THEATER: William Shakespeare – König Lear

Es läuft seit Kurzem an den Münchner Kammerspielen, man liest begeisterte Kommentare. Ist auch oft ausverkauft. Meins war es nicht! Der alte „König Lear“ von William Shakespeare, Textbearbeitung von Thomas Melle, Inszenierung von Stefan Pucher.

Premiere am 28.09.2019, ich werde es noch ein zweites Mal ansehen. Eine zweite Chance. Für mich war es bisher – kurz gesagt – eher eine modernisierte „König Lear Klamaukfassung“. Es mögen ernsthafte Überlegungen hinter der Textfassung von Thomas Melle stehen: Femininismus etwa. Für mich wurden sie zu wenig pointiert (das Programmheft erwähnt Einiges). Es geht aber nicht darum, alles ernst zu sehen, auf keinen Fall. Ich mag es einfach schlichter. Aber so sind unsere Zeiten: Alles schnell schnell, alles bunt dargestellt, viel Brimborium, bloß nicht schlicht.

Allerdings: Es liegt auch an der inhaltlich im Grunde schon fürchterlich aufgeladenen Story von William Shakespeares König Lear. Auch Thomas Melles inhaltliche Veränderungen helfen da wenig. Entschlackt hat er es inhaltlich kaum. Aber für mich ist es eben eher Klamauk, etwa die Shakespearefigur „Tom of Bedlar“, der Bettler, als der sich der verfolgte Edgar ausgibt. Bei Stefan Pucher schwebt er als „Major Tom“ aus dem Bühnenhimmel herab, mit E-Gitarre. Naja.

Für mich ist es generell fraglich, warum man sich König Lear überhaupt noch ansieht – die „Tragödie“ von William Shakespeare über den alten König Lear, der sich zurückziehen will. Es geht ja zurück auf eine uralte englische Sage über „King Leir“, einen britischen König aus der vorrömischen (!) Zeit.

Zum Inhalt der Tragödie: Es sind zwei Handlungsstränge.

Erster Handlungsstrang: König Lear will sich zurückziehen, das Land auf seine drei Töchter aufteilen. Die beiden älteren Töchter erfüllen den Wunsch des Königs nach Liebesbezeugung. Die Jüngste, Cordelia, verweigert sich – ich sage mal – herumzuschleimen. Sie bekommt nichts, die anderen beiden bekommen alles. Cordelia wird nach Frankreich verheiratet.

Dann gibt es den zweiten Handlungsstrang: Graf Gloucester – bei Thomas Melle Gräfin Gloucester, gespielt von Wiebke Puls. Sie hat den ehelichen Sohn Edgar und den unehelichen Sohn Edmund (ich merke es mir so, dass das „un“ im Namen Edmund für „un“ehelich steht). Edmund – bei Pucher gespielt von Thomas Hauser – will Edgar – bei Pucher gespielt von Christian Löber – ausbooten: Er verfasst einen Brief, angeblich von Edgar, wonach dieser seinen Vater – bei Pucher eben seine Mutter – entmündigen will, und Edmund veranlasst Edgar sogar, zu fliehen. Klare Sache, der ist doch schuldig.

Dann geht es aber erst los mit den Verstrickungen in der Shakespearefassung. Die Handlungsstränge verschlingen sich, Gloucester etwa verteidigt King Lear gegenüber den beiden älteren Töchtern. Und genau da frage ich mich: Warum schaue ich mir das an? Klar, das Thema des immer verworrener werdenden Vaters – bei Pucher gespielt von Thomas Schmauser – oder: Das Thema des Vaters, der nicht loslassen kann und über den sich die Nachkommen nur noch aufregen. Aber sonst? Feminismus wird, wie gesagt, zum Thema, lese ich im Programmheft, ich habe es kaum bemerkt.

Schauspielerisch:

Mal wieder eine „Ensemblearbeit“, wie es ja lange Zeit in München die große Schar der gediegeneren Münchner Theaterfreunde gefordert hatte, lange Zeit unterstützt vor allem von der Süddeutschen Zeitung. Schön fand ich daran Eines: Das Duo Samouil Stoyanov und Thomas Schmauser zusammen auf der Bühne. Beide zusammen strahlen einen herrlich verrückten Wahnsinn aus, siehe das Bild oben, gerade durch ihr gemeinsames Auftreten.

Samouil Stoyanov ist ein Kammerspiele-Hase. Von ihm kennt man es: Er kann – unter anderem – wunderbar Rollen spielen, die irgendwann im Verlaufe eines Stückes ausrasten. Dann wird er laut und deutlich! Etwa im Kirschgarten. Und Thomas Schmauser: Er ist ja wieder zurück an den Kammerspielen, war zwei Jahre lang am Residenztheater. Er ist zwar nicht im Alter eines alten König Lear, aber dennoch: Er spielt auch bei König Lear wieder einmal überzeugend! Da ist allerdings die Rolle schon sehr auf zunehmenden Wahnsinn angelegt. Beide zusammen jedenfalls, herrlich, das wäre es einmal: Ein Abend die beiden alleine in Becketts „Endspiel“!

Die Inszenierung:

Wie gesagt, sie war nicht Meins. Eine Drehbühne, ein zweistöckiges barackenähnliches Gebilde darauf, ein Neonschriftzug auf der Baracke („The End“), Videoeinspielungen aus dem Hintergrund. Genau das könnte man bei fast allen Inszenierungen von Frank Castorf sagen. Also nicht gerade irgendwie überraschend. Im Hintergrund etwas von Himmel oder Weltall. Allerdings: Ich mag im Grunde ja Videoeinspielungen ganz gerne, man erlebt die SchauspielerInnen dann so hautnah und intensiv.

Ich werde es noch einmal sehen, mal sehen, was mir noch auffällt.

Copyright Beitragsbild: Arno Declair

THEATER und LITERATUR: Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Man kann es lesen und es läuft derzeit in den Münchner Kammerspielen: „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch. Zum Buch: Rüde und frech geschrieben, eine politische Utopie, keine schöne Literatur, ein verrücktes Gedankenspiel. So kann man es vielleicht beschreiben.

Meine Bewertung des Buches (1 – 10): (5)

Man kann lachen und merkt, dass es eigentlich einen wichtigen Gedanken enthält. Literarisch ist es wahrlich nicht besonders, daher gebe ich nur fünf Punkte.

Es geht um einen steinreichen Investmentbanker, Victor, der in Frankfurt lebt, letztlich – nachdem er wieder einmal bei Vapiano gegessen hat – seinen Beruf hinschmeißt und eine politische Idee entwickelt, die gegen die sich immer mehr vergrößernde Wohlstandsschere gerichtet ist.

Copyright: Gabriela Neeb

Alexander Schimmelbusch selbst war fünf Jahre lang Investmentbanker. Er kennt die Szene bestens. Und er wird in seiner Schilderung kaum übertreiben. Ich kenne auch einen Investmentbanker, der sich nach wenigen Jahren harter Arbeit in einer Frankfurter Investmentbank auf einen wunderschönen, wahrscheinlich millionenschweren riesigen Bauernhof am Tegernsee zurückziehen konnte. Schön für ihn! Bestens renoviert, edel ….

Treffende Sätze aus dem Roman „Hochdeutschland“ sind etwa:

„Es war ein altes System, das durch zu viele Hände gegangen war, das immer wieder repariert und modifiziert worden war und nach den Tuningmaßnahmen durch den Neoliberalismus nicht mehr als Volkswagen, sondern als Zuhälter-Mercedes mit Diffusor und Flügeltüren daherkam.
Victor bezog sich auf den Neoliberalismus im umgangssprachlichen Sinne, also auf die radikale Heilslehre von der Entsolidarisierung, die in den letzten zwei Jahrzehnten lustvoll einen tiefen Keil in die Gesellschaften des Westens getrieben hatte.“

Alexander Schimmelbuschs Idee: Vermögensobergrenze für Reiche, volles Leistungsprinzip, aber dann Wohlstand für alle durch eine „unternehmerische Regierung“, die Deutschlands Position auf dem Weltmarkt sichert. In gewisser Weise ein Chinamodell: Der Staat schützt den unternehmerischen Erfolg Deutschlands weltweit durch Staatsbeteiligungen, der Staat muss sich um die Zukunft kümmern. So auch schon der letzte „Deal“ von Victor, sein Treffen mit dem Finanzminister. Die Idee entwickelt sich dann zur politischen Partei, die sogar die Regierung stellt. Usw.

Amüsant geschrieben, voll beladen mit Klischees (die aber irgendwie wahrscheinlich auch alle zutreffen), natürlich nicht politisch voll durchdacht. Allein die Vermögensobergrenze von € 25 Mio. ist ja letztlich völlig illusorisch.

