THEATER ONLINE TIPP und MUSIK: Philippe Quesne – Caspar Western Friedrich

Das Streamingangebot deutschsprachiger Bühnen – auch Oper etc. – hat ja schnell große Ausmaße angenommen. Man sieht die Angebote gebündelt gut bei www.nachtkritik.de. HIER der link. Ein Streamingangebot möchte ich hervorheben.

Meine Empfehlung: Morgen, Samstag, 28. März 2020, ab 18:00 Uhr kann es für 24 Stunden gestreamt werden: “Caspar Western Friedrich“ von den Münchner Kammerspielen. Schon aus aktuellem Anlass.

Es war eine Arbeit des für Bühnenbilder berüchtigten Kanadiers (?) Philippe Quesne, sie hatte Uraufführung an den Münchner Kammerspielen, Januar 2016.

Ein wunderschöner Theatermoment beginnt mit Minute 50 des Streaming. Dazu auch die Musik, „Goodbye Precious Falling“ von Quickspace. Ansehen und anhören!! Ich stelle den Song unten ein.

Das Stück ist im Grunde von unglaublicher Aktualität: Es zeichnet sich zum Einen dadurch aus, dass der Mensch nicht sich selbst, sondern die Natur betrachtet. Wie Caspar David Friedrich auf seinen Gemälden und wie die Cowboys im Wilden Westen. Und wie wir alle derzeit erzwungenermaßen weltweit fassungslos das bedrohliche Coronavirus erleben, eine brutale Naturerscheinung.

Die SchauspielerInnen des Stückes sieht man auch meist von hinten. Sie stehen auf der Bühne und betrachten fassungslos die Natur. Errichten etwas – das ist der Unterschied zum aktuellen Stillstand. Auch das ist aber durchaus bezeichnend in seiner Aktualität: Wir müssen uns derzeit voneinander abwenden! Umso schöner wäre es, wenn wir in dieser Situation tatsächlich unser Verhältnis zur Natur etwas überdenken.

Das „Stück“ ist leider in München nicht sehr gut angekommen. Das Münchner Theaterpublikum folgte wohl auch der heftigen Kritik am Programm der Münchner Kammerspiele seitens der Medien (vor allem der Süddeutschen Zeitung – HIER die insoweit deutliche Besprechung von Christine Dössel, SZ im Januar 2016). Man hatte leider viel zu wenig Verständnis für den so speziellen, aber athmosphärisch wunderschönen Ansatz des Stückes, viel zu wenig Verständnis für das von Matthias Lilienthal damals (es war seine erste Spielzeit in München) zusammengestellte Programm der Kammerspiele – es war oftmals überraschend, keine Frage.

Die Aufzeichnung der hier gezeigten Aufführung muss etwas später gewesen sein, Peter Brombacher liest am Ende Worte der Enttäuschung des Ensembles über das angekündigte Ende der Intendanz von Matthias Lilienthal vor, Minute 1:30:00 des Streaming.

Auch Caspar Western Friedrich war alles andere als Sprechtheater. Es ist aber ein Stück der totalen Entschleunigung. Auch das hochaktuell!

Ich empfehle das schöne, malerische und wortkarge Stück. Ich habe es mehrfach gesehen und hoffe, dass das Streaming einiges von der Atmosphäre transportieren kann. Einfach wirken lassen, darum geht es.

HIER der link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier Quickspace mit Goodbye Precious Falling:

Copyright des Beitragsbildes: Martin Argyroglo

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THEATER: Caspar Western Friedrich

Wir und die Natur. Es war alles einmal anders, vor garnicht allzu langer Zeit. Das zeigt uns der Abend der Premiere von Caspar Western Friedrich an den Münchner Kammerspielen: Caspar Western Friedrich, eine Performance oder Inszenierung von Philippe Quesne.

Caspar Western Friedrich hinterfragt – anhand des „Westerns“ und anhand „Caspar David Friedrich“ – den Platz des Menschen in der Welt. Ausgehend von unserem Fernsehwissen über den Western und ausgehend von der bildhaften Reflexion der Natur durch Caspar David Friedrich stellt die Inszenierung unsere Verbindung zur Natur dar. Zwischen dem Willen sie zu beherrschen – der Western – und dem Wunsch sie zu beschützen, zu betrachten – Caspar David Friedrich. Zwischen Eroberung und Kontemplation, zwischen Ausbeutung und Ökologie.

Ein modernes Thema, auf das der Zuschauer durch Philippe Quesne sehr eigenwillig gestoßen wird. Sehr sensibel, wortkarg, wunderschön! Wahrlich kein Sprechtheater. Eher eine Stimmungslage, ein Bild. Die Schauspieler spielen nicht ein Stück, sie räumen um, sie schauen, gehen herum, musizieren, lesen das an die Wand Projezierte, erzählen ein wenig. Für Phillipe Quesne ist der Spagat zwischen Caspar David Friedrich und dem Western ein logischer: In beiden Welten ist die Natur allumfassend und der Mensch ist in ihr verloren, der „lonesome rider“ wie der Mönch am Meer.

Philippe Quesne konzipiert Arbeiten, die, heißt es, auf einer starken Verbindung zwischen Raum, Bühnenbild und Körpern basieren. Seine multidisziplinaren Performances seien international auf Festivals zu sehen. Seit 2014 leitet er das Theater Nanterre – Amandiers in Paris.

Ein, fand ich, in der Tat beeindruckender Abend, an dem der Mensch der Natur gegenübersteht. Man muss sich auf die Sensibilität einstellen, mit der Philipp Quesne dieses Thema angeht. Und mit der man auf sich zurückgeworfen wird. Die Schlichtheit des Abends überzeugt dann sehr. Sie tut gut. Es ist kein theatraler Kampf der Charaktere, kein Theaterstück. Die Münchner hatten mit diesem Stück ein Problem! Leider! Sie haben es nicht verstanden, es fehlte ihnen das „Theatrale“. Aber es passt so, wie es ist: Es ist ein langsames, ruhiges Herantasten an das Verhältnis des Menschen zur Natur – wie es heute nicht mehr ist. Getragen von wunderbaren Bildern und schöner Musik. Früher stand der einsame Mönch vor der gewaltigen Natur (Caspar David Friedrich) und der einsame Cowboy vor der gewaltigen Natur. Und die Cowboys packen die Natur in ein Museum. Stehen andererseits staunend vor der Natur. Und somit auch vor sich.

©️  des Beitragsbildes: Martin Argyroglo