THEATER: Judith Herzberg – Die Träume der Abwesenden

Die dritte „lange“ Inszenierung, die man derzeit in München sehen kann. „Die Träume der Abwesenden“ (5 Stunden) von Judith Herzberg am Residenztheater. Wieder ein „Tableau“. Gesehen hatte ich zuletzt „Effingers“ (4 Stunden) an den Münchner Kammerspielen und „Unsere Zeit“ (6 Stunden) ebenfalls am Residenztheater.

Vorab: Die Inszenierung ist schon wegen der vielschichtigen Texte von Judith Herzberg, an die sich Stefan Kimmich mit dieser Inszenierung genau hält, sehr gelungen! Man wohnt drei Familientreffen bei, verfolgt die vielen kurzen Gespräche der Beteiligten. Die Inszenierung selbst hält sich gestalterisch angenehm zurück. Es ist der Text! Ich selbst bin im Laufe der fünfstündigen Inszenierung immer mehr in den Sog all der Themen, die in verschiedensten Aspekten zur Sprache kamen, gefallen und habe das Theater schließlich mit vielen Gedanken und mit dem Gefühl verlassen, eine rundum gelungene Inszenierung gesehen zu haben. Ansehen! Die Inszenierung ist keineswegs belehrend, sondern anregend! Anregend wegen der Gedanken der Beteiligten. Anfangs war alles noch etwas verwirrend, fast ermüdend, man musste erst die Personen zuordnen. Ehepaare, Geschiedene, Neuverheiratete, Eltern, Stiefeltern, Freunde, Verwandte, Verstorbene … Man merkte aber mehr und mehr, je mehr man sah: Die Sache wurde rund, man verstand die Beteiligten immer besser. Gut, dass die Inszenierung 5 Stunden dauerte!

Ich habe also zuletzt drei „Tableaus“ gesehen: „Effingers“ war die sehr historische Darstellung einer großen Familie, die in der Zeit zwischen 1870 und den Beginn des Zweiten Weltkrieges lebte. Schwere Umbrüche rein historisch betrachtet. HIER mein Bericht dazu. Die Inszenierung „Unsere Zeit“ wiederum brachte ein modernes Gesellschaftstableau auf die Bühne. Ein Tableau von Personen, die sich – teils – über ihre zahlreichen Treffen an einer Tankstelle, aber auch über Verwandtschaft und Beziehungen kennen. Man merkte bei dieser Inszenierung (von Simon Stone): Hinter jeder Person steckt im Grunde ein schweres Einzelschicksal! HIER mein Bericht hierzu. Und nun „Die Träume der Abwesenden“. Diese Inszenierung bringt das zeitnahe Tableau einer jüdischen Großfamilie aus Amsterdam auf die Bühne, bei der seit Generationen (es spielt zwischen den 1970er-Jahren und der Jahrtausendwende) vor allem das Thema der Judenverfolgung und die Schicksale der früheren Generationen mitschwingen. Die Themen schwingen mit auf den drei Festivitäten, bei denen sich die Beteiligten immer wieder treffen.

„Die Träume der Abwesenden“, inszeniert von Stefan Kimmig, basiert auf einer Trilogie der (heute 97jährigen) jüdischen Autorin Judith Herzberg mit den Teilen „Leas Hochzeit“, „Heftgarn“ und „Simon“.

Ein Foto von Judith Herzberg:

Man sieht fünf Stunden lang, wie sich die einzelnen Personen in kurzen und nur manchmal etwas längeren Unterhaltungen miteinander auseinandersetzen. Es wird helfen, wenn man sich die Beziehungen der vielen Beteiligten vorab ansieht. Im Programmheft der Inszenierung findet sich ein Überblick über den Familienstammbaum! Hier ein Foto:

Was macht die Texte von Judith Herzberg und damit auch die Inszenierung aus?

Das Kunstvolle der Texte: Man könnte ja meinen, es ginge „schon wieder“ um die Vergangenheit der Judenverfolgung! In der Tat ist dies immer wieder ein Hauptthema und natürlich zieht sich dieser Aspekt durch die fünf Stunden hindurch! Aber – und gerade das macht meines Erachtens die Texte von Judith Herzberg aus – das allein ist nicht das einzige Thema! Es geht generell um das Leben, um das Vergessen, das sich Erinnern, das Mit-Sich-Tragen der Vergangenheit, um das Altern, den Tod, die Einstellung zum Tod. Um die verschiedenen Generationen, ihre Einstellungen und Sichtweisen, um den Kampf jedes/r Beteiligten mit sich und seiner/ihrer fernen und seiner/ihrer nahen Vergangenheit. Aber erst das Verweben all dieser Aspekte miteinander macht die Texte aus! Die Texte von Judith Herzberg sind dabei nicht historisierend verengt, sie weiten vielmehr den Blick! Schon der Gedanke „Die Träume der Abwesenden“. Es ist die schöne Überlegung: Wir leben die Träume der Verstorbenen. Sicher: Die Träume der Verstorbenen bestimmen nicht komplett unser Leben, sie spielen aber immer wieder herein, so der Gedanke, was natürlich vieles erschwert.

Was die Texte von Judith Herzberg aber noch so interessant macht (mein Eindruck): Zwischen allen Beteiligten werden im Grunde ständig Dinge gesagt, die sie sich eigentlich nicht sagen, die eher gedacht werden. Das Ungesagte kommt umso ehrlicher und direkter zwischen allen Beteiligten ständig zu Wort! In diesen vielen vielen kurzen, oft lauten Gesprächen. Selbst wenn anfangs der Inszenierung Einiges noch etwas gewollt erschien, löste sich dieser Eindruck im Laufe der Inszenierung vollständig auf. Die SchauspielerInnen spielen sich mehr und mehr in ihre Rollen hinein! Mehr und mehr lernt man damit die vielen Beteiligten – insgesamt 15 SchauspielerInnen aus dem Ensemble des Residenztheaters – kennen.

Die Inszenierung und das Bühnenbild wollen bei alledem nicht irgendwie die drei Texte interpretieren oder mit noch mehr Themen verweben. Entscheidend bleiben die Texte so, wie sie sind. Alle Schauspieler und Schauspielerinnen erhalten damit viel Spielraum und überzeugen allesamt zunehmend im Verlauf der 5 Stunden. Allein eine riesige runde Lichtapparatur, die – kann man sich denken – irgendwie zeigt, dass alles miteinander verwoben ist – gedanklich, menschlich, historisch, in der Erinnerung, im Verhalten, in der Kommnikation – bestimmt gegen Ende den Hintergrund der Bühne:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters. Und HIER ein Trailer.

Copyright der Bilder: Sandra Then

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Sonstiges

SONSTIGES: Christo und Jeanne-Claude

Eine Empfehlung: Auf ARTE findet sich in der Mediathek bis zum 31.12.2021 eine sehenswerte Dokumentation über Christo und Jeanne-Claude. Anlass der Dokumentation ist natürlich, dass in den gerade vergangenen Tagen in Paris der Arc de Triomphe verhüllt war. Posthum, Jeanne-Claude starb am 18. November 2009, Christo zehn Jahre später, am 31. Mai 2020. Christo hatte die Vorarbeiten zur Verhüllung des Arc de Triomphe noch weitestgehend selber abgeschlossen.

Die jetzt erfolgte Umsetzung dieser Verhüllungsidee betreute dann sein Neffe, der jahrelang mit ihm zusammen gearbeitet hatte.

++++++ THEATERFREUNDE: WEIL ES SO VIEL IST IN DEN LETZTEN TAGEN: MEINE BERICHTE ÜBER DIE LETZTEN THEATERBESUCHE NICHT ÜBERGEHEN! HIER UND HIER. ++++++

Das obige Beitragsbild und die Bilder unten stellte mir mein eigener Neffe zur Verfügung, der nach Paris gefahren war, um diese Verhüllung zu sehen.

Man denkt sich vielleicht oft: „Naja, Christo und Jeanne-Claude, die hatten eben einen Spleen, der sie berühmt gemacht hat. Christo verhüllte einfach weltweit immer irgendwelche Dinge. Im Grunde ein Egozentriker, es ging ihnen doch nur um Design und das gutes Aussehen der Projekte!“ So oder so ähnlich äußerten sich ja auch in der Dokumentation einige Amerikaner auf und nach einer Versammlung, die über ein Projekt von Christo und Jeanne-Claude entscheiden sollten.

Nein, so ist es nicht! Schauen Sie sich den Film an! Ich versuche einmal eine andere Deutung. Die Dokumentation auf ARTE verschaffte mir jedenfalls folgende Gedanken:

Es ging Christo und Jeanne-Claude – bewusst oder unbewusst – um wahre Kunst! Christo – sieht man zu Beginn der Dokumentation – war ein absolut begnadeter Maler oder Zeichner. Seine Eltern hatten das wohl sehr früh erkannt und ihren Sohn ab dem sechsten Lebensjahr intensiv unterstützt. Er hätte sein Leben lang malen können wie ein Rembrandt!

Dennoch begann Christo – sieht man auch in der Dokumentation – schon in jungen Studentenjahren in Paris damit, Verhüllungen vorzunehmen. Er verhüllte eine kleine Statue. Er verhüllte eine nackte Frau. Wickelte beide mit einer dünnen, durchsichtigen Plastikfolie ein. Warum machte er das?

Was ist Kunst? Ist eine „Statue“ nicht schon Kunst? Ist das „Reichstagsgebäude“ nicht Kunst? Ist der „Arc de Triomphe“ nicht Kunst? Hat Christo die Kunst geschändet? Man könnte es so sehen, er hat ja schließlich immer „schöne Gestaltungen“ verhüllt, damit zeitweise zerstört. Schöne Gestaltungen, die unseren Alltag begleiten. Aber genau das wollte Christo nicht: Mit seiner Kunst nur „den Alltag begleiten“!