Dem Buch entsprechend ist die Inszenierung an den Kammerspielen „aus Schaum gemacht“. Siehe das Bild oben. Die SchauspielerInnen waten in einer tiefen Schaummasse, die über die Bühne verteilt ist. Schauspielerisch keine Glanzleistung, es ist eher eine rednerische Erzählung des Buches, Erzählung eines Teils des Buches, abwechselnd durch die fünf SchauspielerInnen. Kaum Interaktionen.

Den Kern des Buches verstehe ich aber gut: Er hat etwas sehr Realistisches: Einerseits soll Deutschland weiterhin auf dem Weltmarkt eine Rolle spielen, damit unser Wohlstand weiterhin gesichert ist. Andererseits geht es unbedingt um das soziale Denken in Deutschland. Die Reichen müssen nicht noch reicher werden. Es geht um die, die NICHT reich sind. Usw. Insoweit lesenswert, ansehenswert.

HIER der link zur Seite des Stückes an den Münchner Kammerspielen, mit Video und vielen Fotoaufnahmen.

HIER der link zur Seite des Buches beim Rowohlt Verlag.

THEATER: Anta Helena Recke – Die Kränkungen der Menschheit

Neue Gedanken. Etwa diese Aussage von Sigmund Freud – für mich war sie neu: Er hatte einmal in seinem Text „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ geschrieben, es gebe für die Menschheit „drei Kränkungen“:

Kränkung 1: Die Erde kreist um die Sonne, nicht die Sonne um die Erde!
Kränkung 2: Die Menschheit stammt vom Affen ab!
Kränkung 3: Der Mensch hat ein Unbewusstes – Freuds Thema – das er nicht steuern kann!

Ich würde den Abend eine „Perspektive“ – oder meinetwegen Performance – nennen. Er kreist nämlich ganz konkret um eine weitere Frage – ausgehend von diesen drei Kränkungen, die das Menschheitsbild schwächen: Von welcher „Menschheit“ ging Freud denn dabei aus? Kann man überhaupt von einer „Menschheit“ ausgehen?

Ich mag Abende, in denen nicht viel, sondern eher wenig auf den Punkt gebracht wird. Ich mochte daher etwa den Abend „Die Kränkungen der Menschheit“ lieber als zwei Tage später das Stück „König Lear“. Dazu aber gesondert einmal mehr.

Anta Helena Recke ist mittlerweile ein bekannter Name an den Kammerspielen. Sie hatte 2017 das Stück „Mittelreich“ in einer Version gebracht, in der die Personen dieser bayerischen Familiensaga von dunkelhäutigen Schauspielern gespielt wurden. Appropriation Art. Die Inszenierung wurde damals nach Berlin zum Theatertreffen eingeladen.

Zurück zum Stück: Die „Menschheit“ muss also nach Freud – könnte man sagen – Wohl oder Übel erkennen, dass sie – ätsch – nicht so toll ist, wie sie vielleicht meint. Sie meint es und fühlt sich „gekränkt“ von diesen naturgegebenen drei „Einschränkungen“. Nach dem Motto: „Das musste aber wirklich nicht sein!“

Das Thema „dunkelhäutig“ – „weißhäutig“ (sagt man so?) spielt bei Anta Helena Recke jetzt auch wieder eine Rolle. Da setzt sie mit dem „Stück“ „Die Kränkungen der Menschheit“ an. An den Münchner Kammerspielen war es die erste Premiere der gerade begonnenen Spielzeit 2019/2020, der letzten Spielzeit in der Intendanz Matthias Lilienthal.

Anta Helena Recke sagt uns zur Frage der „Menschheit“ in diesem Zusammenhang: Es gibt eine „vierte Kränkung der Menschheit“. Diese vierte Kränkung der Menschheit sei die „Illusion einer weißen männlichen Menschheit im weißen Körper“. Es gebe diese „Menschheit“ so aber nicht – nochmal ätsch. Das sei eine Illusion. Und dass dieser Gedanke nur eine Illusion sei, sei eine Kränkung.

Was macht Anta Helena Recke mit dieser Überlegung? Leere Bühne, ein begehbarer, innen beleuchteter Quader steht rum, einsehbar von allen Seiten, ein Holzsockel darin. Sonst nichts.

Dann zunächst Affen: Sieben Schauspieler kommen auf die Bühne und verhalten sich – hoch überzeugend! – als Affen. Nehmen den Raum ein, tummeln sich später auch zwischen den anderen Mitwirkenden.

Dann kommt die Trennung, die eigentlich zum Thema des Abends wird: Zunächst erscheint eine Besuchergruppe in einem fiktiven Museum: Sie betrachtet und spricht über nicht vorhandene Gemälde. Alle sind europäischer Herkunft, „weißhäutig“. Sie ergötzen sich in schlauen Kommentaren und Unterhaltungen zur ausgestellten Kunst, die sie betrachten. Sie meinen natürlich, die Kultur ist doch für sie geschaffen. Ich dachte mir: Naja, auch das ist irgendwie affenartig.

Dann – in einem „dritten Teil“ – kommen aber viele bunt und fröhlich in Gruppen durch den Raum gehende „dunkelhäutige“ Menschen – nur Frauen übrigens. Alle jung, jede für sich das Gegenteil des „alten weißen Mannes“. An der Kunst haben sie kein besonderes Interesse, reden und lachen miteinander, schauen immer nur kurz zum Quader, in dem die Besuchergruppe stand.

Man merkt also vielleicht: Mensch, so wichtig müssen sich die Personen in der Besuchergruppe in diesem Museum nicht nehmen, es gibt auch andere. Und auch die Kunstwerke müssen sie nicht so wichtig nehmen. Der ganze Quader ist nicht wichtig. Andere – die Vorbeigehenden – nehmen es auch nicht wichtig. Und das sind viele auf der Bühne.

Aber ich denke da wahrscheinlich zu kurz, wenn ich es auf diesen Gedanken reduziere, man müsse sich nicht so ernst nehmen. Überall gibt es ja Kultur und jeder nimmt eben seine Kultur ernst und wichtig. Hat ja seine Berechtigung. Nicht nur „weißhäutige“ Menschen nehmen die ihnen nahestehende Kultur ernst. Insoweit habe ich das „Stück“ wahrscheinlich nicht ganz verstanden. Aber ich mochte es lieber als „König Lear“, weil es nicht überladen war.

Copyright des Beitragsbildes: Gabriela Naab

THEATER: Theater des Jahres 2019

Über vierzig Kritiker und Kritkerinnen haben für die Zeitschrift THEATER HEUTE gewählt: 44 genau genommen. Das Theater des Jahres 2019 sind die Münchner Kammerspiele. Gewählt wurde auch in anderen Kategorien (Inszenierung, SchauspielerInnen Nonen, Nachwuchs, etc.). Großer Gewinner: Die Münchner Kammerspiele. Mehr dazu evtl. in Kürze, bin im Urlaub.

Die Erfolge der Münchner Kammerspiele:

NILS KAHNWALD wurde für seine Leistung in „Dionysos Stadt“ zum Schauspieler des Jahres gewählt (HIER). Er wechselt ja zur neuen Spielzeit zum Schauspielhaus Zürich.

Die Wahl der Nachwuchsschauspielerin des Jahres fiel auf GRO SWANTJE KOHLHOF (HIER).

BENJAMIN RADJAIPOUR (HIER) erhielt die meisten Stimmen als Nachwuchs-Künstler.

LENA NEWTON hat für Susanne Kennedys „Drei Schwestern“ das Bühnenbild des Jahres in der Kammer 1 entworfen (HIER).

Alle Abstimmungsergebnisse von allen Kritikern, die namentlich genannt sind, HIER.

Mal sehen, es wäre ja mal etwas, wenn es den Kammerspielen gelänge, auch das Theater des Jahres 2020 zu werden. Das Zeug dazu haben sie! Es würde auch zeigen, wie wenig die CSU von Kunst wissen will, sie hat schließlich bewirkt, dass Matthias Lilienthal als Intendant nach 2020 ausscheiden wird. Aber die SZ – die Kritikerin Susanne Dössel – war auch nicht unschuldig!

THEATER und LITERATUR: Viginie Despentes – Vernon Subutex

Ich hatte schon einmal darüber geschrieben: Über die Premiere von „Das Leben des Vernon Subutex“, inszeniert von Stefan Pucher, an den Münchner Kammerspielen. HIER mein damaliger Bericht. Ich fand es damals nicht überzeugend, hatte allerdings das Buch dazu noch nicht gelesen. Das habe ich jetzt nachgeholt und habe mir das Stück in den Kammerspielen wieder angeschaut. Heute geht es um Beides.

