THEATER: Roland Schimmelpfennig – Der Riss durch die Welt

Das Thema ist nicht neu: Wohlhabende und immer erfolgreiche Menschen und Personen, denen es nicht so gut geht, die die heile Welt in Frage stellen und erschüttern. Oder: Personen, die zumindest anders denken und anders leben. Es geht aber auch schnell um „Reich und Arm“.

Mittlerweile geht es nicht mehr nur um das soziale Thema, sondern auch um die ökologische Frage. Das Soziale und das Ökologische, unzweifelhaft die zwei großen Themen unserer Zeit – in unserer Welt. In beiden Bereichen zerstören wir – in den westlichen Ländern allemal – immer mehr die Welt!

Speziell das Thema „Reich und arm“ wird momentan auch in dem zurzeit von Fachleuten unglaublich gelobten Film „Parasite“ aufgegriffen! Es ist für viele der „beste Film des Jahres“! Ein asiatischer Film, eine arme Familie dringt über Jobs mehr und mehr in das Leben einer reichen Familie ein. HIER der Trailer des Films.

So, nun zur Inszenierung im Residenztheater:

Sie reden über einen Abend, die Szenen kommen immer wieder hoch, wiederholen sich, es kommt nicht auf Chronologie an. Sie reden und zeigen, wie es war. Ansich ein schöner Ansatz. Eine Inszenierung von Tilmann Köhler. „170 Fragmente einer gescheiterten Unterhaltung“ heißt der Untertitel des Stückes am Residenztheater. Mein Kommentar aber:

Das war nichts! Angesichts des großen Themas des Stückes – aufgeladen noch dazu mit biblischen Themen! – hat mir diese Inszenierung überhaupt nicht gefallen! Ich schreibe heute eine sehr deutliche Kritik! Aber hingehen und ansehen und selber urteilen!

Es war rundum nicht genug, finde ich! Es passte hinten und vorne nicht! Es geht los bei der vielleicht falschen Besetzung, dann das fragwürdige Bühnenbild, dann die nicht bestehende Kostümierung, der Inhalt des Stückes, die Inszenierung ansich. Alles war – vor allem in der Gesamtheit – meines Erachtens eine Themaverfehlung. „Setzen, Sechs“, würde ich, wäre ich Lehrer, sagen, „dieses Thema hat mehr verdient!“ Hier all das, was mir auffiel:

Der Inhalt:

Roland Schimmelpfennig hat das oben genannte Thema eines ökologischen und sozialen Konfliktes für das Münchner Residenztheater in einem Auftragsstück mit dem Titel „Der Riss durch die Welt“ aufgegriffen.

Das Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Paare: Eine Künstlerin und Jared, ihr Assistent, und ein wohlhabendes Millionärsehepaar, das die beiden empfängt, um über die Finanzierung des Projektes der Künstlerin „Riss durch die Welt“ zu reden. Roland Schimmelpfennig ist erfahren, etwas über 50 Jahre alt, hat schon viele Erfolge gehabt.

Roland Schimmelpfennig bringt noch dazu in seinem Stück einen Zusammenhang mit den zehn „biblischen Plagen“ aufs Tableau. Das sollte wohl die aufkommende ökologische Katastrophe verdeutlichen. Auch der „Riss durch die Welt“, ein Blutstrom, der alles mitreißt, als Kunstprojekt irgendwie, soll natürlich auf das ökologische Desaster hinweisen. Mit der biblischen Anleihe vor allem wurde aber jede ökologische oder soziale Frage fast auf eine mythische Ebene gehoben. Und damit irgendwie unantastbar. Man kann den Ansatz ja grob verstehen, aber dem Thema half es nicht!

Der Gesamteindruck:

Das Stück, dieses Auftragswerk für das Residenztheater, hätte meines Erachtens vielleicht – vielleicht – funktioniert, wenn es wirklich auf die Spitze getrieben worden wäre von Tilmann Köhler. Das hat er aber nicht gemacht. In keinem Detail. Nichts davon war irgendwie „erschreckend deutlich“ oder verstörend oder aufrüttelnd. Das Stück hätte vielleicht drastische Videobilder, drastische Musik, drastische Schauspieler, drastische Szenen etc. gebraucht. Dann hätte es vielleicht funktioniert. Dann wären die wenigen guten Ansätze des Stückes vielleicht auch deutlich geworden.

Das Einzige, was an diesem Abend „auf die Spitze getrieben“ wurde, war, dass Jared – der Assistent der Künstlerin – sechs- oder siebenmal (es mag im Grunde immer wieder derselbe Wurf gewesen sein, dieser eine Moment wurde eben mehrfach wiederholt) ein Glas Champagner gegen eine riesige Metallwand wirft. Das gefällt doch: Ein Glas Champagner gegen die Wand. Und alles geht weiter. Und dass das Millionärspaar teils mit irgendwelche Ansichten angeschrieen wurde. Auch erotische Annäherungen sind dann plötzlich noch im Spiel.

Die Besetzung von Jared, dem Assistenten der Künstlerin:

Musste das wirklich sein? Der Assistent, der die Welt des reichen Ehepaares am meisten kritisiert, ist dunkelhäutig! Benito Bause. Man wird als Zuschauer also sofort in das Klischee „Weiße und Dunkelhäutige“ gestoßen! Fürchterlich unnötig und völlig unpassend. Was für eine abgeschmackte Idee!

Die Besetzung der anderen Personen:

Sie spielen es im Grunde alle mit wenig Überzeugung, war mein Eindruck. Auch das hat das Thema nicht verdient. Aber was sollen sie machen, die Personen sind wohl vom Autor nicht anders gezeichnet. Vielleicht waren für diese Inszenierung aber einfach auch die falschen SchauspielerInnen ausgewählt.

Oliver Stokowski als millionenschwerer Sattelitenhändler: Nicht überzeugend, er hätte auch Arzt sein können. Carolin Conrad als seine Frau: Sie geht im Stück völlig unter. Lisa Stiegler, die junge Künstlerin: Sie war noch am ehesten überzeugend. Der fast beste Moment des Abends war der, als sie sang. Benito Bause: Auch nicht überzeugend, er hätte sagen müssen: Das spiele ich nicht! Er spielte auch zu „schauspielerhaft“, fand ich. Er wird besser spielen können. Und im Hintergrund als Dienstmädchen Maria Cathrin Störmer: Diese ansich schöne Rolle der Beobachterin ist auch nicht scharf genug geworden, funktionierte auch nicht, dachte ich.

Die Kostümierung:

Alle vier Schauspieler sind offenbar an der Kostümabteilung vorbeigelaufen. Die Alltagskleidung, in der sie auf der Bühne erscheinen, war – mein Eindruck – für dieses Thema viel zu läppisch. Wo war da die Idee? Und das Dienstmädchen in typischer Rüschenbluse …

Das Bühnenbild:

Eine leere Bühne, eine riesige dunkle hohe Metallwand, die sich manchmal im Kreise drehte. Mehr nicht. Wie bei „Amphitryon“, das derzeit auch am Residenztheater läuft. Vorne am Bühnenrand standen zudem meistens vier Stühle, auf denen die SchauspielerInnen immer wieder saßen und über den Abend redeten.

Die Inszenierung:

Mein Eindruck, wie gesagt: Das Stück hätte vielleicht funktioniert, wenn alles auf die Spitze getrieben worden wäre. Ich hatte eine Inszenierung mit vielen, vielen wilden Videoeinspielungen, mit Musik, mit Ideen vor Augen, einem krassen Bühnenbild. Nichts davon war gegeben. Seltsam, Regisseur Tilmann Köhler gehört doch eigentlich zur wachen jüngeren Generation. Er ist gerade 40 Jahre alt. Aber so?

Ich habe jedenfalls das Cuvillestheater verlassen und fühlte mich betäubt von einer letztlich nicht einmal im Ansatz wirklich irgendwie empathischen, berührenden, sondern einer eher beliebig arrangierten Vorstellung. Angereichert mit biblischen Bildern, die in ihrer Zusammenhanglosigkeit alles im Nichts auflösten. So möchte ich nicht oft das Theater verlassen.

HIER die Stückeseite der Inszenierung auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then









Von meinem iPad gesendet Blog: www.qooz.de

THEATER: Leonie Böhm – Die Räuberinnen

„Die Räuberinnen“ nach Friedrich Schiller von Leonie Böhm, gestern war Premiere an den Münchner Kammerspielen. Ich muss es mir noch einmal ansehen, Einzelheiten würden mich genauer interessieren, bevor ich etwas Detaillierteres dazu schreiben könnte. Hier zunächst ein paar ganz grundsätzliche Überlegungen:

Ich finde, man kann sich dessen bewusst sein, dass man wieder einmal an den Münchner Kammerspielen Stücke sieht, die besonders auffallen. Auffallen, weil man aus den üblichen Theatergewohnheiten herausgerissen ist. Das ist an den Münchner Kammerspielen in den letzten Jahren immer wieder der Fall gewesen, dennoch fällt es jetzt wieder auf:

„Die Räuberinnen“ und ein anderes Stück, das derzeit dort zu sehen ist: „Nirvanas Last“ von Damian Rebgetz, Erinnerungen an das letzte je gegebene Konzert von Nirvana vor dem Selbstmord von Curt Cobain. Diese beiden Veranstaltungen zeigen, welche Wege die Münchner Kammerspiele der Theaterkunst eröffnen. Und nicht etwa hinten in den kleineren Kammern 2 oder 3. Nein, vorne in Kammer 1!

„Die Räuberinnen“ sieht man in einer einfach abgefahrenen Inszenierung! Es „Inszenierung“ zu nennen, ist schon zuviel gesagt. Performance vielleicht eher. Es fällt mir fast schwer, es einfach zu „besprechen“. Es ist irgendwie abgefahren und berührt einen selbst thematisch durch die Leistungen der vier Schauspielerinnen. Eva Löbau, Julia Riedler, Gro Swantje Kohlhoff und Sophie Krauss.

