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THEATER: Marieluise Fleißer – Eine Zierde für den Verein

Kleine Zusammenhänge dazu: Marie Luise Fleißer war befreundet mit Bertolt Brecht. Bertolt Brecht hatte ja zur damaligen Zeit Premieren an den Münchner Kammerspielen und am Residenztheater, sie lernten sich dann kennen. Von ihm ist just zurzeit am Residenztheater die Inszenierung von „Die Gewehre der Frau Carrar“ zu sehen. Und weiter: Marieluise Fleißer war auch mit Lion Feuchtwanger befreundet, es war eine Freundschaft für die Lebenszeit. Lion Feuchtwangers Roman „Erfolg“ ist just derzeit ebenfalls am Münchner Residenztheater inszeniert.

Alle drei Autoren lebten also in derselben Zeit, Bertolt Brecht starb im Jahre 1956, Lion Feuchtwanger im Jahre 1958, Marieluise Fleißer im Jahre 1974. Sie lebten in den Jahren vor den, während der und nach den beiden Weltkriegen. Marieluise Fleißer verbindet man ja vor allem mit ihrem Geburtsort und Lebensmittelpunkt Ingolstadt.

Ebenso wie bei Lion Feuchtwanger und bei Bertolt Brecht kann man auch bei Marieluise Fleißer daher nicht etwa übermäßig Bezüge zu unserer Gegenwart erwarten, zu sehr waren sie jeweils ihren so schwierigen Zeiten verhaftet! So beschränkt sich nun auch die Inszenierung von „Eine Zierde für den Verein“ im Marstalltheater letztlich auf die Darstellung des Romans in seiner damaligen Zeit, was aber Gelegenheit sein kann, sich mit der interessanten Person Marieluise Fleißer auseinander zu setzen.

Das Bühnenbild erschreckt am Anfang. Denn lange stellt sich die Frage, wie man auf dieses Bühnenbild kommen kann: Es ist ein hellblau gepolstertes, stufenmäßig ansteigendes Amphitheater-ähnliches Gebilde, recht gedrungen auf der kleinen Bühne, nach vorne hin offen. Siehe das Bild unten. Dieses Amphitheater kann immer wieder nach vorne hin von einem großen Plastikvorhang zugezogen werden.

Die SchauspielerInnen benutzen dieses Amphitheater immer wieder dazu, um daran herauf- oder davon hinabzusteigen, zu stürzen, zu kämpfen, unter ihm zu verschwinden, seitlich von außerhalb zu erscheinen etc. Es ist ein Spiel mit dem Raum, an das man sich gewöhnt. Seltsamerweise bleibt die Inszenierung aber gerade dadurch recht „raumlos“, es bleiben abstrakte Räume. Die vorherrschende Farbe hellblau im Innenbereichen mag dabei – fast zu naheliegend – daran liegen, dass die Hauptfigur Gustl, um den herum sich alles abspielt, ein erfolgreicher Schwimmer ist oder war, sein Bekannter Rhi ein Turmspringer (Bühne und Kostüme Aleksandra Pavlović).

Teils sind außerdem große Videoaufnahmen auf dem zugezogenen Plastikvorhang zu sehen. Mit Live-Kamera aufgenommene Szenen, die sich im Hintergrund des Vorhangs oder durch das Raumgebilde verdeckt uneinsehbar abspielen, was durchaus Erinnerungen an Frank Castorfs Inszenierungen provoziert (Inszenierung Elsa-Sophie Jach).