Meine Bewertung der Bücher (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚📚📚📚 (9)

Es sind drei Bücher. Subutex 1 – 3. Geschrieben von der Französin Virginie Despentes, die früher unter anderem in Peepshows arbeitete. Sie erhält viele Auszeichnungen für Ihre Werke. Sie schreibt unverblümt und verdammt ehrlich, in klarer und derber Sprache, Umgangston in den Gesprächen. Den Milieus entsprechend, über die sie schreibt. Und nichts wirkt gekünstelt. Das mag ich, daher die neun Bewertungspunkte. HIER der Link zu ihrer Seite bei Wikipedia. 1200 Seiten. Die Süddeutsche Zeitung schrieb einmal zurecht etwas wie: „Man will jede Seite lesen“.

Ich habe es gewagt, die drei Bücher auf Französisch zu lesen. Französisch hatte ich vor vielen Jahren in einem Studiumsjahr in Lausanne gelernt. Es wurde immer besser: Für Buch 1 hatte ich noch die deutsche Ausgabe daneben liegen. Für Buch 2 hatte ich die Seite des Onlinewörterbuchs http://www.leo.org parat. Buch 3 konnte ich schon fast wie die deutsche Ausgabe lesen. Nachzuschauen waren allerdings immer wieder die derben Wörter der Umgangssprache.

Ein deutliche Eindruck, den ich vor allem beim Vergleich der deutschen und der französischen Ausgabe von Band 1 gewonnen hatte: Seltsamerweise liest sich die deutsche Übersetzung rüder, uncharmanter, derber, fieser. Das ganze ist natürlich inhaltlich und vom Schreibstil her rüde, uncharmant und derb. So soll es aber auch sein, das ist es, was man erlebt und liest, wenn man den „Vernon Subutex“ liest. Aber in der französischen Originalausgabe hat alles eine gewisse Eleganz. Es wirkt in keinem Satz irgendwie plump. Im Deutschen wirkt es einfach plump. Ein Beispiel? Das deutsche „ficken“ heißt „baiser“ auf französisch. Ist doch irgendwie galanter, finde ich. Also: Wer kann, sollte es unbedingt auf Französisch lesen!!

INHALTLICH: Vernon Subutex, seines Zeichens Plattenhändler aus Paris, ist ohne Dach über dem Kopf. Sein Plattenladen hat Bankrott gemacht. Er kommt zunächst bei FreundInnen unter, bevor er auf Parkbänken landet. Bei einer Freundin stößt er auf brisante Tonbandaufnahmen/Videos des gestorbenen Musikers Alex Bleach. Bleach erklärt, dass es der Produzent Dopalet war, der den Tod der Ex-Pornodarstellerin Vodka Santana verursacht hatte. Dopalet will an die Aufnahmen kommen, sie aus dem Verkehr ziehen. Die Tochter von Vodka Santana, Aïcha, rächt sich kurios an Dopalet. Und so weiter. Bei alledem entsteht ein Kult um Vernon Subutex, der immer noch als begnadeter DJ wirkt. Es eskaliert.

Also: Ein erfolgloser Drehbuchautor mit Amok-Phantasien (Xavier). Eine ehemalige Drogendealerin, die zum Internet-Troll umgeschult hat (La Hyäne). Eine Professorentochter, die zum Islam konvertiert (Aïcha) und ihr darüber verzweifelnder Vater (Selim). Ein drogensüchtiger Popstar (Alex Bleach) und sein Manager (Max). Ein koksender Trader (Kiko), eine obdachlose Hundeliebhaberin (Olga) mit großem Gerechtigkeitssinn und eine ehemalige Pornodarstellerin (Pamela Kant). Ein rechtsradikaler H&M-Verkäufer (Noël) und sein Kumpel (Loïc), eine einsame Staatsbeamtin (Emilie), ein krankhafter Frauenschläger (Patrice) und eine Kellnerin mit Talent zum Tätowieren (Celeste). Sie alle und mehr bevölkern das Leben des Vernon Subutex. Sie alle träumen von einem anderen besseren Leben, auf ganz unterschiedliche Weise. 

SCHREIBSTIL: Einfach und einfach gut. Der Schreibstil und der Ton der Gespräche passen exakt zum Milieu, in dem alles spielt. Bei alledem erwischt man sich etwa auf jeder zehnten Seite dabei, von einem Thema zu lesen, das einen selber betrifft, eine Meinung zu hören, zu der man im Grunde auch etwas sagen kann, weil man sie kennt. Das liegt daran, dass Virginie Despentes viele Facetten unseres modernen Lebens schildert. Aus der Sicht von „unten“ – das Milieu des Buches – und immer wieder auch politisch. Lesen!

DAS THEATERSTÜCK: Wie gesagt, ich hatte schon darüber geschrieben. Damals dachte ich: „Das kann es doch nicht gewesen sein.“ Daher habe ich es gelesen und dann noch einmal angesehen. Und ich muss sagen: Die Inszenierung geht am Milieu vorbei, ist viel zahmer als das Buch, viel zu zahm. Aber es war eben eine Inszenierung von Stefan Pucher. Und Stefan Pucher bringt selten extrem Aufwühlendes. Er glättet mehr. So auch hier.

Gut, er versucht, den Ablauf der langen Geschichte um Vernon Subutex in dreieinhalb Stunden auf die Bühne zu bringen. Doch das Milieu und das Kulthafte der Erzählung gehen dabei meines Erachtens leider verloren. Auch die vielen sehr gelungenen Videoeinspielungen zeigen irgendwie ein anderes Milieu, als dasjenige, das Virginie Despentes schildert.

Hier eine Aufnahme der Inszenierung:

©️ Arno Declair

Und hier noch eine:

Arno Declair

Schön ist wie immer der professionelle und coole Gesang von Jelena Kuliç, die Vernon Subutex spielt. Und schön kann es sein – wer darauf Wert legt – fast alle Ensemblemitglieder der Kammerspiele auf der Bühne zu sehen. Zur Bühne noch: Sie erschien mir bei dieser Inszenierung unpassend eng und klein. Warum nicht so groß, wie die Ideen der Personen im Buch, so groß wie Paris, so groß wie die Themen, über die geredet wird, warum so eng?

Die Inszenierung wird auch in der kommenden Spielzeit zu sehen sein. HIER der Link zur Seite des Stückes auf der Website der Kammerspiele. Mit einem Video zur Inszenierung.

Auf Spotify gibt es eine Playlist mit allen Songs, die von Virginie Despentes in den Büchern erwähnt werden. HIER der Link.

THEATER: Lars von Trier – Melancholia

Man sollte wissen, auf was man sich einlässt, wenn man sich dieses Theaterstück ansieht. Es hatte am vergangenen Samstag, dem 15. Juni 2019, Premiere an den Münchner Kammerspielen. „Melancholia“ von Lars von Trier. Eine Inszenierung von Felix Rothenhäusler.

Das Fazit vorweg: Felix Rothenhäusler blieb fast nichts anderes übrig, als es so zu machen, wie es geworden ist. Denn da ist zum Einen der eigenwillige, fast mystische Film „Melancholia“ von Lars von Trier und da ist zum Anderen Felix Rothenhäusler, der zu puristischer Darstellungsform neigt. So war es auch – irres Thema, schlicht und anstrengend! Vielleicht ging durch die Kombination von Lars von Trier und Felix Rothenhäusler bei der Bühnenfassung etwas an Prägnanz verloren.

Ein Film auf der Bühne, das allein heißt schon: Man sollte sich, wenn möglich, ein wenig mit dem Film auseinandersetzen! Vorher oder nachher. Man geht wahrlich nicht in eine „Komödie“ und man schaut sich nicht einfach „irgendein Theaterstück“ oder einen „Klassiker“ an, am besten mit dem Ziel der Unterhaltung. Man sieht diesen irren Film auf der Bühne!

„Melancholia“ ist ein Film des dänischen Filmemachers Lars von Trier. Lars von Trier, keine ganz harmlose Gestalt. Der Film erschien 2011 und wurde mehrfach prämiert.

(Ich finde ja, dass das Marketing vieler Theater manchmal mehr bringen könnte. Man wird nicht immer gerade gut darauf vorbereitet, was man sich anschaut! Da könnte es manches Mal viel interessanter sein, besser vorbereitet zu sein. Jedenfalls eine Ahnung davon zu haben, WAS man sich ansieht, Zusammenhänge zu erkennen etc. Mehr Infos neben der Programmankündigung, vielleicht einmal ein Interview oder so.)

Man sagt ja, es ist ein „Endzeitfilm“. Kurz gesagt: Melancholia erzählt tatsächlich von einer (depressiven) jungen Frau, Justine, die das Ende der Welt (durch die Kollision mit einem anderen Planeten – Melancholia, der im „Todestanz“ um die Erde kreist) vorhersieht. Sie feiert mit Familie und Freunden in edler Atmosphäre ihre Hochzeit und rutscht immer mehr in ihre „Depression“ hinein, distanziert sich vom opulenten Geschehen. Wobei: Es ist vielleicht gar keine Depression. Sie selber scheint immer weniger aufgeregt zu sein, als (in den Folgetagen) ihre Schwester Claire und ihr Mann, der sich sogar umbringt.

