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Gesehen und gehört

THEATER: Trajal Harrell – Juliet & Romeo und Lulu Obermayer – Manon Lescault

Sich Gedanken zu machen über das, was als selbstverständlich dasteht. Das erfrischt doch. Wir dürfen es! Sollten es sogar? Wir müssen nicht, aber wir können, wenn wir uns trauen! Wenn wir wollen. Wenn! Vor allem mit zunehmendem Alter nimmt man ja gerne die Dinge so hin, wie sie sind. Vieles ist gut, aber man kann es auch anders sehen.
Also: Jung bleiben! Wir schaffen uns selbst und anderen so viele Grenzen in unserem Leben! Wenn wir etwas machen, sind es ja Grenzen, Schlusslinien, Definitionen. Viel zu harmlos ist man da oft, wenn es darum geht, diese selbstverständlichen Grenzen einmal anzupacken. Von was wir uns alles leiten lassen! Das meiste übersehen wir ohnehin! Es heißt ja nicht gleich, alles Alte sei schlecht.
Zu einer drastischen und erfrischenden Sichtweise kann immer wieder das Theater anregen. Manche Theater jedenfalls. Etwa, finde ich, die Münchner Kammerspiele dank eines besonders offenen Programms! Die Kammerspiele in München, ein „Herd des Aufbrechens“. Kein Volkstheater, sondern Grenzerfahrungen, darum geht es dort immer wieder. Auch mit Gastauftritten. Etwa mit Milo Rau, siehe meine früheren Blogbeiträge! Getragen wird dort alles von einem Ensemble, das offenbar auch Freude an … , Engagement für … und eine offene Einstellung zu … einem solchen Programm hat!
Bei zahlreichen Stücken kann so das Aufbrechen und das Ausbrechen aus dem – gerade in München und Bayern so beliebten und ja auch in vielerlei Hinsicht berechtigten – „Ach, ist das schön“ ein gutes Stückchen weit gelingen. Sogar das Ausbrechen aus der üblichen Besichtigung angeblich „kritischer“ Theaterstücke, die dann den Zuschauer letztlich doch nur zu einer Art unbewusster Bestätigung dessen führen, was sie erleben und wie sie leben, ist manchmal gut und wird durch ein Programm wie dasjenige der Kammerspiele gefördert. Tja, das sind Gedanken!
Warum ich das schreibe? Zwei Abende haben es kürzlich wieder geschafft. Da sitzt man drin und ist baff. Am Freitag abend in den Kammerspielen die Performance „Manon Lescault“ von Lulu Obermayer. Und am Sonntag ebenda die Performance „Juliet und Romeo“ von Trajal Harrell. Beide Abende stehen sogar – wohl unbeabsichtigt – in sehr eigener Weise in tiefem Zusammenhang. Bei Lulu Obermayers „Manon Lescault“ (so der Titel einer Oper von Puccini) geht es ausschließlich um die Rolle der Frau. Obwohl im Theater und in der Oper eigentlich ja immer – oder meist – gerade das Verhältnis Mann/Frau eine Rolle spielt.  Bei Trajal Harrells „Juliet und Romeo“ wiederum geht es eigentlich um den Mann! Juliet & Romeo wird ausschließlich von männlichen Mitwirkenden gespielt. Es geht allerdings in beiden Fällen nicht um die Story!
Beides muss man einfach auf sich wirken lassen. Das genügt schon. Auch wenn ich etwas mehr schreibe. Eine herkömmliche Theaterkritik ist ohnehin nicht mein Ding und ist in diesen Fällen auch nicht angebracht. Und es handelt sich in beiden Fällen auch nicht um Sprechtheater, sondern um Performances.
(Ich schreibe hier übrigens über beides, obwohl die Performance von Lulu Obermayer – jedenfalls in München – gar nicht mehr zu sehen ist. Mache ich nicht gerne, aber beides passt durch die Themen Frau und Mann so gut zusammen.)
Zu Manon Lescault von Lulu Obermayer: Was man sieht: Lulu Obermayer, Performerin aus München, geht – mit zwei halbgefüllten Wasserkanistern in der Hand – mehr als eine Stunde lang auf der dunklen Bühne ganz bedächtig immer im Kreis und singt eine Arie aus der Oper. Im Hintergrund – auf der großen Leinwand – geht sie ebenfalls langsam – man sieht sie von hinten – durch eine Wüstenlandschaft. Genauso gekleidet. Mehr geschieht nicht! Virginia Wolfe – so im Begleittext – sagt, Frauenfiguren werden auf der Bühne immer im Verhältnis zu Männerfiguren dargestellt. Lulu Obermayer holt sie aus dieser Position heraus und gibt ihnen ein Alleinsein. Ein Weiterleben, Überleben (obwohl Manon Lescault in Puccinis Oper in der Wüste stirbt). Ohne Wasser. Hier aber, bei Lulu Obermayer, geht die Frau alleine weiter und weiter. Etwas wenig, man muss sich viel dazu denken. Lulu Obermayer will den Frauen ja eine „neue Auseinandersetzung“ gewähren. Gezeigt wird eine solche Auseinandersetzung  nicht deutlich. Das Bewusstsein des Alleinseins, des alleine Gehens, des Überlebens, das ist vielleicht die Auseinandersetzung.
Zu Juliet und Romeo von Trajal Harrell: Dieses Stück ist in dieser Spielzeit weiterhin an den Kammerspielen zu sehen. Eine Annäherung an Romeo und Julia aus völlig anderen Perspektiven. Es geht um die bei Shakespeare mit Julia und Romeo gestorbene Liebe und die Trauer darum. Trajan Harrell sitzt als die trauernde Amme am Bühnenrand bzw. tanzt dazu, drückt teils völlige Verzweiflung aus. Und er beobachtet: Was zuende ist, lebt immer weiter. Aber in Trauer. Zwei stilisierte offene Gräber im Bühnenboden. Eine Art Fashionshow, gespielt von den männlichen Schauspielern/Tänzern, verwoben mit einzelnen Momenten aus Shakespeares Drama. Mit dem Drama und der Trauer. Es bleibt die Präsentation (der Männer), ihre Überzeugung von sich, ihr Behauptungswille, ihre Widerstände, ihre Kämpfe, ihre Konkurrenz. Aber es bleibt alles neben der Trauer und der Tragödie. Man könnte sagen: Auch vor der Liebe bleiben wir immer hilflos. Ästhetisch sehr besonders, auf karger dunkler Bühne mit umso hervorstechenderen Elementen wie der Kostümierung, der Musik, den Gesten, der Eleganz der Bewegungen. Aber man muss gar nicht soviel dazu sagen („Just feel it“, sagte mir Trajal Harrell danach). Sich treiben lassen, wenn man offen ist dafür, mehr geht kaum!
Copyright des Blogbildes: Orpheas Emirzas
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Gelesen und geblättert

THEATER: Berliner Volksbühne – Publikumsbeleidigung

Für den Theaterfreund: Premiere an der Berliner Volksbühne! Das erste Stück unter dem neuen, dem höchst umstrittenen Intendanten CHRIS DERCON. Fast das Ereignis des Theaterjahres. Nach dem Abgang des Intendanten Frank Castorf. Castorf war Intendant der Volksbühne seit 1992! Die Kritiken sind durchgehend verheerend! „Selten bis nie“ … liest man solch niederschmetternde, krasse Premierenkritiken. Etwa in der FAZ: Eine „Beleidigung“ für Publikum wie für Darsteller sei der Eröffnungsabend gewesen; es zeuge von höhnischem Hochmut, dazu überhaupt einzuladen. !!

HIER ein Presserundschau von Deutschlandradio Kultur. HIER die Kritik der Sueddeutschen Zeitung. HIER die Kritik der FAZ.

Es bleibt spannend an der Volksbühne! Immerhin arbeiten mit Chris Dercon so interessante Personen wie SUSANNE KENNEDY oder ALEXANDER KLUGE! Susanne Kennedy hat ja beispielsweise an den Münchner Kammerspielen zuletzt Die Selbstmord-Schwestern nach Motiven des Romans von Jeffrey Eugenides inszeniert . HIER mein damaliger Bericht im Blog. Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit der Volksbühne Berlin, wo sie ab Frühjahr 2018 im Repertoire zu sehen sein wird.

