THEATER: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Anthropos, Tyrann (Ödipus)

Die Inszenierung wurde in der Presse und auf http://www.nachtkritik.de meist recht lobend besprochen. Ich habe sie mir angesehen. Der nächste Streamingtermin der Inszenierung ist der 26. März. HIER geht es zur Stückeseite auf der Website der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin.

Man lässt sich auf eine in gewisser Weise besondere Art Inszenierung ein. „Anthropos, Tyrann (Ödipus)“ nach Sophokles von Alexander Eisenach, dem immer noch recht jungen Regisseur, der natürlich an verschiedenen Bühnen arbeitete (Frankfurt, Hannover, Graz…) und 2020 erstmals an der Volksbühne in Berlin erfolgreich inszeniert hatte. Aber es geht hier weniger um den Regisseur der Inszenierung. Die Inszenierung ist – das ist das Besondere – eine „Koproduktion“ der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz in Berlin mit der Humboldt-Universität in Berlin. Theater und Wissenschaft finden zusammen, aber zwei Welten treffen leider nicht sehr phantasievoll aufeinander.

Warum die Kooperation? An der Humboldt-Universität gibt es seit 2019 das sogenannte „Theater des Anthropozän“. Die Humboldt-Universität will damit aus der nüchternen Ecke der Wissenschaft heraus und mehr Kommunikation mit der Gesellschaft führen. Sicherlich auch angesichts der immensen Herausforderungen, vor denen die Wissenschaft steht. Siehe nicht nur Corona, sondern vor allem die Klimakatastrophe.

Wissenschaft und ihre gesellschaftliche Wirkung, ihr Einfluss – „Theater des Anthropozän“ ist dementsprechend Teil von „Open Humboldt“, der Initiative der Humboldt-Universität zum Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. An dieser Inszenierung auf der Bühne mitwirkend ist übrigens Antje Boetius persönlich, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts und neben Frank Raddatz künstlerische Leiterin des „Theater des Anthropozän“.

Es geht in der Inszenierung „Anthropos, Tyrann (Ödipus)“ nicht um Corona, sondern um die Klimakatastrophe der Welt. Dieses Thema versuchten die beiden Kooperationspartner gemeinsam auf die Bühne zu bringen. Gekoppelt wird das „wissenschaftliche“ Thema der Klimakatastrophe an die klassische Mythologie um Ödipus. Parallelen liegen dabei auf der Hand. Ödipus, der sein Schicksal nicht erkannte, seinen Vater umbrachte und mit seiner Mutter Kinder bekam und alles zu spät erkannte und sich schließlich die Augen ausstach. Es wird vor diesem Hintergrund ein Vergleich zu heute aufgemacht: Der Mensch – „Anthropos, Tyrann“ – , der sein Schicksal nicht erkennt und die Welt zerstört. Darum geht es. Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz kümmert sich derzeit recht intensiv um die Antike. Auch in anderen Inszenierungen.

Der Abend ist aber sehr kopflastig, er ist nichts für Emotionen. Schade. Es ist meines Erachtens dadurch zu schulmäßig geworden. Das Thema der auf uns zu rollenden Klimakatastrophe hätte mehr verdient, mehr aufrüttelnde Effekte, mehr Panik geradezu, mehr Erschütterung des Zuschauers. Zu sehr wird immer wieder – fast referatmäßig – auf dem allgemeinen Gedanken herumgeritten, dass es der Mensch ist, der sich zum Herrn der Natur gemacht hat und nun alles zerstört. Daran merkt man, dass vor allem die Wissenschaft wirklich zu weit weg ist von konkreten Überlegungen.

