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THEATER: William Shakespeare – Richard II., eine Inszenierung von Claus Peymann

HIER der Link. Es ist eine gerade gegen das Ende hin großartige Inszenierung! Schauspielerisch ganz wunderbar!

Die Aufführung ist ZUM EINEN für jeden/jede, der/die eindrucksvolle schauspielerische Leistung erleben will, ein wahrer Genuss! Michael Maertens spielt den englischen König Richard II. schlicht großartig, es ist fast einer Soloaufführung! Aber auch die anderen SchauspielerInnen: Wunderbar, auch durch die ständigen Nahaufnahmen der Aufzeichnung. Michael Maertens ist heute übrigens („aktuell“) im Ensemble des Wiener Burgtheaters, vor wenigen Jahren spielte er den Jedermann bei den Salzburger Festspielen, die ja gerade wieder (auch „aktuell“) stattfinden.

Wenn allerdings der Regisseur einer Inszenierung auch für die schauspielerische Leistungen an sich ausschlaggebend ist oder sein kann, dann ist diese Inszenierung wohl nicht nur ein großes Werk von Michael Maertens, sondern auch ein großes Werk des kürzlich (auch „aktuell“) verstorbenen Claus Peymann!

ZUM ANDEREN: Dieses Stück von William Shakespeare, das selten auf der Bühne zu sehen ist, hat sogar eine gewisse inhaltliche Aktualität: Ich hatte im Blog einmal über das Buch „Der Tyrann“ von Stephen Greenblatt geschrieben, ein Buch über William Shakespeares „Machtkunde“, HIER der Link. Dort heißt es auf Seite 10 – und man denkt an das heutige Amerika:

“Wie kann es sein, so fragte er (Shakespeare), dass jemand sich von einem Führer angezogen fühlt, der zum Regieren offensichtlich ungeeignet ist, der keine Selbstbeherrschung hat, durch Hinterhältigkeit und Niedertracht brilliert oder sich nicht die Wahrheit schert? Unter welchen Umständen würden Zeichen von Verlogenheit, Rohheit oder Grausamkeit nicht abstoßend, sondern attraktiv, ja erregen sogar glühende Bewunderung? Warum geben sonst stolze Menschen ihre Selbstachtung auf und unterwerfen sich der Unverfrorenheit des Tyrannen, seiner Überzeugung, ungestraft sagen und tun zu können, was er will, seiner spektakulären Schamlosigkeit?

Es passt nicht eins zu eins auf Donald Trump (auch „aktuell“), aber annähernd. Und auch in „Richard II“ greift Shakespeare diese Fragen auf. Für Shakespeare drohte vor allem eine tiefe Spaltung oder Teilung Englands bei einer Machtübernahme nach Richard II. durch Bolingbroke, später Heinrich IV.. Bolingbroke wäre hier Donald Trump, der allerdings sogar gewählt wurde. Eine Folge, wie sie Shakespeare anspricht (Spaltung des Landes), zeigt sich allerdings in den USA noch nicht.

Zu William Shakespeare muss man immer wissen: Er wählte „Historiendramen“, da er nicht direkt in die aktuellen politischen Diskussionen der Zeit um 1590 eingreifen durfte. Bloß nichts Aktuelles, der todbringende Vorwurf des Hochverrates lag damals schnell nahe! Die Zeiten von Shakespeare waren in England hochriskant und hochkontrovers. Der immer schwelende Konflikt von Protestantismus (Königin Elisabeth) gegenüber Katholizismus (Königin Maria) rüttelte lange Zeit heftig an England, die heutige Teilung Irlands ist ja immer noch ein Zeichen davon. Auch gegen die protestantische Königin Elisabeth gab es zu Shakespeares Zeiten natürlich Putschversuche. Königin Elisabeth und Königin Maria (katholisch) waren ja Töchter von Heinrich VIII.

Zu Richard II. sollte man wissen: Er war König von England von 1377 bis 1399, Stichwort „Historiendrama“, wurde dann abgesetzt und ermordet. Darum geht es in Shakespeares „Richard II.“. Nach ihm kamen u.a. Heinrich IV.-VI. und Eduard IV. und V., 1483 kam Richard III. Und so weiter.

Die Inszenierung von Claus Peymann fällt ansonsten noch auf durch ihre klare Sprache, durch das klares so schlichte Bühnenbild und ganz vereinzelt durch eine seltene ganz kurze plötzlicheWendung in einen heutigen Gesprächston hinein, nur einzelne Wörter lang. Sehenswert.

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THEATER Online: Lion Feuchtwanger – Exil

Hier ein schöner Hinweis für die Freunde des Theaters: Luk Perceval sollte in dieser Spielzeit zum ersten Mal am Berliner Ensemble arbeiten und zur Spielzeiteröffnung

… Lion Feuchtwangers „Exil„ inszenieren. Corona verhinderte es. Teile des Ensembles nutzen die Zeit für einen mehrwöchigen Workshop, in dem sie sich dem Text und den Figuren annähern.

Auf dieser Suche wurden sie von mehreren Kameras begleitet und man kann online in Form von kurzen Videos am Entstehungsprozess teilhaben.

Luk Perceval über das Projekt: 

Die Pandemie hat uns gezwungen, über alternative Formen nachzudenken, … ohne dass sich Publikum und Ensemble denselben Raum teilen. Und mit welcher Art von Theater man sich zu den neuen Medien ins Verhältnis setzen möchte. Diese und viele andere Fragen stellen wir uns in Exil / Backstage; ein Experiment, das die Intimität der Kamera mit der Suche nach der Wahrhaftigkeit des Theaters zu verbinden versucht. Vier Wochen lang filmen wir den Workshop mit den Schauspielerinnen und Schauspielern des Berliner Ensembles, in dem wir an einer Adaption von Leon Feuchtwangers Roman Exil arbeiteten, einer Geschichte über deutsche Flüchtlinge, die kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Paris leben. Unsere Suche nach der heutigen Relevanz dieses Romans, und in Erweiterung auch des Theaters, führt zu einer Dokumentarreihe, die dem Publikum Backstage-Einblicke in die Kunst des ‚Nichtwissens‘ des Theaters gibt: die Suche nach dem Sinn, dem Sinn des Textes sowie dem Sinn des Lebens und der Kunst. Ein Weg des Versuchens und Scheiterns, des Scheiterns, des erneuten Scheiterns und des besseren Scheiterns …“

Die einzelnen Folgen sind als fortlaufende Web-Serie ab 5. Oktober 2020 nach und nach auf www.berliner-ensemble.de/exil abrufbar.

Es lassen sich ohnehin auf der Website des Berliner Ensembles unter der Rubrik „BE at home“ sehr viele interessante Videos finden.

