THEATERTREFFEN 2022: Dante Alighieri – Das neue Leben (Schauspielhaus Bochum)

Die Inszenierung aus Bochum heißt im Ganzen: „Das neue Leben – Where do we go from here?“. Frei nach Dante Alighieri, Meat Loaf und Britney Spears führt uns Christopher Rüping mit dieser Inszenierung durch das Jugendwerk von Dante Alighieri „Vita Nova“, mit Teilen von Dantes „Göttlicher Komödie“ und bis hinein zu moderner Musik. Es ist eine Produktion des Schauspielhauses Bochum, die im Rahmen von „Transfer Bochum/Zürich“ entstanden und zum Theatertreffen 2022 eingeladen war.

Ein Todestag:

2021 jährte sich der Todestag von Dante Alighieri zum 700ten mal. Eine Anmerkung: Ich gebe Nachhilfe in Latein und eine Schülerin sagte mir letztens: „Wenn eine Generation 30 Jahre sind, sind schon 20 Generationen 600 Jahre!“ Ja, das Mittelalter, die Zeit bis dahin zurück ist nichts! Ich persönlich erlebte, erlebe aktuell und werde in meinem Leben allein fünf Generationen erleben: Meine Großeltern – meine Eltern – meine eigene Generation – meine Kinder – und möglicherweise einmal meine Enkelkinder. Was sind da 20 oder auch 50 Generationen? 60 Generationen und wir sind bei den Römern!

Die Links:

HIER der Link zur Stückeseite „Das neue Leben“ auf der Website des Schauspielhauses Bochum.

HIER einen Trailer zum Stück.

HIER der Link zur Website des Theatertreffens 2022 mit allen Infos zu allen Stücken und Veranstaltungen und dem weiteren Programm!

Insgesamt zum Abend:

Er konnte dieses Jahr im Rahmen der Eröffnung des Theatertreffens 2022 online im Livestream verfolgt werden. In Bochum ist es Mitte Juni zweimal zu sehen. Ein Fazit: Dieser Abend schaffte es, das Leben ganz groß und gleichzeitig ganz klein zu machen. Ja, das geht! Das Leben ist sehr groß, wenn es auf wahre Liebe trifft – und das Leben ist sehr klein, wenn es auf das Alter trifft. Um beide Aspekte geht es. Und so kann ich mein Gefühl nach diesem Theaterabend beschreiben, so hat man an diesem Abend einen sehr grundsätzlichen Blick auf das Leben werfen können. Aktuelle Frage: Könnte denn etwa ein Mensch wie Wladimir Putin mit solchen Gedanken zum Leben irgendetwas anfangen? Gibt es Liebe in seinem Leben? Das kann nicht sein!

Der Abend endet mit den schönen Worten, an das Publikum gerichtet: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die schlechte: Wir werden alle zu Asche vergehen … Und jetzt die Gute: Es bleibt noch Zeit für dich und mich!“ Insoweit ist der Abend eine Eloge an die tief empfundene Liebe, bei aller Vergänglichkeit.

Zu ein paar Einzelheiten des Abends:

  • Die SchauspielerInnen:

Sie wirken bei Christopher Rüping immer wie „auf die Bühne geworfen“. So auch hier. Das wirkt immer entspannt. Sie sollen, meint man, ein Stück entwickeln auf einer bei Christopher Rüping meist weitgehend freien Bühne. Sie sitzen hier zunächst ganz hinten am Ende der riesigen Bühne nebeneinander auf einem bankähnlichen Wandvorsprung, bevor es losgeht, blicken still auf ihre große, fast leere Bühne. (Eine große Ausnahme von diesem “Prinzip“ bildete insoweit der sagenhafte 10-Stunden-Theaterabend „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping an den Münchner Kammerspielen von vor etwa drei Jahren. Dort war die Bühne meist umfassender gestaltet.)

Die vier SchauspielerInnen (am Ende sind es fünf) haben alle eine wunderbare Präsenz auf der Bühne! Damian Rebgetz und William Cooper besonders. Sie beide sind herrlich unterschiedlich, was erfrischend wirkt! Alle vier reden miteinander, sind aber immer Teil einer Person: Dante Alighieri, in seinen Überlegungen über seine einzige Geliebte Beatrice! Am unklarsten einordnen kann man, dachte ich mir, Anna Drexler. Sie spielt oft einen sehr zweifelnden und unsicheren Part, den ich – gerade in Abgrenzung von den anderen Charakteren – schwer einordnen konnte! Ich dachte mir manchmal fast: Sie strahlt irgendwie eine Persönlichkeit aus, die ihrem Part auf der Bühne eigentlich nicht entspricht!

  • Die Entwicklung des Stückes:

Es geht darum, dass Dante Alighieri im Alter von neun Jahren seine große, große Liebe Beatrice erblickt, fortan die “Herrin seines Herzens“. Und diese Liebe ist für ihn so groß, dass er sie niemandem kundtun will. Jahrelang behält er sie für sich. Wenn er sie kundtun würde, seine Liebe, denkt er, wäre sie in der Welt, wäre banal. Für ihn ist die Liebe gerade in ihrer stummen Abstraktheit unfassbar groß. Auch Beatrice wird nie davon erfahren. Die Liebe, er schreibt Sonetten für Beatrice, man hört sie, es wird der Bogen in unsere Zeiten gespannt, man hört Meat Loaf etc. (I would do everything for love). Die Spanne reicht von Musikklängen des Mittelalters bis zu modernsten Beatklängen.

Es kommt der Tod ins Spiel: Eine Freundin von Beatrice stirbt. Der Vater von Beatrice stirbt. Schließlich stirbt Beatrice selbst sehr früh! Und Dante Alighieri hat seine Liebe zu Beatrice nie geäußert! Auf der Bühne überlegen sie gemeinsam: Was ist Liebe? Ist Liebe in Gedanken schon ausreichend?

Dann geht es im „zweiten Teil“ des Abends um das Leben und den Tod insgesamt. Von einem dünnen Stahlarm, der von der hohen Bühnendecke herabragt, wird ein halb abgeblendeter heller Strahler auf die dunkle Bühne gelassen. Er wird leicht über dem Boden gehalten, dreht ganz langsam Kreise. Siehe das Beitragsbild oben! Langsam immer größer werdende Kreise im leichten Nebel: Der halb verdunkelte Kreisel könnte das Leben sein – hell und dunkel – oder gar das Leben und der Tod – immer im Kreis, Leben und Tod sind immer nah beieinander. „Alles fließt“. In mehreren stillen Minuten kann man den Kreisel so beobachten.

Dazu einer der schönsten Momente des Abends: William Cooper tanzt auf der dunklen großen Bühne, leichter Nebel wabert, der Kreisel zieht seine inzwischen größer gewordenen Kreise um ihn herum. William Cooper zeigt uns, was im Leben nur möglich ist: Tanzen. Das Leben leben. Diese Momente sind prägend für die Inszenierung, vielleicht prägend insgesamt für Inszenierungen von Christopher Rüping: An irgendeiner Stelle mischt sich bei ihm gerne „Theater“ mit „Performance“. Die Grenzen verschwimmen fast unmerklich! Hier zwei Fotos dieser Momente:

Im „letzten Teil“ des Abends dann tritt Viviane De Muynck als gealterte Beatrice auf. Was hat das noch mit Liebe zu tun? Nun, sie überlegen gemeinsam, ob dann noch, im Alter, Liebe im Spiel sein kann. Oder ist Liebe nur etwas in jungen Jahren? Viviane De Muynck sagt etwas, was vielleicht für sie rückblickend ihr vergangenes Leben war: Sie sagt, es sei ein Moment der Wachheit gewesen, dann sei sie wieder eingeschlafen.

Hier kommt noch einmal der Gedanke zur Sprache, warum Dante Alighieri gegenüber Beatrice nie äußert hatte, dass er sie liebte! Viviane De Muynck alias Beatrice sagt nur: “Es ist wie es ist! Wir stünden nicht hier, wenn es anders gelaufen wäre!“ „Du hättest nicht über mich geschrieben, es gäbe diese Geschichte nicht“, usw.

  • Insgesamt:

Der Abend gewinnt in seiner zweiten Hälfte ganz entscheidend. Bis zur „Mitte“ hin ist alles teilweise langsam und mit wenig Entwicklung. Dantes „Vita nova“ wird entblättert. Das Grundsätzliche, das hinter allem steckt, öffnet sich in der zweiten Hälfte, aber umso schöner! Der Abend wird plötzlich sehr rund und verständlich! Er wird auch modern (auch durch die coole Musik bei William Coopers Tanz), er enthebt sich wunderbar aus der Geschichte von “Vita nova“. Ein Kritikpunkt vielleicht: Es überlappen sich zuletzt viele Gedanken: Die Liebe, der Tod, das Altern, die Kürze des Lebens, die Reue, etwas nicht getan zu haben … Fast zuviel.

Copyright der Bilder: Daniel Brüggemann, Ostkreuz

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THEATERTREFFEN 2021/TEIL 1: „Einfach das Ende der Welt“

„Einfach das Ende der Welt“ nach Jean-Luc Lagarce war gestern zu sehen. Es ist eine der zehn Inszenierungen, die zum Berliner Theatertreffen 2021 „eingeladen“ wurden. Eine Inszenierung von Christopher Rüping am Schauspielhaus Zürich. Ich schreibe nicht gerne über Dinge, die die Leser des Blogs nicht mehr sehen können. Aber vielleicht ist dieses Stück am Schauspielhaus Zürich irgendwann noch zu sehen. Ich weiß es momentan nicht.

Ein „moderner Klassiker“ wird das Buch von Jean-Luc Lagarce genannt. Es gibt auch eine Verfilmung, vor einigen Jahren in Cannes ausgezeichnet mit dem Großen Preis der Jury. Und hier die Inszenierung. Sie hat mich nicht begeistert. Die große leere Bühne war dabei sehr erfrischend, wohltuend. Die zunächst sehr ausführlich gezeigte Einrichtung der Familienwohnung des Heimkehrers (beim Heimkehrer Louis Erinnerungen erweckend) wird in einer viertelstündigen Pause komplett weggeräumt. Trotzdem.

Das Thema: Nach zwölf Jahren Abwesenheit kehrt der erfolgreiche Sohn (Louis) einer Familie aus einfachen Verhältnissen zu seiner Familie zurück. Der Grund: Er ist unheilbar krank (AIDS) und wird demnächst sterben. Er möchte offenbar zurück zu seiner Familie. Die Inszenierung zeigt aber im Grunde nur, dass sich alle nichts mehr zu sagen haben. Sie können nicht einmal mehr irgendwie sinnvoll miteinander reden.

Dahinter steht – generell gehalten – vielleicht die Frage: Kann man in seinem Leben noch einmal etwas „aufwärmen“, was man einmal aufgegeben hatte? Dem Heimkehrer Louis gelingt es nicht. Er hört sich alte Vorwürfe an, mehr nicht. Er hatte sich eben zwölf Jahre zuvor ziemlich wortlos in sein eigenes Leben begeben, alle anderen, seine beiden Geschwister, seine Mutter, blieben zurück und blieben zusammen. Sein Bruder ist mittlerweile verheiratet, hat zwei Kinder. Er selber, Louis, lebte ein schillerndes Leben als (schwuler) erfolgreicher Schriftsteller, er verwirklichte sich, die übrigen Familienmitglieder blieben pflichtbewusst zusammen und lebten ein viel biedereres Leben. Freude am Leben mag bei ihm gewesen sein, weniger bei seinen Familienmitgliedern. Es ist aber nicht unbedingt Neid, was hochkommt, es ist einfach absolute Sprachlosigkeit, man versteht sich überhaupt nicht mehr! Die Inszenierung zeigt im Grunde diese völlige Sprachlosigkeit, gespielt von durchweg guten SchauspielerInnen! Das schon!

Und nun, kurz vor seinem Tod, möchte Louis also wieder zur Familie zurückkehren. Er möchte einmal umarmt werden, keiner tut es. Er sagt, er interessiere sich für seine Familie! Reaktionen darauf gibt es nicht … er spricht Kindheitserinnerungen an. Keiner versteht ihn, darum geht es keinem mehr. Die Dialoge sind dabei meines Erachtens zu dünn geraten. Es mag auch daran liegen, dass es dem Heimkehrer Louis (gut gespielt von Benjamin Lillie) nur kurz gelingt, seiner Familie zu sagen, dass er in Kürze sterben wird. In der Romanvorlage gelingt es ihm sogar überhaupt nicht. Hier noch eine Aufnahme der Inszenierung:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhauses Zürich.

Nun gut, dies war der erste Teil der 10er-Auswahl des diesjährigen Theatertreffens. Es geht weiter.

Copyright der Beitragsbilder: Diana Pfammatter

THEATER: Bertolt Brecht – Im Dickicht der Städte

Kämpfen war in den letzten Wochen – mit verschiedenen Schwerpunkten – das Motto an den Münchner Kammerspielen: Es geht uns ja eigentlich täglich um einen Kampf – den Kampf gegen große und kleine Widrigkeiten, den täglichen Kampf der Selbstbehauptung.

Es begann mit dem kleinen Festival „Friendly Confrontations“, vor etwa zwei Wochen. Man konnte unter anderem einen dokumentarischen Film sehen, in dem gezeigt wurde, wie Boxsportler des TSV 1860 München in ein Trainingslager nach Ghana fuhren. Danach konnte man einen Abend lang Boxduelle verschiedener Gewichtsklassen zwischen Boxsportlern des TSV 1860 München und denjenigen einer ghanaischen Auswahl – wohl der Nationalmannschaft – ansehen. Richtige Boxkämpfe – im Theater, in Kammer 2 der Münchner Kammerspiele.

Dahinter stand sportliche Freundschaft zwischen Boxern verschiedener Nationen. Kampf und Freundschaft. Kampf muss nicht immer gehässig sein. Hier ein eigenhändig geschossenes Bild:

Kurze Zeit später das Bochumer Gastspiel der „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist in den Kammerspielen. Eine Inszenierung des Klassikers von Johan Simons. HIER mein Bericht dazu. Auch dort ging es um Kampf. Penthesilea muss Achill besiegen, sie liebt ihn. Und Achill liebt Penthesilea. Kampf und Liebe.

Und jetzt Premiere von Bertolt Brechts sehr frühem Stück „Im Dickicht der Städte“. Eine Inszenierung von Christopher Rüping, der mittlerweile – er war ja mehrere Jahre lang an den Münchner Kammerspielen – Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich ist.

Noch früher hatte Bertolt Brecht „Trommeln in der Nacht“ geschrieben, das Christopher Rüping ebenfalls inszeniert hatte. Und auch jetzt wieder geht es ums Kämpfen. Man hörte immer wieder auch bei dieser Inszenierung den Gong für die Einleitung einer weiteren „Runde“. Bertolt Brecht schildert einen „Kampf“ zwischen einem Holzhändler (Shlink) und einem kleinen Angestellten einer Buchhandlung (Garga). Der Holzhändler fordert den Kampf – man weiß gar nicht warum. Des Kämpfens willen? Der Selbstbehauptung willen? Er gibt alles auf, schenkt es Garga. Alles kommt ins Wanken. Schwer zu verstehen, was Bertolt Brecht dabei dachte. Kampf und Soziales sicher auch. Auch Kampf gegen Einsamkeit, Kampf gegen Aussichtslosigkeit. Kampf jedes/r einzelnen.

Bertolt Brecht Stück ist insgesamt äußerst schwer verständlich. Ich könnte es dreimal lesen, würde es nur bruchstückhaft verstehen. Hieraus eine Inszenierung zu machen, ist erstaunlich. Christopher Rüpings Inszenierung folgt zwar dem Verlauf des von Bertolt Brecht geschriebenen Stückes. Vor allem viele soziale Aspekte aber, die Bertolt Brecht in seinem Stück brachte und die ihm wahrscheinlich wichtig waren, verschwinden bei der Inszenierung von Christopher Rüping. Rüping holt Bertolt Brecht Stück in die mittlerweile völlig veränderte Gegenwart, legt den Schwerpunkt eher auf die Isolierung jedes einzelnen Menschen.

