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THEATER: Ingmar Bergman – Persona

Die Krankenschwester Alma wird mit der Betreuung der Patientin Elisabet beauftragt. Die Kranke ist die Bühnenschauspielerin Elisabet Vogler, die während einer Aufführung von Elektra aufgehört hat zu sprechen. 

Eine Redende, eine Schweigende. Sie sind insoweit unterschiedlich, aber zugleich sind sie gleich, äußerlich ohnehin, sie werden immer gleicher, „Du“ wird zu „Ich“, vielleicht sind sie beide zusammen eine Person. Kaum zu verstehen, was Ingmar Bergman alles dabei dachte. Alma sagt, sie könne aussehen wie Elisabet. Elisabet, die Schweigende, ist von beiden diejenige, die wohl kompromisslos versucht, bei sich zu sein, die alles andere als Schein zu erkennen scheint, die Welt ist für sie wohl nur Verfremdung, sie hat aufgehört mit dem Theater, dem Theater der Welt – könnte man sagen. Für sie ist jedes gesprochene Wort eine Lüge, das reale Leben so etwas wie eine Nichtwahrheit. Sie schweigt, so protestiert sie – könnte sein – gegen das Leben. Aber warum? Alma dagegen redet viel, sie erzählt Elisabet aus ihrem Leben, redet über ihr Innerstes, eine Abtreibung, auch sie meint damit wohl, bei sich zu sein, von sich zu erzählen, Wahres zu erzählen, aber sie protestiert nicht gegen das reale Leben – könnte man sagen. Im Gegenteil, sie braucht für sich wohl das – vielleicht ja „verlogene“ – Leben. Sie fleht Elisabet auch an, etwas zu sagen, wenn sie auch nur etwas zum Wetter sagen würde. Aber Elisabet redet nicht. Es ist dann sogar Alma, die von Elisabets gehasstem Sohn erzählt, von der ungeliebten Schwangerschaft. Wer soll das auch noch verstehen? Das Verhältnis von Elisabet und Alma zueinander verändert sich ja auch noch. Sind sie doch eins? Zwei immer widersprüchliche Teile von einer Person?

In der Inszenierung am Münchner Volkstheater gibt es noch dazu neben den „echten“ Elisabet und Alma eine Verdoppelung von Elisabet und Alma. Doppelungen mit Gesichtsmasken, die weitgehend gleich angezogen sind, gleich wie sie selbst und gleich wie die „richtigen“ Elisabet und Alma, schwach rot und hellblau aber in Plasikanziehsachen. Die „Doppelungen“ von Elisabet und Alma wirken dabei künstlicher, unveränderlich traurig oder zumindest fragend oder entsetzt oder entrüstet oder ratlos oder oder. Oder wirken sie durch die Masken geradezu verallgemeinernd? Alles Interpretationsfrage an diesem Abend. Die Doppelung macht es jedenfalls nicht leichter. Szenen wiederholen sich, schnelle Wechsel zwischen den „echten“ Elisabet und Alma und ihren Doppelungen …

Auch das dazu gut passende Bühnenbild (Bühne: Nadin Schumacher): Es sind drei Teile dieses Sommerhauses, in dem sich Elisabet und Alma aufhalten, in gewisser Weise sind auch das „Doppelungen“. Nichts gibt es „einfach“. Quadratische Räume, fast moderne eckige Räume, die auf der Bühne immer wieder einmal von den beiden Elisabets und/oder den beiden Almas verschoben, gedreht und versetzt werden. Szenen spielen im Inneren der Blöcke hinter den Wänden, werden live gefilmt und groß auf den Wänden gezeigt, auf die der Zuschauer blickt. Auch die Rückwand der Bühne ist Leinwand. Auch das sind im Grunde Doppelungen.

Bei all den Fraglichkeiten, die Ingmar Bergman dem Zuschauer hier auftürmt: Lena Brückner als Alma und Ruth Bosung als Elisabet spielen es sehr sehr glaubhaft, die Wortlosigkeit oder Traurigkeit von Elisabet, die Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und Verzweiflung von Alma, das wortlose Verhältnis beider zueinander und und und. Beide sind junge Ensemblemitglieder, sie „spielen“ es aber wie hocherfahrene Schauspielerinnen!

