„Einfach das Ende der Welt“ nach Jean-Luc Lagarce war gestern zu sehen. Es ist eine der zehn Inszenierungen, die zum Berliner Theatertreffen 2021 „eingeladen“ wurden. Eine Inszenierung von Christopher Rüping am Schauspielhaus Zürich. Ich schreibe nicht gerne über Dinge, die die Leser des Blogs nicht mehr sehen können. Aber vielleicht ist dieses Stück am Schauspielhaus Zürich irgendwann noch zu sehen. Ich weiß es momentan nicht.
Ein „moderner Klassiker“ wird das Buch von Jean-Luc Lagarce genannt. Es gibt auch eine Verfilmung, vor einigen Jahren in Cannes ausgezeichnet mit dem Großen Preis der Jury. Und hier die Inszenierung. Sie hat mich nicht begeistert. Die große leere Bühne war dabei sehr erfrischend, wohltuend. Die zunächst sehr ausführlich gezeigte Einrichtung der Familienwohnung des Heimkehrers (beim Heimkehrer Louis Erinnerungen erweckend) wird in einer viertelstündigen Pause komplett weggeräumt. Trotzdem.
Das Thema: Nach zwölf Jahren Abwesenheit kehrt der erfolgreiche Sohn (Louis) einer Familie aus einfachen Verhältnissen zu seiner Familie zurück. Der Grund: Er ist unheilbar krank (AIDS) und wird demnächst sterben. Er möchte offenbar zurück zu seiner Familie. Die Inszenierung zeigt aber im Grunde nur, dass sich alle nichts mehr zu sagen haben. Sie können nicht einmal mehr irgendwie sinnvoll miteinander reden.
Dahinter steht – generell gehalten – vielleicht die Frage: Kann man in seinem Leben noch einmal etwas „aufwärmen“, was man einmal aufgegeben hatte? Dem Heimkehrer Louis gelingt es nicht. Er hört sich alte Vorwürfe an, mehr nicht. Er hatte sich eben zwölf Jahre zuvor ziemlich wortlos in sein eigenes Leben begeben, alle anderen, seine beiden Geschwister, seine Mutter, blieben zurück und blieben zusammen. Sein Bruder ist mittlerweile verheiratet, hat zwei Kinder. Er selber, Louis, lebte ein schillerndes Leben als (schwuler) erfolgreicher Schriftsteller, er verwirklichte sich, die übrigen Familienmitglieder blieben pflichtbewusst zusammen und lebten ein viel biedereres Leben. Freude am Leben mag bei ihm gewesen sein, weniger bei seinen Familienmitgliedern. Es ist aber nicht unbedingt Neid, was hochkommt, es ist einfach absolute Sprachlosigkeit, man versteht sich überhaupt nicht mehr! Die Inszenierung zeigt im Grunde diese völlige Sprachlosigkeit, gespielt von durchweg guten SchauspielerInnen! Das schon!
Und nun, kurz vor seinem Tod, möchte Louis also wieder zur Familie zurückkehren. Er möchte einmal umarmt werden, keiner tut es. Er sagt, er interessiere sich für seine Familie! Reaktionen darauf gibt es nicht … er spricht Kindheitserinnerungen an. Keiner versteht ihn, darum geht es keinem mehr. Die Dialoge sind dabei meines Erachtens zu dünn geraten. Es mag auch daran liegen, dass es dem Heimkehrer Louis (gut gespielt von Benjamin Lillie) nur kurz gelingt, seiner Familie zu sagen, dass er in Kürze sterben wird. In der Romanvorlage gelingt es ihm sogar überhaupt nicht. Hier noch eine Aufnahme der Inszenierung:
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhauses Zürich.
Nun gut, dies war der erste Teil der 10er-Auswahl des diesjährigen Theatertreffens. Es geht weiter.
Es ist schon ein paar Tage her, am vergangenen Donnerstag den 15. April war die Onlinepremiere. Ich sehe noch keine weiteren Termine in der Planung des Schauspielhauses Zürich, es wird aber sicherlich nicht bei dieser einen Aufführung bleiben. Leonie Böhm hat wieder etwas inszeniert, diesmal zusammen mit dem Schauspieler Lukas Vögler. Er ist es auch, der den Monolog hält, dem man folgen konnte.
Der Monolog geht zurück auf das bekannte Drama „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow. Gerade erst hatte Leonie Böhm am Schauspielhaus Zürich das Stück Medea* inszeniert. Auch das war weitgehend ein Monolog. Wie üblich, hat Leonie Böhm auch hier, bei „Schwestern“, nicht das Interesse, die Handlung des Dramas „Drei Schwestern“ irgendwie wiederzugeben. In Monologform natürlich erst recht nicht. Nein, es werden wieder einzelne Gedanken aus dem Drama Drei Schwestern herauskristallisiert. Diesmal sind diese Gedanken sogar nicht einmal deutlich im Roman angelegt. Es geht um den Gedanken: Braucht der Mensch einen anderen Menschen? Kann er nicht einfach aufwachen und sagen: Ja, das bin ich!
Es ist insoweit ein sehr aktuelles Thema, wahrscheinlich sogar aus der derzeitigen Situation heraus geboren. Inwieweit brauchen wir andere Menschen? Wir müssen uns wegen Corona zurückziehen, wir müssen uns isolieren, wir haben kaum Gelegenheiten, uns mit anderen Menschen zu konfrontieren. Lukas Vögler spricht es zu Beginn seines Monologes auch deutlich an: Auch der Zuschauerraum des Theaters ist leer!
Lukas Vögler spricht als Bruder der Drei Schwestern. Auf der Bühne ist nichts außer ihm und ein riesiger schwarzer Panther. Er selbst, Lukas Vögler, mit langen Haaren, Haaren, die bis über die Hüfte hinunter gehen, siehe das Beitragsbild oben. Er soll nicht irgendwen verkörpern, er steht für alle, undefiniert. Der Panther geht zurück auf das bekannte Gedicht „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke. Es ist ein so genanntes Dinggedicht, ein Gedicht des Naturalismus, es beschreibt einfach den – einsamen und gefangenen – Panther. Und der Leser – beziehungsweise hier der Zuschauer – kann sich seine Gedanken machen, kann überlegen, was die Situation des Panthers mit der Situation des Menschen zu tun hat. Das Gedicht:
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
Der Panther sieht nur Stäbe, auch die nicht mehr! Aber der Wille und das Herz! Das hat auch der Panther! Lukas Vögler verschwindet gegen Ende seines Monologs im Rachen des Panthers - so ist es gemeint.
Die Drei Schwestern, die bekanntlich abseits von Moskau leben, drehen sich bekanntlich im Kreis, Jahre vergehen. Sie brauchen aber irgendetwas, an dem sie sich reiben, aufzehren (können). Sie brauchen auch andere Menschen, scheint Tschechow zu sagen, Liebschaften entstehen, das mag auch der Gedanke sein, der Lukas Vögler und Leonie Böhm antrieb. Der Mensch kann nicht alleine sein. Daher auch der von Lukas Vögler gesungene Song „Ohne Dich“, ein Song der Gruppe Rammstein. Der Monolog von Lukas Vögler ist keineswegs tiefsinnig, aber er steigert sich gegen Ende der Inszenierung. Keine schauspielerische Höchstleistung, aber das muss und soll garnicht sein. Die Inszenierung ist in gewisser Weise ein „Schnellschuss“, der auf unsere derzeitige Situation eingeht! Aber ein Schnellschuss, der nicht deprimiert, sondern den Zuschauer doch mit einem guten Gefühl hinterlässt, Lukas Vögler spielt keinen „Verlorenen“, der sich etwa aufgibt.
