THEATER: Leonie Böhm – Die Räuberinnen

„Die Räuberinnen“ nach Friedrich Schiller von Leonie Böhm, gestern war Premiere an den Münchner Kammerspielen. Ich muss es mir noch einmal ansehen, Einzelheiten würden mich genauer interessieren, bevor ich etwas Detaillierteres dazu schreiben könnte. Hier zunächst ein paar ganz grundsätzliche Überlegungen:

Ich finde, man kann sich dessen bewusst sein, dass man wieder einmal an den Münchner Kammerspielen Stücke sieht, die besonders auffallen. Auffallen, weil man aus den üblichen Theatergewohnheiten herausgerissen ist. Das ist an den Münchner Kammerspielen in den letzten Jahren immer wieder der Fall gewesen, dennoch fällt es jetzt wieder auf:

„Die Räuberinnen“ und ein anderes Stück, das derzeit dort zu sehen ist: „Nirvanas Last“ von Damian Rebgetz, Erinnerungen an das letzte je gegebene Konzert von Nirvana vor dem Selbstmord von Curt Cobain. Diese beiden Veranstaltungen zeigen, welche Wege die Münchner Kammerspiele der Theaterkunst eröffnen. Und nicht etwa hinten in den kleineren Kammern 2 oder 3. Nein, vorne in Kammer 1!

„Die Räuberinnen“ sieht man in einer einfach abgefahrenen Inszenierung! Es „Inszenierung“ zu nennen, ist schon zuviel gesagt. Performance vielleicht eher. Es fällt mir fast schwer, es einfach zu „besprechen“. Es ist irgendwie abgefahren und berührt einen selbst thematisch durch die Leistungen der vier Schauspielerinnen. Eva Löbau, Julia Riedler, Gro Swantje Kohlhoff und Sophie Krauss.

Die SchauspielerInnen haben sicherlich intensiv an der Entstehung des Abends mitgewirkt und werden das Stück im Lauf der nächsten Monate sicherlich – hört man, ahnt man, weiß man – auch weiter entwickeln. Ich kann mir etwa nicht vorstellen, dass Leonie Böhm den Schauspielerinnen gesagt hätte: „Und jetzt zieht euch bitte aus!“ und die Schauspielerinnen gesagt hatten: „Ok, machen wir!“ Nicht bei dieser Inszenierung, es wird viel individueller – aber in der Gemeinschaft der vier – gelaufen sein.

Man sieht eben nicht die Leistung eines Regisseurs, der ein „Stück“ auf die Bühne bringt, man sieht – mehr als sonst – künstlerische und sehr ins Persönliche gehende Leistungen der mitwirkenden Schauspielerinnen. Und zwar so offen, dass Eva Löbau zu Beginn des Abends zurecht darauf hinweist, dass keine Fotoaufnahmen gemacht werden sollen. Sie offenbaren sich, sie entblößen sich, entäußern sich. Trotzdem passend, nicht überambitioniert, nicht gewollt, nicht reißerisch.

Ähnlich – nicht etwa extrem allerdings – bei „Nirvanas Last“ von Damian Rebgetz – meines Erachtens ein Kandidat für das Theatertreffen 2020 in Berlin. Die dortigen SchauspielerInnen (teils mit weiteren MusikerInnen) singen komplett das letzte je gegebene Konzert von Nirvana nach. Auch das ist nicht ein „Stück“, es ist mehr persönliche Leistung der SchauspielerInnen. Sie singen die Songs in völlig andere Art und Weise. Mit Sehgewohnheiten alter „Theaterhasen“ hat das nichts zu tun. Für junge Menschen ist es schon eher!

Und das ist schön! Kunst ändert sich! Es mag beim Theater die Tendenz geben, dass man eben immer wieder „Theater“ sehen will, gelungene „Inszenierungen“, „Klassiker“ auch. Man verfällt Gewohnheiten. Mehr wahrscheinlich, als wenn man in eine Ausstellung geht. Gut, „Die Räuberinnen“ von Leonie Böhm basiert auf einem Klassiker: „Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Aber die Handlung des Klassikers verschwindet hier vollkommen. Der Grundgedanke, der aus „Die Räuber“ herausdestilliert wird, ist etwa: Was hält uns davon ab, nach eigenen Konzepten und Entwürfen zu leben, anstatt nach vorgegebenen Konditionen, nach gesellschaftlichen Vorgaben? Und: Wie können wir in diesem einen Leben frei sein? Es geht vor allem auch nicht nur um Individualismus, sondern Gott sei Dank um Gemeinschaft! Aber das sagt alles noch viel zu wenig. Mehr dazu versuche ich in Bälde.

Hier ein paar Links, in denen schon mehr über den Inhalt des Abends gesagt wird:

HIER der link zur außergewöhnlich gut gelungenen – mein subjektiver Eindruck – Besprechung auf http://www.nachtkritik.de (mit weiteren Fotos).

HIER der link zu einer ebenfalls guten – finde ich – kürzeren Besprechung im Deutschlandfunk Kultur.

HIER ein Gespräch mit Leonie Böhm in der Abendzeitung.

HIER die Seite zum Stück auf der Website der Münchner Kammerspiele

© des Beitragsbildes: Judith Buss

THEATER: Anta Helena Recke – Die Kränkungen der Menschheit

Neue Gedanken. Etwa diese Aussage von Sigmund Freud – für mich war sie neu: Er hatte einmal in seinem Text „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ geschrieben, es gebe für die Menschheit „drei Kränkungen“:

Kränkung 1: Die Erde kreist um die Sonne, nicht die Sonne um die Erde!
Kränkung 2: Die Menschheit stammt vom Affen ab!
Kränkung 3: Der Mensch hat ein Unbewusstes – Freuds Thema – das er nicht steuern kann!

Ich würde den Abend eine „Perspektive“ – oder meinetwegen Performance – nennen. Er kreist nämlich ganz konkret um eine weitere Frage – ausgehend von diesen drei Kränkungen, die das Menschheitsbild schwächen: Von welcher „Menschheit“ ging Freud denn dabei aus? Kann man überhaupt von einer „Menschheit“ ausgehen?

Ich mag Abende, in denen nicht viel, sondern eher wenig auf den Punkt gebracht wird. Ich mochte daher etwa den Abend „Die Kränkungen der Menschheit“ lieber als zwei Tage später das Stück „König Lear“. Dazu aber gesondert einmal mehr.

Anta Helena Recke ist mittlerweile ein bekannter Name an den Kammerspielen. Sie hatte 2017 das Stück „Mittelreich“ in einer Version gebracht, in der die Personen dieser bayerischen Familiensaga von dunkelhäutigen Schauspielern gespielt wurden. Appropriation Art. Die Inszenierung wurde damals nach Berlin zum Theatertreffen eingeladen.

Zurück zum Stück: Die „Menschheit“ muss also nach Freud – könnte man sagen – Wohl oder Übel erkennen, dass sie – ätsch – nicht so toll ist, wie sie vielleicht meint. Sie meint es und fühlt sich „gekränkt“ von diesen naturgegebenen drei „Einschränkungen“. Nach dem Motto: „Das musste aber wirklich nicht sein!“

Das Thema „dunkelhäutig“ – „weißhäutig“ (sagt man so?) spielt bei Anta Helena Recke jetzt auch wieder eine Rolle. Da setzt sie mit dem „Stück“ „Die Kränkungen der Menschheit“ an. An den Münchner Kammerspielen war es die erste Premiere der gerade begonnenen Spielzeit 2019/2020, der letzten Spielzeit in der Intendanz Matthias Lilienthal.

Anta Helena Recke sagt uns zur Frage der „Menschheit“ in diesem Zusammenhang: Es gibt eine „vierte Kränkung der Menschheit“. Diese vierte Kränkung der Menschheit sei die „Illusion einer weißen männlichen Menschheit im weißen Körper“. Es gebe diese „Menschheit“ so aber nicht – nochmal ätsch. Das sei eine Illusion. Und dass dieser Gedanke nur eine Illusion sei, sei eine Kränkung.

Was macht Anta Helena Recke mit dieser Überlegung? Leere Bühne, ein begehbarer, innen beleuchteter Quader steht rum, einsehbar von allen Seiten, ein Holzsockel darin. Sonst nichts.

Dann zunächst Affen: Sieben Schauspieler kommen auf die Bühne und verhalten sich – hoch überzeugend! – als Affen. Nehmen den Raum ein, tummeln sich später auch zwischen den anderen Mitwirkenden.

Dann kommt die Trennung, die eigentlich zum Thema des Abends wird: Zunächst erscheint eine Besuchergruppe in einem fiktiven Museum: Sie betrachtet und spricht über nicht vorhandene Gemälde. Alle sind europäischer Herkunft, „weißhäutig“. Sie ergötzen sich in schlauen Kommentaren und Unterhaltungen zur ausgestellten Kunst, die sie betrachten. Sie meinen natürlich, die Kultur ist doch für sie geschaffen. Ich dachte mir: Naja, auch das ist irgendwie affenartig.

Dann – in einem „dritten Teil“ – kommen aber viele bunt und fröhlich in Gruppen durch den Raum gehende „dunkelhäutige“ Menschen – nur Frauen übrigens. Alle jung, jede für sich das Gegenteil des „alten weißen Mannes“. An der Kunst haben sie kein besonderes Interesse, reden und lachen miteinander, schauen immer nur kurz zum Quader, in dem die Besuchergruppe stand.

Man merkt also vielleicht: Mensch, so wichtig müssen sich die Personen in der Besuchergruppe in diesem Museum nicht nehmen, es gibt auch andere. Und auch die Kunstwerke müssen sie nicht so wichtig nehmen. Der ganze Quader ist nicht wichtig. Andere – die Vorbeigehenden – nehmen es auch nicht wichtig. Und das sind viele auf der Bühne.

Aber ich denke da wahrscheinlich zu kurz, wenn ich es auf diesen Gedanken reduziere, man müsse sich nicht so ernst nehmen. Überall gibt es ja Kultur und jeder nimmt eben seine Kultur ernst und wichtig. Hat ja seine Berechtigung. Nicht nur „weißhäutige“ Menschen nehmen die ihnen nahestehende Kultur ernst. Insoweit habe ich das „Stück“ wahrscheinlich nicht ganz verstanden. Aber ich mochte es lieber als „König Lear“, weil es nicht überladen war.

Copyright des Beitragsbildes: Gabriela Naab

THEATER: Coming soon

Es werden in den kommenden Wochen – in München – in recht kurzer Zeitfolge Inszenierungen zu sehen sein, die m. E. durchaus besonders zu erwähnen sind. Warum sie erwähnt werden, wird im folgenden jeweils kurz erklärt. Wen es interessiert: Man muss einfach erkennen, was alles nach München kommt und in München gebracht wird.

  • 22. März: Federico Bellini, Die göttliche Komödie, Pasolini <> Dante, Premiere und Uraufführung am Residenztheater. Hierzu vermute ich nur, dass es sehr interessant wird: Pier Paolo Pasolini wurde im Alter von 53 Jahren in der Nähe von Rom (Ostia) anscheinend von einem 17-jährigem Strichjungen brutal ermordet. Die Inszenierung des Regisseurs Nico Latella rekonstruiert den Mord an dem Filmregisseur und Dramatiker aus verschiedenen Blickwinkeln und verknüpft die privat durchlebte Hölle des Dichters mit dem gleichnamigen Teil aus Dantes „Göttlicher Komödie“. Ich glaube nicht, dass es ein gewöhnlicher Theaterabend wird. Allein die Mischung von Dantes „Göttlicher Komödie“ und dem Leben und der brutalen Ermordung von Pier Paolo Pasolini finde ich recht außergewöhnlich. HIER der Link zur Seite des Residenztheaters.
  • 28. März: Stefan Pucher, Das Leben des Vernon Subutex, Premiere an den Kammerspielen. Eine Arbeit des Ensembles der Münchner Kammerspiele. „Das Leben des Vernon Subutex“ gilt als der Gesellschaftsroman unserer Zeit, als „Die menschliche Komödie“ (Balzac) des 21. Jahrhunderts. Regisseur Stefan Pucher, der zuletzt an den Kammerspielen „América“ von T.C. Boyle und „Wartesaal“ inszeniert hat, bringt Vernon Subutex und seine Bande auf die Bühne. Mal sehen, Pucher ist manchmal fast zu zahm. “Wartesaal“ etwa, war schön, aber nicht außergewöhnlich. Trotzdem nenne ich es hier. Unbedingt schon das Ensemble der Münchner Kammerspiele ist es wert. Dreizehn Mitglieder des Ensembles werden mitwirken. HIER der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele
  • 29. März: Philipp Quesne, Farm Fatale, Premiere und Uraufführung
    an den Kammerspielen. Philipp Quesne schafft besondere Bühnenerlebnisse. Er arbeitet stark visuell. Manchmal fast ohne Text. Zum Beispiel bei „Caspar Western Friedrich“ (HIER mein damaliger Beitrag) oder der „Nacht der Maulwürfe“ (HIER ein Trailer). Zuletzt war er mit „Crash Park“ an den Kammerspielen (HIER mein damaliger Beitrag). Auch er ist also zum wiederholten Mal an den Münchner Kammerspielen. International ist er sehr bekannt. Außergewöhnliche auf jeden Fall. Siehe am besten auf der rechten Seite des Blogs – in der „Sidebar“ – den Link zu bekannten Performancegruppen und auf der dortigen Liste unter Philipp Quesne. HIER der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele.
  • 12./13. April: Thom Luz, Girl from the Fogmachine Factory, Gastspiel
    an den Kammerspielen, nur am 12. und 13. April 2019. Thom Luz ist mit diesem Stück zum diesjährigen Theatertreffen im Mai in Berlin eingeladen. Die Münchner Kammerspiele haben es geschafft, dass dieses Stück vorab noch in München gezeigt wird. Auch hier wird es weniger um Text gehen. Es wird um Nebel und Nebelmaschinen gehen. HIER der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele. Thom Luz war schon im vergangenen Jahr mit seiner damaligen schönen Inszenierung zum Theatertreffen eingeladen. Mit „Traurige Zauberer“, HIER mein damaliger Bericht. Auch über das neue Stück findet sich etwas über den Link zu den Performancegruppen rechts oben und dort in der Liste über den Link zur Produktionsgesellschaft „Bernetta“.
  • 13./14. April: Monster Truck, Phaedra, Gastspiel an den Kammerspielen, nur am 13. und 14. April 2019. Auch Monster Truck ist eine bekannte Performancegruppe. Auch hierzu findet sich am besten der Link zu Monster Truck über den Link zu den Performancegruppen in der rechten „Sidebar“ des Blogs. HIER wieder der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele. Wie es wird, weiß ich nicht. Es ist aber interessant, Monster Truck als Performancegruppe zu sehen. Sie waren auch schon ein/zweimal an den Kammerspielen.
  • Seit vergangener Woche, dem 15. März, läuft von Wim Vanderkeybus und seiner Gruppe Ultima Vez, „Die Bakchen – lasst uns tanzen“, am Residenztheater. Auch dieses Stück gehört zu den derzeit sicherlich bemerkenswerten, außergewöhnlichen Stücken. So, wie all die oben genannten Stücke wahrscheinlich etwas außergewöhnlich sein werden. Ich hatte ja kürzlich über die Premiere des Stückes „Die Bakchen“ geschrieben. Es ist nicht nur Theater, sondern eine Kombination von Theater, Tanz, Malerei, Musik und ein wenig Ekstase. Unter Mitwirkung der interessanten Gruppe von Ultima Vez. Auch sie findet sich in der Liste der Performancegruppen über den Link in der rechten Sidebar des Blogs. HIER mein Beitrag zur Premiere. Und HIER auch der Link zur Seite des Residenztheaters.

Ich werde alle noch kommenden Stücke (mindestens einmal) ansehen und jeweils über Eindrücke und Überlegungen dazu schreiben.



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Gesehen und gehört

THEATER: Ligia Lewis – minor matter

Wer es noch sehen will: minor matter, choreographiert von der in Berlin lebenden Ligia Lewis. Heute Abend, Freitag, 08.06.2018, in München, an den Kammerspielen. Danach am 6./7. Juli. in der Nähe von Rimini, auf dem Santarcangelo Festival. Auch eine schöne Reise … wenn man Zeit hätte! HIER ein Video der Performance.

Was der Mensch so alles ausdrücken will! In totaler Freiheit! Aber er kommt nie ans Ziel! Dennoch drängt er ständig nach etwas! Auch das Zuschauen ist ja schon ein ähnlicher Akt. Man kann ja nicht alles selber machen! Wie offen wir doch sind. Ich dachte mir noch: In der strengen muslimischen Welt wäre so eine Performance undenkbar!

„minor matter“ ist der zweite Teil einer von drei Tänzer*innen performten Trilogie (BLUE, RED, WHITE), die mit „blackness“ und der „Blackbox“ – hier der Kammer 3 der Kammerspiele -spielt.

Im Stück minor matter nutzt Ligia Lewis die Farbe rot, um Gedanken, die sich zwischen Liebe und Wut bewegen, eine Gestalt zu geben. Ansätze barocker Musik wandeln sich zu exzessiven Beat-Rhythmen, harten Rhythmen, harten Bewegungen, modernen Rauschetönen. Die Tänzer*innen verausgaben sich dabei, ihre Körper entziehen der Bühne alles Geheimnisvolle und erforschen sie als pure Materie – als Schwärze. „In „minor matter“ bewegen sich Klänge durch musikalische Epochen, um schließlich eine Poetik intimer Gegenwärtigkeit zu erreichen“, heißt es so schön in der Ankündigung des HAU in Berlin, wo es auch kam und – glaube ich – nochmal kommt (Tanz im August)..

Ich mag es ja, wenn körperlich überraschende Ausdrücke geschaffen werden. Wenn Körper anderes zeigen, als wir es gewohnt sind. Wir erleben Körper ja eher als langweilig, monoton, gebräuchlich, ungelenk, schwerfällig. In der kommenden Woche bin ich auch wieder in einer wunderbaren Ballettvorführung im Nationaltheater.

Etwas wie innere Befreiung, Abhängigkeit, Eingrenzung, Gefühle zwischen Liebe und Wut, Hässlichkeit und Optimismus, alte Musik und exzessive neue Klänge, heftiger Sound. So etwa, ich weiß es nicht besser. Morgen gibt es im Anschluss ein Publikumsgespräch. Gemeinsamkeit, Schwere, man kann viel entdecken. Exzessiv, einfallsreich. Sie haben unter anderem 2017 als „outstanding production“ den New York Dance & Performance Award „Bessie“ erhalten.

HIER die Website von Ligia Lewis. HIER der link zur Seite der Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Martha Glenn

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Gesehen und gehört

THEATER: Trajal Harrell – Juliet & Romeo und Lulu Obermayer – Manon Lescault

Sich Gedanken zu machen über das, was als selbstverständlich dasteht. Das erfrischt doch. Wir dürfen es! Sollten es sogar? Wir müssen nicht, aber wir können, wenn wir uns trauen! Wenn wir wollen. Wenn! Vor allem mit zunehmendem Alter nimmt man ja gerne die Dinge so hin, wie sie sind. Vieles ist gut, aber man kann es auch anders sehen.
Also: Jung bleiben! Wir schaffen uns selbst und anderen so viele Grenzen in unserem Leben! Wenn wir etwas machen, sind es ja Grenzen, Schlusslinien, Definitionen. Viel zu harmlos ist man da oft, wenn es darum geht, diese selbstverständlichen Grenzen einmal anzupacken. Von was wir uns alles leiten lassen! Das meiste übersehen wir ohnehin! Es heißt ja nicht gleich, alles Alte sei schlecht.
Zu einer drastischen und erfrischenden Sichtweise kann immer wieder das Theater anregen. Manche Theater jedenfalls. Etwa, finde ich, die Münchner Kammerspiele dank eines besonders offenen Programms! Die Kammerspiele in München, ein „Herd des Aufbrechens“. Kein Volkstheater, sondern Grenzerfahrungen, darum geht es dort immer wieder. Auch mit Gastauftritten. Etwa mit Milo Rau, siehe meine früheren Blogbeiträge! Getragen wird dort alles von einem Ensemble, das offenbar auch Freude an … , Engagement für … und eine offene Einstellung zu … einem solchen Programm hat!
Bei zahlreichen Stücken kann so das Aufbrechen und das Ausbrechen aus dem – gerade in München und Bayern so beliebten und ja auch in vielerlei Hinsicht berechtigten – „Ach, ist das schön“ ein gutes Stückchen weit gelingen. Sogar das Ausbrechen aus der üblichen Besichtigung angeblich „kritischer“ Theaterstücke, die dann den Zuschauer letztlich doch nur zu einer Art unbewusster Bestätigung dessen führen, was sie erleben und wie sie leben, ist manchmal gut und wird durch ein Programm wie dasjenige der Kammerspiele gefördert. Tja, das sind Gedanken!
Warum ich das schreibe? Zwei Abende haben es kürzlich wieder geschafft. Da sitzt man drin und ist baff. Am Freitag abend in den Kammerspielen die Performance „Manon Lescault“ von Lulu Obermayer. Und am Sonntag ebenda die Performance „Juliet und Romeo“ von Trajal Harrell. Beide Abende stehen sogar – wohl unbeabsichtigt – in sehr eigener Weise in tiefem Zusammenhang. Bei Lulu Obermayers „Manon Lescault“ (so der Titel einer Oper von Puccini) geht es ausschließlich um die Rolle der Frau. Obwohl im Theater und in der Oper eigentlich ja immer – oder meist – gerade das Verhältnis Mann/Frau eine Rolle spielt.  Bei Trajal Harrells „Juliet und Romeo“ wiederum geht es eigentlich um den Mann! Juliet & Romeo wird ausschließlich von männlichen Mitwirkenden gespielt. Es geht allerdings in beiden Fällen nicht um die Story!
Beides muss man einfach auf sich wirken lassen. Das genügt schon. Auch wenn ich etwas mehr schreibe. Eine herkömmliche Theaterkritik ist ohnehin nicht mein Ding und ist in diesen Fällen auch nicht angebracht. Und es handelt sich in beiden Fällen auch nicht um Sprechtheater, sondern um Performances.
(Ich schreibe hier übrigens über beides, obwohl die Performance von Lulu Obermayer – jedenfalls in München – gar nicht mehr zu sehen ist. Mache ich nicht gerne, aber beides passt durch die Themen Frau und Mann so gut zusammen.)
Zu Manon Lescault von Lulu Obermayer: Was man sieht: Lulu Obermayer, Performerin aus München, geht – mit zwei halbgefüllten Wasserkanistern in der Hand – mehr als eine Stunde lang auf der dunklen Bühne ganz bedächtig immer im Kreis und singt eine Arie aus der Oper. Im Hintergrund – auf der großen Leinwand – geht sie ebenfalls langsam – man sieht sie von hinten – durch eine Wüstenlandschaft. Genauso gekleidet. Mehr geschieht nicht! Virginia Wolfe – so im Begleittext – sagt, Frauenfiguren werden auf der Bühne immer im Verhältnis zu Männerfiguren dargestellt. Lulu Obermayer holt sie aus dieser Position heraus und gibt ihnen ein Alleinsein. Ein Weiterleben, Überleben (obwohl Manon Lescault in Puccinis Oper in der Wüste stirbt). Ohne Wasser. Hier aber, bei Lulu Obermayer, geht die Frau alleine weiter und weiter. Etwas wenig, man muss sich viel dazu denken. Lulu Obermayer will den Frauen ja eine „neue Auseinandersetzung“ gewähren. Gezeigt wird eine solche Auseinandersetzung  nicht deutlich. Das Bewusstsein des Alleinseins, des alleine Gehens, des Überlebens, das ist vielleicht die Auseinandersetzung.
Zu Juliet und Romeo von Trajal Harrell: Dieses Stück ist in dieser Spielzeit weiterhin an den Kammerspielen zu sehen. Eine Annäherung an Romeo und Julia aus völlig anderen Perspektiven. Es geht um die bei Shakespeare mit Julia und Romeo gestorbene Liebe und die Trauer darum. Trajan Harrell sitzt als die trauernde Amme am Bühnenrand bzw. tanzt dazu, drückt teils völlige Verzweiflung aus. Und er beobachtet: Was zuende ist, lebt immer weiter. Aber in Trauer. Zwei stilisierte offene Gräber im Bühnenboden. Eine Art Fashionshow, gespielt von den männlichen Schauspielern/Tänzern, verwoben mit einzelnen Momenten aus Shakespeares Drama. Mit dem Drama und der Trauer. Es bleibt die Präsentation (der Männer), ihre Überzeugung von sich, ihr Behauptungswille, ihre Widerstände, ihre Kämpfe, ihre Konkurrenz. Aber es bleibt alles neben der Trauer und der Tragödie. Man könnte sagen: Auch vor der Liebe bleiben wir immer hilflos. Ästhetisch sehr besonders, auf karger dunkler Bühne mit umso hervorstechenderen Elementen wie der Kostümierung, der Musik, den Gesten, der Eleganz der Bewegungen. Aber man muss gar nicht soviel dazu sagen („Just feel it“, sagte mir Trajal Harrell danach). Sich treiben lassen, wenn man offen ist dafür, mehr geht kaum!
Copyright des Blogbildes: Orpheas Emirzas
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Allgemein Gesehen und gehört

THEATER: Rimini Protokoll, Gob Squad, SheShePop

In München leuchtet derzeit die Performancewelt. Zur Irritation der Münchner holt der neue Intendant Matthias Lilienthal einige der besten deutschsprachigen Performancekollektive, Rimini Protokoll, Gob Squad oder SheShePop  an die Kammerspiele. Gestern war wieder eine Premiere: Eine Annäherung an das Mammutwerk Krieg und Frieden von Leo Tolstoi. Es hieß War an Peace. Keine Frage: Das geht zu Lasten des guten Ensembles der Kammerspiele, denn eine Performance lebt nicht von Schauspiel! Aber es bleibt eine jedenfalls für diese Spielzeit interessante Erfahrung! Man mag hoffen, dass Matthias Lilienthal in den kommenden Spielzeiten das wertvolle Ensemble der Kammerspiele wieder mehr schätzt. Auch um es nicht zu vergraulen. Man sieht sie fast garnicht mehr! Aber für diese Spielzeit kann man sich sagen: Theater mit Performances zu kombinieren ist ein für München auf jeden Fall interessanter Versuch, der einige aus dämmerigen Schlummerschlaf aufrütteln kann. Frage: Wo liegt der Unterschied zwischen Theaterschauspiel und Performance?

Performance als Kunstrichtung gibt es seit den 60er-Jahren, beeinflusst u. a. durch den Dadaismus (siehe Blogbeitrag). Performance ist häufig ortsgebunden, kann jedoch überall, zu jeder Zeit und ohne zeitliche Begrenzung stattfinden. Dabei kommen vier Grundelemente ins Spiel: Zeit, Raum, der Körper des Künstlers und eine Beziehung zwischen dem Künstler und dem Zuschauer. Es wird nicht „ein Stück aufgeführt“, sondern die Entwicklung im Ablauf einer Performance ist ein wesentliches Element. Nicht selten sind Performances offene künstlerische Versuchsanordnungen ohne Ablaufkonzept.

Rimini Protokoll (zeigte kürzlich Qualitätskontrolle, das Leben einer Querschnittsgelähmten) schreibt: Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Weiterentwicklung der Mittel des Theaters, um ungewöhnliche Sichtweisen auf unsere Wirklichkeit zu ermöglichen.

Für Gob Squad (zeigt derzeit War and Peace von Leo Tolstoi) wird eine Grenze überschritten, wenn sie mit Schauspielern zusammenarbeiten, wie jetzt bei War and Peace. Sie arbeiten nicht mit einem Regisseur.  Jeder auf der Bühne ist Miturheber der Performance. Es geht um Selbstreflexion der Akteure zu einem bestimmten Thema, evtl. unter Einbezug des Publikums, der Passanten etc.

SheShePop (zeigt derzeit 50 Grades of Shame) schreibt: Wir sind keine Darstellerinnen. Vielmehr stellen wir uns selbst und gegenseitig Aufgaben und lösen sie auf offener Bühne. Aus dem eigenen Erfahrungshorizont entwickeln sich unterschiedliche Perspektiven auf eine Frage. Das wird mitunter als autobiografisches Theater gedeutet. Tatsächlich ist der Bezug zum eigenen Leben eine Methode, nicht das Thema. Durch Verdichtung entsteht aus dem persönlichen Material eine erkennbare künstlerische Strategie und eine ins Beispielhafte stilisierte Position. Das Eigene ist dabei das Fremde, Monströse. Das gilt neuerdings auch umgekehrt: In einigen unserer neueren Shows bearbeiten wir bekannte monströse Texte aus dem literarischen Kanon mit eben dieser autobiografischen Methode.

So näherte sich auch das Konzeptkollektiv Gob Squad dem Thema Krieg und Frieden und dem Buch Krieg und Frieden von Leo Tolstoi. Es bleibt spannend und mag jedem ein Anreiz sein, sich einmal über den Tellerrand hinaus mit Performances und damit der sehr subjektiven, fast autobiografischen Befassung von Performern mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen.

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