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Gesehen und gehört

THEATER + TV: Friedrich Schiller – Die Räuber

Heute eine kleine Empfehlung:

Auf 3sat kann man am SAMSTAG, DEN 11.11.2017  um 20.55 Uhr eines der Stücke ansehen, die 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen waren. Es lohnt sich für den Theaterfreund! Gezeigt werden dort ja jährlich die zehn beeindruckendsten Stücke deutschsprachiger Bühnen. Die Räuber von Friedrich Schiller, Inszenierung vom Münchner Residenztheater wird gezeigt. Es ist eine beeindruckende Inszenierung! Ich fand damals, es kam einer Operninszenierung nahe. Vom Bühnenbild her, von der Art der Darbietung, von der Musik! In Berlin konnte es nicht gezeigt werden wegen der Komplexität des Bühnenapparates. 3sat schreibt zurecht: Ein Klang-Raum-Sprachspektakel entsteht, dessen Sog man sich nur schwer entziehen kann. Überwältigungs-Theater. Ich hoffe nur, dass das im Fernsehen auch rüberkommt. Am besten mit Kopfhörer ansehen!

HIER der link zur 3sat-Seite über das Stück.

Davor, um 20.15 Uhr, kann man sich übrigens auch auf 3sat schon eine kleine Dokumentation über das Stück und verschiedene Inszenierungen dazu in der Reihe WAHNSINNSWERKE ansehen. Samy Deluxe hat einen Rap dazu komponiert.

HIER noch der link zur Seite des Münchner Residenztheaters zum Stück.

Copyright des Blogbildes: Andreas Pohlmann

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Allgemein Gesehen und gehört

THEATER: Branden Jacobs-Jenkins – Gloria

Es könnte doch ein Theaterabend werden, der irgendwie lohnt, dachte ich. Es geht um die moderne Arbeitswelt, hier in einer Kulturredaktion einer New Yorker Zeitschrift. Gloria heißt das Stück, von Branden Jacobs-Jenkins. Branden Jacobs-Jenkins wird in einem Interview – zu lesen bei http://www.residenztheater.de (HIER) – beschrieben als „one of the most exciting young dramatists working today,” und man zähle ihn zu den in den USA „most original and illuminating writers.” Branden Jacobs-Jenkins hat eine Zeitlang im Magazin The New Yorker gearbeitet. Ich kenne die Verlagsbranche in- und auswendig, habe fast 15 Jahre lang ausschließlich als Rechtsanwalt für das Verlagshaus BURDA gearbeitet. Ich kenne jede Abteilung.  Und: Im Stück spielen zwei neue Schauspieler des Ensembles des Residenztheaters mit: Cynthia Micas und Lilith Hässle. Also es gab  Gründe, hinzugehen.

Zum Inhalt:

Kendra, Dean, Ani und Miles arbeiten im Midtown-Office eines New Yorker Magazins. Jeder denkt nur an sich. Vieles am Job ist eigentlich (wie es oft im Stück heißt) „scheiße“. Es ist eben ein Sprungbrett für die Karriere. Auch wenn Miles nur Praktikant, Ani eigentlich Neurowissenschaftlerin und (wie die Bloggerin Kendra) auf der Suche nach neuen beruflichen Möglichkeiten eher zufällig in der Kulturredaktion des Magazins gelandet sind. Dean, der „Dienstälteste“ der Redaktion, fühlt sich als Romanautor. In Zeiten des Internets muss man immer auf dem Sprung sein und darf sich nicht zu lange an einer Position festbeißen, sonst bleibt man auf der Strecke. Deshalb beschäftigt sich jeder von ihnen mit sich und seinem eigenen Fortkommen. Eine ganz moderne Situation. Für das Magazin schreiben tut eigentlich keiner, sie haben alle kleinere Aufgaben. So kommt es, dass man die Einladung von Glorias aufwendig geplanter Einweihungsparty zur frisch bezogenen Eigentumswohnung verpasst oder überhaupt nicht ernst genommen hat. Gloria ist seit vielen Jahren in der Schlussredaktion des Magazins steckengeblieben. Sie hat keine Chance auf Veränderung und keine Freunde in und außerhalb des Jobs. Keiner von ihnen hat sich für Gloria interessiert.

Acht Monate später treffen sich Kendra und Dean im Café. Ebenso wie ihre ehemalige Chefin Nan wissen sie um die Exklusivität ihres persönlichen Schicksals als Überlebende von Glorias Amoklaufs am Tag nach ihrer Party in der Redaktion – sie erschießt manche ihrer Kollegen und sich selbst – und unternehmen alles, um ihr Überleben spektakulär zu vermarkten. Wieder: Die persönliche Karriere, der persönliche Erfolg! Ein Buch- oder Fernsehserienhit oder ein verzweifelter Amoklauf können gleichermaßen zu trauriger Berühmtheit führen, die sie ja alle weiterhin anstreben.

Also: Ein Amoklauf als letzter Aufschrei mangels jeder Art persönlichen Erfolges und sozialer Anerkennung und dann sogar der Versuch der Überlebenden, daraus Kapital zu schlagen für die eigene Karriere. Das wird gezeigt. Das Ganze vor dem Hintergrund einer recht desolat dargestellten Medienwelt (fake news!). Naja, fragwürdig. Zum Einen: Ich habe nicht erlebt, dass die Redaktionswelt sooo desolat ist. Zum Anderen: Das Stück wurde in den USA sogar für den Pulitzerpreis vorgeschlagen! Was beschwert man sich da eigentlich gegen Amokläufer, wenn die Veständlichkeit des Amoklaufes hier sogar locker und harmlos mit sozialen Defiziten unserer (Arbeits-)Welt erklärt wird und die Schleife dann sogar im Theater mit denselben fragwürdigen Marktmethoden (Stichworte Aufmerksamkeit, Ichbezogenheit, Karriere, Geld) weitergedreht wird. Es wird auf fast lustige Art gezeigt, wie es funktioniert. Aber soll es zum Nachdenken anregen? Bei mir hat das nicht gewirkt. Da muss man schon sehr kritisch rangehen, um eine Art Selbstkritik an unserer Arbeitswelt oder anderes herauszufiltern. Das Stück gibt dazu kaum etwas her. Da kommt eher braver Applaus.

Auch die Inszenierung: Sie war unspektakulär, harmlos, auch das Bühnenbild. Keine/r der SchauspielerInnen war, fand ich, besonders hervorstechend. Ihre Rollen hatten aber auch keinerlei besondere Prägnanz, keine Entwicklungslinien, keine Brüche. Es hätte um Soziales gehen können, um Amokläufe, um heutige Ichbezogenheiten, um die Medienwelt, die Arbeitswelt. Aber es wurde alles nur gestreift. Also ich weiß nicht. Im Programmheft zum Stück kommen einige interessante Aspekte zur Sprache. Auf der Bühne aber verflachte es. Da passt es, dass Donald Trump jetzt – nach dem Attentat in einer texanischen Kirche – von „Problemen mit geistiger Gesundheit“ faselt. Anstatt einmal auf die gesellschaftlichen Gründe zu schauen. Alles hätte im Stück viel viel desolater gezeigt werden müssen!

Da finde ich das politische Theater von MILO RAU interessanter, auch wenn der das Publikum geradezu quält. An äußerste Grenzen geht. Aber unsere Grenzen sind selbstgemacht und daher immer diskussionswürdig! Der hochaktive und engagierte Milo Rau ist übrigens als Nächstes am 19. November mit seinem Dokumentarfilm „Das Kongo Tribunal“ und einem anschließenden Symposium (HIER der link) zu Gast am Residenztheater. Zwei Jahre nach den tatsächlichen Anhörungen und nur wenige Tage nach seinem Kinostart am 16. November. Ist zwar ausverkauft, aber vielleicht gibt es Restkarten.

Copyright des Blogbildes: Adrienne Meister

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THEATER: Milo Rau – Die 120 Tage von Sodom

Ich schreibe an sich nicht über Ereignisse, die man sich gar nicht mehr ansehen kann. Das nützt ja niemandem.