HIER Der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhauses Zürich.
Sie sind kaum wiederzuerkennen und man muss vor allem fast schon gut Englisch können, um zu verstehen, was angeboten wird. Die Münchner Kammerspiele: „The Munich Kammerplays“ kann man sie nennen. Sie geben sich englischsprachig. Schon die Hausfront der Münchner Kammerspiele in der Maximilianstraße – siehe mein Foto oben – zeigt es ja.
„What is the City?“ und „I beleive in pink“ liest man an der Front. Ein Auszug aus dem derzeitigen Programmangebot zeigt es dann noch deutlicher. Angekündigt sind für Februar und März
Through a window – eine „Sammlung digitaler Kunstwerke der syrischen Künstlerin Sulafa Hijazi“ im Habibi Kiosk
Sisterhood – ein „Talk“ mit der Künstlerischen Leitung des TR Warzawa über die Möglichkeiten internationaler Zusammenarbeit
Broken Brecht – ein „epischer Autorinnenschaftskrimi“
tanikō (cold love)
Like Lovers Do (Memoirs of Medusa) – im Rahmen von Arbeit am Feminismus #schreiben
The Tempest
The Fittest Will Survive?
The Digital Assembly
Jeeps
Bohren & der Club of Gore
Habibi Gigs
Gezeigt war schon: „Touch“ von Falk Richter
Das ist viel für ein/zwei Monate! Dazu wir dann übrigens – zugegeben: neben einzelnen deutschsprachigen Titeln – derzeit noch angekündigt:
Paisajes para no colorear – Landschaften die nicht auszumalen sind
BELARUS! Das weibliche Gesicht der Revolution?
Buđenje Proleća – Frühlingserwachen
Und dazu laufen dann auch noch immer wieder – langfristig angelegt – Veranstaltungen unter dem (auf die Münchner Stadtgemeinschaft bezogenen) Motto: „What is the City?“
Am Münchner Odeonsplatz fand dazu im vergangenen Jahr auch schon statt: „What is the city but the people? Eine – wie es hieß – Stadtraum-Performance mit Münchner*innen.
Nun, Internationalität ist natürlich unser alltägliches Leben geworden, keine Frage! Und ich habe nichts gegen Internationalität oder gegen die englische Sprache! Überhaupt nicht! Ich finde es immer wieder interessant zu sehen, wie man sich in anderen Ländern künstlerisch ausdrückt. Zuletzt hatte ich ja über ein wunderbares Streaming eines polnischen Teams am Residenztheater berichtet (HIER der Link). Aber doch gleich so geballt? Wo bleibt denn die Münchner Stadtgemeinschaft? Die Münchner Kammerspiele treten unter der neuen Intendantin Barbara Mundel vor allem mit folgendem Vorhaben an:
„Wir fragen nach neuen Verantwortlichkeiten im Theater: Wer spricht, wer entscheidet, was und wie wird erzählt? Theater verstehen wir als Labor … Dabei suchen wir nach neuen Begriffen, fremdartigen schönen Sprachen, lebbaren Körperlichkeiten und nach den verbindenden Erzählungen der Zukunft. … Wir möchten zugänglich sein und unsere Zugänglichkeit immer wieder aufs Neue überprüfen. Wir lassen die Wirklichkeit nicht in Ruhe. Sie lässt uns ja auch nicht in Ruhe.
Diese wortreich angelegten schönen Vorhaben setzen meines Erachtens auch voraus, dass – vor allem als Stadttheater – die „Zugänglichkeit“ zum Theater möglichst vielen MünchnerInnen aus allen Schichten gegeben bleibt. Und genau da mag die Frage entstehen, ob die überbordende Internationalität und vor allem Englischsprachigkeit des aktuellen Angebots für manch einen nicht eher schon abschreckende Wirkung oder gar geradezu etwas Elitäres hat. Wird damit nicht sofort eine Schere aufgemacht?
Dies ist mein Eindruck. Theater haben es nicht leicht momentan. Da hängt natürlich vieles in der Schleife und kann nicht richtig austariert werden. Wir werden sehen.
Auch das Münchner Residenztheater bietet verschiedene Streamings von Inszenierungen an. Für ein geringes „Eintrittsgeld“, dessen Höhe man selber wählt. Die Tickets sind dann jeweils bis 24 Uhr am Sendetag verfügbar. Der Stream ist jeweils für 48h ab Sendebeginn, also ab 19 Uhr, online. Was wird also an welchem Sendetag gebracht und kann gestreamt werden? HIER ist der Link zum Onlinespielplan des Münchner Residenztheaters, dort findet es sich.
Gestern, am 18. Februar 2021, war die Onlinepremiere von „ES WAREN IHRER SECHS. Ein filmischer Inszenierungseinblick.“ Weitere Termine sind dem Onlinespielplan zu entnehmen. Die Onlineversion dieser „Inszenierung“ ist kein klassischer Inszenierungsmitschnitt, sondern arbeitet mit dem über den gesamten Probenzeitraum gedrehten Filmmaterial. Ein Konstrukt aus Theater und Film. Es ist online die Uraufführung dieser „Inszenierung“ gewesen. Die Bühnenpremiere war am Resi auch für Februar 2021 geplant gewesen.
Der polnische Regisseur Michal Borczuch (Dramaturg und Autor Tomasz Śpiewak) zeigt hier seine erste Arbeit in München. Er hat „eine der markantesten Handschriften der gegenwärtigen polnischen Theaterszene“, heißt es. Er „spielt in seinen Arbeiten mit dem Grenzbereich zwischen Authentizität und Fiktion genauso wie mit den Interdependenzen von Leben und Theater.“
Zunächst: Filmisch großartig! Sie müssen genannt werden, das polnische Team um Michal Borczuch: Video und Schnitt Wojciech Sobolewski, Musik Bartosz Dziadosz, Licht Jacqueline Sobiszewski. Die düstere Atmosphäre auf der Bühne des Marstalltheaters wird immer wieder durch fantastische, zufällige oder gewollte, sehr eigenwillige, sehr besondere, nicht „gekünstelte“, nichts „verschönernde“ Kameraeinstellungen eingefangen und deutlich verstärkt. Filmaufnahmen, die für manche Filme einfach weggeschnitten werden würden! Auch die Musik trägt bei zur „schwierigen“ Situation derjenigen Personen, die damals die Weiße Rose bildeten und letztlich ihr Leben ließen. Sie wurden fast genau vor 78 Jahren hingerichtet, am 22. Februar 1943.
Dann: Die Onlineversion dieser Inszenierung wird genauso getragen von den fast durchweg jungen SchauspielerInnen! Man erkennt manchmal nicht, ob man eine Szene außerhalb der Proben, während der Proben oder während des Stückes auf der Bühne verfolgt. Es vermischt sich – wie die Szenen, wie Film und Theater, wie Fiktion und Realität. Ich möchte – rein subjektiv – Lana Velis hervorheben, HIER ihre Seite auf der Website des Residenztheaters.
Das Stück: Es basiert auf dem 1945 erschienenen Roman „Es waren ihrer sechs“ von Alfred Neumann. Alfred Neumann hatte, nach Amerika emigriert, im TIME Magazine von der Ermordung der Geschwister Scholl und von der Weißen Rose gelesen. Er erzählte dann aber nicht linear deren Geschichte, sondern befasste sich mit der – wie er sagte – «ewigen Idee» vom jugendlichen Widerstand gegen totalitäre Herrschaftssysteme. Allerdings: Michal Borzuchs Inszenierung spürt größtenteils der Situation der Mitglieder der Weißen Rose nach – in fiktiven Szenen – und nur in kurzen Sequenzen erfährt man den Eindruck, dass es hier auch um die „ewige Idee“ des Widerstands geht.