Die SchauspielerInnen haben sicherlich intensiv an der Entstehung des Abends mitgewirkt und werden das Stück im Lauf der nächsten Monate sicherlich – hört man, ahnt man, weiß man – auch weiter entwickeln. Ich kann mir etwa nicht vorstellen, dass Leonie Böhm den Schauspielerinnen gesagt hätte: „Und jetzt zieht euch bitte aus!“ und die Schauspielerinnen gesagt hatten: „Ok, machen wir!“ Nicht bei dieser Inszenierung, es wird viel individueller – aber in der Gemeinschaft der vier – gelaufen sein.

Man sieht eben nicht die Leistung eines Regisseurs, der ein „Stück“ auf die Bühne bringt, man sieht – mehr als sonst – künstlerische und sehr ins Persönliche gehende Leistungen der mitwirkenden Schauspielerinnen. Und zwar so offen, dass Eva Löbau zu Beginn des Abends zurecht darauf hinweist, dass keine Fotoaufnahmen gemacht werden sollen. Sie offenbaren sich, sie entblößen sich, entäußern sich. Trotzdem passend, nicht überambitioniert, nicht gewollt, nicht reißerisch.

Ähnlich – nicht etwa extrem allerdings – bei „Nirvanas Last“ von Damian Rebgetz – meines Erachtens ein Kandidat für das Theatertreffen 2020 in Berlin. Die dortigen SchauspielerInnen (teils mit weiteren MusikerInnen) singen komplett das letzte je gegebene Konzert von Nirvana nach. Auch das ist nicht ein „Stück“, es ist mehr persönliche Leistung der SchauspielerInnen. Sie singen die Songs in völlig andere Art und Weise. Mit Sehgewohnheiten alter „Theaterhasen“ hat das nichts zu tun. Für junge Menschen ist es schon eher!

Und das ist schön! Kunst ändert sich! Es mag beim Theater die Tendenz geben, dass man eben immer wieder „Theater“ sehen will, gelungene „Inszenierungen“, „Klassiker“ auch. Man verfällt Gewohnheiten. Mehr wahrscheinlich, als wenn man in eine Ausstellung geht. Gut, „Die Räuberinnen“ von Leonie Böhm basiert auf einem Klassiker: „Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Aber die Handlung des Klassikers verschwindet hier vollkommen. Der Grundgedanke, der aus „Die Räuber“ herausdestilliert wird, ist etwa: Was hält uns davon ab, nach eigenen Konzepten und Entwürfen zu leben, anstatt nach vorgegebenen Konditionen, nach gesellschaftlichen Vorgaben? Und: Wie können wir in diesem einen Leben frei sein? Es geht vor allem auch nicht nur um Individualismus, sondern Gott sei Dank um Gemeinschaft! Aber das sagt alles noch viel zu wenig. Mehr dazu versuche ich in Bälde.

Hier ein paar Links, in denen schon mehr über den Inhalt des Abends gesagt wird:

HIER der link zur außergewöhnlich gut gelungenen – mein subjektiver Eindruck – Besprechung auf http://www.nachtkritik.de (mit weiteren Fotos).

HIER der link zu einer ebenfalls guten – finde ich – kürzeren Besprechung im Deutschlandfunk Kultur.

HIER ein Gespräch mit Leonie Böhm in der Abendzeitung.

HIER die Seite zum Stück auf der Website der Münchner Kammerspiele

© des Beitragsbildes: Judith Buss

THEATER: Heinrich von Kleist – Amphitryon

Es war die „Münchner Premiere“ von Julia Hölschers Inszenierung von Heinrich von Kleists „Amphitryon“ am Münchner Residenztheater. Julia Hölscher war zuletzt Hausregisseurin am Theater Basel. Sie wechselte mit dieser Spielzeit nach München. Auch ihre Inszenierung des „Amphitryon“ wurde aus Basel übernommen. Das Stück „lief“ seit Januar 2018 am Theater Basel.

Ihre Inszenierung des „Amphitryon“ ist keine freie Interpretation von Heinrich von Kleists Lustspiel. Es ist eine sich nahe am Original orientierende Inszenierung – versehen natürlich mit vorsichtig eingestreuten, fast unumgänglichen Modernisierungen. Mehr an Modernisierung aber nicht.

Der Text etwa ist natürlich nicht wortgetreu, sondern für die Bühnenfassung etwas erleichtert. Die Spielweise der SchauspielerInnen ist zeitlos, nicht etwa veraltet. Auffallend ist besonders das Bühnenbild von Paul Zoller. Eine „Sensation“ schreibt die SZ (Egbert Tholl). Naja.

Gerade das Bühnenbild versucht jedenfalls, das Thema von Amphitryon deutlich aufzugreifen: Spiegelung, Verdoppelung. Und das gelingt auch wirklich gut!

Amphitryon und sein Diener Sosias kehren ja nach Theben zurück – nach Beendigung des Krieges gegen Athen – und müssen erfahren, dass sie schon da sind! Jupiter und Merkur haben sich in gleicher Gestalt schon eingefunden. Das ist das Thema.

Schon vor Beginn der Aufführung etwa sitzen die Zuschauer dementsprechend vor einer riesigen Spiegelwand, der die große Bühne des Residenztheaters verschließt. Sie sehen den ganzen Zuschauerraum. Manch Zuschauer*in fotografiert es, manche*r winkt dem eigenen Spiegelbild zu, jede*r wird sich automatisch selber gesucht haben. Der riesige Spiegel hebt sich zu Beginn der Aufführung und wird immer wieder Blicke auf die Bühne von oben ermöglichen. Hier noch ein Foto, man sieht die Bühne doppelt – einmal von vorne und einmal von oben:

Copyright: Sandra Then

Jeder steht eben immer wieder seinem Spiegelbild gegenüber und ist mehr oder weniger zufrieden damit. Und jede*r andere sieht einen immer anders. Das kann an die Substanz gehen. Ein generelles Thema, wir kennen es alle.

Schauspielerisch fiel auf, dass besonders Florian von Manteuffel als Amphitryon seiner Rolle viel Komik beigab. Anders als Pia Händler in der Rolle von Alkmene. Es blieb daher auch bei Julia Hölschers Inszenierung eine nicht ganz klare Mischung aus Komik und Tragik. Aber Florian von Manteuffel spielt ja gerne mit einer gewissen Komik, so ja auch in „Tartuffe oder das Schwein des Weisen“, das in Basel lief und demnächst auch am Residenztheater kommt.

Schön ist insgesamt – seit ein paar Wochen zu sehen – das fast komplett neue Ensemble des Residenztheaters! Viele junge, sehr engagierte SchauspielerInnen, die den Inszenierungen frischen Wind geben. Gute Typen* innen.

Zu Heinrich von Kleist:

Heinrich von Kleist war jung, als er Amphitryon schrieb. 1807 war er gerade einmal 30 Jahre alt. Er wurde auch nur 34 Jahre alt, beging Selbstmord. Sein Todestag jährte sich gerade, er nahm sich und seiner Freundin Henriette Vogel am 21. November 1811 das Leben.

Amphitryon war noch dazu eines seiner eher frühen Stücke. Erst in den Folgejahren wurde er richtig produktiv.

Amphitryon ist ein „Lustspiel nach Moliere“, so schon immer der Untertitel. Es sollte eine Übersetzung werden, Kleist hat der Übersetzung dann aber doch tragische Komponenten beigefügt. Es gab also auch schon damals Stücke, die – wie ja auch heute oft im Theater – „NACH“ einem anderen Stück inszeniert werden. Eine weitere Verdoppelung wäre es gewesen, wenn Julia Hölscher eine Amphitryon-Inszenierung NACH Heinrich von Kleist NACH Moliére gebracht hätte. Es hätte gepasst.

Inhaltlich:

Auf den ersten Blick ist Amphitryon wie Bauerntheater: Eine Verwechslungskomödie. Ich frage mich, warum Kleist in jungen Jahren schon daran interessiert war. Aber er lebte wohl sehr intensiv. Von einer möglichen Antwort liest man: Heinrich von Kleist war am Thema: „Subjektives und Objektives“, besonders am „Subjektiven“ interessiert.

Und so kommt man zu diesem Stück. Alkmene – Amphitryons Ehefrau – weiß nicht mehr, was objektiv richtig ist. Wer ist der richtige Amphitryon? Und andererseits verlieren Amphitryon und Sosias ihre Subjektivität, werden darin erschüttert, geben sie auf! Viel mehr wird allerdings bei Kleist nicht aus diesem Gedanken gemacht.

Forced Entertainment:

Kürzlich sah ich im Rahmen des SPIELART-Festivals die köstliche durational performance „12 am:Awake and looking down“ von Forced Entertainment – HIER mein Bericht – und kann feststellen: Aus Sicht von Alkmene wurde auch dort dasselbe Thema behandelt: Wir sehen jemanden als etwas an, weil er sich so nennt oder genannt wird – oder so erscheint. Und sofort stellen sich Gefühle ein. Beim Betrachter und bei der irgendwie erscheinenden Person. Forced Entertainment forderte all das auf seine Art stundenlang vom Zuschauer. Eine schöne „Parallele“. HIER ein Bild:

Copyright: Hugo Glendenning

HIER der link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: SPIELART Festival – Resumee

Abstraktes oder Persönliches. Als Zuschauer eines Theaterstückes oder einer Performance gibt man sich doch meist Themen hin, die nicht „höchstpersönlich“ sind, sondern eher „abstrakte“ Überlegungen aufgreifen, man sieht dazu erdachte Szenarien bzw. Geschehen. Man kann sich dann überlegen: „Wie sehe ich das eigentlich?“ Irgendein Thema. „Wie stehe ich zu diesem Thema?

