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THEATER: Paper Tiger – Heart Chamber Fragments

In der jetzt so genannten „Therese-Giehse-Halle“ der Münchner Kammerspiele, vormals Kammer 2, war gestern Premiere des Stückes „Heart Chamber Fragments“, ein Performanceabend der chinesischen Truppe Paper Tigers. Auch Ensemblemitglieder der Münchner Kammerspiele wirken mit. Viel Tanz und Bewegung, basierend offenbar auf drei Texten: Jean-Luc Nancys Der Eindringling, Franz Kafkas Der Bau und Tao Yuanmings Der Pfirsichblütenquell

Wie diese drei Texte zusammenpassen, erschließt sich mir nicht ganz. Im ersten Text geht es um eine Herztransplantation, im zweiten und dritten Text geht es irgendwie eher um das Unbewusste, Träumerische. Dass es darum geht und wie diese drei Texte zusammenpassen sollen, entnehme ich vor allem dem Programmheft. Der Performance selbst kann ich es selten entnehmen.

Der Vorteil der Performance: Teilweise schöne Bilder durch den Tanz, die Bewegungen, und die Gesamtdarstellung. Manchmal wenigstens. Der Nachteil meines Erachtens: Emotionen spielen keine Rolle, alles wird ganz nüchtern, extrem nüchtern, dargestellt. Nur ein- oder zweimal blitzen – extrem allerdings – Emotionen auf. Einmal weint einer der Beteiligten heftig und einmal wütet ein anderer Beteiligter heftig. Dies sind dann meines Erachtens auch sofort ergreifende Szenen, die der Performance gut taten! Mehr davon hätte auch gut getan. So bleibt es aber insgesamt eine schwer verständliche Tanzperformance.

Zwei Dinge waren für mich noch auffallend: warum werden die gesprochenen Texte oder auch andere Texte an der Rückwand in Chinesisch wiedergegeben? Und: Man hat zu viel an Choreografie gespürt, finde ich. Jede Bewegung war irgendwie exakt geplant.

Ein Wort noch zur „Therese-Giehse-Halle“: Nichts gegen Therese Giehse, aber die Spielhalle der Kammerspiele gleich nach ihrem Namen zu benennen, halte ich für etwas verwegen. Was ist denn, wenn der oder die Nachfolger*In der jetzigen Intendantin Barbara Mundel die Halle wieder anders nennen möchte! Ist das dann ein Akt gegen Therese Giehse?

HIER der Link zur Stückeseite. Heute Abend und am kommenden Dienstagabend ist es wieder zu sehen.

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

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THEATER: Cristina D’Alberto – Anthologie/Blütenlese

Wie bewegt man sich, wenn man seine Geschichte durch Bewegung erzählen will? Wie würde ich mich etwa bewegen, wenn ich in – sagen wir – zehn Minuten mein „Jahr 2020“ darstellen sollte. Eine schöne Aufgabe für Silvester!

Für Cristina D’Alberto wäre es sicherlich eine durchaus gängige Vorstellung. Sie ist Choreografin und Performerin, kommt aus der Tanzszene. Geboren ist sie in Turin, hat einige Jahre in Florenz gelebt und lebt seit 2015 in – oder bei – München.

HIER ihre schöne schlichte Website, auf der man viele Details ihres interessanten und intensiven jungen Tanzlebens sehen kann. Sie ist einige Jahre um die Welt getourt und ist hier in München unter anderem Dozentin an der „Iwanson international dance school“.

Sie ist auch die Choreografin des Abends, den ich nun im Schwere Reiter gesehen habe. Eine so schön unspektakuläre freie Spielstätte. Aktuell wird gegenüber der Halle am Leonrodplatz eine neue Spielstätte gebaut, die das Schwere Reiter ab Herbst 2021 beherbergen soll.

Sara, Robert, Lotta, Hillel sind die Vornamen der ProtagonistInnen des Abends in Cristina D’Albertos Tanzperformance „Anthologie/Blütenlese“. Es sind aber auch die Vornamen der MünchnerInnen, die für dieses Projekt interviewt wurden. Es sind ihre Lebensgeschichten, die hier ohne Worte auf die Bühne kamen. Schon das Bühnenbild zeigt, dass es sich um eine sensible Herangehensweise an vier verschiedene Leben handelt.