Aber man kann Milo Rau’s Inszenierung von „Die 120 Tage von Sodom“ nach Motiven aus dem gleichnamigen Film von Pier Paolo Pasolini und dem Buch von Donatien Alphonse François de Sade noch sehen. Auch wenn es an den Münchner Kammerspielen nur zweimal – jeweils ausverkauft – zu sehen war, es ist noch im Repertoire des Schauspielhaus Zürich zu sehen. UND: Ich gehe davon aus, dass es auch an anderen deutschsprachigen Bühnen noch Gastspielauftritte geben wird. Es ist ja ein sehr bemerkenswertes Stück. Siehe meinen kürzlich geposteten Blogbeitrag zu den aktuellen Aktivitäten von Milo Rau HIER.

Einen Trailer zum Stück „Die 120 Tage von Sodom“ findet man HIER und die Seite zum Stück im Internetauftritt des Schauspielhauses Zürich findet sich HIER.

Zum Inhalt des Stückes: In der Alpenrepublik „Saló“ – dem letzten Refugium einer faschistischen Regierung – werden junge Männer und Frauen entführt und von vier Vertretern eines untergehenden Regimes in einem Schloss gefangen gehalten. In einer Reihe von sadistischen Ritualen werden die Jugendlichen missbraucht und erniedrigt und schliesslich in einer Gewaltorgie zu Tode gequält.

Mein Eindruck:  „REIBUNGSFLÄCHE“ steht ja auf dem Streichholzmäppchen, das das Schauspielhaus Zürich den Zuschauern im Foyer als kleines Geschenk anbot. Das kann man wohl sagen! Milo Rau setzt mit „Die 120 Tage von Sodom“ seine Arbeit an unglaublich extremen, herausfordernden Themen fort! Eine „Untersuchung nach den Grenzen des auf der Bühne Ertrag- und Darstellbaren“ heißt es im Internetauftritt des Schauspielhauses Zürich. Begonnen hatte es mit Five Easy Pieces, dem Stück über den belgischen Kindermörder Marc Dutroux, das von Kindern (!) gespielt wurde (HIER mein damaliger Blogbeitrag dazu). Und jetzt: „Die 120 Tage von Sodom“, gespielt von geistig behinderten Kindern!

Es sollte damals eine „Gesellschaftsdiagnose“ sein und das kann es auch heute noch sein. Wobei sich natürlich alles grundlegend geändert hat! Dennoch! An welche Grenzen gehen wir heute? Wie empfinden wir diese Grenzen heute? Wie empfinden wir den extremen Grat zwischen Leben einerseits und Brutalität und Tod andererseits? Alle Grenzen werden ja gesprengt! Sadistische Szenen, sexuelle Szenen, nackte Behinderte auf der Bühne etc., mit persönlicher Vorstellung einiger der Personen auf der Bühne, mit einem Abspann wie im Kino. Gerahmt von biblischen Szenen, unterlegt zum Teil mit klassischer Musik.

Milo Rau hat bei allem eine besondere Handschrift, die auch das Stück Five Easy Pieces prägte. Er ummäntelt das schwer Zumutbare mit einer ganz besonderen Sensibilität, die alles erträglich macht, ohne es auch nur irgendwie zu verharmlosen. Das Verharmlosen ist übrigens gerade durch das Spiel der Truppe der behinderten Schauspieler aus der Schweiz ausgeschlossen. Die Sensibilität betrifft die gesamte Inszenierung, von der Musik bis zu jeder Geste fast. Eine gewisse durchaus passende Ästhetik schwingt leise mit. Man hat nicht ein einziges mal  das Gefühl, hier werde ein Thema ausgeschlachtet, es werde etwas produziert. Man wird eher auf extreme Art und Weise angeregt, man kann sich, ohne überlastet zu sein, überlegen: Wie stehe ich zu alledem? Es ist zweifellos eine Kunst, derartiges so – also ohne jede übertriebene Theatralik – auf die Bühne zu bringen. Man erkennt, dass das Leben immer auch Brutalität und Tod bedeutet. Ästhetik und Rausch. Auch und gerade in der heutigen Zeit. „Genusssucht und Untergangsangst, Normalisierungswahn und kleinbürgerlicher Skandallust“ sind nur zwei Begriffspaare, die die Kammerspiele im Internetauftritt zum Stück (HIER) bringen. Ich könnte mehr dazu schreiben, ergänze es wohl in Kürze.

Wer die Gelegenheit hat, sollte sich ein Stück von Milo Rau ansehen. Es ist kein Genuss, sondern eine Herausforderung!

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THEATER: Fassbinder – In einem Jahr mit 13 Monden

Ich schreibe viel über Theaterbesuche. ABER: Ich bin kein professioneller Theaterkritiker!

Es geht hier nicht um Kritik, es geht um Eindrücke. Ich will ja Anregungen geben, es soll Spaß machen, den Blog zu lesen. Ich will Gelegenheiten aufzeigen. Sonst wäre es Zeitverlust für den Blogbesucher. Und für mich. So berichte ich in der Regel z. B. nicht über Theaterstücke, die nicht mehr gezeigt werden. Ein Gedanke dazu, der hoffentlich nicht zu schwerfällig klingt: Nun, kulturelle Einflüsse sind doch mindestens so wichtig für uns persönlich und für unsere Gesellschaft wie wirtschaftliche Erwägungen, politische, organisatorische, wissenschaftliche, technische etc. Mir tun sie jedenfalls gut! Sie gehen nur viel eher unter, obwohl sie viel anregender sind oder jedenfalls sein können. In der Organisation des Alltags spielen all die anderen Aspekte meist eine viel größere Rolle. Es ist aber wichtig, anregend, aufwühlend, beruhigend, öffnend etc., finde ich, wenn persönliche Entwicklungen und Entwicklungen des gesellschaftlichen Lebens auch kulturell/künstlerisch begleitet werden. Genau das macht das Theater oft. Dadurch wird Phantasie freigesetzt, entstehen neue Blicke, werden Grenzen aufgezeigt oder gesprengt und und und. Gut für den Alltag.

Vor wenigen Tagen war ich etwa wieder einmal im Münchner Residenztheater. An deren kleinerer Bühne Marstall, der ehemaligen „Experimentierbühne“ des Residenztheaters.  Es ging sehr um das Persönliche, was am Stück lag. Es lief ein Stück nach einem Film von Rainer Maria Fassbinder. Fassbinder! Was für ein Kampfer mit sich und dem Leben! „In einem Jahr mit 13 Monden“ hieß der Film und das gleichnamige Theaterstück. Fassbinder wird im Vorspann des Films als einziger für Idee, Buch, Produktion, Ausstattung, Schnitt, Kamera und Regie genannt. Typisch, obwohl z.B. Juliane Lorenz den Film geschnitten hatte.

Worum es geht (hier frei nach der Ankündigung des Stückes im Spielplan des Residenztheaters – HIER)? Die desasteröse Suche des Erwin (später Elvira) nach Liebe. Erwin sehnt sich nach nichts mehr als nach Liebe. Früher hatte Erwin so etwas wie ein normales Leben geführt, mit Frau und Kind und einer Arbeit als Metzger. Doch dann hat Erwin Anton Saitz kennengelernt, sich verliebt, ungeheuer und bedingungslos, hat sich deswegen sogar in Casablanca zu einer Frau umoperieren lassen. Er tat das in blinder Hoffnung, irrational und rücksichtslos gegen sich selbst, getrieben von einer kaum auszuhaltenden schmerzhaften Sehnsucht. Fassbinder! Die Rechnung geht aber nicht auf. Erwin hat in eine unmögliche Liebe investiert, er hat seine geschlechtliche Identität einer Illusion geopfert, das Verhältnis zu Anton Saitz endet schnell. Nunmehr – hier beginnt eigentlich das Stück – ist er/sie hineingeworfen in einen chancenlosen, verzweifelten Kampf, sich mit dem neuen Körper zurechtzufinden. Jeder Versuch, hineinzupassen, akzeptiert zu werden, scheitert an einer seltsam distanzierten Umgebung, die zur Empathie, geschweige denn zur Liebe, unfähig ist. Er verzweifelt an sich, an den anderen, an der Gesellschaft. Er versucht es auch damit, dass er selber viel Liebe gibt (den erfolglosen Christoph unterstützt), um selber Liebe zu bekommen. Aber auch das nützt nicht. Solange, bis Erwin/Elvira schließlich kapituliert und – sich selbst entfremdet, anhaltend einsam – zugrunde geht.