Dem Roman entsprechend werden die verschiedenen Charaktere entwickelt, Charaktere einer bayerischen Kleinstadt im Jahre 1920. Gustl eröffnet ein kleines Geschäft, Gustl der ehemals erfolgreiche Schwimmer, seine Mutter redet auf ihn ein, seine anfängliche Liebe Frieda, Linchen im Kloster Friedas Schwester, Minze der Sohn des Vermieters, Rhi also der Turmspringer, sein Name „Rhi“ Spitzname für Riebsand, der Sportverein und weiteres. Alles für Marieluise Fleißer sogar recht autobiographisch. Marieluise Fleißers sehr eigene Sprache im Roman, das irgendwie Wortkarge, trotzdem sehr Detaillierte, kommt natürlich im Roman selbst anders zur Geltung, kommt auf der Bühne natürlich etwas kurz. Jeder/jede schaut auf sich, sieht aber immer den anderen/die andere als Ursache für Ungemach, für die Schwierigkeiten. Das zeigt Marieluise Fleißers Roman sehr gut, kommt in der Inszenierung eher phasenweise deutlich zum Ausdruck. Das wiederum war ein Zeichen der Zeit: Es sind immer die anderen! So entstanden die Weltkriege. Und das sollte nicht heute wieder zum Zeichen der Zeit werden!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier noch ein Bild der Inszenierung:

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Kyung-Sung Lee – 77 Versuche, die Welt zu verstehen

Es wird kein „Stück gespielt!“ Es werden Überlegungen präsentiert. Das macht es interessant. Ich habe nicht mitgezählt, aber es werden 77 verschiedene Überlegungen sein, wie der Titel sagt. Allerdings selbst formulierte Überlegungen zum Verhältnis „Die Welt – das Theater“. Hinter allem steht eben Bertolt Brecht, der auch als fremde Stimme („Bot“) und teils in Person von Thomas Hauser zu hören/sehen ist. Es geht um die Sicht auf die Welt speziell aus der Sicht des Theaters.

Eines möchte ich gleich hervorheben: Thomas Hauser, einer der vier Ensemblemitglieder des Stückes, hält gegen Ende einen Monolog, blickt von der dunklen Bühne, am hinteren Rand in der Ecke stehend, auf eine offene Tür, durch die wiederum grelles Licht scheint. Er blickt vom Theater hinaus in die grelle Welt. Dieser – leider sogar zu kurze – Monolog wird von ihm großartig gehalten! Für mich ein Erlebnis, der Kern des Abends, ein Erlebnis, das allein den Besuch wert ist!

Es ist ohnehin eine überzeugende Leistung der vier – insgesamt eher sympathisch auftretenden – Ensemblemitglieder an diesem nicht sehr langen Abend im Marstalltheater, speziell aber von Thomas Hauser. Thomas Hauser hat derzeit noch recht wenig Rollen am Residenztheater, es werden hoffentlich bald mehr! Seine hier oft ratlose, sich vielleicht gewollt „unwohl“ fühlende, eher zweifelnde und im Monolog geradezu verzweifelnde und verzweifelte Art, die Überlegungen zu präsentieren, sticht hervor! Motto: Die Welt ist so anders als das Theater! Melancholie schwingt bei vielen der Überlegungen durchaus mit, kommt gut zum Ausdruck! Die Melancholie lässt aber auch der Hoffnung Platz! Es ist kein negativer Abend. Und passend ist, dass der Abend in keiner Weise überladen wird.

Was macht das Theater mit der Welt? Die Welt ändert sich doch ständig, wird immer unberechenbarer. Ohnehin, die Gegenwart vergeht, Künftiges können wir nicht vorhersehen, nicht lenken! Wird Theater da irgendwie gebraucht? Werden die richtigen Menschen angesprochen? Tragen sich die Überlegungen des Theaters „draußen“ in der Welt herum? Und so weiter. Es sind große Fragen des Theaters, und es sind viele Überlegungen! Viele, die aber allesamt eher spielerisch und fein dargeboten werden, ohne zu schwer zu wirken. Siehe das Beitragsbild. Es werden an den Abenden wohl verschiedene Dinge auf den Boden geschrieben. Es hieß etwa: „Ich habe mehr Gefühl als eine Teesorte!“ … Die Teesorte als unsere Werbewelt …

An dieser Stelle sei aus dem Programmheft zitiert:

Kyung-Sung Lee arbeitet vorwiegend im Stil des «devised theatre» – der Theatertext entsteht im künstlerischen Kollektiv. Er bemüht sich, Schauspie- lerinnen und künstlerisches Team kennenzulernen und sich sowohl ihren gemeinsamen als auch ihren unterschiedlichen Lebensrealitäten anzunähern. Dabei versteht er Theater als einen Raum, der uns lehrt, dass wir im Leben nicht alles wissen können, und dass das Besondere oft in den kleinen Dingen und Momenten liegt. «77 Versuche, die Welt zu verstehen» ist das Ergebnis eines mehrwöchigen Dialogs zwischen südkoreanischen und deutschen Theatermacherinnen, die über ihre Realität, die Gesellschaft, die Welt und Bertolt Brechts Versuch, das Theater in seiner Zeit der Unsicherheit neu zu begreifen, diskutiert haben. Ausgehend von diesen Eindrücken hat Lee gemeinsam mit dem ebenfalls koreanischen Autor Hong-Do Lee eine Szenencollage entwickelt, in denen die Bühne zum (Schutz-)Raum für Versuche wird, die Welt im Theater zu reflektieren. In der Spielzeit 2024/25 verbringt Hong-Do Lee im Rahmen von WELT/BÜHNE – Plattform für internationale Gegenwartsdramatik eine mehrmonatige Schreibresidenz in München.

Hier noch ein Bild:

HIER der Link zum Text „Kleines Organon für dasTheater“ von Bertolt Brecht.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Die Gewehre der Frau Carrar/Würgendes Blei

Regie hat die Thüringerin Luise Voigt (HIER mehr über sie), die – meines Wissens – erstmals am Residenztheater inszeniert. Die Fortschreibung des Brecht‘schen Teils – eine Auftragsarbeit des Residenztheaters – stammt von Björn SC Deigener (mehr zu ihm auf der Stückeseite auf der Website des Residenztheaters, siehe am Ende des Textes).

Die Arbeit wird an der schönen kleinen Bühne des Residenztheaters, im Marstalltheater, gebracht. Die Bühne wird, vor allem im ersten Teil, sogar noch verkleinert, denn alles spielt sich in einem kleinen holzvertäfelten Raum mit Tisch und Stühlen (mehr fast nicht) allein auf der vorderen Hälfte der Bühne ab, siehe das Foto unten. Enge Atmosphäre, passend zum Thema.

Das Brecht’sche Thema: Frau Carrar ist überzeugte Pazifistin, sie will ihre beiden Söhne nicht in den Krieg gegen Franco ziehen lassen. Geht ihre Rechnung auf? Unterstützt sie damit nicht Franco? Muss man sich denn nicht verteidigen, wenn man angegriffen wird, auch wenn man noch so pazifistisch denkt? Stichwort Ukraine. Einer der beiden Söhne von Frau Carrar wird dann getötet und so wird alles anders (ich will nicht spoilern).

Die Inszenierung des ersten Teils des Abends, des Brecht’schen Teils, ist „Bertolt Brecht pur“. Das Bühnenbild, die Kostümierung, die Farbwahl (wirklich alles ist – fast emotionslos – in matt beigefarbenem Holz und in schwarz gehalten) lassen allesamt schon fast keinen anderen Schluss zu. Auch schauspielerisch ist es zurückhaltend – aber sehr gut! Nicht sofort einleuchtend ist es daher aber, warum die Inszenierung insoweit als „bemerkenswert“ bezeichnet wird. Bemerkenswert kann im Grunde nur die freie Kombination mit der „Fortschreibung“ des Brecht‘schen Teils genannt werden. Und bemerkenswert macht die Inszenierung die Tatsache, dass man Brechts Stück in der Tat (so auch die Theatertreffen – Jurorin) als „das Stück der Stunde“ bezeichnen muss.

Letzterer Aspekt („das Stück der Stunde“) überzeugt mich am ehesten. Die Fortschreibung des Brecht’schen Teils wiederum weniger, sie ist – mein Eindruck – im Ansatz und der Herangehensweise an eine Fortschreibung gut, driftet dann allerdings (etwa mit einem Monolog eines Maschinengewehrs) doch etwas flach ab.

Fazit: Zurecht kann man das kleine, nicht sehr oft gespielte Brecht’schen Drama „Die Gewehre der Frau Carrar“ momentan sehr gut passend auf die Bühne bringen. Denn was bleibt einem anderes übrig, als sich zu verteidigen, wenn man angegriffen wird – sehenden Auges, dass es viele Menschenleben kosten wird! Pazifismus wird dann sinnlos, wenn der Krieg erst einmal begonnen hat! Schlimm genug!

Hier noch ein Bild:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Sandra Then

THEATER: Bertolt Brecht – Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

Am 3. Juni 2020 ist 25-jähriges Jubiläum! Heiner Müllers legendäre Inszenierung von Bertolt Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ mit Martin Wuttke in der Titelrolle. Ab Freitag, dem 09. Mai 2020, zeigt das BERLINER ENSEMBLE eine 3sat-pAufzeichung der Inszenierung vom Theatertreffen 1996!

Bernhard Minetti spielt noch mit – im Alter von 91 Jahren!! In Minute 48 des Streams hat er seinen ersten Auftritt. Wie Martin Wuttke immer wieder Bernhard Minetti imitiert ist wunderbar! Ganz besonders ist auch die Leistung von Martin Wuttke im Anschluss daran, ab Minute 59 des Streams, wie er Adolf Hitler imitiert!! Unbedingt ansehen!

Der Stream ist eine Woche lang, also bis einschließlich 04. Juni Mitternacht verfügbar.

Zitat des BERLINER ENSEMBLES:

„Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui: Die Parabel über den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg des Diktators Ui erzählt von der Dreistigkeit, Skrupellosigkeit und Brutalität eines kriecherischen Aufstrebers und ist gleichzeitig eine nüchterne Analyse derer, die durch ihren Opportunismus diesen Aufstieg ermöglichen. Bertolt Brecht erzählt mit seinem Stück vom Aufstieg des kleinen Gangsters Ui aus Chicago, der sich zum Diktator erhebt. Geschrieben 1941 spielt das Stück im Chicago der 20er Jahre, die Handlung und die Figuren empfand Brecht Al Capones Mafiagesetzen nach.

Die Wirkung der Inszenierung Heiner Müllers war von Anfang an enorm: „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen, bekam Preise, bereiste als Gastspiel die ganze Welt – u.a. nach Mailand, Moskau, Avignon, Mulhouse, Istanbul, Lissabon, Buenos Aires, Sao Paulo, Gunajuato, Chambéry, Villeurbanne, Berkeley, Los Angeles, Bombay, Calcutta, Neu Delhi und Caracas und wurde bis heute über 400 Mal gespielt.

HIER der Link zum Streaming der Inszenierung.

THEATER ONLINE: TIPP

Vielleicht kann der/die ein oder andere einen Theatertipp vertragen. Das Angebot ist ja sehr groß: Wer Interesse und Freude an hervorstechenden schauspielerischen Leistungen hat, findet hier wahrlich etwas! Schauspielerisch ist die Inszenierung wunderbar, sie funktioniert meines Erachtens gerade deswegen online.

Aber auch sonst – ich mag es, nicht mit „Effekten“ überladen zu werden – ist es eine sehr schöne Inszenierung! Ansehen!

Der kaukasische Kreidekreis“ von Bertolt Brecht, gebracht am Berliner Ensemble. Eine Inszenierung von Michael Thalheimer. Die Inszenierung hatte 2017 zur Eröffnung der Intendanz von Oliver Reese dort Premiere. Die „Geschichte“ des Stückes ist klar und „übersichtlich“, es ist einfach gut umgesetzt.

Aus dem aktuellen Programm des Berliner Ensembles. Es ist noch bis Freitag online als Streaming zu sehen. Das Berliner Ensemble stellt jede Woche für eine ganze Woche ein Stück online zur Verfügung. Mehr nicht. Diese Vorgehensweise hat mir ganz gut gefallen, weil man nicht täglich mit neuen Angeboten überschüttet wird.