Ein – wie ich finde – sehr interessanter Text von Nikolai Berdjajew ist dazu dem Programmheft zu entnehmen. Der russische Religionsphilosoph Nikolai Berdjajew (1874-1948) war für die Mitglieder der Weißen Rose wichtiger Ideen- und Impulsgeber. Freiheit – Persönlichkeit- Widerstand. Eine kurze Sequenz dieses Textes wird vorgetragen. Dieser Text trifft in der Tat die ewige Idee des Widerstands!
Und vor diesem gesamten Hintergrund kann ich dieses irgendwie besondere Streaming, das Einblicke in die Proben der Inszenierung gibt, sehr empfehlen!
Hier der Text aus dem Programmheft.
„Das Dasein der Persönlichkeit setzt Freiheit voraus. Die Persönlichkeit existiert in der Welt nur dadurch, dass es nicht bloß ein Reich der Notwendigkeit, sondern auch ein Reich der Freiheit gibt. Ohne Freiheit kein Akt, keine Schöpfung, kein Widerstand. Das Individuum ist determiniert, es kann auch ohne Freiheit existieren.
Die Persönlichkeit aber ist eine Manifestation der Freiheit, sie bedeutet den Kampf der Freiheit gegen die Notwendigkeit. Ich habe hierbei nicht den Schulbegriff der Willensfreiheit als der Freiheit der Wahl im Auge, sondern den Begriff der Freiheit als schöpferischer Energie, als Bestimmung von innen her, als das geistige Prinzip im Menschen, das die menschliche Persönlichkeit erst eigentlich konstituiert. Freiheit ist Geist im Unterschied zur Natur als dem Prinzip der Notwendigkeit. Die Persönlichkeit im Menschen zeugt nicht allein von der Freiheit, sondern auch vom Geiste. Persönlichkeit heißt Widerstand gegen die unpersönliche äußere Umwelt, Nichtaufgehenwollen in ihr, Kampf gegen die Vergewaltigung durch Natur und Gesellschaft. Persönlichkeit heißt Wahl und Entscheidung. Man kann eine starke Individualität und doch nur eine schwach ausgeprägte Persönlichkeit sein; dann wird man es an Widerstandskraft gegenüber den Einwirkungen der Außenwelt fehlen lassen, wird nicht ankämpfen gegen die Notwendigkeit, die den Menschen von außen her bestimmt.
Der Begriff der Persönlichkeit steht in Beziehung zu einer Berufung und zu schöpferischem Wirken. Hier stoßen wir auf das Grundparadoxon ihres Wesens. Niemand kann von sich selbst sagen, er sei eine Persönlichkeit im vollen Sinne des Wortes, er habe sich völlig zur Vollendung gebracht. Persönlichkeit ist eine unendliche Aufgabe; sie ist nicht etwas Fertiges und Stabiles. Aber damit sie wirklich werde, damit auch nur ein Kampf um sie möglich sei, damit den auf ihre Zerstörung gerichteten Kräften Widerstand geleistet werden könne, muss sie bereits da sein, muss jenes Subjekt schon vorhanden sein, das den Kampf um die Vollendung der Persönlichkeit aufnimmt. Man kann dies auch so ausdrücken: es ist die Persönlichkeit selbst, die die Persönlichkeit realisiert; nur der Mensch bringt seine Persönlichkeit zur Vollendung, der selbst eine starke Persönlichkeit sein eigen nennt. Dieses Paradoxon ist einem anderen, dem Paradoxon der Freiheit, analog. Nur der Freie vollzieht die Freiheit in seinem Leben, nur der Freie befreit sich; nur er setzt der Macht der Notwendigkeit, die über seinem Leben waltet, Widerstand entgegen. Man darf selbst nicht mehr Sklave sein, wenn man das Joch der Sklaverei von sich abschütteln will.“
Wieder ein Klassiker: The Moody Blues – Anfang der 60er-Jahre in England gegründet – Symphonic Rock. Weltbekannt wurde der Song „Nights in White Satin“, den ich hier im Blog bringe. Der Titel war eine Auskopplung aus der LP „Days of Future Passed“, die als „erste sinfonische LP der Rock-Geschichte“ ein Meilenstein der Musikgeschichte wurde. Erst seit Herbst 2018 hat es keine Liveauftritte der Band, die sich personell mehrfach änderte, mehr gegeben.
Die genannte LP „Days of Future Passed“ entstand unter der Mitwirkung des Sinfonieorchesters London Festival Orchestra. Andererseits: Die Band war – lese ich – eine der ersten, die ein Mellotron, eine Syntheziser-Variante, die ganze Streichersätze nachahmen kann, einsetzten, um einen sinfonischen Sound zu erzielen.
Der Song „Nights in White Satin“ wiederum, der von zahlreichen Künstlern gecovert wurde, ist bis heute das Stück geblieben, mit dem die Gruppe The Moody Blues am meisten identifiziert wird.
Warum bringe ich den Song? Die englische Band Barclay James Harvest arbeitete Motive dieses Songs Nights in White Satin zu einem eigenen Stück mit dem Titel Poor Man’s Moody Blues um, nachdem sie von Kritikern als „Moody Blues für Arme“ bezeichnet worden waren. Und von Barclay James Harvest hatte ich gerade den Titel „Hymn“ im Blog gebracht. So kam ich auf The Moody Blues.
Hier also nun „Nights in White Satin“ von The Moody Blues. In dem Video haben sie alle Frisuren, als hätten die Friseure geschlossen gehabt …
Er ist derzeit – Achtung, das geht nur für Schnellentschlossene – an mehreren Stellen zu sehen! Jens Harzer. Neben vielen Preisen und Auszeichnungen wurde Jens Harzer ja etwa 2008 und 2011 zum Schauspieler des Jahres gewählt.
2019 bekam Harzer außerdem den berüchtigten Iffland-Ring verliehen. Der Iffland-Ring ist ein Fingerring mit dem Porträt des deutschen Schauspielers, Theaterdirektors und Dramatikers August Wilhelm Iffland (1759–1814), der am Mannheimer Nationaltheater in der Uraufführung von Friedrich von Schillers Drama „Die Räuber“ Franz Moor spielte. Der diamantbesetzte Eisenring wird von seinem jeweiligen Träger testamentarisch an den seiner Meinung nach „jeweils bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters“ auf Lebenszeit verliehen, wobei die Tradition verlangt, dass dieser männlich ist.
Von 1996 bis 2019 war Bruno Ganz Träger des Iffland-Rings. Nach Ganz’ Tod gab der österreichische Kulturminister am 22. März 2019 bekannt, dass der deutsche Schauspieler Jens Harzer zum Träger des Rings bestimmt wurde.
So, wo ist Jens Harzer also derzeit zu sehen?
Zum Einen heute Abend, Mittwoch, 27. Januar, im Fernsehen. Im ARD kommt um 20:15 Uhr der wahrscheinlich recht skurrile Spielfilm „Ruhe! Hier stirbt Lothar“ mit Jens Harzer in der Hauptrolle. Neben Corinna Harfouch. HIER der Link zum Film. Der Film ist sicherlich (ich weiß es nicht genau) anschließend in die Mediathek zu finden.