Beginnend schon vor der Aufführung, wenn sich im Foyer des Theaters Schauspieler/innen in einer riesigen durchsichtigen Plastikkugel aufhalten und nur auf ihr Handy starren. Sie hören nichts, sehen niemanden an. Die chaotische Bühne ist nur mit Rollkisten für Requisiten vollgestellt. Das Ensemble leistet durchgehend wieder Erstaunliches in dieser sehr freien Inszenierung. Jede/r spielt jede/n, es werden verschiedene Sprachen gesprochen. Das Dickicht von Großstädten, auch so holt Christopher Rüping das Stück in die Gegenwart.

Und jeder kämpft irgendwie um Liebe, ohne zum Ziel zu gelangen, ohne auch zur Liebe fähig zu sein, ohne auf Gegenliebe zu stoßen … Schwerpunkt dieser Inszenierung: Liebe und Anerkennung, nicht – wie eher bei Brecht – Soziales. Ich habe das Stück erst im Nachhinein gelesen und werde mir die Aufführung ein weiteres Mal ansehen. Erst dann, glaube ich, kann ich mehr beurteilen. Erst dann werde ich mehr darüber schreiben können.

Es wird sich empfehlen, Bertolt Brechts Stück „Im Dickicht der Städte „ vorab gelesen zu haben, auch wenn Brecht einen wohl anderen Schwerpunkt im Auge hatte. Und auch, wenn es schwer fallen wird, Brechts Originalstück zu verstehen.

Sehen kann man diese Inszenierung im März an vier Terminen. Ein Theaterabend fürs irgendwie freie Theater, nicht klassisch, nicht umwerfend. Vielleicht auch an Bertolt Brechts Original vorbei. Aber es heißt ja auch: „Im Dickicht der Städte“ NACH Bertolt Brecht. Es hätte auch heißen können: „Im Dickicht der Städte HEUTE“

HIER der link zur Stückeseite.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann

THEATER: Christopher Rüping – Dionysos Stadt

Es kommt nicht oft vor, dass man sich im Theater ein Stück dreimal ansieht. Es kommt aber auch nicht oft vor, dass das Stück selbst dann fast 10 Stunden dauert. So ist es aber bei der Inszenierung „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping. Dreimal, jeweils fast 10 Stunden! Das dritte Mal habe ich es jetzt – es läuft in den Münchner Kammerspielen – mit Familie zwischen den Jahren gesehen.

HIER ein Trailer zur Inszenierung. Und HIER der link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Ich meine: Wenn man zum Einen irgendwie einen Bezug zu Antike finden will, sollte man es sich ansehen. Es geht andererseits natürlich nicht nur darum, etwas zu lernen, nein. Man kann eher sagen: Es ist einfach ein vollkommen gelungenes Theaterprojekt.

In vier völlig unterschiedlichen Darstellungsformen erlebt man wesentliches Geschehen der Antike. Mythologie und Familientragödie. Es kommt derzeit weiterhin monatlich an jeweils einem Wochenende, Samstags und Sonntags. Auch Anfang Januar wieder.

Über die Premiere hatte ich ja bereits berichtet. HIER mein damaliger Beitrag.

Es ist jedes Mal dasselbe: Keine einzelne Sekunde ist langweilig oder schleppt sich hin. Aufgebaut ist die Inszenierung wie auf den antiken dionysischen Feiern: Drei „ernsten“ Teilen folgt zum Abschluss ein vierter, „heiterer“ Teil. Jeder Teil ist eine völlig eigenständige Inszenierung, nichts wiederholt sich, nichts zieht sich.

Teil 1:

Die Entstehung der menschlichen Zivilisation. Prometheus, der Menschenfreund, schafft es, den Menschen im Streit mit Zeus das Feuer zu geben. Die Vorgeschichte, die im Stück garnicht vorkommt, sieht so aus: Zeus war ziemlich sauer. Prometheus wollte ihn austricksen. Und Zeus sagte sich dann: Feuer kriegen die Menschen nicht! Die Menschen lebten in Höhlen.

Aber Prometheus schnappte sich ein bisschen Glut und brachte sie – in einer Riesenfenchel – den Menschen. Und mit dem Feuer begann alles. Menschliche Zivilisation konnte sich entwickeln. Auch wenn Zeus – das war Teil der Inszenierung – immer wieder fragte: „Warum? Why? Sie werden Bomben bauen!“ Prometheus glaubte aber an die Menschen.

Kombiniert wird diese mythologische Geschichte der Entstehung der menschlichen Zivilisation dann mit einer der zahlreichen Liebesaffären von Zeus. Zeus liebte Io, allerdings bemerkte es Hera, die Ehefrau des Zeus, und griff immer wieder ein. Zeus verwandelt Io zunächst – nichts einfacher als das – in eine Kuh, um die Affäre zu vertuschen. Zuletzt musste Io aber in Gestalt dieser Kuh über das Meer fliehen. Daher das Ionische Meer und der Bosporus (bos heißt griechisch Rind). Denn Hera schickte ständig eine lästige und schmerzhafte Stechmücke, eine Rinderdassel, hinter ihr her.

HIER ein kleines Schaubild über die Zusammenhänge aus Teil 1. Gut sehen kann man alles nur, wenn man Word auf dem Gerät hat.