Das Angebot an Inszenierungen und Performance, die man derzeit online im Stream oder Live sehen kann, ist ja sehr schnell gewachsen. Jetzt steht man schon vor der Aufgabe, dass auszuwählen, was einem wirklich gefällt. Zu viel Angebot und die Tatsache, dass man ja jederzeit an- und ausschalten kann, verdirbt ja manchmal fast die Lust und Konzentration auf einen Theaterabend. Man muss lernen, damit umzugehen! Auf was will man Wert legen? Das Liveerlebnis mit all seinen Facetten im Theater ist online reduziert, aber manchmal sehr wertvoll!

Man sollte sich – denke ich – vorher gut überlegen, mit welchem Angebot man sich auseinandersetzen will. Und dann sollte man auch konsequent bleiben, dranbleiben, nicht „switchen“! Das sind erste Erfahrungen. Es geht noch weiter: Nicht jede Inszenierung, die man live im Theater sehen konnte, „funktioniert“ auch in gleicher Weise online, also beeindruckt nicht in gleicher Weise. Es fehlt ja der „Geruch“ des Liverelebnisses. Es gibt meines Erachtens Inszenierungen, die online sehr gut funktionieren und andere, die online weniger gut funktionieren. Jeder wird seine Erfahrungen machen.

HIER der link zu „BE on demand“ mit dem Streaming.

HIER der link zur Stückeseite des BERLINER ENSEMBLES.

Copyright des Beitragsbildes: Matthias Horn

THEATER: Bertolt Brecht – Im Dickicht der Städte

Kämpfen war in den letzten Wochen – mit verschiedenen Schwerpunkten – das Motto an den Münchner Kammerspielen: Es geht uns ja eigentlich täglich um einen Kampf – den Kampf gegen große und kleine Widrigkeiten, den täglichen Kampf der Selbstbehauptung.

Es begann mit dem kleinen Festival „Friendly Confrontations“, vor etwa zwei Wochen. Man konnte unter anderem einen dokumentarischen Film sehen, in dem gezeigt wurde, wie Boxsportler des TSV 1860 München in ein Trainingslager nach Ghana fuhren. Danach konnte man einen Abend lang Boxduelle verschiedener Gewichtsklassen zwischen Boxsportlern des TSV 1860 München und denjenigen einer ghanaischen Auswahl – wohl der Nationalmannschaft – ansehen. Richtige Boxkämpfe – im Theater, in Kammer 2 der Münchner Kammerspiele.

Dahinter stand sportliche Freundschaft zwischen Boxern verschiedener Nationen. Kampf und Freundschaft. Kampf muss nicht immer gehässig sein. Hier ein eigenhändig geschossenes Bild:

Kurze Zeit später das Bochumer Gastspiel der „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist in den Kammerspielen. Eine Inszenierung des Klassikers von Johan Simons. HIER mein Bericht dazu. Auch dort ging es um Kampf. Penthesilea muss Achill besiegen, sie liebt ihn. Und Achill liebt Penthesilea. Kampf und Liebe.

Und jetzt Premiere von Bertolt Brechts sehr frühem Stück „Im Dickicht der Städte“. Eine Inszenierung von Christopher Rüping, der mittlerweile – er war ja mehrere Jahre lang an den Münchner Kammerspielen – Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich ist.

Noch früher hatte Bertolt Brecht „Trommeln in der Nacht“ geschrieben, das Christopher Rüping ebenfalls inszeniert hatte. Und auch jetzt wieder geht es ums Kämpfen. Man hörte immer wieder auch bei dieser Inszenierung den Gong für die Einleitung einer weiteren „Runde“. Bertolt Brecht schildert einen „Kampf“ zwischen einem Holzhändler (Shlink) und einem kleinen Angestellten einer Buchhandlung (Garga). Der Holzhändler fordert den Kampf – man weiß gar nicht warum. Des Kämpfens willen? Der Selbstbehauptung willen? Er gibt alles auf, schenkt es Garga. Alles kommt ins Wanken. Schwer zu verstehen, was Bertolt Brecht dabei dachte. Kampf und Soziales sicher auch. Auch Kampf gegen Einsamkeit, Kampf gegen Aussichtslosigkeit. Kampf jedes/r einzelnen.