Von oben würde man vier in vier Richtungen offene Räume sehen, die durch ein zentral auf der Bühne stehendes Kreuz entstehen. Vier zweimannhohe Trennwände, doppelwandig. schlanke Metallrahmen mit leicht durchsichtiger Gaze, zu besagtem Kreuz zusammengestellt, in sanften Farben bespannt. Man kann so fast allen vier TänzerInnen zusehen – die Zuschauer sitzen um die „Bühne“ herum -. Die TänzerInnen halten sich wechselnd jeweils immer in einem der vier „Räume“ auf – man kann von allen etwas erkennen, sofern nicht ruhige Videoaufnahmen von sich bewegenden Naturbildern – Mustern fast nur – auf die Gazeflächen projiziert werden. Das Kreuz wird später aufgelöst, die vier „Lebensgeschichten“ kommen so zusammen.

Natürlich erkennt man nicht konkrete Lebenssituationen, es geht ja nicht um Pantomimik. Die Situationen werden durch Tanz ausgedrückt. Man kann sich treiben lassen, man erkennt, dass eben jedes Leben seinen eigenen Ausdruck finden kann und muss. Man wird angeregt, sich zu den Bewegungen etwas zu denken, sich irgendwie Passendes vorzustellen. Im Programm heißt es, so stehe der Ausdruck durch Tanz im Kontrast zum glitzernden Bild, das man heutzutage so oft von sich ins Internet stellt. Im Kontrast zur Vereinheitlichung auch. Auffallend vielleicht: Es war vielleicht mehr Schmerz, waren mehr Probleme als Freude, die durch die Bewegungen dargestellt werden konnte und musste. Aber auch das hatte in der Darstellung Angenehmes, nicht Leidendes. Angenehm, weil es individuell war. Fast schon ungewöhnlich ohnehin, nicht an Vereinheitlichung zu denken. Deshalb hatte es sich gelohnt.

Copyrght des Beitragsbildes: Gabriela Neeb

THEATER und LITERATUR: Gob Squad -What are you looking at?

Zuletzt hatte ich im Blog über Falk Richters Buch „Disconnected“ geschrieben. HIER der Beitrag. Jetzt habe ich ein kleineres Büchlein über die Performancegruppe Gob Squad gelesen. Beide Bücher passen wegen ihrer Gegensätzlichkeit gut zusammen. Siehe unten.

Ich habe ja etwas mehr Zeit momentan, bin ja momentan aus bekannten Gründen nicht ständig im Theater. Das Büchlein über Gob Squad ist auch aus dem Programm des Alexander Verlags. HIER der link zur Buchseite im Webauftritt des Verlags.

Das Büchlein über Gob Squad erscheint beim Alexander Verlag in der noch nicht abgeschlossenen Buchreihe »Postdramatisches Theater in Portraits«, Mitherausgeber der Reihe ist übrigens Florian Malzacher, von dem ich in Kürze etwas berichten werde.

Gob Squad gehört ja zu den „alten Hasen“ des Performancetheaters. Seit über 25 Jahren gibt es die Truppe. „Dinosaurier“ des Performancetheaters wurden sie schon genannt. Aber sie sind immer wieder aktuell interessant. So etwa, wie Forced Entertainment oder einige andere Performergruppen. Siehe den link zur Auflistung von Performancegruppen im Blog rechts! Ich mag Performance eben.

Man liest im Büchlein „What are you looking at?“ (Titel einer der ersten Arbeiten von Gob Squad) über die Entstehung von Gob Squad, über die Ansätze bei ihren ersten Arbeiten, über ihr Verständnis, und man liest ein langes Interview mit den Mitgliedern von Gob Squad zu Gob Squads Ansichten und Erfahrungen zu ihren Arbeiten.

Gob Squad war in den vergangenen Jahren auch mehrfach an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Vor fünf Jahren mit dem irgendwie schönen, weil völlig entfremdeten Abend „War and Peace“, einer „Arbeit“ zu Tolstoi’s „Krieg und Frieden“, und mit „Creation“, das auf Oskar Wilde’s „Bildnis des Dorian Gray“ basierte. Vielleicht waren sie auch noch einmal an den Kammerspielen, es fällt mir gerade nicht ein. Ansätze der genannten beiden Abende waren jedenfalls die bekannten Werke der Weltliteratur, gemacht wurde daraus aber – typisch für Gob Squad – etwas sehr Persönliches, völlig Anderes.