Der Mensch hat nicht gesehen oder verstanden, was er da machte – wie Ödipus – und jetzt ist es zu spät. Der Abend springt zwischen der Erzählung der mythologischen Geschichte um Ödipus einerseits und der aktuellen Welt Entwicklung andererseits. Das ist ein durchaus schöner Gedanke, doch aufregend oder aufrüttelnd ist diese Inszenierung deswegen, wie gesagt, leider nicht. Es stellt sich meines Erachtens sogar die Frage, ob das abstrakte und pauschale Thema der menschlichen Schuld an der Klimakatastrophe nicht zu sehr losgelöst von irgendeiner Realität aufgehängt wurde. Und ob man diesen Gedanken nun wirklich nicht schon lange kennt! Da hilft auch keine Verbindung dieses Gedankens mit der griechischen Mythologie.

Gedanken um die menschliche Schuld an der Entwicklung sind nicht neu. Allein diese Gedanken mit der klassischen Tragödie zu verbinden, hilft dann auch nicht weiter. Auch die Tatsache, dass die SchauspielerInnen sich zu Beginn und am Ende der Inszenierung in die Kamera wenden und jeden von uns damit ansprechen und ansehen wollen, hilft insoweit nicht weiter. Der Zuschauer hatte nicht die Gelegenheit, sich emotional auch nur irgendwie mit einer der agierenden Personen auseinanderzusetzen. Eine Art unmittelbarer Einbeziehung des Zuschauers sollte allerdings dadurch geschaffen werden, dass der Zuschauer mit seinem Gerät zuhause eine 360° Kamera, die in der Mitte der Bühne fixiert war, nach Belieben drehen konnte und so alles beobachten konnte.

Doch meines Erachtens LEIDET der Abend fast daran, dass sich Wissenschaft und Theater so deutlich vereinen wollen. Es bleibt zu theoretisch, zu nüchtern, zu erklärungsbehaftet, textbelastet. Es überwiegt der wissenschaftliche Gedanke, sogar Frau Boetius persönlich erklärt sich lange auf der Bühne. Besonderen Zugang zu diesen wissenschaftlichen Gedanken über die Klimakatastrophe liefert leider das Theater hier nicht. Sowohl im Hinblick auf das Bühnenbild, als auch in schauspielerischer Hinsicht ist es meines Erachtens daher auch keineswegs irgendwie aufrüttelnd. Schade.

HIER ein Trailer.

LITERATUR: Max Frisch – Biedermann und die Brandstifter

Ich helfe derzeit einem Schüler, seine Hochschulberechtigung zu bekommen. Wir üben auch für seinen Abschluss im Fach Deutsch. In diesem Zusammenhang war „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch zu lesen und zu „verstehen“. Ich wusste nicht mehr, wie allgemeingültig und zeitlos Max Frisch’s Buch ist. Wir stecken auch heute drin.

Es ist eine Parabel, also keine „Erzählung“, kein „Roman“ (mit der Entwicklung bestimmter Beziehungen, bestimmter Personen). Es ist als Parabel angelegt, als Beschreibung einer Situation, in der die auftretenden Personen, die Texte, die Symbole, die Szenen etc. im Endeeffekt Beispielcarakter haben. Beispielcharakter auch für die heutige Zeit.

Viele kennen das Buch von früher. Es lohnt sich, ist ziemlich erschreckend. Max Frisch hat es mit diesem Buch geschafft aufzuzeigen, wie wir immer wieder reagieren! Worum es noch einmal geht? Es geht um den Unternehmer Biedermann (Produktion von Haaröl), dem es nicht gelingt, die beiden Brandstifter Schmitz und Eisenring, die sein so erfolgreiches und angenehmes Leben gefährden, aus dem Haus zu bekommen. Er ist unfähig und schaufelt sich sein eigenes Grab! Den einen Brandstifter, Herrn Schmitz, hat er sogar freiwillig in sein Haus unter das Dach aufgenommen. Beide lädt er zum Essen ein.

Es geht darum, wie Biedermann mit der Gefahr, die er deutlich erkennt, umgeht. Ich empfehle dieses Buch – oder zumindest den Film hier, in dem das Stück wortgetreu komplett anzusehen ist. Hier:

Was mir klar wurde, man kann das Buch in der Tat so lesen, den Film so sehen: Wie gehen wir HEUTE mit erkennbaren Gefahren um? Etwa mit der drohenden Klimakatastrophe und der unaufhörlichen Umweltzerstörung. Wir sehen sie kommen, sie kommt immer näher, sie „wohnt“ schon bei uns – wie die Brandstifter, aber wir sind aufgrund unseres eigenartigen Verhaltens nicht fähig, sie wirklich in Schranken zu weisen. Ganz im Gegenteil! Wir helfen ihr sogar, voranzukommen. So, wie Herr Biedermann den Brandstiftern hilft, ihnen sogar Streichhölzer reicht. Es wird schon nichts passieren. Am Ende steht er vor seinem abgebrannten Haus.

Es gibt viele verschiedene Interpretationen des Stückes „Biedermann und die Brandstifter“. Das Buch wird auch deshalb in der Schule gerne gelesen. Ich kann nur einige Aspekte herausgreifen, die zeigen, dass wir HEUTE mit der Klimakatastrophe und Umweltkatastrophe so umgehen, wie es Herr Biedermann mit den Brandstiftern tat. „Biedermann und die Brandstifter“ entstand in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, in den fünfziger Jahren. Es gibt Interpretationen, wonach das Stück auch etwa zeigen würde, wie Adolf Hitler stark werden konnte. Er kam näher aber wir konnten nicht damit umgehen. So wie die Klimaveränderungen HEUTE.

  • Es geht im Grunde auch um Verlogenheit. Die Verlogenheit oder zumindest Unfähigkeit des Herrn Biedermann. Um die Diskrepanz zwischen dem, was er tut und dem, was er redet. Die Unfähigkeit liegt darin, dass er gar nicht so sein kann, wie er redet. Biedermann ist Unternehmer (Eine Nebenhandlung zeigt, dass er seinen langjährigen Mitarbeiter Knecht – der sich schließlich umbringt – entlässt). Biedermann ist rücksichtslos. Wie wir insgesamt mit der Umwelt rücksichtslos sind, wenn es um das Unternehmerische geht. Einerseits rücksichtslos und andererseits – wenn es darum geht, Umweltbelange doch einmal zu berücksichtigen – auch verlogen. Reduzieren wir etwa unseren CO2-Ausstoß? Nein!
  • Wir sehen auch HEUTE, wie die Gefahr unaufhaltsam näherrückt! Aber wir sind nicht fähig, sie einzuschränken. Denn es bleibt halbherzig, was wir tun. Biedermann auch: Er versucht etwa, die Brandstifter durch gespielte „Menschlichkeit“ zu vereinnahmen. Wer so „menschlich“ ist, kann doch nicht Opfer der Brandstifter werden! Aber es ist eben nur halbherzig! Es ist gespielte Menschlichkeit. Biedermann ist Opfer seiner eigenen Phrasen. Auch hier kann man Parallelen zur aufkommenden Klimakatastrophe erkennen. Wir reagieren mit Phrasen – Hauptsache, der Wohlstand bleibt erhalten. Wirklich deutlich und entschieden wird gegen die drohende Klimakatastrophe nicht vorgegangen. Wichtiger ist, dass der Wohlstand erhalten bleibt.
  • Auch unser Umgang mit der Umwelt ist ein „Spiel mit dem Feuer“. Auch insoweit passt „Biedermann und die Brandstifter“ bestens.
  • Die ganze Symbolik von „Biedermann und die Brandstifter“ passt auch HEUTE: Biedermann fühlt sich einerseits wohl, andererseits hat er Angst. Die immer wieder schlagen die Uhr zeigt, dass seine Zeit abläuft. Eine Kranzbestellung nach dem Tod des ehemaligen Mitarbeiters Knechtling wird falsch ausgeführt: Als wäre Biedermann gestorben! Die Brandstifter lächeln über das Verhalten Biedermanns. Und und und.