Kategorien
Allgemein

THEATER: Friedrich Schiller – Wallenstein

Die Inszenierung „Wallenstein“ von Hausregisseur Jan-Christoph Gockel an den Münchner Kammerspielen könnte gut heißen „Wallenstein plus 3“, so viele Themen werden hier – absolut beeindruckend, aber Genaueres siehe unten – bearbeitet: Basis ist natürlich der Wallenstein von Friedrich Schiller + Nummer 1 on top ist: Kochen/Essen/das Publikum + Dazu kommt als Nummer 2 on top: Das Ensemblemitglied Samuel Koch (der Wallenstein im „Wallenstein“) und sein Assistent ganz persönlich, außerhalb von „Wallenstein“ + Immer wieder kommt auch Nummer 3 on top dazu: Die Recherchen zu Putins Ex-Schergen Prigoschin (Putin/Prigoschins „Wagner Truppe“/Russland/Ukraine). Puh, das ist viel, aber es sind ja auch sieben Stunden mit drei Pausen, zwei kurzen und einer großen Pause, so sind es fünf Stunden echter Spielzeit.

Mir sagte eine Zuschauerin schon in einer der Pausen: „Das ist sicherlich eine der irrsten Wallenstein-Inszenierungen bisher.“ Sie wird Recht haben!

Zunächst: In der deutschen Geschichte geht es für mich damit theatermäßig momentan wieder einen Schritt zurück:

  • ERSTER SCHRITT: „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun (HIER, am Residenztheater). Zwei Tage kurz vor dem 2. Weltkrieg, im Jahr 1936.
  • ZWEITER SCHRITT:  „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth (HIER, auch am Residenztheater). Ein Tag auf dem Oktoberfest in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ab 1929.
  • DRITTER SCHRITT: „Der Untertan“ von Heinrich Mann (HIER, am Cuvillestheater). Die Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg, das Ende der wilhelminischen Kaiserzeit.
  • VIERTER SCHRITT: Jetzt „Wallenstein“ von Friedrich Schiller, an den Kammerspielen. Der Dreißigjährige Krieg.

Ein erstes Fazit zum „Wallenstein“ ist nun: Theaterherz, was willst du noch irgendwie mehr haben?

Die Inszenierung ist ein Theaterfest, was man dort im Lauf der sieben Stunden auf der Bühne, im Zuschauerraum, vor dem Theater auf der Maximilianstraße per Live-Video, an Szenen und Stimmungen sieht, ist großartig. Alles wird eingesetzt! Livemusik auf der Bühne, eine starke Schlagzeugspielerin (Maria Moling), manch Gesang dazu, manch Mikrofoneinsatz, wunderbare Bühnenbilder, immer wieder wechselnd, Live-Spiel auf der Maximilianstraße und und und. Auch schön zu sehen ist allein der Teil auf der fast komplett leeren riesigen und unglaublich hohen Bühne der Kammerspiele. Dann wieder senkt sich ein riesiger bunter Kronleuchter ….

Auch schauspielerisch lässt sich sagen: Was will man mehr! Vor allem mit größter Bühnenpräsenz spielen Annika Neugart, Katharina Bach und Samuel Koch. Diese drei seien hier aus meiner Sicht hervorgehoben, sie tragen diese Inszenierung. Jeder mag es anders sehen, alle Beteiligten sind ja gut! Auch etwa besonders Johanna Eiworth, selbstverständlich gut wie immer Annette Paulmann (auch als Köchin wohl), und köstlich auch André Benndorf als „CEO“ der mit modernem Outfit und herrlicher, satirischer Attitüde etwa erklärt, man sammle Daten über Wallenstein, Questenburg im Schillerschen Wallenstein, Gesandter des Kaisers. Samuel Koch ist als Wallenstein ohnehin schon eine sehr gelungene Besetzung!

Apropos „gelungen“ und „köstlich“: Das Thema Kochen leitet den Abend ungewöhnlich ein. Großartig ist die erste halbe Stunde, weitgehend wortlos beobachtet man die SchauspielerInnen des Stückes beim Kochen, auf der Bühne hinter einer langen Kochzeile stehend, beim Vorbereiten der Speisen, die in der großen Pause 28 TheaterbesucherInnen auf der Bühne an langer Tafel dargeboten werden. Eine Tafel wie zu Königs Zeiten, andererseits in Wallensteins Lager. Ossobuco! Es riecht köstlich im Theaterraum. Besonders sind auch die Filmaufnahmen der Küchenarbeiten auf der Bühne. „Kochen ist Krieg“, heißt es einmal. Und: „Der Krieg ernährt den Krieg“. Sehr eigenwillige schwarz-weiß Filmaufnahmen mit herumgehender Livekamera vom Schnippeln, vom Trennen, Mischen, Rühren, Schneiden, Putzen, Braten, von Blut, Fleisch, vom Durcheinander, von den Messern und und und. Diese Aufnahmen haben mich begeistert.