Falk Richter und Gob Squad verfolgen völlig unterschiedliche Konzepte. Während Falk Richter – mit teilweise ja fast aggressive Attitüde – auf den Einzelnen in der Gesellschaft blickt, ihn in das Zentrum seiner Betrachtungen stellt (Thema: Der/die Einzelne, der/die durch die Gesellschaft quasi zerstört wird), zählt für Gob Squad nur das Kollektiv, das Gemeinsame. Gemeinsam im Team und gemeinsam mit den Zuschauern, das ist deren konsequenter Ansatz. Es gibt bei Gob Squad keine Hierarchie, keine „Präsentation“ für den Zuschauer nach der Idee eines Regisseurs.

Statt „Disconnected“, wie es bei Falk Richter heißt, müsste es bei Gob Squad „Connected“ heißen. Insoweit ist das Büchlein über Gob Squad gerade im Vergleich zu Falk Richters Buch „Disconnected“ interessant zu lesen.

Gob Squad geht es dabei immer um persönliche Erfahrungen. Erfahrungen der Personen auf der Bühne und Erfahrungen im Zuschauerraum (oder sonst wo, je nachdem, wo was gebracht wird). Es geht oft um den Alltag, den jeder erlebt. Der Alltag, der gerne poetisch überhöht wird, an dem dann durch die Überhöhung Dinge auffallen. Etwa das Älterwerden in „Creation“.

Alles entsteht im Team. Die Personen auf der Bühne sind nicht Schauspieler, sie sind die Personen, die sie sind. Die Zuschauer könnten sich oftmals sagen: Das auf der Bühne könnte ich sein! Es geht nicht um die Institution „Theater“.

Das Fragile im Alltag, darum geht es. Bei Krieg und Frieden etwa die Frage: Was ist für mich Krieg und was ist für mich Frieden? Und abgesehen von diesen persönlichen Fragen des Einzelnen geht es Gob Squad immer um Interaktion. Interaktion des Teams in der Ideensammlung, in der Vorbereitung, auf der Bühne, innerhalb der Gruppe der auftretenden Personen und Interaktion mit den Zuschauenden. Es geht Gob Squad nicht um eine Botschaft, sondern um die Schaffung einer Situation, in der etwas entstehen kann.

Ein schöner Ansatz, finde ich. Schöner als der moderne Ansatz, nur auf sich selbst zu schauen und die Anderen noch dazu schlechter zu finden.

THEATER: SPIELART Festival – Resumee

Abstraktes oder Persönliches. Als Zuschauer eines Theaterstückes oder einer Performance gibt man sich doch meist Themen hin, die nicht „höchstpersönlich“ sind, sondern eher „abstrakte“ Überlegungen aufgreifen, man sieht dazu erdachte Szenarien bzw. Geschehen. Man kann sich dann überlegen: „Wie sehe ich das eigentlich?“ Irgendein Thema. „Wie stehe ich zu diesem Thema?

Und manchmal, denke ich, ist es anders: Wenn das „Stück“ auf der Bühne sehr persönlich ist. Dann ist das Erlebnis anders: Man stellt sich nicht (bewusst oder unbewusst) eine theoretische Frage wie: „Wie sehe ich das?“. Man hat Persönliches gesehen, Erlebtes, Privates: Man kann es im Grunde nur irgendwie verdauen. Beeindruckt oder nicht beeindruckt. So könnte man unterscheiden. Aber das trifft natürlich nicht immer zu. So schlau kategorisieren kann ich nicht, es ist hier nur eine Feststellung zum SPIELART-Festival.

Das SPIELART-Festival ist vor kurzem in München zu Ende gegangen. Es bot Beides. Eine – international zusammengesetzte – Mischung aus solchen „abstrakten“ Veranstaltungen und „persönlichen“ Veranstaltungen. Einiges habe ich gesehen. Längst nicht Alles, es war ein umfassendes Programm über zwei Wochen hinweg, ich habe viel Zeit investiert.

