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LITERATUR: Robert Macfarlane – Sind Flüsse Lebewesen?

Der Titel klingt fast provokant: Sofort weiß man doch: „Aber bitte! Flüsse sind doch keine Lebewesen!“. Wir müssen aber umdenken und man ist auch bereit, umzudenken, wenn man dieses Buch sorgfältig gelesen hat. Ich habe es zweimal gelesen. Der entscheidende Schritt: Wir müssen uns öffnen und dazulernen, wir müssen dabei lernen, das Wort „Leben“ und „Lebewesen“ neu zu denken. Wir müssen uns öffnen dahin, dass alles auf der Welt in Verbindung zueinander steht. Dass wir selbst nicht alles in Subjekt – Objekt einteilen dürfen. Ein Fluss ist nicht nur ein Fluss. Ein Wald ist nicht nur ein Wald. Im Buch heißt es an einer Stelle: „Leben ist Verbindung!“. Ein großer Satz. Alles ist somit Subjekt, nicht nur der Mensch.

Im Buch von Robert MacFarlane kann man anhand von drei ausführlichen Reiseberichten erfahren, dass gerade Flüsse mit allem in Verbindung stehen. Nicht nur mit ihrem Ufer, mit dem angrenzenden Wald, den Lebewesen im Wald, den Pflanzen und Pilzen (!), den Lebewesen im Wasser und in der Luft, nicht nur mit dem kleinen und großen Klima, nein, auch mit den Menschen, die am Fluss leben, letztlich mit den Menschen insgesamt! Wer konnte all das jahrhundertelang besser erkennen, als die indigenen Völker, die in so wertvollen Flussgegenden wohnten und wohnen? Sie kämpfen darum! Es geht dann am Ende des Buches – fast ratlos – in die Richtung „Flüsse sind Gottheiten“, Gottheiten, die wir nicht verstehen.

Das Buch will nicht etwa mit einer hilflosen Theorie „überzeugen“. Wie gesagt, es enthält drei Reiseberichte zu drei riesigen wieder einmal bedrohten Flussgebieten: a) Zu den „Los Cedros“, einem aktuell von Bergbau bedrohten Nebelwald in Ecuador, b) zu einem fast schon „abgestorbenen“ riesigen Flussdelta bei Chennai in Südindien und c) zum reißenden Fluss Muthehekau Shipu in der Nähe von Québec in Kanada, der bald durch riesige Staudämme gebändigt werden soll.

Die auch mal etwas langatmigen Schilderungen der Naturerlebnisse vor Ort gehören dabei dazu, um das Wesen der von Robert Macfarlane besuchten Flüsse verstehen zu können. Diese teils sehr schönen Naturschilderungen werden immer wieder verbunden mit Schilderungen der ortskundigen Personen, die Robert Macfarlane begleiteten und die er traf. Meist Menschen, die sich für den Schutz der jeweiligen Flüsse einsetzen. Die Schilderungen werden auch verbunden mit Schilderungen der ersten Entscheidungen durch Gerichte oder Behörden, auch Gesetze, mit denen Flüssen eigenständige Rechte zugebilligt werden. Wie soll sonst deren Zerstörung verhindert werden! Die Geltendmachung der Rechte ist dann das Problem. Es geht ja nicht nur darum, Naturschutzgebiet zu bestimmen. Wir können die Natur nicht „einsperren“.

Gerahmt sind die Schilderungen von Robert Macfarlane des Weiteren von guten theoretischen Worten am Anfang und am Ende des Buches.

Grundsätzliches zur „Rights of Nature“ – Bewegung:

Der „Rights of Nature“-Bewegung liegt das Verständnis zugrunde, dass die Natur und die Menschheit zwei Seiten derselben Medaille sind, keine getrennten Lebewesen. Die Natur ist nicht nur Objekt unserer Eingriffe (oder unserer Schutzmaßnahmen), sie ist mit den Menschen zusammen Subjekt allen Handelns, sie braucht Rechte. So geschah es …:

In Ecuador und Bolivien sind die Rechte von Mutter Erde seit 2008 und 2010 verfassungsrechtlich anerkannt.

