Eine Empfehlung: Das bekannte „Nederlands Dans Theater“ NDT aus Brüssel bringt wieder einmal etwas online! Wieder sind (diese Mal im ersten Teil auch akrobatische – siehe Beitragsbild – und) tänzerische Höchstleistungen des international renommierten Hauses des zeitgenössischen Tanzes zu erwarten.
Es sind „Wiederaufnahmen“. WANN? Am 07. März ist von 00:01 Uhr bis 23:59 Uhr CET I wonder where the dreams I don’t remembergo (2020) von Yoann Bourgeois zu sehen. Am 08. März sind von 00:01 Uhr bis 23:59 Uhr CET Bedroom Folk (2015) von Sharon Eyal und Gai Behar und The Big Crying (2021) zu sehen.
Zum dritten Mal hintereinander hat das NDT den Preis für das beste Online Event des „Tanz Magazine“ erhalten: “Top contemporary choreography continues to come from The Hague – in the best streaming quality. Captured by six cameras, the finest dance art is broadcast to an international audience.”
Die Tickets für das Streaming können HIER erworben werden.
Ein Foto (Screenshot) von I wonder where the dreams I don’t remembergo:
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Ein Foto (Screenshot) von „Bedroom Folk“:
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Und hier ein Foto von The Big Crying:
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HIER gehts zur Website des NDT. HIER der direkte Link zu NDT online.
Aus aktuellem Anlass hier ein schneller Hinweis zu einem Online-Streaming heute Abend, Mittwoch 17.01.2024, um 21.15 Uhr! Das Streaming (am Mittwoch 17.01. live) kann auch in den Folgetagen noch aufgerufen werden!
Der Regisseur und Intendant des Volkstheaters Wien Kay Voges bringt die kürzlich veröffentlichte Recherche des investigativen Medienteams Correctiv zum Treffen von AfD-Personen mit staatsfeindlichen Rechtsextremen (Koproduktion des Berliner Ensembles und des Volkstheaters Wien) in Form einer szenischen Lesung auf die Bühne des Berliner Ensembles. Das kostenlose Livestream wird auf www.volkstheater.at, auf nachtkritik.de und auf www.berliner-ensemble.de angeboten. Der Link ist nun auch auf der Website der Münchner Kammerspiele zu finden. HIER.
Gestern also live online „In/with/in“ des Nederlands Dans Theater (NDT) in Den Haag. Vom ersten Teil (Choreografie von Marco Goecke) hatte ich noch keine Aufnahmen gemacht, von Teil zwei (Choreografie von Imre van Opstal & Marne van Opstal) und Teil drei (Choreografie von Tao Ye) habe ich schließlich Screenshots gemacht.
Es war tänzerisch und choreografisch – aber auch vor allem in Hinblick auf die Belichtung und die Kostümierung! – beeindruckend.
Teil eins:
Marco Goeckes Choreografie war am ehesten beunruhigend. Marco Goecke arbeitet immer wieder mit durchgehend völlig zerhackten, schnellen Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen, die oft in deutlichem Kontrast zur Musik (etwa dem „runden“ und ruhigen, fast melancholischen Song „Try to remember“ von Harry Belafonte – HIER) stehen. Schwierig. Es war eine – auch durch die schwarze Kostümierung und dunkle Bühne – recht martialisch wirkende Performance.
Teil zwei:
Hier ein paar Impressionen:
Teil drei:
Auch hier ein paar Impressionen:
Es gab zurecht begeisterten Applaus, Standing Ovations, für das hochklassige Ensemble des NDT und für die dreiteilige Darbietung des Abends, vor allem für Teil zwei und Teil drei!
HIER der Link zur Website des NDT mit vielen Informationen und dem weiteren Spielplan.
Der Mai wird interessante Dinge bringen. Hier ein Überblick über die Dinge, die ich sehen werde – als Anregung für die Leser. Wahrscheinlich sollte man sich frühzeitig um Karten kümmern, da die meisten Dinge nur für kurze Zeit oder gar nur ein Mal zu sehen sind.
Ich stelle hier vor allem die jeweiligen Links ein:
Zuerst wird im Residenztheater am 02. Mai die Inszenierung „Antigone“ gebracht.
Es könnte interessant werden. Es ist eine Inszenierung von „Antigone“ von Sophokles – der altbekannte Stoff – unter Verwendung von «Die drei Leben der Antigone» des slowakischen Philosophen Slavoj Žižek. Mal sehen. Das Setting ist eine Zusammenkunft in einem unterirdischen Konferenzraum und (vor der Pause) der Flur davor!
HIER die Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Dann: Am Münchner Volkstheater findet noch bis zum 05. Mai das Festival „Radikal für jung“ statt – unter anderem mit den Stücken „Dschinns“ und „Odyssee“, die ich sehen werde.
HIER die Stückeseite von Dschinns und HIER die Stückeseite von Odyssee.
Dann gibt es – das könnte besonders werden – in einer Kooperation der Bay. Staatsoper und dem Haus der Kunst ab dem 05. Mai die Oper „Hanjo“ zu sehen.
Im Mai veranstaltet die bayerische Staatsoper nämlich das Festival Ja, Mai, ein Festival für frühes und zeitgenössisches Musiktheater. HIER geht es zur Festivalseite auf der Website der Bayerischen Staatsoper.
In diesem Zusammenhang werden zwei interessante Aufführungen gezeigt: HANJO ist die erste. HIER ist die Stückeseite von Hanjo. Es wird vielleicht interessant, weil es eben eine Kooperation der Bayerischen Staatsoper mit dem Haus der Kunst ist, die Aufführungen finden im Haus der Kunst statt! Der Bühnenraum der vom No-Theater inspirierten Oper des zeitgenössischen Komponisten Toshio Hosokawa wird von Rirkrit Tiravanija gestaltet, einem bildenden Künstler.
Dann gibt es – vielleicht wird das sehr besonders – von der Bay. Staatsoper im Cuvillestheater ab dem 07. Mai die Inszenierung „Il Ritorno/Das Jahr magischen Denkens“.
Es ist die zweite Aufführung im Rahmen des Festivals Ja, Mai. HIER geht es zur Stückeseite.