Das Festival findet alle zwei Jahre statt, das nächste Mal also 2021! Ich schreibe hier ausnahmsweise darüber, obwohl es niemand mehr besuchen kann, das SPIELART-Festival 2019.

Innerhalb des SPIELART-Festivals fand vor allem noch ein weiteres Festival statt, ein „Festival im Festival“: „New Frequencies“ für neue Stimmen der internationalen Theaterlandschaft.

Die Mischung machte es. Wann kann man schon so viele so persönliche Sichtweisen aus vielen Teilen der Welt sehen. Südafrika, Kenia, Palästina, Indonesien und und. Meine Auswahl zeigt die angesprochene „Mischung“ deutlich. Gesehen habe ich:

PERSÖNLICHES:

  • Erinnerungen an das Erwachsenwerden: Man konnte ungefähr einhundert Personen dabei zuhören, wie sie ihre Erinnerungen an ihr 21. Lebensjahr schilderten. Während man es hörte, saß man den einzelnen Personen an Bildschirmen gegenüber und sah, wie sie sich selbst noch einmal anhörten. Gut arrangiert.
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  • Cultural Exchange Rate: Siehe den Extrabericht HIER.
  • Bild 2:
  • On Thin Ice: Lesung von Tagebuchaufzeichnungen eines Kenianers, der nach Amsterdam kommt. Gut gelesen!
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  • A Song To Hear You Arriving: Ein Klangteppich, der an einen Verstorbenen gerichtet ist.
  • Bild 4:
  • Congo: Eine wütende Suada eines Kongolesen gegen die Verbrechen Europas bei Gründung des Kongo. Die absurde Berliner Kongokonferenz 1884 wird geschildert. Nach dem Buch Kongo von Eric Vuillard.
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ABSTRAKTES:

  • Pleasant Island: Zwei Jugendliche berichten über ihren Besuch von Nauru, einem kleinen Inselstaat im Pazifik. Von englischen Walfängern einst „Pleasant Island“ genannt. Das nach extremer Ausbeutung zerstörte Ökosystem Naurus – früher einmal das reichste Land der Welt – ist ein Vorbote für eine drohende weltweite Umweltkatastrophe. Dokumentarisch wichtig, umso enttäuschender, nicht überzeugend.
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  • Speak Bitterness: Eine durational performance von Forced Entertaiment, siehe den Extrabericht HIER.
  • Bild 7:
  • 12 am: Awake and looking down: Eine weitere durational performance von Forced Entertaiment, siehe den Extrabericht HIER.
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  • And On The Thousandth Night: Auch eine durational performance von Forced Entertaiment, leider verpasst.
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  • Orest in Mossul: Von Milo Rau, Intendant am NT Gent. Die Orestie im zerbombten Mossul. Ansich der prominenteste Beitrag, aber umso enttäuschender. Eindrücke einer zerstörten Stadt – wie einst Troja – aber warum die Orestie? Ich fühlte mich etwas über den Tisch gezogen, brutale Erschießungen wurden nachgestellt etc. HIER der link zur Seite beim NT Gent mit mehreren Videos dazu.
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Und innerhalb des Festivals „New Frequencies“ war es wiederum:

PERSÖNLICHES:

  • Tubuhdang Tubuhdut: Die Flucht aus dem Alltag durch einen indonesischen Tanz, Blick auf die in Indonesien ebenso tanzenden Männer im Publikum, die mit ihren Bewegungen auch Berufliches und Typisches zeigen.
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  • Steps: Ein tunesischer Tanz jenseits der Geschlechterbarrieren.
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  • Baba, Come to me: Eine Performance zum Verhältnis Vater-Tochter aus Palästina.
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  • Nonna doesn’t live here anymore: Ein Film zum Verhältnios Mutter-Tochter aus Ägypten.
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ABSTRAKTES:

  • Commission Continua: Südafrikas Ringen mit Vergangenheit, Veränderung und Versöhnung.
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HIER der Link zur interessanten Website des Festivals mit allen weiteren Angaben zu den Veranstaltungen, teils mit Trailern.

Jetzt habe ich alles aufgeführt, im Grunde nur mir zuliebe, nämlich um alles vollständig zu halten. Ich bringe hier auch keine Einzelbesprechungen zu den genannten Veranstaltungen, die Beiträge des Festivals können ja – mit Ausnahme wohl nur des „Orest in Mossul“ – nicht mehr gesehen werden.