THEATER: Bertolt Brecht – Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

Am 3. Juni 2020 ist 25-jähriges Jubiläum! Heiner Müllers legendäre Inszenierung von Bertolt Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ mit Martin Wuttke in der Titelrolle. Ab Freitag, dem 09. Mai 2020, zeigt das BERLINER ENSEMBLE eine 3sat-pAufzeichung der Inszenierung vom Theatertreffen 1996!

Bernhard Minetti spielt noch mit – im Alter von 91 Jahren!! In Minute 48 des Streams hat er seinen ersten Auftritt. Wie Martin Wuttke immer wieder Bernhard Minetti imitiert ist wunderbar! Ganz besonders ist auch die Leistung von Martin Wuttke im Anschluss daran, ab Minute 59 des Streams, wie er Adolf Hitler imitiert!! Unbedingt ansehen!

Der Stream ist eine Woche lang, also bis einschließlich 04. Juni Mitternacht verfügbar.

Zitat des BERLINER ENSEMBLES:

„Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui: Die Parabel über den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg des Diktators Ui erzählt von der Dreistigkeit, Skrupellosigkeit und Brutalität eines kriecherischen Aufstrebers und ist gleichzeitig eine nüchterne Analyse derer, die durch ihren Opportunismus diesen Aufstieg ermöglichen. Bertolt Brecht erzählt mit seinem Stück vom Aufstieg des kleinen Gangsters Ui aus Chicago, der sich zum Diktator erhebt. Geschrieben 1941 spielt das Stück im Chicago der 20er Jahre, die Handlung und die Figuren empfand Brecht Al Capones Mafiagesetzen nach.

Die Wirkung der Inszenierung Heiner Müllers war von Anfang an enorm: „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen, bekam Preise, bereiste als Gastspiel die ganze Welt – u.a. nach Mailand, Moskau, Avignon, Mulhouse, Istanbul, Lissabon, Buenos Aires, Sao Paulo, Gunajuato, Chambéry, Villeurbanne, Berkeley, Los Angeles, Bombay, Calcutta, Neu Delhi und Caracas und wurde bis heute über 400 Mal gespielt.

HIER der Link zum Streaming der Inszenierung.

THEATER ONLINE: TIPP

Vielleicht kann der/die ein oder andere einen Theatertipp vertragen. Das Angebot ist ja sehr groß: Wer Interesse und Freude an hervorstechenden schauspielerischen Leistungen hat, findet hier wahrlich etwas! Schauspielerisch ist die Inszenierung wunderbar, sie funktioniert meines Erachtens gerade deswegen online.

Aber auch sonst – ich mag es, nicht mit „Effekten“ überladen zu werden – ist es eine sehr schöne Inszenierung! Ansehen!

Der kaukasische Kreidekreis“ von Bertolt Brecht, gebracht am Berliner Ensemble. Eine Inszenierung von Michael Thalheimer. Die Inszenierung hatte 2017 zur Eröffnung der Intendanz von Oliver Reese dort Premiere. Die „Geschichte“ des Stückes ist klar und „übersichtlich“, es ist einfach gut umgesetzt.

Aus dem aktuellen Programm des Berliner Ensembles. Es ist noch bis Freitag online als Streaming zu sehen. Das Berliner Ensemble stellt jede Woche für eine ganze Woche ein Stück online zur Verfügung. Mehr nicht. Diese Vorgehensweise hat mir ganz gut gefallen, weil man nicht täglich mit neuen Angeboten überschüttet wird.

Das Angebot an Inszenierungen und Performance, die man derzeit online im Stream oder Live sehen kann, ist ja sehr schnell gewachsen. Jetzt steht man schon vor der Aufgabe, dass auszuwählen, was einem wirklich gefällt. Zu viel Angebot und die Tatsache, dass man ja jederzeit an- und ausschalten kann, verdirbt ja manchmal fast die Lust und Konzentration auf einen Theaterabend. Man muss lernen, damit umzugehen! Auf was will man Wert legen? Das Liveerlebnis mit all seinen Facetten im Theater ist online reduziert, aber manchmal sehr wertvoll!

Man sollte sich – denke ich – vorher gut überlegen, mit welchem Angebot man sich auseinandersetzen will. Und dann sollte man auch konsequent bleiben, dranbleiben, nicht „switchen“! Das sind erste Erfahrungen. Es geht noch weiter: Nicht jede Inszenierung, die man live im Theater sehen konnte, „funktioniert“ auch in gleicher Weise online, also beeindruckt nicht in gleicher Weise. Es fehlt ja der „Geruch“ des Liverelebnisses. Es gibt meines Erachtens Inszenierungen, die online sehr gut funktionieren und andere, die online weniger gut funktionieren. Jeder wird seine Erfahrungen machen.

HIER der link zu „BE on demand“ mit dem Streaming.

HIER der link zur Stückeseite des BERLINER ENSEMBLES.

Copyright des Beitragsbildes: Matthias Horn

THEATER: Simon Stone – Tragödienmaschine

Ein aktuelles Format für Theaterfreunde beziehungsweise für „Filmemacher“. Es ist nicht Theater live, man agiert online. Man kann sich derzeit aus 23 verschiedenen Szenen ein eigenes Stück kreieren, sofern man die Reihenfolge der Szenen dann „Stück“ nennen will. Es basiert auf Simon Stone’s derzeitiger Inszenierung „Eine griechische Trilogie“ am Berliner Ensemble.

In Zusammenarbeit mit ZDFkultur wurde das Portal eingerichtet, es heißt dort „Tragödienmaschine“. Seit Dienstag, 21. Mai 2019, können sich die Nutzer unter zdfkultur.de aktiv in dem Webprojekt zu Simon Stones Inszenierung bewegen. Je nachdem, für welche der 23 Szenen, die als einzelne Videos verfügbar sind, sich der User entscheidet, wird der Fokus auf einen anderen Aspekt des Stücks gelegt. Es geht immer um das Thema Mann und Frau. Wie in den ausgewählten Tragödien.

Das Schöne ist, dass es auf der Theaterinszenierung basiert, nicht etwa „Filmsequenzen“ bringt. Ich habe es noch nicht angesehen, kann daher wenig dazu sagen.

Die SchauspielerInnen:

  • Inge gespielt von Constanze Becker
  • Thomas gespielt von Andreas Döhler
  • Erik gespielt von Aljoscha Stadelmann
  • Charlotte gespielt von Caroline Peters
  • Ulrike gespielt von Kathrin Wehlisch
  • Lina gespielt von Stefanie Reinsperger
  • Nathalie gespielt von Judith Engel
  • Jakob gespielt von Peter Luppa
  • Friedrich gespielt von Samuel Schneider
  • Michael gespielt von Tilo Nest
  • Kit gespielt von C. P. Zichner

HIER der link zur Mitmachversion TRAGÖDIENMASCHINE auf ZDFkultur.

HIER der link zur Seite der Inszenierung „EINE GRIECHISCHE TRILOGIE“ von Simon Stone auf der Website des Berliner Ensemble.