Bertolt Brecht Stück ist insgesamt äußerst schwer verständlich. Ich könnte es dreimal lesen, würde es nur bruchstückhaft verstehen. Hieraus eine Inszenierung zu machen, ist erstaunlich. Christopher Rüpings Inszenierung folgt zwar dem Verlauf des von Bertolt Brecht geschriebenen Stückes. Vor allem viele soziale Aspekte aber, die Bertolt Brecht in seinem Stück brachte und die ihm wahrscheinlich wichtig waren, verschwinden bei der Inszenierung von Christopher Rüping. Rüping holt Bertolt Brecht Stück in die mittlerweile völlig veränderte Gegenwart, legt den Schwerpunkt eher auf die Isolierung jedes einzelnen Menschen.

Beginnend schon vor der Aufführung, wenn sich im Foyer des Theaters Schauspieler/innen in einer riesigen durchsichtigen Plastikkugel aufhalten und nur auf ihr Handy starren. Sie hören nichts, sehen niemanden an. Die chaotische Bühne ist nur mit Rollkisten für Requisiten vollgestellt. Das Ensemble leistet durchgehend wieder Erstaunliches in dieser sehr freien Inszenierung. Jede/r spielt jede/n, es werden verschiedene Sprachen gesprochen. Das Dickicht von Großstädten, auch so holt Christopher Rüping das Stück in die Gegenwart.

Und jeder kämpft irgendwie um Liebe, ohne zum Ziel zu gelangen, ohne auch zur Liebe fähig zu sein, ohne auf Gegenliebe zu stoßen … Schwerpunkt dieser Inszenierung: Liebe und Anerkennung, nicht – wie eher bei Brecht – Soziales. Ich habe das Stück erst im Nachhinein gelesen und werde mir die Aufführung ein weiteres Mal ansehen. Erst dann, glaube ich, kann ich mehr beurteilen. Erst dann werde ich mehr darüber schreiben können.

Es wird sich empfehlen, Bertolt Brechts Stück „Im Dickicht der Städte „ vorab gelesen zu haben, auch wenn Brecht einen wohl anderen Schwerpunkt im Auge hatte. Und auch, wenn es schwer fallen wird, Brechts Originalstück zu verstehen.

Sehen kann man diese Inszenierung im März an vier Terminen. Ein Theaterabend fürs irgendwie freie Theater, nicht klassisch, nicht umwerfend. Vielleicht auch an Bertolt Brechts Original vorbei. Aber es heißt ja auch: „Im Dickicht der Städte“ NACH Bertolt Brecht. Es hätte auch heißen können: „Im Dickicht der Städte HEUTE“

HIER der link zur Stückeseite.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann

THEATER: Karen Breece/ Berliner Ensemble – Auf der Straße

Im Rahmen des derzeit stattfindenden Brechtfestivals in Augsburg habe ich im Augsburger Staatstheater „Auf der Straße“ von Karen Breece unter Mitwirkung des Berliner Ensembles gesehen. Karen Breece war mir bekannt aus einer Veranstaltung im Münchner HochX, über die ich damals auch geschrieben hatte. HIER der Link zum damaligen Bericht.

Es ging damals im HochX unter dem Titel „Oradour“ um das Gedenken an das Nazigrauen. Karen Breece macht dokumentarisches Theater. Wobei: Theater kann man kaum sagen. Auch der Abend „Auf der Straße“ war wieder eine Dokumentation. Eine Dokumentation über das Leben Obdachloser in Berlin. Karen Breece recherchiert „intensiv“, bevor sie ein „Theaterstück“ macht. Das ist ihre Herangehensweise. Eine Dokumentation über das Leben Obdachloser ist auf jeden Fall angebracht! Es gibt – wird auch gesagt – zigtausende Obdachlose in Deutschland (wobei es übrigens, wenn es genau wird, eine Frage der Definition „obdachlos“ ist). Darüber jedenfalls im Fernsehen oder im Theater etwas zu zeigen, ist ein guter Ansatz.