Die Inszenierung könnte ein Highlight des Monats Mai werden. Ich war auf einer Vorbesprechung. Die Produktion beschäftigt sich mit einer der frühesten Opern überhaupt: Claudio Monteverdis Il ritorno d’Ulisse in patria. Zusätzlich wird dasSchauspiel vonder (2021 verstorbenen) US-amerikanischen Schriftstellerin Joan Didion – basierend auf ihren Memoiren – aufgeführt. Verantwortlich für die szenische Umsetzung von Il ritorno/Das Jahr des magischen Denkens ist der Theaterregisseur Christopher Rüping. Christopher Rüping hatte in München schon unter anderem mit seiner zehnstündigen Produktion „Dionysos Stadt“ für Furore gesorgt, er ist jetzt erstmals Regisseur einer Oper. Es geht aber nicht einfach um die Oper. Auf der Bühne wird man eine Gegenüberstellung sehen von Oper und Theater. Zum Thema „Erwartung“, dem Thema von Ja, Mai.
Zu beachten ist auch: Zum Theatertreffen in Berlin stehen vom 12. Mai bis zum 8. September 2023 wieder drei der 10 ausgewählten Inszenierungen in der Mediathek zur Verfügung.
Die Inszenierungen „Die Eingeborenen von Maria Blut“, „Ein Sommernachtstraum“ und „Kinder der Sonne“, sind dieses Jahr von 3sat im Rahmen der Reihe „Starke Stücke“ zu sehen – in der 3sat Mediathek und in der Mediathek der Berliner Festspiele. Zusätzlich kann man weitere ausgewählte Veranstaltungen sowie Texte und Archivmaterial ansehen.
HIER der Link zur Mediathek der Berliner Festspiele, der Veranstalterin des Theatertreffens.
In der Zeitschrift „Theater heute“ (HIER der Link zur Website), Ausgabe April, ist ein Gespräch zwischen Burgtheater-Dramaturg Alexander Kerlin und der Historikerin Lucile Dreidemy zu den historischen Hintergründen von Maria Lazars Roman «Die Eingeborenen von Maria Blut» (der vollständige Abdruck der Bühnenfassung liegt dem Heft übrigens bei). HIER der Link zu diesem frei verfügbaren Text des Gesprächs.
Auch interessant kann sein am 11. und 13. Mai ein Live-Streaming von „Raw are the roots“ des Nederlands Dans Theater.
Das NDT bietet interessante Tanzdarbietungen: Zu „Raw are the roots“ heißt es auf der Website des NDT:„NDT 1 performs two very different approaches to dance. In this double bill, you will see two world premieres by Felix Landerer and choreographer duo Sharon Eyal & Gai Behar. On Thursday May 11 or Saturday May 13, we offer the opportunity to watch Raw are the rootslive from the comfort of your own sofa. Buy your ticket now for €15!“
Etwas außergewöhnlich ist auch an den Münchner Kammerspielen am 30. Mai die Möglichkeit, an der „offenen Probe“ des Stückes „Die Vaterlosen“ teilnehmen zu können.
Kurz vor der Premiere (sie ist am 02.06.) kann man eine offene Probe das Stückes „Die Vaterlosen“ nach Anton Tschechows „Der Vater“ besuchen. Sicher interessant, ist ja nicht üblich.
HIER der Link auf der Website der Münchner Kammerspiele zur Ankündigung der offenen Probe.
Das Berliner Theatertreffen 2022 nähert sich! Es beginnt am 6. Mai. Es gibt in Kürze wunderbare Streams dazu: Stream 1: Christopher Rüpings Inszenierung „Das neue Leben“, eine Produktion des Schauspielhaus Bochum, wird am 6. Mai im Rahmen des Eröffnungsabends im Livestream einmalig in Echtzeit in der neuen Mediathek der Berliner Festspiele zu sehen sein.
Zum Stück „Das neue Leben“ kurz: Christopher Rüping begibt sich mit dem entspannten Ensemble auf eine Erkundungsreise durch Dantes Liebeswelt – Dantes 1293 erschienenes Jugendwerk ‚Vita Nova‘ – und die seiner popkulturellen Erb*innen, von Britney Spears bis Meat Loaf.
HIER die Stückeseite auf der Website des Schauspielhaus Bochum – mit Audioeinführung. HIER der link zu einem Trailer. Hier noch ein Foto, für die Verlinkung zur Stückeseite kann man auch das Foto anklicken.
Copyright Jörg Brüggemann/Ostkreuz
Stream 2-4: 3sat bringt auch dieses Jahr wieder drei der 10 für das diesjährige Theatertreffen ausgewählten Inszenierungen im Rahmen der seit Jahren laufenden Reihe „Starke Stücke“. Und zwar:
„humanistää! – eine abschaffung der sparten“ vom Volkstheater Wien am Samstag, 21. Mai 2022, 20.15 Uhr
HIER die Stückeseite. HIER der link zu einem Trailer. Hier ein Foto. Auch hier: Für die Verlinkung zur Stückeseite einfach anklicken.
Copyright Nikolaus Ostermann / Volkstheater Wien
„Ein Mann seiner Klasse“ vom Staatstheater Hannover am Samstag, 7. Mai 2022, 20.15 Uhr
HIER die Stückeseite. HIER der link zu einem Trailer. Hier ein Foto (Auch hier: Für die Verlinkung zur Stückeseite einfach anklicken!):
Copyright Katrin Ribbe
und „Die Jungfrau von Orleans“ vom Nationaltheater Mannheim am Samstag, 14. Mai 2022, 20.15 Uhr. HIER die Stückeseite. HIER der Link zu einem Trailer. Hier ein Foto (anklicken!):
Copyright: Christian Kleiner
Aber: Alle drei „Starken Stücke“ stehen dann ab Freitag, 6. Mai 2022 ohnehin weiterhin in der 3satMediathek für 120 Tage zum Abruf bereit!
Mein Tipp: Ich hatte es schon einmal gesehen und empfehle es! Übermorgen, am Freitag, den 15. Oktober um 20.00 Uhr, ist es erneut zu sehen. Es lohnt sich! Ursprünglich war es entwickelt für die Bühne, dann wurde es von Sebastian Hartmann wegen Corona umgearbeitet für das Streaming. Es wurde eine meines Erachtens sehenswerte und bestens gelungene Kombination aus Theater und Film. „LEAR“ heißt das Stück, eine Kombination von „King Lear“ nach William Shakespeare und „Die Politiker“ von Wolfram Lotz.