©️ des Beitragsbildes: Thomas Aurin

THEATER: Karen Breece/ Berliner Ensemble – Auf der Straße

Im Rahmen des derzeit stattfindenden Brechtfestivals in Augsburg habe ich im Augsburger Staatstheater „Auf der Straße“ von Karen Breece unter Mitwirkung des Berliner Ensembles gesehen. Karen Breece war mir bekannt aus einer Veranstaltung im Münchner HochX, über die ich damals auch geschrieben hatte. HIER der Link zum damaligen Bericht.

Es ging damals im HochX unter dem Titel „Oradour“ um das Gedenken an das Nazigrauen. Karen Breece macht dokumentarisches Theater. Wobei: Theater kann man kaum sagen. Auch der Abend „Auf der Straße“ war wieder eine Dokumentation. Eine Dokumentation über das Leben Obdachloser in Berlin. Karen Breece recherchiert „intensiv“, bevor sie ein „Theaterstück“ macht. Das ist ihre Herangehensweise. Eine Dokumentation über das Leben Obdachloser ist auf jeden Fall angebracht! Es gibt – wird auch gesagt – zigtausende Obdachlose in Deutschland (wobei es übrigens, wenn es genau wird, eine Frage der Definition „obdachlos“ ist). Darüber jedenfalls im Fernsehen oder im Theater etwas zu zeigen, ist ein guter Ansatz.

Das Stück geht aber meines Erachtens bei weitem nicht weit genug! Es geht sogar in die falsche Richtung! Milo Rau etwa, der ja auch immer wieder an der Realität arbeitet, wäre viel weiter gegangen! Die Dokumentation hätte bei ihm mit Betroffenheit, nicht mit Beifall geendet.

Bettina Hoppe und Nico Holonics, SchauspielerInnen des Berliner Ensemble, sprechen auf der Bühne mit drei von Obdachlosigkeit beziehungsweise Armut Betroffenen. Diese wiederum erzählen von ihrem Schicksal und ihrer Situation. Später kommen noch weitere von Obdachlosigkeit und Armut Betroffene hinzu, der integrative Chor „Different Voices of Berlin“. Beifall.

Es bleibt aber, wie gesagt, nur im Ansatz interessant. Über die Situation der Betroffenen zu hören, über ihre Schicksale, ihre Jugend, darüber, dass sie Lebensmittel von der Tafel holen, wieviel Geld sie monatlich zum leben haben, was Sozialarbeiter erleben, das ist gut. Es werden auch durchaus krasse Dinge geschildert. Aber es rutschte mehr und mehr ins Klischee ab. Es endete mehr oder weniger mit dem Gedanken: „Schaut auf uns!“ So auch dann der Gesang des Chors. Wir unterschätzen sicherlich die schwierige Situation all dieser Menschen. Gesundheitlich, psychisch, alles! Wie sie allein um ihren Schlafplatz „kämpfen“! Deswegen ist ein „Schaut auf uns!“ durchaus gut. Aber: Bei Karen Breece schwang meines Erachtens der unpassende Hintergedanke mit: „Sie sind eben rausgefallen aus unserer tollen Gesellschaft“.

Unsere tolle Gesellschaft! Rausgefallen! Da hätte man ansetzen müssen! „Schaut auf uns“ klingt nach: „Alles ist doch in Ordnung, in unserer Gesellschaft, aber bitte schaut auf die Obdachlosen, die nicht dabei sind!“ Es ist aber nicht alles in Ordnung! Und ich glaube sogar, der ein oder andere Betroffene – also Obdachlose oder von Armut Betroffene – will gar nicht in dieser Gesellschaft leben. Diese Gründe wären auch interessant gewesen! Und dann wäre es nicht um Mitleid, sondern um Respekt gegangen. Dieser Gedanke kam aber an diesem Abend überhaupt nicht zum Tragen.

Trotz der guten Ansätze von Karen Breece muss man meines Erachtens bei diesem Thema aufpassen: Schnell ist alles verlogen. Und da war der Abend von Karen Breece nicht eindeutig genug!

Man kann Karen Breece eigentlich nur raten: Dranbleiben an dem Thema!

©️ des Beitragsbildes: Julian Röder

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THEATER: Brechtfestival 2019 in Augsburg

Nur ein kurzer Hinweis auf das derzeit stattfindende Brechtfestival in Augsburg! HIER das Programm. Augsburg ist natürlich die große Bertolt-Brecht-Stadt. Bertolt Brecht wurde bekanntlich in Augsburg geboren, am 10. Februar 1898, also vor 121 Jahren. Erstaunlich ist, dass Bertolt Brecht dennoch thematisch immer wieder durchaus aktuell ist. Das „Leben in Städten“ ist Schwerpunkt dieses Jahr. Zwei Veranstaltungen habe ich bisher gesehen. Ich werde noch etwas genauer darüber schreiben.

Die Bertolt-Brecht-Realschule, das Bertolt-Brecht-Geburtshaus, die Bertolt-Brecht-Gedenkstätte, das Brechtfestival, all das findet sich in Augsburg! Nur der Bertolt Brecht Platz, der befindet sich in Berlin! Es ist der Platz vor dem Berliner Ensemble. 1963 wurde der Platz so genannt, zu Bertolt Brechts 65. Geburtstag. 1949 übernahm Bertolt Brecht in der DDR zusammen mit seiner Frau Helene Weigel das Theater am Schiffbauerdamm. Dort gründeten die beiden das „Berliner Ensemble“. Bertolt Brecht war ab 1974 künstlerischer Leiter des dortigen Theaters, das früher – wie gesagt – „Theater am Schiffbauerdamm“ hieß. 1974 wurde das „Theater am Schiffbauerdamm“ in „Berliner Ensemble“ unbenannt.

Seit 1995 etwa läuft am Berliner Ensemble – mittlerweile über 400 mal – das Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht, das schon vor 1974 über 500 mal gezeigt wurde. Weitere Termine werden demnächst bekanntgegeben.

THEATER: Fritz Kater: Heiner 1 – 4

Heiner Müller sagte: … in erster Linie bin ich Dramatiker und wahrscheinlich ist das meine eigentliche Existenz und der Rest wird dann eben immer mehr Material mit der Zeit“. Um solches Material geht es im Berliner Ensemble im derzeitigen Stück „Heiner 1 – 4“ von Fritz Kater.

Ein Abend über Heiner Müller. Wer war denn Heiner Müller? Darum geht es. Interessant, aber durch die vier sehr verschiedenen Teile auch verwirrend. Heiner Müllers sehr diffizile, sehr besondere Persönlichkeit wird dadurch leider nur unscharf gezeichnet. Weil der Abend am BE ihn irgendwie mit unseren heutigen Methoden „verwischt“. Der Kern von Heiner Müller wird nur gestreift.