Im Jahre 2016 kam es zu einem bahnbrechenden Urteil: Das kolumbianische Verfassungsgericht sprach dem Fluss Atrato die Rechte auf Regeneration, Pflege, Erhaltung und Schutz zu.

Im Jahr 2018 verlieh der Oberste Gerichtshof Kolumbiens dem Amazonas – dem längsten Fluss der Welt – den Status einer Rechtspersönlichkeit.

In Ecuador bestätigte ein Grundsatzurteil die verfassungsmäßigen Rechte des Los Cedros-Schutzgebietes gegen den Bergbau. 

In der Côte-Nord-Region der kanadischen Provinz Québec wurde vor Kurzem der Rivière Magpie zu einer juristischen Person erklärt. In der Sprache der First Nations der Innu trägt das 290 Kilometer lange Gewässer den Namen Mutuhekau Shipu. Er ist der erste Fluss Kanadas mit diesem Status. Er verfügt dadurch über neun Rechte: unter anderem das zu Fließen, frei von Verschmutzung zu sein, seine Artenvielfalt zu erhalten – und zu klagen.

Jüngst haben wir auch in Europa einen ersten Meilenstein gesehen: Die Salzwasserlagune Mar Menor an der spanischen Mittelmeerküste wurde im Frühjahr 2022 als erste Natur-Entität Europas zur juristischen Person ernannt.

Wissenschaftler:innen haben übrigens gemeinsam die Online-Plattform Eco Jurisprudence Monitor gegründet: Auf einer interaktiven Landkarte werden dort mehr als 300 Fälle weltweit sichtbar, wo derzeit Rechte für die Natur verhandelt werden oder schon durchgesetzt sind.

Ich empfehle das Buch „Sind Flüsse Lebewesen?“, wenn man bereit ist, weiter zu gehen, als es die herkömmliche Politik es tut: Nämlich wenn man bereit ist, den Gedanken für die Anerkennung des Prinzips „Leben ist Verbindung“ und die Anerkennung der „Rights of Nature“-Bewegungen offen gegenüberzutreten, sie mitzutragen und zu fördern.

Es gibt außerdem die Zeitschrift „Good Impact“ aus Berlin. HIER der Link zur Magazinseite. No. 1 des Magazins (unter seinem neuem Titel) hatte das Thema „EINSPRUCH FÜRS KLIMA – Wie wir das Recht für unseren Planeten nutzen können“. Darin geht es ab Seite 58 um das Thema: „Die Rechte und Pflichten des Wassers“. (Auch interessant im selben Heft, Seite 48: „Believe the hype – Klimaklagen gegen Staaten“.)

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Unglaublich passend zu diesem erstaunlichen Buch sind übrigens in ihrer Kombination das nachfolgende Video und der Musiktitel „Vladimir’s Blues“ dazu von Max Richter. Bild und Ton sind sich oft wiederholend, aber in ihrer ganzen Länge und Ruhe sind sie zusammen passend zum ewigen Fließen des Wassers, zum Fließen des Lebens. Πάντα ρει.

HIER der Link zu einem Artikel in der National Geographic.

HIER nochmals der Link zum Good Impact Magazine.

HIER der Link zur interessanten Website „Eco Jurisprudence Monitor“.

HIER der Link zur Verlagsseite zum Buch.

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THEATER: Christoph Frick und Lothar Kittstein – Land

Es ist ein Abend über die Landwirtschaft, ihre Beziehung zur Natur. Der Abend befasst sich mit ganz speziellen Blicken in die Vergangenheit, mit Blicken auf verschiedene Zeiten, auf „drei Zeitbilder aus Bayern“, heißt es, und nach den doch sehr düsteren Blicken in die Vergangenheit will das Universum am Ende doch für die Zukunft Hoffnung geben. Die Blicke der Menschen gehen ja im Grunde immer nach vorne, es bleibt ja nichts anderes, alles geht eben immer weiter! Glaube – Liebe – Hoffnung!

