THEATER: Transfer Bochum Zürich

Ich hatte nachgesehen: Wo geht eigentlich Anna Drexler hin, die ja in der vergangenen Spielzeit am Münchner Residenztheater engagiert war und davor an den Münchner Kammerspielen war. Nun, sie ist jetzt Mitglied des Ensembles des Schauspielhauses Bochum.

HIER die „Spielzeitzeitung“ des Schauspielhauses Bochum für 2019/2020. Intendant des Schauspielhauses Bochum ist ja Johan Simons! Im Frühjahr 2020 kommt ja am Schauspielhaus Bochum auch „Miranda July’s Der erste fiese Typ“ mit Anna Drexler. Das Stück hatte an den Münchner Kammerspielen Uraufführung. Schönes Stück! Hier ein Foto:

©️ David Baltzer, Kammerspiele

Dabei ist mir noch Folgendes aufgefallen: Zwischen dem Schauspielhaus Zürich und dem Schauspielhaus Bochum ist eine „langfristige Zusam- menarbeit“ vereinbart worden. „Transfer Bochum Zürich“. Gut, Gastauftritte anderer Theater gibt es immer wieder. Es scheint aber zwischen Bochum und Zürich einen etwas beständigeren Boden zu bekommen. Es heißt dazu:

„Beide Bühnen verbindet das Bestreben, ein modernes Stadttheater zu entwerfen, das sowohl ästhetisch als auch strukturell den Herausforderungen der Gegenwart gewachsen ist. Konkret zeigt sich die Partnerschaft darin, dass das Schauspielhaus Zürich in den nächsten Jah- ren je eine Arbeit pro Spielzeit aus Bochum zeigt. Andererseits wird eine Arbeit vom Schauspiel- haus Zürich nach Deutschland reisen. Den Anfang machen in der ersten Spielzeit jeweils Arbeiten der beiden Intendanten Nicolas Stemann und Johan Simons.“

Von Nicolas Stemann wird in Bochum die Inszenierung „Der Streik“ gezeigt. Von Johan Simons wird in Zürich die Inszenierung „Plattform/Unterwerfung“ gezeigt.

MUSIK: R.E.M. & Neil Young – Country Feedback

Ich bin wieder fündig geworden. Ein sehr schöner Song von R.E.M. und Neil Young, „Country Feedback“.

„This is my particular R.E.M. favourite song“, sagt er. Bis Michael Stipe, der Sänger von R.E.M., einsetzt, klingt die Gitarre von Neil Young irgendwie so, als würde sie auch schon etwas singen. Und dann ist es immer wieder ein Wechsel von Michael Stipes Gesang zu Neil Young‘s Gitarre und zurück.

THEATER: Neue Intendanzen

Hier im Überblick ein paar Änderungen in den Intendanzen großer deutschsprachiger Bühnen zur kommenden Spielzeit 2019/2020. Das Karussell dreht sich und ich habe davon Stück für Stück gelesen.

Münchner Residenztheater: Andreas Beck kommt vom Theater Basel für Martin Kušej. HIER das Spielzeitheft 2019/2020. HIER ein Gespräch mit Andreas Beck über seinen Wechsel.

Wiener Burgtheater: Martin Kušej kommt vom Residenztheater München für Karin Bergmann. HIER das Spielzeitheft 2019/2020. HIER ein interessanter Bericht aus der österreichischen Zeitung DER STANDARD über die Vorstellungen und Pläne von Martin Kušej und Neuerungen für das Wiener Burgtheater.

Schauspielhaus Zürich: Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg, Regisseur bzw. Dramaturg, kommen von den Münchner Kammerspielen für Barbara Frey. HIER das Spielzeitheft 2019/2020. HIER ein Interview von Zeit online mit Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg.

Am Staatstheater Cottbus wird der Schweizer Stephan Märki, Präsident des Schweizerischen Bühnenverbands und früherer Intendant des Potsdamer Hans-Otto-Theaters, neuer Intendant.

Schauspiel Hannover: Sonja Anders übernimmt von Lars-Ole Walburg. Anja Anders war 2009-2018 Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin am Deutschen Theater Berlin.

Nicht ganz klar ist mir das Theater Basel: Andreas Beck ist ja weg, zum Residenztheater München. Und „2020“ kommt dann Benedikt von Peter aus Luzern für Andreas Beck nach Basel.

Aktuelle Meldungen noch:

Voraussichtlich wird – wird es noch im Juni bekanntgegeben? – der Regisseur René Pollesch neuer Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz.

Kay Voges kommt 2020 vom Schauspiel Dortmund für Anna Badora an das Volkstheater Wien. HIER das Spielzeitbuch des Volkstheaters Wien 2019/2020. Und die Schauspielerin Julia Wissert folgt dann 2020 voraussichtlich als Intendantin am Schauspiel Dortmund auf Kay Voges. HIER das Spielzeitheft 2019/2020 aus Dortmund.

Und ich trinke jetzt einen Kaffee. Ist auch wichtig.

THEATERTREFFEN EXTRA: Ágota Kristóf – Das große Heft, Fassung von Ulrich Rasche

Ulrich Rasche! Er war schon 2017 mit Friedrich Schillers „Die Räuber“ auf dem Theatertreffen, war 2018 mit Georg Büchners „Woyzeck“ auf dem Theatertreffen und dieses Jahr, 2019, mit „Das große Heft“, einem Roman von Ágota Kristóf.

Ein grauenhaftes Buch und eine Inszenierung, die einen mitgenommen hat. Das Grauenhafte kam in der für Ulrich Rasche so typischen Art der Inszenierung diesmal sogar noch etwas stärker zum Vorschein.

Sie waren Zwillinge – es war Krieg – ihre Mutter brachte sie zur Großmutter in die ländliche Gegend, weg von der bedrohten Hauptstadt – die Zwillinge lernten fürchterliches Leid kennen, Dreck, Hunger, Vergewaltigung, Erniedrigung, Tod, Lust an Gewalt etc. – aber sie nahmen alles hin, lernten daran, stählten sich, fasteten, töteten Tiere, sehen Sodomie, stellten sich blind und taub, fügten sich selbst Schmerzen zu, beleidigten sich gegenseitig und und und – sie behielten trotz allem in kleinen Momenten ihre Menschlichkeit – dadurch, dass sie ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Beobachtungen in einem „großen Heft“ festhalten, entsteht eine Aufsatzsammlung – was mit Mutter und Vater geschah, verrate ich hier nicht – es geht bis zum Ende, das noch einmal besonders grausam ist. Ergebnis: Brutalst gestählert für das Leben – es sind ja Kriegszeiten – und trotz aller Grausamkeit immer noch mit Herz? Geht das? Ist etwas unerschütterlich? Oder ist das Leid letztlich größer?

Es gibt eine (wahrscheinlich gelungene) Verfilmung des Romans, HIER der Trailer.

Warum sich Ulrich Rasche dieses grauenhafte Buch herausgesucht hat, verstehe ich nicht ganz. Nur um zu erschüttern und zu beeindrucken? Das wäre wahrlich gelungen! Ich habe lange überlegt: Langsam frage ich mich, was denkt sich Ulrich Rasche dabei? Wie schon mehrfach gesagt: Es ist ja keine Theateraufführung, es ist etwas Anderes. Ulrich Rasche bringt Literaturshows auf unglaublich eindringlicher Art und Weise auf die Bühnen. Kann man Literatur in dieser Art so vereinheitlichen? Zu was führt das? Gut, es macht einerseits den Text eindringlicher und bewusster. Der Text und der Inhalt – nur darauf kommt es Ulrich Rasche vielleicht an – werden dem Zuhörer geradezu eingehämmert. Das hat eine beeindruckende Wirkung und kommt den puren Texten der Werke meist zugute. „Achte nur auf das, was der Autor sagt“, scheint Ulrich Rasche sich und uns zu sagen.