In einem Jahr mit 13 Monden wird als einer der persönlichsten Filme Fassbinders bezeichnet, entstand aus seiner privaten Situation heraus. Im Mai 1978 hatte sich Armin Meier das Leben genommen, nachdem sich Fassbinder von ihm getrennt hatte. Fassbinder plagten Schuldgefühle und Selbstzweifel; er verarbeitete die persönliche Krise mit dem Film. Erst im Anschluss an diesen Film wurden übrigens die im allgemeinen bekanntesten seiner Filme gedreht, etwa 1980 Berlin Alexanderplatz (nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Döblin) und Lili Marlen (nach der Autobiographie „Der Himmel hat viele Farben“ von Lale Andersen),  1981 Lola (aus der BRD Trilogie, Teil 3), 1982 Die Sehnsucht der Veronika Voss (aus der BRD Trilogie, Teil 2) und Querelle (nach dem Roman „Querelle de Brest/Querelle“ von Jean Genet). In Jahren mit besonderen Mondkonstellationen sollen Depressionen besonders heftig auftreten. 1978 war so ein Jahr.

Es gibt auch einen gesellschaftlichen Aspekt: Der Film wird angesehen als Abrechnung mit Frankfurt, das aus Fassbinders Sicht in den 70er-Jahren – also jetzt bald genau 50 Jahre nach den 68ern – immer mehr zum Prototyp einer sozial kalten und vom Geld beherrschten Großstadt wurde. Das kommt in der Inszenierung aber nicht zur Geltung.

Ein kleiner weiterer Aspekt des Filmes – auch das spielt aber in der Inszenierung im Marstall keine Rolle: Fassbinder zielte wohl auch gegen Ignaz Bubis, den späteren Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, der – wie Anton Saitz im Film – sein Vermögen auch in Frankfurt durch Immobiliengeschäfte gemacht hatte.

Mein Eindruck: Man folgt – natürlich recht distanziert – der desaströsen Lage von Erwin/Elvira. Das Thema des Filmes ist kein Thema, das irgendeinen aktuellen Bezug hätte. Muss ja auch nicht! Ich nehme gerne etwas mit aus solch einem Theaterabend, irgendein Stimmungsbild, irgendeinen Gedanken, Überlegungen, mal viel, mal wenig. Hier aber kann man dem trostlosen Kampf des Protagonisten Erwin/Elvira um die Liebe nur fassungslos zusehen. Das Desaster beobachten. Sein Zerschellen an der Gesellschaft. Gut, die Liebe ist für uns immer ein Thema! Und die Gesellschaft auch! So hat es sich also natürlich gelohnt. Man kann sich etwa über die Exzentrik Gedanken machen, an der Erwin/Elvira und auch Fassbinder persönlich zerschellen. Über seine Lage vor der Gesellschaft.

Thomas Loibl war als Erwin/Elvira die zentrale Figur des Stückes. Um ihn und seine verzweifelte Lage und die Konsequenzen seiner verlorenen Suche nach der wahren Liebe dreht es sich. Mit tragischem Ende. Es ist eine sehr reduzierte Inszenierung, konzentriert auf Elvira. Auf der Bühne sieht man nichts außer zwei Matratzen, zwei Plastiktüten, die Schauspieler, das war es fast schon. Besonders Thomas Loibl überzeugt, alle anderen sind ohnehin eher unwichtig! Erwins einseitige eingebildete Liebe zu Anton Saitz, seine heillose Sehnsucht nach Liebe – auch geliebt zu werden, sein Schmerz, seine Ausgrenzung aus der Gesellschaft, seine Kritik an der Gesellschaft, seine Verlorenheit auf der zerstörenden Suche nach Liebe, sein Unvermögen, mit sich selbst etwas anzufangen, seine Verzweiflung, sein Unvermögen, den Halt zu erkennen, den ihm seine Familie (seine Frau Irene  seine Tochter Anna-Marie) doch irgendwie immer weiter geben will. Und und und. Darum geht es. Wenn man schon vor dem Stück von all diesen Aspekten in Erwin/Elvira weiß, kann man ihm/ihr an diesem Abend wunderbar – durch Thomas Liobl – folgen.

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Gelesen und geblättert Gesehen und gehört

THEATER: Milo Rau

Milo Rau (*1977 in Bern, gerade mal 40 Jahre alt!) ist momentan DIE Figur der deutschsprachigen Theaterszene. Es geht bei ihm mit irrer Schaffenskraft um POLITISCHES THEATER. Auch an den Münchner Kammerspielen steht eine Premiere an: Das Stück Die 120 Tage von Sodom gibt es an den MÜNCHNER KAMMERSPIELEN im Rahmen des Spielart Festivals nur kurz, und zwar am 29. und 30.10.2017, zu sehen.
Ich lese: Er studierte Soziologie, Romanistik und Germanistik in Paris, Berlin und Zürich. Seit 2002 veröffentlichte er über 50 Theaterstücke, Filme, Bücher und Aktionen, die an allen großen internationalen Festivals zu sehen waren, u. a. am Theatertreffen Berlin, Festival d’Avignon, Biennale Teatro die Venezia, Wiener Festwochen und Kunstenfestival Brüssel und durch über 30 Länder weltweit tourten. Zuletzt wurde er mit der Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik 2017 und dem ITI-Preis zum Welttheatertag 2016 geehrt. Nach Theaterkünstlern wie Frank Castorf, Pina Bausch, George Tabori, Heiner Goebbels oder Christoph Marthaler ist er der bisher jüngste Träger des renommierten Theaterpreises.

»Five Easy Pieces« wurde 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ich habe das beeindruckende Stück gesehen und HIER darüber berichtet. Ab der Saison 2018/19 übernimmt Er die Direktion des Nationaltheaters in Gent.

Allein zurzeit bzw. in Kürze laufen – soweit mir bekannt – an den deutschsprachigen Bühnen folgende Stücke/Aktionen von ihm:
Five Easy Pieces in den Sophiensaelen, Berlin
Die 120 Tage von Sodom eben in Kürze an den Münchner Kammerspielen/lief bereits im Schauspielhaus Zürich
Lenin (HIER) ganz aktuell an der Berliner Schaubühne
General Assembly in Kürze an der Berliner Schaubühne mit Übertragung an das Thalia Theater in Hamburg
Start des Films Das Kongo Tribunal am 16.11.2017
Diskussion zum Film Das Kongo Tribunal im Münchner Residenztheater am 19.11.2017

 

Angekündigt ist außerdem am Residenztheater München für den 1. Februar 2018 die Uraufführung von Jeanne d’Arc.

Alles kreist bei Milo Rau um das von ihm im Jahre 2007 gegründete IIPM, das International Institute of Political Murder, mit Sitz in der Schweiz und in Deutschland. Es ist seine „Produktionsgesellschaft für Theater, Film und Soziale Plastik“ und kümmert sich um die Produktionen und internationalen Verwertungen seiner Theaterinszenierungen, Aktionen und Filme. Man liest auf der Website des IIPM:

Die bisherigen Produktionen des IIPM stießen international auf große Resonanz und stehen für eine neue, dokumentarisch und ästhetisch verdichtete Form politischer Kunst – „Real-Theater“, wie Alexander Kluge Milo Raus Ästhetik einmal nannte. Seit 2007 hat das IIPM mehr als 50 Theaterinszenierungen, Filme, Bücher, Ausstellungen und Aktionen realisiert. 