Copyrights:

  • Beitragsbild: Milo Rau
  • Bild 1: Max Kuhlmann
  • 2: Judith Buss
  • 3: Ogutu Muraya
  • 4: Thomas Lenden
  • 5: Agathe Poupeney
  • 6: Indra Struyen
  • 7: Hugo Glendinning
  • 8: Hugo Glendinning
  • 9: Hugo Glendinning
  • 10: Stefan Bläske
  • 11: Widhi Cahya
  • 12: Mawjoudin Queer Film Festival
  • 13: Farah Barqawi
  • 14: Sama Waly
  • 15: Zivanai Matangi





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SONSTIGES: Goldener Löwe für den besten nationalen Beitrag auf der Biennale 2019 in Venedig

Der Gewinner des Goldenen Löwen 2019 für den besten nationalen Beitrag auf der Biennale 2019 in Venedig ist seit Mai bekannt. Es ist der Beitrag für Litauen. Da der Beitrag eher eine Performance, kein „stehendes“ Kunstwerk, ist, bringe ich hier in einen kleinen Beitrag.

Er heißt Sun & Sea (Marina) vom Künstlerinnentrio Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė. … Gesundheit …

Worum es geht? Es heißt:

Die Opernperformance „Sun & Sea (Marina)“ auf einem künstlichen Strand übt Kritik am Lebensstil des vielen Reisens, Konsums und Arbeitens.

Nach dem Motto: Wir leben völlig falsch, aber wir machen weiter so. Dem Untergang entgegen, aber wir legen uns in die Sonne! Die Leiterin der Jury, die Direktorin des Berliner Martin-Gropius-Baus Stephanie Rosenthal, sagte:

„Das Libretto war wirklich hervorragend. Es zeigt uns, wo wir im Moment als Gesellschaft stehen: Das geht vom Workaholic zu den Zwillingen, wo einer im 3D-Drucker entstanden ist, bis zu ganz wesentlichen Passagen über Klimawandel. Und das alles verpackt in so einer grotesken Opernsituation, die man von oben sieht, wo man weiße Körper sich in der Sonne aalen sieht auf künstlichem Sand.“ Es handle sich hierbei um „groteskes Theater“, das den momentanen Zustand der Gesellschaft sehr gut zeige.

Das Libretto ist HIER. Man muss es sich ansehen, unbedingt reinlesen, um die Performance zu verstehen.

Hier der weitere Blick in den „Ausstellungsraum“:

Hier ein Video zum Ganzen:

Und HIER die Website zur Performance.

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THEATER: Brechtfestival 2019 in Augsburg

Nur ein kurzer Hinweis auf das derzeit stattfindende Brechtfestival in Augsburg! HIER das Programm. Augsburg ist natürlich die große Bertolt-Brecht-Stadt. Bertolt Brecht wurde bekanntlich in Augsburg geboren, am 10. Februar 1898, also vor 121 Jahren. Erstaunlich ist, dass Bertolt Brecht dennoch thematisch immer wieder durchaus aktuell ist. Das „Leben in Städten“ ist Schwerpunkt dieses Jahr. Zwei Veranstaltungen habe ich bisher gesehen. Ich werde noch etwas genauer darüber schreiben.

Die Bertolt-Brecht-Realschule, das Bertolt-Brecht-Geburtshaus, die Bertolt-Brecht-Gedenkstätte, das Brechtfestival, all das findet sich in Augsburg! Nur der Bertolt Brecht Platz, der befindet sich in Berlin! Es ist der Platz vor dem Berliner Ensemble. 1963 wurde der Platz so genannt, zu Bertolt Brechts 65. Geburtstag. 1949 übernahm Bertolt Brecht in der DDR zusammen mit seiner Frau Helene Weigel das Theater am Schiffbauerdamm. Dort gründeten die beiden das „Berliner Ensemble“. Bertolt Brecht war ab 1974 künstlerischer Leiter des dortigen Theaters, das früher – wie gesagt – „Theater am Schiffbauerdamm“ hieß. 1974 wurde das „Theater am Schiffbauerdamm“ in „Berliner Ensemble“ unbenannt.

Seit 1995 etwa läuft am Berliner Ensemble – mittlerweile über 400 mal – das Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht, das schon vor 1974 über 500 mal gezeigt wurde. Weitere Termine werden demnächst bekanntgegeben.

THEATER: Wojtek Ziemilski – The Polaks explain the future

Ja klar, man will ja mal die Zukunft erklären. Das scheint ja nicht schwer zu sein, wenn man den Titel dieser Inszenierung liest. „Die Polaks erklären die Zukunft!!“ Wobei damit nicht die Polen insgesamt gemeint sind, sondern das Geschwisterpaar Jasmina und Piotr Polak. Sie traten auf im Rahmen des kurzen Festivals „Warsawa – Munich“, das in den vergangenen Tagen an den Münchner Kammerspielen stattfand.

Ich will ja im Blog über Dinge schreiben, die andere noch sehen können. Heute aber schreibe ich einmal – kurz – über Dinge, die in München nicht mehr laufen. Es war eben ein kurzes Festival.

Einen Blick über den Tellerrand gab es – polnische Theater- oder Performanceveranstaltungen. Den nötigen Blick über den Tellerrand hat ja auch Angela Merkel gerade auf der Münchner Sicherheitskonferenz angesprochen. Es interessierte mich also, zu sehen, ob man schon in Polen – wenige 100 km von uns entfernt – ganz anders denkt. Vom 14. – 17. Februar zeigten die Münchner Kammerspiele Inszenierungen der jüngeren polnischen Regiegeneration, die neue Wege zu finden versucht. Etwa „Fantasia“, eine Arbeit von Anna Karasinska:

©️ Hueckel Studio

HIER der Link zur Seite der Inszenierung. Eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Theaters. Irgendwie harmlos, aber interessant gemacht. Die sechs Schauspieler auf der Bühne wurden live immer wieder aufgefordert, sich kurzzeitig in eine bestimmte Rolle zu begeben. Kurz wurde Ihnen über Mikrofon zugerufen, in welche Person sie sich versetzen sollten, und sie haben dann irgendwie eine Haltung dazu eingenommen. Meistens haben sie nichts gespielt, sondern sind geblieben, wie sie sind. Etwa eine Aufforderung wie: „Spiele eine Person, die nicht auf der Bühne stehen möchte“ (so ähnlich). Meist folgte nur eine minimale Änderung ihres Minenspiels – wenn überhaupt. Es lag an der Vorstellungskraft der Zuschauer, die die Anweisungen gehört hatten.

Oder „Cezary Goes to War“ von Cezary Tomaszewski:

©️ Patrycja Mic

HIER auch der Link zur Inszenierung. Eine Auseinandersetzung mit dem Militärischen in Polen, aber auch – ich habe es nicht ganz verstanden – mit dem Kapitalismus. Anscheinend wurden Parallelen gesucht.

Und eben „The Polaks Explain The Future“ von Wojtek Ziemlski.

©️ Maurycy Stankiewicz

Das wiederum fand ich am interessantesten: Es war ein Dialog der Polak-Geschwister mit ihrer Mutter. Die Mutter sagt etwa in ihrer negativen Einstellung, was die Zukunft betrifft:

You know, I really can’t see anything good in the future

Die Geschwister verteidigen erst die Gegenwart – in der Hoffnung auf Besserung und mit verrückten Aussichten auf Möglichkeiten, die sich uns Menschen in der Zukunft auftun werden. Und mit der Vision, dass sich die Menschen gut verstehen werden. Dann wiederum verstehen sie aber doch die negative Sicht ihrer Mutter! Und am Ende sagen Sie:

​…  when you’re not afraid you can finally think of what to do next.

Da ist sicher etwas dran: Was hilft’s! Man muss wohl positiv denken, um die Dinge irgendwie voran zu bekommen. Angst hilft nicht weiter. Nicht den Kopf in den Sand stecken. Aber andererseits: Man muss die Dinge eben auch anpacken! Aber das war nicht das Thema der Inszenierung. Aber ich fand es schon interessant, dass offenbar junge Menschen in Polen im Grnde nicht anders denken dürften, als junge Menschen in Deutschland etwa.

HIER der Link zu den Seiten der Kammerspiele zur Inszenierung.