Man könnte so viel darüber schreiben, alles ist eine wunderbare und in sich immer zusammenpassende Mischung, eine Vermischung von so vielem, und doch bleibt alles selbständig! Klasse gemacht! Wie gesagt, man verfolgt ja quasi VIER Themen. Das ist viel, und alles wird ständig getragen und gestützt von Friedrich Schillers Drama „Wallenstein“. Die Übergänge zwischen den Themen sind manchmal kaum zu merken, Samuel Koch ist plötzlich in einem ganz persönlichen Gespräch mit Nadége Meta Kanku, die gerade noch Wallensteins Tochter war, sie reden ganz persönlich-reell über Samuel Kochs besonderes Leben – auch sein Assistent tritt auf, auch er ist dann wiederum eine Kriegsperson um Wallenstein herum, Buttler. Dann wieder ist Samuel Koch plötzlich der Herzog Wallenstein, in Schillers Sprache, von einem Satz zum nächsten.

Dazwischen immer wieder – auch ein Thema „neben“ Wallensteins Niedergang im Drama – Sergei Okunev, dramaturgischer Mitarbeiter, der von seinen echten Recherchen über das Leben des Putin-Schergen Prigoschin erzählt. Sehr locker, humorvoll, sympathisch, erfrischend erzählt er, zeigt Fotos und Filmchen von Putin und Konsorten, etc. Okunev führt dann wiederum die Livekamera beim Kochen! Alles mischt sich eben!

Es ist allerdings viel und irgendwie auch etwas widersprüchlich, das muss man aushalten. Einerseits das ernste historische Thema „Wallenstein“, das Drama von Friedrich Schiller, das man erwartet, über Wallenstein, einst der treue Gefährte des Kaisers, er will ja den Kaiser stürzen. Dazu andererseits das fast noch ernstere, weil „aktuelle“ Thema „Ukraine/Russland/Putin“, der ja im Flugzeug umgekommene Söldner Prigoshin mit seiner Wagner Truppe. Diese Themen stehen nebeneinander, es gibt sicher auch Parallelen: Wallenstein und Prigoschin führten Söldnertruppen, sie mussten sterben (Wallenstein am Ende, Prigoschin am Anfang des Nachmittags/Abends)! Aber genügt diese Parallele? War alles nicht doch sehr sehr unterschiedlich? War ein Krieg damals auch nur irgendwie vergleichbar mit heutigen Kriegen? Was bringt die Parallele „Wallenstein/Wagner Truppe?“.

Auch etwas unverständlich war mir: Wie sehr wollte Wallenstein damals eigentlich den Krieg gegen seinen Kaiser? Ihn drängen ja hauptsächlich seine Generäle! Er selber zaudert lange. „Nicht labern, handeln“ heißt es ja deutlich lesbar auf der Bühne. Prigoschin starb vielleicht durch Putin, Wallenstein wurde von seinen Generälen umgebracht, nicht durch den Kaiser, wenn ich es recht sehe.

So bleibt am Ende zum Einen die Begeisterung über diese Darstellungen und die Inszenierung, über dieses wahre Theaterfest, aber zum Anderen auch ein wenig das ungute Gefühl und die Frage: Hat man jetzt ein grandioses Fest miterlebt, ein Theaterkunstwerk, das gut zum Theatertreffen eingeladen werden kann, oder hat man ein schweres Thema oder gar zwei schwere, düstere Themen (Wallenstein und Prigoshin/Putin) oder gar drei solcher Themen (Wallenstein und Prigoschin und Söldnertruppen) mitgenommen? Das löst sich am Ende auch nicht einfach – mit einem sehr besonderen Soloauftritt von Katharina Bach – durch den Satz: „Der Mensch ist größer als der Krieg“. Dieser Satz war mir fremd nach dem Nachmittag/Abend.

Hier noch zwei Fotos:

Auf der Maximilianstraße:

Auf der Bühne:

Zu allem ist zu empfehlen das Zusatzheft über Wallenstein-Materialien, Texte und Bilder, die einen tollen Einblick geben. Man kann es im Foyer für fünf Euro kaufen.