Andererseits aber gehen Elemente verloren: Jede Nuance der Gefühlswelt. Jede Freude. Jede Gelassenheit. Jede Leichtigkeit. All das will Ulrich Rasche nie zeigen! Es geht unter im Gebrüll, im Stakkato des Textes, im Ambiente insgesamt. Alles wirkt schwer. Wird der Zuhörer durch diese Art der Darbietung übertölpelt? Soll er einen ganz bestimmten Eindruck bekommen? Man kommt ja kaum zum Atmen. Ich bin fast schon vorsichtig, lese die Texte dann lieber noch einmal!

Ágota Kristófs trauriger Roman „Das große Heft“ ist 1986 erschienen, wurde in 30 Sprachen übersetzt. Noch lauter, noch bedrohlicher und aggressiver als in seinem bisherigen Stücken wird der Text des Buches hier in großen Ausschnitten von den auf sich drehenden Scheiben ständig marschierenden Schauspielern einzeln oder im Chor rezitiert, gerufen, geschrien. Noch eindringlicher als sonst. Und wie immer begleitet von monotoner Livemusik, Schlagzeug, Violinen, Cello, E-Bass. Auch die Musik schien mir diesmal noch ein wenig lauter. Diesmal waren es im Übrigen nur männliche Mitwirkende, auch das prägte den Abend mit. Es war alles beeindruckend, aber grenzwertig.

In der nächsten Spielzeit übrigens wird Ulrich Rasche auch erstmals am Wiener Burgtheater inszenieren. „Die Bakchen“ von Euripides. Männlich kann es dann wohl kaum werden. HIER der Link zum neuen Spielzeitheft des Burgtheaters in Wien. Es wird ja dort die erste Spielzeit unter dem neuen Intendanten Martin Kušej sein.

Es gab ja kürzlich auch schwere Vorwürfe gegen Ulrich Rasche am Frankfurter Schauspielhaus. HIER ein Bericht der FAZ. Schade. Offenbar gab es Schwierigkeiten im Umgang Ulrich Rasches mit seinen Mitarbeitern. Vielleicht fehlen ihm im wahren Leben doch die Dinge, die auch in seinem Literaturtheater fehlen (siehe oben)? Die Leichtigkeit etc.

HIER ein kurzes Video des Staatsschauspiel Dresden zur Inszenierung.

©️ des Beitragsbildes: Sebastian Hoppe

LITERATUR: Saša Stanišić – Herkunft

Ich hatte vor Jahren einen Roman von Saša Stanišić gelesen und fand ihn sehr gut: „Vor dem Fest“ hieß er. Saša Stanišić hatte – ich glaube 2016 – dafür den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Jetzt habe ich sein neuestes Werk gelesen. „Herkunft“ heißt es.

Meine Bewertung (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚 (6)

Saša Stanišić schreibt an einer Stelle: „Bin das ich? Sohn meiner Eltern, Enkelsohn meiner Großeltern, Urenkel meiner Urgroßeltern, Kind Jugoslawiens, geflüchtet vor einem Krieg, zufällig nach Deutschland. Vater, Schriftsteller, Figur. Bin das alles ich?“ Genau darum geht es. Saša Stanišić erzählt von seiner Herkunft. Nicht nur von der jugoslawischen Heimat, seinem Geburtsort, nein, vielmehr von seinen Erinnerungen, seinen Vorfahren, seinem Lebensweg, dem Lebensweg der Vorfahren. Das ist für ihn Herkunft.

Saša Stanišić schreibt in vielen kleinen Kapiteln über all das. Er schreibt immer wieder über Erlebnisse und Erinnerungen, über Personen seiner Zeit in Jugoslawien und in Deutschland.

Inhaltlich: Geboren ist er am 7. März 1978 („Ich bin in einem Land geboren, das ist nicht mehr gibt.“) – die Flucht der Mutter mit den Kindern vor dem Krieg in Jugoslawien nach Deutschland 1992 („1991 waren Zugehörigkeiten ein Zündstoff geworden.“) – der Vater kam ein halbes Jahr später nach, die Großeltern kamen 1995 nach Deutschland – sie lebten zunächst in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Heidelberg – die Eltern mussten Deutschland 1998 wieder verlassen, wanderten nach Florida aus – seine Fahrt in sein Heimatdörfchen Višegrad 2009 – Besuch eines Friedhofes in Oskoruša – Besuch der Ruine des Hauses seiner Urgroßeltern – zunehmend geht es im Verlauf des Buches um den Tod seiner Großmutter – der Besuch der Großmutter in Višegrad 2018 – die Großmutter stirbt im November 2018 – Saša Stanišić lebt aktuell in Hamburg. Das ist der Rahmen für viele kleine Erzählungen.

Es geht hin und her in den Jahren, hin und her zwischen den Personen. Manchmal nicht leicht, ich habe das Buch mehrfach durchblättern müssen, um einen Überblick zu bekommen. Ich rate dazu an, sich die Personen und Jahreszahlen im Text immer wieder kenntlich zu machen, zu markieren, dann geht das Buch auf. Saša Stanišić kommt augenscheinlich – und verständlicherweise – selber nicht leicht damit zurecht, in Deutschland/Hamburg zu leben und eine völlig andere Herkunft zu haben. Geboren in einem Land, das es nicht mehr gibt.

Der Stil des Buches: Saša Stanišić erzählt von absolut höchstpersönlichen Erlebnissen, Erinnerungen, dennoch ist das Buch nicht getragen von Emotionen. Ganz im Gegenteil: Es ist geprägt von einer nüchternen, melancholischen und irgendwie auch fast traurigen Schreibweise. Kurz gehaltene Aussagen. Nach dem Motto fast: „In was bin ich da nur reingeraten?“ Gerade das macht es aber aus. Es schwingt auch immer eine Art Traurigkeit über den Verlust Jugoslawiens mit. Manchmal allerdings etwas kompliziert geschrieben, dachte ich. Aber Stanišić kann schreiben!

Ich habe mir, wie so oft, der Übersichtlichkeit halber eine Übersicht dazu erstellt. Alles auf einen Blick. Hier kann man sie herunterladen und zum Lesen dazunehmen:

Das Buch hat dann leider am Ende einen Teil, den ich nicht mochte: Der Leser wird angehalten, sich Stück für Stück selber zu entscheiden, wie und wo er weiter lesen will. Jeder findet damit sein eigenes Ende. Warum er das macht, erschließt sich mir nicht. Interessant ist daran allerdings, dass sich Wirklichkeit und Phantasie vermischen. Es geht in diesem letzten Teil des Buches um die Frage: Wie endete das Leben der Großmutter?

Sechs Punkte vergebe ich nur, da ich das Gefühl hatte, dass ich beim ersten Durchlesen viel zu viel überlesen hatte. Ich hatte die zeitliche Orientierung verloren und bin über viele schöne Beschreibungen irgendwie hinweggehuscht.

HIER ein interessantes Gespräch auf ARD mit Saša Stanišić über sein Buch „Herkunft“.

HIER liest Saša Stanišić aus seinem Buch „Herkunft“. Man lernt ihn und ein wenig (10 Minuten) aus seinem Werk „Herkunft“ kennen.

HIER die Seite des Luchterhand Verlag es zu Saša Stanišić’s Buch „Herkunft“.

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Allgemein

SONSTIGES: Thom Luz – Radio Requiem

Inszenierungen von Thom Luz hatte ich schon mehrfach gesehen. Sie sind ruhig, sensibel, ausdrucksstark, oft etwas melancholisch, setzen nicht auf hektische Effekte und regen bei aller Einfachheit zum Denken an. Zuletzt war es „Girl From The Fog Machine Factory“. HIER mein damaliger Beitrag.

Jetzt etwas Neues von ihm. „Radio Requiem“ in Basel. Ich habe es noch nicht gesehen, vielleicht habe ich eine Gelegenheit. Thom Luz kümmert sich ja gerne um die Dinge, die so langsam aus unserer Welt verschwinden. Ein „Spezialist für alles, was verschwinden kann und trotzdem noch da ist“ heißt es. Mit seiner Hannoveraner Treppenhausbespielung «Atlas der abgelegenen Inseln», der Mainzer Hinterbühnen-Verwandlung «Traurige Zauberer» und mit «Girl From The Fog Machine Factory» (Nebelmaschinen) wurde er schon zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen.

Jetzt also „Radio Requiem“. Das ehemalige SRF-Radiostudio „auf dem Bruderholz“ in Basel wird Ende 2019 abgerissen. Seit siebzig Jahren wurde an diesem Standort Radiogeschichte geschrieben. „Radio Requiem“ ist ein Spaziergang durch das Radiostudio. Und insgesamt sogar eine „Hommage an die goldene Zeit des Radio“, wie Deutschlandfunk Kultur HIER schreibt. Mehr Informationen zu dieser in Kleingruppen begehbaren Installation gibt es also auf Deutschlandfunk Kultur (siehe den link) und beim Theater Basel, zu finden über den Link rechts oben im Blog, dort ist der Weg zu den Onlineauftritten der großen deutschsprachigen Bühnen – mit Spielplänen etc.

Für hartgesottene Theaterfreunde gäbe es sogar eine Möglichkeit, einen Basel-Besuch zu verbinden mit Simon Stones sicher sehenswertem Stück „Hotel Strindberg“ – es war ja zum Theatertreffen 2019 in Berlin eingeladen: Man sieht am 4. Juli „Radio Requiem“, am 5. Juli „Exklusiv für alle“ – auch interessant! – und am 6. Juli „Hotel Strindberg“.

©️ des Beitragsbildes: Sandra Then, Theater Basel

THEATERTREFFEN EXTRA: PeterLicht – „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“ nach Moliére

Auch dieses Stück habe ich auf dem Theatertreffen 2019 gesehen. Es wurde auch ausgewählt. Ich schreibe wenig darüber, da es ohnehin nicht mehr zu sehen ist (nur noch vorübergehend auf 3sat). Im übrigen hat es mir überhaupt nicht gefallen.

Was war daran denn bemerkenswert? HIER der Link zu 3sat. Man möge sich selbst ein Bild machen.

In der Ankündigung heißt es: „… PeterLichts radikale Neudichtung von Molierès „Tartuffe“ in rasante Komik …“. Wie kann man nur so etwas von diesem Stück behaupten? Radikalrasante Komik! So humorlos bin ich doch garnicht!

PeterLicht kannte ich nicht. Er ist in der Theaterszene durchaus bekannt (gewesen). Ein Indie-Pop Musiker und Autor, heißt es auf Wikipedia. Er war vor Jahren auch mehrfach an den Münchner Kammerspielen. Und hat mit ein paar Büchern schöne Preise gewonnen. Unter anderem den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Vielleicht ist seine Zeit aber längst abgelaufen.

Aber es sollte ja alles so sein:

Bühnenbild: Eine höfische Holzfassade mit vielen Fenstern, Türen und Balkonen. Wie bei Romeo und Julia. Nicht bemerkenswert.

Kostüm: Aufgepluderte bunte Hofklamotten, mittelalterliche Püppchenklamotten, Clownsklamotten (fast) und blonde Haare dazu, was wohl besonders harmlos wirken sollte. Albern. Nicht bemerkenswert.

Schauspielleistung: Hektisch, zerfahren und viel zu schnell im Text. Ich konnte es Gottseidank auf 3sat noch einmal sehen. Nicht bemerkenswert. Wie schon einmal bemerkt: Offenbar meinen manche Regisseure und Theater, es müsste einfach viel geboten werden, es müsste ganz schnelles, einfach viel und verwirrendes Zeug und aufgekratztes Gerede gebracht werden!

Inhaltlich: Es ging in der ersten „Hälfte“ etwa ständig um das Wort „geil“. Das Neue, das Andere sei doch „geil“. Das Wort „geil“ ist aber, finde ich, völlig veraltet. War das „radikal“? Und dann ging es eine Zeit lang um Lutschbonbons. War das „radikal“? Und dann kamen ständig irgendwelche Wortspiele. Das „Geile im Ungeilen oder das Ungeile im Geilen“ und ähnlich. War das „radikal“ oder „rasant komisch“? Oder es ging um Nasenhaarextensions. „Radikal“ oder „rasant komisch“?

Es ist, fand ich, enttäuschend und fragwürdig, dass die Jury des Theatertreffens dieses Stück als besonders „bemerkenswert“ angesehen hat. Bei mir bleibt, wenn ich die beiden Inszenierungen von „Erniedrigte und Beleidigte“ und von „Tartuffe und das Schwein des Weisen“ sehe, der Eindruck hängen, dass die Jury zu konservativ denkt. „Wenn alles o. k. ist, warum soll es dann nicht so bleiben?“, wird an einer Stelle im „Tartuffe oder das Schwein des Weisen“ gesagt. So denkt man vielleicht.

Für mich ist aber eher das bemerkenswert, was den Zuschauer aufrüttelt, in besonderer Art und Weise zu Gedanken angeregt. Das war bei „Tartuffe oder das Schwein des Weisen“ wahrlich nicht der Fall.

THEATER: Simon Stone – Tragödienmaschine

Ein aktuelles Format für Theaterfreunde beziehungsweise für „Filmemacher“. Es ist nicht Theater live, man agiert online. Man kann sich derzeit aus 23 verschiedenen Szenen ein eigenes Stück kreieren, sofern man die Reihenfolge der Szenen dann „Stück“ nennen will. Es basiert auf Simon Stone’s derzeitiger Inszenierung „Eine griechische Trilogie“ am Berliner Ensemble.

In Zusammenarbeit mit ZDFkultur wurde das Portal eingerichtet, es heißt dort „Tragödienmaschine“. Seit Dienstag, 21. Mai 2019, können sich die Nutzer unter zdfkultur.de aktiv in dem Webprojekt zu Simon Stones Inszenierung bewegen. Je nachdem, für welche der 23 Szenen, die als einzelne Videos verfügbar sind, sich der User entscheidet, wird der Fokus auf einen anderen Aspekt des Stücks gelegt. Es geht immer um das Thema Mann und Frau. Wie in den ausgewählten Tragödien.

Das Schöne ist, dass es auf der Theaterinszenierung basiert, nicht etwa „Filmsequenzen“ bringt. Ich habe es noch nicht angesehen, kann daher wenig dazu sagen.

Die SchauspielerInnen:

  • Inge gespielt von Constanze Becker
  • Thomas gespielt von Andreas Döhler
  • Erik gespielt von Aljoscha Stadelmann
  • Charlotte gespielt von Caroline Peters
  • Ulrike gespielt von Kathrin Wehlisch
  • Lina gespielt von Stefanie Reinsperger
  • Nathalie gespielt von Judith Engel
  • Jakob gespielt von Peter Luppa
  • Friedrich gespielt von Samuel Schneider
  • Michael gespielt von Tilo Nest
  • Kit gespielt von C. P. Zichner

HIER der link zur Mitmachversion TRAGÖDIENMASCHINE auf ZDFkultur.

HIER der link zur Seite der Inszenierung „EINE GRIECHISCHE TRILOGIE“ von Simon Stone auf der Website des Berliner Ensemble.

©️ des Beitragsbildes: Thomas Aurin

THEATERTREFFEN EXTRA: Erniedrigte und Beleidigte – nach Fjodor M. Dostojewski

Beim ersten der hier besprochenen Stücke (vom „Stückemarkt“) ging es – utopisch, gelungen und teils poetisch – um das Verhältnis des Menschen zur Natur. Estado Vegetal von Manuela Infante. H I E R zum Bericht im Blog.

Beim zweiten der besprochenen Stücke ging es – komplizierter, wie beim Psychologen – um den Menschen selbst. Gewissermaßen um das Innere des Menschen. Persona von Ingmar Bergmann. H I E R zum Bericht im Blog.

Beim dritten Stück, über das sich jetzt schreibe, geht es um die Menschen untereinander. Um Liebschaften, Sehnsüchte, Abneigungen, Wünsche, Täuschung etc. Gefühle immer um das Thema Liebe herum. Erniedrigte und Beleidigte von Fjodr M. Dostojewski.

Ich schreibe gerne über das Stück, da es am Staatsschauspiel Dresden noch zu sehen sein wird. Vielleicht geht jemand hin. Ich schreibe ungern über Dinge, die kein Mensch mehr ansehen kann.

Ein entscheidendes Element des Stückes erkennt man gar nicht. Die SchauspielerInnen improvisieren jeden Abend insoweit, als sie die Teile des Stückes jeweils spontan zusammensetzen, ordnen. Es ist keine fortlaufende Handlung, es gibt Rückblenden, es gibt Vorgezogenes. Um das zu erkennen, muss man allerdings den Roman gut kennen.

Eine andere Besonderheit erkennt man gut: Die SchauspielerInnen malen während des zweieinhalbstündigen Stückes im Hintergrund ein riesiges Gemälde. Schwarz und Weiß. Warum sie dies tun, blieb mir allerdings etwas verschlossen.

Man kann dem Stück ohnehin inhaltlich schwer folgen, wenn man den Roman nicht kennt. Worum es geht? A liebt B. B liebt aber C. Der Vater von C möchte aber, dass C die D heiratet. Sie, D, ist vermögend, er hat Schulden. Dann gibt es noch das Waisenkind E und ihren Großvater G. Verbindung: E’s Vater ist … der oben genannte Vater von C! A kennt E. Die Mutter von E ist gestorben. E wächst woanders auf. Und weitere Personen gibt es. Das muss man erst einmal verstehen.

Mir ist nicht ganz klar geworden, warum dieses Stück als eines der „bemerkenswerten“ des vergangenen Jahres zum Theatertreffen ausgewählt worden ist. Ohne Frage: Schauspielerische Höchstleistungen sind zu sehen. Das sieht man auch gut in der Aufnahme des Stückes, die auf 3sat noch zu sehen ist (siehe unten). Allein auch die körperlichen Anstrengungen in diesem langen Stück, in dem eigentlich alle ständig wie wild über die große weitgehend leere Bühne laufen. Es wird auch nur hektisch und laut kommuniziert.

Ohne Frage auch: Es ist eine Inszenierung, die – so wie sie gemacht ist – in jeder Hinsicht stimmig ist. Es gibt keine Brüche. Keine Schwächen, kein Auf und Ab. Alles passt zusammen. Das ist das Gefühl, mit dem ich den Abend verlassen konnte. Das Gesamtbild war ein in sich gelungenes Gesamtbild, inhaltlich war ich aber verwirrt.

Denn: Was ist an der Inszenierung so „bemerkenswert“?

  • Schauspielerisch war es von jedem/jeder überzeugend, aber nicht unbedingt, fand ich, bemerkenswert.
  • Nachteilig war, wie gesagt, dass man dem Inhalt kaum folgen konnte. Da wird man als Zuschauer schnell überfordert.
  • Allein die gute Idee der spontanen Anordnung der Teile des Stückes durch die SchauspielerInnen auf der Bühne als „bemerkenswert“ anzusehen, wird es nicht gewesen sein.
  • Das Malen eines großen Bildes im Hintergrund der weiten Bühne ist auch nicht ganz neu.
  • Die Gesamtherangehensweise an diesen Roman von Dostojewski mag es eher gewesen sein. Man muss den Roman ja inhaltlich irgendwie packen, wenn man ihn auf die Bühne bringen will. Das permanente wirre und hektische Durcheinander der verschiedenen Interessen der in verschiedenen Beziehungen zueinander stehenden Personen war die Herangehensweise. Sie war aber auch erschwerend. Man konnte kaum unterschiedliche Charaktere erkennen. Alle Personen waren im Grunde gleichartig dargestellt, hektisch, total aufgedreht, überdreht, verwirrend und verwirrt.
  • Es ist auch ein Stück, aus dem man – ich jedenfalls – nichts „mitnimmt“. Man hat eine Interpretation eines recht selten gelesenen Dostojewski-Romans auf der Bühne gesehen. Es ging um Liebschaften etc. in St. Petersburg um vielleicht 1850. Man identifiziert sich aber nicht – oder wohl kaum – mit einer der Personen. Gut: Man hat einen Eindruck vom Roman, das war’s.

Mein Eindruck war auch: die Inszenierung war wie eine der längst bekannten Inszenierungen von Frank Castorf – nur ohne das bei Castorf auf einer Drehbühne stehende alte Gebäude mit Neonschriftzug. Frank Castorf ohne Drehbühne. Das war die Machart. Einen Unterschied zu Frank Castorf gab es ansonsten vielleicht noch: Frank Castorf mischt gerne verschiedene Vorlagen miteinander und macht etwas sehr Eigenes daraus. Sebastian Hartmann dagegen, der Regisseur dieser Inszenierung, bleibt weitgehend bei Dostojewskis Roman „Erniedrigte und Beleidigte„. Das allein ist aber auch nicht so „bemerkenswert“.

Die Schauspielerinnen verhalten sich auch im Grunde alle so, wie sie es bei einer Castorfschen Aufführung machen würden. Auch das ist wahrlich nicht „bemerkenswert“.

Es mag einige interessante Äußerungen der Personen zum Leben und zu ihrer Lebenseinstellung – und zur Kunst – gegeben haben, diese Äußerungen gehen aber in der Hektik unter. Auch die Einschübe von Texten aus der „Hamburger Poetikvorlesung“ von Wolfram Lotz gingen für mich meist in der Hektik verloren. Sie wurden auch meist im Laufschritt und mit unglaublichem Sprechtempo vorgetragen.

Alles war inhaltlich und textlich eben eine Nummer zu viel. Wie sollte man das alles verarbeiten? Aber so sind die Zeiten heute wohl! Es muss immer viel geboten werden, es muss immer hektisch sein. Man muss beeindrucken! Man muss Aufmerksamkeit erzeugen, unabhängig davon, dass man sich im Grunde gar nicht mehr versteht! Diesen Nerv hat die Inszenierung getroffen, das schon. Aber ist das „bemerkenswert“. Vielleicht, es war eben so gesehen Fjodr M. Dostojewski nach heutiger Machart.

In diesem Zusammenhang fragte ich mich aber (wieder), ob die Jury des Berliner Theatertreffens nicht zu konservativ an die Dinge herangeht. War das wirklich einer der bemerkenswertesten Höhepunkte der deutschsprachigen Theaterszene des vergangenen Jahres? Vielleicht war die Jury ja froh, in dieser Inszenierung viele Dinge zu finden, die man bereits kennt! Stichwort Castorf. Alte Hüte neu aufgelegt.

Links:

HIER der Zugang zum kompletten Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ von Fjodr M. Dostojewski.

HIER der link zur Seite des Stückes auf der Website des Staatsschauspiels Dresden.

HIER der Link zur kompletten Inszenierung. Auch dieses Inszenierung kann derzeit noch komplett in der Mediathek von 3sat angesehen werden. 3sat bringt jedes Jahr drei „Starke Stücke“ vom Theatertreffen.

Und HIER ein Trailer des Staatsschauspiels Dresden zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Sebastian Hoppe

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Sonstiges

SONSTIGES: Politik

Ich lese heute, Donnerstag, 23. Mai 2019, etwas in der Süddeutschen Zeitung, was ich interessant finde und daher hier aktuell bringe: Wenige Tage vor der Europawahl! Geht wählen und stimmt für klare Linien! Nehmt euch die Zeit, schaut das Video (im folgenden Absatz) an, denkt darüber nach und klärt, welcher Partei ihr folgen möchtet!

Der erfolgreichste politische Kommentar dieser Woche ist laut der SZ nämlich ein Youtube-Video (auf „YouTube-Video“ klicken und schon ist man drin). Bis heute – Stand: Samstag, 25. Mai 2019 – wurde es über 10 Millionen mal angeklickt! Es trägt den Titel „Die Zerstörung der CDU“. Der Youtuber, der sich Rezo nennt, rechnet darin mit der Regierungspolitik der vergangenen Jahre ab. Locker, unbedarft, wohl ganz gut vorbereitet, nicht unsympathisch, nicht aggressiv, nicht verletzend. Eigentlich geht es ohnehin nicht nur um die CDU, sondern um die Regierungen der letzten 20 Jahre. Er fragt, wie es eigentlich sein könne, dass Wissenschaftler weltweit geschlossen vor dem Klimawandel warnen und der Kohleausstieg trotzdem in die ferne Zukunft verschoben wurde. Warum es die Bundesregierung den USA erlaube, ihre womöglich völkerrechtswidrigen Drohnenangriffe auch von Deutschland aus zu koordinieren. Oder warum Deutschland im internationalen Vergleich so wenig für Bildung ausgibt.

Alle Behauptungen sind mit Quellen aus Medien und Wissenschaft belegt, fast 13Seiten umfasst die Literaturliste zu dem Video. Mehrere Hundert Stunden Recherche durch Rezo und seine Mitarbeiter sollen in das Video geflossen sein. Ich gehe mal davon aus, dass nicht alles zu 100 % stimmen wird. Es werden natürlich berichtigende Antworten kommen. Eine davon (Herr von Altenbockum von der FAZ) findet sich HIER. Er hat Gegenargumente. Allerdings scheint es bockig, gleich wieder alles – am besten unter dem Stichwort „Populismus“ – zurückzuweisen. Vieles an Rezos Darlegungen ist doch auf jeden Fall in der Grundtendenz völlig richtig.

Deutschland und Europa verzetteln sich doch in der Tat immer mehr. Warum werden nicht klare Entscheidungen getroffen? Es gab einmal kluge Männer, die alles etabliert haben, ohne sich zu verzetteln und ohne sich davor kaputt reden zu lassen. Das Grundgesetz ist sicherlich ein ganz ganz großes Werk, es war eine ganz ganz große Entscheidung in schwierigen Zeiten. Warum gibt es nicht auch heute wieder solche großen Entscheidungen? Muss alles ewig ausdiskutiert und kommentiert und zerredet werden? Wo sind die klaren Entscheidungen? Wozu haben wir gewählt? Die Zeiten heute sind mindestens so schwierig wie damals, zu Zeiten des Grundgesetzes 1949. Seht das Video.

Wir brauchen ihn, den großen Wurf, der die Dinge in einigen Bereichen einmal deutlich voranbringt. Vor allem in Umweltfragen. Wir brauchen keine Verzettelung. Wir brauchen keine Diskussion darüber, ob Schulen Strafen aussprechen sollen gegen Kinder und Eltern, weil diese für ihre Zukunft demonstrieren. Wir können auch nicht alles dem freien Lauf der Marktwirtschaft überlassen. Sie ist nicht entschieden genug. Für sie spielt natürlich immer der unternehmerische Gewinn die größte Rolle. Ist ja auch gut, es hängen die Arbeitsplätze davon ab. Die freie Marktwirtschaft ist entscheidend, aber: Wir brauchen politische Klarheit, politische Schritte.

Warum fährt Angela Merkel – ein krasser Vorschlag – nicht nach China und vereinbart einen revolutionären Umweltplan? In die USA bräuchte sie nicht zu fliegen. Sollte sie nicht viel mehr Überzeugungsarbeit leisten? Den Kleinkram ihren Ministern überlassen. Klar, zur Not geht’s auch ohne China, man muss ja auch erst einmal vor der eigenen Haustüre kehren. Aber wirklich kehren! Den Dreck vor der eigenen Haustür nicht immer wieder neu verteilen! Nicht ständig sagen „Ich kehre ihn ja weg!“ und ihn dann doch liegen lassen. Wo sind die ganz großen Persönlichkeiten?

Den Dreck vor der Haustür wirklich wegkehren!! Wählen gehen!

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THEATERTREFFEN EXTRA: Ingmar Bergmann – Persona

Ich hatte bisher erst über EIN Stück des Theatertreffens 2019 geschrieben: Über „Estado Vegetal“ von Manuela Infante. HIER mein Beitrag dazu, den ich mittlerweile ergänzt habe. Das Stück hat den Inszenierungsauftrag des Stückemarktes auf dem Theatertreffen 2019 gewonnen und wird im kommenden Jahr in Bochum von Simon Stone inszeniert werden.

Jetzt komme ich zu meiner zweiten Besprechung: „Persona“ von Ingmar Bergmann. Erst – bei „Estado Vegetal“ – ging es (sehr überzeugend) um den Menschen und die Natur, jetzt geht es (sehr diffizil) um den Menschen selbst. Ingmar Bergmann hatte das Stück im Krankenhaus geschrieben. Er hatte eine Lungenentzündung. 1965 wurde der Film „Persona“ gedreht, zum ersten Mal mit Liv Ullmann.

Die Theaterinszenierung der Regisseurin Anna Bergmann mit der deutschen Schauspielerin Corinna Harfouch und der Schwedin Karin Lithman ist eine Koproduktion des Stadttheaters Malmö und des Deutschen Theaters BerlinHIER zur Stückeseite „Persona“ auf der Website des Deutschen Theaters.

Inhaltlich: Die Schauspielerin Elisabet Vogler hört in der letzten Vorstellung der „Elektra“ plötzlich auf zu reden. Sie bringt die Aufführung dann zwar zu Ende, redet danach aber nicht mehr. So liegt sie im Krankenhaus. Die Krankenschwester Alma pflegt sie dort. Schließlich zieht Alma auf ärztlichen Rat hin mit Elisabet Vogler ans Meer, um sie weiter zu pflegen. Es geht um das Verhältnis der beiden zueinander. Es geht aber auch um die Entwicklung beider Personen selbst (letztlich werden beide Personen jeweils Teile einer einzigen Person sein …).

Reden wird nur Alma. Das Verhältnis zwischen Alma und Elisabet hat viele Facetten. Sie sind natürlich nicht alle so zu verstehen, wie Ingmar Bergmann sie verstanden haben wird. Meine Eindrücke:

  • Die Schauspielerin Elisabeth Vogler will keine „Rollen“ mehr spielen. Allerdings geht es ihr nicht nur um die Beendigung ihrer Theaterrollen, sondern im Endeffekt will sie wohl keine „Rollen“ im Leben mehr spielen. Mir scheint, sie meint: Das „Rollenspiel“ im Leben sagt nichts darüber aus, wie man ist. Es verwirrt eher. Mit keiner Rolle und mit keiner Erklärung kann man sich selbst gerecht werden.
  • Die Pflegerin Alma dagegen hält es kaum aus, dass Elisabet Vogler nicht mehr redet. „Sag doch bitte irgendetwas“ sagt sie. Das zeigt einen Konflikt, den vielleicht auch Ingmar Bergmann gesehen hat: Man muss sich verständigen. Wir brauchen es, gehört zu werden und reden zu können. Wir brauchen ein Gegenüber. Einerseits brauchen wir es. Andererseits schwingt immer mit, dass das Reden an sich nur an uns selbst vorbei führt. Wir brauchen das Gegenüber, aber wir halten uns dann ja immer in verfälschenden Rollen auf, die wir spielen. Kann man jemals jemanden erkennen? Kann man sich erkennen? Durch einen Wegfall der Rollen vielleicht. Vielleicht ist das der Zweck des Schweigens von Elisabet Vogler.
  • Spiegelung: Es geht in diesem Stück auf jeden Fall auch um Spiegelung. Schon das Bühnenbild: Eine dünne Wasserfläche auf dem Boden, im Hintergrund blickt man auf in Muschelform angeordnete krumme Spiegel. Alles spiegelt sich. Und beide – Schwester Alma und Elisabeth Vogler – werden sich im Verlaufe des Stückes im Aussehen immer ähnlicher. Elisabet Vogler schminkt sich und Alma anfangs auch identisch. Beide Schauspielerinnen tauschen übrigens auch ihre Rollen der Alma und der Elisabet je nach Schauspielort.
  • Schwester Alma kommt offenbar gerade dadurch, dass Elisabet Vogler nicht mehr redet, endlich auf ihre eigene Persönlichkeit zurück. Durch das Wegfallen der „Rollen“ – die beide ja weiter spielen könnten – entsteht wohl für Schwester Alma der wahre Spiegel, also entsteht die Möglichkeit, sich selber zu erkennen. Schwester Alma erkennt endlich ihre Person. Sie erzählt von hochpersönlichen Erinnerungen – einer Abtreibung, einer sexuelle Szene am Strand. Dinge, die sie wohl wirklich bewegen. Wie beim Psychiater.
  • Es kommen bei Schwester Alma Zuneigung auf, Liebe, Ärger, Wut, Traurigkeit, Erinnerungen. Alles dadurch, dass die „Rollen“ weggefallen sind, die sonst so gespielt werden. Wie beim Psychiater.
  • Ich hatte erstaunlicherweise wenig Bezug zu den beiden Schauspielerinnen. Corinna Harfouch spielte meines Erachtens ihren Part teilweise etwas zu deutlich, etwas zu übertrieben. Und Karin Lithman etwas zu farblos manchmal. Aber sie muss sich ja auch sehr zurückhalten, spricht ja auch nicht.
  • Es geht auch um die Liebe des Kindes zur Mutter, fehlende „Mütterlichkeit“, wie Schwester Alma einmal feststellt. Die Angst der Mutter vor der Geburt des Kindes, erzählt sie, und die Tatsache, dass die Mutter das Kind dann eigentlich nicht will.
  • Am Ende zieht sich Elisabet Vogler zurück, sie setzt sich in die Zuschauerränge. Wie ein Psychiater.

Es ist eine nicht leicht zu verstehende Inszenierung, was allerdings am sicher sehr persönlichen Inhalt liegt, den Ingmar Bergmann geschaffen hat. Die Theaterinszenierung bringt fast identisch den Originaltext von Ingmar Bergmann. Auch der Film wird nicht einfach sein. Ich habe ihn nicht gesehen. Eine Sitzung beim Psychiater (oder Psychologen). Das Bühnenbild passt ideal dazu, aber so wirklich „bemerkenswert“ – das Kriterium des Theatertreffens – war es vielleicht nicht.

Das Stück ist derzeit noch – ACHTUNG! NICHT LANGE! – in voller Länge auf 3sat zu sehen. HIER der Link.

©️ des Beitragsbildes: Arno Declair

THEATERTREFFEN EXTRA: Stückemarkt – Estado Vegetal von Manuela Infante

….und ich fange mittendrin an. Beginne mit gestern, Donnerstag, 16. Mai 2019. Heute, Freitag, 17. Mai 2019, ist für mich Ruhetag. Gestern habe ich zwei Stücke aus der Reihe „Stückemarkt“ gesehen. Eines war „Estado Vegetal“ von Manuela Infante. Der Stückemarkt ist ja eine „Nebenreihe“ zur berüchtigten 10er-Auswahl auf dem Berliner Theatertreffen.

Was der „Stückemarkt“ genau ist? Hier die Beschreibung des „Stückemarktes“ auf der Website der Berliner Festspiele:

Der Stückemarkt sucht nach neuen Formen der Autor*innenschaft und innovativen Theatersprachen. In einem international offenen Wettbewerb können sich Autor*innen und Theaterkollektive gleichermaßen mit Theatertexten und Theaterprojekten bewerben. Eine fünfköpfige Künstler*innenjury wählt aus den Einsendungen fünf Arbeiten aus. Im Rahmen des Theatertreffens werden die ausgewählten Arbeiten ihrer Form entsprechend präsentiert – als Gastspiele, Szenische Lesung, Performances, Site-specific-Formate 

Gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb wurde gestern im Rahmen des Stückemarktes der diesjährige Werkauftrag an Manuela Infante vergeben.

Ein Auszug aus der Laudatio von Vasco Boenisch, Chefdramaturg Schauspielhaus Bochum: 

Manuela Infante erzählt [..] eine politisch relevante, philosophisch inspirierende und persönlich berührende Geschichte von Mensch und Natur; nein, präziser: vom Mensch als Teil der Natur. [..] Dabei ist es gerade beeindruckend, wie Manuela Infante aus einem Arbeitsprozess heraus, den man bei uns wohl als Stückentwicklung bezeichnen würde, ein Drama von so hoher literarischer Dichte erschaffen kann. [..] Manuela Infante ist [..] eine ungewöhnlich kreative, mutige und inspirierende [..].

Stimmt, es war ein bewegender, überzeugender, beeindruckender und poetischer Abend. Allerdings teils nicht leicht zu verstehen, philosophisch. Das Stück wird aber sehenswert sein. Das Stück ist radikal im Ansatz, eine Utopie! Die gestrige Präsentation war ja eher eine szenische Darbietung des Textes. Eine komplette Inszenierung wird anders aussehen. Es wird in der Spielzeit 2020/21 unter der Intendanz von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum gezeigt! Ich bin gespannt.

Es ging um das Verhältnis des Menschen zur Natur. Anlass der Geschichte ist ein Motorradunfall. Ein junger Mann rast gegen einen Baum. Daraus spinnen sich Gedanken zu Mensch und Natur. Eine kleine philosophische Neuordnung des Denkens. Schön wäre es!

Etwa: Der Mensch bewegt sich, die Natur nicht. „Because you live within time, not against it!“ heißt es gegenüber einem Baum. Der Natur wird eine unglaubliche Würde beigemessen. Die Natur war zuerst da, und dann kam der Mensch und will seitdem alles ändern. Auch die Natur. Sie kommt in Töpfe. Oder wird verbrannt, zerstört. Aber die Natur war früher auf der Erde als der Mensch! Und sie würde sich die Erde schnell zurückholen, wenn der Mensch verschwände. Ein sicherlich sehr persönliches, sehr engagiertes, sehr utopisches Stück. Nach dem Motto: Erst die Natur, dann der Mensch! Erst die Natur, dann der Mensch! Der Mensch sah es aber schon immer anders herum. Viele gute Gedanken landen in diesem Stück. Davon müsste es mehr geben.

Infante lädt mit „Estado Vegetal“ dazu ein, die anthropozentrische Logik hinter uns zu lassen und uns auf eine Reise in die Pflanzenwelt zu begeben. Das Leben und den Wert der Natur erkennen, neu denken!

Sehr auffallend und überzeugend war bei allem übrigens die beeindruckende schauspielerische Leistung der einzigen Darbietenden, einer Spanierin, Marcela Salinas. Siehe das Video unten! Sie wechselte ständig die Rollen. Ein junges Mädchen, die Mutter des Opfers, eine alte Nachbarin, einen Verwaltungsbeamten, einen Feuerwehrmann und so fort. Und sie spielt jede Rolle überzeugend. Poetisch – auch musikalisch – wird es, wenn Salinas als Feuerwehrmann spricht, nachdem alles in einem tongewaltigen Rauschen abgebrannt ist.

Eines der wenigen „Stücke“, bei denen ich in diesem Jahr des Theatertreffens keine Zweifel hatte.

HIER kann man sich die ganze Performance ansehen. Ansehen!