Gerade das Berliner Ensemble wird an der Frage nach Heiner Müller interessiert sein, war er doch am Ende seines Lebens (ab 1992) noch Intendant des BE (zusammen mit VIER anderen Intendanten).

Fritz Kater wiederum ist das Pseudonym von Armin Petras. Armin Petras ist (bekanntlich) deutscher Intendant, Theaterregisseur und Autor, der sowohl unter seinem Namen als auch unter dem Pseudonym Fritz Kater Theaterstücke und Adaptionen schreibt. Er ist derzeit Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart.

Eines wird klar: Wenn man versucht, Heiner Müller in irgendwelchen heutigen, also heutzutage annähernd „verständlichen“ Kategorien zu erreichen, muss man eigentlich scheitern. Er war besonders. Er lebte freiwillig in der DDR, war mit dem Zustand des Sozialismus unzufrieden, kritisierte den Stillstand, es müsse weiter gehen, war seine Überzeugung, und er verlor durch die Öffnung der Mauer, den Untergang des Sozialismus und das Verschwinden der Revolution im Grunde seine Existenzgrundlage. Er war ja sogar für den Mauerbau. Schon ein Satz wie: “Er war einer der bedeutendsten Autoren der DDR…“ führt letztendlich in die Irre. So passt es nicht auf ihn. Was soll das schon bedeuten! Damit meint man ja: Aus UNSERER Sicht. „Bedeutend“! In der DDR hatte er jahrelang größte Schwierigkeiten, wurde abgelehnt, nicht aufgeführt.

Heiner Müller war ein absolut besonderer Mensch, dessen Denken man eigentlich in seiner Radikalität nur unterschätzen kann. Ein Mann der Utopie! Der revolutionären sozialistischen Utopie. In „Fritz Katers“ Abend hätte noch mehr die Radikalität herauskommen können. Sie hätte mehr Thema werden können oder müssen. So aber blieb es eine Mischung aus (1) Vermutungen über die Privatperson Heiner Müller (die es eigentlich nicht gab), dann doch (2) guten Interviewausschnitten, dann wieder (3) seiner Zeit am BE (eher humoristisch dargestellt) und (4) einer recht verwirrenden Textmischung vom ehemaligen Autor Andrej Platonow und dem jungen Musiker Phillip Poisel.

Es geht hauptsächlich um die Schreibblockade, die Heiner Müller nach Wegfall der Grenzmauer zwischen der DDR und der BRD befiehl. Er konnte angesichts des „Sieges“ des Kapitalismus nichts mehr schreiben! Die sozialistische Utopie, an der er sich immer rieb, war weg! Er sagte ja sogar, dass sein früher Tod, der sich vor 1997 abzeichnete, damit zu tun habe.

Schlichte Bühne, fünf Schauspieler des Ensembles, mehr Vortrag als Spiel, was im Grunde gut passte.

Erstaunlich war der erste Teil: Blicke der SchauspielerInnen auf Fotografien mit Heiner Müller. Sie reden darüber. Es war der Versuch, Vermutungen über Heiner Müller als Privatperson anzustellen. Es gab aber keinen privaten Heiner Müller, scheint mir fast. Im späteren Interview antwortet er niemals wirklich persönlich. Man hört zwar von privat anmutenden Szenen, seiner jungen Frau, seiner späten Tochter. Aber was bringts, wer kannte ihn schon lachend, weinend, wütend, erfreut? Obwohl, es wird gesagt, dass gerade nach dem Wegfall der Mauer Heiner Müller auf sein Privatdasein reduziert wurde.

Auszüge aus Gesprächen mit Heiner Müller bringt der zweite Teil. Das war interessant! Etwa zum Theater:

  • Wie ist das Theater entstanden?
  • Heiner Müller (HM): Also, es gab lange Zeit keinen Regen und da ist eine Göttin rein in eine Höhle und hat Striptease gemacht und das haben die anderen Götter gesehen und mussten anfangen zu lachen, laut lachen, und dann hat es wieder geregnet, ja, so ging das los und dann kam noch ’ne Geschichte dazu irgendwann, damit man sich die Gefühle besser merken kann.
  • Und was ist ihr Antrieb, Theater zu machen?
  • HM: Das Ungenügen an der Welt, das Ungenügen an der Realität ist die Quelle jeder Inspiration und diese Zwänge braucht man, die Dinge, die einen dazu bringen ins Unbekannte, ins Dunkle zu gehen.
  • Und wie sollte es aussehen, das Theater, das sie sich wünschen, ich meine, was soll passieren?
  • HM: Keine Ahnung, da gibt es doch tausend Möglichkeiten (zündet sich eine Zigarre an). Von Rosanow gibt es eine Beschreibung eines Theaterabends: Die Zuschauer applaudieren, die Schauspieler verbeugen sich, die Zuschauer gehen raus, an der Garderobe vorbei, die Garderoben sind leer, die Mäntel weg, sie gehen raus aus dem Theater, in die Stadt und die Stadt ist weg, keine Häuser mehr da.
  • Warum gibt es in ihren Geschichten so viele Engel?
  • HM: Man braucht Engel, wenn es nicht weitergeht, wenn man keine Hoffnung mehr hat.
  • Kunst stört ja auch die Dummheit und die Sicherheit ...
  • HM: Ja, wenn sie neu ist, wenn sie etwas Neues versucht, dann gibt es ja auch Aggression gegen diese Kunst, weil sie verunsichert, wenn es zu wenig Aggression gibt, dann stimmt etwas nicht mit dieser Kunst.

Der dritte Teil dann war für Insider des BE. Mehr slapstickartig und zu aufgesetzt wurden Vorbereitungsszenen aus dem Berliner Ensemble der damaligen Zeit gebracht.

Der vierte Teil, wie gesagt, eine schwer verständliche Textmischung vom ehemaligen Autor Andrej Platonow und dem jungen Musiker Phillip Poisel.

Und hier noch etwas anderes: Aus einem Aufsatz (Janine Ludwig, „Die Wörter verfaulen / Auf dem Papier – Heiner Müllers Schreibkrise nach dem Untergang des Sozialismus“) über die Stellung von Heiner Müller in der ehemaligen DDR:

„Heiner Müller hat immer nach den Kosten des Sozialismus gefragt und die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit angemahnt, allerdings, um den Anspruch aufrechtzuerhalten, nicht um ihn zu desavouieren. Damit wurde er zum Problem für die Staatsführung, der er den Spiegel vorhielt und deren Hang zum Beschönigen der Verhältnisse er empfindlich störte. Im Grunde war er zu radikal, revolutionär, auch zu Gewalt-affin für die Regierenden – in seinen Augen Spießbürger, Biedermänner und Ein-bisschen-Wohlstands-Fetischisten, die es sich bald in der Nische namens „Übergangsgesellschaft“ bequem machten. Mit der Wirklichkeit, der „real existierenden“, die Müller Zeit seines Lebens „unmöglich machen“ wollte, arrangierten sie sich stillschweigend.“

Und noch etwas: Heiner Müller und der Engel: Siehe das Beitragsbild oben. Der Engel der Geschichte. Es geht zurück auf ein Gedicht von Walter Benjamin über das Wesen der Geschichte („Über den Begriff der Geschichte“). Dieser Engel der Geschichte, den Heiner Müller dann in einer eigenen Fassung „Der glücklose Engel“ nannte, blickt auf die Trümmer der Vergangenheit, wird fast zugeschüttet, steht versteinert in der Gegenwart und wird von der „gestauten“ – also blockierten – Zukunft bedrängt – bis doch irgendwann einmal wieder der Wind der Zukunft in die Flügel des Engels bläst. Diese Hoffnung hatte er immer.