Teil 2:

Teil 2 der Inszenierung ist der zehnjährige Krieg um Troja, den die Götter kräftig mitbeeinflusst haben. Die Armada der griechischen Schiffe, die Kämpfe zwischen Hektor und Achill, die Troerinnen, die Eingriffe der Götter in die Kämpfe, die Zerstörung Trojas (siehe dazu das obige Beitragsbild). Begleitet war es von Schlagzeugeinsätzen von Matze Pröllochs. Andromache, die Frau des Trojaners Hector, musste am Ende ihr Kind, ein Säugling, Astyanax, den Griechen geben, die es dann von der Stadtmauer – oder einem Turm – herunterfallen ließen, damit kein Trojaner je Troja wieder aufbaut. Hat ja gewirkt.

Teil 3:

Agamemnon kommt nach den zehn Jahren des trojanischen Krieges zu Klytaimnestra zurück, seiner Frau, und die Familientragödien beginnen. Ich kann dazu nicht alle Einzelheiten erzählen. Die – von den Göttern erstmals weitestgehend unbeeinflusste – Familientragödie um Orest und Elektra ist es, die „Orestie“. Orest und Elektra, die beiden Kinder des Agamemnon.

HIER ein Schaubild über die Zusammenhänge aus Teil 2 und Teil 3. Auch hier gilt: Gut sehen kann man auf diesem Schaubild alles nur, wenn man Word auf dem Gerät hat. Das Schaubild sieht schon etwas komplizierter aus, man sollte sich ein bisschen auskennen. Ich habe es in ähnlicher Form einmal beim Lesen des absolut empfehlenswerten Romans „Kassandra“ von Christa Wolf entworfen.

Teil 4:

Fußball und Zinedine Zidane. Ein lockerer Ausklang, in dem man immer wieder Momente findet, in denen etwas Göttliches in der Luft zu liegen scheint. Wenn etwa einzelne SchauspielerInnen plötzlich einfach stehen bleiben und in den Himmel schauen. Oder wenn es um Zinedine Zidane geht.

Nun, dass es mir auch beim dritten Mal sehr gefallen hat, brauche ich wahrscheinlich nicht zu sagen.

Ich wünsche allen Lesern ein gutes neues Jahr!

LITERATUR, THEATER und MUSIK: John Steinbeck – Früchte des Zorns

Ich habe wieder einmal einen Klassiker gelesen. „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck. Er hat 1962 – nicht nur dafür – den Literaturnobelpreis bekommen. UND: Am Schauspielhaus Zürich gibt es derzeit eine Inszenierung von Christopher Rüping zu diesem Buch. „Früchte des Zorns“. UND: Ein Song zum Roman folgt unten.

Meine Bewertung des Romans: 6 von 10.

ZUM THEATER:

Christopher Rüping war zuletzt Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen, hatte dort etwa die wunderbare 10-Stunden-Inszenierung „Dionysos“ auf die Bühne gebracht. HIER mein damaliger Beitrag dazu. Derzeit ist er Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich, wird aber im Januar nächsten Jahres an den Münchner Kammerspielen Bertolt Brechts „Im Dickicht der Städte“ inszenieren.

HIER der Link zur Website des Schauspielhauses Zürich, zur Stückeseite der Inszenierung „Früchte des Zorns“. Die Inszenierung wird in der Presse sehr gelobt.

ZUM BUCH:

John Ernst Steinbeck, geboren am 27. Februar 1902 in Kalifornien und gestorben am 20. Dezember 1968 in New York. Einer der meistgelesenen US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 1943 war er Kriegsberichterstatter im Zweiten Weltkrieg, 1940 erhielt er den Pulitzerpreis für den Roman „Früchte des Zorns“ und 1962 den Literaturnobelpreis.

„Früchte des Zorns“ ist ein trostloses Buch. Geschildert wird, wie eine große Familie aus dem Süden Amerikas mit einem schrottigen Lastwagen nach Kalifornien fahren will und sich bis dorthin durchschlägt. Eine lange, aufwändige Tour, die genau geschildert wird. Einige aus der Familie gehen verloren, sterben, gehen alleine weiter. Die Familie der Joads. Großeltern, Eltern, Kinder, Enkelkinder, ein befreundeter Priester, ein Onkel. Als Farmerfamilie im Süden Amerikas gab es einfach nichts mehr zu verdienen. Große Firmen kamen auf, Maschinen übernahmen die landwirtschaftliche Handarbeit, Land wurde aufgekauft.

Die Familie der Joads fällt immer mehr auseinander. Auch das Ende des Romans ist trostlos. Der lange Weg der Familie Joad wird äußerst genau geschildert. Man liest das Buch fast wie das Drehbuch eines Films. Man sieht jede Szene genau vor sich. Von der Schreibweise her nicht irgendwie auffallend, sehr realistisch, fast nüchtern beschreibend, nicht emotionalisierend, auch nicht etwa speziell die ein oder andere Person der Familie in den Vordergrund rückend. Wegen der nicht gerade prickelnden Schreibweise gebe ich auch „nur“ die Sechs Punkte auf meiner Skala.

Wie sie Zelte aufschlagen, wie sie fahren, wie sie im Lastwagen liegen, wie die Mutter kocht, wie man mit ihnen umgeht, ihre Sorgen, ihr permanenter Kampf gegen die Armut, die Tochter wird schwanger, sie reden, wie sie ihre Würde behalten wollen, alles.