Zum Anderen: Er ist im Stream des Schauspielhauses Bochum seit Sonntag, dem 20. Januar 2021, zusammen mit Sandra Hüller in der Inszenierung „Erinnere dich, Penthesilea“ zu sehen. Es ist nicht die gefeierte Penthesilea-Version von Johan Simons, die auch an den Münchner Kammerspielen lief. Es ist ein besonderes Neuarrangement! Als spielerische Erinnerung an eine Aufführung, wie sie einmal war, und als Erinnerung von Penthesilea und Achilles an ihre gemeinsam Geschichte. Für diesen Stream muss man Karten kaufen. Der Stream ist leider nur noch bis morgen, Donnerstag, den 28. Januar 2021, verfügbar.
Drittens: Noch für wenige Tage – bis zum 31. Januar 2021 – ist Jens Harzer in der wirklich sehenswerten und damals sehr gefeierten Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“ am Deutschen Theater Berlin zu sehen! Eine wunderbare Inszenierung mit wirklich herrlicher Leistung vor allem von Jens Harzer und Ulrich Matthes. HIER der Link zu dieser Inszenierung.
Es war eine Inszenierung von Jürgen Gosch, Harzer spielte den Arzt Michail Lwowitsch Astrow. Die Inszenierung war ein überragender Erfolg und wurde wiederum von der Jury der Zeitschrift „Theater heute“ zur „Inszenierung des Jahres“ gewählt. Für ihre Rollen des Onkel Wanja und Astrow wurden Ulrich Matthes und Jens Harzer 2008 dann eben auch gemeinsam zu den „Schauspielern des Jahres“ gewählt. Das Stück gehört meines Wissens immer noch zum Repertoire des Deutschen Theaters.
Der sehenswerte Stream ist kostenlos. In typischer Manier des damaligen Regisseurs Jürgen Gosch sieht man ein äußerst karges Bühnenbild, mehr ein „Kasten“, und alle Schauspieler bleiben permanent auf der Bühne!
Übrigens: Das Deutsche Theater bietet in diesem Zusammenhang noch ein besonderes Video an: Ein Video gibt Einblick in die Proben unter anderem von „Die Möwe“, von „Idomeneo“ und von „Onkel Wanja“, alle unter der Regie von Jürgen Gosch. Auch das ist ein wunderbares Video. HIER der Link dazu.
Noch etwas: Auch Ulrich Matthes, der in der oben genannten schönen Inszenierung „Onkel Wanja“ phantastisch den Onkel Wanja spielt, ist derzeit auch an anderer Stelle sehr schön zu sehen! 3sat bringt in der Mediathek derzeit noch zwei der drei jährlichen „Starken Stücke“ aus dem Theatertreffen. Ulrich Matthes spielt in Molieres „Der Menschenfeind“ in der Inszenierung von Anne Lenk den Alcestes. Diese Inszenierung wurde ja im vergangenen Jahr zum Theatertreffen in Berlin eingeladen.
Ich hatte kürzlich hier im Blog angekündigt: „Der Mensch erscheint im Holozän“ nach Max Frischs Roman, eine Inszenierung von Alexander Giesche, Schauspielhaus Zürich. Sie war am Samstag auf 3sat zu sehen. 3sat hat die Inszenierung als eines der drei diesjährigen „Starken Stücke“ gebracht, die sie jedes Jahr vom Theatertreffen Berlin auswählen. Es ist bis März 2021 in der Mediathek von 3sat zu finden.
Eine Inszenierung, die von Alexander Giesche als „Visual Poem“ bezeichnet wird. Es ist keine Inszenierung des Romans, es sind „Bilder“ zum Thema des Romans: Der Mensch – die Natur – die Technik. Mir hat es gut gefallen. Die Schauspieler treten etwas zurück, die Bilder sind es, die berühren, das Verhältnis der beiden Schauspieler – Karin Pfammatter und Maxmilian Reichert – zu den Dingen auf der Bühne: Der Natur, der Technik. Es ist nur eine Anlehnung an den Roman.
Zum Roman heißt es auf 3sat:
„Der Mensch erscheint im Holozän“ von Max Frisch ist eine Erzählung über das Vergessen und Vergehen. Mit dem Verlust des Gedächtnisses verschwindet auch der Mensch, verliert sich und die Kontrolle über das eigene Leben.
Ein Gefühl der Heimat bleibt, die vertraute Umgebung, die Natur, die Berge, der Schnee, wie das Licht ins Tal fällt zu verschiedenen Jahreszeiten. In einem durch ein Unwetter von der Außenwelt abgeschlossenen Bergdorf kämpft Herr Geiser gegen den fortschreitenden Verlust seines Gedächtnisses. Mit Hilfe kleiner Zettel, die er in seinem Haus verteilt, baut er sich eine Wissensdatenbank auf. Die Isolation macht Herrn Geisers zurückgezogenes Leben noch einsamer. Hinzu kommt die Sorge, dass durch den andauernden Regen der ganze Berg ins Rutschen geraten könnte.
Es wird in diesem Visual Poem unter anderem ein Lied eingespielt, das ich hier wieder als Musikbeitrag bringen möchte. „Try To Remember“ von Harry Belafonte. In diesem Lied geht es ja irgendwie um den Menschen und sein Altern, das Unaufhaltsame. Passend zum Romaninhalt. Der Text des Liedes ist folgender:
Try to remember the kind of September When life was slow and oh so mellow Try to remember the kind of September When grass was green and grain was yellow
Try to remember the kind of September When you were young and callow fellow Try to remember and if you remember Then follow Follow
Try to remember when life was so tender That no-one wept except the willow Try to remember when life was so tender That dreams were kept beside your pillow
Try to remember when life was so tender That love was an ember about to billow Try to remember and if you remember Then follow Follow
Deep in December it’s nice to remember Although you know the snow will follow Deep in December it’s nice to remember Without a hurt, the heart is hollowDeep in December It’s nice to remember
The fire of September that made you mellow Deep in December our hearts should remember and follow Follow
Hier ein schöner Hinweis für die Freunde des Theaters: Luk Perceval sollte in dieser Spielzeit zum ersten Mal am Berliner Ensemble arbeiten und zur Spielzeiteröffnung…
… Lion Feuchtwangers „Exil„ inszenieren. Corona verhinderte es. Teile des Ensembles nutzen die Zeit für einen mehrwöchigen Workshop, in dem sie sich dem Text und den Figuren annähern.
Auf dieser Suche wurden sie von mehreren Kameras begleitet und man kann online in Form von kurzen Videos am Entstehungsprozess teilhaben.
Luk Perceval über das Projekt:
„Die Pandemie hat uns gezwungen, über alternative Formen nachzudenken, … ohne dass sich Publikum und Ensemble denselben Raum teilen. Und mit welcher Art von Theater man sich zu den neuen Medien ins Verhältnis setzen möchte. Diese und viele andere Fragen stellen wir uns in Exil / Backstage; ein Experiment, das die Intimität der Kamera mit der Suche nach der Wahrhaftigkeit des Theaters zu verbinden versucht. Vier Wochen lang filmen wir den Workshop mit den Schauspielerinnen und Schauspielern des Berliner Ensembles, in dem wir an einer Adaption von Leon Feuchtwangers Roman Exil arbeiteten, einer Geschichte über deutsche Flüchtlinge, die kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Paris leben. Unsere Suche nach der heutigen Relevanz dieses Romans, und in Erweiterung auch des Theaters, führt zu einer Dokumentarreihe, die dem Publikum Backstage-Einblicke in die Kunst des ‚Nichtwissens‘ des Theaters gibt: die Suche nach dem Sinn, dem Sinn des Textes sowie dem Sinn des Lebens und der Kunst. Ein Weg des Versuchens und Scheiterns, des Scheiterns, des erneuten Scheiterns und des besseren Scheiterns …“
Die einzelnen Folgen sind als fortlaufende Web-Serie ab 5. Oktober 2020 nach und nach auf www.berliner-ensemble.de/exilabrufbar.