Zum Fazit noch mal: Mit dem Wegfall des Sozialismus ist ja tatsächlich die letzte Utopie der Menschheit verschwunden. Wir leben nur noch in einer realen Welt. Utopie gibt es nicht mehr. Welche denn schon?

HIER die Onlineseite zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn

THEATER: William Shakespeare – Richard III.

Ich hatte mich das ja schon einmal gefragt: Warum tut man sich das an, William Shakespeare! Warum schaut man sich diese verschiedenen unangenehmen Tyrannentypen immer wieder an? Diese „historischen“ Tragödien von Shakespeare sind doch weit weg von der heutigen Welt. Solche Typen gibt es doch wirklich nicht mehr!

Ich würde sogar noch weitergehen: Warum gelten sie eigentlich als so hehres europäisches Kulturgut? Ist das Teil unserer Geschichte? Shakespeare greift ja eigentlich immer wieder auf die Geschichte Großbritanniens zurück, nicht Europas – die Geschichte Schottlands, Englands, Wales, Irlands. Und gerade die Briten fühlen sich ja nicht unbedingt als Europäer. Stichwort Brexit. Ich will auf keinen Fall etwa „deutsches Theater“ – überhaupt nicht – ich bin für absolute Öffnung. Aber Shakespeare gilt bei alledem irgendwie als ein unumstößlicher Monolith im Theaterwesen. Deswegen frage ich mich: Warum?

Ich weiß, mit einer solchen Bemerkungen wische ich mal schnell weltweite Literaturgeschichte beiseite. Shakespeare gilt immerhin als der bedeutendste Autor der Weltliteratur. Was Deutschland angeht, liest man ja sogar bei Wikipedia:

Zu den Besonderheiten der deutschen Shakespeare-Rezeption seit der Romantik gehört die Auffassung, die Deutschen hätten eine besondere Affinität zu Shakespeare, sein Werk stehe der deutschen Seele näher als der englischen. Die Beschäftigung mit Shakespeare und die bis ins Politische reichende Popularisierung seines Werkes fand in der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, die im Jahr 1864 eher von Enthusiasten als von Fachphilologen gegründet wurde, ihre institutionelle Verankerung. Sie ist die älteste Shakespeare-Gesellschaft der Welt und bedeutend älter als die englische.

So mag es sein. Eine ganze Reihe von Shakespeare Tragödien geht aber zurück auf die sogenannten damaligen „Rosenkriege“ in Großbritannien. Kriege zwischen den beiden britischen Herrscherlinien der Zeit des 15. Jahrhunderts, zwischen dem Hause Lancaster und dem Hause York. Shakespeare selbst lebte ja Ende 16. und Anfang 17. Jahrhundert. Er versteckte sich in gewisser Weise vor Angriffen, indem er sich insoweit als „Historiendramatiker“ ausgab. Er konnte und wollte ja nicht direkt das aktuell herrschende Königshaus kritisieren. Da gibt es von William Shakespeare also eine York-Tetralogie und eine Lancaster-Tetralogie. Teil der York-Tetralogie ist die Tragödie „Richard III.“

„Richard III.“ habe ich mir nun am Münchner Residenztheater angesehen. Eine völlig andere Inszenierung von Richard III. kann man übrigens derzeit am Schauspiel Frankfurt sehen. Sie muss sehr interessant sein und erhält geradezu großartige Kritiken. Ich vermute, die Frankfurter Inszenierung (von Jan Bosse) wird zum Theatertreffen 2019 ausgewählt werden. Das stellt sich in wenigen Tagen (am 30. Januar) heraus.

HIER die Seite zur aktuellen Inszenierung von Richard III. am Münchner Residenztheater. Und HIER die Seite des Schauspiels Frankfurt zur aktuellen Inszenierung von Richard III.

Zur Inszenierung am Münchner Residenztheater: Es ist eine Inszenierung von Michael Thalheimer. Michael Thalheimer scheint derzeit auch auf einem Shakespeare-Trip zu sein. In Berlin hatte ich ja kürzlich Shakespeares „Macbeth“ angesehen und auch dort ist es eine Inszenierung von Michael Thalheimer. HIER der Link zu meinem damaligen Beitrag.

Am Münchner Residenztheater sieht man das Stück Richard III. relativ „originalgetreu“. So war es ja auch am Berliner Ensemble, obwohl die dortige Fassung ja VON Heiner Müller und „nur“ NACH William Shakespeare war. Das merkt man dort allerdings nicht besonders deutlich. Recht puristisch, aber originalgetreu. Das ist die Linie von Michael Thalheimer.

Eine solche weitgehend originalgetreue Inszenierung hilft natürlich, wenn man etwa die komplizierte Story von Richard III. verfolgen will. Hier die Zusammenfassung der Story aus dem Programmheft:

Auch hier am Residenztheater war das Bühnenbild – wie in Berlin – äußerst reduziert. Schwarze Holzpaneelen bis hoch unter die Decke rahmen die dunkle Bühne. Wenig Licht. Der Bühnenboden ist bedeckt von massenweise schwarzen Kieselsteinen (Styropor), durch die die Schauspieler waten (siehe Beitragsbild oben). Den ganzen Abend hindurch wummert ganz leise bedrohliche „Musik“ – eigentlich mehr „Töne“ als „Musik“ – im Hintergrund.

Norman Hacker spielt den verkrüppelten Richard III. Und er wird wirklich hässlich gespielt. Fies, machtgeil, mörderisch, arrogant, skrupellos, egomanisch, wahnsinnig. Man verlässt das Theater und hat einem Wahnsinnigen zugesehen! Alle Mitwirkenden spielen in dieser Thalheimer-Inszenierung um den noch dazu hässlichen Richard III. herum. Am besten haben mir die kleineren Rollen gefallen. Die Rolle von Thomas Schmauser: Herzog von Buckingham. Und die von Marcel Heupermann, Catesby, beide waren Richards Helfer.