Das positive „Statement“ des Universums am Ende der Inszenierung steht aber im Grunde völlig im Kontrast zu dem, was im Stück geboten wird: Die Blicke zurück sind sehr düster, die Blicke in die Gegenwart – auch die gibt es – sind kaum angenehmer. Es ist eigentlich geradezu ein Untergangsstück und das hat durchaus Berechtigung! Die Blicke des Stückes richten sich nämlich (am Beispiel einer Bauersfamilie aus Bayern) auf die Entwicklung der Welt hin zum Untergang des Menschen und der Erde. Aber eben mit diesem (fast hilflosen) Schlusssatz des Universums.

Gezeigt wird alles anhand der Leben einer Bauersfamilie im bayerischen Land in drei Epochen: In den Jahren 1815, 1973 und 2024. Es ist – daher der Titel „Land“ – als „Stück über die Abhängigkeit des Menschen von der Natur und den Umgang des Menschen mit der Natur“ gedacht. Regisseur Christoph Frick und Autor Lothar Kittstein hatten sich bereits in der Vergangenheit in verschiedenen Formen mit der Klimakrise und Szenarien für ein nachhaltiges Zusammenleben beschäftigt. Das ist im Grunde auch Thema des Abends, wenn auch als „Land“ etwas verpackt, auf die Landwirtschaft bezogen.

Die drei Zeitebenen, die aufgezeigt werden, werden ständig gewechselt:

  • 1815: Der gigantische Ausbruch des Vulkans Tambora auf Indonesien, der 1816 selbst in Bayern für Kälte und den Ausfall des Sommers sorgte. Es wurde eine Hungerkatastrophe. Auch die Landwirtschaft war am Boden. Aber es ging weiter.
  • 1973: Der Vater der Bauersfamilie schuftet und schuftet für seinen Landwirtschaftsbetrieb. Er muss größer werden, immer mehr Tiere und Subventionen! Immer mehr Schulden. Und seine Kinder möchten den Hof nicht übernehmen! Sie möchten Schluss machen mit der Schufterei! Und die Landwirtschaft schlittert wieder in das Elend: Die Ölkrise, Butterberge, …
  • 2024: die Enkelin des Bauern hat den Hof geerbt. Sie arbeitet für ein startup-Unternehmen, das mittels der Genscheretechnik Lebensmittel produzieren möchte. Nicht mehr auf dem Land, nicht auf dem Boden, in der Natur, sondern in riesigen Hallen, die auf der Hoffläche und benachbarten Hofflächen entstehen sollen, sollen die Lebensmittel entstehen. Schluss mit Landwirtschaft!

Ja, es ist ein etwas einseitiger, aber realistischer Blick auf die Entwicklung der Landwirtschaft, allerdings etwas stark verpackt durch die ständigen Zeitsprünge und durch den Blick auf den Hof in Bayern. Ob auch wirklich die Hungerkatastrophe von 1816/1817 Teil der Entwicklung der Landwirtschaft ist, kann fraglich sein. Vielleicht hätten die anderen beiden Zeitebenen genügt. Es gibt ja mittlerweile – Gott sei Dank – neben der chemischen Ideenvielfalt auch jede Menge Ansätze für eine regionale naturgebundene Produktion der Lebensmittel! Das wiederum geht an dieser Inszenierung vorbei. Vielleicht hätte die Inszenierung noch mehr Vorbereitungszeit und mehr Ruhe benötigt, um die Situationen und die Entwicklung feiner herauszuarbeiten.

Fazit: Das Thema brennt, es gibt viele Ansätze, die Inszenierung verpufft dabei leider ein wenig.

Copyright des Beitragsbildes: Maurice Korbel

THEATERTREFFEN EXTRA: Stückemarkt – Estado Vegetal von Manuela Infante

….und ich fange mittendrin an. Beginne mit gestern, Donnerstag, 16. Mai 2019. Heute, Freitag, 17. Mai 2019, ist für mich Ruhetag. Gestern habe ich zwei Stücke aus der Reihe „Stückemarkt“ gesehen. Eines war „Estado Vegetal“ von Manuela Infante. Der Stückemarkt ist ja eine „Nebenreihe“ zur berüchtigten 10er-Auswahl auf dem Berliner Theatertreffen.