Es lassen sich ohnehin auf der Website des Berliner Ensembles unter der Rubrik „BE at home“ sehr viele interessante Videos finden.
Theater und Politik – es sind ja zwei völlig verschiedene Welten. Für die Politik sollte Realität zählen, Politik basiert – in unseren Landen zumindest – auf Repräsentation aller. Da gelten Regeln. Für das Theater zählt Anderes. Alles, was im Grunde – Gott sei Dank – mit Politik nicht vereinbar ist, was von der Realität (mal mehr, mal weniger) wegführt. Es geht um Interpretation, um Ausdruck, Träumerei, Subjektivität, um Erschütterung, Kunst, Freigeist, all das und viel mehr. Aber auch um Kritikauf ihre Art.
Alles, was der Mensch immer wieder braucht, um nicht ausschließlich von der verdammten, gefährlichen sogenannten Realität gesteuert zu werden, das ist doch Kunst. Natürlich hat Theater dabei oft auch eine politische Kraft. Teils ungewollt, teils gewollt und beabsichtigt.
Nur: Wo sind denn die Schnittpunkte von Theater und Politik? Was ist noch Theater, was ist Politik? Darf, sollte oder müsste Theater auch Politik – besser: „Politisches“ – machen? Wann und vor allem wie wird der Zuschauer politischen Überlegungen ausgesetzt? Wann und wie macht Theater denn heutzutage Politik? Leben wir nicht in einer Zeit, in der das Theater viel Politisches bringen muss, weil so viele grundlegende Änderungen anstehen?
Das sogenannte „Politische Theater“ gibt es ja schon lange, im Grunde schon immer. Auch die griechischen Tragödien oder Shakespeare oder oder kann man ja politisch sehen. Ja, wir leben in Zeiten, in denen politisch sehr sehr viel getan werden muss und wir alle aufpassen müssen, wohin der Weg geht.
Eine aktuelle Bestandsaufnahme über HEUTIGE Ansätze politischen Theaters bringt das Buch „Gesellschaftsspiele“ (mit dem Untertitel „politisches Theater heute“) von Florian Malzacher, das ich gelesen habe. Ich habe es gelesen, da z. B. Falk Richter – künftig knstlerischer Leiter und Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen – in seinen Stücken gerne politische Aussagen vermittelt. Oder Christoph Schlingensief, dessen Filmportrait ich kürzlich besprochen habe: Er stand oft genug an einer Schnittstelle zwischen Kunst und Politik. Sein Vorteil war ja, dass seine Aktionen fast immer als Kunstaktionen, nicht als Politik zu interpretieren waren. Das machte ihn freier.
Nun zum Buch von Florian Malzacher, das den Blick auf heutiges politisches Theater schärft.
Es ist keine leichte Lektüre. Schon die Kapitel, die man liest, sind anfangs überschrieben mit Begriffen, mit denen man zum Teil in Bezug auf Theater auf den ersten Blick recht wenig anfangen kann: „Repräsentation“, „Identitätspolitiken“, „Partizipation„. Danach kommen verständlichere Kapitelbezeichnungen: „Kunst und Aktivismus“, „Theater als Versammlung“.
Das Buch bleibt gottseidank nicht bloße Theorie. Es ist theoretisch gehalten, man muss es, schien mir, im Grunde zweimal lesen, es wird aber immer wieder gestützt durch Bezugnahme auf verschiedenste Aufführungen oder Projekte aus der „politischen“ Theaterwelt der letzten Jahre. Teils sehr bekannte Projekte von Christoph Schlingensief, Anta Helena Recke, Gintersdorfer/Klaßen, Rimini Protokoll, Lotte van den Berg, Zentrum für Politische Schönheit, Pussy Riot, Jonas Staal, Public Movement, Milo Rau und andere werden angesprochen.
Zu den einzelnen Kapiteln des Buches:
Repräsentation: Malzacher stellt zunächst die Frage, wer denn auf der „Bühne“ wen repräsentiert? Hierin steckt ja das erste politische Merkmal. Schwarze Schauspieler in einem bayerischen Stück (Mittelreich)? Behinderte (HORA)? Frauen? Androide? Dinge? Die Natur? Welche Auswirkungen hat die Repräsentation auf der Bühne auf den Zuschauer?
Identitätspolitiken: Dieses Kapitel hängt stark mit dem vorhergehenden zusammen. Es werden ja, so Malzacher, immer wieder Identitäten von – meist benachteiligten – Gruppen definiert. Dieses Suchen und Benennen von Gruppenidentitäten kann natürlich zur Spaltung der Gesellschaft führen. Malzacher schreibt:
Ein Theater, das sich selbst als politisch begreift, muss ein Bewusstsein für seine Wirkungen – auch seine Nebenwirkungen – haben. Das bedeutet zunächst einmal ganz simpel: zu versuchen, niemanden auszuschließen, zu benachteiligen, zu beleidigen und das Leiden anderer nicht durch bestimmte Formen der Darstellung zu verniedlichen.
Es bleibt ein Spagat: Unterschiedliche Benachteiligungen zu erkennen, anzuerkennen und zu bekämpfen – und zugleich Spaltungen zu überbrücken in einer Zeit, in der größere Allianzen progressiver Gruppen dringend nötig sind, um sich der immer realer werdenden Bedrohung von rechts entgegenzustellen.
Partizipation: Malzacher schreibt hier:
Wo Theater politisch sein will, muss es sich mit der Frage nach Teilhabe auseinandersetzen …
Teilhabe, „Mitmachtheater“ und – heute sehr aktuell – Immersion, also Eintauchen in eine erstellte Realität – Go in instead of look at. Freiwilligkeit – Unfreiwilligkeit, Aktivismus – Pazifismus, Konfrontation und Fürsorge, das und mehr sind Themen dieses Kapitels
Kunst und Aktivismus: Auch das ist ein weites Feld im Bereich „Politisches Theater“. Aktivismus spielt sich in diesem Bereich weniger auf Theaterbühnen ab. Gemeint sind eher Aktionen wie etwa diejenigen von Christoph Schlingensief oder vom Zentrum für Politische Schönheit. Auch sie müssen genaustens vorbereitet sein und dürfen nicht rein politische Bedeutung erhalten. Es geht oft um kurzfristige Verwirrung des Betrachters.
Theater als Versammlung: An den Münchner Kammerspielen wird in der nächsten Spielzeit ein Stück mit dem Titel „The Assembly“ laufen. Was ist Theater an einer Versammlung? Es sind meist Versammlungen, die eben nicht stattfinden. Die damit andere Stimmen zur Sprache bringen. Malzacher schreibt:
… neue Kollektivität: eine Praxis, bei der Kunst, Theater, Performance, Aktivismus und Politik zusammenkommen… Einerseits sind diese Versammlungen künstlerische Setzungen, andererseits stehen sie in direkter Verbindung mit sozialen und politischen Bewegungen, denen sie ihr künstlerisches Potenzial zur Verfügung stellen.
Bekannt ist vor allem Milo Rau in diesem Bereich. Das Congo Tribunal, General Assembly, die Moskauer Prozesse. Malzacher geht hier aber auch auf viele andere Beispiele dieser Art ein. Es ist ein weites und gern genutztes Feld, Theater und Politik zu verbinden.