Das ist mein Hauptgedanke: Kunst ist etwas anderes. Kunst ist nicht „schöne Gestaltung“. Das ist nicht Kunst. Jedenfalls nicht allein das ist Kunst. Christo hatte recht, diese Dinge zu verhüllen! Zugespitzt: Kunst ist erst etwas, was uns aus unserer Welt der Realitäten herausführt in eine Welt, die es nicht gibt. Dann ist es Kunst. Und genau diese Kunst braucht der Mensch! Eine „Statue“ führt uns aber nicht aus unserer Welt heraus. Eine Statue verherrlicht bestenfalls die Realität. Sie selber bleibt Realität. Oder das Reichstagsgebäude, oder der Arc de Triomphe. Realitäten.

Der Mensch und seine Realität sind aber doch so fürchterlich beschränkt. Der Mensch braucht Kunst, um diese plumpe Realität verlassen zu können. Und genau das hat Christo mit seinen Verhüllungen, denke ich mir, getan. Altruistisch für die BeteachterInnen. Er hat „angebliche Kunst“ verhüllt und damit gezeigt, dass diese sehr reellen Gegenstände eben allein längst nicht Kunst sind, nur wegen ihrer Schönheit, dass sie nicht Kunst sein dürfen. Gerade die Verhüllung solcher Gegenstände ist dagegen Kunst. Das ist es! Gerade die Verhüllung versetzt den Betrachter kurzzeitig in den Zustand, sich zu fragen: „Was ist das denn?“ „Wo ist die Realität?“.

Hinzu kommt, dass Betrachter und Betrachterinnen sich nicht nur diese Frage stellen, sondern sich in diesen kurzen Momenten auch besonders fühlen, ein ganz besonderes Erlebnis erleben, beglückt werden: Sie erleben kurz etwas, was eigentlich nicht real ist. Sie fühlen sich vielleicht „ausgehebelt“, irgendwie anders.

Und genau dann handelt es sich um Kunst. Der Betrachter/die Betrachterin kommt geradezu in den Genuss, aus der Realität „herausgeholt“ zu werden. Für einen Moment. Ein Riesenprivileg. Weil er/sie das, was er/sie sieht, nicht versteht.

Das Besondere an den Verhüllungen von Christo und Jeanne-Claude war dann aber noch etwas: Sie nahmen die Verhüllungen so vor, dass diese wiederum selbst hochästhetisch waren, also doch wieder irgendwie mit reellen Kriterien gegriffen werden konnten! Der Mensch schlägt sich also mit den eigenen Waffen! Er kann sich auch nur so schlagen! Genial! Dass Christo und Jeanne-Claude das erkannt haben! Ist jedenfalls meine Überlegung!

Im Laufe der Zeit ging Christo dann noch weiter. Er verhüllte nicht nur die Realität, die sich als „angebliche Kunst“ verkauft, er gestaltete Räume in einer völlig absurden Art und Weise. Er hing einen riesigen Vorhang zwischen zwei Berge. Er stellte hunderte von Schirmen in Japan und in Amerika in die Landschaft. Er wollte einen Fluss in Amerika mit einer Plane überdecken. Er baute die berüchtigten „Gates“ auf den Wegen durch den Central Park, er baute in Norditalien einen Weg über einen See etc. Alles immer nur für wenige Wochen. In der Dokumentation auf ARTE sieht man einen wunderbaren Querschnitt über seine Projekte!

Und immer musste sich der Betrachter/die Betrachterin auch hier bewusst oder unbewusst fragen: „Was soll das denn?“ Und immer stand der Betrachter/die Betrachterin auch hier vor etwas eigentlich nicht Realem. Sein Privileg. Wann kann man etwa schon über das Wasser gehen? Und genau diese Erlebnisse waren es, die den Betrachter/die Betrachterin bereicherten! Durch deren Absurdität, durch diese absurde Entfernung der Realität und dann aber doch wieder durch deren immense ästhetische Schönheit, erlebten die Betrachter/die Betrachterinnen Kunst, erlebten eine Erweiterung der Realität. Jeanne-Claude erklärte genau diese Momente übrigens wunderbar auf der oben erwähnten Versammlung in Amerika, in der einmal über ein weiteres Projekt diskutiert wurde.

Also: Christo und Jeanne-Claude führten uns doch zur Kunst! Zur höchsten Form der Kunst, könnte man sagen. Und die beiden waren unglaublich einzigartig auf der Welt! Sie werden es wohl auch bleiben, ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein anderer Mensch künftig jemals „Verhüllungen“ vornimmt.

Mit diesen Gedanken hat mich jedenfalls die oben angepriesene Dokumentation auf ARTE bereichert.

Gut, wenn Rembrandt einen Obstteller gemalt hat, war und ist das natürlich auch Kunst. Dennoch! Christo hat uns mit seiner Kunst die Gelegenheit gegeben, mit verwirrten (oder beglückten?) Gefühlen endlich kurz einmal von der stumpfen und beschränkten Realität Abschied zu nehmen. Wenn man es „live“ erlebt hat. Ein großes Verdienst.

HIER der Link zur Dokumentation.

Copyright der Bilder: Frederik Ehlers

THEATER: Gabriele Tergit – Effingers

Ich hatte es im letzten Blogbeitrag schon erwähnt: In den Münchner Kammerspielen habe ich nun das Stück „Effingers“ gesehen. Ein Familientableau aus der Zeit 1883-1942. Ich hatte es schon im letzten Blogbeitrag erwähnt, weil ich kurz danach am Münchner Residenztheater ebenfalls ein Stück gesehen hatte, das ein großes Tableau beteiligter Personen bietet. Allerdings aus modernen Zeiten, „Unsere Zeit“ von Simon Stone. Beide Inszenierungen sind große Ensemblearbeiten.

„Effingers“ basiert auf einem Recht monströsen Buch der jüdischen Schriftstellerin Gabriele Tergit, die in der Zeit von 1894-1982 lebte. Die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen war die „Welturaufführung“ dieses Stückes. Regie hatte Jan Bosse. Die nächsten Aufführungen von „Effingers“ sind am 1., 16. und 17. November.

Drei Generationen:

  • der Bankier Emmanuel Oppner, der die Geschäfte der Geschwister Effinger finanzieren wird, und seine Frau Selma Oppner
  • deren vier Kinder Theodor, Sofie, Klara und Annette
  • dann Karl und Paul Effinger, die zunächst eine Schraubenfabrik gründen und später in die Automobilbranche eintauchen. Sie sind etwa im Alter der Kinder des Bankiers Oppner – also mittlere Generation – und heiraten dessen Töchter Klara und Annette
  • deren Kinder wiederum, die dritte Generation, darunter etwa Lotte (Tochter von Paul Effinger und Klara Oppner) und Marianne (Tochter von Karl Effinger und Anette Oppner)

Es sind weitere Personen im Familientableau. Hier findet man den kompletten Stammbaum des gesamten Tableaus, hilfreich für den Besuch der Inszenierung:

Im Programmheft werden diejenigen Elemente genannt, die das Leben dieser drei Generationen deutlich bestimmten: „Industrialisierung, Jahrhundertwende, der 1. Weltkrieg, die beginnende Frauenbewegung, eine Pandemie, Inflation, Antisemitismus, Nationalsozialismus, Faschismus.“ Vor diesem Hintergrund wird die Familiengeschichte der Effingers aufgeblättert. Große Umbrüche.

Die Bühne ist weitgehend leer, im hinteren Teil steht eine große Plexiglaswand, auf die manchmal Fotos einzelner Personen der drei Generationen projiziert werden. Auch kleine Videos werden dort gezeigt, der obige Stammbaum wird zum Teil mit Kreide drauf geschrieben, Jahreszahlen werden drauf geschrieben. Die Familienmitglieder stellen sich immer wieder zu Gruppenfotos zusammen. All das – zusätzlich zur immer zeitgemäßen Kostümierung der Personen – gibt Orientierung. Ansonsten stehen links und rechts auf der Bühne viele Stühle, oft sitzen die Schauspieler auf diesen schmucklosen Stühlen.

Es ist ein Abend, der nicht zur Fantasie angeregt, es ist eine dokumentarische Schilderung der drei Generationen. Schade, ich bevorzuge Theaterabende, die meine Fantasie anregen. Ich vermute, dass etwas mehr an „freiem Griff“ in die Familienentwicklungen möglich gewesen wäre. Mehr Wagnis, die Charaktere zu zeigen. Weder das Thema, noch die Art der Inszenierung, auch nicht das Bühnenbild, wecken aber Fantasie. All die Elemente, die die damalige Zeit prägten, sind ja hinlänglich bekannt. Der Familienroman von Gabriele Tergit mag beeindruckend sein, es bleibt aber auf der Bühne leider eine rein dokumentarische, nüchterne Arbeit. Sie bietet kaum Gelegenheit für die Schauspieler, sich vielseitig zu zeigen. Gut, man hat die Gelegenheit, viele neue Ensemblemitglieder der Münchner Kammerspiele kennen zu lernen. Allzu viele Gelegenheiten dazu gab es ja in den letzten Jahren nicht.

Edmund Telgenkämper stach für mich heraus. Er hatte meines Erachtens sehr große Bühnenpräsenz. Dazu das Beitragsbild oben.

Fazit: Wer rein historisch an dieser Zeitspanne der riesigen gesellschaftlichen Umbrüche vor den beiden Weltkriegen interessiert ist, nicht etwa irgendwelche Bezüge zum Leben in unserer Zeit erwartet, hat hier Gelegenheit, eine entsprechende Familiengeschichte zu sehen.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic

THEATER: Macbeth – Trilogie, Teil II

Was tut man sich an, wenn man sich im Theater Shakespeare’s Macbeth anschaut? Warum schaut man ihn an? Man könnte doch ein Fußballspiel anschauen! Aber Macbeth – das ist doch wirklich kalter Kaffee!

Mord an einem König –  was hat das mit unserer Zeit zu tun? Geht man hin, weil es „Kultur“ ist? Will man sich einfach nur ein wenig von einem schönen Stück „anregen“ lassen? Oder was? Jeder hat so seinen Grund, schön und gut. „Macbeth“ ist ja noch dazu derzeit – ich habe es bereits geschrieben – an mehreren Orten zu sehen. In Berlin, in Wien, an zwei Theatern in München, in Nürnberg.

