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THEATER: Volksbühne und Matthias Lilienthal

Auf http://www.nachkritik.de gibt es nun ein – soweit ich sehe – erstes etwas längeres Interview mit ihm über seine Ansichten zur Volksbühne. HIER der Link zum Interview.

Matthias Lilienthal hat jede Menge gesellschaftlicher und politischer Gedanken zur Position und Funktion der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Das ist die Volksbühne! Er sieht die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zunächst einmal als ein einmaliges „Geschenk“, da man hier alles bringen kann und soll, nur nicht herkömmliches Theater. Die Volksbühne steht nicht für herkömmliches Theater, sondern für alles andere.

Er sieht die Volksbühne etwa als ein „Zentrum des Nachdenkens“ über das Ende der Demokratie oder über die Frage „Was ist unsere Realität?, über die Frage: „Wer setzt sich mit welchem Narrativ durch?“, auch über soziale Fragen, er möchte auch Widerstand gegen die AfD etablieren, es geht um unsere Zeit der riesigen Veränderungen, nicht nur in Berlin, generell! Er sagt: „Niemand weiß, wohin es geht. Ich auch nicht. Aber das ist ein Moment, wo man Sachen neu ausprobieren und Dinge neu auf den Tisch legen kann.

So hat er in unseren national, international und weltweit in vielerlei Hinsicht so dramatischen Zeiten viele, viele Ideen. Sicher auch, was Berlin betrifft. Einiges wird sicher provokant werden, es geht sicher nicht um leise Töne! Andererseits: Wer Matthias Lilienthal kennt, weiß, dass es ihm natürlich um die Theaterkunst/Bühnenkunst geht, nicht rein um Politik, schon garnicht geht es ihm um Belehrung! Es geht sicher um junge Stimmen! Es wird spannend, ich hoffe, die Volksbühne wird ab Herbst eine starke Stimme werden in den vielen „Reibungsprozessen“ unserer Zeit.


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THEATER: BREAKING NEWS

Eine hervorragende Wahl!

Foto: epd / IMAGO / Hans Scherhaufer

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THEATER: Kammerspiele – Plakataktion

MünchnerInnen aufgepasst! Auf Litfasssäulen etc.! Ein Teil der Verabschiedung von Matthias Lilienthal als Intendant der Münchner Kammerspiele ist eine seit Freitag, den 26.06.2020, laufende Plakataktion. Eine Art Geschenk an die Münchner.

Thema: Das öffentliche Erleben von Kunst und Kultur ist bekanntlich immer noch auf ein Minimum reduziert. Eine gefährliche Situation, die nicht Bestand haben darf! Die Münchner Kammerspiele haben ausgewählte Künstler*innen nach Entwürfen und Motiven von Plakaten zum Thema „WELT OHNE KUNST“ gefragt. Die Ergebnisse sind nunmehr als Open-Air-Ausstellung vom 26. Juni an bis zum Ende der Spielzeit auf bereits gemieteten Plakatflächen der Kammerspiele in ganz München zu sehen.

Abschließen wird die Intendanz von Matthias Lilienthal übrigens wahrscheinlich – Näheres ist noch nicht bekannt – am 17. Juli mit einer Veranstaltung im Olympiastadion mit Team, Ensemble und Zuschauern!

Meine Lieblingsmotive der Plakataktion sind (eigene Fotos, nicht immer beste Qualität):

undefined Gestaltung Gregor Hildebrandt, Professor für Malerei und Grafik an der Münchner Akademie der Bildenden Künste.

undefined Gestaltung Philippe Quesne, ein Szenenbild seiner 2016er Inszenierung Caspar Western Friedrich, einer meiner Lieblingsinszenierungen der vergangenen fünf Jahre. Der Mensch und die Natur war das Thema, das damals sehr poetisch aufgegriffen wurde.

undefined Gestaltung Milo Rau, der leider in den vergangenen 5 Jahren keine Repertoirearbeit an den Kammerspielen machte. Die Kammerspiele wirkten an Koproduktionen mit und Milo Rau hatte Gastaufführungen.

undefined Gestaltung Henrike Naumann, Künstlerin, geb. in der DDR, international ausgestellt, zuletzt im Münchner Haus der Kunst, Möbel als Ausdruck von Zeitgeist sind ihr Schwerpunkt.

undefined Gestaltung Tobias Rehberger, „Ausgeraucht“, Grenzgänger zwischen Kunst, Design und Architektur, ausgezeichnet 2009 mit dem Goldenen Löwen auf der Biennale in Venedig.

undefined Gestaltung im Einvernehmen mit Elfriede Jelinek, der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin (2004), deren Stück „Wut“ ja in den vergangenen Jahren lief. Es war damals eine Arbeit des Regisseurs Nicolas Stemann.