Politisches Theater ist also sehr komplex, aber auch sehr aktuell. Das Buch „Gesellschaftsspiele“ kann beim Alexander Verlag in Berlin geordert werden. HIER der Link.
Am Samstag, den 11. Juli 2020, fand die Abschlussveranstaltung der Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen statt. Natürlich vor einer begrenzten Besucherzahl. Ursprünglich waren coronabedingt 200 Gäste genehmigt, einige wurden nachgenehmigt.
Vielleicht waren es am Ende 400 Zuschauer. Der Ort war großzügig gewählt. Am Eingangsbereich standen mehrere Menschen, die ein Schild vor sich hielten: „Karte gesucht!“
Von vornherein konnte man sich wundern: Der Titel der Abschlussveranstaltung: „Opening Ceremony“ – der Ort der Veranstaltung: Das Münchner Olympiastadion – das „Setting“: Etwas, was nichts mit Theater im herkömmlichen Sinne zu tun hat! Umso treffender war es!
Hier Eindrücke vom faszinierenden Münchner Olympiastadion. Etwas verbleichte Handyaufnahmen (mit Ausnahme der letzten beiden:
Die „Konkurrenz“ (besser: „Nachfolgerin“) des Olympiastadions, die Allianz Arena, kam im Laufe der Veranstaltung zur Erwähnung. Nach der Veranstaltung sagte mir eine Dame völlig zu Recht: Die Atmosphäre des Olympiastadions ist einzigartig, ganz besonders:
Die Allianz Arena ist ein Bauwerk, ein architektonischer Koloss, vor dem man fast Angst haben muss. Das Olympiastadion ist Architektur für den Menschen! Das Stadion … die Weite … die Schwingungen der Gebäude … die Blicke … die Offenheit … die Farben … die Hügeligkeit des Geländes … das sagenhafte Olympiadach … die Geschichte des Olympiazentrums! Siehe die Fotos! Die Atmosphäre, das war es an diesem Tag! Bei fantastischem Wetter, vormittags hatte es noch geschüttet.
Das Besondere am Olympiastadion ist vielleicht auch etwas, was während der Veranstaltung von einem der Schauspieler gesagt wurde: Von außen kann man das Innere spüren und von innen das Äußere. Ganz anders als bei der Allianz Arena, auch das wurde erwähnt.
Mein Gefühl auf dem Weg zum Stadion war außerdem: Man besuchte nicht eine „Veranstaltung“, einen „Veranstaltungsort“. Man zog in eine Welt, in die Weite und Leichtigkeit des Olympiageländes. Das Gefühl der weiten Welt. Mit diesem Gefühl, das beim Oympiapark irgendwie besonders mitschwingt, ging ja auch Matthias Lilienthal vor fünf Jahren in die Intendanz der Münchner Kammerspiele.
Insoweit passte der Ort!
Allerdings kam Matthias Lilienthal nicht mit dem Motto: „Wie schön ist alles, lasst uns die Vielfalt der Welt feiern!“ Sondern eher mit dem Gefühl: „Wir wollen hier – es begann 2015 – in München ein bisschen „Weltfeeling“ mit Blicken auf die Schwierigkeiten und auch die Ideen, die auf der Welt bestehen, pflanzen! München aus seiner Verträumtheit holen!
Und in diese Richtung gingen wohl auch die Anfangsüberlegungen von Toshiki Tokada, der diese Abschiedsveranstaltung gestaltete. Er hatte ja mehrfach an den Kammerspielen unter Matthias Lilienthal inszeniert.
Inhaltlich war es natürlich nicht tiefgehend, das war bei der Abschlussveranstaltung auch wahrlich nicht beabsichtigt. Man konnte auch die SchauspielerInnen fast nicht erkennen- obwohl einige ja die Kammerspiele verlassen werden. Das gesamte Ensemble war anwesend, winkend am Schluss. Es war auch nicht so, dass viel passierte – bei zarten Klängen einer E-Gitarre. Auch war es nicht so, dass Matthias Lilienthal sich winkend gezeigt hätte. Das hätte auch nicht zu ihm gepasst.
Sie redeten miteinander und man betrachtete kleine Vorkommnisse. Der grüne Rasen wurde mit Gießkannen gegossen, einzelne SchauspielerInnen gingen über den Rasen, die übrigen standen vor der Haupttribüne, siehe das letzte Foto oben.
Es begann noch imposant – Julia Riedler flog an einem Drahtseil vom Stadiondach zur anderen Stadionseite, eine wehende Fahne hinter sich herschleppend. Dann wurde fantasiert. Thematisch über etwas ganz Großes – wohl die abgesagten Olympischen Spiele in Tokio (das „globale Event“) – auch über Corona ein wenig. Aber man konnte sich auch denken: Sie reden im Grund genausogut über Theater! Es ging um das Aussähen von Samen, Pflege des Rasens, das Wuchern, das Weitertragen des Samens durch Bienen und Vögel. Das Wesen des Theaters, zumindest in den vergangenen fünf Jahren an den Münchner Kammerspielen und vielleicht auch in der Zukunft der Münchner Kammerspiele.
Es war bei alledem (in der von Toshiki Okada bekannten Reduktion des Geschehens) das Feeling, das einen trug. Wehmut kam auf. Im Anschluss sagte der Münchner Kulturreferent Anton Biebl – nach all den Unkenrufen vieler Münchner in den vergangenen Jahren -: „Du hat uns ein Theater geschenkt, das es hier noch nie gegeben hat.“
Nun, vielleicht ist eine Saat gesät worden und die Pflanzen werden gepflegt. Dann waren die vergangenen fünf Jahre an den Kammerspielen verkürzt gesagt insgesamt auch so etwas wie eine „Opening Ceremony“ – im Sinne von Matthias Lilienthal! Schade – fünf weitere Jahre wären interessant gewesen. Aber er sagt in einem Interview kürzlich (SPIEGEL), es käme nicht auf die übliche Dekade an. Es käme nur darauf an, was entstanden sei – sinngemäß.
Copyright des Beitragsbildes und der letzten beiden Fotos im Beitrag: Julian Baumann
Ich empfehle eine Diskussion, die meines Erachtens interessant und sehr gelungen ist. Sie konnte gestern, Dienstag, 09.06.2020, live online mitverfolgt werden, ist jetzt aber noch im Video unten zu sehen. Thema: Wohnen in der Krise.
Anlass der Diskussion ist ein Ttiny House, das auf dem Parkhaus gegenüber den Münchner Kammerspielen steht. In diesem selbst gebauten Tiny House, genannt „Penthaus a la Parasit“, wohnt seit vergangener Woche der Aktionskünstler Jakob Wirth. Seine kleine, verspiegelte Hütte steigt als architektonische Intervention regelmäßig weithin sichtbar auf Dächer, um die Verhältnisse auf dem Wohnungsmarkt in Frage zu stellen.
Die gegenwärtige Situation mit Corona verschärft bestehende Ungleichheiten weiter und macht sie offenkundiger. Je nach der eigenen Wohnsituation wurden die Kontaktbeschränkungen der vergangenen Monate unterschiedlich erlebt. Während manche sich komfortabel zurückziehen konnten, entwickelten die Wohnungen vieler den Charakter von Gefängniszellen.
Der Soziologe Stephan Lessenich (LMU) und der Künstler Jakob Wirth (Penthaus à la Parasit) erforschen in der digitalen Kammer 4 der Kammerspiele allerdings nicht nur die Folgen der Coronakrise für das Wohnen, sondern sie sprechen auch über die Auswirkungen der Krise auf Urbanität, auf gesellschaftliche Teilhabe, auf gesellschaftliche Ungleichheiten, auf die globale Situation und reden über die Einordnung der Coronakrise.