Und manchmal, denke ich, ist es anders: Wenn das „Stück“ auf der Bühne sehr persönlich ist. Dann ist das Erlebnis anders: Man stellt sich nicht (bewusst oder unbewusst) eine theoretische Frage wie: „Wie sehe ich das?“. Man hat Persönliches gesehen, Erlebtes, Privates: Man kann es im Grunde nur irgendwie verdauen. Beeindruckt oder nicht beeindruckt. So könnte man unterscheiden. Aber das trifft natürlich nicht immer zu. So schlau kategorisieren kann ich nicht, es ist hier nur eine Feststellung zum SPIELART-Festival.

Das SPIELART-Festival ist vor kurzem in München zu Ende gegangen. Es bot Beides. Eine – international zusammengesetzte – Mischung aus solchen „abstrakten“ Veranstaltungen und „persönlichen“ Veranstaltungen. Einiges habe ich gesehen. Längst nicht Alles, es war ein umfassendes Programm über zwei Wochen hinweg, ich habe viel Zeit investiert.

Das Festival findet alle zwei Jahre statt, das nächste Mal also 2021! Ich schreibe hier ausnahmsweise darüber, obwohl es niemand mehr besuchen kann, das SPIELART-Festival 2019.

Innerhalb des SPIELART-Festivals fand vor allem noch ein weiteres Festival statt, ein „Festival im Festival“: „New Frequencies“ für neue Stimmen der internationalen Theaterlandschaft.

Die Mischung machte es. Wann kann man schon so viele so persönliche Sichtweisen aus vielen Teilen der Welt sehen. Südafrika, Kenia, Palästina, Indonesien und und. Meine Auswahl zeigt die angesprochene „Mischung“ deutlich. Gesehen habe ich:

PERSÖNLICHES:

  • Erinnerungen an das Erwachsenwerden: Man konnte ungefähr einhundert Personen dabei zuhören, wie sie ihre Erinnerungen an ihr 21. Lebensjahr schilderten. Während man es hörte, saß man den einzelnen Personen an Bildschirmen gegenüber und sah, wie sie sich selbst noch einmal anhörten. Gut arrangiert.
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  • Cultural Exchange Rate: Siehe den Extrabericht HIER.
  • Bild 2:
  • On Thin Ice: Lesung von Tagebuchaufzeichnungen eines Kenianers, der nach Amsterdam kommt. Gut gelesen!
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  • A Song To Hear You Arriving: Ein Klangteppich, der an einen Verstorbenen gerichtet ist.
  • Bild 4:
  • Congo: Eine wütende Suada eines Kongolesen gegen die Verbrechen Europas bei Gründung des Kongo. Die absurde Berliner Kongokonferenz 1884 wird geschildert. Nach dem Buch Kongo von Eric Vuillard.
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ABSTRAKTES:

  • Pleasant Island: Zwei Jugendliche berichten über ihren Besuch von Nauru, einem kleinen Inselstaat im Pazifik. Von englischen Walfängern einst „Pleasant Island“ genannt. Das nach extremer Ausbeutung zerstörte Ökosystem Naurus – früher einmal das reichste Land der Welt – ist ein Vorbote für eine drohende weltweite Umweltkatastrophe. Dokumentarisch wichtig, umso enttäuschender, nicht überzeugend.
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  • Speak Bitterness: Eine durational performance von Forced Entertaiment, siehe den Extrabericht HIER.
  • Bild 7:
  • 12 am: Awake and looking down: Eine weitere durational performance von Forced Entertaiment, siehe den Extrabericht HIER.
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  • And On The Thousandth Night: Auch eine durational performance von Forced Entertaiment, leider verpasst.
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  • Orest in Mossul: Von Milo Rau, Intendant am NT Gent. Die Orestie im zerbombten Mossul. Ansich der prominenteste Beitrag, aber umso enttäuschender. Eindrücke einer zerstörten Stadt – wie einst Troja – aber warum die Orestie? Ich fühlte mich etwas über den Tisch gezogen, brutale Erschießungen wurden nachgestellt etc. HIER der link zur Seite beim NT Gent mit mehreren Videos dazu.
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Und innerhalb des Festivals „New Frequencies“ war es wiederum:

PERSÖNLICHES:

  • Tubuhdang Tubuhdut: Die Flucht aus dem Alltag durch einen indonesischen Tanz, Blick auf die in Indonesien ebenso tanzenden Männer im Publikum, die mit ihren Bewegungen auch Berufliches und Typisches zeigen.
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  • Steps: Ein tunesischer Tanz jenseits der Geschlechterbarrieren.
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  • Baba, Come to me: Eine Performance zum Verhältnis Vater-Tochter aus Palästina.
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  • Nonna doesn’t live here anymore: Ein Film zum Verhältnios Mutter-Tochter aus Ägypten.
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ABSTRAKTES:

  • Commission Continua: Südafrikas Ringen mit Vergangenheit, Veränderung und Versöhnung.
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HIER der Link zur interessanten Website des Festivals mit allen weiteren Angaben zu den Veranstaltungen, teils mit Trailern.

Jetzt habe ich alles aufgeführt, im Grunde nur mir zuliebe, nämlich um alles vollständig zu halten. Ich bringe hier auch keine Einzelbesprechungen zu den genannten Veranstaltungen, die Beiträge des Festivals können ja – mit Ausnahme wohl nur des „Orest in Mossul“ – nicht mehr gesehen werden.

Copyrights:

  • Beitragsbild: Milo Rau
  • Bild 1: Max Kuhlmann
  • 2: Judith Buss
  • 3: Ogutu Muraya
  • 4: Thomas Lenden
  • 5: Agathe Poupeney
  • 6: Indra Struyen
  • 7: Hugo Glendinning
  • 8: Hugo Glendinning
  • 9: Hugo Glendinning
  • 10: Stefan Bläske
  • 11: Widhi Cahya
  • 12: Mawjoudin Queer Film Festival
  • 13: Farah Barqawi
  • 14: Sama Waly
  • 15: Zivanai Matangi





THEATER: Forced Entertainment

Ein „Muss“ auf dem gerade zu Ende gegangenen SPIELART-Festival, das alle zwei Jahre in München stattfindet, waren für mich die drei Auftritte der englischen Performancegruppe Forced Entertainment. Drei ihrer „durational performances“ – stundenlang ohne Ende, den ganzen Abend durch – man kommt und geht.

Zwei davon habe ich gesehen, Speak Bitterness und 12 am:Awake and looking down. Die dritte, And On The Thousandth Night, habe ich verpasst! Ärgerlich! Sie haben drei ihrer „Klassiker“ ausgepackt, als Abschiedsgeschenk an den Gründer von SPIELART.

Forced Entertainment ist eine Performancegruppe aus Sheffield im Norden Englands. Der Link zu Ihnen findet sich im Blog oben über den Link „Websites und Termine von Performancegruppen“. Oder HIER. Sie touren auch oft durch Europa, demnächst nach Berlin, Zürich, Brüssel, Paris. Berlin am 22. November im HAU. Eine weitere bizarre „durational performance“, Quizoola in seiner 6-Stunden-Variante.

Sie machen seit 30 Jahren Performances, die den Zuschauer im Grunde immer wieder – soweit ich sie kenne – zu der Ansicht bringen: Ja, so ist es! Und auch immer mit einem herrlichen Schuss Komik dabei! Vor allem dann, wenn es eigentlich nichts zu lachen gibt. Hinter ihrer Komik stecken oft böse Blicke auf unsere Gewohnheiten, auf unsere Lebensumstände, auf Missstände.

Mit der Performance Real Magic waren sie vor zwei Jahren zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Auch so eine lustige und gleichzeitig auch ernste Performance! HIER mein damaliger Beitrag dazu.

Zu 12 am:Awake and looking down:

HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website des SPIELART-Festivals. Und HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website von Forced Entertainment. Mit einem Video dazu. Auf der Website des SPIELART-Festivals hieß es dazu:

12AM: AWAKE & LOOKING DOWN entstand 1996 … ein Dauer-Stück von damals zwölf Stunden … Verhältnis von Persönlichkeiten und den Labels, mit denen sie versehen werden … Second-Hand-Kleidung und Pappschilder … Kaleidoskop an Rollenbildern … körperliche Anstrengung … Figuren, die wir alle kennen und unzählige Male gesehen haben: in Filmen, trashigen Fernsehsendungen, im Supermarkt, auf der Straße … beim Blick in den Spiegel …. Verfall und Vergänglichkeit.

Ein kurzes Hineinschlüpfen in eine Rolle, dann die nächste. Was wir sein wollen, nicht sind, sein könnten, nicht sein können, Rollen und und und.

Und Speak Bitterness:

Auch HIERZU der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website des SPIELART-Festivals. Und auch HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website von Forced Entertainment. Auch mit Video. Wenn man auf das Video klickt, kommen sogar weitere Videos. Auf der Website des SPIELART-Festivals hieß es dazu:

Schuldbekenntnisse … in Talkshows, in Kirchen, vor Gericht …von Angesicht zu Angesicht … nicht enden wollende Folge verschiedenster Beichten … davon, den Hund nicht spazieren geführt zu haben … heimlich in fremden Tagebüchern zu lesen … gigantische Betrügereien … schwere Verbrechen … Massenmord … mit sanfter Stimme … liefern sich dem Blick der Zuschauer*innen ganz bewusst aus und überlassen ihnen das Urteil über Schuld, Unschuld und alles, was dazwischen liegt.

Tja, was ist für wen Grund, ein Schuldgefühl zu bekommen?

Und der Vollständigkeit halber And On The Thousandth Night:

Auch HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website des SPIELART-Festivals. Und auch HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website von Forced Entertainment. Wieder mit Videos. Wenn man auf das Video klickt, kommen wieder weitere Videos.