Stephen Greenblatts Buch „Der Tyrann“ geht übrigens ganz besonders auf Richard III. ein. Sehr interessant. So kann man Richard III. besser verstehen. Greenblatt zeigt zum Beispiel an einzelnen Textstellen in Shakespeares Tragödie „Richard III.“, dass es die in Richards Leben komplett fehlende Liebe – Mutterliebe, Selbstliebe, erotische Liebe – war, die ihn dazu trieb, an die Macht zu stürzen. Genau hier kann man etwas aus der Tragödie „Richard III.“ ziehen, finde ich: Vielleicht bestehen bei Menschen, die nach Macht streben, manchmal – oder sogar oft – verdeckt sehr persönliche Defizite oder Gründe, so zu handeln, wie sie handeln.

Mit einem angenehmen Gefühl kann man Richard III. und das Geschehen um ihn herum jedenfalls kaum betrachten. Die wummernde leise Musik im Hintergrund tut ihr übriges. Man kann sich also durchaus fragen: Warum das? Man sieht die Geschichte des unangenehmen „Prinzen“ Richard, der sich zur Königsfigur hindurchmordet und schließlich doch scheitert. Und dann?

Nun, Steven Greenblatt schreibt in seinem Buch “Der Tyrann“, dass wir Zuschauer immer schon Richard irgendwie verteidigt haben: „Etwas in uns genießt jede Minute seines schrecklichen Aufstiegs zu Macht.“ „Wieder und wieder… sind wir bezaubert.“ Wenn das ein Aspekt ist, kam er in der Inszenierung von Michael Thalheimer sicherlich etwas kurz. Schade. So ein Bezug zu uns Zuschauern heute fehlte mir ein wenig.

HIER der Bühnenaufbau im Zeitraffer.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn

Redaktion des Programmheftes: Sebastian Huber

 

THEATER: Macbeth – Trilogie, Teil I

Shakespeare’s „Macbeth“ ist derzeit am Berliner Ensemble, am Münchner Residenztheater und an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Drei Inszenierungen. Über eine vierte derzeit zu sehende Inszenierung (am Wiener Burgtheater die Inszenierung von Antú Romero Nunes) kann ich leider nicht berichten.

HEUTE schreibe ich über Shakespeare’s „Macbeth“ am Berliner Ensemble.

Also: Gerne spüre ich ja irgendwelchen Verbindungen hinter denjenigen Dingen nach, mit denen ich mich so befasse. Oft habe ich ja mehr Zeit dazu, als andere. Verbindungen gab es diesmal auch:

Macbeth. Ich saß vorgestern Nachmittag, Montag, der 03.12.2018, in einem ICE auf einem irgendwie unbequemen Sitzplatz gegen die Fahrtrichtung und fuhr von Berlin zurück nach München. Ich hatte „Macbeth“ gesehen, neben anderen Dingen des Wochenendes. Ich schaute immer wieder auf die Anzeige am Ende des Wagens, in dem ich saß, und las über dem Durchgang zum nächsten Wagen in roter Leuchtschrift dauernd:  „ICE 5511 – Zug „Müritz“ – Wagen 24  – Uhrzeit …“.

„Müritz“? Nie gehört. Ich lese nach und sehe, dass Müritz der größte komplett in Deutschland liegende Binnensee in Mecklenburg-Vorpommern ist. Sagt Wkipedia. So weit, so gut.

Und Macbeth? Nun gut: Es war ja „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, was ich gesehen hatte. Als ich im ICE gerade noch etwas über Heiner Müller nachsah, las ich, dass Heiner Müller in jungen Jahren mit seinen Eltern einige Jahre in … wo? … in „Waren (Müritz)“ … gelebt hatte! Mein ICE! Aber es ging noch weiter: Heiner Müller lebte ja von 1929 bis 1995, hatte also als Kind noch den II. Weltkrieg und später dann den Mauerfall miterlebt. In der DDR hatte er bekanntlich gelebt. 1970 wurde er – las ich, ich wusste es garnicht – Dramaturg wo? … am Berliner Ensemble. 1992 übernahm er dann (gemeinsam mit Peter Zadek, Matthias Langhoff, Peter Palizsch und Fritz Marquardt) die Leitung des … des Berliner Ensembles.

Also „Macbeth“ von Heiner Müller. In den Achtzigerjahren war Heiner Müller, schreibt Wikipedia (es stimmt hoffentlich), liiert mit wem? … mit Margarita Broich! Siehe einfach meinen aktuellen Blogbeitrag zum Büchlein „Alles Theater“ von Margarita Broich (HIER). Also das auch noch!

Also: Ich saß ausgerechnet im ICE „Müritz“(!) und hatte am Freitagabend zuvor am Berliner Ensemble (!) von Heiner Müller (!) „Macbeth nach William Shakespeare“ gesehen. Und dann noch etwas: Am Berliner Ensemble wird es in Kürze ein Stück über wen? … über Heiner Müller geben, es heißt „Heiner 1 – 4“. Die Uraufführung wird am 26. Januar 2019 sein. HIER der Link zur Programmankündigung.

Jetzt aber zu „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, das seit Kurzem am Berliner Ensemble gebracht wird:

Es ist eine Inszenierung von Michael Thalheimer. Übrigens: Im Januar werde ich eine weitere Shakespeare – Inszenierung sehen, von wem? … von Michael Thalheimer! „Richard III.“ am Münchner Residenztheater. Ich werde auch darüber berichten. Es heißt dort übrigens „Richard III. VON Michael Thalheimer NACH William Shakespeare“. Mal sehen. Und bei der Gelegenheit: Wer inszeniert gerade am Wiener Burgtheater derzeit Glaube Liebe Hoffnung von Ödon von Horvath? Richtig: Michael Thalheimer!

Jetzt also wirklich zu „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, das ich am Freitag am Berliner Ensemble gesehen habe:

Man hatte Heiner Müller in den Siebzigerjahren ja nach der Aufführung senes Macbeth „Nihilismus“ vorgeworfen. Es war eben eine Heiner-Müller-Übersetzung von Macbeth. Manche Äußerung der Übersetzung von Heiner Müller geht in der Tat in die Richtung Nihilismus. Nach dem Motto: „Was schert es mich, wie die Welt nach meinem Tod aussieht. Wenn ich tot bin, ist auch die Welt tot. Ich will meine Macht JETZT. Es geht nur ums Jetzt und um meine Lebenszeit. Es gibt keine Zukunft!„

Dementsprechend ist auch die Inszenierung  von Michael Thalheimer sicher krasser, als eine „normale“ Aufführung des Stückes Macbeth. Etwas krasser: Man merkt es nicht durchgehend, aber an der einen oder anderen Stelle und an der sehr blutrünstigen, eindringlichen Gesamtinszenierung. Die Inszenierung überzeugte mich, sie ist als Gesamtinszenierung auf jeden Fall beeindruckend. Keinerlei Schnickschnack, es geht um die Personen und die Texte. Die Personen tauchen immer wieder aus tiefem Nebel auf der großen leeren Bühne auf. Das ist eindringlich, zeitlos, hat den Hang dazu, irgendwie zeitgemäß, fast aktuell zu sein. Es geht nicht um die Zeit des 15ten oder 16ten Jahrhunderts.