Heute vor 75 Jahren – am 8. Mai 1945 – endete mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht der Zweite Weltkrieg. ——————————————————————-
Trotz Corona – trotz z. B. meiner Blogthemen Theater, Literatur oder Musik – was auch immer: Wir sollten uns – alle – an jedem Ort, egal wo – auch hier im Blog – über diesen Tag und die damalige Zeit Gedanken machen.
Unfassbare und unmenschliche Jahre!
Ich empfehle in diesen Tagen die ergreifende, sehr gelobte zweiteilige Dokumentation „Berlin 1945“ in der Mediathek von ARTE HIER ist der Link zu Teil 1. Und HIER ist der Link zum erschütternden Teil 2. Ich selber war tief erschüttert und froh, es gesehen zu haben.
Es gibt Fragen, zu denen wir peu á peu die Antworten vergessen oder nicht mehr finden! Auch ich: Wie gerne hätte ich in diesen Tagen noch mit meinen vor wenigen Jahren verstorbenen Eltern über die Zeiten des Krieges, die Zeiten nach dem Krieg, ihre Eltern und ihre Erlebnisse gesprochen. Wie gerne hätte ich erfahren, wie sie die Zeiten nach dem Krieg überhaupt geschafft und erlebt haben! Was haben sie sich gedacht?
Ich biete hier einen 6-minütigen Auszug aus dem Dresdner Requiem von Rudolf Mauersberger, das 1949 entstand. Auch das vollständige Requiem findet sich auf Youtube. Hier also ein Solo hieraus, die sogenannte Trauermotette, gesungen von Peter Schreier, der damals noch ein Junge vor dem Stimmbruch war. Er war weltbekannter Tenor und starb vor wenigen Monaten, am 25. Dezember 2019.
In der Zeit, in der man sich dieses wunderschöne Solo anhört, sollte man sich ausschließlich den Gedanken an die Zeit während und nach dem 2. Weltkrieg hingeben!! Oder besser: Einmal hören und ansehen und einmal Gedanken machen! Hier:
Gibt es noch Gelegenheit, mit Zeitzeugen darüber zu reden? Nutze/nutzen Sie sie schnell!
Dieser nicht leicht zu verdauende, aber beeindruckende Roman ist in der derzeitigen schwierigen Situation (Corona) möglicherweise eher unpassend. Er zieht runter! – Ich hatte ihn kurz davor gelesen, Glück gehabt!
Man hat derzeit ja genug mit Ausgangsbeschränkungen zu tun, braucht jetzt vielleicht eher etwas Erbauendes, Aufmunterndes. Aber: Es ist ein sehr guter, meines Erachtens lesenswerter Roman!
Meine Bewertung: 8 Punkte von 10 Punkten.
Ich kann ihn empfehlen und würde vorschlagen, ihn sich für eine etwas leichtere Zeit zurückzulegen. Katya Apekina mit ihrem Debutroman „Je tiefer das Wasser“. Sie ist Russin, in Amerika aufgewachsen.
Es ist eine sehr eigenwillige Story, die auch eigenwillig und gut geschrieben ist. Autobiografisch? Ich weiß es nicht. Aber all das völlig frei zu erfinden, ist sicher schwer. Der Roman ist problembeladenen, die ProtagonistInnen des Romans tragen heftige Probleme mit sich herum, die große Komplikationen verursachen:
Nach dem Suizidversuch ihrer Mutter stranden zwei Schwestern bei ihrem Vater in New York, der sich schon in jungen Jahren von ihnen zurückgezogen hatte. Trennung. Doch damit beginnen erst die Probleme.
Die komplizierte Geschichte ist vor allem aus der Sicht der beiden Schwestern, Edith und Mae, beschrieben. In vielen vielen kurzen Kapitelchen werden die Vorgänge und Gefühle der Mitwirkenden aus allen möglichen Blickwinkeln heraus geschildert. Da kommt schon einmal die Zimmergenossin im Krankenhaus, in dem die Mutter liegt, zu Wort.
Es geht schon damit los, dass der Vater von Edith und Mae vor langer Zeit die um viele Jahre jüngere Tochter eines Bekannten heiratete. Marianne wurde seine Ehefrau, die dann eben Jahre später einen Suizidversuch unternahm.
Der Suizidversuch hängt irgendwie wahrscheinlich auch mit der eigenartigen und zerstörerischen Wirkung des Mannes, Dennis, einem erfolgreichen Schriftsteller und Frauenheld, zusammen. Hinzukommt aber sicherlich auch, dass Marianne wiederum sehr unter dem frühen Tod ihres Vaters, des Bekannten von Dennis, litt und schon früh depressive oder „verrückte“ Züge entwickelte. Züge, die wiederum ihre Tochter Mae intensiv miterlebte.
Hier spielt immer wieder auch im Hintergrund eine Black-Power-Geschichte herein, die (ganz amerikanisch) Ausgangspunkt für alles ist: Dennis fuhr nämlich in jungen Jahren mit seinem Freund Fred zu einer Demonstration und wurde im Grunde von Mariannes Vater, Jackson McLean, vor Gegnern der Anreisenden gerettet. Er, Jackson McLean, wurde aber daraufhin angeklagt und starb bald darauf im Stress.
Marianne ist also die Tochter von Jackson McLean, viele Jahre später gerät nun auch die Tochter von Marianne, Mae, in den irgendwie unerklärlichen Sog des ehemaligen Ehemannes von Marianne, ihres Vaters. Der Vater zieht irgendwie Personen auf sich und zerstört sie damit in gewisser Weise.
Wie gesagt: Sehr gut gemacht ist neben den komplizierten, aber sehr gut geschilderten psychischen Situationen der ProtagonistInnen – davon gibt es wahrlich viele verschiedene! – die Art und Weise, wie die einzelnen Szenen, die sich ergeben oder schon längst ergeben hatten, geschildert werden. Es gibt immer wieder Rückblenden.
Die eigentliche Handlung spielt ohnehin im Jahr 1997, als die Mutter den Suizidversuch unternommen hatte. Diese Zeit wiederum wird aus der Sicht von Edith im Präsens geschildert, ein großer Teil des Romans betrachtet diese Phase allerdings im Rückblick, aus der Sicht von Mae, Jahre später. Ein kleiner Teil des Romans beleuchtet wiederum die Vorgeschichte der Eltern in den sechziger Jahren. Es sind, wie gesagt, immer wieder kurze Kapitelchen mit kurzen Erklärungen der jeweils beteiligten Personen, in jeweils verschiedenen Zeiten. Sehr interessant gemacht.
Die Geschichte erscheint anfangs unverständlich, alles löst sich aber im Lauf der Zeit auf. Insoweit entsteht mehr und mehr der Sog, weiterzulesen.
Um die Übersicht über die Personenkonstellation einzubehalten, habe ich wieder eine Art mind map angelegt. Ich empfehle, sich diese mind map beim Lesen des Buches zur Seite dazuzulegen. HIER das Dokument.
HIER die Seite zum Buch auf der Website des Suhrkamp Verlages mit Informationen auch zu Katya Apekina.
Auch das Deutsche Theater Berlin ist jetzt dabei, bietet Inszenierungen – sogenannte „DT Klassiker“ – im Stream! Los geht es heute, Dienstag, den 7. April 2020 mit Kinder der Sonne von Maxim Gorki in der Regie von Stephan Kimmig. Ab 18.00 Uhr bis Mittwoch 12.00 Uhr.