Links? Bitte sehr, hier sind erst einmal einige interessante links:

HIER ein offizieller Trailer des Films. Eine etwas längere, recht kenntnisreiche Besprechung des Filmes gibt es dann HIER. HIER ist einer Besprechung des Films, die im Deutschlandfunk erschien. HIER findet sich wiederum eine Besprechung des Films auf Spiegel online. Zum Film gibt es übrigens eine offizielle Website: HIER. Und HIER findet sich die Seite der Kammerspiele zur jetzigen Inszenierung. Von anderen Inszenierungen lese ich übrigens wenig. Es gab eine „Uraufführung“ am Bochumer Schauspielhaus im März 2018. HIER einen Trailer dazu auf YouTube.

Das meiste oben bezieht sich auf den Film. Ich habe mir den Film auch erst einmal ansehen müssen. Auf http://www.kinox.to konnte ich ihn sehen (hoffentlich ist das hier keine illegale Empfehlung. Ich werde es prüfen und gegebenenfalls wieder löschen).

Zur jetzigen Inszenierung an den Münchner Kammerspielen hier noch eine Aufnahme:

©️ Armin Smailovic

Und dann Folgendes:

  • Felix Rothenhäusler hat also inszeniert. Er experimentiert ja gerne auf nicht ganz einfachen Niveau. Allein wenn man sich das Programmheft der Inszenierung von „Melancholia“ durchliest, bekommt man eine Ahnung davon. Wenn man den äußerst schwierigen Text zum Stück überhaupt versteht.
  • Es passt sehr gut: Schwarze große Bühne – zwölf Lichtstrahler hängen von der Decke – fünf SchauspielerInnen kommen und gehen über die Bühne – keine Gegenstände – schwarzer Boden, etwas erhöht auf Glasflächen – keine Opulenz – nichts. Siehe das obige Beitragsbild. Ein drohender grummelnder Ton schwirrt über allem – im Film ist es die Ouvertüre von „Tristan und Isolde“.
  • Die SchauspielerInnen und die leere Bühne hängen gewissermaßen im All. Darum geht es ja auch bei „Melancholia“, zumindest vordergründig: Das All, die Erde als Planet mit der großen Frage: „Was soll das alles. Das kann und wird doch alles zu Ende gehen“. Und es kam dadurch nur auf das Verhältnis der Personen zueinander an.
  • Felix Rothenhäusler lässt die SchauspielerInnen das Geschehen schlicht „erzählen“, direkte Rede und Erzählung. Jeder hat aber seine Rolle. Das mag er. Er spielt gerne mit den Worten. Auch in seiner „kleineren“ Inszenierung „Trüffel Trüffel Trüffel“, die auch an den Kammerspielen „läuft/lief“, stehen die SchauspielerInnen nebeneinander auf der Bühne und reden. Wie gegen Ende von „Melancholia“. Mehr „Experiment à la Rothenhäusler“ war dagegen ja geboten in seine Inszenierung „Re:search“. In „Melancholia“ kommt sein „Experimentierdrang“ nicht so zur Geltung. Gottseidank. Das Thema von „Melancholia“ ist auch an sich schon intensiv genug! Das auch noch mit Experimentiergedanken zu „Wort und Geste“ (oder ähnlich) zu verbinden, hätte wahrscheinlich völlig überfordert. Es hätte ein falsches Thema draufgesetzt.
  • „Melancholia“ ist aber gerade wegen der ausschließlichen Wortlastigkeit durchaus anstrengend. Ohne Video, ohne Musik, ohne Lichteffekte oder andere Effekte, ohne Brimborium. Wenigstens schlicht und nicht so bedrängend wie Ulrich Rasche (siehe meine wunderbaren Rasche-Besprechungen über das Suchfeld oben). Dennoch soll natürlich Atmosphäre rüberkommen. Gut, bei „Trüffel Trüffel Trüffel“ und “Re:search“ war die Atmosphäre aufgrund der Stücke nicht so wichtig. Bei „Melancholia“ ist sie dagegen durchaus wichtig, denke ich. Aber auch da verzichtet Rothenhäusler auf Andeutungen. SchauspielerInnen und Text. Das ist alles.
  • Die Atmosphäre konnte hier also nur über die SchauspielerInnen rüberkommen, durch ihre Mimik fast nur. Julia Riedler als Justine: Sie wirkte für mich fast etwas ZU depressiv, zu verzweifelt, letztlich ist sie es doch, die im Film Ruhe ausstrahlt, Ruhe vor dem Untergang. Thomas Hauser als der „glückliche Ehemann“, es geht hier ja um eine Hochzeit: Für mich war er sogar – obwohl eher eine kleinere Rolle innehat – am überzeugendsten. Eva Löbau als die Schwester Claire von Justine: Resolut, aber meines Erachtens wiederum ZU WENIG verstört und hilflos angesichts der drohenden Katastrophe. Sie hat eine unglaublich klare Bühnesprache. Majid Feddah der irgendwie „üble“ vermögende Ehemann von Claire: Auch diese Rolle kann er gut spielen! Gro Swantje Kohlhof als Sohn Leo lief etwas nebenbei.

Alles in allem haben mich die Interpretationen der Personen auf der Bühne etwas verwirrt. Die einzelnen Positionen der Personen und ihre Abgrenzungen voneinander gingen mir durch das ständige Weitererzählen der Story (oft auch von eher unwichtigen Einzelheiten) etwas verloren. Vor allem leider bei den beiden Hauptfiguren Justine und Claire.

Mein Eindruck ist auch: Man könnte sich vielleicht auch sagen, Justine denkt an den Tod, nicht an den Weltuntergang. Ein Stück um Leben und Tod wäre es dann. Wir alle haben ihn ja vor uns. Justine sieht deswegen die Sinnlosigkeit von allem. Das führt in der Tat leicht in die Depressivität. So können wir ja nicht leben! Das ist ja vielleicht auch das Thema von Melancholia: Wir haben ein Ende vor uns, können deswegen aber nicht in Trauer verfallen. Habe Spaß! Das hört man mehrfach. Die eigene Hochzeitsfeier ist so gesehen in „Melancholia“ das Extrembeispiel der Sinnlosigkeit! Justine geht ja auch gleich in der Hochzeitsnacht fremd.

Andere, ihre Schwester Claire vor allem, sehen dann auch mehr und mehr das drohende Ende. Sie sehen auch, dass sie das Ende ja nicht verhindern können. Sie gehen aber anders daran heran, „weltlicher“. Sie haben nicht die Ruhe, die Justine hat, die fast die Erlösung sieht. Justine sieht die Unausweichlichkeit. Claire dagegen wird nervös, hektisch, will etwas tun. Sie will hilflos irgendwohin fahren, wo man mehr weiß, sie möchte dann einen „schönen“ Abschied auf der Terrasse bei Rotwein und Gesang. Ihr Mann macht schon einmal Besorgungen für den „Notfall“, etc. Alles völlig hilflose Bemühungen angesichts des nahenden Endes.

Tja, wie wir eben bei alledem das Ende, diese verdammte Vergänglichkeit, nicht wahrhaben wollen. „Melancholia wird an der Erde vorbeiziehen, sagen die Wissenschaftler“, will der Schwager von Justness mehrfach beruhigen, bis er das Gegenteil erkennt. „Das wird das Schönste, was wir je erleben werden!“. Eben nicht!

Und: Es ist ganz anders, als das Stück „Drei Schwestern“ von Susanne Kennedy nach Anton Tschechow, das derzeit ebenfalls an den Kammerspielen gezeigt wird. Dort geht es um den Gedanken: Es gibt kein Ende, es wiederholt sich alles immer wieder, immer wieder. Es hört nicht auf. Es ist ein endloser Loop. Stell dir vor, du musst alles noch einmal leben, etc.

Ich finde, man sollte sich bei Melancholia beides ansehen, wenn man es noch nicht kennt, Film und Bühnenfassung!

©️ des Beitragsbildes: Armin Smailovic

THEATER: Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex

Das Buch hatte Furore gemacht. Es war in Frankreich und später auch in Deutschland ein großer Erfolg. Es gibt drei Bände dieses Werkes (insgesamt über 1200 Seiten), das als moderner Gesellschaftsroman unserer Zeit angesehen wird. Virginie Despentes ist 1969 in Nancy geboren, arbeitete in Massagesalons und Peep-Shows, bevor sie ihre literarischen Erfolge mit den wilden Werken hatte.