Jedenfalls beachten, wenn Forced Entertainment in die Gegend kommt!


THEATER: Thom Luz – Olympiapark in the Dark

Thom Luz kommt aus der Schweiz, Zürich und Basel, und wechselt als Hausregisseur an das Münchner Residenztheater (ist es offenbar auch noch am Theater Basel). Er bringt gerne skurrile, poetische Annäherungen an ganz spezielle Themen. Ein sehr eigenes Gesicht haben seine Produktionen, er selbst hat eine eigene Handschrift, kaum anders zu finden.

Eine solche Themenwelt war bisher etwa: „Dinge, die verschwinden„. Thom Luz sei ein „Spezialist für alles, was verschwinden kann und trotzdem noch da ist“, heißt es irgendwo. Mit der Hannoveraner Treppenhausbespielung «Atlas der abgelegenen Inseln», der Mainzer Hinterbühnen-Verwandlung «Traurige Zauberer» und mit «Girl From The Fog Machine Factory» (Nebelmaschinen) wurde er zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Oder kürzlich „Radio Requiem“, auch das Thema des Verschwindens. Das ehemalige SRF-Radiostudio „auf dem Bruderholz“ in Basel wird Ende 2019 abgerissen. Auch das gab ihm Anlass, seine Poesie des Verschwindens zu entfalten.

Jetzt der Abend „Olympiapark in the Dark“ am Residenztheater (im Marstall). Erstaunlicherweise geht es hier nicht um das Verschwinden, sondern um das Ankommen, das Sich-Annähern an Fremdes, an München nämlich. Und zwar mit Klängen, mit Musik, mit Geräuschen und Dissonanzen. Nicht Harmonisches. Auch immer wieder mit kurz oder lang angespielten (oft bayerischen) Musikstücken oder angerissenen Erzählungen von Dingen, die irgendwie mit München zu tun haben. Karl Valentin, ein Busunglück in Südtirol mit vielen gestorbenen Personen, die nach München wollten, Albert Einstein, sieben Kirchenglocken ….

Werkstattcharakter, natürlich Werkstattcharakter auf der schwarzen Bühne. Und, wie gesagt, viele unfertige Dinge. Erzählungen nur wenige und kurze, ansonsten oft unharmonische Musik, auch Geräusche, etwa das Knistern von Kies beim Gehen. Oder im Eck ein auf dem Kopf stehender kleiner Film über München, den alle fragend betrachten.

Am konkretesten wird es dann gegen Ende, wenn der Olympiapark ins Spiel kommt. Man sieht Videoaufnahmen von der Gruppe der Schauspieler am Olympiaberg. Einer von ihnen läuft immer hinterher, gehört nicht ganz zur Gruppe. Auch das könnte einer der Eindrücke von München sein: Mia san mia. Zwei große schöne Laternen aus dem Olympiagelände werden auf die Bühne getragen.

Und immer wieder Musik. Musik, die aber – wie die Erzählungen – oft unterbrochen wird. Aus der Musik entsteht ein Spiel mit den auf der Bühne verteilten Lautsprechern, man greift herumhängende Mikrophone, spielt auf Streichinstrumenten. Alles immer wieder unterbrochen, wie im richtigen Leben. Eine der Überlegungen von Thom Luz wird in Richtung Musik gehen. Vielleicht: Es ist nicht die harmonische Musik, die uns die Welt zeigt, wie sie ist.

Und ein Gedanke von Thom Luz aus dem Programmheft: „Also man wird auf einem Teppich geboren, rollt dann eine halbe Arschbacke weiter auf diesem Teppich von links nach rechts hört dabei etwas unverständlichen Straßenlärm aus dem Fenster und stirbt kurz darauf, und der Teppich hat sich dabei nicht verändert

Tja, und hört viele Klänge, Versuche von Musik …. Es ist ein „tyischer Thom Luz“, etwas schwerer verdaulich diesmal, etwas weniger Poesie, aber wieder mit Nachwirkung. Die Dinge – mehr als hier angesprochen – wirken ineinander.

HIER die Stückeseite auf der Website des Residenztheraters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Ewald Palmetshofer – Die Verlorenen

Der 400ste Blogbeitrag!!

Zur neuen Intendanz im Residenztheater: Zwei weitere Premieren: „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer und „Sommergäste“ von Maxim Gorki. In Kürze folgt „Olympiapark in the Dark“ von Thom Luz und „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, eine Übernahme aus Basel, eine sehr erfolgreiche Inszenierung. Aber auch das ist nicht alles.

Zu „Die Verlorenen“: Der österreichische Autor (und Philosoph) Ewald Palmetshofer hat schon mehrfach für Andreas Beck geschrieben. Auch „Die Verlorenen“ ist eine Auftragsarbeit – jetzt für das Residenztheater. Im Grunde geht es um den Menschen der im Weltall und mit sich selbst und mit anderen immer nur verloren ist. Allein und verloren. So beginnt es auch:

Hallo? Hört uns jemand? – kann uns jemand – ist wer – ist wer da? – wir… – wir sehn wir spürn nicht, ob da …“

Das Bühnenbild ist geordnet, clean. Man wirkt nicht unbedingt verloren darin: Ein dicker weißer Rahmen verkleinert die Bühne, im Hintergrund ist auch die Tiefe des Raumes verkürzt durch eine leicht zurückversetzte große weiße Wand. Helles Licht. Ansonsten eine absolut leere Bühne. Das wiederum gibt Anlass, sich etwas verloren zu fühlen. Die hintere Wand wird sich nach der Pause absenken und nur noch ein schwarzes Nichts dahinter eröffnen. Siehe das Beitragsbild. Das tiefe Schwarz, in das man nach der Pause blickt, verdüstert dann auch die Stimmung.

Man könnte meinen, das Stück ist sehr negativ: Was ist der Mensch? – er wird geboren – er lebt „einen Augenblick“ lang – er führt sich auf – hat seinen Alltag – hat Probleme – kann schlecht kommunizieren – dann ist er wieder tot – was bleibt von ihm? Diese Fragen sind es, die im Stück angesprochen werden. Es gibt natürlich keine Antworten dazu. Die Fragen sind das Stück, allenfalls die Feststellung, dass wir uns durch irgendetwas durchkämpfen müssen ohne Hilfe von außen. Und dann sind wir wieder weg.

Umrahmt von diesen schweren Fragen folgt man einem Alltagsgeschehen: Clara – geschieden – fährt zu ihrem Exmann Harald und seiner Frau Svenja, um Ihnen zu sagen, dass sie den Sohn Florentin die nächsten Wochenenden nicht nehmen könne. Sie ziehe sich zurück. Warum, wird nicht ganz klar. Vielleicht Burn-Out? Im einsamen Haus ihrer Tante lernt sie den jungen Kevin kennen. Kurze Affaire, nichts längeres, nur die eine Nacht, Probleme dann mit Florentin, den Harald und Svenja zu ihr bringen, er ist von der Schule suspendiert worden, auch das nichts Besonderes. Aber es eskaliert. Clara ist ziemlich verloren, gescheitert in vielerlei Hinsicht. Und am Ende – nach Claras Beerdigung – reden alle wieder chormäßig über den Sinn des Lebens, das sinnlose Menschsein. Von oben gebe es keine Rettung. Ein atheistischer Gedanke.

Ein paar Dinge blieben mir etwas fragwürdig, dazu muss man das Stück aber gesehen haben: Warum etwa geht Clara, wenn sie sich zurückziehen will, in eine Diskothek? Mir erschien Clara auch zu wenig gescheitert, zu wenig verloren. Generell wurden auch unnötigerweise immer wieder weitere Themen notwendigerweise nur oberflächlich gestreift, anstatt das Grundthema weiter anzugehen. Und insgesamt empfand ich die Kostümierung der SchauspielerInnen zu gediegen. Allein am Anfang: Alle schön abgestimmt in beigefarbenen Trenchcoats.

Die Inszenierungen unter der Intendanz von Andreas Beck sind insoweit sicherlich noch steigerungsfähig. Weg vom Gefälligen, wäre mein Geschmack. Andererseits wurde am Ende begeistert gejubelt. Die Geschmäcker sind unterschiedlich, aber jeder ist – nach Ewald Palmetshofers Überlegung – letztlich verloren. Und was bleibt schon?

Der link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters: HIER

Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

THEATER: Spielart Festival

Ich mag die freie Theaterszene. Und schon wieder bietet München ein ganzes Festival, das SPIELART – Festival. Es läuft vom 25. Oktober bis zum 09. November 2019.Es gibt Veranstaltungen mit freiem Eintritt und Veranstaltungen mit Ticketverkauf. Das Programm findet sich HIER.

Ich werde über Einiges schreiben. Besonders freue ich mich auf die drei Projekte von Forced Entertainment, der interessanten britischen Performancetruppe. SPEAK BITTERNESS, 12 AM und zum Schluss AND ON THE THOUSANDTH NIGHT heißen die drei Projekte. Siehe den link zu „Forced Entertainment“ oben rechts über den link zu den Performancegruppen. Ihre Veranstaltungen sind sämtlich mit freiem Eintritt, als Geschenk an den scheidenden Gründer des SPIELART-Festivals Tilmann Broszat..

Thema des Fesivals: Künstler*innen leiten strukturelle Analysen aus persönlichen Erfahrungen ab und überführen sie in politische Kontexte.

THEATER: Antonio Latella – Die drei Musketiere

Es kann Kultstück in München werden. Die Münchner Kammerspiele haben ja seit einiger Zeit das 10 – Stunden – Kultstück „Dionysos Stadt“, am Residenztheater könnte es nun meines Erachtens – unter der neuen Intendanz von Andreas Beck – die Inszenierung „Die drei Musketiere“ werden.