Das Drama nimmt seinen Lauf, weil zur damaligen Zeit wohl Tausende von Farmerfamilien aus dem Süden in den Norden gefahren sind, um Arbeit zu finden. Als Obstpflücker, als Baumwollpflücker. Um zu überleben. Sie waren aber im Norden nicht willkommen, die „Okies“ aus Oakland etwa.

Noch dazu haben die Farmer im Norden Amerikas die Situation wohl komplett ausgenutzt. So der Roman. „Viele Zureisende“ bedeutete ja, dass ihnen Arbeit für einen Hungerlohn gegeben werden konnte. Jeder nahm ja Arbeit an. Hunger wird auch immer wieder geschildert, die Ausweglosigkeit.

Hier ein Blick ins Buch:

Ein Roman gegen brutalen Kapitalismus. Und ein Roman mit Bezug zu allen Zeiten: Vielen Menschen geht es schlecht – wir dürfen den Blick nicht abwenden.

Und HIER die Seite zum Buch auf der Website des dtv Verlags.

ZUR MUSIK:

Bruce Springsteen hat einen Song geschrieben: The Ghost of Tom Joad. Hier die Lyrics:

Men walkin‘ ‚long the railroad tracks – Goin‘ someplace there’s no goin‘ back – Highway patrol choppers comin‘ up over the ridge – Hot soup on a campfire under the bridge – Shelter line stretchin‘ ‚round the corner – Welcome to the new world order – Families sleepin‘ in their cars in the Southwest – No home no job no peace no rest – The highway is alive tonight – But nobody’s kiddin‘ nobody about where it goes – I’m sittin‘ down here in the campfire light – Searchin‘ for the ghost of Tom Joad – He pulls a prayer book out of his sleeping bag – Preacher lights up a butt and takes a drag – Waitin‘ for when the last shall be first and the first shall be last – In a cardboard box ’neath the underpass – Got a one-way ticket to the promised land – You got a hole in your belly and gun in your hand – Sleeping on a pillow of solid rock – Bathin‘ in the city aqueduct – The highway is alive tonight – Where it’s headed everybody knows – I’m sittin‘ down here in the campfire light – Waitin‘ on the ghost of Tom Joad – Now Tom said „Mom, wherever there’s a cop beatin‘ a guy – Wherever a hungry newborn baby cries – Where there’s a fight ‚gainst the blood and hatred in the air – Look for me Mom I’ll be there – Wherever there’s somebody fightin‘ for a place to stand – Or decent job or a helpin‘ hand – Wherever somebody’s strugglin‘ to be free – Look in their eyes Mom you’ll see me.“ – Well the highway is alive tonight – But nobody’s kiddin‘ nobody about where it goes – I’m sittin‘ down here in the campfire light – With the ghost of old Tom Joad

Hier ein Lifeversion, Bruce Springsteen und Tom Morello. Nach 30 Sekunden des Videos geht der Song los. Er gibt – auch von den lyrics – die Athmosphäre des Romans gut wieder! Es gibt auch eine gute Version von Tom Morello mit Roger Waters:

THEATER: Miranda July – Der erste fiese Typ

Ich hatte es schon längst gesehen, jetzt noch einmal. Es ist einfach ein schönes Stück an den Münchner Kammerspielen. Eine Inszenierung von Christopher Rüping, dessen 10-Stunden-Antikenabend „Dionysos Stadt“ gerade zum Berliner Theatertreffen 2019 im Mai eingeladen wurde. Das Stück „Der erste fiese Typ“ gibt es noch zu sehen.

Auch übrigens den sehenswerten Marathon „Dionysos Stadt“ (je an einem Wochenende pro Monat). Zu meiner damaligen Besprechung von „Der erste fiese Typ“ geht es HIER. Deshalb hier nur kurz.

Getragen wird das Stück schlicht von den beiden Schauspielerinnen Maja Beckmann und Anna Drexler. Es ist ein Theaterabend für die beiden. Sie werden musikalisch begleitet von Brandy Butler. Es geht um Cheryl (Maja Beckmann) , ça. 45 Jahre alt, die die junge, wilde Clee (Anna Drexler), Tochter von Cheryls Chefin, vorübergehend in ihre (ordentliche) Wohnung aufnimmt. Clee hat ein völlig anderes Lebensverständnis. Völlig ungehemmt, ohne viel Respekt, einfach drauf los. Cheryl dagegen ist eine sehr vorsichtige, zweifelnde Person, die eigentlich gar nicht aus ihrer Haut heraus kann. Da prallt einiges aufeinander.

Man sieht in diesem amüsanten und schön gemachten Stück, wie Cheryl nach größten Schwierigkeiten doch mehr und mehr Verständnis für Clee und auch Liebe für sie entwickelt. Liebe, die letztlich dadurch entsteht, dass Clee schwanger wird und ein Kind bekommt, um das sich letztlich zunächst Cheryl kümmert. Clee nennt das Kind – das sie ohnehin zur Adoption freigeben möchte – ganz einfallsreich Jack.

Und am Ende bekommt man noch ein schönes Lebensgefühl mit auf den Weg. Wir gehen alle unseren Weg, alles ist nicht so ernst, jeder ist anders. Ständig prallen Welten aufeinander, sie können zusammen finden. Ein positives Stück. Und Maja Beckmann und Anna Drexler: Top, sie spielen es herrlich in ihrer Unterschiedlichkeit.

Zur Onlineseite des Stückes mit Trailer geht es HIER.

©️ des Beitragsbildes: David Baltzer

THEATER: Christopher Rüping – Dionysos Stadt

Nils Kahnwald, Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen, hat zu Beginn des Theatermarathons in einführenden Worten an das Publikum von einem Sonnenaufgang erzählt.

Es entsteht so etwas wie eine Klammer um den Tag, den Abend (von 13 Uhr bis 23 Uhr). Nils Kahnwald stellt sich vor, dass der Mensch in 3000 Jahren – nach der Zerstörung der Erde – wieder aus Höhlen kriecht, endlich ohne Eigenschaften wie Gewinnsucht, Gier etc., nur in Demut, und erstmals wieder einen Sonnenaufgang beobachtet. Nach 700 Jahren. Und ganz am Ende des langen Tages sitzt man in den Kammerspielen und ganz langsam geht eine große Sonne auf. Alle – die Schauspieler und die Zuschauer – schauen minutenlang gebannt bei lauter werdender Musik zu.  Man ist richtig eingewickelt in den Anblick dieser riesigen, aufsteigenden Sonne und die dröhnende, irgendwie schöne Musik. Und vielleicht fühlt man da ja diese Demut. Nils Kahnwald sagte zu Beginn auch, es käme am Ende das Schönste, was er im Theater je gesehen habe. Ist subjektiv natürlich und hebt die Spannung natürlich!

Ich habe aber jetzt schon zweimal an den Münchner Kammerspielen „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping gesehen. Wie bei den Dionysien werden drei Tragödien und ein heiteres Nachspiel, das „Satyrnspiel“, das das aktuelle Leben aufgreift, gebracht, eine Tetralogie. Ein 10-Stunden-Theatermarathon, der zurzeit an jeweils einem Wochenende pro Monat läuft. HIER der Link zur Onlineseite zum Stück.

Es ist natürlich ein besonderer Tag. Warum besonders? Es gibt mehrere Gründe: Worum es geht – kleine Momente – nochmal kleine Momente – Lerninhalte und der Mensch – die Schauspieler und Schauspielerinnen – die Gesamtheit – das Gemeinschaftsgefühl – fehlende Bedrängnis – die Schlichtheit – kleine Fragen:

1. Die Antike: Es geht bei „Dionysos Stadt“ nicht nur um die Erzählung der antiken Stoffe, Rüping spannt – fast unmerklich – einen weiteren Bogen hin zu Fragen, die jedenfalls immer leicht mitschwingen.  Das hat ja auch die Antike ausgemacht damals. Der Mensch! Der Mensch zwischen Schicksal und Selbstbestimmung, oftmals zerstörerischer Selbstbestimmung. Der Mensch sah sich ja lange in der Gewalt von Göttern, Zeus etc. Und gegen den Willen von Zeus hat dann Prometheus den Menschen davon befreit, so die Sage, er gab den Menschen das Feuer. Der Mensch geht seither seinen eigenen Weg, wurde fähig (oder verdammt dazu), Wissenschaft und Technik immer weiter zu entwickeln. „Und dann kam ich, Nils Kahnwald“, sagt Nils Kahnwald  im Stück an entsprechender Stelle, als der Mensch von den Göttern befreit war.

2. Es gab dann einen kleinen Moment gegen Ende des Theatertages, der plötzlich alles enthielt. Trotz dieses langen Theatertages und -abendes hatte man offenbar die Kraft, solch kleine Momente zu erkennen! Im Satyrnspiel, dem vierten Teil: Einzelne SchauspielerInnen blieben plötzlich regungslos auf dem kleinen Fußballfeld stehen, das man sah, unterbrachen ihr Fußballspiel, standen nur im Weg und blickten stumm in den Himmel. Um sie herum wurde weitergekickt, vorne auf dem kleinen Kunstrasenfeld auf der Bühne. Nils Kahnwald wiederum, er erzählte dazu die Geschichte des Kopfstoßes von Zinédine Zidane beim Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 2006. Das war ja auch ein kleiner Moment. Er rezitiert den Text von Jean-Philippe Toussaint (La Melancholie de Zidane) zu diesen berühmten Sekunden. Es habe etwas für Zinedine Zidane Unausweichliches gehabt, der Kopfstoß. Etwas, was sich schon während des Spiels angekündigt habe. Etwas, das mit Melancholie zu tun habe, weil er seine Karriere nie anders hätte beenden können. Schicksal und Selbstbestimmung!

3. Der Abend hatte mehrere solcher Momente. Momente, die im Grunde das Mitschwingende hervorbrachten: Etwa wenn Benjamin Radjaipour mittendrin – während der Orestie, dem dritten Teil –  wieder als Prometheus erscheint und über die Bühne und durch die Zuschauerreihen geht. Mit seinen zu einer Pistole geformten Fingern simuliert er Kopfschüsse! Nach dem Motto: Ihr seid doch alle dem Untergang ausgeliefert! Und er selbst ist schuld (Teil 1, die Prometheussage). Erst sucht der Mensch Kriege (Teil 2 des Abends, Troja), dann sind es Familientragödien (Teil 3 des Abends, die Orestie) und immer so weiter, mittlerweile Kriege UND Familientragödien. Oder wenn Udo Jürgens mit „Griechischer Wein“ ertönt. Klingt banal, ist aber gut. Oder wenn Agamemnon aus Troja zurückkehrt, am Tisch sitzt, isst und mit Klytaimnestra redet. Mit Videokamera auf einer große Leinwand projeziert.

4. Es ist bei alledem ein positiver Theatermarathon und nebenbei auch ein  lehrreiches Erlebnis! Es sind vier Erzählungen, die völlig unterschiedlich gebracht werden: Wie gesagt: Die Erzählung 1: Die Prometheus-Geschichte (das Menschwerden) – eine Sage des Ursprungs der Menschheit. Der Mensch am Beginn des Weges zu Wissenschaft und Technik – Pause – Erzählung 2: Die Geschichte des Trojakrieges (und der Troerinnen) – eine wortgewaltige und musikalisch/mediale „Trojashow“ – Große Pause – Erzählung 3: Die Orestie – eine wunderbar humorvolle Darstellung der Familientragödie um Klytamnestra, Orestes, Elektra, Helena, Agamemmnon, Aigisthos etc. in modernes Leben gepackt – Pause wieder – Und zum Abschluss Teil 4: Eine leise Darstellung aus dem modernen Leben. Und immer wieder aufflackernd geht es um das Thema Menschsein insgesamt!

5. Ich möchte alle mitwirkenden SchauspielerInnen nennen: Maja Beckmann, Peter Brombacher, Majd Feddah, Nils Kahnwald, Gro Swantje Kohlhof, Wiebke Mollenhauer, Benjamin Radjaipour und Livemusik von Matze Pröllochs. Es sind für diesen langen Theatertag erstaunlich und erfrischend wenige Schauspieler! Bemerkenswert ihre Leistungen! Jeder Schauspieler und jede Schauspielern ist bemerkenswert überzeugend. Jeder und jede hat große Auftritte, ich frage mich auch, wie Sie sich all diese Texte merken können!

6. Meines Erachtens sehr prägend für diesen Tag ist auch, dass alle SchauspielerInnen ohne die geringste Einschränkung gerade in der GESAMTHEIT komplett überzeugen! Oft sieht man ja Stücke, bei denen vielleicht ein oder zwei SchauspielerInnen unter den anderen besonders überzeugen! So soll es ja zum Beispiel derzeit am Burgtheater in Wien bei der Inszenierung von Horvaths Glaube, Liebe, Hoffnung sein. Man schwärmt dort derzeit besonders vom Auftritt von Andrea Wenzl. Das Besondere bei Dionysos Stadt ist, dass alle durchgehend gemeinsam und jeder/jede für sich wunderbar spielen! Es ist die Gesamtheit der SchauspielerInnen, die einen geradezu durch diesen Abend zieht! Man ist eigentlich ständig bei Ihnen und – so ging es wohl fast allen Zuschauern – spürt nicht den Wunsch, vorzeitig zu gehen – bei 10 Stunden! Man merkt bei jedem und jeder SchauspielerIn durchgehend, dass er/sie sich mit dem Theatermarathon und dem Thema offenbar unglaublich identifiziert, wirklich nichts wirkte aufgesetzt, es schien ihnen Spaß zu machen!

7. Eine Art Gemeinschaftsgefühl entsteht fast im Lauf der Stunden. Mehr als sonst jedenfalls. Zwischen den Zuschauern untereinander und auch zwischen den Zuschauern und den Schauspielern.

8. Dieser lange Theatertag hatte bei mir jedenfalls die Wirkung, dass ich mich nicht ein einziges Mal auch nur irgendwie bedrängt fühlte. Bedrängt etwa von einer Art Wunsch der SchauspielerInnen, dem Publikum etwas klarmachen zu wollen. Kommt ja auch vor!

9. Besondes die ersten beiden Teile der Tetralogie – nein, auch der vierte Teil – bestechen durch Klarheit und Einfachheit! Trojas Geschichte ist durchaus kompliziert, aber die Herangehensweise von Christopher Rüping ist schlicht. Ein Merkmal der Inszenierungen von Christopher Rüping. Auch „Der erste fiese Typ“ – seine vorherige Münchner Inszenierung – besticht dadurch! Nichts ist überladen! Nichts ist verwirrend oder kompliziert durch unnötiges Geschehen. Man ermüdet nicht durch Komplexität der bildlichen Darstellung oder überbordende Details! Man fliegt mit. Einfaches Bühnenbild, Prometheus im Gitterkäfig über der Bühne hängend, wenige Schauspieler, die Schauspieler selbst nicht theatralisch, sondern schlicht und gut! Sehr gut! Glasplatten werden zu Scherben geschlagen – das ist das zerstörte Troja. Nur der dritte Teil, die Orestie, fällt insoweit aus dem Rahmen. Es ist üppiger, aber das muss dort so sein, es wird schließlich eine Hochzeitsfeier gezeigt. Aber auch das ist sehr gut gelungen!

10. Danach kann man sich kleine Fragen stellen, wenn man das Theater verlässt. Nils Kahnwald raisonniert ja am Anfang auch, man denke vielleicht später irgendwann noch an den Abend (Er sagt: … an ihn!) Wo stehen wir Menschen? Zwischen Schicksalsvorgaben von außen einerseits und eigener Selbstbestimmung andererseits zum Beispiel. Aber können wir denn überhaupt irgendetwas selbst bestimmen? Oder ist alles letztlich vorgegeben? Machen wir alles kaputt? Früher, in der Antike, dachte man, die Götter bestimmen vieles. Davon befreite sich der Mensch also. Und? Führte die Selbsbestimmung des Menschen seither nicht immer wieder ins Desaster? Troja und die Orestie waren in der Antike jedenfalls die ersten Desaster. Erstaunlich modern.

Viele Dinge haben diesen Theatertag also zu einem absolut gelungenen Tag gemacht! Standing Ovations am Ende.

©️ des Beitragsbildes: Julian Baumann