Im Sinne des „Sozialisten“ Heiner Müller kam allerdings etwas „Klassentrennendes“ nicht gerade zur Geltung. Die Inszenierung orientierte sich insoweit, auch wenn Sie beeindruckend war, doch eher am William Shakespear’schen Wahnsinn von Macbeth, nicht am Heiner Müller’schen Klassenbild.

Zu den  Schauspielern: Trotz allem muss ich sagen: Sascha Nathan ist meines Erachtens keine Idealbesetzung für Macbeth gewesen. Ideal gewesen wäre ein Benny Claessens! Aber der kann ja nicht überall mitspielen. Er hätte wahrscheinlich den Wahnsinn von Macbeth und dessen nihilistische Einstellung (in der Fassung von Macbeth VON Heiner Müller) im WahnsInn deutlicher darstellen können oder wollen. Das ging Sascha Nathan ab! Sascha Nathan wirkte wie ein überforderter, nicht wie ein aggressiver Macbeth. Verwirrt wahnsinnig, nicht egomanisch wahnsinnig. So gesehen verfehlte Michael Thalheimer mit Sascha Nathan als Macbeth geradezu den Kern der Müllerschen Fassung von Macbeth. Themaverfehlung – zugunsten einer trotzdem beeindruckenden Gesamtinszenierung.

Am überzeugendsten war meines Erachtens Kathrin Wehlisch. Man sieht sie oben im Bild! Und hier noch ein Bild von ihr:

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Vielleicht müsste man – zumindest nach Heiner Müller – das Blut in Shakespeare’s „Macbeth“ heute ersetzen durch das Geld der kapitalistischen Welt! Wäre mal interessant, es durchzuspielen. Früher hieß es (so sah es wohl Heiner Müller): „Brutalität und Blut regieren die Welt und sichern die Macht!“ Heute heißt es: „Geld regiert die Welt, Geld sichert die Macht!“

Also: Insgesamt sehenswert! Hingehen und ein eigenes Urteil bilden!

HIER der Link zur Macbeth-Seite des Berliner Ensembles.

©️ des Beitragsbildes oben und des weiteren Fotos: Mathias Horn, Berliner Ensemble

THEATER: Tracy Letts – Wheeler

Premiere von „Wheeler“ von Tracy Letts am Berliner Ensemble. Amerikaner greifen gerne ins Alltagsleben, wenn Theaterstücke geschrieben werden. Modernes Leben und Alltagssituationen, das sieht man bei ihnen immer wieder. So war es bei „Gloria“ am Münchner Residenztheater, auch bei „Der erste fiese Typ“ an den Münchner Kammerspielen, jetzt wieder bei „Wheeler“ am Berliner Ensemble.

Die Deutschen dagegen zieht es – es ist ja irgendwie bekannt – eher zurück in ihren Betrachtungen, auch am Theater: „Genesis“, „Wartesaal“ (Lion Feuchtwanger), „Das erste Evangelium“, „Macbeth“ (Shakespeare) „Dionysos Stadt“ (Antike), „Trommeln in der Nacht“ (Bertolt Brecht) usw. sind so ein paar Beispiele dieser Art, die ich zuletzt gesehen hatte.

Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles und Regisseur des Stückes „Wheeler“, das am Sonntag im „Kleinen Haus“ des Berliner Ensembles Premiere hatte, treibt diesen „amerikanischen Ansatz“ pur realen Alltagslebens noch dazu auf die Spitze, indem er dem Stück auf einer kleinen Drehbühne eine äußerst langweilige Alltagsausstattung verpasst. Ein fürchterliches Wohnzimmer, eine völlig uncharmant ausgestattete Karaokebar, der Umkleideraum eines Fitnessstudios mit Spindschränken, eine Parkbank, die an der Autobahn stehen könnte, usw. Schmucklos, unerfreulich. Wie in einer billigen TV – Sitcom. So würden auch Amateure ohne Geld eine Bühne gestalten. Man möchte gar nicht hinsehen. Ist das eine gewollte Spitze gegen amerikanisches Leben? Oder kam es Oliver Reese nur auf die Schauspieler und den Inhalt an? Und diese lieblose Bühne wird eingerichtet, obwohl Oliver Reese am BE doch ein Autorentheater etablieren wollte? Eigenartig. HIER ein Beitrag von Deutschlandfunk Kultur zum Thema „Oliver Reese und zeitgenössisches Autorentheater am BE“.

Die Story: Die Geschichte des von seiner Frau getrennten Dick Wheeler. Er ist um die 50 Jahre alt, ist Vater eines kleinen Kindes. Eine Lebenssituation, die es zuhauf gibt. Ansich sogar unabhängig von der Midlife Crisis, um die es ja (auch) gehen soll.

Dick Wheeler wird von seinem (verheirateten) Freund verkuppelt mit der attraktiven Jules. Sie lernen sich kennen, es gibt Sex zwischen ihnen – obwohl Wheeler anfangs noch unsicher ist. Manch netter Dialog, alles hört und sieht man allenfalls aber mit einem gewissen „Kenn ich doch“ – oder „Hört man doch  immer“ – Effekt. So oder ähnlich. Jules verliebt sich tatsächlich in Wheeler, er aber nicht in sie. Er lernt vielmehr parallel zu Jules plötzlich zufällig die viel viel jüngere Asiatin „Minnie“ kennen, sie – wohnungslos – zieht vorübergehend bei ihm ein, auch zwischen ihnen gibt es bald Sex. Offenbar für Wheeler viel besseren Sex, als er ihn mit Jules hatte. Und hier ist es dann andersherum: Wheeler fühlt sich plötzlich ganz jung (hier kommt die Midlife Crisis durch?) und verliebt sich total in Minnie, sie aber nicht in ihn. Er lässt sich sogar ihren Namen auf den Oberarm tätowieren. Minnie hat aber eigene, ganz andere Probleme. Sie ist schwanger von ihrem Exfreund  – und verlässt Wheeler“ später, um herauszubekommen, wie es „zwischen ihr und dem Exfreund steht“. Jetzt ist Wheeler wieder völlig verzweifelt. Er – wieder allein und:  wer ist schon gerne allein  – will dann doch wieder Jules „zurückhaben“. Für Jules ist die Sache mit Wheeler aber endgültig abgeschlossen. Eine einmal verflogene Liebe kehrt eben (fast) nie zurück. Kein Happy End also für Wheeler.

Wheeler bleibt am Ende allein. Jeder ist sich selbst eben am nächsten, da kann er sich noch so viel Liebe einbilden. Und da kann der Sex noch so gut sein. 