Im Stream des Monats des Deutschen Theater Berlin war gestern Abend „Bremsspuren“ von Nicola Bremer zu sehen. Der Stream wird am 19. November wiederholt. In der (bisherigen) Corona-Zeit waren vielfach Streamings zu sehen. Mal waren sie gelungen, mal weniger gelungen. Aus meiner Sicht waren sie meist dann gelungen, wenn man mehr Nähe zu den Schauspielern und Schauspielerinnen vermittelt bekam, als üblich. Dann, auch durch den irgendwie besonderen Einsatz der Kamera(s), waren die Streamings oftmals sehenswert und besonders! Nähe zum Schauspieler, das ist sicherlich ein Vorzug von „Bremsspuren“.
„Bremsspuren“ ist ein Stück, in dem allein der junge Schauspieler Niklas Wetzel zu erleben ist. Nur ganz selten – gegen Ende – hört man außerdem die Stimme von Julia Windischbauer. Mehr nicht. Man erlebt „nur“ Niklas Wetzel. Ich habe ihn schon das ein oder andere Mal erlebt, er hatte seine Schauspielausbildung an der Münchner Falkenbergschule – der Theaterschule der Münchner Kammerspiele – absolviert.
Thema: „Ein Mensch. Ein Raum. Ein Experiment. Einmal so langsam wie möglich durchs eigene Wohnzimmer gehen. Einmal bis zur gegenüberliegenden Wand.“ Das ist in etwa die Idee des Stückes, geschrieben von Nicola Bremer (ausdrücklich für das Streaming, glaube ich). Es geht im Grunde von dieser Idee her gesehen um die Entdeckung der Langsamkeit. Sten Nadolnys Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ fällt einem ein. „Daniel“ verlässt für ein Jahr das Leben, in dem von uns allen Zeit und Raum laufend vergewaltigt werden, wir Menschen missachten ja im Grunde laufend die wirklichen Dimensionen von Zeit und Raum. „Daniel“ zieht sich in sein Wohnzimmer zurück, er will Zeit und Raum wirklich kennen lernen. Ein leerer meist weißer Kubus auf der Bühne. Drei Wände, vorne offen.
Niklas Wetzel alias „Daniel“ spricht dabei in diesem Stück – ausschließlich wohl per Telefon, man sieht ja niemanden – mit der von ihm heiß begehrten Julia Windischbauer alias „Laura“. Es ist insoweit ein Monolog. Man hört keine Antworten, sondern nur Sprechpausen, in denen man sich die Antworten von Julia Windischbauer alias Laura vorstellen kann.
Daniel erzählt Laura von seinem Projekt, ein Jahr lang sein Zimmer zu durchqueren. Mehr macht er nicht. Sein Projekt, ein Experiment. Er nimmt Zeit und Raum ein Jahr lang wahr. Er erzählt „seiner“ Laura davon, spricht davon, dass er verschiedene Besuche bekam, dass er nicht einsam sei und und und.
Im Grunde aber spricht er mit Laura, da er ihr nahe kommen möchte, er liebt sie. Er ruft sie immer wieder an. So geht es meines Erachtens im Stück leider viel eher um die Beziehung zwischen Daniel und Laura, als um die einsame und so „langsame“ und „eingeschränkte“ Lebenssituation von Daniel. Es geht eigentlich wenig um das interessante „Projekt“ von Daniel: Seine Idee des Erlebens von Zeit und Raum. Diese Idee wird von Daniel immer wieder angesprochen, wird aber nicht vertieft. Dass es Daniel eher um Laura geht, zeigt meines Erachtens auch die Tatsache, dass Daniel nicht etwa ruhiger, „entschleunigter“ wird, sondern im Gegenteil aufgedreht, manchmal geradezu hektisch. Seine Empfindlichkeit ist immer getragen von den Veränderungen seines Verhältnisses zu Laura.
Die interessante Idee des Stückes bleibt somit meines Erachtens zu sehr in dem Versuch stecken, die Idee des „Projektes“ von Daniel wirklich zu vertiefen. Das Stück gleitet ab in die Darstellung der Beziehung zwischen Daniel und Laura. Vielleicht allerdings geht es darum: Die Beziehung von Daniel zu Laura scheitert vollständig, da Daniel durch sein Projekt der „Entdeckung der Langsamkeit“ überhaupt keine Nähe mehr ermöglicht. Er hat sich dem Leben entzogen, kann nur noch zuhören, was Laura vom Leben erzählt.
HIER der Link zur Website des Deutschen Theater Berlin und seinem Angebot Stream des Monats. Der Stream im kommenden Monat wird klasse! Filmisch sehr besonders! LEAR – ein Werk aus KÖNIG LEAR (Shakespeare) und DIE POLITIKER (W. Lotz).
Copyright des Beitragsbildes: Screenshot des Deutschen Theater Berlin
Eine Ankündigung: Das Deutsche Theater Berlin ist wieder regelmäßig digital zu erleben: Heute, Mittwoch, den 29. September startet deren neue monatliche Rubrik „STREAM DES MONATS“. Der Stream wird immer begleitet von einem Live-Nachgespräch mit den Künstler:innen.
Den Anfang der Reihe macht heute „BREMSSPUREN“ von Nicola Bremer in der Regie von Friederike Drews als Limited Edition digital (das Format, in dem die Regieassistent:innen des Theaters ihr Regiedebüt geben – normalerweise in der Box, in diesem Fall digital).
Zum heutigen Stream: Eine Bühne. Ein Schauspieler. Eine Kamera. Ein one-take. Kein Schnitt. Ein Mensch. Ein Raum. Ein Experiment. Wie gesagt: HEUTE, Mittwoch, 29. September, 20 Uhr mit anschließendem Nachgespräch und danach als Video on Demand noch 24 Stunden verfügbar.Tickets gibt es auf dringeblieben.de.
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Deutschen Theaters Berlin.
Copyright des Beitragsbildes: Deutsches Theater Berlin
Medea: „Ich war von Liebe überwältigt … ich bin in tiefster Seele gekränkt … ich werde von Grund aus vernichtet … ich fühl garnichts mehr … hin ist das Vertrauen … ich kann das nicht begreifen … ich hab Angst … die Welt ist aus den Fugen … alles ist weggebrochen … ich geb auf … ich hab Angst vor Gewalt“. Dass sie dann ihre beiden Kinder tötet, ist nicht gesichert. Es ist die Erzählung des Mythos durch Euripides, andere sagen, die Korinther hätten die Kinder getötet und hätten Euripides Geld dafür gegeben, sein Drama eben anders zu schreiben, nicht von der Tat der Korinther zu berichten.