Man muss es nicht unbedingt als Roman über unsere Gesellschaft komplett ansehen, obwohl ja manch einer zu Virginie Despentes sagt, sie sei der „weiblicher Balzac des 21. Jahrhunderts“. Gut, es kommen im Roman jede Menge völlig unterschiedlicher Menschen als Querschnitt gewissermaßen zur Sprache. In http://www.perlentaucher.de (HIER) heißt es dagegen zum Beispiel in der Zusammenfassung einer Buchbesprechung (3. Band) mit interessantem kurzem Blick auf den Inhalt des Romans:


Anders als viele andere hält Rezensentin Iris Radisch Virginie Despentes nicht für einen „weiblichen Balzac des 21. Jahrhunderts“. Despentes Blick, erklärt Radisch, richte sich in ihren drei Büchern über den gealterten Punk-Häuptling Vernon Subutex nämlich nur auf einen bestimmten Teil der französischen Gesellschaft: die gescheiterten Utopisten und Idealisten der 70er, welche nun in Abbruchbuden oder unter freiem Himmel hausen und ihre Enttäuschung und ihren Zorn mit Erinnerungen an eine abenteuerreiche und glanzvolle Vergangenheit füttern, eine Zeit, in der die französische Subkultur noch Hoffnungen auf eine bessere Gesellschaft barg, in der es überhaupt noch so etwas wie Subkultur gab. Näher als der Vergleich mit Balzac liegt laut Radisch daher der mit Michel Houellebecq. Wie er „intoniere“ sie den „Untergang des Abendlandes“, allerdings weitaus mitfühlender als der Sozialpessimist Houellebecq. Rau und ruppig, und zwar sprachlich wie inhaltlich, geht es aber auch im 3. Teil des Subutex zu, meint die Kritikerin, die das Buch als Vorgeschichte zum Aufstand der Gelbwesten liest.

Ich werde das Buch noch lesen. Hier erst einmal zur Inszenierung von Stefan Pucher an den Münchner Kammerspielen:

Es wird nicht leicht sein, diesen dreiteiligen Roman auf eine fast dreistündige Inszenierung für das Theater „zusammenzudampfen“. Stefan Pucher ist es nicht gelungen! Man konnte einiges erwarten: Insgesamt 13 Mitglieder des Ensembles der Münchner Kammerspiele nahmen teil. Ich fand es schade, sie so zu sehen, in dieser Inszenierung! Sie haben allesamt mehr verdient. Gut, Jelena Kuliç steht als (weibliche Besetzung von) Vernon Subutex im Zentrum der Inszenierung. Es ist ja insgesamt eine Geschichte um ihn/sie herum. Vernon Subutex beobachtet alles. Die Höhepunkte dieses Abends sind auch ihre Gesangseinlagen. Davon hätte der Abend gut viel mehr vertragen. Jelena Kuliç hätte ohnehin vielleicht mehr im Mittelpunkt stehen können, war mein Gefühl. Ihr wäre es auch gegönnt gewesen. Sie schafft mit ihrer rauen Stimme doch oft ganz bestimmte Stimmungen und vielleicht hätten mehr Gesang von ihr und mehr Eindrücke von ihr für mehr Zeitgeist gesorgt, um den es ja im Roman geht. Vielleicht ist sie genau die richtige Besetzung für Vernon Subutex. So, wie in La Sonnambula, das ja sehr erfolgreich war. Und soviel ich höre, sind ohnehin im Roman viele Songtitel genannt. Vernon Subutex hatte ja im Roman einen Plattenladen, bevor er pleite ging.

Insgesamt war die Inszenierung halbherzig! Schon das langweilige Bühnenbild – ein dunkles Stufengerüst, auf dem sich alle tummeln und das ist die Bühne klein und eng wirken ließ. Dann das „Geschehen“ auf der Bühne: Die Schauspieler tummeln sich mehr und mehr auf dem Stufengerüst. Sie sitzen am Ende teils einfach herum, während einer/eine von ihnen spricht oder macht. Hier eine Aufnahme:

©️ Arno Declair

Es ist viel „Gerede“, nicht Schauspielerei. Aber das mag am Roman liegen. Jede Person – und es sind viele – hat ja auch im Roman ihren Teil beizutragen, hat eine eigene Einstellung zu den Dingen. Aber keine/r der Schauspieler/innen hatte – abgesehen ein wenig von Jelena Kuliç und ein wenig von Annette Paulmann – meines Erachtens Gelegenheit, zu glänzen. Und Sie können glänzen.

Noch dazu war das „Gerede“ des Abends teils ein sehr schnelles Gerede. Und noch dazu werden allerlei Themen angesprochen, Gott und die Welt. Es gab keinen Schwerpunkt. Ob das dem Zeitgeist entspricht, den Virginie Despentes in ihrem so gelobten Roman erfasst? Vielleicht ist es ja so, ich werde es lesen. Gelungen fand ich noch die Videoeinspielungen auf den Leinwänden, auch die Sequenzen in den Videos, in denen Abdoul Kader Traoré spricht.

Gut, ich werde das Buch lesen und mir die Inszenierung noch einmal ansehen. Abschließend werde ich dann genauer darüber schreiben können. Vielleicht relativiert sich dann mein schlechter Eindruck. Am ehesten gilt natürlich wieder: Selber ansehen!

©️ des Beitragsbildes: Arno Declair, Münchner Kammerspiele

THEATER: Wojtek Ziemilski – The Polaks explain the future

Ja klar, man will ja mal die Zukunft erklären. Das scheint ja nicht schwer zu sein, wenn man den Titel dieser Inszenierung liest. „Die Polaks erklären die Zukunft!!“ Wobei damit nicht die Polen insgesamt gemeint sind, sondern das Geschwisterpaar Jasmina und Piotr Polak. Sie traten auf im Rahmen des kurzen Festivals „Warsawa – Munich“, das in den vergangenen Tagen an den Münchner Kammerspielen stattfand.

Ich will ja im Blog über Dinge schreiben, die andere noch sehen können. Heute aber schreibe ich einmal – kurz – über Dinge, die in München nicht mehr laufen. Es war eben ein kurzes Festival.

Einen Blick über den Tellerrand gab es – polnische Theater- oder Performanceveranstaltungen. Den nötigen Blick über den Tellerrand hat ja auch Angela Merkel gerade auf der Münchner Sicherheitskonferenz angesprochen. Es interessierte mich also, zu sehen, ob man schon in Polen – wenige 100 km von uns entfernt – ganz anders denkt. Vom 14. – 17. Februar zeigten die Münchner Kammerspiele Inszenierungen der jüngeren polnischen Regiegeneration, die neue Wege zu finden versucht. Etwa „Fantasia“, eine Arbeit von Anna Karasinska:

©️ Hueckel Studio

HIER der Link zur Seite der Inszenierung. Eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Theaters. Irgendwie harmlos, aber interessant gemacht. Die sechs Schauspieler auf der Bühne wurden live immer wieder aufgefordert, sich kurzzeitig in eine bestimmte Rolle zu begeben. Kurz wurde Ihnen über Mikrofon zugerufen, in welche Person sie sich versetzen sollten, und sie haben dann irgendwie eine Haltung dazu eingenommen. Meistens haben sie nichts gespielt, sondern sind geblieben, wie sie sind. Etwa eine Aufforderung wie: „Spiele eine Person, die nicht auf der Bühne stehen möchte“ (so ähnlich). Meist folgte nur eine minimale Änderung ihres Minenspiels – wenn überhaupt. Es lag an der Vorstellungskraft der Zuschauer, die die Anweisungen gehört hatten.

Oder „Cezary Goes to War“ von Cezary Tomaszewski:

©️ Patrycja Mic

HIER auch der Link zur Inszenierung. Eine Auseinandersetzung mit dem Militärischen in Polen, aber auch – ich habe es nicht ganz verstanden – mit dem Kapitalismus. Anscheinend wurden Parallelen gesucht.

Und eben „The Polaks Explain The Future“ von Wojtek Ziemlski.

©️ Maurycy Stankiewicz

Das wiederum fand ich am interessantesten: Es war ein Dialog der Polak-Geschwister mit ihrer Mutter. Die Mutter sagt etwa in ihrer negativen Einstellung, was die Zukunft betrifft:

You know, I really can’t see anything good in the future

Die Geschwister verteidigen erst die Gegenwart – in der Hoffnung auf Besserung und mit verrückten Aussichten auf Möglichkeiten, die sich uns Menschen in der Zukunft auftun werden. Und mit der Vision, dass sich die Menschen gut verstehen werden. Dann wiederum verstehen sie aber doch die negative Sicht ihrer Mutter! Und am Ende sagen Sie:

​…  when you’re not afraid you can finally think of what to do next.

Da ist sicher etwas dran: Was hilft’s! Man muss wohl positiv denken, um die Dinge irgendwie voran zu bekommen. Angst hilft nicht weiter. Nicht den Kopf in den Sand stecken. Aber andererseits: Man muss die Dinge eben auch anpacken! Aber das war nicht das Thema der Inszenierung. Aber ich fand es schon interessant, dass offenbar junge Menschen in Polen im Grnde nicht anders denken dürften, als junge Menschen in Deutschland etwa.