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

THEATER: Friedrich Schiller – Maria Stuart

Die zehn zum Theatertreffen 2021 nominierten Inszenierungen deutschsprachiger Theater werden vom 13. bis 24. Mai 2021 als Livestream aus dem jeweils produzierenden Theater oder als Aufzeichnung – u. a. in Zusammenarbeit mit dem Medienpartner 3sat – präsentiert. Einzelheiten zur Terminierung werden Ende April bekannt gegeben.

Ich konnte von dieser Auswahl bisher „Der Zauberberg“ in der Inszenierung von Sebastian Hartmann (Deutsches Theater Berlin) (HIER), „Einfach das Ende der Welt“ in der Inszenierung von Christopher Rüping (Schauspielhaus Zürich) (HIER dazu ein einführender Link) sowie „Medea*“ in der Inszenierung von Leonie Böhm (Schauspielhaus Zürich) (HIER) sehen.

Jetzt hatte ich noch die Gelegenheit, eine vierte der für 2021 ausgewählten Inszenierungen zu sehen: „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller in der Inszenierung von Anne Lenk (Deutsches Theater Berlin).

Es ist ein Klassiker par exellence, aus der Zeit der Weimarer Klassik. Das absolutistische Denken steckte den Menschen in den Knochen, Gefühle sollten aber hinzukommen. Zwar nicht im Sinne des weit heftigeren damaligen „Sturm und Drang“, sondern ausgewogener, der ausgewogenen Klassik entsprechender. Königin Elisabeth ist insoweit in diesem Drama bekanntlich davon hin und hergerissen, wie sie mit ihrer Schwester Maria Stuart, die in England festgenommen wurde, umgehen soll. Soll sie das gerichtliche Todesurteil vollstrecken?

Die Inszenierung von Anne Lenk bleibt klassisch. Das Bühnenbild ist durchaus eigenwillig, eine durchaus interessante Idee, sie ändert aber nichts an der inhaltlichen klassischen Wirkung des Dramas von Friedrich Schiller. Zwar wird damit ein Recht eigenwilliger singulärer Auftritt aller SchauspielerInnen ermöglicht, es entsteht der Eindruck, jeder Akteur und jede Akteurin handle in seinen/ihren Grenzen. Es bleibt aber geradezu puristisch die klassische Erzählung. Klassik meets Klassik. Wie oben im Beitragsbild zu sehen ist, treten alle SchauspielerInnen jeweils in jeweils eigenen rot gefärbten Kästen auf, sie agieren allesamt getrennt voneinander. Vor allem Julia Windischbauer als Elisabeth, Königin von England, und Franziska Machens als Maria Stuart, festgenommene Königin von Schottland.

Damit allein – mit dem Bühnenbild – werden allerdings keineswegs besondere neue Aspekte des Dramas beleuchtet, es wird keine neue Sichtweise des Dramas gezeigt, es wird (anders als etwa in der Inszenierung „Medea* von Leonie Böhm) das klassische Drama – meist dem Originaltext treu – gespielt. Im Grunde wird dadurch nur der klassische Text des Dramas wichtiger. Und die argumentativen Handlungen der einzelnen Personen – die zaudernde Königin Elisabeth soll ja bei ihrer Entscheidung beeinflusst werden – werden dadurch ein wenig klarer beleuchtet. Das schon. Mehr nicht.

Die Jury des Berliner Theatertreffens formulierte in ihrer Begründung zur Auswahl dieser Inszenierung darüber hinaus zwar, es sei ein „an schauspielerischen Feinheiten reicher Abend“. Mein Eindruck dazu allerdings war, dass den Schauspieler und Schauspielerinnen doch – abgesehen vom Text – in ihren Kästen eigentlich sogar weniger Gelegenheit gegeben war, „schauspielerische Feinheiten“ zu zeigen.

Nun, das mag man auch anders empfinden. Je nach Interesse, sich in die Positionen der verschiedenen AkteurInnen hineinzuversetzen. Insoweit lohnt es sich dann doch, diese zum Theatertreffen 2021 ausgewählte Inszenierung spätestens im Mai online anzusehen.

HIER der Link zur Stückeseite von „Maria Stuart“ auf der Website des Deutschen Theaters Berlin.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair

THEATER: Leonie Böhm – Die Räuberinnen

„Die Räuberinnen“ nach Friedrich Schiller von Leonie Böhm, gestern war Premiere an den Münchner Kammerspielen. Ich muss es mir noch einmal ansehen, Einzelheiten würden mich genauer interessieren, bevor ich etwas Detaillierteres dazu schreiben könnte. Hier zunächst ein paar ganz grundsätzliche Überlegungen:

Ich finde, man kann sich dessen bewusst sein, dass man wieder einmal an den Münchner Kammerspielen Stücke sieht, die besonders auffallen. Auffallen, weil man aus den üblichen Theatergewohnheiten herausgerissen ist. Das ist an den Münchner Kammerspielen in den letzten Jahren immer wieder der Fall gewesen, dennoch fällt es jetzt wieder auf:

„Die Räuberinnen“ und ein anderes Stück, das derzeit dort zu sehen ist: „Nirvanas Last“ von Damian Rebgetz, Erinnerungen an das letzte je gegebene Konzert von Nirvana vor dem Selbstmord von Curt Cobain. Diese beiden Veranstaltungen zeigen, welche Wege die Münchner Kammerspiele der Theaterkunst eröffnen. Und nicht etwa hinten in den kleineren Kammern 2 oder 3. Nein, vorne in Kammer 1!

„Die Räuberinnen“ sieht man in einer einfach abgefahrenen Inszenierung! Es „Inszenierung“ zu nennen, ist schon zuviel gesagt. Performance vielleicht eher. Es fällt mir fast schwer, es einfach zu „besprechen“. Es ist irgendwie abgefahren und berührt einen selbst thematisch durch die Leistungen der vier Schauspielerinnen. Eva Löbau, Julia Riedler, Gro Swantje Kohlhoff und Sophie Krauss.

Die SchauspielerInnen haben sicherlich intensiv an der Entstehung des Abends mitgewirkt und werden das Stück im Lauf der nächsten Monate sicherlich – hört man, ahnt man, weiß man – auch weiter entwickeln. Ich kann mir etwa nicht vorstellen, dass Leonie Böhm den Schauspielerinnen gesagt hätte: „Und jetzt zieht euch bitte aus!“ und die Schauspielerinnen gesagt hatten: „Ok, machen wir!“ Nicht bei dieser Inszenierung, es wird viel individueller – aber in der Gemeinschaft der vier – gelaufen sein.

Man sieht eben nicht die Leistung eines Regisseurs, der ein „Stück“ auf die Bühne bringt, man sieht – mehr als sonst – künstlerische und sehr ins Persönliche gehende Leistungen der mitwirkenden Schauspielerinnen. Und zwar so offen, dass Eva Löbau zu Beginn des Abends zurecht darauf hinweist, dass keine Fotoaufnahmen gemacht werden sollen. Sie offenbaren sich, sie entblößen sich, entäußern sich. Trotzdem passend, nicht überambitioniert, nicht gewollt, nicht reißerisch.

Ähnlich – nicht etwa extrem allerdings – bei „Nirvanas Last“ von Damian Rebgetz – meines Erachtens ein Kandidat für das Theatertreffen 2020 in Berlin. Die dortigen SchauspielerInnen (teils mit weiteren MusikerInnen) singen komplett das letzte je gegebene Konzert von Nirvana nach. Auch das ist nicht ein „Stück“, es ist mehr persönliche Leistung der SchauspielerInnen. Sie singen die Songs in völlig andere Art und Weise. Mit Sehgewohnheiten alter „Theaterhasen“ hat das nichts zu tun. Für junge Menschen ist es schon eher!

Und das ist schön! Kunst ändert sich! Es mag beim Theater die Tendenz geben, dass man eben immer wieder „Theater“ sehen will, gelungene „Inszenierungen“, „Klassiker“ auch. Man verfällt Gewohnheiten. Mehr wahrscheinlich, als wenn man in eine Ausstellung geht. Gut, „Die Räuberinnen“ von Leonie Böhm basiert auf einem Klassiker: „Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Aber die Handlung des Klassikers verschwindet hier vollkommen. Der Grundgedanke, der aus „Die Räuber“ herausdestilliert wird, ist etwa: Was hält uns davon ab, nach eigenen Konzepten und Entwürfen zu leben, anstatt nach vorgegebenen Konditionen, nach gesellschaftlichen Vorgaben? Und: Wie können wir in diesem einen Leben frei sein? Es geht vor allem auch nicht nur um Individualismus, sondern Gott sei Dank um Gemeinschaft! Aber das sagt alles noch viel zu wenig. Mehr dazu versuche ich in Bälde.

Hier ein paar Links, in denen schon mehr über den Inhalt des Abends gesagt wird:

HIER der link zur außergewöhnlich gut gelungenen – mein subjektiver Eindruck – Besprechung auf http://www.nachtkritik.de (mit weiteren Fotos).

HIER der link zu einer ebenfalls guten – finde ich – kürzeren Besprechung im Deutschlandfunk Kultur.

HIER ein Gespräch mit Leonie Böhm in der Abendzeitung.

HIER die Seite zum Stück auf der Website der Münchner Kammerspiele

© des Beitragsbildes: Judith Buss