Copyright des Beitragsbildes oben: Judith Buss

THEATER: Ewald Palmetshofer – Die Verlorenen

Der 400ste Blogbeitrag!!

Zur neuen Intendanz im Residenztheater: Zwei weitere Premieren: „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer und „Sommergäste“ von Maxim Gorki. In Kürze folgt „Olympiapark in the Dark“ von Thom Luz und „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, eine Übernahme aus Basel, eine sehr erfolgreiche Inszenierung. Aber auch das ist nicht alles.

Zu „Die Verlorenen“: Der österreichische Autor (und Philosoph) Ewald Palmetshofer hat schon mehrfach für Andreas Beck geschrieben. Auch „Die Verlorenen“ ist eine Auftragsarbeit – jetzt für das Residenztheater. Im Grunde geht es um den Menschen der im Weltall und mit sich selbst und mit anderen immer nur verloren ist. Allein und verloren. So beginnt es auch:

Hallo? Hört uns jemand? – kann uns jemand – ist wer – ist wer da? – wir… – wir sehn wir spürn nicht, ob da …“

Das Bühnenbild ist geordnet, clean. Man wirkt nicht unbedingt verloren darin: Ein dicker weißer Rahmen verkleinert die Bühne, im Hintergrund ist auch die Tiefe des Raumes verkürzt durch eine leicht zurückversetzte große weiße Wand. Helles Licht. Ansonsten eine absolut leere Bühne. Das wiederum gibt Anlass, sich etwas verloren zu fühlen. Die hintere Wand wird sich nach der Pause absenken und nur noch ein schwarzes Nichts dahinter eröffnen. Siehe das Beitragsbild. Das tiefe Schwarz, in das man nach der Pause blickt, verdüstert dann auch die Stimmung.

Man könnte meinen, das Stück ist sehr negativ: Was ist der Mensch? – er wird geboren – er lebt „einen Augenblick“ lang – er führt sich auf – hat seinen Alltag – hat Probleme – kann schlecht kommunizieren – dann ist er wieder tot – was bleibt von ihm? Diese Fragen sind es, die im Stück angesprochen werden. Es gibt natürlich keine Antworten dazu. Die Fragen sind das Stück, allenfalls die Feststellung, dass wir uns durch irgendetwas durchkämpfen müssen ohne Hilfe von außen. Und dann sind wir wieder weg.

Umrahmt von diesen schweren Fragen folgt man einem Alltagsgeschehen: Clara – geschieden – fährt zu ihrem Exmann Harald und seiner Frau Svenja, um Ihnen zu sagen, dass sie den Sohn Florentin die nächsten Wochenenden nicht nehmen könne. Sie ziehe sich zurück. Warum, wird nicht ganz klar. Vielleicht Burn-Out? Im einsamen Haus ihrer Tante lernt sie den jungen Kevin kennen. Kurze Affaire, nichts längeres, nur die eine Nacht, Probleme dann mit Florentin, den Harald und Svenja zu ihr bringen, er ist von der Schule suspendiert worden, auch das nichts Besonderes. Aber es eskaliert. Clara ist ziemlich verloren, gescheitert in vielerlei Hinsicht. Und am Ende – nach Claras Beerdigung – reden alle wieder chormäßig über den Sinn des Lebens, das sinnlose Menschsein. Von oben gebe es keine Rettung. Ein atheistischer Gedanke.

Ein paar Dinge blieben mir etwas fragwürdig, dazu muss man das Stück aber gesehen haben: Warum etwa geht Clara, wenn sie sich zurückziehen will, in eine Diskothek? Mir erschien Clara auch zu wenig gescheitert, zu wenig verloren. Generell wurden auch unnötigerweise immer wieder weitere Themen notwendigerweise nur oberflächlich gestreift, anstatt das Grundthema weiter anzugehen. Und insgesamt empfand ich die Kostümierung der SchauspielerInnen zu gediegen. Allein am Anfang: Alle schön abgestimmt in beigefarbenen Trenchcoats.

Die Inszenierungen unter der Intendanz von Andreas Beck sind insoweit sicherlich noch steigerungsfähig. Weg vom Gefälligen, wäre mein Geschmack. Andererseits wurde am Ende begeistert gejubelt. Die Geschmäcker sind unterschiedlich, aber jeder ist – nach Ewald Palmetshofers Überlegung – letztlich verloren. Und was bleibt schon?

Der link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters: HIER

Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld