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Gesehen und gehört

THEATER: Constance Debré – Love me tender

Regisseurin Felicitas Brucker hatte in den letzten Jahren mehrfach Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen: „Nora“, „Die Freiheit einer Frau“ (wieder am 13.03.), „Baumeister Solness“, „Die Politiker“. Jetzt hat sie den autobiografischen Roman „Love me tender“ der französischen Autorin Constance Debré umgesetzt, der 2020 erschien.

Neben allem Text des Romans: Die drei Schauspielerinnen singen, tanzen, laufen, weinen, schreien … in diesen fast zwei Stunden … alles. Annette Paulmanns erste Worte zeigen dabei den Inhalt des Abends an, es sind Constance Debré’s Worte:

„Warum sollte die Liebe zwischen einer Mutter und einem Sohn nicht genau wie jede andere sein? Warum sollten wir uns nicht trennen können? Warum sollten wir nicht aufhören können einander zu lieben?  Warum müssen wir uns unbedingt lieben, in und außerhalb der Familie, und warum müssen wir uns selbst und anderen immer wieder davon erzählen?“

Darum geht es: Eine Mutter will ihre Freiheit leben, will alles hinter sich lassen, alle gesellschaftlichen Konventionen, gibt alles auf, lebt sexuell fast wahllos lesbisch, nach zwanzig Jahren Ehe. Sie hat aber einen Sohn und von dem gibt es wohl kaum einen „Rückzug“. Doch, es gibt ihn, zunächst erzwungener maßen: Der Vater des Sohnes namens Paul verhindert nämlich immer wieder Pauls Kontakt zur Mutter und sie, die Mutter, verkraftet den fast totalen Verlust des Kontaktes zum Sohn (der noch dazu vom Vater beeinflusst wird) nicht. Natürlich nicht. Die Justiz hilft ihr überhaupt nicht. Aber auch das ist möglich: Will sie vielleicht sogar auch die besondere Bindung zum eigenen Sohn zugunsten ihrer Freiheit aufgeben? Beides vielleicht. Sie steckt in einem Dilemma. Was macht man da? Die eigene Freiheit leben oder sie doch wieder aufgeben, sich den „Regeln“ beugen? Sind die Schmerzen, die mit der gewünschten eigenen Freiheit verbunden sind, zu groß?

An einigen Stellen wirkt die Inszenierung der Bühnenfassung von „Love me tender“ bei diesen schweren Fragen – ganz anders als Felicitas Bruckners bisherige Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen – allerdings etwas gewollt und übertrieben, vielleicht auch ist der Roman von Felicitas Brucker zu wenig gekürzt und pointiert worden. Mir ist nicht alles klar geworden. Und was nicht aufkommt: Der Gedanke der Einsicht zB des Vaters oder des Sohnes mit dem Lebensumbruch der Mutter. Das wiederum mag für solche Fälle ein wichtiges Element sein, in der Suche nach Lösungen. Aber es geht eben nicht nur um die Lösung eines Einzelfalles, sondern um Existenzielles: Was bremst die Freiheit aus? Kann Liebe bremsen? Überhaupt: Freiheitsdrang einerseits und Verlust andererseits … und so.

Fazit: Drei herausragende Schauspielerinnen auf dieser so lässigen kleineren Bühne der Münchner Kammerspiele, das hat was, aber dazu etwas viel Aktionismus (Einsatz von Musik, Videowände auf der Bühne, große Liveaufnahmen an der Rückwand, Gesang, Rap, Licht, Nacktheit, Körpereinsatz mal so mal so und und und …), eine ruhigere Erzählweise hätte mir an mancher Stelle geholfen bei den so existenziellen Fragen des Romans. Trotzdem: So geht es auch gut, zumal bei der so starken und überzeugenden Besetzung!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

THEATER: Wolfram Lotz – Die Politiker

Wolfram Lotz mag einmal nachts im Bett gelegen haben und es mag sein, dass er nicht einschlafen konnte. Er hat vielleicht ständig über ein und dasselbe Thema nachgedacht, immer wieder, über „die Politiker“. Diese eine Nacht ist dann wahrscheinlich sein Text „Die Politiker“ geworden. Und dieser Text wurde dann – nicht zum ersten Mal auf deutscher Bühne – zur Inszenierung an den Münchner Kammerspielen, die kürzlich Premiere hatte. Die Inszenierung ist gegen Ende Juli und, denke ich, in der folgenden Spielzeit weiterhin zu sehen.