Ich gehe einmal davon aus, dass viele der sicherlich zigMillionen Leser dieses Blogs – verteilt über das weite Rund der Erde, vor ihren Bildschirmen sitzend und ständig auf bessere Zeiten und weitere Blogbeiträge hoffend – Theaterfreunde sind und den Namen Leonie Böhm kennen. Sie hat am Schauspielhaus Zürich „Medea*“ inszeniert, dort ist sie aktuell eine der HausregisseurInnen. Es war letzte Woche im Livestream zu sehen. Die Inszenierung wurde zum Theatertreffen Berlin 2021 eingeladen, das im Mai wieder stattfinden soll. Wie die Inszenierungen dort wiederum zu sehen sein werden, wird noch bekanntgegeben werden. Online? Präsenz? Wir werden sehen.
Es geht – wieder einmal bei Leonie Böhm – nicht um die Darstellung der bekannten Geschehnisse um Medea. Leonie Böhm verfolgt auch hier wieder wenige tragende Gedanken zwischen den Zeilen eines Dramas.„Ich benutze die Klassiker und die Stücke immer dazu, um eine bestimmte Fragestellung zu untersuchen“, sagt sie in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur. Oft – nicht immer – sind es feministische Ansätze, die sie verfolgt. Eine ihrer ersten Arbeiten hieß etwa „Nathan die Weise“ nach Lessing. Oder zuletzt an den Münchner Kammerspielen: „Die Räuberinnen“ nach Schiller. „Und bei Medea hat mich sehr stark die Frage interessiert: Wie kommt man eigentlich aus einer Ohnmachtssituation und aus einer Ungerechtigkeitssituation wieder in die eigene Handlungsmacht?“ Das Feministische spielte bei ihrer Inszenierung Medea keine Rolle. Medea ist ja eine Frau! Sie hätte eher den Spieß umdrehen können, hätte den männlichen „Medeus“ daraus machen können.
Es ist ja eine in gewisser Weise immer wieder aktuelle Situation: Eine Frau, die von ihrem geliebten Mann betrogen und verlassen wird. Oder andersherum: Ein Mann, der von seiner geliebten Frau verlassen wird! Es wird höchst selten zur Ermordung der eigenen Kinder kommen, kann aber sicherlich zu Ohnmacht und Depression führen. Liebe kann unermesslich sein, die Enttäuschung dann auch! Euripides sah diese Unausweichlichkeit! Also: Wie kommt man da wieder raus? Muss es Rache sein? Diese Frage beschäftigte Leonie Böhm.
Im Gegensatz zur Tragödie von Euripides treten bei Leonie Böhm nur zwei Personen auf: Die Schauspielerin Maja Beckmann – Medea – und der Musiker Johannes Rieder, er stellt quasi den antiken „Chor“ dar, der Medea beobachtet, mit ihr spricht, im Hintergrund bleibt, musiziert, selten eingreift. Die Bühne ist – siehe Beitragsbild – komplett mit weißen Tüchern verhangen. Man fühlt sich – zeitlos – wie im Inneren von Medea, vom Wahnsinn eingesperrt. Erst gegen Ende der Inszenierung fallen alle weißen Tücher in sich zusammen. Musikalisch wiederum schön begleitet von Johannes Rieder und seinem rauhen Summen einer ruhigen Melodie am Klavier, scheint Medea dann aus ihrem Wahnsinn herauszukommen. Überhaupt wird die Inszenierung meines Erachtens geprägt von der zurückhaltenden Musik von Johannes Rieder, auch von ihm als Beobachter des Geschehens. Er zupft an der Gitarre, spielt ein wenig am Klavier. Er war es für mich, der die Inszenierung mit seiner Musik und seinen wenigen Worten prägte. Er mit seiner Erscheinung. Obwohl natürlich Maja Beckmann als Medea im Grunde im Mittelpunkt steht.
Auch wenn Leonie Böhm versucht, mit dieser Inszenierung herauszuarbeiten, wie Medea doch aus ihrem Wahnsinn herauskommen könnte (hätte können): Es wird irgendwie leider nicht ganz deutlich. Natürlich will Leonie Böhm keine Lösung präsentieren, darum geht es nicht. Natürlich kann alles offen bleiben. Es geht um Befindlichkeit. Medea hat ja bei Leonie Böhm vor allem Angst vor dem, was sie tun wird. Es ist ihr wenigstens bewusst, was sie tun wird, sie äußert es schon zu Beginn der Inszenierung. Sich dessen bewusst zu sein, ist schon das Thema für Leonie Böhm. Es geht um Medeas Einstellung. Darum, zu zeigen, dass Medea sich in ihrer Situation doch mit sich selbst beschäftigen kann (hätte können), nicht nur eine rasende unkontrollierte Furie war. „Du brauchst Mut, Deinen Platz zu finden“, sagt sie. Oder: „Das bin ich, das ist das Leben.“ Darum geht es Leonie Böhm wohl. Seinen Platz finden. Medea, die erkennt, in welcher Situation sie ist. Die Inszenierung endet so auch nicht im wahnsinnigen Kindermord, es geht eben nicht um das Gesamtgeschehen selbst.
Es wird auf der Bühne aber dennoch alles vielleicht nicht deutlich genug, ergänzende Erklärungen etwa in der guten Podcast-Einführung des Dramaturgen Bendix Fesefeldt (am Ende der Stückeseite zu Medea* HIER) und im Programmheft (ein Gespräch mit Leonie Böhm) bringen einem die Thematik im Grunde erst wirklich näher. Schade, die schöne Inszenierung erscheint daher nicht ganz ausgereift.
Wer Interesse an den Inszenierungen hat, die zum Berliner Theatertreffen 2021 ausgewählt wurden, könnte sich am Donnerstag, den 18. März, um 20:00 Uhr im Streaming (im Rahmen des „Streamy Thursday“) die Inszenierung Medea* von Leonie Böhm ansehen, die am Schauspielhaus Zürich entstanden ist. Karten vorab besorgen!
Ich werde es ansehen und im Blog über meine Eindrücke berichten. Auch „Der Zauberberg“, den ich letztens gesehen habe und über den ich dann auch geschrieben hatte (siehe den Beitrag zuletzt) ist ja eine der Inszenierungen, die zum Theatertreffen 2021 ausgewählt wurden.
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhauses Zürich.
HIER Der Link zu meinem Beitrag über die Inszenierung von “Der Zauberberg“.