Zu sich selbst kommen, sagt Wheeler dann am Ende, darum geht es eben. Die Affären haben ihn hin und her gebeutelt, haben ihn verrückt gemacht. Aber so ist das Leben eben, wenn man es an der Backe hat. Wen man auch kennen lernt, es ist immer schwierig! Das Ende von „Wheeler“ ist enttäuschend: Dick Weeler fotografiert wieder, kehrt zum Bewährten zurück und bleibt allein. Keine sehr interessante oder einfallsreiche oder einfühlsame Schlussfolgerung daraus, dass er schließlich das „harte“ Leben außerhalb seiner gescheiterten Ehe und erste Konsequenzen daraus kennen gelernt hat. 

Zu den Schauspielern: Wheeler wird gespielt von dem eigentlich für eine Middlife Crisis deutlich zu jungen Felix Rech. Er spielt Wheeler noch dazu sehr monoton und durchgehend wild, nervös, laut, hektisch, gehetzt. Warum eigentlich? Meines Erachtens zu einseitig. Als laufe er ständig hinter etwas her. Ebenso Trang le Hong als Minnie: Sie spielt auch zu monoton. Da fehlte Oliver Reese vielleicht irgendwie mehr Einfühlungsvermögen.

Ein schwacher Inhalt (des Buches „Wheeler“) und leider eine noch dazu enttäuschende Umsetzung. Höchstens „ganz amüsant“ könnte ich sagen.

©️ des Beitragsfotos: Mathias Horn, BE

THEATER, LITERATUR: Tennessee Williams – Endstation Sehnsucht

Endsation Sehnsucht von Tennessee Williams. Oft gehört, nie gelesen. Blanche, eine Frau aus gutsituierten Kreisen, verliert den ererbten Wohlstand, landet bei ihrer Schwester in einfachen Verhältnissen, die mit dem Rüpel Stanley verheiratet ist. Wer gewinnt den Kampf? Blanche zerbricht, landet in der psychiatrischen Anstalt. Eigentlich eine interessante Story. „Sehnsucht“ (Desire) hieß einmal eine Endstation der Straßenbahn in New Orleans. Ich habe das Buch jetzt gelesen, da es am Berliner Ensemble von Michael Thalheimer inszeniert wurde. Ich habe dazu letztens in Berlin auch die Inszenierung gesehen, die in der gerade beendeten Spielzeit gebracht wurde und wohl auch in der kommenden Spielzeit gebracht wird.

Die vordergründige Geschichte ist ja so: Blanche lebte im relativen Wohlstand und hat alles verloren. Das Haus der Familie wurde gepfändet, ihr Ehemann war schwul und hatte sich schon vor Jahren umgebracht, ihren Job als Lehrerin hat Blanche auch verloren. Sie – nebenbei: durch sexuelle Hingabe suchte sie schon irgendwo Halt, bevor sie zu Stella kam – sucht Zuflucht bei ihrer Schwester Stella, die in ganz einfachen Verhältnissen lebt und mit Stanley verheiratet ist. Und damit prallen eben zwei Welten aufeinander. Blanche, die ihre Welt erhalten und Stanley nicht ausstehen kann, versucht immer wieder, ihre Schwester Stella dazu zu bringen, ihren Mann zu verlassen. Stella ist ihrem Mann aber in Liebe oder jedenfalls aus sexuellem Antrieb heraus hingegeben und weiß, dass sie ihn nicht ändern kann. Dass sie nichts ändern kann. Blanche wird schließlich von Stanley sogar vergewaltigt. Die irgendwie irreale, von viel Einbildung geprägte Welt der Blanche und die reale derbe Welt von Stella. Schon die Sprache der Personen zeigt im Buch (Originaltext) die Unterschiede deutlich. Man liest teils derben Slang (interessant!) neben der „besseren“ Sprache . Ich empfehle das Buch gerade jüngeren Lesern auf Englisch.

Die Inszenierung von Michael Thalheimer dagegen hat mich überhaupt nicht überzeugt. Erstaunlich, wenn die FAZ schreibt:

„Kunstvoll und klug zeigt Michael Thalheimer in seiner grandios eindrucksvollen Inszenierung mit dem überragenden Ensemble die hässlichen Muster, nach denen bei Tennesse Williams die Männer mit den Frauen umgehen, was die Gesellschaft allen antut und wie sich alle damit arrangieren.“

Eigenartige Kritik. Der große Clou sollte wohl die schiefe Bühne sein (siehe das Blogbild oben). Alles weitere war aber konventionell, teilweise affektiert, zu gewollt, zu darstellerisch. Ich meine, aus dem Buch hätte man einiges mehr un d interessanter herausholen können. Hinter der vordergründigen Story stecken schließlich viele kleine Themen. Allein das Verhältnis zwischen Blanche und ihrer Schwester Stella. Oder der Umgang von Blanche mit ihrem persönlichen „Niedergang“. Das wird in der Inszenierung alles zwar angerissen, aber meines Erachtens ohne Herzblut! Andreas Döhler (Stanley) ist da vielleicht am ehesten wieder einmal die Ausnahme. Aber selbst er: Im Buch erscheint mir Stanley noch rüder, krasser, unnachgiebiger, derber. Was man sich zu diesem Buch alles denken kann, wird etwa im Programmheft zur Inszenierung angerissen. Zu wenig davon war auf der Bühne zu sehen. Vielleicht haben es auch die Schauspieler nicht geschafft, die jeweiligen Positionen der Personen besser darzustellen. Ihre Zweifel, ihre Kämpfe untereinander, ihre so unterschiedlichen Positionen. Vor allem Cordelia Wege als Blanche spielte für mich nur eines: Affektiert. Modernes Theater sieht anders aus. Aber vielleicht sollte sie so spielen. Wahrscheinlich sogar, wenn man sieht, wie sie sich am Ende mit rotem Lippenstift das Gesicht vollmalt – ein alter Hut! Es war herkömmlich, es wurden von den Schauspielern keine Grenzen der schauspielerischen Darstellung eingerissen. Offenbar hat Michael Thalheimer keine Freiheit gelassen. Oder dieses Bühnenbild war zu starr! Den Eindruck hatte ich. Wie sollte man da auch erkennbar aus sich herausgehen! Ich mag ja immer das Nicht-affektierte, das Überraschende, das Persönliche, das Interpretierte. Nicht das Herkömmliche. Die Inszenierung von Michael Thalheimer ist aber herkömmlich.

Nun gut, einen ersten – vielleicht anderen – Eindruck gibt HIER die Online-Seite des BE zum Stück.

Und HIER die Seite des Cornelsen Verlags zum Buch in englischer Sprache mit Anmerkungen am Schluss zu den Südstaaten, New Orleans etc., und mit Fußnoten zu seltenen Wörtern.

Copyright des Beitragsbildes: Matthias Horn, Berliner Ensemble