Die Stücke des IIPM tourten durch bisher über 30 Länder und wurden an alle bedeutenden internationalen Festivals eingeladen.  Bisherige Projekt- und Essaybände des IIPM wurden mehrfach aufgelegt („Die letzten Tage der Ceausescus“, 2010), von der Bundeszentrale für Politische Bildung als Schulbücher nachgedruckt („Hate Radio“, 2014) und von der taz zum „Buch des Jahres“ gewählt („Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft“, 2013). Für 2017 entstehen der ästhetiktheoretische Band „Wiederholung und Ekstase“ (Diaphanes Verlag, Abschlussband zu einem Forschungsprojekt, das das IIPM an der Zürcher Hochschule der Künste zum Realismus in den Künsten durchführte), die beiden Projektbände „Das Kongo Tribunal“ und „1917“ (beide Verbrecher Verlag) sowie das Manifest „Die Rückeroberung der Zukunft“ (Rowohlt Verlag).“

Beispielsweise zum GENERAL ASSEMBLY, das vom 3. bis 5. November in Berlin stattfinden wird, heißt es:

Im Juli diesen Jahres hat sich der G20-Gipfel in Hamburg mit wichtigen internationalen Fragen auseinandergesetzt. Diesen Fragen stellt sich, heißt es, das Weltparlament von Milo Rau. Dabei sprechen diejenigen, die in der globalen Realität von Politik und Ökonomie nicht repräsentiert werden, die keine Stimme haben: Arbeitsmigranten, deren Kinder und Nachgeborene, Kriegsopfer, Textil- und Minenarbeiter, Kleinbauern, Wirtschafts- und Klimaflüchtlinge, Opfer des sich anbahnenden Ökozids. Vom 3. bis 5. November versammeln sich 60 Abgeordnete aus der ganzen Welt in der Schaubühne Berlin, begleitet von einer Gruppe internationaler politischer Beobachter: Achille Mbembe, Can Dündar, Chantal Mouffe, Ulrike Guérot, Jean Ziegler, Armen Avanessian, Wolfgang Kaleck, Harald Welzer,(u.a) zu Plenarsitzungen mit folgendem Programm:

3. November 2017: Konstituierende Sitzung

4. November 2017: 1. Plenarsitzung: Diplomatische Beziehungen, Sanktionen und Kriege; 2. Plenarsitzung: Die Regulierungen der globalen Wirtschaft; 3. Plenarsitzung: Migration und Grenzregime

5. November 2017: 4. Plenarsitzung: Cultural Global Commons; 5. Plenarsitzung: Natural Global Commons; Schlusssitzung

 

Also: Wer in Berlin oder Hamburg ist …

(Copyright des Blogbildes: re alliance/ZB)

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THEATER: Rinks und lechts

Hier einige links zu den Internetauftritten bekannter deutschsprachiger Theater: Es lohnt sich, einmal reinzusehen. Ich hatte mir die Mühe gemacht, sie einmal anzusehen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie man die Internetauftritte der beiden großen Münchner Bühnen – der Münchner Kammerspiele (Stadttheater) und des Residenztheaters (Staatstheater) – im Vergleich beurteilen kann. Abgesehen davon: Man bekommt einen ganz guten Eindruck von der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Es sind schöne Internetauftritte dabei! Mein Ergebnis: München ist und bleibt eben leider – finde ich – wieder einmal konservativer als andere! Obwohl die Stadt München seit 1948 – eine Ausnahme: Erich Kiesl (CSU) von 1978 bis 1984 – von der SPD regiert wird!

Ich werde die Liste gelegentlich ergänzen und im Blog sichtbar positionieren.

Basel: THEATER BASEL

Berlin: BERLINER ENSEMBLE

Berlin: HEBBEL AM UFER

Berlin: MAXIM GORKI THEATER

Berlin: SOPHIENSAELE

Berlin: VOLKSBÜHNE AM ROSA – LUXEMBURG – PLATZ

Bern: THEATER BERN

Bremen: THEATER BREMEN

Frankfurt: SCHAUSPIEL FRANKFURT

Hamburg: THALIA THEATER

Köln: SCHAUSPIEL KÖLN

Leipzig: SCHAUSPIEL LEIPZIG

Mainz: STAATSTHEATER MAINZ

München: RESIDENZTHEATER

München: MÜNCHNER KAMMERSPIELE

Stuttgart: STAATSTHEATER STUTTGART

Wien: BURGTHEATER

Zürich: SCHAUSPIELHAUS ZÜRICH

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THEATER: Mittelreich – Inszenierung mit schwarzen Schauspielern

Ein Stück tief bayerischer und deutscher Geschichte. Blick auf drei Generationen der bayerischen Wirtsfamilie des „Seewirt in Seedorf“ (eigentlich das Gasthaus Zum Fischmeister in Ambach am Starnberger See). Das ist Inhalt des sehr persönlichen Romans Mittelreich von Josef Bierbichler und der Musiktheater-Inszenierung dazu von Anna Sophie Mahler an den Münchner Kammerspielen. Die Weltkriege, die Nachkriegsjahre, Flüchtlinge, persönliche Schicksale.
Und jetzt dieselbe Inszenierung, gespielt von schwarzen Schauspielern (und Musikern). Dunkelhäutige Schauspieler und Musiker zu dieser bayerischen Erzählung! Zu sehen ist diese Kopie noch einmal am Samstag, den 21.10.2017. Das Original von Mittelreich in der Inszenierung von Anna Sophie Mahler ist dann am 03.11.2017 wieder zu sehen.
Interessant, wie kontrovers und engagiert sofort über die „Kopie“ – Inszenierung von Mittelreich von Anta Helena Recke geschrieben und gesprochen wird. Etwa zu lesen bei www.nachtkritik.de. Es war eine hoch detailgetreue Kopie der Inszenierung des Bierbichler-Romans, die 2016 sogar zum Berliner Theaterftreffen eingeladen war. Nur eine einzige Änderung: Anta Helena Recke, selber dunkelhäutig, besetzte die Rollen durchgehend mit dunkelhäutigen Schauspielern. Appropriation Art. Schon das Erstellen der Kopie wird demnach als ein neues Kunstwerk gesehen. Im Theaterbetrieb ein fast unbekannter Ansatz. Es geht der Appropriation Art allerdings nicht nur um das Erstellen der Kopie, sondern um einen Effekt, der dadurch zusätzlich eintritt. Hier durch die Art der Besetzung der Rollen für diese Kopie. Ziel einer Appropriation ist es, durch das Erstellen der Kopie einen anderen, sonst nicht auffallenden Aspekt sichtbar oder erfahrbar zu machen.
Mein Erlebnis: Es hat sich gelohnt! Irgendwie war es befreiend, erleichternd, zu sehen, dass es in dieser Inszenierung mehr um das Erlebte geht, nicht um das Deutsche daran. Das Deutsche daran verschwindet, verlässt jedenfalls das Zentrum der Erzählung! Man wurde sich im übrigen der Tatsache bewusst, dass man als Zuschauer solch ein Stück – oder jedes Stück? – gleich in einem (unsichtbaren) Kontext sieht. Und genau der wurde hier aufgehoben! Genau das war – für mich – der Aspekt, der sichtbar wurde. Der reine Vorgang der Appropriation – der Aneignung – wiederum ist dabei m. E. gut gelungen, man sah die so guten Schauspieler der Originalinszenierung vor sich: Annette Paulmann, Steven Scharf, Jochen Noch, Stefan Merki, Damian Rebgetz, Thomas Hauser. Besonders gelungen waren dabei die Kopien von Steven Scharf, Jochen Noch und Damian Rebgetz! Hinzu kam dieser besondere Effekt, das Stück anders zu sehen. Den sofort vorhandenen Kontext abzugeben, den man hereininterpretriert. Die eigene, mitschwingende Prägung der eigenen Sichtweise aufzugeben. Es fehlte einem ja die Möglichkeit, sich durchgehend am Deutschen und Bayerischen zu orientieren. Man konnte sich aber selber überprüfen: Was fehlte einem, was kam zum Vorschein? Natürlich schwang auch mit, dass man  dunkelhäutige Menschen – die Schauspieler – hier etwas anders als üblich erlebte. Ob man sie zu selten so erlebt, wird diskutiert, siehe oben. Aber das war, denke ich, nicht der Hauptzweck.
Man kann natürlich viel zerlegen in der Diskussion zu dieser Inszenierung. Ist es schon Rassismus, wenn man über Rassismus redet? Ist es Rassismus, wenn man andeutet, dass es Rassismus gibt? Ist es schon eine Vertiefung der Unterscheidung von Schwarz und Weiß, wenn man diesen Unterschied auch nur irgendwie hervorhebt? Geht es überhaupt um schwarz und weiß? Ich glaube nicht! Es hätten ja auch Japaner sein können! Sie würde sich tatsächlich wünschen, so Anta Helena Recke in einem Interview, „dass die Intendanten dieses Landes mich jetzt mindestens zwei, drei Jahre lang an ihre Theater einladen und Stücke kopieren lassen. Nicht unbedingt immer nur mit Schwarzen, sondern auch mit extrem dicken Frauen oder asiatischen Deutschen, es gibt viele Möglichkeiten der Sichtbarmachung.“ Abschließen würde sie den Arbeitszyklus am liebsten mit einem Tatort„Der Tatort ist für Deutschland, was ‚Mittelreich‘ für Theater-München ist. Wenn Sonntag um 20.15 Uhr eine Schwarzkopie von mir von einem Tatort läuft, dann kann ich damit aufhören.“
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THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Peter Richter, 89/90