Das fiebrig lodernde Geheimnis des Lebens und der Verwesung, darum geht es! Sebastian Hartmann inszenierte bereits vor zehn Jahren Thomas Manns „Der Zauberberg“, er war damals Intendant des Schauspiels Leipzig. Er hat sich nun am Deutschen Theater Berlin erneut an dieses monumentale Werk gemacht. Er wagt sich ja übrigens auch (auch am Deutschen Theater Berlin) an einen anderen Jahrhundertroman, den „Ulysses“ von James Joyce. Die Inszenierung von „Der Zauberberg “ ist zum Theatertreffen 2021 in Berlin eingeladen. In welcher Form auch immer das Theatertreffen in diesem Jahr stattfinden wird.
Es ist nicht einfach die Erzählung des Romans „Der Zauberberg“ auf der Bühne, Hartmann greift allein die Kerngedanken des Werkes auf. Umso erstaunlicher ist es, wie er diese abstrakte Gedankenwelt auf die Bühne bringt! Eine insoweit meines Erachtens absolut gelungene Inszenierung! Wie man so etwas schafft? Es geht um nicht weniger als um Themen wie die Zeit, der Mensch, der Körper, auch die Liebe und schließlich der Krieg. Wenn man sich diesen nicht gerade alltäglichen Gedanken länger hingeben will, hier ist eine wunderbare Gelegenheit!
All dies entspringt der Gedankenwelt von Hans Castorp, der nach einem heftigen Wintersturm, der ihn auf einer Wanderung erwischt, in den Schweizer Bergen in einen tiefen Traum fällt. Traumbilder durchziehen auch die Inszenierung. Etwa:
Copyright: Video Still von Tilo Baumgärtel
Hans Castorp wollte für drei Wochen nach Davos, um seinen Vetter Joachim zu besuchen, er blieb schließlich sieben Jahre lang dort im Sanatorium. „Ich bin der Welt abhandengekommen“, sagt er im Buch und auf der Bühne. Die Zeit steht still, für sieben Jahre lang steht sie still. Bis der zweite Weltkrieg beginnt, der „Donnerschlag“, der auch Hans Castorp an die Front holt.
Markwart Müller-Elmau spielt Hans Castorp wunderbar! Mit akustischen schweren Schneestapfern betritt er langsam und schwerfällig barfuß die weiße fast leere Bühne. Er bleibt während dieser Inszenierung die Person, die sich über alles wundert, tief versunken ist. Allein sein Gesichtsausdruck, sein Blick, erklärt die Stimmung des ganzen Romans! Ein großartiger Theatermoment ist die Szene, in der Marquart Müller-Elmau – hier im Rollstuhl sitzend – Linda Pöppel ratlos zuhört, wie sie schluchzend, immer verzweifelter werdend – vor dem Hintergrund des aufkommenden Kriegs – über die Dinge des Daseins klagt! Auch Markwart Müller-Elmau beginnt – dräuende Livemusik im Hintergrund- vom Wahnsinn des Krieges zu reden. Beide mit ihren weiß geschminkten Gesichtern. Schwarze Flocken rieseln auf die Bühne, die große, fast leere Bühne. Wirklich großartig von beiden, wirklich großartig!
Auch die Kostümierung ist zu erwähnen: Adriana Braga Peretzki steckte alle SchauspielerInnen in weiße Bodysuits, übergroß und zumeist pummelig. Verbogene, kränkliche Körper. Es ist dadurch keine der im Roman erscheinenden Personen erkennbar, es geht einfach um den Menschen. Siehe das Beitragsbild oben.
Zu sagen, Thema der Inszenierung ist die Frage „Was ist die Zeit“, greift allerdings meines Erachtens sogar zu kurz. Sicherlich ist diese Frage ein Kern der Inszenierung: Es fallen eben Äußerungen wie: „… das fiebrig lodernde Geheimnis des Lebens und der Verwesung“. Linda Pöppel bringt diese Äußerung in der genannten Szene mit Markwart Müller-Elmau. Darum geht es Thomas Mann! Dies ist eigentlich meines Erachtens eine der Kernbemerkungen dieses Romans, wollte man ihn beschreiben! Die Zeit, der Verfall, die Verwesung, die Veränderung. Nichts bleibt wie es ist. Und: „Was ist das Leben? Was ist der Körper? Was hat es damit auf sich? Das Sein und das Eigentlich-nicht-sein-Können. Wie verhält es sich?“ Was ist Vergangenheit, was sind Gefühle? Alles keine leichten Fragen, alles Fragen, die sich Thomas Mann (in seiner sicherlich elitären Lebensweise) stellte und die ihn zu diesem Roman brachten. Fragen, die sich Hans Castorp in seinem siebenjährigen Stillstand stellen. Fragen, die in dieser Inszenierung insgesamt wunderbar dargestellt werden! Natürlich gibt es keine Antworten!
Und hinzu kommt Thomas Manns Gedanke: Warum führen wir Krieg? Auch dieser Gedanke wird in der Inszenierung deutlich: Warum Krieg, warum nicht Liebe? Eine Frage, die Thomas Mann zu seiner Zeit natürlich – der Roman erschien 1924 – sehr aktuell beschäftigte. Marquart Müller-Elmau schildert gegen Ende der Inszenierung ratlos und verzweifelt Szenen von der Front. Junge Menschen sterben, werden durch Bomben zerrissen. Oder ist es gar er selbst, der zerrissen wird? Und hier fallen Äußerungen wie: „Worüber sind wir so ausgelassen lustig – weil es nun abwärts geht? Wer sind wir? Was ist das, Krieg? Ich kann mir auch andere Bilder erträumen: Mit der Geliebten am Strande lustwandelnd … Wird auch aus diesem Weltfest des Todes die Liebe steigen?“
Warum hat der Mensch Brutalität in sich? Die Brutalität des Daseins, die wohl im Menschen steckt, fiel wohl für Hans Castrop deswegen weg, weil für ihn sieben Jahre lang die Zeit still stand. Der Stillstand der Zeit als alleinige Rettung vom Wahnsinn. Dann ging sie weiter, die Zeit, mit dem Zweiten Weltkrieg.
Das Lifestreaming zeichnete sich übrigens noch dadurch aus, dass auf der Bühne mit sechs Kameras gearbeitet wurde. Es entstand eine besondere Streamingversion der Inszenierung, die man so auf der Bühne nicht sehen wird. Bildüberblendungen, Gänge hinter die Bühne, Nahaufnahmen, und und. Auch dies schien mir für diese Inszenierung bestens zu passen. Ich hatte schon Inszenierungen gesehen, in denen es etwas eigentümlich wirkte, auf der Bühne teilzunehmen. Hier erschien es mir hoch selbstverständlich und sehr gelungen, künstlerisch wohl sehr durchdacht.