Am Sonntag war Münchner Uraufführung von „Die drei Musketiere“, im Cuvilliéstheater. Die Inszenierung wurde vom Theater Basel übernommen, Andreas Beck wechselte ja vom Theater Basel nach München. Eine Inszenierung des italienischen Regisseurs Antonio Latella, nach dem weltbekannten Roman von Alexandre Dumas. Vier Schauspieler, eine leere Bühne, die Tiefe des Raumes, das Publikum, das reicht.

Die zweite Premiere unter der Intendanz von Andreas am Münchner Residenztheater war es. Die erste Premiere – „Die Verlorenen“ – war am vergangenen Samstag, ich schreibe in Kürze darüber.

Warum Kultstück?

  • Zum Einen: Es wird auf wunderbare Art und Weise so viel geboten, die Schauspieler – Michael Wächter, Max Rothbart (oder Elias Eilinghoff), Vincent Glander und Nicola Mastroberardino – verausgaben sich, man verlässt das Theater einfach gut gestimmt. Es geht nicht anders. Es ist kein schweres Stück, kein mit tiefgehendem Inhalt überladenes Stück. Man geht hin und wird – im Sinne der alten commedia dell‘ arte – köstlich unterhalten. Es geht nicht darum, die allen irgendwie grob bekannte Geschichte der drei Musketiere auf die Bühne zu bringen. Es sind auch nicht drei Musketiere, es sind vier. Vier Schauspieler auf der leeren Bühne.
  • Es gibt keine Dialoge zwischen den Schauspielern. Es entwickeln sich nicht Beziehungen untereinander, nicht Charaktere. Darum geht es nicht. Sie sprechen als Diener, sie sprechen als die Pferde der Musketiere. Mit Witz, Ironie und Verausgabung.
  • Das große Thema ist das hehre Wort „Einer für alle, alle für einen“. Ein völlig veralteter Spruch, könnte man sagen. Die Musketiere eben. Die Schauspieler agieren mal jeder für sich, mal alle zusammen. Ein ständiges Spiel mit der Gemeinschaft. Sie lösen sich voneinander, stehen nebeneinander, wechseln die Position, treten hervor, rennen hervor, kämpfen gegeneinander, singen zusammen, singen einzeln. Schon wie sie die Bühne betreten … und verlassen.
  • Passend zu München ist auch: Die Inszenierung hat bei alledem eine schöne ganz leichte Beimischung von Südländischem, Österreichischem, Schweizerischem und Italienischem.

Und bei alledem der thematische Grundgedanke: „Einer für alle, alle für einen“: Man schaut sich nicht Quatsch an. Der Grundgedanke ist doch aktuell, durch sein Verschwinden! Er trifft unsere Zeit, scheint nicht mehr zu gelten. Heute gibt es etwa überall sogenannte „Doppelspitzen“. „Einer“ allein kann nicht mehr „alle“ repräsentieren. Oder das Thema Europa: „Alle für einen?“ Für einen Gedanken? Heute nicht mehr. Individualismus, Nationalismus steht heute auf dem Programm. Im Programmheft spricht Antonio Latella diese Entwicklung der modernen Zeit an.

„Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas repräsentierten noch den Gedanken: „Wir gehören zusammen, wir folgen einer Idee, wir stehen zueinander, wir setzen uns ein dafür“. Es war noch die Zeit, in der man sogar für Kleinigkeiten sein Leben aufs Spiel gesetzt hat.

Vieles wird in dieser Inszenierung mit leichter Ironie angesprochen, spielerisch, aber mit dem Touch in die Gegenwart. Es werden aber nicht irgendwelche Lösungen präsentiert. Auch darum geht es nicht. Es geht um die Gemeinschaft, das Ausgrenzende, das Verbindende. Und es steigert sich zu einem furiosen Finale, die „Schlusssvorhänge“ – jedenfalls am Premierenabend, aber ich vermute, dass es immer so sein wird. Dafür spricht schon der Bezug zur lockeren commedia dell arte.

Durch die Leichtigkeit im Umgang mit dem großen Gedanken kann es Kult werden, das Stück. Man muss ja nicht immer alles bitterernst sehen.

HIER der link zur Seite des Stückes auf dem Portal des Residenztheaters

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: William Shakespeare – König Lear

Es läuft seit Kurzem an den Münchner Kammerspielen, man liest begeisterte Kommentare. Ist auch oft ausverkauft. Meins war es nicht! Der alte „König Lear“ von William Shakespeare, Textbearbeitung von Thomas Melle, Inszenierung von Stefan Pucher.

Premiere am 28.09.2019, ich werde es noch ein zweites Mal ansehen. Eine zweite Chance. Für mich war es bisher – kurz gesagt – eher eine modernisierte „König Lear Klamaukfassung“. Es mögen ernsthafte Überlegungen hinter der Textfassung von Thomas Melle stehen: Femininismus etwa. Für mich wurden sie zu wenig pointiert (das Programmheft erwähnt Einiges). Es geht aber nicht darum, alles ernst zu sehen, auf keinen Fall. Ich mag es einfach schlichter. Aber so sind unsere Zeiten: Alles schnell schnell, alles bunt dargestellt, viel Brimborium, bloß nicht schlicht.

Allerdings: Es liegt auch an der inhaltlich im Grunde schon fürchterlich aufgeladenen Story von William Shakespeares König Lear. Auch Thomas Melles inhaltliche Veränderungen helfen da wenig. Entschlackt hat er es inhaltlich kaum. Aber für mich ist es eben eher Klamauk, etwa die Shakespearefigur „Tom of Bedlar“, der Bettler, als der sich der verfolgte Edgar ausgibt. Bei Stefan Pucher schwebt er als „Major Tom“ aus dem Bühnenhimmel herab, mit E-Gitarre. Naja.

Für mich ist es generell fraglich, warum man sich König Lear überhaupt noch ansieht – die „Tragödie“ von William Shakespeare über den alten König Lear, der sich zurückziehen will. Es geht ja zurück auf eine uralte englische Sage über „King Leir“, einen britischen König aus der vorrömischen (!) Zeit.

Zum Inhalt der Tragödie: Es sind zwei Handlungsstränge.

Erster Handlungsstrang: König Lear will sich zurückziehen, das Land auf seine drei Töchter aufteilen. Die beiden älteren Töchter erfüllen den Wunsch des Königs nach Liebesbezeugung. Die Jüngste, Cordelia, verweigert sich – ich sage mal – herumzuschleimen. Sie bekommt nichts, die anderen beiden bekommen alles. Cordelia wird nach Frankreich verheiratet.

Dann gibt es den zweiten Handlungsstrang: Graf Gloucester – bei Thomas Melle Gräfin Gloucester, gespielt von Wiebke Puls. Sie hat den ehelichen Sohn Edgar und den unehelichen Sohn Edmund (ich merke es mir so, dass das „un“ im Namen Edmund für „un“ehelich steht). Edmund – bei Pucher gespielt von Thomas Hauser – will Edgar – bei Pucher gespielt von Christian Löber – ausbooten: Er verfasst einen Brief, angeblich von Edgar, wonach dieser seinen Vater – bei Pucher eben seine Mutter – entmündigen will, und Edmund veranlasst Edgar sogar, zu fliehen. Klare Sache, der ist doch schuldig.

Dann geht es aber erst los mit den Verstrickungen in der Shakespearefassung. Die Handlungsstränge verschlingen sich, Gloucester etwa verteidigt King Lear gegenüber den beiden älteren Töchtern. Und genau da frage ich mich: Warum schaue ich mir das an? Klar, das Thema des immer verworrener werdenden Vaters – bei Pucher gespielt von Thomas Schmauser – oder: Das Thema des Vaters, der nicht loslassen kann und über den sich die Nachkommen nur noch aufregen. Aber sonst? Feminismus wird, wie gesagt, zum Thema, lese ich im Programmheft, ich habe es kaum bemerkt.

Schauspielerisch:

Mal wieder eine „Ensemblearbeit“, wie es ja lange Zeit in München die große Schar der gediegeneren Münchner Theaterfreunde gefordert hatte, lange Zeit unterstützt vor allem von der Süddeutschen Zeitung. Schön fand ich daran Eines: Das Duo Samouil Stoyanov und Thomas Schmauser zusammen auf der Bühne. Beide zusammen strahlen einen herrlich verrückten Wahnsinn aus, siehe das Bild oben, gerade durch ihr gemeinsames Auftreten.

Samouil Stoyanov ist ein Kammerspiele-Hase. Von ihm kennt man es: Er kann – unter anderem – wunderbar Rollen spielen, die irgendwann im Verlaufe eines Stückes ausrasten. Dann wird er laut und deutlich! Etwa im Kirschgarten. Und Thomas Schmauser: Er ist ja wieder zurück an den Kammerspielen, war zwei Jahre lang am Residenztheater. Er ist zwar nicht im Alter eines alten König Lear, aber dennoch: Er spielt auch bei König Lear wieder einmal überzeugend! Da ist allerdings die Rolle schon sehr auf zunehmenden Wahnsinn angelegt. Beide zusammen jedenfalls, herrlich, das wäre es einmal: Ein Abend die beiden alleine in Becketts „Endspiel“!

Die Inszenierung:

Wie gesagt, sie war nicht Meins. Eine Drehbühne, ein zweistöckiges barackenähnliches Gebilde darauf, ein Neonschriftzug auf der Baracke („The End“), Videoeinspielungen aus dem Hintergrund. Genau das könnte man bei fast allen Inszenierungen von Frank Castorf sagen. Also nicht gerade irgendwie überraschend. Im Hintergrund etwas von Himmel oder Weltall. Allerdings: Ich mag im Grunde ja Videoeinspielungen ganz gerne, man erlebt die SchauspielerInnen dann so hautnah und intensiv.