©️ des Beitragsbildes: Fundación Teatro a Mil

Davor …

THEATERTREFFEN EXTRA: Gesehenes und nicht Gesehenes

So, das Theatertreffen. Ich werde losschreiben, wie eine Serie, ohne Ende, mehrere Folgen, Episoden. Man mag heutzutage ja Serien. Es wird immer weiter gehen. Also, so sieht es aus:

  • 418 Inszenierungen in 65 deutschsprachigen Städten wurden im vergangenen Jahr teils mehrfach von den Juroren besucht.
  • 744 Voten gingen für die Auswahl des Theatertreffens ein.
  • 39 Inszenierungen wurden daraus wiederum für die „10er-Auswahl“ vorgeschlagen.
  • Zehn Inszenierungen wurden daraus schließlich zur 10er-Auswahl ausgewählt.
  • Drei Inszenierungen davon hatte ich schon in München gesehen. „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping (Kammerspiele), „Oratorium“ (Produktion von SheShePop) und „Girl From the Fog Machine Factory“ (Produktion von Thom Luz und Bernetta).
  • Eine weitere der ausgewählten Inszenierungen – „Das Internat“ von Ersan Montag – kann aus zeitlichen Gründen in Berlin nicht gezeigt werden. Es ließ sich in ganz Berlin keine freie Bühne für den mehrtägigen Auf- und Abbau finden.
  • Weiter: Bis jetzt habe ich hier in Berlin zwei weitere Inszenierungen gesehen: „Die Erniedrigten und Beleidigten“ (Staatsschauspiel Dresden) und „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“(Theater Basel).
  • Es folgen für mich noch zwei weitere Inszenierungen: „Persona“ (Deutsches Theater Berlin) und „Das große Heft“ (Staatsschauspiel Dresden).
  • Dann habe ich also „Unendlicher Spaß“ (Produktion von Torsten Lensing) und vor allem leider „Hotel Strindberg“ ( Burgtheater Wien) nicht gesehen. Nun gut, mal sehen.

Ein Zwischenruf zum Bisherigen, ein erster kurzer Rückblick:

Nach zwei der Inszenierungen frage ich mich ein wenig: Was will das Theatertreffen? Will es wirklich die 10 „bemerkenswerten“ Inszenierungen des jeweils vergangenen Jahres zeigen? Was ist „bemerkenswert“? „Bemerkenswert“ müsste doch, finde ich, etwas Auffallendes sein. Etwas Ungewohntes. Neuartiges. Nicht Herkömmliches. Da gibt es doch sicher viel.

Ich hatte Zweifel daran, ob wirklich schlicht „Bemerkenswertes“ gezeigt wird. Die bisher hier gesehenen beiden Inszenierungen „Erniedrigte und Beleidigte“ und „Tartuffe und das Schwein der Weisen“ haben mich enttäuscht. Sie steckten meines Erachtens zu sehr im Rahmen des „Herkömmlichen“, des Gewohnten. Recht gut, aber im Gewohnten. Was war da bemerkenswert? „Progressiv“ ist anders! Aber das Theatertreffen schreibt sich ja auch nicht auf die Fahne, speziell progressiv zu sein. Andererseits will es sicherlich nicht in Konservatismus abgleiten.

Ok, man kann andererseits auch zugeben: Es mischt sich, ein paar der gezeigten Inszenierungen (andere als „Erniedrigte und Beleidigte“ und „Tartuffe und das Schwein der Weisen“) sprengen zwar nicht völlig den Rahmen, sind aber jedenfalls einfach rundum gelungen: „Dionysos Stadt“ (die zehnstündige Reise durch die Antike) und „Girl From the Fog Machine Factory“ (es geht um Nebel, und irgendwie um viel mehr) etwa. Beide Stücke sind sehenswert, beide sind irgendwie aus meiner Sicht bemerkenswert.

Theater sollte sich jedenfalls immer wieder entwickeln. Auch Spiegel der Gesellschaft kann es sein. „Oratorium“ von SheShePop, auch eines der ausgewählten Stücke, ist ein solches Spiegelbild: Politisch und gesellschaftskritisch.

Andere Inszenierungen werde ich noch, wie oben gesagt, sehen. Und etwas dazu schreiben. Und …

MUSIK: Jürgen Paape – So Weit Wie Noch Nie

Der vorherige, natürlich wieder sehr lesenswerte Beitrag über das Buch „Vernon Subutex“ von Virginie Despentes ist noch ganz frisch. Hier aber schon das nächste. Habe ich ja angekündigt, dass ich momentan die Schlagzahl erhöhen muss/kann.

Ein Musikstück, das der ehemalige Inhaber eines Plattenladens Vernon Subutex in dem dreibändigen französischen Roman „Vernon Subutex“ auf einer Party auflegt. Fand ich ganz gut. Es ist das bekanntestes Stück von Jürgen Paape. Geht tatsächlich zurück auf ein Lied von Daliah Lavi! Aber es hat damit nicht mehr viel zu tun. Und: Jürgen Paape hatte in den Neunziger-Jahren auch einen Plattenladen, in Köln!

Ich mag auch das Video dazu. Da kommt noch ein völlig anderes Verhältnis des Menschen zum Flugzeug durch! Oder des Menschen zur Technik überhaupt! Auch die Flugzeuge, die gezeigt werden, richtig schön! Da sieht man, dass die ganze Modernisierung es nicht unbedingt schöner gemacht hat. Flugzeuge sind heute ja nicht unbedingt schön. Das ist ja auch bei den Autos so. Autos sind doch fast durchweg hässliche Kisten! Also Schönheit ist etwas anderes, finde ich! Übrigens sieht man in dem Video nur Männer! Mit Krawatte oder mit Hut.

Hier:

LITERATUR: Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex

Ich werde in nächster Zeit viele kleine Berichte schreiben, da ich derzeit das Berliner Theatertreffen mitverfolge. Ich werde schnell schreiben, ohne große Überarbeitung. Hier zunächst einmal ein Bericht über das Buch, das ich zuletzt noch gelesen hatte. Virginie Despentes – Vernon Subutex.

Meine Bewertung (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚📚📚 (8)

Also: Ich bin auf das Buch „Vernon Subutex“ gestoßen, da ich in den Kammerspielen vor kurzem das Stück „Das Leben des Vernon Subutex“, inszeniert von Stefan Pucher, gesehen hatte. Die Inszenierung hat mich nicht begeistert, war eher langweilig, halbherzig. Siehe meinen damaligen Beitrag – einfach im Suchfeld oben „Subutex“ eingeben. Das Buch ist völlig anders! Wobei: Es sind DREI Bände. Ich habe erst den ersten Band gelesen., werde mich aber auch an den nächsten Band machen. Zumal die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen, so hört man, eher auf dem Inhalt des zweiten und dritten Bandes beruht.

Da ich einmal etwas Französisches lesen wollte – ich konnte früher einmal ganz gut französisch – habe ich mir die französische Originalfassung genommen. Daneben lag aber immer die deutsche Fassung. Es war nicht einfach, da es absolut in Umgangssprache geschrieben ist. Aber nicht verdrechselt im Stil, sondern einfach und klar und direkt und frech und vulgär.

Vernon Subutex hat mit seinem Plattenladen pleite gemacht. Kein Geld, keine Wohnung, er kommt bei Freunden unter, landet schließlich auf der Straße. Was man liest, sind seine zahlreichen Treffen mit Bekannten, bei denen er zunächst wohnt, bevor er auf der Straße landet und weitere Personen trifft. Er trifft viele Personen. Insoweit war sicher auch die Inszenierung an den Kammerspielen wahrlich als Ensemble-Arbeit geplant. 13 Mitglieder des Ensembles spielen mit.

Geschildert wird die absolut untere Schicht in Frankreich, Paris. Drogen, Sex, Musik, Obdachlose, Gewalt, Rechtsradikale, alles. Aber einfach lesenswert. Eine Milieustudie ohne jede Zurückhaltung. Virginie Despentes war früher Prostituierte, sie kennt sich aus. Und das Schöne dabei ist, dass immer wieder – auch zwischen den Zeilen – das heutige Leben in vielen Aspekten durchscheint. Mit ganz plötzlichen kleinen Aussagen zu reichen Menschen, zu Politikern, etc. Und allein durch die so direkte und völlig unverfälschte Art der Schilderung der Personen des Romans.