Was der „Stückemarkt“ genau ist? Hier die Beschreibung des „Stückemarktes“ auf der Website der Berliner Festspiele:

Der Stückemarkt sucht nach neuen Formen der Autor*innenschaft und innovativen Theatersprachen. In einem international offenen Wettbewerb können sich Autor*innen und Theaterkollektive gleichermaßen mit Theatertexten und Theaterprojekten bewerben. Eine fünfköpfige Künstler*innenjury wählt aus den Einsendungen fünf Arbeiten aus. Im Rahmen des Theatertreffens werden die ausgewählten Arbeiten ihrer Form entsprechend präsentiert – als Gastspiele, Szenische Lesung, Performances, Site-specific-Formate 

Gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb wurde gestern im Rahmen des Stückemarktes der diesjährige Werkauftrag an Manuela Infante vergeben.

Ein Auszug aus der Laudatio von Vasco Boenisch, Chefdramaturg Schauspielhaus Bochum: 

Manuela Infante erzählt [..] eine politisch relevante, philosophisch inspirierende und persönlich berührende Geschichte von Mensch und Natur; nein, präziser: vom Mensch als Teil der Natur. [..] Dabei ist es gerade beeindruckend, wie Manuela Infante aus einem Arbeitsprozess heraus, den man bei uns wohl als Stückentwicklung bezeichnen würde, ein Drama von so hoher literarischer Dichte erschaffen kann. [..] Manuela Infante ist [..] eine ungewöhnlich kreative, mutige und inspirierende [..].

Stimmt, es war ein bewegender, überzeugender, beeindruckender und poetischer Abend. Allerdings teils nicht leicht zu verstehen, philosophisch. Das Stück wird aber sehenswert sein. Das Stück ist radikal im Ansatz, eine Utopie! Die gestrige Präsentation war ja eher eine szenische Darbietung des Textes. Eine komplette Inszenierung wird anders aussehen. Es wird in der Spielzeit 2020/21 unter der Intendanz von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum gezeigt! Ich bin gespannt.

Es ging um das Verhältnis des Menschen zur Natur. Anlass der Geschichte ist ein Motorradunfall. Ein junger Mann rast gegen einen Baum. Daraus spinnen sich Gedanken zu Mensch und Natur. Eine kleine philosophische Neuordnung des Denkens. Schön wäre es!

Etwa: Der Mensch bewegt sich, die Natur nicht. „Because you live within time, not against it!“ heißt es gegenüber einem Baum. Der Natur wird eine unglaubliche Würde beigemessen. Die Natur war zuerst da, und dann kam der Mensch und will seitdem alles ändern. Auch die Natur. Sie kommt in Töpfe. Oder wird verbrannt, zerstört. Aber die Natur war früher auf der Erde als der Mensch! Und sie würde sich die Erde schnell zurückholen, wenn der Mensch verschwände. Ein sicherlich sehr persönliches, sehr engagiertes, sehr utopisches Stück. Nach dem Motto: Erst die Natur, dann der Mensch! Erst die Natur, dann der Mensch! Der Mensch sah es aber schon immer anders herum. Viele gute Gedanken landen in diesem Stück. Davon müsste es mehr geben.

Infante lädt mit „Estado Vegetal“ dazu ein, die anthropozentrische Logik hinter uns zu lassen und uns auf eine Reise in die Pflanzenwelt zu begeben. Das Leben und den Wert der Natur erkennen, neu denken!

Sehr auffallend und überzeugend war bei allem übrigens die beeindruckende schauspielerische Leistung der einzigen Darbietenden, einer Spanierin, Marcela Salinas. Siehe das Video unten! Sie wechselte ständig die Rollen. Ein junges Mädchen, die Mutter des Opfers, eine alte Nachbarin, einen Verwaltungsbeamten, einen Feuerwehrmann und so fort. Und sie spielt jede Rolle überzeugend. Poetisch – auch musikalisch – wird es, wenn Salinas als Feuerwehrmann spricht, nachdem alles in einem tongewaltigen Rauschen abgebrannt ist.