Trotzdem: Man darf nicht erwarten, dass man nach diesem Abend eine gesicherte Interpretation von „Persona“ von Ingmar Bergman wagen kann. Wer kann das schon bei „Persona“? Interessant etwa sind im Programmheft die Zitate:

Muss das sein? Ist es so wichtig, dass man nicht lügt, die Wahrheit sagt, in ehrlichem Ton spricht? Kann man überleben, ohne hin und wieder zu reden?

Oder:

Kann man ein und derselbe Mensch sein und im gleichen Augenblick zwei verschiedene Menschen? Wo bleiben alle guten Vorsätze, die man gefasst hat?

Oder:

Nicht scheinen, sondern sein. Bewusst, wach, jeden Augenblick. Zugleich der Abgrund zwischen dem, was du vor den anderen und dem, was du vor dir selber bist. Ständig dieses Schwindelgefühl, und der Hunger, ein Geheimnis preiszugeben.“

Regisseurin Sophie Glaser fügt mit dieser Inszenierung den vielen Fragen, die Ingmar Bergman mit „Persona“ ohnehin schon aufwirft, jedenfalls eher gewissermaßen noch weitere Fragen hinzu, als dass sie eine klare Interpretationshilfe gäbe. Verständlich, konsequent, aber nicht leicht!

HIER der Link zur Stückeseite „Persona“ auf der Website des Münchner Volkstheaters.

Hier noch ein Foto der trotz aller Fragen interessanten Inszenierung. Auch Elisabets Ehemann erscheint und Alma wird – auch für ihn – plötzlich zu Elisabet:

Copyright der Fotos: Gabriela Neeb

THEATERTREFFEN EXTRA: Ingmar Bergmann – Persona

Ich hatte bisher erst über EIN Stück des Theatertreffens 2019 geschrieben: Über „Estado Vegetal“ von Manuela Infante. HIER mein Beitrag dazu, den ich mittlerweile ergänzt habe. Das Stück hat den Inszenierungsauftrag des Stückemarktes auf dem Theatertreffen 2019 gewonnen und wird im kommenden Jahr in Bochum von Simon Stone inszeniert werden.

Jetzt komme ich zu meiner zweiten Besprechung: „Persona“ von Ingmar Bergmann. Erst – bei „Estado Vegetal“ – ging es (sehr überzeugend) um den Menschen und die Natur, jetzt geht es (sehr diffizil) um den Menschen selbst. Ingmar Bergmann hatte das Stück im Krankenhaus geschrieben. Er hatte eine Lungenentzündung. 1965 wurde der Film „Persona“ gedreht, zum ersten Mal mit Liv Ullmann.

Die Theaterinszenierung der Regisseurin Anna Bergmann mit der deutschen Schauspielerin Corinna Harfouch und der Schwedin Karin Lithman ist eine Koproduktion des Stadttheaters Malmö und des Deutschen Theaters BerlinHIER zur Stückeseite „Persona“ auf der Website des Deutschen Theaters.

Inhaltlich: Die Schauspielerin Elisabet Vogler hört in der letzten Vorstellung der „Elektra“ plötzlich auf zu reden. Sie bringt die Aufführung dann zwar zu Ende, redet danach aber nicht mehr. So liegt sie im Krankenhaus. Die Krankenschwester Alma pflegt sie dort. Schließlich zieht Alma auf ärztlichen Rat hin mit Elisabet Vogler ans Meer, um sie weiter zu pflegen. Es geht um das Verhältnis der beiden zueinander. Es geht aber auch um die Entwicklung beider Personen selbst (letztlich werden beide Personen jeweils Teile einer einzigen Person sein …).