Vorab: Dieser Theaterbesuch war natürlich ein doppeltes Ereignis:

Es ging nicht nur um das Erleben einer Inszenierung, es war auch nach langer Zeit das Erlebnis eines Theaterbesuch an sich. Vor der Bühne zu sitzen – zu warten – Menschen zu beobachten – zu wissen, dass eine ganz bestimmte Anzahl von Menschen im Theater sitzt – die Inszenierung live zu erleben – „hautnah“ zu erleben, wie die SchauspielerInnen auf der Bühne agieren – eine ganz bestimmte Inszenierung zu verfolgen – am Ende zu applaudieren – zu merken, dass die SchauspielerInnen für diesen Abend genau mich (und die anderen ZuschauerInnen) „brauchen“ und andersherum ich (und die anderen ZuschauerInnen) die SchauspielerInnen „brauche“! All das wird irgendwie live viel deutlicher, als im Streaming, oder es wird live überhaupt erst möglich.

Gut, es gab in den vergangenen Monaten teilweise wunderbare Streamings von Theaterinszenierungen, keine Frage, auch Streaming – also Theater online – kann besondere Effekte hervorrufen. Manche Streamings „funktionierten“ sehr gut, haben Atmosphäre oder irgendetwas anderes transportiert, manche Streamings „ funktionierten“ aus meiner Sicht dagegen weit weniger. So ist das nun einmal. Theater hat meines Erachtens nichts mit „Erfolg“ oder mit ständigem „Gelingen“ zu tun. Es ist jedes Mal ein Versuch.

Und nun zur Inszenierung von „Die Politiker“:

Wie gesagt, jemand durchlebt eine einzige Nacht und kreist immer wieder um ein Thema: Die Politiker. Die beiden Wörter „die Politiker“ hört man an diesem Abend (ohne Übertreibung) zwischen 700 und vielleicht 1000 mal. Wenn nicht sogar viel öfter, weil sie teilweise auch parallel von den drei SchauspielerInnen gesprochen oder gemurmelt werden. Meine Rechnung: Die Inszenierung dauert 70 Minuten, allein pro Minute hört man durchschnittlich mindestens zehnmal die Worte „die Politiker“, macht schon 700 mal. In den englischsprachigen Surtitles heißt es nur manchmal „politica“ und manchmal „politicians“. Etwas viel – als wäre Wolfram Lotz in einer fürchterlichen Gedankenschleife gesteckt, die ihn nicht irgendwie voran gebracht hätte. Es ist ja nicht so, dass man der Bezeichnung „die Politiker“ durch den Text von Wolfram Lotz auch nur irgendwie näher kommen würde. Das ist auch gar nicht beabsichtigt. Es gibt nicht „die Politiker“.

Die recht junge Regisseurin Felicitas Brucker – eine von insgesamt 30 RegisseurInnen, die auf der Website der Kammerspiele genannt werden! – lässt für diesen Text drei Personen auf der Bühne erscheinen. Katharina Bach, Svetlana Belesova und Thomas Schmauser. Alle drei agieren weitestgehend in eigens für Sie bestehenden kleinen Kästen, „videoanimierten“ Zimmern, die klein und eng wirken. Vor allem Thomas Schmauser und ganz besonders Katharina Bach verausgaben sich – und überzeugen dadurch – geradezu. Alle drei reden und reden und reden. Sie reden meist parallel, über Licht und Ton wird jeweils der Fokus auf eines der Zimmer gelegt. Eine aufgeregte Aneinanderreihung von Gedanken, Elfriede Jelinek lässt grüßen! Katharina Bach spielt die „explosivste“ Person des Trios.

Die Inszenierung endet dann mit dem Satz: „Alle Dinge sind allein!“ Und genau das spiegelt die Stimmungslage des gesamten Textes von Wolfram Lotz und der Inszenierung (und schon des Bühnenbildes) wider: Wir reden von „die Politiker“, können sie aber gar nicht greifen. Wir stürzen immer wieder nur herab auf unser Alleinsein. Der völlig unbestimmte Begriff „Die Politiker“ ist Projektionsfläche für die recht hilflose Situation der SchauspielerInnen. Alle drei SchauspielerInnen suchen im Grunde Auswege aus ihrer Einsamkeit, ihrer Isolation. Suizid? Gewalt? Schreiben statt schreien? Oder wollen sie mehr Verantwortung der Politiker?

Getragen wird das Gedankenkonvolut des Textes meines Erachtens dann auch noch davon, dass es bei den undefinierten „Politikern“ um Personen irgendwo „oben“ geht, während alle anderen Menschen „unten“ sind. Das mag primär ein verständlicher Gedanke sein, Schlussfolgerungen aus dieser sehr unschönen Situation zeigen sich aber im wilden Gedankenkonvolut des Textes nur unscharf. Um Einiges zu unscharf, fand ich. Eine gewisse Schärfe der Gedanken vermag dem rasanten Tempo der Gedankenwechsel zum Opfer gefallen sein. Die Überlegung „weniger ist mehr“ gilt für den Text von Wolfram Lotz leider nicht unbedingt!

Thomas Schmauser und Katharina Bach

Copyright der Fotos: Judith Buss