Eines der wenigen „Stücke“, bei denen ich in diesem Jahr des Theatertreffens keine Zweifel hatte.

HIER kann man sich die ganze Performance ansehen. Ansehen!

©️ des Beitragsbildes: Fundación Teatro a Mil

Davor …

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SONSTIGES: Ein Augenblick.

Ein nicht so schlechter Text aus Richard Powers‘ „Die Wurzeln des Lebens“. So kann man es auch sehen. Das Beitragsbild oben ist aus „Caspar Western Friedrich“ von Philippe Quesne, das 2017 an den Kammerspielen gezeigt wurde. Das Verhältnis des Menschen zur Natur.

Der Text:

„Stellen wir uns vor, der Planet wird um Mitternacht geboren, unsere Lebensspanne beträgt genau einen Tag.

Zuerst ist da nichts. 2 Stunden vergehen allein mit Lava und Meteoren. Leben zeigt sich erst gegen drei oder vier Uhr morgens. Und auch da sind es nur die einfachsten selbstreplizierenden Bausteine. Von der Morgendämmerung bis zum Vormittag – eine Million Millionen Jahre Verzweigungen – nichts als simple, schlichte Zellen.

Dann ist da alles. Etwas Unglaubliches geschieht, kurz nach Mittag. Eine Variante dieser einfachen Zellen versklavt einige andere. Zellkerne bekommen Membranen. Zellen entwickeln Organellen. Was anfangs ein Zeltplatz für einen war, entwickelt sich nun zur Stadt.

Der Tag ist zu zwei Drittel um, als die Wege von Pflanzen und Tieren sich trennen. Und trotzdem besteht das Leben immer noch nur aus Einzellern. Es wird schon dunkel, als sich die ersten komplexeren Zellgebilde zeigen. Alle größeren Lebensformen sind Spätankömmlinge, stellen sich erst nach Einbruch der Dunkelheit ein. Neun Uhr abends beschert der Welt Quallen und Würmer. Später in derselben Stunde beginnt das Gewimmel – Rückgrat, Knorpelgewebe, eine Explosion der Körperformen. Von einem Augenblick auf den anderen sprießen überall in der sich immer weiter ausbreitenden Krone neue Äste und Zweige und wachsen in rasendem Tempo.

Um kurz vor zehn ziehen die ersten Pflanzen an Land. Dann Insekten, die sich sogleich in die Lüfte erheben. Augenblicke später kommen Landwirbeltiere aus dem Schlamm am Gezeitensaum gekrochen und bringen auf ihrer Haut und in ihrer Eingeweiden ganze Welten aus älteren Geschöpfen mit. Als es elf schlägt, ist die Zeit der Dinosaurier schon vorbei, und sie übergeben das Kommando für eine Stunde an die Säuger und Vögel.
Irgendwo in diesen letzten sechzig Minuten, hoch oben, fast am oberen Rand des stammesgeschichtlichen Blätterdachs, entwickelt das Leben Bewusstsein. Die Geschöpfe fangen an zu spekulieren. Tiere bringen ihren Kindern bei, was Vergangenheit und Zukunft sind. Tiere lernen, wie sie Rituale abhalten.

Der im anatomischen Sinne moderne Mensch taucht vier Sekunden vor Mitternacht auf. Erste Höhlenmalereien gibt es drei Sekunden darauf. Und im Tausendstel eines Klicks des Minutenzeigers löst das Leben das Geheimnis der DNA und macht sich erstmals ein Bild vom Baum des Lebens. Als die Mitternacht kommt, besteht fast der gesamte Erdball aus Monokulturfeldern, zur Erhaltung und Ernährung einer einzigen Spezies. Und das ist der Moment, in dem sich der Baum des Lebens von neuem verwandelt. Der Augenblick, in dem der mächtige Stamm ins Wanken gerät.“

©️ des Fotos: Martin Argyroglo, Münchner Kammerspiele.