Reden wird nur Alma. Das Verhältnis zwischen Alma und Elisabet hat viele Facetten. Sie sind natürlich nicht alle so zu verstehen, wie Ingmar Bergmann sie verstanden haben wird. Meine Eindrücke:

  • Die Schauspielerin Elisabeth Vogler will keine „Rollen“ mehr spielen. Allerdings geht es ihr nicht nur um die Beendigung ihrer Theaterrollen, sondern im Endeffekt will sie wohl keine „Rollen“ im Leben mehr spielen. Mir scheint, sie meint: Das „Rollenspiel“ im Leben sagt nichts darüber aus, wie man ist. Es verwirrt eher. Mit keiner Rolle und mit keiner Erklärung kann man sich selbst gerecht werden.
  • Die Pflegerin Alma dagegen hält es kaum aus, dass Elisabet Vogler nicht mehr redet. „Sag doch bitte irgendetwas“ sagt sie. Das zeigt einen Konflikt, den vielleicht auch Ingmar Bergmann gesehen hat: Man muss sich verständigen. Wir brauchen es, gehört zu werden und reden zu können. Wir brauchen ein Gegenüber. Einerseits brauchen wir es. Andererseits schwingt immer mit, dass das Reden an sich nur an uns selbst vorbei führt. Wir brauchen das Gegenüber, aber wir halten uns dann ja immer in verfälschenden Rollen auf, die wir spielen. Kann man jemals jemanden erkennen? Kann man sich erkennen? Durch einen Wegfall der Rollen vielleicht. Vielleicht ist das der Zweck des Schweigens von Elisabet Vogler.
  • Spiegelung: Es geht in diesem Stück auf jeden Fall auch um Spiegelung. Schon das Bühnenbild: Eine dünne Wasserfläche auf dem Boden, im Hintergrund blickt man auf in Muschelform angeordnete krumme Spiegel. Alles spiegelt sich. Und beide – Schwester Alma und Elisabeth Vogler – werden sich im Verlaufe des Stückes im Aussehen immer ähnlicher. Elisabet Vogler schminkt sich und Alma anfangs auch identisch. Beide Schauspielerinnen tauschen übrigens auch ihre Rollen der Alma und der Elisabet je nach Schauspielort.
  • Schwester Alma kommt offenbar gerade dadurch, dass Elisabet Vogler nicht mehr redet, endlich auf ihre eigene Persönlichkeit zurück. Durch das Wegfallen der „Rollen“ – die beide ja weiter spielen könnten – entsteht wohl für Schwester Alma der wahre Spiegel, also entsteht die Möglichkeit, sich selber zu erkennen. Schwester Alma erkennt endlich ihre Person. Sie erzählt von hochpersönlichen Erinnerungen – einer Abtreibung, einer sexuelle Szene am Strand. Dinge, die sie wohl wirklich bewegen. Wie beim Psychiater.
  • Es kommen bei Schwester Alma Zuneigung auf, Liebe, Ärger, Wut, Traurigkeit, Erinnerungen. Alles dadurch, dass die „Rollen“ weggefallen sind, die sonst so gespielt werden. Wie beim Psychiater.
  • Ich hatte erstaunlicherweise wenig Bezug zu den beiden Schauspielerinnen. Corinna Harfouch spielte meines Erachtens ihren Part teilweise etwas zu deutlich, etwas zu übertrieben. Und Karin Lithman etwas zu farblos manchmal. Aber sie muss sich ja auch sehr zurückhalten, spricht ja auch nicht.
  • Es geht auch um die Liebe des Kindes zur Mutter, fehlende „Mütterlichkeit“, wie Schwester Alma einmal feststellt. Die Angst der Mutter vor der Geburt des Kindes, erzählt sie, und die Tatsache, dass die Mutter das Kind dann eigentlich nicht will.
  • Am Ende zieht sich Elisabet Vogler zurück, sie setzt sich in die Zuschauerränge. Wie ein Psychiater.

Es ist eine nicht leicht zu verstehende Inszenierung, was allerdings am sicher sehr persönlichen Inhalt liegt, den Ingmar Bergmann geschaffen hat. Die Theaterinszenierung bringt fast identisch den Originaltext von Ingmar Bergmann. Auch der Film wird nicht einfach sein. Ich habe ihn nicht gesehen. Eine Sitzung beim Psychiater (oder Psychologen). Das Bühnenbild passt ideal dazu, aber so wirklich „bemerkenswert“ – das Kriterium des Theatertreffens – war es vielleicht nicht.

Das Stück ist derzeit noch – ACHTUNG! NICHT LANGE! – in voller Länge auf 3sat zu sehen. HIER der Link.

©️ des Beitragsbildes: Arno Declair