Wer Französisch kann: Lesenswert ist vor allem die französische Fassung. Die deutsche Fassung ist zwar eine fast wörtliche Übersetzung, aber erstaunlicherweise merkt man einen Unterschied: Irgendwie klingt alles trotz dieser unglaublichen Direktheit und Klarheit und Derbheit gerade im Französischen etwas angenehmer. Etwas ironischer vielleicht. Es hat dort immer irgendwie einen etwas edleren Unterton oder Nebenklang. Im Deutschen klingt alles einfach nur platt und derb. Ich finde, in der deutschen Fassung stört man sich eher an der Derbheit der Schilderung und der Sprache, im Französischen hat alles einen irgendwie erträglicheren Charakter.

Schon der Titel der Bücher: Im Französischen heißt es einfach „Vernon Subutex“. Im Deutschen gleich komplizierter und m. E. verfälschend „Das Leben des Vernon Subutex“. Es geht garnicht um das ganze Leben des Vernon Subutex, nun gut.

So kam auch die Inszenierung von Stefan Pucher meines Erachtens in keinster Weise an das Buch heran. Ich werde sie mir aber noch einmal ansehen.

HIER ein Link zu einem netten Beitrag aus der Süddeutschen Zeitung über Menschen in München, deren Herz an Vinylplatten hängt – als Sammler, Verkäufer, DJ und Plattenspielerbauer.

Soviel zunächst, ich ergänze diesen Beitrag auch noch etwas.

LITERATUR: Max Frisch – Biedermann und die Brandstifter

Ich helfe derzeit einem Schüler, seine Hochschulberechtigung zu bekommen. Wir üben auch für seinen Abschluss im Fach Deutsch. In diesem Zusammenhang war „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch zu lesen und zu „verstehen“. Ich wusste nicht mehr, wie allgemeingültig und zeitlos Max Frisch’s Buch ist. Wir stecken auch heute drin.

Es ist eine Parabel, also keine „Erzählung“, kein „Roman“ (mit der Entwicklung bestimmter Beziehungen, bestimmter Personen). Es ist als Parabel angelegt, als Beschreibung einer Situation, in der die auftretenden Personen, die Texte, die Symbole, die Szenen etc. im Endeeffekt Beispielcarakter haben. Beispielcharakter auch für die heutige Zeit.

Viele kennen das Buch von früher. Es lohnt sich, ist ziemlich erschreckend. Max Frisch hat es mit diesem Buch geschafft aufzuzeigen, wie wir immer wieder reagieren! Worum es noch einmal geht? Es geht um den Unternehmer Biedermann (Produktion von Haaröl), dem es nicht gelingt, die beiden Brandstifter Schmitz und Eisenring, die sein so erfolgreiches und angenehmes Leben gefährden, aus dem Haus zu bekommen. Er ist unfähig und schaufelt sich sein eigenes Grab! Den einen Brandstifter, Herrn Schmitz, hat er sogar freiwillig in sein Haus unter das Dach aufgenommen. Beide lädt er zum Essen ein.

Es geht darum, wie Biedermann mit der Gefahr, die er deutlich erkennt, umgeht. Ich empfehle dieses Buch – oder zumindest den Film hier, in dem das Stück wortgetreu komplett anzusehen ist. Hier:

Was mir klar wurde, man kann das Buch in der Tat so lesen, den Film so sehen: Wie gehen wir HEUTE mit erkennbaren Gefahren um? Etwa mit der drohenden Klimakatastrophe und der unaufhörlichen Umweltzerstörung. Wir sehen sie kommen, sie kommt immer näher, sie „wohnt“ schon bei uns – wie die Brandstifter, aber wir sind aufgrund unseres eigenartigen Verhaltens nicht fähig, sie wirklich in Schranken zu weisen. Ganz im Gegenteil! Wir helfen ihr sogar, voranzukommen. So, wie Herr Biedermann den Brandstiftern hilft, ihnen sogar Streichhölzer reicht. Es wird schon nichts passieren. Am Ende steht er vor seinem abgebrannten Haus.

Es gibt viele verschiedene Interpretationen des Stückes „Biedermann und die Brandstifter“. Das Buch wird auch deshalb in der Schule gerne gelesen. Ich kann nur einige Aspekte herausgreifen, die zeigen, dass wir HEUTE mit der Klimakatastrophe und Umweltkatastrophe so umgehen, wie es Herr Biedermann mit den Brandstiftern tat. „Biedermann und die Brandstifter“ entstand in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, in den fünfziger Jahren. Es gibt Interpretationen, wonach das Stück auch etwa zeigen würde, wie Adolf Hitler stark werden konnte. Er kam näher aber wir konnten nicht damit umgehen. So wie die Klimaveränderungen HEUTE.

  • Es geht im Grunde auch um Verlogenheit. Die Verlogenheit oder zumindest Unfähigkeit des Herrn Biedermann. Um die Diskrepanz zwischen dem, was er tut und dem, was er redet. Die Unfähigkeit liegt darin, dass er gar nicht so sein kann, wie er redet. Biedermann ist Unternehmer (Eine Nebenhandlung zeigt, dass er seinen langjährigen Mitarbeiter Knecht – der sich schließlich umbringt – entlässt). Biedermann ist rücksichtslos. Wie wir insgesamt mit der Umwelt rücksichtslos sind, wenn es um das Unternehmerische geht. Einerseits rücksichtslos und andererseits – wenn es darum geht, Umweltbelange doch einmal zu berücksichtigen – auch verlogen. Reduzieren wir etwa unseren CO2-Ausstoß? Nein!
  • Wir sehen auch HEUTE, wie die Gefahr unaufhaltsam näherrückt! Aber wir sind nicht fähig, sie einzuschränken. Denn es bleibt halbherzig, was wir tun. Biedermann auch: Er versucht etwa, die Brandstifter durch gespielte „Menschlichkeit“ zu vereinnahmen. Wer so „menschlich“ ist, kann doch nicht Opfer der Brandstifter werden! Aber es ist eben nur halbherzig! Es ist gespielte Menschlichkeit. Biedermann ist Opfer seiner eigenen Phrasen. Auch hier kann man Parallelen zur aufkommenden Klimakatastrophe erkennen. Wir reagieren mit Phrasen – Hauptsache, der Wohlstand bleibt erhalten. Wirklich deutlich und entschieden wird gegen die drohende Klimakatastrophe nicht vorgegangen. Wichtiger ist, dass der Wohlstand erhalten bleibt.
  • Auch unser Umgang mit der Umwelt ist ein „Spiel mit dem Feuer“. Auch insoweit passt „Biedermann und die Brandstifter“ bestens.
  • Die ganze Symbolik von „Biedermann und die Brandstifter“ passt auch HEUTE: Biedermann fühlt sich einerseits wohl, andererseits hat er Angst. Die immer wieder schlagen die Uhr zeigt, dass seine Zeit abläuft. Eine Kranzbestellung nach dem Tod des ehemaligen Mitarbeiters Knechtling wird falsch ausgeführt: Als wäre Biedermann gestorben! Die Brandstifter lächeln über das Verhalten Biedermanns. Und und und.

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THEATER: Tipp zum Lesen

Für Theaterfreunde und Freunde der Arbeiten von Milo Rau, einem der zur Zeit ja „radikalsten Theatermacher“, habe ich hier einen aktuellen Tipp: Im Magazin der Süddeutschen Zeitung von heute, Freitag, den 3. Mai 2019, ist ein längerer Bericht über die derzeitigen Arbeiten von Milo Rau und seinem Team im zerbombten Mossul/Irak für ein neues Theaterstück zu lesen.

Ich kann nicht darauf verlinken, da der Artikel nur im bezahlbaren Bereich des Magazins vollständig zu lesen ist. „Orest in Mossul“ wird das Stück heißen, basierend auf der Orestie von Aischylos. Gedreht werden im Irak die Videoeinspielungen.