HIER der Link zu den Seiten der Kammerspiele zur Inszenierung.

Insgesamt waren es auffallend schlicht gehaltene Inszenierungen. Man müsste ein solches Festival mit Produktionen aus ganz Europa bringen! So etwas wie ein Theatertreffen für Europa! Übersetzungsmöglichkeiten – auch simultan – wird es heute ja geben. Das Theatertreffen in Berlin etwa immer nur auf Deutschland und deutschsprachige Bühnen zu beziehen, ist ja demgegenüber geradezu nationalistisch. Und genau das muss ja nicht sein. Wo ist der europäische Kulturaustausch?

©️ des Beitragsbildes: Maurycy Stankiewicz

THEATER: Herbert Achternbusch – Susn

Niederbayern. Das flache, weite Land – das einfache Leben – Bauernfamilien – kein Schickimicki – die Kirche – jeder kennt jeden – nichts verändert sich … Ein Klischee in den Augen eines Städters? Nun, ich denke, früher war es noch deutlicher so, wahrscheinlich aber ist es immer noch so. Sicher ist es auch in anderen Gegenden Deutschlands so. Und wie kommt man da raus, wenn man da rauskommen will? Heutzutage wird es einfacher sein, dort rauszukommen. Man ist mobil in seinem Leben.

Man kommt heute generell viel schneller aus seinem ganzen Leben heraus! Aus seinem ganzen Leben. Andererseits klebt man eben doch immer an irgendetwas fest. Etwa symbolisch – wie Susn – an Niederbayern und damit doch an einem der Ursprünge der ganzen Entwicklung ihres Lebens.

Darum geht es ja. Herbert Achternbusch hat das Theaterstück „Susn“ schon 1980 geschrieben, vor fast vierzig Jahren! Das Stück wird jetzt schon seit mehreren Jahren in unregelmäßigen Abständen an den Münchner Kammerspielen in einer Inszenierung von Thomas Ostermeier gezeigt.

Herbert Achternbusch war damals 42 Jahre alt. 1980, das war natürlich noch eine andere Zeit. Es geht um das niederbayerische Mädchen „Susn“, Susanne. Es geht also eigentlich darum, wie Susn aus ihrem Leben (nicht) heraus kommt, nicht etwa nur darum, wie sie „örtlich“ aus Niederbayern herauskommt. Sie strengt sich an – will aus der Kirche austreten – studiert (vielleicht in München) – stellt in Studienzeiten alles mögliche infrage – verzweifelt dann mehr und mehr an ihrem faden Eheleben angesichts ihres Ehemannes, der sich nicht um sie schert – und stirbt schließlich. Sie bleibt immer die Niederbayerin, die rückblickend mit ihrem Leben nicht unbedingt glücklich sein konnte. Und am Anfang und am Ende spielen die Kirche und der Glaube eine gewisse Rolle. Immer wieder die Kirche. Auch das hat sich vielleicht bis heute etwas verändert. Am Anfang in der Beichte, wo sie dem Pfarrer wirre Jugenderfahrungen erzählt, und am Ende, wenn sie sagt, ihr höre eigentlich nur der Herrgott zu, wer denn sonst? Andererseits nimmt sie die Kirche am Ende irgendwie nicht mehr so ernst, so klingt es jedenfalls.

Es ist ein grandioser Abend für Brigitte Hobmeier und Edmund Telgenkemper mit fast so etwas wie Kultstatus. Nicht inhaltlich, aber irgendwie bezüglich der ganzen Darbietung. Edmund Telgenkemper verfolgt zwar fast durchgehend wortlos (als Pfarrer und später als der Lebensgefährte von Susn), wie Brigitte Hobmeier mehr oder weniger Monologe hält. Aber es sind beide, die die Stimmung des Abends erzeugen. Neben der großflächigen, meterbreiten schwarz-weißen, stummen Videoaufnahme an der Rückseite der Bühne, wo man ganz langsame Sequenzen aus Niederbayern betrachten kann – eine Straße, ein Bauernhof. Und neben dem leichten Leberkäsgeruch im Theater – da Brigitte Hobmeier vor Beginn des Stückes warmen Leberkäs an das Publikum verteilt. Und neben dem einfachen Setting insgesamt. Susn trägt – wie in Achternbuschs Text – weiße Kniestrümpfe und einen weißen kurzen Rock, auch das schon.

Und beide, Brigitte Hobmeier und Edmund Telgenkemper, legen im Grunde immer wieder ihre Hilflosigkeit an den Tag. Brigitte Hobmeier zeigt als Susn diese Hilflosigkeit vor ihrem gesamten Leben. Edmund Telgenkemper zeigt sie irgendwie als zuhörender Pfarrer, der die Beichte der jungen Susn entgegennimmt, und später als der Ehemann von Susn, der hilflos nur noch seine eigene Schreiberei kennt.

Grandios ist, wie Brigitte Hobmeier Susn spielt. Sie spielt Susn schließlich in vier extrem unterschiedlichen Lebensabschnitten. Als 17-Jährige, als Studentin, als Ehefrau, als alte Frau. Es ist erstaunlich, wie gut sich Brigitte Hobmeier in diese vier verschiedenen Altersphasen hineinversetzt. Das ist der Genuss, den man aus diesem Abend ziehen kann. Besonders vielleicht auch deswegen, weil das Stück an der kleinste der drei Bühnen der Münchner Kammerspiele, der Kammer 3, gebracht wird. Man ist dem Stück damit einfach viel näher. Und weil die Bühne so kahl ist. Ein Tisch für Edmund Telgenkemper und ein Schminktisch für Brigitte Hobmeier. Das war’s dann fast. Es hat fast Werkstattcharakter.

Ansonsten merkt man: Diese Verwurzelung mit Niederbayern ist besonders, und sie war in den achtziger Jahren vielleicht noch deutlicher, als heute. Wahrscheinlich auch für Herbert Achternbusch. Und im Grunde zeigt sich darüber hinaus: Die Verwurzelung mit dem eigenen Leben ist eben immer immens. Niederbayern und das Leben. Aber es muss ja Gottseidank nicht immer so trist enden, wie an diesem Abend.

©️ des Beitragsbildes: Arno Declair, Münchner Kammerspiele

Vielen Dank dem Theater Verlag/Suhrkamp für den Text des Theaterstücks „Susn“ von Herbert Achternbusch!

THEATER: Miranda July – Der erste fiese Typ

Ich hatte es schon längst gesehen, jetzt noch einmal. Es ist einfach ein schönes Stück an den Münchner Kammerspielen. Eine Inszenierung von Christopher Rüping, dessen 10-Stunden-Antikenabend „Dionysos Stadt“ gerade zum Berliner Theatertreffen 2019 im Mai eingeladen wurde. Das Stück „Der erste fiese Typ“ gibt es noch zu sehen.

Auch übrigens den sehenswerten Marathon „Dionysos Stadt“ (je an einem Wochenende pro Monat). Zu meiner damaligen Besprechung von „Der erste fiese Typ“ geht es HIER. Deshalb hier nur kurz.

Getragen wird das Stück schlicht von den beiden Schauspielerinnen Maja Beckmann und Anna Drexler. Es ist ein Theaterabend für die beiden. Sie werden musikalisch begleitet von Brandy Butler. Es geht um Cheryl (Maja Beckmann) , ça. 45 Jahre alt, die die junge, wilde Clee (Anna Drexler), Tochter von Cheryls Chefin, vorübergehend in ihre (ordentliche) Wohnung aufnimmt. Clee hat ein völlig anderes Lebensverständnis. Völlig ungehemmt, ohne viel Respekt, einfach drauf los. Cheryl dagegen ist eine sehr vorsichtige, zweifelnde Person, die eigentlich gar nicht aus ihrer Haut heraus kann. Da prallt einiges aufeinander.

Man sieht in diesem amüsanten und schön gemachten Stück, wie Cheryl nach größten Schwierigkeiten doch mehr und mehr Verständnis für Clee und auch Liebe für sie entwickelt. Liebe, die letztlich dadurch entsteht, dass Clee schwanger wird und ein Kind bekommt, um das sich letztlich zunächst Cheryl kümmert. Clee nennt das Kind – das sie ohnehin zur Adoption freigeben möchte – ganz einfallsreich Jack.

Und am Ende bekommt man noch ein schönes Lebensgefühl mit auf den Weg. Wir gehen alle unseren Weg, alles ist nicht so ernst, jeder ist anders. Ständig prallen Welten aufeinander, sie können zusammen finden. Ein positives Stück. Und Maja Beckmann und Anna Drexler: Top, sie spielen es herrlich in ihrer Unterschiedlichkeit.