HIER geht es zur Stückeseite auf der Website des Deutschen Theaters Berlin.
Auch das Münchner Residenztheater bietet verschiedene Streamings von Inszenierungen an. Für ein geringes „Eintrittsgeld“, dessen Höhe man selber wählt. Die Tickets sind dann jeweils bis 24 Uhr am Sendetag verfügbar. Der Stream ist jeweils für 48h ab Sendebeginn, also ab 19 Uhr, online. Was wird also an welchem Sendetag gebracht und kann gestreamt werden? HIER ist der Link zum Onlinespielplan des Münchner Residenztheaters, dort findet es sich.
Gestern, am 18. Februar 2021, war die Onlinepremiere von „ES WAREN IHRER SECHS. Ein filmischer Inszenierungseinblick.“ Weitere Termine sind dem Onlinespielplan zu entnehmen. Die Onlineversion dieser „Inszenierung“ ist kein klassischer Inszenierungsmitschnitt, sondern arbeitet mit dem über den gesamten Probenzeitraum gedrehten Filmmaterial. Ein Konstrukt aus Theater und Film. Es ist online die Uraufführung dieser „Inszenierung“ gewesen. Die Bühnenpremiere war am Resi auch für Februar 2021 geplant gewesen.
Der polnische Regisseur Michal Borczuch (Dramaturg und Autor Tomasz Śpiewak) zeigt hier seine erste Arbeit in München. Er hat „eine der markantesten Handschriften der gegenwärtigen polnischen Theaterszene“, heißt es. Er „spielt in seinen Arbeiten mit dem Grenzbereich zwischen Authentizität und Fiktion genauso wie mit den Interdependenzen von Leben und Theater.“
Zunächst: Filmisch großartig! Sie müssen genannt werden, das polnische Team um Michal Borczuch: Video und Schnitt Wojciech Sobolewski, Musik Bartosz Dziadosz, Licht Jacqueline Sobiszewski. Die düstere Atmosphäre auf der Bühne des Marstalltheaters wird immer wieder durch fantastische, zufällige oder gewollte, sehr eigenwillige, sehr besondere, nicht „gekünstelte“, nichts „verschönernde“ Kameraeinstellungen eingefangen und deutlich verstärkt. Filmaufnahmen, die für manche Filme einfach weggeschnitten werden würden! Auch die Musik trägt bei zur „schwierigen“ Situation derjenigen Personen, die damals die Weiße Rose bildeten und letztlich ihr Leben ließen. Sie wurden fast genau vor 78 Jahren hingerichtet, am 22. Februar 1943.
Dann: Die Onlineversion dieser Inszenierung wird genauso getragen von den fast durchweg jungen SchauspielerInnen! Man erkennt manchmal nicht, ob man eine Szene außerhalb der Proben, während der Proben oder während des Stückes auf der Bühne verfolgt. Es vermischt sich – wie die Szenen, wie Film und Theater, wie Fiktion und Realität. Ich möchte – rein subjektiv – Lana Velis hervorheben, HIER ihre Seite auf der Website des Residenztheaters.
Das Stück: Es basiert auf dem 1945 erschienenen Roman „Es waren ihrer sechs“ von Alfred Neumann. Alfred Neumann hatte, nach Amerika emigriert, im TIME Magazine von der Ermordung der Geschwister Scholl und von der Weißen Rose gelesen. Er erzählte dann aber nicht linear deren Geschichte, sondern befasste sich mit der – wie er sagte – «ewigen Idee» vom jugendlichen Widerstand gegen totalitäre Herrschaftssysteme. Allerdings: Michal Borzuchs Inszenierung spürt größtenteils der Situation der Mitglieder der Weißen Rose nach – in fiktiven Szenen – und nur in kurzen Sequenzen erfährt man den Eindruck, dass es hier auch um die „ewige Idee“ des Widerstands geht.
Ein – wie ich finde – sehr interessanter Text von Nikolai Berdjajew ist dazu dem Programmheft zu entnehmen. Der russische Religionsphilosoph Nikolai Berdjajew (1874-1948) war für die Mitglieder der Weißen Rose wichtiger Ideen- und Impulsgeber. Freiheit – Persönlichkeit- Widerstand. Eine kurze Sequenz dieses Textes wird vorgetragen. Dieser Text trifft in der Tat die ewige Idee des Widerstands!
Und vor diesem gesamten Hintergrund kann ich dieses irgendwie besondere Streaming, das Einblicke in die Proben der Inszenierung gibt, sehr empfehlen!
Hier der Text aus dem Programmheft.
„Das Dasein der Persönlichkeit setzt Freiheit voraus. Die Persönlichkeit existiert in der Welt nur dadurch, dass es nicht bloß ein Reich der Notwendigkeit, sondern auch ein Reich der Freiheit gibt. Ohne Freiheit kein Akt, keine Schöpfung, kein Widerstand. Das Individuum ist determiniert, es kann auch ohne Freiheit existieren.
Die Persönlichkeit aber ist eine Manifestation der Freiheit, sie bedeutet den Kampf der Freiheit gegen die Notwendigkeit. Ich habe hierbei nicht den Schulbegriff der Willensfreiheit als der Freiheit der Wahl im Auge, sondern den Begriff der Freiheit als schöpferischer Energie, als Bestimmung von innen her, als das geistige Prinzip im Menschen, das die menschliche Persönlichkeit erst eigentlich konstituiert. Freiheit ist Geist im Unterschied zur Natur als dem Prinzip der Notwendigkeit. Die Persönlichkeit im Menschen zeugt nicht allein von der Freiheit, sondern auch vom Geiste. Persönlichkeit heißt Widerstand gegen die unpersönliche äußere Umwelt, Nichtaufgehenwollen in ihr, Kampf gegen die Vergewaltigung durch Natur und Gesellschaft. Persönlichkeit heißt Wahl und Entscheidung. Man kann eine starke Individualität und doch nur eine schwach ausgeprägte Persönlichkeit sein; dann wird man es an Widerstandskraft gegenüber den Einwirkungen der Außenwelt fehlen lassen, wird nicht ankämpfen gegen die Notwendigkeit, die den Menschen von außen her bestimmt.