Und da geht es los: Es gibt Inszenierungen, die „Macbeth VON William Shakespeare“ bringen  und es gibt Inszenierungen, die „Macbeth NACH irgendwem ………….. VON William Shakespeare“ bringen.  So etwa gerade am Berliner Ensemble,  an dem Macbeth NACH … Heiner Müller … VON William Shakespeare zu sehen ist. Ich hatte ja kürzlich darüber geschrieben (HIER).

Und gerade bei den Inszenierungen von Macbeth NACH irgendwem ……….. wird es interessant. Da will jemand auf der Basis von Shakespeare’s Macbeth eine eigene Sicht der Dinge auf die Bühne bringen. So habe ich mir natürlich gestern, Freitag, 17. Dezember 2018, an den Münchner Kammerspielen die Premiere von Macbeth NACH Amir Reza Koohestani VON William Shakespeare angesehen. Amir Reza Koohestani hat schon mehrfach an den Kammerspielen inszeniert.

Die Basis der Inszenierung gestern war weiterhin – im Hintergrund – die Story von Shakespeare’s Macbeth: Macbeth hört von Hexen – den drei „Schwestern“ -, dass er König von Schottland werden kann. Angestachelt von seiner Frau, Lady Macbeth, tötet er den König Duncan und seinen alten Freund Banquo, weil die Hexen vorausgesagt hatten, dass Banquos Nachfahren wiederum Könige werden würden.

Aber wenn ich mir Macbeth NACH irgendwem ansehe, weiß ich, dass ich (auch) etwas anderes zu sehen bekomme. Wenn ich den klassischen Macbeth sehen will, gehe ich nicht hinein. Der Schauspieler Christian Löber – er spielte den „Macbeth“  und eine Person, die Regisseur und Schauspieler für eine bevorstehende Macbeth-Inszenierung ist – sagte kürzlich in einem Interview: „Es braucht eine Idee im Hier und Jetzt, durch die man mit dem Stück verstrickt ist.“ Und: „… wenn man das Theater als Ort wahrnimmt, wo sich die Gesellschaft mit sich auseinandersetzt, muss man mehr machen, als nur ein Märchen zu erzählen.“

So war es auch gestern. Da hat sich also der Iraner Amir Reza Koohestani mit Shakespeare’s Macbeth auseinandergesetzt.  Oder jedenfalls mit einem Thema, das man auch in „Macbeth“ findet. Ist schon einmal aus sich heraus interessant!  Es hat etwas mit Scheitern zu tun. Macbeth scheitert am Ende ja auch, er wird getötet.

Soviel zunächst. Ich muss mir über den Abend noch Gedanken machen, noch kann ich nichts schreiben. Bisher habe ich mich nur angenähert.

©️ des Beitragsfotos: Thomas Aurin, Kammerspiele

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Gesehen und gehört

THEATER: Peter Weiß – Marat/Sade

Eine der ersten Premieren der neuen Spielzeit! Marat/Sade von Peter Weiß wird in dieser Spielzeit am Münchner Residenztheater gebracht. Was ist das denn? Hört man selten! Das Stück heißt eigentlich kurz und knackig: „Die Verfolgung und Ermordung von Jean Paul Marat, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes Charenton unter Anleitung des Herren de Sade“.

Und worum es geht? Es ist ein Drama, das zur Zeit der Französischen Revolution spielt. Es war sogar sehr schnell ein Welterfolg, in den Sechzigerjahren. Im Mittelpunkt stehen Jean Paul Marat und Marquis de Sade mit ihren damals konträren Weltanschauungen und Staatsentwürfen. Während Marat der Gesellschaft (zum Wohle aller, wie er glaubt) Moral und Tugend aufzwingen will, das (arme) Volk vertritt und die Revolution – blutig, wie sie geworden ist – rechtfertigt, resigniert de Sade angesichts der vorgeblichen Natur des Menschen, verlacht Marats sozialistische Ideen und sieht das Heil in der Loslösung des Einzelnen aus der Gesellschaft. Er vertritt den puren Individualismus. Könnte auch auf die heutige Zeit passen.

Der Autor Peter Weiß hat damals (1964) drei Zeitebenen gebaut:

  • Der Zeitpunkt des Todes von Jean Paul Marat (1793)
  • Der Zeitpunkt, zu dem Marquis de Sade sein Theaterstück über Marats Ermordung im Irrenhaus spielen lässt (wenige Jahre später)
  • Der Zeitpunkt, zu dem das Stück aktuell gezeigt wird.

Man erlebt hier alle drei Ebenen. 

  • Die Ermordung von Jean Paul Marat ist der Inhalt des Theaterstückes. Er wurde in einer Badewanne ermordet. Ständig sitzt oder liegt er in der blutgefüllten Wanne, schmerzerfüllt wegen seiner Hautkrankheit. Von der Attentäterin Charlotte Corday (Lilith Hässle) wird er – der Realität entsprechend – letztlich ermordet. Der Nationalismus unter Napoleon zieht damit auf! Auch Nationalismus und Abschottung sind ja fürchterlich aktuell!
  • Marquis de Sade (Charlotte Schwab) sitzt meistens seitlich an der Bühnenwand oder mischt sich ein. Zentral sind seine Diskussionen mit Jean Paul Marat (Nils Strunk) über die unterschiedlichen Weltanschauungen:  De Sade glaubt nur an sich, alles andere lohne sich nicht, und Marat glaubt an die Sache. De Sade sagt etwa:  „Ich pfeife auf diese Nation, so wie ich auf alle anderen Nationen pfeife, ich pfeife auf diese Bewegungen von Massen, die im Kreis laufen. Ich pfeife auf alle guten Absichten, die sich nur in Sackgassen verlieren. Ich pfeife auf alle Opfer, die für irgendeine Sache gebracht werden. Ich glaube nur an mich selbst.“ Das  ist doch heutzutage starker Tobak!  Dieser totaler Rückzug in den Individualismus geht doch heute nicht!
  • Nils Strunk als Jean Paul Marat wendet sich außerdem direkt an das Publikum und stellt aktuelle Bezüge her. Unterstützt durch ständige kleine Kommentare eines Ensemblemitglieds, das in den hinteren Reihen unter den Zuschauern sitzt.

Nun, ich würde selber gerne einmal Regisseur eines Theaterstücks sein. Aber wer lässt mich das schon machen? Oder wer lässt mich mitmachen! Ich würde mehr zuspitzen. Und ich würde das Publikum eher verstören wollen. Ich würde mich mehr in ein Thema hineinsteigern! Denn auch hier fand ich: Es war etwas gebremst. Was wird letztlich ausgesagt? Es ist ja politisches Theater! Und es werden ja sogar aktuelle Bezüge hergestellt! Söders Wahlplakate, das PAG etc. spricht Marat/Nils Strunk gegenüber dem Publikum an. Und genau dafür blieb es meines Erachtens etwas zu unklar. Gut, man kann über radikalen Individualismus nachdenken und über sozialistische Ideen. Letztere verlieren hier ja gnadenlos, sie werden „ermordet“, die sozialistischen Gedanken. Das halte ich schon für fragwürdig. Da hätte man den Konflikt zwischen Individualismus und sozialistischen Ideen doch mehr in den Brennpunkt holen können! Schauspielerisch von allen gut, aber eben „im Stück“ verhaftet. Aber da kommt meine Zuneigung der Performance gegenüber durch.

Was die Inszenierung angeht, muss ich sagen: Es war irgendwie ein bisschen ein Frank Castorf-Verschnitt. Ein halbherziger Castorf-Verschnitt. Es fanden sich einfach viele Elemente, die für eine Castorf-Inszenierung seit Jahren einfach typisch sind: Die Drehbühne, einige „schräge“ Gestalten, undefinierbare, durch dünne Wände getrennte Räume (fast in französischem blau-weiß-rot gehalten), ein Zauberer mit Zylinder, in Strapsen und mit kniehohen Lederstiefeln, der immer wieder zum Publikum spricht, Gittertüren, die die Durchgänge durch die sich drehenden Wände ergaben, all das (und mehr) sind zweifellos Castorf-ähnliche Elemente. Generell die Art der Inszenierung, fast die Spielweise der Schauspieler war in einer Linie mit Castorf. Jedenfalls waren es bühnentechnisch Denic-ähnliche Elemente. Denic ist es ja, der seit Jahren für die Castorfschen Inszenierungen die Bühnenbilder schafft. Es fehlte nur die bei Frank Castorf typische Videoleinwand! Und die fehlte vielleicht wirklich am ehesten. Die Regisseurin Tina Lanik (die das Residenztheater demnächst verlassen wird) hat hier meines Erachtens zu wenig auf Eigenes und Freches und wirklich Überraschendes zurückgegriffen. Das Stück hätte es hergegeben.

Ein anderer Eindruck übrigens: Die schöne Bühne des Residenztheaters wirkte durch die vielen sich bewegenden Wandkonstruktionen seltsam klein! Schade!

Ein weiterer Eindruck: Wieder einmal gibt das Programmheft eine fast radikalere Darstellung des Themas, als die Darstellung auf der Bühne.  Etwa Auszüge aus dem Buch von Micah White, „Die Zukunft der Rebellion. Eine Anleitung“, Berlin 2018. White schreibt im „The Guardian“ viel über Proteste, von Occupy (er ist Mitgründer gewesen) bis zu Trump. HIER der Link zu White im The Guardian.

So, jetzt habe ich einiges beschrieben, ohne besonders auf Inhaltliches einzugehen. Dazu kann man es sich ja ansehen, dann kann man sich Gedanken machen. Aktuell geht es ja in unseren Zeiten immer wieder um Individualismus/Sozialismus/Nationalismus/Abschottung/„irre Politiker“ etc.

HIER die Onlineseite des Residenztheaters zum Stück.

Oder man schaut sich einfach meine nächste (erste) Inszenierung an.