Ich werde es noch einmal sehen, mal sehen, was mir noch auffällt.

Copyright Beitragsbild: Arno Declair

THEATER und LITERATUR: Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Man kann es lesen und es läuft derzeit in den Münchner Kammerspielen: „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch. Zum Buch: Rüde und frech geschrieben, eine politische Utopie, keine schöne Literatur, ein verrücktes Gedankenspiel. So kann man es vielleicht beschreiben.

Meine Bewertung des Buches (1 – 10): (5)

Man kann lachen und merkt, dass es eigentlich einen wichtigen Gedanken enthält. Literarisch ist es wahrlich nicht besonders, daher gebe ich nur fünf Punkte.

Es geht um einen steinreichen Investmentbanker, Victor, der in Frankfurt lebt, letztlich – nachdem er wieder einmal bei Vapiano gegessen hat – seinen Beruf hinschmeißt und eine politische Idee entwickelt, die gegen die sich immer mehr vergrößernde Wohlstandsschere gerichtet ist.

Copyright: Gabriela Neeb

Alexander Schimmelbusch selbst war fünf Jahre lang Investmentbanker. Er kennt die Szene bestens. Und er wird in seiner Schilderung kaum übertreiben. Ich kenne auch einen Investmentbanker, der sich nach wenigen Jahren harter Arbeit in einer Frankfurter Investmentbank auf einen wunderschönen, wahrscheinlich millionenschweren riesigen Bauernhof am Tegernsee zurückziehen konnte. Schön für ihn! Bestens renoviert, edel ….

Treffende Sätze aus dem Roman „Hochdeutschland“ sind etwa:

„Es war ein altes System, das durch zu viele Hände gegangen war, das immer wieder repariert und modifiziert worden war und nach den Tuningmaßnahmen durch den Neoliberalismus nicht mehr als Volkswagen, sondern als Zuhälter-Mercedes mit Diffusor und Flügeltüren daherkam.
Victor bezog sich auf den Neoliberalismus im umgangssprachlichen Sinne, also auf die radikale Heilslehre von der Entsolidarisierung, die in den letzten zwei Jahrzehnten lustvoll einen tiefen Keil in die Gesellschaften des Westens getrieben hatte.“

Alexander Schimmelbuschs Idee: Vermögensobergrenze für Reiche, volles Leistungsprinzip, aber dann Wohlstand für alle durch eine „unternehmerische Regierung“, die Deutschlands Position auf dem Weltmarkt sichert. In gewisser Weise ein Chinamodell: Der Staat schützt den unternehmerischen Erfolg Deutschlands weltweit durch Staatsbeteiligungen, der Staat muss sich um die Zukunft kümmern. So auch schon der letzte „Deal“ von Victor, sein Treffen mit dem Finanzminister. Die Idee entwickelt sich dann zur politischen Partei, die sogar die Regierung stellt. Usw.

Amüsant geschrieben, voll beladen mit Klischees (die aber irgendwie wahrscheinlich auch alle zutreffen), natürlich nicht politisch voll durchdacht. Allein die Vermögensobergrenze von € 25 Mio. ist ja letztlich völlig illusorisch.

Dem Buch entsprechend ist die Inszenierung an den Kammerspielen „aus Schaum gemacht“. Siehe das Bild oben. Die SchauspielerInnen waten in einer tiefen Schaummasse, die über die Bühne verteilt ist. Schauspielerisch keine Glanzleistung, es ist eher eine rednerische Erzählung des Buches, Erzählung eines Teils des Buches, abwechselnd durch die fünf SchauspielerInnen. Kaum Interaktionen.

Den Kern des Buches verstehe ich aber gut: Er hat etwas sehr Realistisches: Einerseits soll Deutschland weiterhin auf dem Weltmarkt eine Rolle spielen, damit unser Wohlstand weiterhin gesichert ist. Andererseits geht es unbedingt um das soziale Denken in Deutschland. Die Reichen müssen nicht noch reicher werden. Es geht um die, die NICHT reich sind. Usw. Insoweit lesenswert, ansehenswert.

HIER der link zur Seite des Stückes an den Münchner Kammerspielen, mit Video und vielen Fotoaufnahmen.

HIER der link zur Seite des Buches beim Rowohlt Verlag.

THEATER: Anta Helena Recke – Die Kränkungen der Menschheit

Neue Gedanken. Etwa diese Aussage von Sigmund Freud – für mich war sie neu: Er hatte einmal in seinem Text „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ geschrieben, es gebe für die Menschheit „drei Kränkungen“:

Kränkung 1: Die Erde kreist um die Sonne, nicht die Sonne um die Erde!
Kränkung 2: Die Menschheit stammt vom Affen ab!
Kränkung 3: Der Mensch hat ein Unbewusstes – Freuds Thema – das er nicht steuern kann!

Ich würde den Abend eine „Perspektive“ – oder meinetwegen Performance – nennen. Er kreist nämlich ganz konkret um eine weitere Frage – ausgehend von diesen drei Kränkungen, die das Menschheitsbild schwächen: Von welcher „Menschheit“ ging Freud denn dabei aus? Kann man überhaupt von einer „Menschheit“ ausgehen?

Ich mag Abende, in denen nicht viel, sondern eher wenig auf den Punkt gebracht wird. Ich mochte daher etwa den Abend „Die Kränkungen der Menschheit“ lieber als zwei Tage später das Stück „König Lear“. Dazu aber gesondert einmal mehr.

Anta Helena Recke ist mittlerweile ein bekannter Name an den Kammerspielen. Sie hatte 2017 das Stück „Mittelreich“ in einer Version gebracht, in der die Personen dieser bayerischen Familiensaga von dunkelhäutigen Schauspielern gespielt wurden. Appropriation Art. Die Inszenierung wurde damals nach Berlin zum Theatertreffen eingeladen.

Zurück zum Stück: Die „Menschheit“ muss also nach Freud – könnte man sagen – Wohl oder Übel erkennen, dass sie – ätsch – nicht so toll ist, wie sie vielleicht meint. Sie meint es und fühlt sich „gekränkt“ von diesen naturgegebenen drei „Einschränkungen“. Nach dem Motto: „Das musste aber wirklich nicht sein!“

Das Thema „dunkelhäutig“ – „weißhäutig“ (sagt man so?) spielt bei Anta Helena Recke jetzt auch wieder eine Rolle. Da setzt sie mit dem „Stück“ „Die Kränkungen der Menschheit“ an. An den Münchner Kammerspielen war es die erste Premiere der gerade begonnenen Spielzeit 2019/2020, der letzten Spielzeit in der Intendanz Matthias Lilienthal.

Anta Helena Recke sagt uns zur Frage der „Menschheit“ in diesem Zusammenhang: Es gibt eine „vierte Kränkung der Menschheit“. Diese vierte Kränkung der Menschheit sei die „Illusion einer weißen männlichen Menschheit im weißen Körper“. Es gebe diese „Menschheit“ so aber nicht – nochmal ätsch. Das sei eine Illusion. Und dass dieser Gedanke nur eine Illusion sei, sei eine Kränkung.

Was macht Anta Helena Recke mit dieser Überlegung? Leere Bühne, ein begehbarer, innen beleuchteter Quader steht rum, einsehbar von allen Seiten, ein Holzsockel darin. Sonst nichts.

Dann zunächst Affen: Sieben Schauspieler kommen auf die Bühne und verhalten sich – hoch überzeugend! – als Affen. Nehmen den Raum ein, tummeln sich später auch zwischen den anderen Mitwirkenden.

Dann kommt die Trennung, die eigentlich zum Thema des Abends wird: Zunächst erscheint eine Besuchergruppe in einem fiktiven Museum: Sie betrachtet und spricht über nicht vorhandene Gemälde. Alle sind europäischer Herkunft, „weißhäutig“. Sie ergötzen sich in schlauen Kommentaren und Unterhaltungen zur ausgestellten Kunst, die sie betrachten. Sie meinen natürlich, die Kultur ist doch für sie geschaffen. Ich dachte mir: Naja, auch das ist irgendwie affenartig.

Dann – in einem „dritten Teil“ – kommen aber viele bunt und fröhlich in Gruppen durch den Raum gehende „dunkelhäutige“ Menschen – nur Frauen übrigens. Alle jung, jede für sich das Gegenteil des „alten weißen Mannes“. An der Kunst haben sie kein besonderes Interesse, reden und lachen miteinander, schauen immer nur kurz zum Quader, in dem die Besuchergruppe stand.

Man merkt also vielleicht: Mensch, so wichtig müssen sich die Personen in der Besuchergruppe in diesem Museum nicht nehmen, es gibt auch andere. Und auch die Kunstwerke müssen sie nicht so wichtig nehmen. Der ganze Quader ist nicht wichtig. Andere – die Vorbeigehenden – nehmen es auch nicht wichtig. Und das sind viele auf der Bühne.

Aber ich denke da wahrscheinlich zu kurz, wenn ich es auf diesen Gedanken reduziere, man müsse sich nicht so ernst nehmen. Überall gibt es ja Kultur und jeder nimmt eben seine Kultur ernst und wichtig. Hat ja seine Berechtigung. Nicht nur „weißhäutige“ Menschen nehmen die ihnen nahestehende Kultur ernst. Insoweit habe ich das „Stück“ wahrscheinlich nicht ganz verstanden. Aber ich mochte es lieber als „König Lear“, weil es nicht überladen war.

Copyright des Beitragsbildes: Gabriela Naab

THEATER: Erste Premieren 2019/2020

Die Spielzeit 2019/2020 beginnt jetzt auch in Bayern. Bei den Münchner Kammerspielen sind es drei Premieren, die die Spielzeit einleiten. (Das Residenztheater München legt etwas später los. Auch dazu werde ich gerne Einiges schreiben.)