Das Angebot läuft unter dem Label „HEIMSPIEL“.
Dann geht es weiter Donnerstags und Dienstags zunächst mit:
Donnerstag 09. April 18.00 Uhr bis 11. April 12.00 Uhr: Philotas von Gotthold Ephraim Lessing, Regie: Friedo Solter
Dienstag 14. April 18.00 bis 15. April 12.00: Marat/Sade von Peter Weiß, Regie Stefan Pucher
Donnerstag 16. April 18.00 bis 17. April 12.00: Die Weber von Gerhart Hauptmann, Regie: Michael Thalheimer
HIER der link zur Seite des Streamingangebotes des DT Berlin.
Noch einmal für alle, die die Blogbeiträge per E-mail oder über Facebook oder Twitter bekommen, ein kleiner TIPP:
Die Empfänger der Blogbeiträge erhalten automatisch die ERSTE VERSION des jeweiligen Beitrags: Nachträglich (manchmal ganz kurz nach Veröffentlichung des Beitrags) ändere oder ergänze ich oft noch. Die ZWEITE VERSION ist dann noch etwas besser lesbar, interessanter. Ich füge etwa manchmal weitere Links zu einem Beitrag ein. Diese Änderungen/Ergänzungen sind für die Empfänger zunächst nicht sichtbar!
DAHER: BEI ERHALT DES BEITRAGES AUF DIE ÜBERSCHRIFT DES BEITRAGS KLICKEN, SO KOMMT MAN AUF DIE JEWEILS AKTUELLE FASSUNG DES BEITRAGS.ODER WWW.QOOZ.DE EINGEBEN!
Ich habe kürzlich die Münchner Premiere der wunderbaren Inszenierung von Anton Tschechows „Drei Schwestern“ am Münchner Residenztheater (genauer: Drei Schwestern NACH Anton Tschechow) gesehen. Daher kommt heute die Musik. Eine Inszenierung von Simon Stone. Sie war ja eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2017, lief damals am Theater Basel.
Auch in Berlin hatte ich die Inszenierung gesehen, HIER mein damaliger Beitrag. Ich schriebe in Kürze noch einmal darüber, aufbauend auf dem damaligen Bericht. Damals hatte ich an vielen Stellen, um nicht zuviel zu verraten, geraten, das Stück auf 3sat anzusehen, dort lief es kurze Zeit. Jetzt kann man es wieder auf der Bühne sehen – mit derselben Besetzung – am Münchner Residenztheater. Die dort auftretenden SchauspielerInnen sind sämtlich mittlerweile Mitglieder des Ensembles des Münchner Residenztheaters!
Zur Musik:
Ich bringe immer wieder gerne auch Klassiker „meiner Zeit“. Auch hier: In Simon Stones Inszenierung von „Drei Schwestern“ setzt sich einer der Besucher der Drei Schwestern – Theodor, der Ehemann der mittleren Schwester Mascha – einmal an das Klavier im Wohnraum des Landhauses und spielt dieses Stück von David Bowie.
David Bowie starb ja am 10. Januar 2016. Hier ein Livemitschnitt. Es ist eine Aufnahme mit lyrics. Der Text handelt von zwei Liebenden, die sich an der Berliner Mauer küssen, während Grenzsoldaten auf sie schießen. David Bowie lebte eine Zeit lang in Berlin. Hier:
Eine ganz andere Version von “Heroes“: Von Moby, von seinem letzten Album „Reprises:“:
Da lehnt sich jemand auf gegen Vieles. Er will wütend sein. Vor allem gegen die Kommerzialisierung und gegen die Methoden in der Musikbranche. Wütend macht er seine Musik, fängt klein an. Grunge Musik, eine Mischung aus Funk und Heavy Metal. Dann wird seine Musik zum Welterfolg. 75 Millionen verkaufte Platten. Seine Wut kommerzialisiert sich weltweit! Vielleicht ist es das, was ihn dazu brachte, Selbstmord zu begehen. Selbstmord mit 27 Jahren! Curt Cobain von Nirvana!
Das letzte Konzert von Nirvana fand in München statt. Hierzu gibt es jetzt an den Münchner Kammerspielen den Abend „Nirvanas Last“. Nirvanas letztes Konzert fand am 01. März 1994 in München, am ehemaligen Flughafen München Riem, statt. Es wird an den Kammerspielen komplett – Wort für Wort und Lied für Lied – nachgespielt. Ein Musikabend. Es waren damals zwei Konzerte angesetzt, nur eines findet statt. Curt Cobain brach die Tournee ab und beging kurz danach Selbstmord.
Ich habe nach dem gestrigen Abend noch jemanden gesprochen, der eine Karte für das zweite Konzert hatte!
Idee
und Regie: Damian Rebgetz. Schauspieler und Performer an den Münchner
Kammerspielen, der immer wieder auch eigene Stücke erarbeitet.
Ich war nie Nirvanafan. Sie sind an mir vorbeigegangen. Ich habe sie nie verstanden, fast nie gehört. Und trotzdem: Ich habe den Eindruck, dass es der Abend schafft, Nirvana irgendwie aus dem riesigen Schatten, dem tiefen Dunkel der Kommerzialisierung herauszuholen und völlig anders zu präsentieren. Das Dunkel, das Nirvana verschluckt hat, das Nirvanas Wut kommerzialisiert und damit letzlich wertlos gemacht hat. Alle Lieder werden Deutsch gesungen. Sie werden nicht im Nirvanastil gesungen. Zu Beginn des Abends sagt Damian Rebgetz: „Wir sind nicht Nirvana, wir sind Schauspieler der Münchner Kammerspiele.“
Die Songs werden langsam, ruhig, textbetont gesungen – ja gesungen, nicht gebrüllt. Fast melancholisch. Dann auch wieder etwas wütend. Wunderbar etwa die Wut von Zeynep Bozbay. Das Programmheft bietet alle Songtexte. Die damals gegebene Zugabe wird mit Streichmusikern geboten, siehe das Beitragsbild oben.
Nirvana erhält durch die vier jungen Schauspieler Damian Rebgetz, Benjamin Radjaipour, Christian Löber, und Zeynep Bozbay an diesem Abend tatsächlich ein Gesicht. Wunderbar etwa Christian Löber als Gitarrist. Allein die oft hilflosen Gesichtsausdrücke aller vier sind immer wieder eine Wonne, sie haben erstaunlicherweise auch immer wieder versteckt etwas Ironisches in sich. Aber sie sind nicht im geringsten aufdringlich. Alle bringen unterschwellig auch immer wieder eine Art Weltschmerz zum Ausdruck.
Was soll ich sagen: Es bleibt für mich letztlich ein unverständliches Gesicht von Nirvana, aber es ist wohl ein neues Gesicht! Kombiniert übrigens mit mitschwingendem bayerischen Hintergrund. Nirvana so zu präsentieren: Eine gewagte Sache, die sehr rund geworden ist!
Hier noch eine Bild, kurz waren sie verkleidet:
Und es ist so treffend: Die Kommerzialisierung und die Münchner Kammerspiele! Es war die Münchner Stadtrats-CSU, die sich viel zu früh gegen die Intendanz von Matthias Lilienthal ausgesprochen hatte, weil ihr anfangs die Auslastung des Münchner Stadttheaters nicht gut genug schien! Was für eine Argumentation! Kommerzialisierung! Ist denn ein Bild Kunst dann, wenn viele Menschen vor ihm stehen bleiben? Wenn es sich kommerzialisiert?
HIER die Seite zum Stück „Nirvanas Last“ auf der Website der Münchner Kammerspiele mit den weiteren Terminen.