Das Stück geht aber meines Erachtens bei weitem nicht weit genug! Es geht sogar in die falsche Richtung! Milo Rau etwa, der ja auch immer wieder an der Realität arbeitet, wäre viel weiter gegangen! Die Dokumentation hätte bei ihm mit Betroffenheit, nicht mit Beifall geendet.

Bettina Hoppe und Nico Holonics, SchauspielerInnen des Berliner Ensemble, sprechen auf der Bühne mit drei von Obdachlosigkeit beziehungsweise Armut Betroffenen. Diese wiederum erzählen von ihrem Schicksal und ihrer Situation. Später kommen noch weitere von Obdachlosigkeit und Armut Betroffene hinzu, der integrative Chor „Different Voices of Berlin“. Beifall.

Es bleibt aber, wie gesagt, nur im Ansatz interessant. Über die Situation der Betroffenen zu hören, über ihre Schicksale, ihre Jugend, darüber, dass sie Lebensmittel von der Tafel holen, wieviel Geld sie monatlich zum leben haben, was Sozialarbeiter erleben, das ist gut. Es werden auch durchaus krasse Dinge geschildert. Aber es rutschte mehr und mehr ins Klischee ab. Es endete mehr oder weniger mit dem Gedanken: „Schaut auf uns!“ So auch dann der Gesang des Chors. Wir unterschätzen sicherlich die schwierige Situation all dieser Menschen. Gesundheitlich, psychisch, alles! Wie sie allein um ihren Schlafplatz „kämpfen“! Deswegen ist ein „Schaut auf uns!“ durchaus gut. Aber: Bei Karen Breece schwang meines Erachtens der unpassende Hintergedanke mit: „Sie sind eben rausgefallen aus unserer tollen Gesellschaft“.

Unsere tolle Gesellschaft! Rausgefallen! Da hätte man ansetzen müssen! „Schaut auf uns“ klingt nach: „Alles ist doch in Ordnung, in unserer Gesellschaft, aber bitte schaut auf die Obdachlosen, die nicht dabei sind!“ Es ist aber nicht alles in Ordnung! Und ich glaube sogar, der ein oder andere Betroffene – also Obdachlose oder von Armut Betroffene – will gar nicht in dieser Gesellschaft leben. Diese Gründe wären auch interessant gewesen! Und dann wäre es nicht um Mitleid, sondern um Respekt gegangen. Dieser Gedanke kam aber an diesem Abend überhaupt nicht zum Tragen.

Trotz der guten Ansätze von Karen Breece muss man meines Erachtens bei diesem Thema aufpassen: Schnell ist alles verlogen. Und da war der Abend von Karen Breece nicht eindeutig genug!

Man kann Karen Breece eigentlich nur raten: Dranbleiben an dem Thema!

©️ des Beitragsbildes: Julian Röder

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THEATER: Brechtfestival 2019 in Augsburg

Nur ein kurzer Hinweis auf das derzeit stattfindende Brechtfestival in Augsburg! HIER das Programm. Augsburg ist natürlich die große Bertolt-Brecht-Stadt. Bertolt Brecht wurde bekanntlich in Augsburg geboren, am 10. Februar 1898, also vor 121 Jahren. Erstaunlich ist, dass Bertolt Brecht dennoch thematisch immer wieder durchaus aktuell ist. Das „Leben in Städten“ ist Schwerpunkt dieses Jahr. Zwei Veranstaltungen habe ich bisher gesehen. Ich werde noch etwas genauer darüber schreiben.