In den Münchner Kammerspielen ging/geht es wie folgt los:

Die Kränkungen der Menschheit, Inszenierung von Anta Helena Recke

König Lear Von William Shakespeare, übersetzt und bearbeitet von Thomas Melle, Inszenierung von Stefan Pucher

These Teens Will Safe The Future, Inszenierung von Verena Regensburger.

Ich habe die ersten beiden Premieren mitverfolgt und werde am Montag das dritte Stück sehen, die Performance „These Teens …. Danach werde ich mit etwas mehr Zeit dazu schreiben.

Ein kurzes Fazit zu den ersten beiden oben genannten Stücken:

„Die Kränkungen der Menschheit“ hat mir besser gefallen. Reduzierter und um einen Kern kreisend. „König Lear“ war mir um zu viele Effekte angereichert.

Später mehr.

THEATER: Theater der Zeit, September 2019

Wer einen recht schönen Überblick über viele der anstehenden Premieren der Spielzeit 2019/2020 auf den deutschsprachigen Bühnen haben möchte, kommt der Sache näher, wenn er die Septemberausgabe der Zeitschrift Theater der Zeit durchblättert:

Viele viele deutschsprachige Theater haben dort in – kleinen oder großen – Anzeigen ihre anstehenden Premieren der Spielzeit 2019/2020 zusammengestellt.

Ankündigungen der folgenden Theater finden sich dort (wobei ich vielleicht sogar das ein oder andere übersehen habe):

  • Schauspielhaus Zürich
  • Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Schauspielhaus Leipzig
  • Nationaltheater Mannheim
  • Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin
  • Theater Magdeburg
  • Schauspiel Stuttgart
  • Theater Hanse
  • Landesbühnen Sachsen
  • Theater Junge Generation
  • Theater an der Ruhr
  • Landestheater Detmold
  • Schauspiel Graz
  • Theater Heilbronn
  • Deutsches Theater Berlin
  • Theater Rudolstadt
  • Theater Bremen
  • Staatstheater Nürnberg
  • Theater Aachen
  • Volkstheater Rostock
  • Hans Otto Theater
  • Berliner Festspielhaus
  • Theater Senftenberg
  • Staatstheater Cottbus
  • Landestheater Schwaben
  • Theater Bamberg
  • Theater Biel Solothurn
  • Theater St. Gallen
  • Theater Gütersloh
  • Burghofbühne Dinslaken
  • Deutsches Theater Göttingen
  • Stadttheater Gießen
  • Saarländisches Staatstheater
  • Staatstheater Mainz
  • Luzerner Theater
  • Vorarlberger Landestheater
  • Theater Hof
  • Mainfrankentheater Würzburg
  • Theatre National du Luxembourg
  • Theater Ulm
  • Theater Plauen Zwickau
  • Nationaltheater Weimar
  • Theater Münster
  • Theater Paderborn
  • Württembergischen Landesbühne Esslingen
  • Staatstheater Augsburg
  • Für die größeren Häuser empfiehlt sich außerdem natürlich der Blick in meinen Blog: Rechts oben auf das Feld „Websites und Spielpläne von Theatern“ klicken und schon findet man alles.

Die Ausgabe September 2019 der Zeitschrift Theater der Zeit beschäftigt sich im Übrigen schwerpunktmäßig mit Österreich, Martin Kuśej ist am Burgtheater ja der neue Intendant – in einer politisch heiklen Landschaft. Wie er es sieht und mehr kann man dazu lesen.

Des Weiteren finden sich in der Septemberausgabe zwei Artikel über den besten nationalen Beitrag der Biennale Venedig 2019, über den ich ja auch gerade geschrieben habe (HIER).

Außerdem liest man unter anderem ein Portrait der Regisseurin Anne Lenk. Inszenierungen von Anne Lenk waren ja in den vergangenen Jahren auch am Münchner Residenztheater zu sehen. In der gerade begonnenen Spielzeit 2019/2020 wird sie unter anderem am Burgtheater in Wien und am Staatstheater Hannover inszenieren. Gerade war ihre Premiere in Wien, „The Party“ von Sally Potter. HIER die Besprechung dazu in http://www.nachtkritik.de.

Ich mag es gerne kritisch, aufrüttelnd und anstoßend. Das ist Theater! Mir ist bisher Anne Lenk in ihren Inszenierungen zu brav gewesen. Auch in der oben verlinkten Kritik zu ihrer Burgtheaterpremiere heißt es: „… alles an diesem Abend bleibt fahl …“: Sie ist m. E. nicht deutlich genug. Auch das Portrait in Theater der Zeit finde ich insoweit zu harmlos, zu gut.

Es gibt aber in der Septemberausgabe noch mehr zu lesen, es geht nicht nur um Österreich!

HIER der link zur Website des Verlages von „THEATER DER ZEIT“.

Copyright des Beitragsbildes: Christopher Mavrc

THEATER: Theater des Jahres 2019

Über vierzig Kritiker und Kritkerinnen haben für die Zeitschrift THEATER HEUTE gewählt: 44 genau genommen. Das Theater des Jahres 2019 sind die Münchner Kammerspiele. Gewählt wurde auch in anderen Kategorien (Inszenierung, SchauspielerInnen Nonen, Nachwuchs, etc.). Großer Gewinner: Die Münchner Kammerspiele. Mehr dazu evtl. in Kürze, bin im Urlaub.

Die Erfolge der Münchner Kammerspiele:

NILS KAHNWALD wurde für seine Leistung in „Dionysos Stadt“ zum Schauspieler des Jahres gewählt (HIER). Er wechselt ja zur neuen Spielzeit zum Schauspielhaus Zürich.

Die Wahl der Nachwuchsschauspielerin des Jahres fiel auf GRO SWANTJE KOHLHOF (HIER).

BENJAMIN RADJAIPOUR (HIER) erhielt die meisten Stimmen als Nachwuchs-Künstler.

LENA NEWTON hat für Susanne Kennedys „Drei Schwestern“ das Bühnenbild des Jahres in der Kammer 1 entworfen (HIER).

Alle Abstimmungsergebnisse von allen Kritikern, die namentlich genannt sind, HIER.

Mal sehen, es wäre ja mal etwas, wenn es den Kammerspielen gelänge, auch das Theater des Jahres 2020 zu werden. Das Zeug dazu haben sie! Es würde auch zeigen, wie wenig die CSU von Kunst wissen will, sie hat schließlich bewirkt, dass Matthias Lilienthal als Intendant nach 2020 ausscheiden wird. Aber die SZ – die Kritikerin Susanne Dössel – war auch nicht unschuldig!

THEATER und LITERATUR: Viginie Despentes – Vernon Subutex

Ich hatte schon einmal darüber geschrieben: Über die Premiere von „Das Leben des Vernon Subutex“, inszeniert von Stefan Pucher, an den Münchner Kammerspielen. HIER mein damaliger Bericht. Ich fand es damals nicht überzeugend, hatte allerdings das Buch dazu noch nicht gelesen. Das habe ich jetzt nachgeholt und habe mir das Stück in den Kammerspielen wieder angeschaut. Heute geht es um Beides.

Meine Bewertung der Bücher (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚📚📚📚 (9)

Es sind drei Bücher. Subutex 1 – 3. Geschrieben von der Französin Virginie Despentes, die früher unter anderem in Peepshows arbeitete. Sie erhält viele Auszeichnungen für Ihre Werke. Sie schreibt unverblümt und verdammt ehrlich, in klarer und derber Sprache, Umgangston in den Gesprächen. Den Milieus entsprechend, über die sie schreibt. Und nichts wirkt gekünstelt. Das mag ich, daher die neun Bewertungspunkte. HIER der Link zu ihrer Seite bei Wikipedia. 1200 Seiten. Die Süddeutsche Zeitung schrieb einmal zurecht etwas wie: „Man will jede Seite lesen“.

Ich habe es gewagt, die drei Bücher auf Französisch zu lesen. Französisch hatte ich vor vielen Jahren in einem Studiumsjahr in Lausanne gelernt. Es wurde immer besser: Für Buch 1 hatte ich noch die deutsche Ausgabe daneben liegen. Für Buch 2 hatte ich die Seite des Onlinewörterbuchs http://www.leo.org parat. Buch 3 konnte ich schon fast wie die deutsche Ausgabe lesen. Nachzuschauen waren allerdings immer wieder die derben Wörter der Umgangssprache.

Ein deutliche Eindruck, den ich vor allem beim Vergleich der deutschen und der französischen Ausgabe von Band 1 gewonnen hatte: Seltsamerweise liest sich die deutsche Übersetzung rüder, uncharmanter, derber, fieser. Das ganze ist natürlich inhaltlich und vom Schreibstil her rüde, uncharmant und derb. So soll es aber auch sein, das ist es, was man erlebt und liest, wenn man den „Vernon Subutex“ liest. Aber in der französischen Originalausgabe hat alles eine gewisse Eleganz. Es wirkt in keinem Satz irgendwie plump. Im Deutschen wirkt es einfach plump. Ein Beispiel? Das deutsche „ficken“ heißt „baiser“ auf französisch. Ist doch irgendwie galanter, finde ich. Also: Wer kann, sollte es unbedingt auf Französisch lesen!!

INHALTLICH: Vernon Subutex, seines Zeichens Plattenhändler aus Paris, ist ohne Dach über dem Kopf. Sein Plattenladen hat Bankrott gemacht. Er kommt zunächst bei FreundInnen unter, bevor er auf Parkbänken landet. Bei einer Freundin stößt er auf brisante Tonbandaufnahmen/Videos des gestorbenen Musikers Alex Bleach. Bleach erklärt, dass es der Produzent Dopalet war, der den Tod der Ex-Pornodarstellerin Vodka Santana verursacht hatte. Dopalet will an die Aufnahmen kommen, sie aus dem Verkehr ziehen. Die Tochter von Vodka Santana, Aïcha, rächt sich kurios an Dopalet. Und so weiter. Bei alledem entsteht ein Kult um Vernon Subutex, der immer noch als begnadeter DJ wirkt. Es eskaliert.