Insgesamt waren es auffallend schlicht gehaltene Inszenierungen. Man müsste ein solches Festival mit Produktionen aus ganz Europa bringen! So etwas wie ein Theatertreffen für Europa! Übersetzungsmöglichkeiten – auch simultan – wird es heute ja geben. Das Theatertreffen in Berlin etwa immer nur auf Deutschland und deutschsprachige Bühnen zu beziehen, ist ja demgegenüber geradezu nationalistisch. Und genau das muss ja nicht sein. Wo ist der europäische Kulturaustausch?

©️ des Beitragsbildes: Maurycy Stankiewicz

THEATER: Forced Entertainment – Real Magic

„So, what is the word Richard is thinking of?“

Ich kann es nur empfehlen, deshalb bringe ich hier einmal einen Hinweis:

Heute Abend in den Münchner Kammerspielen, 20:00 Uhr (und morgen, Samstag, 19.00 Uhr). „Real Magic“ von Forced Entertainment. Das Stück war eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2017 als eines der 10 „bemerkenswertesten“ Stücke des Jahres. Ich hatte es in Berlin gesehen und werde es noch einmal ansehen. HIER mein damaliger Beitrag im Blog. Es ist eine Performance, kein Theaterstück. Was ich besonders daran mochte, ist, dass mit wirklich allereinfachsten Mitteln im Grunde viel vom ganzen Leben gezeigt wird. Es ist im Grunde eine einzige Szene, die sich permanent wiederholt. Witzig und ernst zu gleich. Tim Etchells, (Mit-)Gründer von Forced Entertainments, sagte einmal ungefähr: Mit diesem Stück sind wir dort angekommen, wo wir mit unserer Gruppe hin wollten.

HIER die Seite zum Abend auf der Website der Kammerspiele.

HIER die Website von Forced Entertainment.

Und HIER ein Video mit Ausschnitten von Real Magic und einem Gespräch mit Tim Etchells, dem Gründer von Forced Entertainment.

ÜBRIGENS HEUTE AUCH – IN BERLIN UND DORTMUND:

Am Berliner Ensemble und am Schauspiel Dortmund läuft heute zeitgleich und miteinander verknüpft ein Stück, das ich auch einmal gerne sehen würde. Titel: „Parallelwelten“. Die zwei siebenköpfigen Schauspielensembles auf den Bühnen im Berliner Ensemble und im Schauspiel Dortmund spielen zeitgleich miteinander Theater. Sie sind, wie das Publikum, zugleich voneinander getrennt und doch sicht- und hörbar miteinander verbunden, in Echtzeit: durch ein Glasfaserkabel, das Bilder und Töne in Lichtgeschwindigkeit über 420,62 Kilometer Luftlinie zwischen Dortmund und Berlin hin- und hertransportiert.

HIER der Link zur Seite des Berliner Ensembles, Unterseite „Parallelwelten“.

Und HIER der Link zum Schauspiel Dortmund, Unterseite „Parallelwelten“.

THEATER: Politik im freien Theater – Creation (Pictures for Dorian) von Gob Squad

In jeder Sekunde unseres Lebens tragen wir doch unbewusst jedenfalls Überlegungen wie diese mit uns herum: Wie bin ich eigentlich? Wie sehe ich mich? Bin ich überhaupt so, wie ich mich sehe? Was bedeutet es: Sich selbst zu sehen? Denn wie sehen andere mich? Und wie sehe ich andere? Sehen Sie sich selbst auch so? Ständig geht es uns ganz unbewusst darum und um ähnliche Fragen. Schon wenn wir morgens aufstehen und in den Spiegel schauen: Was wollen wir an uns sehen? Was wollen wir nicht sehen? Können wir etwas verbergen? Oder etwas vortäuschen? Wie machen wir uns zurecht? Wofür? Und dann kommt hinzu, dass wir uns ständig verändern! Wir werden älter!

Die Performancetruppe Gob Squad hat diese Ansätze, mit denen wir alle durchs Leben gehen, mithilfe der Idee des Dorian Gray in Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray„ aufgegriffen. Theaterfreunde kennen Sie natürlich: Die Performancetruppe Gob Squad.

In den Münchner Kammerspielen waren sie vor circa zwei Jahren mit einem, wie ich finde, schönen Abend zu Tolstois „Krieg und Frieden“. HIER die Seite der Münchner Kammerspiele zu „War and Peace“.  Das Münchner Publikum hatte diesen performativen Ansatz damals leider kaum verstanden oder verstehen wollen!