©️ des Beitragsfotos: Mathias Horn

THEATER, LITERATUR: Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

Alle Tage sind gleich lang, jedoch verschieden breit.“ Diesen schönen Spruch hat Udo Lindenberg einmal getan. „Breit“ kann man gerade bei Udo Lindenberg natürlich so oder so verstehen! Der Satz steht auf einem Siebdruck eines limitierten Aquarells von ihm.  Udo Lindenberg kennt ja jeder: Es ist doch dieser Mann, der sein Leben lang einen Mann spielt, der Udo Lindenberg ist ….

Der Satz über die Länge und Breite der Tage wird wiederum zitiert in der Inszenierung „Panikherz von Oliver Reese am Berliner Ensemble. Habe ich gesehen. Die Inszenierung geht wiederum zurück auf ein Buch. Das BuchPanikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre. Habe ich dann gelesen. Über beides schreibe ich hier.

Und was das jetzt noch mit Udo Lindenberg zu tun hat? Zum Einen hat Panik immer mit Udo Lindenberg zu tun. Ich glaube Udo Lindenberg hält sämtliche Markenrechte an dem Wort „Panik“. Zum Anderen erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre im Buch Panikherz wahnsinnig viel von seiner schon in Jugendjahren bestehenden Liebe zu eigentlich allen Udo Lindenberg Songs, er ist mit ihm befreundet.

„Panikherz“ nach Benjamin von Stuckrad-Barre wird als Theaterstück in der kommenden Spielzeit am Berliner Ensemble weiter gebracht werden.

Zum Buch: Mir hätte ein Lektor das Buch um die Ohren gehauen. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre hat ja einen Namen und schon einiges veröffentlicht. Das schlaue Wikipedia sagt:

Bekanntheit erreichte er vor allem mit seinem 1998 erschienenen Debütroman Soloalbum sowie dem 2003 entstandenen gleichnamigen Film. Durch den Erfolg dieses Romans und seiner folgenden Werke entwickelte sich Stuckrad-Barre zu einem der neuen deutschen Popliteraten der 1990er Jahre.

Das Buch ist eine autobiografische Erzählung des bisherigen Lebens von Benjamin Stuckrad-Barre. Eine völlig lineare Erzählung, ohne Höhepunkte, ohne einen besonderen Stil (außer: locker dahingeschrieben), ohne Hervorhebung oder Darstellung bestimmter Personen oder Gegebenheiten oder eines Themas, absolut ichbezogen, stoned, literarisch nicht besonders, nur anfangs lustig, mit abnehmender Tendenz. Man kann es lesen, um den irren Lebensweg von Benjamin Stuckrad-Barre zu sehen. Sein Leben gibt viel her. Haben offenbar auch viele gemacht, sagt die SPIEGEL-Bestsellerliste.

Auf den ersten Blick kann man sagen: „Naja, einer dieser Medienfuzzis, die es geschafft haben, ins Fernsehen zu kommen und bekannt zu werden. Und irgendwie nichts ernst nehmen. Einfach das Leben als irre Welle mitnehmen.“ Das sagt am Anfang der Inszenierung auch eine der vier SchauspielerInnen, Bettina Hoppe: Jede Welle schlägt gegen die Felsen nach dem Motto: „Ist mir egal – wumm – ist mir egal – wumm – egal –„. So mag er es. Naja! Talkshows, Bücher, Freundschaft mit Christoph Schlingensief, Freundschaft mit Udo Lindenberg, überall einen Fuß in der Tür der Medienwelt, journalistische Tätigkeiten bei der Zeitschrift Rolling Stones, der taz, beim NDR, Autor für die Harald Schmidt Show, alles Backstage, alle Exzesse der Welt, Alkohol, Drogen, Bulimie, mehrere Entzugstherapien und so weiter. Exzessiv, aber mehr nicht.

Das Buch zeigt, wie Benjamin von Stuckrad – Barre immer schön am Abgrund entlang lief. Er war eine Zeit lang ziemlich kaputt (das schreibt sich allerdings ziemlich undramatisch). Zeilen aus Liedern von Udo Lindenberg, aber auch von vielen anderen Musikern seiner Zeit, werden immer wieder gebracht. Vor allem die Musik von Udo Lindenberg scheint zu seinem Befinden gepasst zu haben.

Aber er hat es immerhin geschafft, nicht endgültig abzustürzen. Ich muss das umfangreiche Buch noch zu Ende lesen, es ist aber – finde ich – so schlechte Literatur, ich brauche eine Pause. So gesehen mein Fazit: Interessant, auch diesen Weg zu sehen, aber nicht unbedingt zu empfehlen! Strandlektüre vielleicht.

Zur Inszenierung: In der Inszenierung von Oliver Reese (auch Intendant des BE, Nachfolger von Claus Peymann) hört man immer wieder Ausschnitte aus Stücken von Udo Lindenberg. Ein schönes Potpourri, auch wenn es klanglich nicht immer überzeugt. Livemusik und die Schauspieler singen.

Alle vier Schauspieler stellen Benjamin von Stuckrad-Barre dar und erzählen aus dem Buch. Wie eine mitgespielte Lesung. Am überzeugendsten spielt – finde ich – Nico Holonics, der den Verfall von Stuckrad-Barre am exzessivsten darstellt. Und Carina Zichner, die eine erstaunliche Bühnenpräsenz hat. Sie stellt Benjamin Stuckrad-Barre vor allem in jungen Jahren dar. Die Inszenierung hat mir gefallen! Nicht gekünstelt, nicht überdrallert, nicht affektiert, nah am Buch. Klares Bühnenbild, vorne nichts und im Hintergrund eine Bar, Livemusiker. Aber das Buch selbst ist eher eine Zumutung..

UND ACHTUNG: Am 6. Oktober 2018 gibt es im BE (Berliner Ensemble) eine lange Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Nacht mit einer Sondervorstellung von „Panikherz“ um 17.00 Uhr und einer anschließenden Marathonlesung „20 Jahre Soloalbum“ ab 19.30 Uhr mit Benjamin von Stuckrad-Barre und zahlreichen Gästen. Amüsant allemal!

HIER der link zur schönen Seite des Berliner Ensembles online zum Stück „Panikherz“.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Röder, BE

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THEATER: Marta Gornicka – Jedem das Seine

Aufstehen und schreien. Sonst hilft ja kaum mehr was. Marta Gornickas Inszenierung „Jedem das Seine“ an den Münchner Kammerspielen ist so ein Aufschrei. Im Juni noch ein paar Mal zu sehen. Dauer ca. 40 intensive Minuten.

Marta Gornicka lässt in ihren Arbeiten meist einen vielstimmigen – „feministischen“ – Chor sprechen, den sie aus dem Publikum heraus dirigiert. „The Chorus of Women“ heißt es auf ihrer WEBSITE. Sie ist bekannt dafür. Ich kam fast ins Schwitzen. Das hatte ich so nicht erwartet. Ein choraler Protest. Sie nennt ihre Arbeit ja auch „Manifest“. Es geht nicht um schauspielerische Leistung, es geht allein um den Inhalt, die Aussage, die Frage, wie weit der Zuschauer davon in den Bann gezogen wird.

Es war fast die Frage: Ist da der begrenzte und irgendwie exklusive Raum des Theaters noch der richtige Ort? Es hätte auch öffentlich am Marienplatz stattfinden können. Man wäre stehen geblieben! Und es hätte als Protest fast noch besser gepasst! Aber auch Theater wird ja derzeit wieder aktivistischer, politischer, kritischer. Deswegen passt es auch sehr gut ins Theater. Ein Theater mit anderen Kriterien, als gewohnt. Theater müssten fast Begleitmaterial zu solch einer Performance anbieten.

Nur: Protest gegen was war es? Gezeigt wird das Bild von „Fleisch“ und „Sex“ und „Donald Trump“ und „Nationalismus“ und „Faschismus“. Protest gegen eine rücksichtslose und sich immer mehr abgrenzende männliche Welt irgendwie, würde ich sagen. Trends der Zeit, gegen die man aufschreien kann! Das weltweite Machogehabe und seine Auswüchse.

Der Chor rezitiert Auszüge aus verschiedenen feministischen Manifesten. Und er kommt auf die offenbar bekannte Verbindung von Antifeminismus und Faschismus zurück. Schon der Titel „Jedem das Seine“ wurde ja früher von den Nazis missbraucht. Gut und bezeichnend ist dann natürlich: Jede/r der Mitwirkenden ist wunderbar individuell gekleidet, nicht einheitlich wie in alten Nazizeiten. Und jede/r nicht schrill auffallend, sondern angenehm individuell. Und doch entsteht Einheitlichkeit. Aber eben eine Einheitlichkeit des Protestes.

In der Ankündigung der Inszenierung auf der Website der Kammerspiele (HIER der link) heißt es:

Nicht nur wird die existierende Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, sondern vielmehr eine patriarchale Weltordnung als strukturelles Problem thematisiert: Auch alle feministischen Manifeste, auf die sie sich teilweise in der Inszenierung beruft, haben daran bisher nichts ändern können, so ihre These.

Hier ein schönes Bild, das Jean Peters vor wenigen Tagen vom Zustand der Welt brachte. Seine Themen, die Themen des Kollektiv Peng!, stehen fast hinter Marta Gornickas Protestschrei. Jean Peters ist Mitglied des KOLLEKTIV PENG! und hielt – nicht als Preisträger! – gerade eine recht bittere Rede zum George Tabori Preis 2018. Er sagte etwa:

Uns ist da eine Ethik abhandengekommen. Oder, sie ist nicht abhandengekommen. Sie ist wie die Oma in der Familie, die wir ja noch pflegen und lieb haben und die immer einen weisen Rat parat hat, aber sie bestimmt nun mal den Alltag nicht.“

Eine Oma, die nicht mehr schreit. Die Rede endet wie folgt:

George Tabori hatte die Gabe, sehr verspielt, sehr liebevoll zu arbeiten, wie ich gehört habe. … Er hatte eine feine Gabe, mit einer einladenden, humorvollen und liebevollen Art Regeln zu brechen und uns dazu einzuladen mitzumachen. Davon brauchen wir mehr, und zusammen mit der Oma, die an soziale Gerechtigkeit erinnert, und dem kleinen forschenden Kind in uns können wir uns auch trauen, den Kulturraum für das völlig verrückte und verträumte, aber – und das ist mir wichtig – realpolitische Spiel zu öffnen.