  1. Wer es sehen will, kann es sich am: Schauspielhaus Leipzig anschauen. Oder noch ein paar Taghe lang HIER in der 3Sat-Mediathek. Ausgehend vom Roman 89/90 von Peter Richter. Regie Claudia Bauer. Eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2017. Sehr begehrt. Die Wendejahre 1989/1990 aus Sicht einer Gruppe jugendlicher DDR – Bürger:
  2. Tenor: „Wir haben durch die Wende komplett den Boden unter den Füßen verloren. Nicht Ost, nicht West.“ Und vieles kam hoch, was in der DDR nie aufgearbeitet worden ist.
  3. Im Programmheft heißt es: „Bereits 1945 war es schon einmal so abgelaufen: Einige Nazis und Kriegsverbrecher wurden benannt, verurteilt oder vertrieben – das Böse schien damit verbannt, und nun sollte Mit der „Stunde Null“ alles Gute bei uns blühen und gedeihen. Die DDR hatte diese absurde Idee tatsächlich zur Grundlage ihrer „antifaschistischen“ Gesinnung und Moral gemacht. Unter völliger Verkennung der sozialpsychologischen und charakterlichen Zusammenhänge wurde stets gelehrt, daß in Ostdeutschland der Nationalsozialismus per Gesetz auf Stumpf und Stiel vernichtet sei. Die sogenannte „Entnazifizierung“ wie auch die Proklamation des Endes der Stalinismusära sollten vor allem vertuschen, daß die große Mehrzahl der Deutschen damals und heute begeisterte Täter oder wenigstens bereitwillige Mitläufer waren. Der einzelne wollte unbedingt geschont bleiben – und in der Tat, wie schon gehabt: wieder wollte kaum jemand wirklich etwas gewußt haben oder gar verantwortlich und schuldig mitbeteiligt gewesen sein.
  4. In anschließenden Gesprächen mit Zuschauern, die selbst oder deren Familie in der DDR gelebt haben, heißt es einheitlich: „Genau so war es! So ist es noch heute! Sehr gut, so etwas einmal zu zeigen!“
  5. Mein Eindruck: Inhaltlich wertvoll, aber in der Umsetzung zu bieder, fast historisch, dokumentarisch, bedrängend, ohne zweite Ebenen, platt und direkt. Manche Idee aber gut! Helmut Kohl als Birne darzustellen ist aber nicht sehr originell.

 

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THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Milo Rau, Five Easy Pieces

Ein weiteres Stück der diesjährigen 10er – Auswahl des Theatertreffens. Five Easy Pieces des Schweizers Milo Rau (Konzept, Text und Regie). Milo Rau, der demnächst am international renommierten Theater in Gent arbeitet. In dem seit Mai 2016 in höchsten Tönen gefeierten Stück (es hat auch den 3Sat-Preis des Theatertreffens erhalten) geht es tatsächlich um den belgischen Kindermörder Marc Dutroux! Was für ein Unterschied zu den anderen Abenden! Was Theater alles versucht! Warum dieses Thema? Was ist der Kern des Stückes? Ich habe noch keine Kritik dazu gelesen, möchte erst meine eigenen Schlüsse ziehen. Meine Überlegungen sind:

  1. Theater ist hier der Versuch, etwas Grauenhaftes, das ganz Belgien – und Europa – erschüttert hatte, ein wenig aufzuarbeiten. Schon einmal gut! Es geht ja bei allem nicht immer nur um Nachrichten! Wobei: Es geht bei alledem hier auch um eine ganz andere Frage: Können sich gerade Kinder solch einem Thema – überhaupt dem Thema Leben und Tod – schauspielerich irgendwie in ihrer Art annähern? Es spielen ja Kinder!!
  2. Es ist ein zutiefst berührendes Stück, das mitunter zu Tränen rührt. Natürlich ist man auch wieder fassungslos über das Geschehene. Aber irgendwie ist man auch versöhnt, ein bisschen versöhnt. Es kann einem danach durchaus etwas besser gehen und das hilft! Es ist nicht eine Dokumentation, an deren Ende man nur sagen würde: „Was war das für ein grauenhafter Mensch!“ Das würde einen ja wieder einmal völlig hilflos und ratlos und beschwert zurücklassen. Das tut das Stück nicht! Nein, das Stück erleichtert ein wenig! Vielleicht weil man sieht, dass sich Kinder dem Thema genähert haben.
  3. Es wird nicht etwa dolumentarisch gearbeitet oder etwa nach Erklärungen für das Verhalten von Marc Dutroux gesucht. Darum geht es nicht. Kurz nur wird auf belgische Vergangenheit eingegangen. Dutroux’s Vater war in der Kolonialzeit im Kongo, Dutroux ist im Kongo geboren.
  4. Das Auffallende ist dann, dass das Stück so arbeitet, dass man (im Wesentlichen jedenfalls) in erträglicher Distanz zu Marc Dutroux und dem so unglaublich grauenhaften Schicksal einiger belgischer Kinder bleibt! Wie? Der Gesamtkomplex wird möglichst weit weggezogen. Es werden verschiedene Ebenen dazwischen gelegt: Ebenen, die es dem Zuschauer und hoffentlich den darstellenden Kindern erst ermöglichen, sich dem Thema anzunähern. Welche Ebenen? Eine Ebene ist das tatsächliche Geschehen. Eine zweite Ebene: Einzelne Szenen  und Personen des Geschehens werden ausgewählt. Die dritte Ebene: Die ausgewählten Personen und Szenen werden auf einer Leinwand von Erwachsenen schauspielerisch nachgestellt (die Beerdigung eines der Kinder etwa – die Eltern eines verschwundenen Mädchens etwa – etc.). Eine vierte Ebene:  Vor der Leinwand spielen die Kinder auf der kargen Bühne diese Rollen der Erwachsenen genau nach, übernehmen deren Rollen. In derselben Kleidung. Eine fünfte Ebene: Die Kinder spielen die Rollen ja, weil sie auf der Bühne schauspielende Kinder spielen! Schauspielernde Kinder, die – zum Teil jedenfalls – von einem Erwachsenen, ihrem Regisseur, mit einer Kamera aufgenommen werden. Das sieht der Zuschauer. Eine sechste Ebene sind dann erst die schauspielenden Kinder selbst, ganz real. Sie werden anfangs allesamt wie bei einem Casting mit ihren richtigen Namen vorgestellt. Fragen werden ihnen gestellt. Etwa, ob sie schon einmal getötet oder den Tod erlebt haben. Der das verarbeitende Zuschauer ist ansich eine letzte Ebene. Es sind somit oftmals sechs/sieben Ebenen, die zwischen dem Zuschauer bzw. den Kindern und Marc Dutroux liegen.
  5. Das Stück wird tatsächlich von Kindern gespielt! Von Kindern! Obwohl in den fünf Szenen des Stückes („Five Easy Pieces“ gibt es auch von Igor Strawinsky – HIER) grauenhafte Kernelemente des Geschehens erzählt werden: Der Bericht der exakten Tatschilderung durch Marc Dutroux nach der Festnahme. Er hatte die Kinder teils bewusstlos, aber lebend begraben. Ein unglaublich bewegender Brief eines der Mädchen aus ihrem Kerker an ihre Eltern. Das Mädchen sollte nie wieder das Tageslicht sehen und verhungerte. Eine Szene mit den Eltern eines der Mädchen. Eine Szene mit dem Vater von Marc Dutroux. Spielt das Stück mit den Emotionen der Zuschauer? Nein, diesen Charakter hat es nicht. Das Stück schafft dem Zuschauer und den Kindern vielmehr einen Ausweg: Denn thematisch baut sich für die Kinder in dem Stück neben dem Grauenhaften eben ein ganz anderes Feld auf! Es geht wie gesagt darum, was Kinder schauspielerisch überhaupt leisten können. Was spielen sie da? Können sie so etwas spielen? An dieser Stelle bin ich noch etwas ratlos. Was nimmt der Zuschauer mit? Jetzt lese ich mal ein paar Materialien zum Stück und ergänze den Bericht dann.
    1. Ergänzung: Milo Rau sagt zum Thema Kindertheater: „Kindertheater für Erwachsene ist – im ästhetischen Bereich und natürlich im metaphorischen Sinne – was Pädophilie beziehungstechnisch ist: Keine gegenseitig verantwortliche Liebes-, sondern eine einseitige Machtbeziehung, zu der sich der schwächere Teil, also die Kinder, verhalten müssen. Anders ausgedrückt: Beim Kindertheater für Erwachsene kommt die postmoderne Vorliebe für Medienkritik zu ihrem ursprünglichen Angriffspunkt: Sie wird wieder Wirklichkeitskritik. Theater mit Kindern zu machen, heißt Begriffe wie „Figur“, „Realismus“, „Illusion“ und eben „Macht“ existenziell in Frage zu stellen. Diesen Vorgang wollen wir auch bei „Five Easy Pieces“ zeigen, indem die „Stücke“ immer schwieriger werden: Was mit Rollenspielen beginnt – also mit der guten alten Cindy-Sherman-Frage: Wie können wir Patrice Lumumba oder den Vater Dutroux auf der Bühne nachmachen? – führt zu grundsätzlichen Fragen über inszenatorische Gewalt. Aus naturalistischer Mimikry, aus dem gruseligen Spaß am Nachäffen wird nach und nach eine Art Meta-Studie zur Performancekunst und ihren Verwandlungs-, Unterwerfungs- und Rebellions-Praktiken.Wir machen ja seit bald 15 Jahren Theater und Filme. Von der minimalistischen Performance über die politische Aktion bis zur iro-nischen Gesellschaftsrevue haben wir alles Mögliche gemacht – dazu Hörspiele, Videoclips, Filme, Bücher, Prozesse… In diesem Frühjahr bekommen wir den „Welttheaterpreis“ vom Internationalen Theaterinstitut, eine Art Lebenswerkpreis. Da fragt man sich schon: Ja, was kommt denn jetzt? Einfach nochmal fünfzig Stücke, Filme, Bücher? Kurzum, es ist der richtige Zeitpunkt, ein Projekt zu machen, in dem es um völlig grundsätzliche Dinge geht. Was heißt es, „jemand an-deres“ zu sein auf der Bühne? Was heißt „nachmachen“, „einfühlen“, „erzählen“? Wie geht man damit um, angeschaut zu werden? Wie erklärt und wie macht man das? Und diese grundsätzliche Befragung des Theaters ist ja keine intellektuelle Entscheidung: Dinge, die für erwachsene Performer völlig selbstverständlich sind, sind mit Kindern moralisch oder technisch unmöglich. Die ganzen kleinbürgerlichen Stanislawski-Tricks, den ganzen Intensitäts-Mythos der Performance-Tradition kann man wegschmeißen. Bevor wir das erste Mal zu den Proben nach Gent gefahren sind, sagte ich scherzhaft in einem Interview: Das macht mir mehr Angst als ein Trip nach Aleppo. Und es war tatsächlich so. Also Theater mit Kindern geht gar nicht, ist Pädophilie! Und dennoch versucht er, sich den Dingen wie „nachmachen“, „einfühlen“, „erzählen“ zu nähern. Gut gelöst! Ergreifend!
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THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Explorer/Prometheus unbound