Also: Ein erfolgloser Drehbuchautor mit Amok-Phantasien (Xavier). Eine ehemalige Drogendealerin, die zum Internet-Troll umgeschult hat (La Hyäne). Eine Professorentochter, die zum Islam konvertiert (Aïcha) und ihr darüber verzweifelnder Vater (Selim). Ein drogensüchtiger Popstar (Alex Bleach) und sein Manager (Max). Ein koksender Trader (Kiko), eine obdachlose Hundeliebhaberin (Olga) mit großem Gerechtigkeitssinn und eine ehemalige Pornodarstellerin (Pamela Kant). Ein rechtsradikaler H&M-Verkäufer (Noël) und sein Kumpel (Loïc), eine einsame Staatsbeamtin (Emilie), ein krankhafter Frauenschläger (Patrice) und eine Kellnerin mit Talent zum Tätowieren (Celeste). Sie alle und mehr bevölkern das Leben des Vernon Subutex. Sie alle träumen von einem anderen besseren Leben, auf ganz unterschiedliche Weise. 

SCHREIBSTIL: Einfach und einfach gut. Der Schreibstil und der Ton der Gespräche passen exakt zum Milieu, in dem alles spielt. Bei alledem erwischt man sich etwa auf jeder zehnten Seite dabei, von einem Thema zu lesen, das einen selber betrifft, eine Meinung zu hören, zu der man im Grunde auch etwas sagen kann, weil man sie kennt. Das liegt daran, dass Virginie Despentes viele Facetten unseres modernen Lebens schildert. Aus der Sicht von „unten“ – das Milieu des Buches – und immer wieder auch politisch. Lesen!

DAS THEATERSTÜCK: Wie gesagt, ich hatte schon darüber geschrieben. Damals dachte ich: „Das kann es doch nicht gewesen sein.“ Daher habe ich es gelesen und dann noch einmal angesehen. Und ich muss sagen: Die Inszenierung geht am Milieu vorbei, ist viel zahmer als das Buch, viel zu zahm. Aber es war eben eine Inszenierung von Stefan Pucher. Und Stefan Pucher bringt selten extrem Aufwühlendes. Er glättet mehr. So auch hier.

Gut, er versucht, den Ablauf der langen Geschichte um Vernon Subutex in dreieinhalb Stunden auf die Bühne zu bringen. Doch das Milieu und das Kulthafte der Erzählung gehen dabei meines Erachtens leider verloren. Auch die vielen sehr gelungenen Videoeinspielungen zeigen irgendwie ein anderes Milieu, als dasjenige, das Virginie Despentes schildert.

Hier eine Aufnahme der Inszenierung:

©️ Arno Declair

Und hier noch eine:

Arno Declair

Schön ist wie immer der professionelle und coole Gesang von Jelena Kuliç, die Vernon Subutex spielt. Und schön kann es sein – wer darauf Wert legt – fast alle Ensemblemitglieder der Kammerspiele auf der Bühne zu sehen. Zur Bühne noch: Sie erschien mir bei dieser Inszenierung unpassend eng und klein. Warum nicht so groß, wie die Ideen der Personen im Buch, so groß wie Paris, so groß wie die Themen, über die geredet wird, warum so eng?

Die Inszenierung wird auch in der kommenden Spielzeit zu sehen sein. HIER der Link zur Seite des Stückes auf der Website der Kammerspiele. Mit einem Video zur Inszenierung.

Auf Spotify gibt es eine Playlist mit allen Songs, die von Virginie Despentes in den Büchern erwähnt werden. HIER der Link.

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THEATER: Luk Perceval

Es gibt wenige große Theaterzeitschrift. Eine davon: „Theater der Zeit“. Über eine andere hatte ich bereits berichtet (HIER der Link zum Beitrag). Aktuell: Der Verlag von „Theater der Zeit“ bringt seit Jahren neben den zehn Monatsausgaben jeweils als Doppelausgabe 7 und 8 ein „Arbeitsbuch“ zu einer Persönlichkeit oder einem Thema der Theaterwelt heraus. Das Arbeitsbuch Nr. 28 erschien nun kürzlich zum flämischen Regisseur Luk Perceval.

HIER der Link zur Website von „Theater der Zeit“. HIER der Link zum Arbeitsbuch über Luk Perceval mit der Möglichkeit, reinzublättern und zu bestellen.

Thematisiert werden im (etwa 180-seitigen) Arbeitsbuch neben einigen Inszenierungen von Luk Perceval seine Sicht auf den derzeitigen „Zustand“ des Theaters vor allem in Deutschland – er arbeitete die letzten Jahrzehnte hauptsächlich in Deutschland – und seine interessanten Vorhaben in der näheren Zukunft – er wechselt nach Belgien. In deutscher Version und wortgleich in englischer Übersetzung – das macht (neben einiger Werbung deutscher Theater) leider auch den Umfang des Arbeitsbuches aus – liest man etwa ein Gespräch mit Luk Perceval, dann ein Gespräch mit dem Schriftsteller und Dramatiker Jon Fosse, außerdem ein gemeinsames Interview mit Luc Perceval zum Einen und – aus gegebenem Anlass – Milo Rau zum Anderen sowie Gespräche und Texte einiger seiner langjährigen Mitstreiter (die Bühnenbildnerin Annette Kurz, der Schauspieler Thomas Thieme, die Dramaturgin Marion Tiedtke, der Musiker Jens Thomas, der künstlerische Leiter Steven Heene, jetzt auch am NTGent, und weitere). Angereichert ist all das durch großformatige Bilder von einigen Inszenierungen von Luk Perceval.

Hier etwa eine Fotoaufnahme der Probe zu „Macbeth“ in Sankt Petersburg aus dem Jahre 2014 (auch zu seinen russischen Gastspielen sind zwei Texte zu lesen):

©️ Annette Kurz

2018 war Luk Perceval übrigens mit einer wohl sehr persönlichen Interpretation von „Romeo und Julia“ von William Shakespeare wiederum in Russland. Auch dazu einen Artikel.

Das Beitragsbild oben wiederum zeigt die Bühne der Inszenierung von „Frost“ am Thalia Theater in Hamburg, auch von 2014.

Luk Perceval ist fländrischer Herkunft. Er ging, wie gesagt, nun vor Kurzem einen interessanten Schritt: Er verließ Deutschland und wechselte an das NTGent in Belgien, dessen Intendant bekanntlich Milo Rau ist. Ein spannender Ort. HIER der Link zur Website des NTGent. Er ist dort für drei Jahre Artist in Residence. Auf der Suche nach den Möglichkeiten eines internationalen Theaters für das 21. Jahrhundert.

Am NTGent bringt Luk Perceval eine Trilogie über Belgiens Geschichte heraus. Jedes Jahr wird ein Teil der Trilogie gezeigt werden. Die Trilogie heißt insgesamt „The Sorrows of Belgium“. Der erste Teil dieser Trilogie, die sich mit der unaufgearbeiteten Vergangenheit Belgiens (etwa Kongo) auseinandersetzt, hat den Titel „Black“. Dieser erste Teil läuft bereits seit März – bis Anfang kommenden Jahres. Die folgenden Teile werden – den Nationalfarben Belgiens entsprechend – die Titel „Yellow“ und „Red“ haben.

HIER der Link zur Seite des Stückes „Black“ auf der Website des NTGent. HIER ein Video mit kurzen Ausschnitten aus „Black“. Und HIER noch eines dazu.

Luk Perceval und Milo Rau sprechen im gemeinsamen Interview im Arbeitsbuch über Fragen eines modernen internationalen Theaters, die ja besonders Milo Rau am NTGent in den Vordergrund stellt und praktiziert. Das und die Entwicklung des deutschen Stadttheaters sowie die Arbeit des heutigen Schauspielers und der Schauspielerin sind ganz offenbar die Themen, die Luc Perceval umtreiben. Er beklagt die harten riesigen und zementierten Strukturen des deutschen Stadttheaters und die daneben teilweise wackeligen, vor allem oft schlechten finanziellen Bedingungen der SchauspielerInnen.

Außerdem wäre in seiner Idealsicht

„… auch die Öffentlichkeitsarbeit auf der Probe dabei und würde mit Beteiligten Gespräche führen, Filmen, Podcasts machen und so weiter. Damit das Theater sich viel mehr öffnet. Damit ein Diskurs entsteht, eine Auseinandersetzung, ein Raum, mit dem man sich emotional und intellektuell identifizieren kann; damit man die Leute, die Stadt einlädt, mitzudenken und sich auch mit uns auseinander zu setzen.

Und so weiter. Ein Wermutstropfen beim Lesen (wie leider oft, wenn es um Kritiken zur Aufführungen geht): Um das Arbeitsbuch umfassend genießen zu können, sollte man möglichst viele der angesprochenen Inszenierungen von Luc Perceval gesehen haben. Inszenierungen, die ihn, wie gesagt, auch mehrfach nach Russland führten (wobei man diese Inszenierungen wahrscheinlich kaum gesehen haben wird). Viele der von den Mitstreitern geschilderten Eindrücke beziehen sich detailreich auf diese Inszenierungen. Schade, von diesen Eindrücken zu lesen, wenn man sie nicht nachvollziehen kann. Das nimmt etwas Freude am Gelesenen, doch auch das ist immer wieder gemischt mit Darstellungen der handelnden Personen, die einen guten Gesamteindruck schaffen, soweit das möglich ist. Aber wann hat man schon einen „Gesamteindruck“?

©️ des Beitragsbildes oben: Auch Annette Kurz