Ja, Realpolitik, man kann nicht wegschauen. Schön, dass aufgeschrien wird. HIER die schriftliche Fassung der Rede von Jean Peters.

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Copyright des Beitragsbildes: David Baltzer, Münchner Kammerspiele

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Gesehen und gehört

THEATERTREFFEN EXTRA: Die Odyssee – nach Homer (Thalia Theater Hamburg)

Noch ein paar Tage lang kann man auf 3sat Die Odyssee – Eine Irrfahrt nach Homer, Inszenierung am Thalia Theater in Hamburg von Antu Romero Nunes, sehen. In der Mediathek kann man sie abrufen. Wer einen feinen, lustigen Theaterabend haben möchte, sollte es sich ansehen.

In der Ankündigung auf 3sat heißt es zurecht: „Einer der lustigsten Theaterabende seit langem, da sind sich Publikum und Kritiker einig.“

Die Söhne von Odysseus, Telegonos und Telemachos, treffen sich zur Beerdigung des Vaters. Es geht nur wenig um die Irrfahrten des Vaters. Es sind eher die Dialoge der Brüder, die sich nicht kannten. Sporadisch tauchen aber immer wieder Anspielungen an die Odyssee auf. Auch wenn nur der Name Achill fällt. Oder wenn sie den Kriegerhelm von Odysseus aus dem Sarg holen. Oder wenn die Söhne das heldenhafte Kriegsgeschrei des Vaters nachahmen. Sie sprechen übrigens in einer Kunstsprache!

Die beiden Söhne gehen unterschiedlich mit ihrer Situation um. Jeder staunt immer wieder über den anderen. Jeder lässt sich vom anderen mitreißen. Telegonos, mit Zauberfähigkeiten ausgestattet, sieht alles etwas unbedarft. Telemachos dagegen sieht alles um Einiges ernster. Es geht irgendwie darum: Die Odyssee könnte im Rückblick Quatsch sein – es wird aus damaliger Sicht aber alles auch unglaublich heroisch gewesen sein. Im Hintergrund der Bühne hängt auch ein großes Bild des grimmig dreinblickenden Kirk Douglas, Darsteller von Odysseus. Und genauso das Leben: Es könnte alles Quatsch sein – es ist aber nun einmal da.

Dieses Hin und Her der Gefühle zwischen Ernst und Quatsch spielt sich zwischen Telegonos und Telemachos am Sarg von Odysseus ab. Es ist eigenartig kindlich humorvoll und andererseits erwachsen ernst und demütig. Zeitlos ist es und verglichen wird es ansatzweise mit „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett. Nur im Kern einfach humorvoller. Ich habe auch lange nicht mehr an einem Theaterabend trotz des schweren Titels „Die Odyssee“ so oft schmunzeln oder auflachen können.

Copyright des Blogbildes: Armin Smailovic, Thalia Theater

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Sonstiges

SONSTIGES: Ballett – Anna Karenina von Christian Spuck

Zugegeben, Ballett ist nicht Schwerpunkt dieses Blogs. Aber über den Tellerrand hinaus blicken, ist doch immer interessant. Und in Kürze folgt viel THEATER. Das Theatertreffen 2018 steht bevor! Und Tanz findet sich ja in heutiger Zeit auch immer wieder einmal in Theatern. Wenn auch nicht in derartiger Perfektion wie im Ballett. Anna Karenina von Lew Tolstoi wurde als Ballett im Bayerischen Nationaltheater in München auf die Bühne gebracht. Choreographie Christian Spuck. Was für ein anderes Erlebnis! Es wird in dieser Spielzeit noch einmal und dann in der kommenden Spielzeit das ein oder andere Mal zu sehen sein! Also, wer Interesse hat:

Den Roman Anna Karenina von Lew Tolstoi (man betont Karenina ja auf dem „e“) kann ich ja unbedingt empfehlen. Er gibt einen unglaublich detaillierten, vor allem nicht schwülstigen Einblick in das russische Leben zur damaligen Zeit. Und aus russischer Sicht den Blick auf das damals weltweit noch große Problem des Ehebruchs. Der Eifersucht, der Liebe, des Hasses, der Verzweiflung, der Konkurrenz, des Abgrundes, der gesellschaftlichen Erwartungen. Es endet ja tragisch.

Im Bayerischen Nationaltheater in München hat jetzt also – ich hatte die Chance, hinzugehen – Christian Spuck den 1000-Seiten-Roman als Ballett auf die Bühne gebracht. HIER ein Trailer. Und HIER (das kleinere Video rechts anklicken) ein Video mit Erläuterungen von Christian Spuck und den beiden „Protagonisten“ sowie weiteren Ausschnitten der Inszenierung. Ansehen! In den Videos sieht es fast kitschig aus, ich finde aber, Christian Spuck hat das Gespür, Kitsch zu vermeiden. Es wird Eleganz.

Ballett kann man „mögen oder nicht mögen“, finde ich, es ist nicht so diskursiv wie Theaterabende sein können. Ich hatte mich aber dennoch sehr darauf gefreut, denn:

Ich erinnerte mich: Als junger Student hatte ich tatsächlich (!) längere Zeit den Gedanken, das Gefühl, dass ich am liebsten Balletttänzer wäre! Nicht viele Worte, sondern Tanz, das hatte mir gefallen! Ich hatte ein Jahr in Lausanne studiert, dort erschien beim jährlichen Prix de Lausanne irgendwie auch der Ballettstar John Neumeier, ich glaube als Mitglied der Jury. Oder es gab einen John-Neumeier-Preis für den Nachwuchs. Aber für Ballett muss man ja schon als Kind mit Tanz beginnen. Tja, daraus ist leider nichts geworden. Knapp daneben, ich wurde Rechtsanwalt. Naja, das ist doch ähnlich, es ist eben Ballett mit Worten? Nein, es ist eher Fechten mit Worten, würde ich sagen!

Und es gab noch einen besonderen Grund, hinzugehen: Ich hatte im Blog zu Ostern über Christian Spuck geschrieben. Er hatte mit dem Staatsballett und dem Staatsorchester Zürich das Verdi-Requiem („Messa da Requiem“) als Ballett mit Chor inszeniert. Es wurde zusammen mit einer Dokumentation über Spucks Arbeit auf 3sat gesendet. Ich war damals wahrlich begeistert! Jetzt war er zur Münchner Ballettwoche 2018 eingeladen.

Also bin ich hin. Und, was soll ich sagen: Ich war baff! Es wäre anmaßend, wenn ich jetzt hier eine detaillierte Kritik mit Pros und Contras bringen würde! Aber: Erster Gedanke mit Blick durch das Nationaltheater: Es ist schon ein Privileg, ich möchte sagen: elitär, es zu erleben. Man sollte einmal pro Monat einen Abend für Harz IVler geben! Kunst sollte nicht elitär sein! Allein das extreme Erlebnis, danach aus dem Nationaltheater in einen lauen Frühlingsabend zu treten, Blick auf die Frauenkirche und die Maximilianstraße … . Das sollte eigentlich nicht immer nur Wohlhabenden vorbehalten sein.

Während der Aufführung – und danach – dann der Gedanke: Diese unglaubliche Eleganz des Balletts, diese unglaubliche Schönheit des Bühnenbildes, der gesamten Choreographie, der Kostümierung, der Farben, diese unglaublichen Leistungen der TänzerInnen, die so treffende russische Musik, all das erleben zu können. Alles hatte eine irre Leichtigkeit trotz des so schweren Lebens von Anna Karenina. Gut, sie lebte in feinen Kreisen. Die Musik brachte dabei generell russische Schwere hinein, fand ich. Aber genau das war passend! Allein das Zusammenspiel von Musik (Auswahl Christian Spuck) mit dem Tanz, der Choreographie, dem Russischen. Leichtigkeit und Schwere mischtern sich so den Abend hindurch. Beides in Formvollendung. Die Trailer oben lassen es erahnen.

Und dann noch die Überlegung: Man sitzt da und betrachtet einfach mal so Menschen, die allein mit phantastischen körperlichen Bewegungen, mit Tanz, etwas zum Ausdruck bringen. Das allein macht doch etwas mit einem! Man rutscht komplett weg vom banalen Alltag! Etwa der – für mich – beeindruckendste Tanz von Jonah Cook und Lauretta Summerscales als Kostja (Lewin) und Kitty, dem zweiten verliebten Paar, dem der Roman folgt. Es war der erste Tanz nach der Pause.

Es waren also völlig andere Eindrücke als bei einem Theaterbesuch, zwei Welten. Auch wenn es um die Geschichte eines Romans ging, was ja in beiden Vorführungsformen vorkommt. Beeindruckend allemal!

 

 

 

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Gelesen und geblättert

LITERATUR: Merce Rodoreda – Auf der Plaza del Diamant

Wieder etwas neben Allem: Mehr zufällig bin ich auf das Buch „Auf der Plaza del Diamant“ von Merce Rodoreda gestoßen. Ich hatte etwas völlig anderes erwartet. Gabriel Garcia Marquez sagte laut Buchdeckel:

Ich weiß nicht, wie oft ich den Roman wieder gelesen habe, und einige Male auf katalanisch, mit einer Mühe, die viel über meine Verehrung aussagt.

Und ebenfalls auf dem Buchdeckel steht ein Zitat von Roger Willemsen:

Wer nicht davon lassen kann, wie ich, beginnt nach dem Umblättern der letzten Seite gleich wieder mit der ersten.

Beides klang sehr vielversprechend. (Aber man weiß ja nie, ob solche Zitate nicht eher Goodwill – Aktionen gegenüber dem Verlag sind.)