Jetzt war Gob Squad Teil des Festivals „Politik in Freien Theater“. Creation (Pictures for Dorian). Wobei: Ich fragte mich schon, was dieser Abend, an dem es um unsere Vergänglichkeit und den Wunsch nach Schönheit irgendeiner Art geht, mit „Politik“ und mit dem Motto „Reich“ zu tun hat? Nun, im Rahmen des Festivals gibt es eine Ringvorlesung (HIER der Link). Und dort gibt es am 09.11. im Pathos das Thema: „Schön und Reich“. Zu dieser Veranstaltung heißt es:

Woll(t)en wir das nicht alle werden: „schön, reich und berühmt“? Aber: Macht das glücklich? Wie sieht überhaupt so ein schönes, reiches, berühmtes Leben aus? Der Glaube an die wechselseitige Abbildung von reich und schön ist allgegenwärtig. Schönheit und Reichtum versprechen nicht nur die Erfüllung aller Wünsche und Sehnsüchte, sondern auch ein Leben jenseits gesellschaftlicher Zwänge und Grenzen. Oder: „Armut macht hässlich“? Unser Podium wird den Zusammenhang von reich und schön entlang von Impulsvorträgen befragen und mit dem Publikum diskutieren.

 

So gesehen steht der Abend von Gob Squad doch im Zusammenhang mit dem Thema „Reich“. Und im Onlineauftritt des Festivals heißt es zur Performance von Gob Squad:

The German-British collective helps itself to a number of themes from the work of Oscar Wilde. Above all, the narcissist’s split personality – the image onto which Dorian Gray delegates all his negative characteristics, so that he can maintain his ideal image of himself. From this starting point, Gob Squad unleash a myriad variety of ideas and brilliant associations to create what is perhaps their most personal and honest show to date. Together with locally recruited performers, they reflect on truth and illusion in art and on the role of the human body within the capitalist logic of exploitation.

Die Mitglieder von Gob Squad sehen sich ja selbst älter werden! Es gibt Gob Squad  jetzt seit 25 Jahren! Auch Sie sehen, dass sie älter geworden sind. Sie sehen sich selber, hört man zu Beginn, noch zwischen Jung und Alt! Sie fühlen sich jung aussehend – und geistig älter! Sie merken aber auch: Der Körper altert, nur der Körper!

Gob Squad bringt eine gelungene Performance zu diesen Gedanken, drei junge und drei alte Amateurschauspueler aus der Stadt, in der sie auftreten, sind eingebunden. Und in verschiedensten Szenen geht es um das Verhältnis zum Älteren in uns und zum Jüngeren in uns. Mit Gesprächen mit der Vergangenheit, Gesprächen mit der Zukunft, mit Gesprächen vor dem Spiegel, mit  persönlicher Selbstdarstellung und und und. Tja, und niemand kann die Zeit anhalten!

HIER  die Projektseite zu Creation im Onlineauftritt von Gob Squad mit einigen weiteren Fotos.

UND HIER ein  schönes kleines Video zu Creation, auch von der Website von Gob Squad.

Hier noch ein Foto:

Gob Squad zeigt: „ Creation (Pictures for Dorian) „ HAU Zwei, Urauffuehrung am 2. und 4. Mai 2018.
Titel: Creation (Pictures for Dorain). Nach Motiven von Oscar Wildes. Konzept und Regie: Gob Squad. Kostueme: Ingken Benesch. Buehne: Lena Mody. Video: Miles Chalcraft. Licht: Chris Umney. Ort: HAU Zwei Hebbel am Ufer. Urauffuehrung: 2. und 4. Mai 2018. No model release. copyright: david baltzer/bildbuehne.de. Spieler*Innen: Sharon Smith, Berit Stumpf und Simon Will; Gaeste: Parisa Madani, Naomi Odhiambo, Christopher Adams-Cohen, Susanne Scholl, Rita Dieter Scholl und Beatrice Cordua u.a.. „Engl.“ theatre, actor, performer || 2 Premieren mit 2 Casts

 

©️ der Fotos: Davd Baltzer/bildbühne (?)