Eine fast erschreckende Darbietung im Rahmen des umfangreichen Programms des Theatertreffens. EXPLORER/Prometheus unbound: Zum ersten Mal bin ich in diesem Maße einigen Möglichkeiten heutiger 3 D Technik ausgesetzt. Es beginnt mit einer Liebesgeschichte. Allerdings schon die wird in der „Motion Capture 3D-Technik“ gezeigt. D. h. die performenden „Schauspieler“ werden mit Sonden am Körper ausgestattet und ihre Bewegungen werden in eine Virtual Reality Show implantiert: Sie spielen die virtuellen Personen, die der Zuschauer sieht. Manchmal sieht man auch die „echten“ Schauspieler. Es kommt dann hinzu, dass die virtuelle Realität alles, was undenkbar ist, zulässt. Sprünge durch Wände, Stürze auf einsame Inseln, abstrakte Räume, Verschwinden und abstruse Verformungen der Körper und und und. Gesteigert durch mehr und mehr laute Musik und abstrakte Videodarstellungen. Wo menschlich echte Emotionen sind? Weg!! Wahrlich erschreckend. Wo führt das hin? Wie leer man sich da fühlt! Im Grunde kann man nur hoffen, dass die Darbietung eine Form der Kritik an diesen Möglichkeiten darstellen soll.

In der Ankündigung der Veranstaltung hieß es:

1994. Das Jahr, in dem das World Wide Web explodiert. Das Jahr des großen Versprechens. The point of no return. Neue Schichten der Realität werden erkundet. TUNE IN für die Liebesgeschichte von Bridget und Deacon im virtuellen Paradies. TURN ON die Cybershow. BOOT UP. JACK IN. DROP OUT. EXPLORE. Die erfolgreich durch die Niederlande tourende Arbeit „Explorer / Prometheus unbound“ ist aller Wahrscheinlichkeit nach die erste Theaterproduktion, die die Motion Capture 3D-Technik auf der Bühne einsetzt. Sie ist aus einer Zusammenarbeit des Performancekollektivs Urland (Rotterdam) und CREW – der Organisation des Virtual Reality-Pioniers und Künstlers Eric Joris (Brüssel) – entstanden. Mit CREWs technologischem Instrumentarium und Kenntnissen über immersive Technologien, taucht Urland auf sehr eigene Art in den Cyberspace ein.

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THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Theodor Storm, Der Schimmelreiter

Der Schimmelreiter, gezeigt im Hamburger Thalia Theater, sollte mein zweites Stück auf dem Theatertreffen 2017 werden. Es wurde leider kurzfristig abgesagt, da ein Schauspieler erkrankte und nicht ersetzt werden kann. Der Regisseur: Johan Simons. Statt des Stückes wurde mit den verbleibenden Schauspielern eine Lesung des Schimmelreiter gebracht. Anschließend ein Klavierkonzert von Beethoven. Beides passte wunderbar zusammen. Schade trotzdem! Johan Simons erklärte im anschließenden Publikumsgespräch, warum der erkrankte Schauspieler in diesem Fall einfach nicht ersetzt werden konnte. Er war wohl zu bedeutend für die Aufführung.

Das Stück wird sehenswert sein – für diejenigen, die in Hamburg leben oder dort hin kommen. Der erkrankte Schauspieler wird allerdings gut sechs Wochen lang ausfallen.

Der Schimmelreiter: Thema: Wie schwer es ist, Neues zu etablieren.

In der Novelle geht es um die Lebensgeschichte von Hauke Haien. Oft sitzt Hauke bis tief in die Nacht am Deich und beobachtet die Wellen, die an den Damm schlagen. Er überlegt, wie man den Schutz vor Sturmfluten verbessern könnte, indem man die Deiche zur See hin flacher anlegt.

Als der örtliche Deichgraf Tede Volkerts einen seiner Knechte entlässt, bewirbt sich Hauke um die Stelle. Er wird angenommen. Als es darum geht, die Stelle des Deichgrafen neu zu vergeben, keimt ein Konflikt zwischen Hauke und dem Großknecht Ole auf. Traditionell kann nur Deichgraf werden, wer ausreichend Land sein Eigen nennt. Dies träfe auf Knecht Hauke nicht zu. Gegenüber dem Oberdeichgrafen, der die Stelle des örtlichen Deichgrafen zu vergeben hat, ergreift Elke – Tochter des verstorbenen Deichgrafen – das Wort und erklärt, Hauke werde durch die Hochzeit mit ihr das Land ihres Vaters bekommen und damit genügend Grundbesitz aufweisen. Hauke wird Deichgraf.