Der Begriff der Persönlichkeit steht in Beziehung zu einer Berufung und zu schöpferischem Wirken. Hier stoßen wir auf das Grundparadoxon ihres Wesens. Niemand kann von sich selbst sagen, er sei eine Persönlichkeit im vollen Sinne des Wortes, er habe sich völlig zur Vollendung gebracht. Persönlichkeit ist eine unendliche Aufgabe; sie ist nicht etwas Fertiges und Stabiles. Aber damit sie wirklich werde, damit auch nur ein Kampf um sie möglich sei, damit den auf ihre Zerstörung gerichteten Kräften Widerstand geleistet werden könne, muss sie bereits da sein, muss jenes Subjekt schon vorhanden sein, das den Kampf um die Vollendung der Persönlichkeit aufnimmt. Man kann dies auch so ausdrücken: es ist die Persönlichkeit selbst, die die Persönlichkeit realisiert; nur der Mensch bringt seine Persönlichkeit zur Vollendung, der selbst eine starke Persönlichkeit sein eigen nennt. Dieses Paradoxon ist einem anderen, dem Paradoxon der Freiheit, analog. Nur der Freie vollzieht die Freiheit in seinem Leben, nur der Freie befreit sich; nur er setzt der Macht der Notwendigkeit, die über seinem Leben waltet, Widerstand entgegen. Man darf selbst nicht mehr Sklave sein, wenn man das Joch der Sklaverei von sich abschütteln will.“
Es hat sich ein wenig ein Trend ergeben. Einige Theater bieten in der kommenden – Corona-bedingt ja besonders stillen – Zeit Theateraufführungen gegen eine meist wirklich kleine Buchungsgebühr im Livestream oder im Stream on demand an.
Im Grunde ist es schön, dass damit die Entgeltlichkeit der Theaterarbeit wieder zum Vorschein kommt, es kann nicht immer alles kostenlos angeboten werden, es würde auf Kosten der Wertschätzung gehen..
Ich erwähne hier zunächst zwei schöne, wahrscheinlich ansehenswerte Angebote und werde diesen Blogbeitrag in den kommenden Tagen immer wieder ergänzen, wenn ich weitere Angebote ans Herz legen möchte.
– Das erste Angebot:
Das Schauspielhaus Zürich bringt im Rahmen des „streamy thursday“ diese Woche, also am 17.12.2020, um 19.30 Uhr (bis 21.30 Uhr) im Livestream aus dem Schiffsbau die (in den Kritiken „gelobte“) Inszenierung von Einfach das Ende der Welt des französischen Autors Jean-Luc Lagarce in der Regie von Christopher Rüping.
Daraus oben das Beitragsbild, Copyright Diana Pfammatter
Es ist die Geschichte des zu einem erfolgreichen Künstler gewordenen Sohnes, der Jahrzehnte zuvor seine Familie verlassen hatte und nun in seine kleine Heimatstadt und zu seiner Familie zurückkehrt. Es geht um alte Vorwürfe ihm gegenüber, um sein Verhältnis zur Familie etc. HIER der link zur Stückeseite. Den Verweis auf die Sendung im Livestream findet man dort ebenfalls.
Christopher Rüping ist ja den Münchnern in den vergangenen Jahren vor allem bekannt gewesen durch seine sagenhafte 10-Stunden-Inszenierung „Dionysos Stadt“, die an den Münchner Kammerspielen gebracht wurde.
Schöne Einblicke in das Denken der Figuren des Stückes haben die jeweiligen SchauspielerInnen in Videos gegeben. HIER der link zu den einzelnen Videos.
– Das zweite Angebot:
Das Deutsche Theater Berlin bietet unter DTDIGITAL Livestreams an. HIER der link zur Angebotsseite mit weiteren Verlinkungen zu den Stücken. So wie es aussieht, sind manche davon Livestreams und manche on demand für eine gewisse Zeit selbständig abrufbar.
MORGEN, am 15.12.2020 wird Maria Stuart von Friedrich Schiller, eine Inszenierung von Anne Lenk, im Livestream gebracht. Am 19.12.2020 folgt dann Woyzeck Interrupted nach Georg Büchner, eine Inszenierung von Amir Reza Koohestani. Regisseur und Regisseurin sind wiederum den Münchnern bekannt aus dem Residenztheater bzw. den Kammerspielen!
Erwähnenswert dürfte auch Der kleine König Dezember sein, ein „Familienstück“ von Axel Hacke, das etwas für die ruhige Familie in der kommenden Zeit sein kann. Es ist schon ab Anfang Dezember on demand abrufbar bis zum 01.01.2021.
– Ein weiteres Angebot: Die Berliner Schaubühne! Sie bringt folgende Streamings:
Seit 16. bis zum 19. Dezember: Prof. Bernhardi von Arthur Schnitzler
Am 19. Dezember bis 22. Dezember: Wie es euch gefällt von William Shakespeare
Am 22. Dezember bis 25. Dezember: Ungeduld des Herzens von Stefan Zweig
Am 25. Dezember bis 28. Dezember: Groß und Klein von Botho Strauß
– Und noch etwas: Das Schauspielhaus Bochum bringt folgende Lifestreamings: HIER der Link.
Asche zu Asche von Harold Pinter am 18. Dezember um 19:30 Uhr.
Die Befristeten von Elias Canetti am 9. Januar 2021 um 19:30 Uhr.
UND:
Nicht verzagen! Wir werden es schon schaffen! An die ANDEREN denken, nicht an SICH, wenn es um Vorsicht geht! An die Situation in den Krankenhäusern denken!! Sich eben EINMAL wirklich beschränken und andere Schwerpunkte setzen!! Klein feiern, die Feiertage bescheidener, ruhiger und mit Phantasie gestalten!! Jede Beschränkung kann auf eine andere Art und Weise ein Gewinn sein. Veränderung kann vor allem rückblickend schön sein – wenn man dann beides sieht: Das Gewohnte und die Veränderung.
Auch das Deutsche Theater Berlin ist jetzt dabei, bietet Inszenierungen – sogenannte „DT Klassiker“ – im Stream! Los geht es heute, Dienstag, den 7. April 2020 mit Kinder der Sonne von Maxim Gorki in der Regie von Stephan Kimmig. Ab 18.00 Uhr bis Mittwoch 12.00 Uhr.
Das Angebot läuft unter dem Label „HEIMSPIEL“.