Zur Onlineseite des Stückes mit Trailer geht es HIER.

©️ des Beitragsbildes: David Baltzer

THEATER: Leonie Böhm – Yung Faust nach Johann Wolfgang von Goethe

Yes – ja, wir altern jeden Tag. Und irgendwann merken wir, dass wir nicht mehr jung sind. Schade! Das kommt auch bei Leonie Böhms „Yung Faust“ in den Kammerspielen zum Ausdruck. Es hatte vor wenigen Tagen Premiere in der Kammer 2.

Fausts Wunsch „Augenblick, verweile …“ und Fausts Suche nach der Liebe, die ihm das Leben näher bringen soll, wird in diesem Stück von Leonie Böhm aufgegriffen. Neben den beiden jungen Personen, den SchauspielerInnen Benjamin Radjaipour und Julia Riedler spielt Annette Paulmann, die ja eine Generation älter ist. Man lehnt sich an Goethes „Faust“ (Teil I) an, im Hintergrund schwingt die Geschichte mit, jeder spielt aber jeden. Immer auch mit einer gehörigen Portion erotischer Anziehung gegenüber dem anderen. Annette Paulmann geht dabei anders an das Thema heran: „Weißt du überhaupt, was Liebe ist?“ fragt sie etwa einmal altersweise Julia Riedler. Sie ist nicht alt, aber sie hat Erfahrung. Sie sieht die Dinge eben schon anders.

Und immer dieser Gram, den sie mit sich herum trage, weint sie dann einmal verzweifelt. Morgens Gram – abends Gram. Der Gram über das Leben. Die Last des Lebens. Das ist ja sehr ehrlich – je älter man wird … Ich merke es ja selber. Sie spürt den Gram, die anderen beiden wollen davon nichts wissen. Wann gebe es schon einen einzigen Tag, sagt Annette Paulmann, an dem auch nur einer ihrer Wünsche wirklich in Erfüllung geht! Das Leben ist kein Wunschkonzert, kann man da nur sagen. Auch wenn Faust es gerne gehabt hätte, mit seinem Pakt mit Mephisto, um das Leben wirklich zu verstehen. Und mittendrin bricht Annette Paulmann ihr Stage Diving (Schlittern über die nasse Bühne) ab und sagt nachdenklich: „Ich bin zu alt!

Vor allem die beiden jungen Schauspielerinnen Benjamin Radjaipour und Julia Riedler – beide 1990 geboren – suchen das „Wunschkonzert“. Yung Faust spielt ja auf “Jung“ an. „Yung“ wird in der Sprache des Hip Hop verwendet für jung, neu etc. Die beiden „jungen“ bringen Hip-Hop Bewegungen, auch wenn es um das Hexeneinmaleins geht, sie mischen sich – auch das faustähnlich – unter das Publikum, nehmen Kontakt auf. Sie wollen genießen, sie wollen die Liebe finden und sie versuchen sogar, Annette Paulmann, die „Bedenkenträgerin“, mitzureißen. Yung steht für ein ziemlich verwegenes Leben. Auf den Filmfestspielen 2018 in München gab es einen Film über verwegenes Leben junger Mädchen mit dem Titel „Yung“. Yung – ein Lebensgefühl. HIER ein paar Worte zum Film. Und HIER ein Trailer. Den muss man sich, glaube ich, anschauen, wenn man wissen will, was „Yung“ bedeutet.

Das Ganze wird spielerisch locker geboten. Es ist eine Spielerei mit Johann Wolfgang von Goethes „Faust“, Teil I, diesem Monumentalwerk der deutschen Literatur. Kein „Goethe-Abend“. Es gibt ja nicht mal ein Bühnenbild (es stehen irgendwo ein paar abstrakte Gegenstände auf der Bühne herum). Es ist eher ein Abend zu Beobachtung der drei SchauspielerInnen. Annette Paulmann und Julia Riedler sind wieder einmal gewohnt gut, besonders fällt aber – auch „wieder einmal“ – finde ich, Benjamin Radjaipour auf. Ein Schauspieler, bei dem man gar nicht merkt, dass ein Schauspieler spielt. Nicht nur durch seinen Gesang fällt er auf – dadurch aber auch.

Es ist also eine Spielerei mit Goethes altem Text, ein Versuch, ihn mit jungen Augen zu verstehen. Auch ein Versuch kann ja anregend sein. Es kann Augen öffnen. Mir ist nur aufgefallen, dass man die Suche nach dem Glück heute irgendwie schon anders sieht. Auch Faust ist eben in die Jahre gekommen. Es geht jungen Menschen heute vielleicht schneller um die Welt insgesamt oder so. Oder ist das nur die Sichtweise meines Alters? Ich bin eben nicht mehr yung.

HIER der link zur Seite der Produktion im Onlineauftritt der Münchner Kammerspiele. Mit den nächsten Terminen.

©️ des Beitragsbildes: Julian Baumann, Münchner Kammerspiele

THEATER: Olga Bach – Doktor Alici

Doktor Alici von Olga Bach an den Münchner Kammerspielen. Eine Inszenierung von Ersan Mondtag, der aber – nicht zum ersten Mal – sicherlich in enger Abstimmung mit Olga Bach daran gearbeitet hat. Wer die Neigung hat, etwas politisch um ein paar Jahre Weitergedachtes sehen zu wollen – ausgehend von den heutigen Verhältnissen nicht nur in Bayern – kann sich dieses insoweit „realistische“ Stück gut ansehen. Auch wenn irgendetwas fehlte (siehe unten). Es soll das Jahr 2023 sein, also gar nicht soweit weg.

Kritisches Volkstheater könnte man auch sagen. Und dann: Man stellt sich dann die Frage, ob das, was wir derzeit in der Realität erleben (darauf baut das Stück ja auf), hier mit allzu viel Fantasie weitergedacht wurde oder ob nicht das, was im Stück fantasievoll gezeigt wird, nicht doch schon irgendwie im Heute fast festgezurrt ist. Aber das haben ja schleichende Veränderungen so an sich. Schleichende Veränderungen, die man hinnimmt und die dann irgendwann aufbrechen. Darauf zielt ja der Abend. Das ist ja der Unterschied: Bei vielen Theaterstücken kann man sich danach überlegen: Spielt das in unserem Leben eine Rolle? An diesem Abend dagegen war es anders: Der Abend ging ganz klar davon aus, dass die Thematik in unserem Leben – jedenfalls hier in Bayern – eine Rolle spielt. Sonst hätte der Abend keinen Sinn gemacht. Und gerade die Bayern nehmen ja gerne die Dinge so hin, wie sie sind. „Mia san mia!“.

Thema war das PAG, das Bayerische Gemüt, die Einstellung zu Muslimen. Und zwar war die tatsächliche Situation von Olga Bach andersherum weitergedacht: Die CSU hat ja bekanntermaßen in Bayern das PAG installiert. Die Polizeipräsidentin, die im Stück von den sogenannten „Ökologen“ eingesetzt wurde, hat das PAG dann eben vor der Landtagswahl ganz gesetzestreu gegen eine angeblich rechte Gruppierung eingesetzt. Soweit, so gut. Der CSUler in der Inszenierung, ein Sicherheitspolitiker, und andere eher „rechte“ Vertreter wollen es ihr zwar ausreden, sie bleibt aber hart. Das wiederum treibt den Unmut der CSU hoch und höher. Die CSU hat doch das PAG wegen drohender muslimischer Gefahren installiert! Und so weiter…

Nach dem Theaterabend sagte mir jemand sinngemäß: Naja, im Publikum der Münchner Kammerspiele sitzen ja schon eher die kritischen und aufgeschlossenen Geister. Das Stück war aber eher an Menschen gerichtet, die die Entwicklung nicht so kritisch sehen! Nicht erkennen! Ja, das Stück hätte im Residenztheater etwa sicherlich einen anderen Resonanzboden vorgefunden.

Zum Stück und der Inszenierung und zu meinen Eindrücken Folgendes:

Zum Stück: Olga Bachs „Doktor Alici“ ist entfernt angelehnt an „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler. Auch dort sind es schleichende Veränderungen: Dort kommt ein jüdischer Arzt mehr und mehr in Schwierigkeiten, nachdem er aus persönlicher und professioneller Sicht eine medizinische Entscheidungen getroffen hatte, die die Gemüter der Nazis störte und zunehmend Judenhass gegen ihn aufkommen ließ.

Zur Inszenierung: Gut gespielt wird Dr. Alici allemal wieder. Das Ensemble der Münchner Kammerspiele kann immer durch die Bank überzeugen. Das Bühnenbild und die Kostümierung (Bühne von Nina Peller und Kostümierung von Teresa Vergho) lassen einen allerdings staunen. Es wirkt alles wie in einem verrückten Traum. Zur Kostümierung siehe allein oben das Bild. Also wirkt doch alles recht entrückt, nicht realistisch? Obwohl das Thema so realistisch ist! Das obige Beitragsbild gefällt mir übrigens schon deswegen, da es schön die Situation des Stückes zeigt: Der seit Jahrzehnten bekannte klassische Bühnenvorhang und davor die abstrus wirkende Gruppe der Schauspieler.