Die Bertolt-Brecht-Realschule, das Bertolt-Brecht-Geburtshaus, die Bertolt-Brecht-Gedenkstätte, das Brechtfestival, all das findet sich in Augsburg! Nur der Bertolt Brecht Platz, der befindet sich in Berlin! Es ist der Platz vor dem Berliner Ensemble. 1963 wurde der Platz so genannt, zu Bertolt Brechts 65. Geburtstag. 1949 übernahm Bertolt Brecht in der DDR zusammen mit seiner Frau Helene Weigel das Theater am Schiffbauerdamm. Dort gründeten die beiden das „Berliner Ensemble“. Bertolt Brecht war ab 1974 künstlerischer Leiter des dortigen Theaters, das früher – wie gesagt – „Theater am Schiffbauerdamm“ hieß. 1974 wurde das „Theater am Schiffbauerdamm“ in „Berliner Ensemble“ unbenannt.

Seit 1995 etwa läuft am Berliner Ensemble – mittlerweile über 400 mal – das Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht, das schon vor 1974 über 500 mal gezeigt wurde. Weitere Termine werden demnächst bekanntgegeben.

THEATER, LITERATUR: Margarita Broich – Alles Theater. Joachim A. Lang – Meckie Messer. Bertolt Brecht – Dreigroschenoper.

Kurz zu den Zusammenhängen: Es hängt ja alles irgendwie zusammen. Das macht doch alles aus. Das meiste wird auch erst interessant, wenn man bestimmte Zusammenhänge erkennt. Zusammenhänge lassen Hintergründe erkennen und lassen die einzelnen „Verknotungen“ , die man so sieht, erst in besonderem Licht erscheinen. Überall.

Auch ein kulturelles Ereignis steht nicht für sich allein, sondern ist immer eingebunden in Zusammenhänge. Hier habe ich wieder ein Beispiel erlebt, ich war wieder unterwegs:

–  Ich hatte zuletzt geschrieben über Fotografien von Cordula Treml über SchauspielerInnen in den Minuten VOR ihrem Auftritt.  Titel der Ausstellung: „Vor dem Auftritt“. Eine Ausstellung, die derzeit (kurze Zeit) in München zu sehen ist.

– Dann hörte ich von dem Buch von der Schauspielerin und Fotografin Margarita Broich mit dem Titel „Alles Theater“, in dem sie Fotografien von SchauspielerInnen in den Minuten NACH dem Auftritt bringt. Auch interessant. Cordula Treml erwähnte es.

–  Dann hatte ich dieses Buch von Margarita Broich in den Händen. Danke an den Insel Verlag. Dort eine Abbildung des Schauspielers Lars Eidinger. Lars Eidinger ist ja äußerst erfolgreicher Theater- und Filmschauspieler. Jahrelang war er Schauspieler an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin. In den letzten Jahren ist er vermehrt als Filmschauspieler zu sehen. Er soll ein großer Anhänger von Bertolt Brecht sein, liest man. „Die Widersprüche sind die Hoffnung“  ist sein Lieblingszitat von Bertolt Brecht. Eidinger sagt dazu in  einem Interview, das kürzlich von n-tv veröffentlicht wurde (HIER zum Interview):

„Die Widersprüche sind die Hoffnung“ ist auf jeden Fall mein absolutes Lieblingszitat von Brecht. Es ist wie der Schlüssel zu allem – zu Brechts Persönlichkeit genauso wie zum Menschsein im Allgemeinen. Das menschliche Sein folgt keiner Logik und es ist auch nicht stimmig, sondern fehlerhaft. Brecht war bekanntermaßen Antikapitalist und Kommunist. Und er hat Werbung für eine große Autofirma gemacht. Das auszuhalten und zu sagen: Genau das macht den Menschen aus! Das imponiert mir. Der Widerspruch ist nicht das Ende eines Gedankens, sondern der Anfang.

–  Dann war ich im Kino. Der FilmMeckie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“.  Darsteller von Bertolt Brecht ist: Lars Eidinger.

– Der „Dreigroschenfilm“ geht zurück auf Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“.  Es sollte eine Verfilmung der Dreigroschenoper werden. Es gab Unstimmigkeiten mit Bertolt Brecht und es ging vors Gericht. Das Thema des jetzigen Films.

Und so weiter. Ich werde wohl über die einzelnen Dinge, die hier oben erwähnt sind, noch einzeln schreiben, denke ich.