemlich sauer.

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Dafür sind die Italiener Meister im Bau von heftigen Bodenwellen auf den Straßen! Es schüttelt einen hin und her. Das können Sie perfekt! Ist sicher nicht leicht! Verlegen sie Baumstämme unter dem  Teer? Sie sind aber sehr fair. Je nach Stärke der eingerichteten Bodenwelle – vielleicht auch je nach Dauer der Baumaßnahmen – warnen sie mit Verkehrsschildern. Wenn es sich um nichts besonders raffinierte Wellen handelt, dann warnen sie so:

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Und wenn es heftiger wird, was sie so gebaut haben, wird es so:

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Dann gibt es noch dieses manchmal schön versteckte Schild, wobei mir nicht ganz klar ist, worin der Unterschied zu den anderen beiden liegt. Die Spezialisten werden es wissen.

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Und es gibt keine Staus! Manchmal stelle ich mich hinter parkende Autos und tue so, als wäre es ein Stau! Eine gute halbe Stunde stehe ich dann, bis ich mich schwarzärgere, dass es nicht vorangeht.

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Ich fahre manchmal durch die Gegend und begegne in 10 Minuten vielleicht zehn Autos! Ist das nicht trostlos? Ich fahre dann manchmal an Tankstellen, an denen Autos stehen, auch wenn ich garnicht tanken muss. Auch weil es dann so schön nach Abgasen riecht. Diesel am besten. Und weil dort sicher in irgendeiner Ecke der Fernseher läuft.

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Sie schütten einen Marktplatz mit Sand zu, weil in einer Woche ein Pferderennen stattfinden wird! Das wäre bei uns doch garnicht genehmigungsfähig! Aber da drücke ich gerne ein Auge zu!

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Man muss sich nur zu helfen wissen. Dann kann man es hier sehr sehr gut aushalten in einer der schönsten Ecken der Toskana. Und überhaupt: Diese nach allen Richtungen ausbalancierten, völlig wellenlosen Straßen in unseren Gefilden sind langweiliger!

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Sonstiges

SONSTIGES: Sommer

Hier ein kurzes Sommerpausenvideo der Münchener Kammerspiele, das erstaunlich viel sagt:

  • Das herabstürzende Wasser: Das ist das Leben. Das Leben und der Strudel, der daraus entsteht. Ohne den Strudel würde es gar nicht gehen, das Leben. Das Leben erzeugt immer Strudel (nicht Apfelstrudel).
  • Oder: Die Luftballons: Das sind wir alle. Wir setzen uns dem permanenten Strudel aus. Manche (Ballons) versuchen zu entkommen, aber es gelingt nicht. Unser Leben lang der Strudel. Wir wollen ihm im Grunde auch nahekommen. Immer nahe dran sein.
  • Oder: Die Luftballons: Wir werden wie die Ballons vom Strudel des Lebens magisch angezogen, ob wir wollen oder nicht. Wir MÜSSEN uns dem Leben aussetzen.
  • Oder: Die Luftballons: Wir nähern uns dem Strudel willens oder widerwillig, taumeln aber nur herum im Strudel.
  • Oder: Die Luftballons: Das ist die Theaterwelt (es sind ja Luftballons der Kammerspiele): Gerade sie sind es, die sich dem herabstürzenden Leben nähern. Und wir beobachten es, wenn wir Interesse haben.
  • Oder: Das Wasser hinter dem Strudel: Das Wasser – das Leben – beruhigt sich hinter dem Strudel. Jeder Strudel ist vorübergehend.
  • Oder: Das Wasser hinter dem Strudel: Wir fließen nicht einfach im ruhigen Wasser. Wir müssen uns den Kräften des Wassers/des Lebens stellen.
  • Oder: Die Luftballons: Manche berühren das herabstürzende Wasser mehr, manche weniger. Eine Frage des Mutes?
  • Oder, oder, oder. Ist doch schön, das Video (Copyright: Münchner Kammerspiele).