Dann geht es weiter Donnerstags und Dienstags zunächst mit:
Donnerstag 09. April 18.00 Uhr bis 11. April 12.00 Uhr: Philotas von Gotthold Ephraim Lessing, Regie: Friedo Solter
Dienstag 14. April 18.00 bis 15. April 12.00: Marat/Sade von Peter Weiß, Regie Stefan Pucher
Donnerstag 16. April 18.00 bis 17. April 12.00: Die Weber von Gerhart Hauptmann, Regie: Michael Thalheimer
HIER der link zur Seite des Streamingangebotes des DT Berlin.
Vielleicht kann der/die ein oder andere einen Theatertipp vertragen. Das Angebot ist ja sehr groß: Wer Interesse und Freude an hervorstechenden schauspielerischen Leistungen hat, findet hier wahrlich etwas! Schauspielerisch ist die Inszenierung wunderbar, sie funktioniert meines Erachtens gerade deswegen online.
Aber auch sonst – ich mag es, nicht mit „Effekten“ überladen zu werden – ist es eine sehr schöne Inszenierung! Ansehen!
„Der kaukasische Kreidekreis“ von Bertolt Brecht, gebracht am Berliner Ensemble. Eine Inszenierung von Michael Thalheimer. Die Inszenierung hatte 2017 zur Eröffnung der Intendanz von Oliver Reese dort Premiere. Die „Geschichte“ des Stückes ist klar und „übersichtlich“, es ist einfach gut umgesetzt.
Aus dem aktuellen Programm des Berliner Ensembles. Es ist noch bis Freitag online als Streaming zu sehen. Das Berliner Ensemble stellt jede Woche für eine ganze Woche ein Stück online zur Verfügung. Mehr nicht. Diese Vorgehensweise hat mir ganz gut gefallen, weil man nicht täglich mit neuen Angeboten überschüttet wird.
Das Angebot an Inszenierungen und Performance, die man derzeit online im Stream oder Live sehen kann, ist ja sehr schnell gewachsen. Jetzt steht man schon vor der Aufgabe, dass auszuwählen, was einem wirklich gefällt. Zu viel Angebot und die Tatsache, dass man ja jederzeit an- und ausschalten kann, verdirbt ja manchmal fast die Lust und Konzentration auf einen Theaterabend. Man muss lernen, damit umzugehen! Auf was will man Wert legen? Das Liveerlebnis mit all seinen Facetten im Theater ist online reduziert, aber manchmal sehr wertvoll!
Man sollte sich – denke ich – vorher gut überlegen, mit welchem Angebot man sich auseinandersetzen will. Und dann sollte man auch konsequent bleiben, dranbleiben, nicht „switchen“! Das sind erste Erfahrungen. Es geht noch weiter: Nicht jede Inszenierung, die man live im Theater sehen konnte, „funktioniert“ auch in gleicher Weise online, also beeindruckt nicht in gleicher Weise. Es fehlt ja der „Geruch“ des Liverelebnisses. Es gibt meines Erachtens Inszenierungen, die online sehr gut funktionieren und andere, die online weniger gut funktionieren. Jeder wird seine Erfahrungen machen.
HIER der link zu „BE on demand“ mit dem Streaming.
HIER der link zur Stückeseite des BERLINER ENSEMBLES.
Das Streamingangebot deutschsprachiger Bühnen – auch Oper etc. – hat ja schnell große Ausmaße angenommen. Man sieht die Angebote gebündelt gut bei www.nachtkritik.de. HIER der link. Ein Streamingangebot möchte ich hervorheben.
Meine Empfehlung: Morgen, Samstag, 28. März 2020, ab 18:00 Uhr kann es für 24 Stunden gestreamt werden: “Caspar Western Friedrich“ von den Münchner Kammerspielen. Schon aus aktuellem Anlass.
Es war eine Arbeit des für Bühnenbilder berüchtigten Kanadiers (?) Philippe Quesne, sie hatte Uraufführung an den Münchner Kammerspielen, Januar 2016.
Ein wunderschöner Theatermoment beginnt mit Minute 50 des Streaming. Dazu auch die Musik, „Goodbye Precious Falling“ von Quickspace. Ansehen und anhören!! Ich stelle den Song unten ein.
Das Stück ist im Grunde von unglaublicher Aktualität: Es zeichnet sich zum Einen dadurch aus, dass der Mensch nicht sich selbst, sondern die Natur betrachtet. Wie Caspar David Friedrich auf seinen Gemälden und wie die Cowboys im Wilden Westen. Und wie wir alle derzeit erzwungenermaßen weltweit fassungslos das bedrohliche Coronavirus erleben, eine brutale Naturerscheinung.
Die SchauspielerInnen des Stückes sieht man auch meist von hinten. Sie stehen auf der Bühne und betrachten fassungslos die Natur. Errichten etwas – das ist der Unterschied zum aktuellen Stillstand. Auch das ist aber durchaus bezeichnend in seiner Aktualität: Wir müssen uns derzeit voneinander abwenden! Umso schöner wäre es, wenn wir in dieser Situation tatsächlich unser Verhältnis zur Natur etwas überdenken.
Das „Stück“ ist leider in München nicht sehr gut angekommen. Das Münchner Theaterpublikum folgte wohl auch der heftigen Kritik am Programm der Münchner Kammerspiele seitens der Medien (vor allem der Süddeutschen Zeitung – HIER die insoweit deutliche Besprechung von Christine Dössel, SZ im Januar 2016). Man hatte leider viel zu wenig Verständnis für den so speziellen, aber athmosphärisch wunderschönen Ansatz des Stückes, viel zu wenig Verständnis für das von Matthias Lilienthal damals (es war seine erste Spielzeit in München) zusammengestellte Programm der Kammerspiele – es war oftmals überraschend, keine Frage.
Die Aufzeichnung der hier gezeigten Aufführung muss etwas später gewesen sein, Peter Brombacher liest am Ende Worte der Enttäuschung des Ensembles über das angekündigte Ende der Intendanz von Matthias Lilienthal vor, Minute 1:30:00 des Streaming.
Auch Caspar Western Friedrich war alles andere als Sprechtheater. Es ist aber ein Stück der totalen Entschleunigung. Auch das hochaktuell!
Ich empfehle das schöne, malerische und wortkarge Stück. Ich habe es mehrfach gesehen und hoffe, dass das Streaming einiges von der Atmosphäre transportieren kann. Einfach wirken lassen, darum geht es.
HIER der link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Auch die Münchner Kammerspiele bieten jetzt Theater Online! Sie stellen jeden Tag den internen Mitschnitt einer Inszenierung aus dem Spielplan online. 24 Stunden lang! Ein wunderbares Angebot!