Unheimlich erscheint den Dorfbewohnern ihr Deichgraf durch sein Pferd: Einen edel aussehenden Schimmel, den er krank und verkommen einem zwielichtigen Durchreisenden abgekauft und aufgepäppelt hatte. Der Schimmel soll, darin bestätigen sich die Einwohner gegenseitig, das wiederbelebte Pferdeskelett von der verlassenen Hallig Jeverssand sein, das mit dem Kauf des Schimmels verschwunden war. Oft wird das Tier mit dem Teufel in Verbindung gebracht.

Hauke setzt die neue Deichform, die er als Kind bereits geplant hat, in die Tat um. Manche Leute sind dagegen. Doch Hauke setzt sich durch. Vor einem Teil des alten Deiches lässt er einen neuen bauen, es entsteht mehr Ackerfläche.

Tagein, tagaus beobachtet er seinen Deich, indem er ihn mit seinem Schimmel abreitet. Der neue Deich hält den Stürmen stand, doch der alte Deich, der rechts und links des neuen Kooges (Landes) weiterhin verläuft und dort die vorderste Front zur See darstellt, scheint marode und von Mäusen durchgraben. Angesichts der Beschwichtigung durch den alten Großknecht Ole Peters und der bereits maulenden Arbeiter führt Hauke an dem alten Deich keine umfassenden Baumaßnahmen durch, sondern beschränkt sich mit großen Gewissensbissen lediglich auf Flickwerk. Als Jahre später eine Jahrhundertsturmflut hereinbricht und der alte Deich zu brechen droht, will man auf Anordnung des Bevollmächtigten, Ole Peters, den von Hauke konstruierten neuen Deich durchstoßen, da jener sich damit erhofft, dass sich die Kraft des Wassers in den neuen, noch unbewohnten Koog ergießen und damit der alte Deich gerettet werde. Hauke stellt die Arbeiter kurz vor dem Durchstich zur Rede und verhindert die Vollendung dieser Arbeit, kurz darauf bricht der alte Deich endgültig. Als in jener Nacht auch Elke mitsamt ihrer gemeinsamen Tochter Wienke, die geistig behindert ist, aus Angst um Hauke in Richtung Deich hinausfährt, muss dieser mit ansehen, wie die durch den Deichbruch in den alten Koog schießenden Wassermassen Frau und Kind unter sich begraben. In seiner Verzweiflung stürzt er sich ebenso mitsamt seinem Pferd in die tosenden Wasser, die das Land überfluten, und ruft: „Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!“

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THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Anton Tschechow, Drei Schwestern

Wenn es einen solchen Freundeskreis gäbe: Lässig im Alltagsgeschehen, aber zugleich nebenbei intensiv, emotional, eindringlich, schlagfertig, direkt, austauschfreudig, prägnant. Bei aller Banalität. Dazwischen eine Umarmung oder ein Kuss, auch Sex, Streit, Tränen, Freude, Musik usw. Das Verhalten der jungen Truppe in diesem ausgewählten Stück ist so  lässig und normal und gegenwärtig. Und zeigt andererseits immer mehr ehrliche Emotionen, denen wir uns im wahren Leben ja selten wirklich öffnen! Wann umarmt man schon einmal jemanden? Wann gibt man schon einmal einen Kuss! Ich sicherlich zu selten! So kann aber doch das Leben sein, wenn man ganz dicht dran ist, sich dem eigenen Glück, dem Unglück, der Freude oder den Sorgen hingibt! Schon anhand Tschechows Stück wunderbar zu zeigen, in ganz moderner Zeit. Auch wenn jeder doch sehr mit sich selbst kämpft. Drei Schwestern von Anton Tschechow.

Anton Tschechow zeigt Menschen, die mit ihrer Vergangenheit nicht weiter kommen und dann – bewusst oder unbewusst – Dinge zerstören. Fast gleichgültig ist jeder am Anfang, es ist einfach ein Treffen im Ferienhaus. Was harmlos beginnt, endet aber tragisch. Das erste Stück der 10er-Auswahl des Theatertreffens 2017 wurde am Samstag im Berliner Festspielhaus aufgeführt.
Ich empfehle: Seht es Euch an, es kann in der 3Sat-Mediathek aufgerufen werden. Wie? Ganz einfach: www.3Sat.de aufrufen – dort die „Mediathek“ anklicken – dann den Reiter „Sendung verpasst“ anklicken – das Datum „Samstag, 06.05.2017“ anklicken – dann die Aufzeichnung der Aufführung „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow anklicken und ansehen!

Oder noch einfacher: HIER klicken! Man kann es noch wenige Tage ansehen.

Oder: Nach Basel fahren, um diese Inszenierung von Simon Stone am Theater Basel anzusehen! (Warum nicht? Basel hat ja z. B. noch das schöne MUSEUM FONDATION BEYELER):

Simon Stone ist Hausregisseur am Theater Basel. Seine Bearbeitung von Ibsens „Gabriel Borkmann“ wurde von der Zeitschrift Theater heute zur besten Inszenierung 2016 gewählt und auch schon zum Theatertreffen 2016 eingeladen.

Die Bühne: Ein sich immer wieder langsam drehendes Ferienhaus mit großen Glasfronten. Ein schöner Anblick. Man hat Einsicht in alle Zimmer auf beiden Etagen und folgt so dem modernen alltäglichen Geschehen. Weihnachtsvorbereitungen etwa. Gurke schneiden etwa. Die Zimmer bieten oft gleichzeitig Szenen. Wie in unserem richtigen Leben: Gleichzeitigkeit. Die Kinder der Besitzerfamilie (Andrej und seine drei Schwestern, die zusammen das Haus geerbt haben) kommen mit Freunden zusammen.

Drei Szenen: Das erste Treffen im Frühling, die Weihnachtsfeier im Winter und der Auszug aus dem Haus im dritten Teil. Mehr und mehr wird im Kreis der Freunde aufgedeckt: Jeder für sich ist auf seine Art auf dem Weg, sein eigenes Glück, sein Leben und teils auch das Glück und das Leben anderer zu zerstören. Oder er trägt schon länger Unglück mit sich herum.

Allein Olga, die älteste der Schwestern, sie ist es, die das sieht. Sie schreit gegen Ende, wild durch das Ferienhus rennend: „Seid ihr alle vollkommen verrückt geworden??!!“ Sie kann es aber nicht aufhalten. Olga wird wahrlich fantastisch gespielt von Barbara Horvath. Aber jeder im Ensemble (etwa die anderen Schwestern Mascha – Franziska Hackl – und Irina – Liliane Amuat) besticht durch wunderbar natürliches Verhalten. Als würde man einfach einer jungen Truppe von Freunden zusehen.

Kurze Andeutungen zu einzelnen Zerstörungen des Glücks:

Mascha ist mit Theodor verheiratet, der auch anwesend ist. Sie begeht aber Ehebruch mit Alexander, dem Gast. Alexander ist auch verheiratet, hat zwei Kinder (seine Familie bewohnt ein Haus in der Nachbarschaft) und begeht somit seinerseits Ehebruch. Er erklärt Mascha gegen Ende allerdings …. auf 3Sat ansehen! Alexanders Frau wiederum, hört man später, …. auf 3Sat ansehen! Irina, die jüngste der Schwestern, trennt sich von Nikolai. Was macht Nikolai? Auf 3Sat ansehen! Andrej wiederum, der Bruder der Schwestern, ist drogensüchtig. Seinen Job hat er aufgegeben. Roman, der etwas älterer Freund im Kreis, steckt im Nihilismus/Existenzialismus fest und … auf 3Sat ansehen!
Das Ferienhaus: Die Geschwister verkaufen es. Natascha, die erste Frau von Andrej: Sie kauft das Ferienhaus und kündigt an, es schon „übermorgen“ abreißen zu lassen. Sie habe es von ihrem zweiten Mann geschenkt bekommen. Und sie erklärt ihrem ersten Mann Andrej, dass das zweite Kind … auf 3Sat ansehen.

Und mehr …. auf 3Sat ansehen!

Andrej fragt einmal sinngemäß: Suchen wir das Glück im Leben oder wollen wir es immer wieder zerstören? Wir rennen oft Dingen nach, die das Glück eher zerstören. Weil unsere Wünsche und Träume und Emotionen und Gefühle und Vergangenheit und Sehnsüchte und und und uns nach etwas anderem streben lassen.