Merce Rodoreda ist, habe ich gelernt, eine katalanische Schriftstellerin. Man sagt, sie sei „eine der bedeutendsten katalanischen Autorinnen des 20. Jahrhundert“, Der Roman „Auf der Placa del Diamant“ habe sie berühmt gemacht, er wurde in 20 Sprachen übersetzt. Geboren war sie 1908, gestorben am 13. April 1983, also vor fast genau 35 Jahren. Katalonien ist ja ganz aktuell momentan.

Etwas genauer: Sie wurde 1908 in Barcelona geboren, ihre ersten Bücher erschienen in den dreißiger Jahren, darunter der mit dem Preis Crexells ausgezeichnete Roman „Aloma“. Dann begann ein fast zwanzigjähriges Schweigen: Merce Rodoreda ging, wie viele republikanische Katalanen, ins Exil nach Paris, bis sie vor den deutschen Truppen in den unbesetzten Teil Frankreichs floh und schließlich nach Genf zog. Hier arbeitete sie als Übersetzerin für die Unesco und begann wieder zu schreiben. Es entstanden die Romane, die sie berühmt machten: „Auf der Plaça del Diamant“ und „Der zerbrochene Spiegel“. Merce Rodoreda starb 1983 in Girona.

Das Buch Auf der Plaza del Diamant hat mich dann überrascht, da der Schreibstil so simpel ist, wie ich es noch nie gelesen hatte. Ich wollte es fast weglegen. Es wird kaum ein Buch geben, in dem etwa öfter das Wort „und“ vorkommt, was nicht an der Übersetzung liegen wird. Und dennoch berührt das Buch. Mit einfachsten Worten beschreibt Rodoreda (ACHTUNG: Ab hier sollte nicht weiterlesen, wer es selber lesen will!) ihre Liebe zu einem jungen Mann, ihr Leben mit ihm, sie bekommen zwei Kinder, die Zeiten des großen Elends während des spanischen Bürgerkriegs, ihr Mann zieht in den Krieg, sie schildert ihren Verlust des Lebenswillens, will sich und die beiden Kinder schon fast umbringen, schildert den Verlust ihres Mannes und ihre „Flucht“ in die Ehe mit einem älteren Mann, den sie schon lange kennt. Es ist wie eine Rettung für sie und ihre Kinder. Ein letztlich sehr berührendes Buch, das gerade durch die Einfachheit der Sprache die Situation sehr nahe bringt.

Zu einer Leseprobe geht es HIER

THEATER: Maxim Gorki – Kinder der Sonne

„Uns geht es doch gut!“. Und diejenigen, denen es gut geht, sitzen gerne unter ihrer Käseglocke. Es war schon immer so und wird so bleiben. Man kennt es auch aus aktuellen Zeiten, Nationalismus etc. Es war auch um 1900 in Russland der Anlass für Maxim Gorki, das Stück „Kinder der Sonne“ zu schreiben. Das Stück wird in dieser Spielzeit am Münchner Residenztheater gebracht. Ich habe es am Wochenende gesehen.
Außerhalb der Käseglocke, unter der die „Kinder der Sonne“ lebten, wütete damals – als Maxim Gorki das Stück geschrieben hatte – Armut und Wut, soziale Unruhen kamen auf, Revolutionsgedanken. Eine große Cholerepidemie lag damals gerade ein paar Jahre zurück. (Gorkis Vater war Opfer einer noch früheren Choleraepidemie gewesen, war daran gestorben.) Die Cholera hatte natürlich vor allem die armen Schichten ergriffen. Die Epidemie um 1900 war also auch ein soziales Thema. Es kam im Anschluss zum  „blutigen Sonntag“ in Petersburg, der brutalen Niederschlagung einer Demonstration. Maxim Gorki kam ins Gefängnis.

Aber unterhalb der Käseglocke ging alles schön weiter. Beziehungen, Wissenschaft, Kunst etc.  Klamauk. Die sozialen Unruhen „draußen“ werden in der Inszenierung des Stückes „Kinder der Sonne“ vielleicht fünfmal kurz erwähnt,  Lisa, die Schwester des Wissenschaftlers Protassow, spricht es (siehe das Beitragsbild, Mathilde Bundschuh) in zwei kurzen Monologen deutlich an und vier/fünf Rabauken stürmen am Ende des Stückes die Bühne. Davor konnte man über mehr als zwei Stunden lang dem Klamauk einer Beziehungsgeschichte unter der Käseglocke folgen. Es wird leider auch durchgängig gespielt wie ein Boulevardstück. Vor allem Norman Hacker als Wissenschaftler Protassow wirkt manches Mal zu boulevardmäßig in seiner hilflosen Art. Ob Maxim Gorki das Stück, das er immerhin nachts mit Sondererlaubnis im Gefangnis geschrieben hatte, so klamaukhaft verstanden hat, bezweifele ich. Aber das Münchner Publikum scheint zufrieden. Die Käseglocke wird nur kurz gelüftet. Dann wird es doch ein „schöner Theaterabend“. „Wir haben Maxim Gorki gesehen!“.

Wir haben die Käseglocke, gerade in Bayern und in München! Nur spielt sich außerhalb der Käseglocke heute anderes ab. Aber damit wird das Münchner Publikum durch diese Inszenierung nicht belästigt. Erstaunlich, dass im Programmheft des Residenztheaters auf Cholerafälle in Jordanien verwiesen wird. Schrecklich genug, aber es wäre fast verlogen, das als Anlass für die Inszenierung zu nennen. Als haben wir nicht ganz andere Themen! Es geht nicht mehr um soziale Unruhen in Russland! Aufkommender Nationalismus, Umweltzerstörung weltweit, vieles im Bereich „Produktionsweise für unseren Konsum“, Armut, etc. Das als Beispiele! Davon will der Münchner Theatergänger aber nichts wissen. Obwohl die Inszenierung durchaus in der heutigen Zeit ansetzt. So das Bühnenbild, so die Kostümierung. So auch etwa Einzelheiten wie das Staubsaugen mit Handstaubsauger durch Fima (das Dienstmädchen). Ich hätte mir z. B. gewünscht (ein Milo Rau hätte es wahrscheinlich gemacht), dass in dem Moment, wo die Rabauken die Bühne einnehmen, im Hintergrund auf Leinwand wirklich aktuelle Bilder des Weltgeschehens gezeigt werden. Bilder von „Außerhalb der Käseglocke“. Es hätte dem Stück schlagartig Brisanz gegeben. Dann hätte man Angst bekommen können. Im Programmheft heißt es ja, den Personen unter der Käseglocke stecke die Angst in den Knochen. Aber offenbar soll in dieser Inszenierung quasipolitisch nichts ausgesagt werden. Es wird nur etwas angedeutet. Und das, obwohl die Inszenierung, wie gesagt, bewusst in die heutige Zeit geholt wird.  Es war insoweit harmlos, der Blutdruck solle geschont werden.

Man kann sogar weiter gehen: Die Inszenierung führt den Zuschauer in die Irre. Und es zeigt sich noch etwas:  Das Residenztheater zeichnet sich großteils (mein Eindruck) dadurch aus, dass die fast immer sehr gut besuchten Stücke im wesentlichen von älteren Menschen besucht werden. Das ist ncht negativ gemeint. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Der gediegene Münchner geht aber gerne für einen schönen Theaterabend ins Residenztheater! Von daher ist der Charakter der dortigen Inszenierungen nicht unbedingt progressiv. Aber mit „Kinder der Sonne“ wird es schon fast auf die Spitze getrieben.
Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich persönlich gerne Theaterabende erlebe, die aufrütteln, beunruhigen, Neues zeigen, irritieren etc.

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Dashuber

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Allgemein Gesehen und gehört

THEATER: Bertolt Brecht – Trommeln in der Nacht VON Bertold Brecht

Jeder kann doch nur das machen, was er braucht und was er überhaupt kann. Mehr geht nicht. Wir sind keine Übermenschen! So hat es vielleicht auch Bertolt Brecht gesehen, als er für das Stück „Trommeln in der Nacht“ ein Ende gesucht hatte. Es war das zweite Werk des damals 24-Jährigen. Gestern war Premiere in den Kammerspielen,Trommeln in der Nacht“ von Bertolt Brecht. Inszeniert von Christopher Rüping.

Ja, wir können nur das machen, was wir brauchen und können, also schaffen. Wir sind keine Übermenschen! Vielleicht hat Brecht gesehen, dass ein Mann, der nach dem I. Weltkrieg und vier Jahren Kriegsaufenthalt in Afrika nach Hause kommt, nicht gleich an einer Revolution teilnehmen kann. Auch nicht aus Frust. Irgendwo hört es doch auf! Der tot geglaubte Kriegsheimkehrer Andreas Kragler – gespielt von Christian Löber – sucht Halt in seinem Leben. Es hat sich in seiner Abwesenheit alles weiterentwickelt. Er gehört da kaum mehr hin. Er sucht und braucht Vertrautes! Seine Verlobte Anna sollte schon einen Anderen heiraten, sie ist sogar schon schwanger von ihm, er selber galt als tot, erscheint wie eine Leiche auf der Bühne, die Fabrik des Schwiegervaters in spe stellte um auf Kinderwägen. Und er: Vier Jahre Afrika, völlig fertig, zurück in der alten Heimat. Wenn das nicht zu Orientierungslosigkeit führt! So kann es übrigens auch Flüchtlingen gehen, die derzeit hier in Deutschland sind. Andreas Kragler entscheidet sich im Stück „Trommeln in der Nacht“ VON Brecht originalgetreu aber dennoch – Anna kehrt zu ihm zurück – für seine damalige Liebe, für Anna. Ich verstehe diese Variante sehr gut, die Revolution war doch wohl eher etwas für daheim Gebliebene.

Es gibt zwei Versionen der Inszenierung, die künftig abwechselnd gezeigt werden: Einmal „Trommeln in der Nacht“ VON Bertolt Brecht und einmal „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht. Die Version Trommeln der Nacht VON Bertolt Brecht ist die von Brecht geschriebene Version. Bertolt Brecht hatte dann jahrelang mit diesem Ende gehadert, mit der Entscheidung für die Liebe und gegen die Revolution.

In der zweiten Version der Inszenierung, „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht, wird sich Andreas Kragler anders entscheiden. Was ja zumindest „auch“ im Sinne von Bertolt Brecht sein kann! Er wird sich für die Revolution entscheiden. Ich bin gespannt, am Sonntag Abend ist die Premiere dieser zweiten Inszenierung. Ich werde auch über die zweite Fassung berichten. Brechts Stück sollte ursprünglich „Spartacus“ heißen, da es in der Zeit des Spartacus – Aufstandes nach dem I. Weltkrieg geschrieben war. Das deutet in der Tat auf das Interesse Brechts an der Revolution hin. Obwohl er eben letztlich ein Ende gegen die Revolution gewählt hatte.

Zur Inszenierung: Es ist eine sehr gelungene Inszenierung. Getragen von einem überzeugenden Ensemble. Starke und sehr glaubhaft prägende Bühnenpräsenz haben vor allem Damian Rebgetz (als Journalist Barbusch) und Christian Löber (als Andreas Kragler), auch Wiebke Mollenhauer (als Anna). Es ließe sich so viel dazu sagen. Es gibt so viele Aspekte! Was da alles aus dem Text herausgeholt wird! Allein die Vielschichtigkeit der Inszenierung. Die immer wunderbar zur Brechtschen Zeit passenden Elemente, auch wenn stückchenweise Andeutungen zu modernerer Zeit gebracht werden, wenn etwa Damian Rebgetz „I shot the sheriff“ singt. Oder wenn die Modernität in der späteren Kostümierung und im Bühnenbild (etwa die herabgelassenen Neonröhrenkonstrukte) Einzug erhalten. Bertolt Brecht wurde damit aber, war mein Eindruck, in keiner Weise ausgehebelt. Es bleibt ein Brechtabend.

Zuerst wird man zurückgeführt in den ersten Akt der Inszenierung von 1922. Deutlich ironisch wird im alten Stil gespielt. Die Zeiten im Theater haben sich geändert! Die Uraufführung 1922 fand damals in den Münchner Kammerspielen statt (an anderem Ort). Das gleiche Bühnenbild wurde jetzt rekonstruiert. Dann rutscht man langsam in modernere Zeiten. Dennoch bleibt man voll und ganz im Thema von Bertolt Brecht. Es zerfaselt nicht! Weitere „Schicht“: Der Journalist Barbusch begleitet das Bühnengeschehen in immer wieder anderer Form auf süffisante Art und Weise. Er singt, er beobachtet, er erklärt einer fiktiven Person neben der Bühne den Inhalt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Inszenierung: Die Einbeziehung des Publikums. Es gelingt, das Publikum nicht beim bloßen Glotzen zu belassen. „Glotzt nicht so romantisch“ hatte Bertolt Brecht schon in seiner Uraufführung 1922 im Foyer der Kammerspiele plakatiert. Auch er richtete sich damit schon an das Publikum. Das Publikum, das auf der Bühne so gerne mit Dramatik, mit Mord und Totschlag amüsiert werden will, wird wachgerüttelt. Christian Löber – unterstützt von weiteren Schauspielern – wendet sich gegen Ende kämpferisch an das Publikum: Sinngemäß: „Nein, wir bieten Euch kein Drama, da müsst ihr schon selber dafür sorgen, wenn sich was ändern soll!“

Die Inszenierung bleibt insgesamt irgendwie nah dran an Bertold Brecht, der vor fast 120 Jahren in Augsburg geboren wurde. Allenfalls etwas ratlos hatte ich die Kammerspiele verlassen. Ich musste die Vielzahl der Aspekte erst einmal verdauen. Aber dafür habe ich ja auch noch die Aufführung der zweiten Versionam Sonntag, die sich nur am Ende von der gestrigen Inszenierung unterscheiden wird.

Wieder einmal sage ich: Hingehen!

Copyright des Blogbildes: Julian Baumann

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Allgemein Gesehen und gehört

THEATER: Mittelreich – Inszenierung mit schwarzen Schauspielern

Ein Stück tief bayerischer und deutscher Geschichte. Blick auf drei Generationen der bayerischen Wirtsfamilie des „Seewirt in Seedorf“ (eigentlich das Gasthaus Zum Fischmeister in Ambach am Starnberger See). Das ist Inhalt des sehr persönlichen Romans Mittelreich von Josef Bierbichler und der Musiktheater-Inszenierung dazu von Anna Sophie Mahler an den Münchner Kammerspielen. Die Weltkriege, die Nachkriegsjahre, Flüchtlinge, persönliche Schicksale.
Und jetzt dieselbe Inszenierung, gespielt von schwarzen Schauspielern (und Musikern). Dunkelhäutige Schauspieler und Musiker zu dieser bayerischen Erzählung! Zu sehen ist diese Kopie noch einmal am Samstag, den 21.10.2017. Das Original von Mittelreich in der Inszenierung von Anna Sophie Mahler ist dann am 03.11.2017 wieder zu sehen.
Interessant, wie kontrovers und engagiert sofort über die „Kopie“ – Inszenierung von Mittelreich von Anta Helena Recke geschrieben und gesprochen wird. Etwa zu lesen bei www.nachtkritik.de. Es war eine hoch detailgetreue Kopie der Inszenierung des Bierbichler-Romans, die 2016 sogar zum Berliner Theaterftreffen eingeladen war. Nur eine einzige Änderung: Anta Helena Recke, selber dunkelhäutig, besetzte die Rollen durchgehend mit dunkelhäutigen Schauspielern. Appropriation Art. Schon das Erstellen der Kopie wird demnach als ein neues Kunstwerk gesehen. Im Theaterbetrieb ein fast unbekannter Ansatz. Es geht der Appropriation Art allerdings nicht nur um das Erstellen der Kopie, sondern um einen Effekt, der dadurch zusätzlich eintritt. Hier durch die Art der Besetzung der Rollen für diese Kopie. Ziel einer Appropriation ist es, durch das Erstellen der Kopie einen anderen, sonst nicht auffallenden Aspekt sichtbar oder erfahrbar zu machen.
Mein Erlebnis: Es hat sich gelohnt! Irgendwie war es befreiend, erleichternd, zu sehen, dass es in dieser Inszenierung mehr um das Erlebte geht, nicht um das Deutsche daran. Das Deutsche daran verschwindet, verlässt jedenfalls das Zentrum der Erzählung! Man wurde sich im übrigen der Tatsache bewusst, dass man als Zuschauer solch ein Stück – oder jedes Stück? – gleich in einem (unsichtbaren) Kontext sieht. Und genau der wurde hier aufgehoben! Genau das war – für mich – der Aspekt, der sichtbar wurde. Der reine Vorgang der Appropriation – der Aneignung – wiederum ist dabei m. E. gut gelungen, man sah die so guten Schauspieler der Originalinszenierung vor sich: Annette Paulmann, Steven Scharf, Jochen Noch, Stefan Merki, Damian Rebgetz, Thomas Hauser. Besonders gelungen waren dabei die Kopien von Steven Scharf, Jochen Noch und Damian Rebgetz! Hinzu kam dieser besondere Effekt, das Stück anders zu sehen. Den sofort vorhandenen Kontext abzugeben, den man hereininterpretriert. Die eigene, mitschwingende Prägung der eigenen Sichtweise aufzugeben. Es fehlte einem ja die Möglichkeit, sich durchgehend am Deutschen und Bayerischen zu orientieren. Man konnte sich aber selber überprüfen: Was fehlte einem, was kam zum Vorschein? Natürlich schwang auch mit, dass man  dunkelhäutige Menschen – die Schauspieler – hier etwas anders als üblich erlebte. Ob man sie zu selten so erlebt, wird diskutiert, siehe oben. Aber das war, denke ich, nicht der Hauptzweck.
Man kann natürlich viel zerlegen in der Diskussion zu dieser Inszenierung. Ist es schon Rassismus, wenn man über Rassismus redet? Ist es Rassismus, wenn man andeutet, dass es Rassismus gibt? Ist es schon eine Vertiefung der Unterscheidung von Schwarz und Weiß, wenn man diesen Unterschied auch nur irgendwie hervorhebt? Geht es überhaupt um schwarz und weiß? Ich glaube nicht! Es hätten ja auch Japaner sein können! Sie würde sich tatsächlich wünschen, so Anta Helena Recke in einem Interview, „dass die Intendanten dieses Landes mich jetzt mindestens zwei, drei Jahre lang an ihre Theater einladen und Stücke kopieren lassen. Nicht unbedingt immer nur mit Schwarzen, sondern auch mit extrem dicken Frauen oder asiatischen Deutschen, es gibt viele Möglichkeiten der Sichtbarmachung.“ Abschließen würde sie den Arbeitszyklus am liebsten mit einem Tatort„Der Tatort ist für Deutschland, was ‚Mittelreich‘ für Theater-München ist. Wenn Sonntag um 20.15 Uhr eine Schwarzkopie von mir von einem Tatort läuft, dann kann ich damit aufhören.“
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SONSTIGES: Toskana

So ein schöner Flecken Erde! Die Toskana. Gut, wenn man länger hier ist, wird deutlich, wie verheerend die Lage ist. Es gibt etwa keine Hochhäuser! Ich gehe manchmal einfach ganz nah an irgendein Haus ran und blicke nach oben. Dann wirkt es schon ganz anders.

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Oder: Seit mehr als zwei Wochen bin ich hier: Ich habe ehrlich gesagt noch nicht eine einzige Ampel gesehen! Und das nicht etwa, weil ich mit dem Traktor auf dem Feld umhertuckern würde. Aber auch da gibt es eine Lösung: Ich halte ab und zu an Kreuzungen an und denke mir: Hier könnte man auch mal die grüne Welle einführen. Und bin ziemlich sauer.

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Dafür sind die Italiener Meister im Bau von heftigen Bodenwellen auf den Straßen! Es schüttelt einen hin und her. Das können Sie perfekt! Ist sicher nicht leicht! Verlegen sie Baumstämme unter dem  Teer? Sie sind aber sehr fair. Je nach Stärke der eingerichteten Bodenwelle – vielleicht auch je nach Dauer der Baumaßnahmen – warnen sie mit Verkehrsschildern. Wenn es sich um nichts besonders raffinierte Wellen handelt, dann warnen sie so:

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Und wenn es heftiger wird, was sie so gebaut haben, wird es so:

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Dann gibt es noch dieses manchmal schön versteckte Schild, wobei mir nicht ganz klar ist, worin der Unterschied zu den anderen beiden liegt. Die Spezialisten werden es wissen.

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Und es gibt keine Staus! Manchmal stelle ich mich hinter parkende Autos und tue so, als wäre es ein Stau! Eine gute halbe Stunde stehe ich dann, bis ich mich schwarzärgere, dass es nicht vorangeht.

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Ich fahre manchmal durch die Gegend und begegne in 10 Minuten vielleicht zehn Autos! Ist das nicht trostlos? Ich fahre dann manchmal an Tankstellen, an denen Autos stehen, auch wenn ich garnicht tanken muss. Auch weil es dann so schön nach Abgasen riecht. Diesel am besten. Und weil dort sicher in irgendeiner Ecke der Fernseher läuft.

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Sie schütten einen Marktplatz mit Sand zu, weil in einer Woche ein Pferderennen stattfinden wird! Das wäre bei uns doch garnicht genehmigungsfähig! Aber da drücke ich gerne ein Auge zu!

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Man muss sich nur zu helfen wissen. Dann kann man es hier sehr sehr gut aushalten in einer der schönsten Ecken der Toskana. Und überhaupt: Diese nach allen Richtungen ausbalancierten, völlig wellenlosen Straßen in unseren Gefilden sind langweiliger!

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SONSTIGES: Sommer

Hier ein kurzes Sommerpausenvideo der Münchener Kammerspiele, das erstaunlich viel sagt:

  • Das herabstürzende Wasser: Das ist das Leben. Das Leben und der Strudel, der daraus entsteht. Ohne den Strudel würde es gar nicht gehen, das Leben. Das Leben erzeugt immer Strudel (nicht Apfelstrudel).
  • Oder: Die Luftballons: Das sind wir alle. Wir setzen uns dem permanenten Strudel aus. Manche (Ballons) versuchen zu entkommen, aber es gelingt nicht. Unser Leben lang der Strudel. Wir wollen ihm im Grunde auch nahekommen. Immer nahe dran sein.
  • Oder: Die Luftballons: Wir werden wie die Ballons vom Strudel des Lebens magisch angezogen, ob wir wollen oder nicht. Wir MÜSSEN uns dem Leben aussetzen.
  • Oder: Die Luftballons: Wir nähern uns dem Strudel willens oder widerwillig, taumeln aber nur herum im Strudel.
  • Oder: Die Luftballons: Das ist die Theaterwelt (es sind ja Luftballons der Kammerspiele): Gerade sie sind es, die sich dem herabstürzenden Leben nähern. Und wir beobachten es, wenn wir Interesse haben.
  • Oder: Das Wasser hinter dem Strudel: Das Wasser – das Leben – beruhigt sich hinter dem Strudel. Jeder Strudel ist vorübergehend.
  • Oder: Das Wasser hinter dem Strudel: Wir fließen nicht einfach im ruhigen Wasser. Wir müssen uns den Kräften des Wassers/des Lebens stellen.
  • Oder: Die Luftballons: Manche berühren das herabstürzende Wasser mehr, manche weniger. Eine Frage des Mutes?
  • Oder, oder, oder. Ist doch schön, das Video (Copyright: Münchner Kammerspiele).

 

MUSIK: Procol Harum – A Whiter Shade of Pale

Ich hatte ja vor Kurzem über meinen Besuch der Premiere von Tiefer Schweb von Christoph Marthaler in den Münchner Kammerspielen geschrieben. Wieder einmal die Kammerspiele. In dem Stück singt einer der Schauspieler – zur Begeisterung des Publikums! – das ehrwürdige Lied A Whiter Shade of Pale von Procol Harum. Es geht in dem Theaterabend ja um das Althergebrachte und die drohende Veränderungen, für die eine unterirdische Kommission nach Lösungen sucht. Grund genug, das Lied auch im Blog, der mich immer weiter durch kleine Kulturstories treibt, wieder einmal aus der Versenkung zu holen. Ist ja auch ein herrlich veraltetes Video. Und sie tragen Hemden, die man heute wahrscheinlich als Tapete cool fände:

Hier eine Version von Annie Lennox:

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Gesehen und gehört

THEATER: Friedrich Schiller – Die Räuber

Mein letzter Teil des Berliner Theatertreffens 2017: Eingeladen waren in Berlin bekanntlich (siehe meine Blogberichte) die zehn „bemerkenswertesten“ deutschsprachigen Stücke des Jahres. Die 10er-Auswahl.  Aus München war dieses Jahr ein Theaterstück eingeladen: Die Räuber von Friedrich Schiller. Es wird derzeit noch am Residenztheater gezeigt. Aus „dispositorischen“ Gründen konnte es im Mai nicht in Berlin aufgeführt werden, die Bühnenkonstruktion mit den sich kippenden und drehenden und hochfahrenden und absenkenden riesigen Laufbändern war zu aufwändig. Ich habe es jetzt in München gesehen. In der Tat das derzeit bemerkenswerteste Theaterstück in München. Mein Tipp: Rechtzeitig Karten sichern.
Es ist aus einem Grund bemerkenswert: Die bombastische, außergewöhnliche Umsetzung. Regie und Bühne von Ulrich Rasche. Musik von Ari Ben Meyers. Beides zusammen macht das Stück aus. Im Onlinetext zum Stück heißt es auf der Website des Residenztheaters dementsprechend:  „… gewaltiges Mensch-Maschinen-Musik-Theater“. Im Herbst wird es im Fernsehen auf 3sat zu sehen sein, auch das wird sich lohnen. Noch beeindruckender ist natürlich der Besuch der Vorstellung.
Geprägt ist das Stück von einigen Elementen: Den riesigen Walzen, der unglaublich hohen, dunklen Bühne, dem hochästhetischen Licht- und Eisraucheinsatz, dem durchgehend – über drei Stunden langen – fast schreienden Stimmen der ebenfalls fast durchgehend schwarz gekleideten Schauspieler und von der eindringlichen Musik: Eine Trommel, eine E-Gitarre, zwei Violinistinnen und drei Chorsänger (die sich auf der Bühne/auf den Laufbändern aufhalten). Monoton, laut, so wird das ohnehin schon Bedrängende und Rhythmische der Inszenierung „musikalisch“ auf die Spitze getrieben, durch einen Tonteppich getragen. Auch das hochästhetisch. Die Musik ist ein sehr wesentliches Element dieser Inszenierung. Ari Ben Meyers verfolgt eine besondere Philosophie zu seiner Musik: Er bespielte z. B. Ende Juni im Münchner Lenbachhaus das ganze Museum mit einer eigens geschriebenen Komposition. In jedem Raum spielten einzelne Orchestermitglieder. Man soll sich die Musik, jedes Mitglied des Orchesters, durch das Museum „ergehen“ können. Musik ist – auch hier, bei den Räubern – aus Sicht von Ari Ben Meyers eine Art Performance jedes einzelnen Musikers.  Nicht nur ein Gesamtkunstwerk.
Die Schauspieler gehen in verschiedensten Konstellationen permanent auf den Rollbändern auf die Zuschauer zu. Es wird keine Handlung geboten, es wird Text geboten. Ulrich Rasche will auch mit seinen Inszenierungen gerne besonders auf den Text abstellen. In der Tat wird der Text von allen fast verzweifelt dargeboten. Manchmal nur versteht man ihn wegen der laut „mitarbeitenden“ Musik nicht.  Das Leben nimmt jedenfalls hier für die gehenden, meistens durch Verankerungen im Boden der sich bewegenden Laufbänder gesicherten Beteiligten seinen Lauf.
Ästhetisch ist es wie die Inszenierung einer Wagner – Oper: Einerseits ergreifend, in einer Dimension, die selten im Theater zu sehen ist. Andererseits geht fast der Inhalt etwas verloren. Obwohl doch der Text mit höchsten Mitteln und vollem Einsatz der Schauspieler vom Papier auf die Bühne geholt wird! Er hallt eher nach, der Inhalt, wenn man sich damit beschäftigt. Aber auch im Nachhall verblieb mir ein ungutes Gefühl: Denn wenn man nur den alten Klassiker „Die Räuber“ einmal wieder sehen wollte, dann sah man eine hochgelungene Inszenierung. Okay, es hat ja Berechtigung, wenn man einfach einmal einen der großen Klassiker sehen will. Wenn man sich dagegen fragt, warum man sich aktuell – in unserer Zeit – „Die Räuber“ ansieht, muss man länger überlegen. Mit welchen inhaltlichen Gedanken hat man das Residenztheater verlassen? Ein aktueller Bezug wird von Ulrich Rasche absichtlich nicht geboten.
Man muss sich selber seine Gedanken machen. Die Räuber, Geschichte zweier ungleicher Brüder. Zwei Geschichten sind es eigentlich. Der eine Bruder – Karl – wird aus emotionalen Gründen – er scheint vom Vater verstoßen – Hauptmann einer Räuberbande, will die Welt verändern. „‚Die Räuber‘ erzählt die Genese einer Bewegung, die jeglicher konkreten politischen Grundlage entbehrt“, sagt Rasche im Programmheft. Karl kommt aber, als er emotional vorankommt, letztlich nicht mehr von der Bande los. Der andere – Franz – ist machtbesessen, setzt den Vater durch List außer Gefecht. Er begeht am Ende Selbstmord. Aussage? Ich könnte nicht sagen, warum Die Räuber inhaltlich gesehen aktuell aufgeführt werden.  Dennoch sehr bemerkenswert!