Auch der fast permanent auf die Bühne niederprasselnde Regen und die immer wieder zu hörenden Donner und die aufflackernden Blitze verursachen eine träumerische, aber auch desolate Atmosphäre. „Scheißregen“ sagen einzelne SchauspielerInnen mehrfach. Die SchauspielerInnen laufen meist mit aufgespannten Schirmen herum.

Das Ensemble ist diesmal übrigens ergänzt durch Hürdem Riethmüller (Münchnerin mit türkischen Eltern), die die zentrale Rolle einer lesbischen und muslimischen bayerischen Polizeipräsidentin (!) spielt, und durch den rührend gut spielenden Michael Gempart.

Mein Eindruck: Mir wurde das Thema etwas zu direkt angegangen. Fast schulmäßig, wie in einem Aufsatz. Aber auch das kann ruhig einmal im Theater stattfinden! Besser vielleicht als zum zehnten Mal William Shakespeare sehen und sich dann wieder denken: „Ois is wias is!“.

Wie mit dem Holzhammer wurde aber quasi auf die Zuschauer eingeschlagen. Schöne Momente waren aber zu finden: Allein die Talkshow mit den Protagonisten und die Aussagen der Beteiligten! Siehe das Beitragsbild oben.

Insgesamt etwas kompliziert gedacht. Das ist leider das Gefühl, das an diesem Abend auch etwas hängen blieb. Es wirkte etwas kompliziert und damit nicht so ganz einschlagend. Vielleicht fehlte es, dass man sich speziell an einer der beteiligten Personen, besonders an der Polizeipräsidentin, emotional mehr hätte orientieren können. Das würde auch Arthur Schnitzler und seiner recht psychologischen Herangehensweise entsprechen. Irgendetwas fehlte vielleicht. Eine Abrundung oder Zuspitzung, an der man sich orientieren würde. Aber das ist natürlich leichter gesagt, als getan. Letztlich bleibt die Polizeipräsidentin jedenfalls „im Regen stehen“ – oder liegen, allein auf der klatschnassen Bühne.

©️ des Beitragsbildes: Armin Smailovic, Münchner Kammerspiele

Kategorien
Allgemein

THEATER: Macbeth-Trilogie, Teil IV

Vorweg etwas: Es kommt mir schon ganz komisch vor, dass ich derzeit so viele Posts bringen. Es liegt einfach daran, dass ich – anstatt abends den Fernsehknopf zu drücken – 200 m weiter zu den Kammerspielen, 500 m zum Residenztheater oder mit dem Fahrrad ein Stückchen fahre, um mir ein Theaterstück anzusehen. Oder etwas lese oder so. Ein Blog treibt einen ja auch dazu, die Dinge weiterzuverfolgen. Und wenn ich schreibe, schreibe ich recht schnell. Also keine Angst.

Anfang Dezember hatte ich an den Münchner Kammerspielen schon einmal „Macbeth“ angesehen. HIER mein damaliger kurzer Bericht. Ich hatte damals angekündigt, noch einmal darauf zurückzukommen im Rahmen meiner großen Shakespeare-Tour. Ich habe jetzt in letzter Zeit also gesehen: „Macbeth“ von Heiner Müller am Berliner Ensemble, „Macbeth“ von William Shakespeare am Münchner Residenztheater, jetzt noch einmal „Macbeth“ von Amir Reza Koohestani an den Münchner Kammerspielen und kürzlich „Richard III.“ von William Shakespeare auch am Münchner Residenztheater (auch darüber schreibe ich bei Gelegenheit noch). Zusätzlich hatte ich das Buch „Der Tyrann“ vom großen Shakespeare-Kenner Stephen Greenblatt gelesen, in dem es um die Tyrannengestalten in Shakespeare‘s Dramen geht.

Nun also abschließend zu „Macbeth“ NACH William Shakespeare VON Amir Reza Koohestani an den Münchner Kammerspielen:

Amir Reza Koohestani ist Iraner. Man stelle sich nur vor, ein deutscher Regisseur würde sich einen persischen Klassiker vornehmen und dem persischen Publikum präsentieren. Genau so ist es doch wohl, wenn sich Amir Reza Koohestani dieses europäischen Klassikers von William Shakespeare annimmt. Zwei Welten prallen aufeinander. Diesen Abend nur „Macbeth“ zu nennen, täuscht dann natürlich. Es greift an sich zu kurz. Treffender wäre es – von der ganzen Inszenierung her – sicher gewesen, diesen Abend etwa „Macbeth iranisch/deutsch“ zu nennen. Das ist es ja, was man an diesem Abend sieht: Die Konfrontation des europäischen „Klassikers“ mit dem Versuch, ihn aus persischen Augen zu verstehen. Das ist das Thema des Abends.

Amir Reza Koohestani zieht „Macbeth“ deshalb an diesem Abend zunächst einmal auf eine Metaebene: Er zeigt, wie ein Regisseur, gespielt von Christian Löber (siehe das Foto oben), die Aufführung von Macbeth in letzten Zügen mit einigen Schauspielern vorbereitet. Die von ihm vorgesehene Schauspielerin für Macbeth‘s Ehefrau, Lady Macbeth, fällt kurz von der Premiere aus. Der Regisseur, der auch den Macbeth spielen würde, setzt kurzfristig seine persische Frau für diese Rolle ein, die von der persischen Schauspielerin, Journalistin, Regisseurin, Schriftstellerin Mahin Sadri gespielt wird. Und so beginnen die Probleme. Sie tastet sich natürlich an Shakespeare so heran, dass sie den Text erst einmal auf Farsi liest und spricht. Wie soll sie ihn sonst verstehen. Christian Löber als Regisseur hat schon damit seine Probleme. Aber auch später, wenn Mahin Sadri den Text spricht, hat er damit Probleme. Sie betone falsch.

Aber es kommen noch weitere Ebenen hinzu. Es ist eine kluge, und insgesamt nicht leicht zu verstehende Inszenierung. Man muss Shakespeare‘s Macbeth gut kennen, nur Stück für Stück wird die Geschichte in bestimmten Einzelheiten weiter erzählt. Im Grunde kommt hinzu, dass auch der Regisseur und Protagonist seines eigenen Stückes „Macbeth“, wie gesagt gespielt von Christian Löber, immer mehr Unverständnis für Shakespeare’s „Macbeth“ zeigt. Er wird völlig verwirrt. Andererseits geht er in seinem Projekt „Macbeth“ auf und hat ständig einzelne Szenen vor Augen. Er schaut in den Spiegel und sieht Macbeth!

Und es kommt hinzu, dass sich auch für ihn die Ebenen – das Private und seine künstlerische Tätigkeit – immer mehr verweben. So wird er einmal von seiner Frau gefragt: „Bist du ein Mann?“ Die Frau meint es als Textstelle von Shakespeare, gesprochen von Lady Macbeth. Der Mann fasst es als private Äußerung auf und reagiert etwas angesäuert zurück. Oder er redet anfangs mit einem Schauspielerkollegen – Stefan Merki – auf dem Pissoir über das Verhältnis von Macbeth zu seinem Freund Banquo, den er schließlich umbringen wird. „Was würdest Du denn machen, Dein bester Freund!“ fragt der Kollege und bedrängt Christian Löber geradezu. Oder er wird einmal fast neben der Bühne, glaube ich verstanden zu haben, ans Telefon gerufen mit dem Hinweis, Macbeth sei am Apparat. Und alles ist ja immer der Versuch des Iraners Amir Reza Koohestani, Shakespeare’s „Macbeth“ zu verstehen.

Die Inszenierung ist klug, teilweise humorvoll, teilweise ernst. Übrigens schön begleitet von dem starken, lauten Gesang einiger Shakespeareworte durch die polnische Musikerin Polly Lapkovskaja. Es zeigen sich insgesamt die immensen Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn ein iranischer Regisseur einen europäischen Klassiker auf die Bühne bringen will. Wie gesagt: Wie wäre es umgekehrt? Man könnte nur Fettnäpfchen erwischen! Aber es lohnt sich doch, sich mit fremden Klassikern – aus iranischer Sicht – auseinanderzusetzen. Auch wenn man an diesem Abend das Theater verlässt und sich sagen kann: Shakespeare verwirrt alle! Und alle scheitern irgendwie an Shakespeare‘s Macbeth.

Was ich übrigens dementsprechend davon halte, Shakespeare immer weiter als europäischen „Klassiker“ zu verstehen, werde ich noch etwas deutlicher, glaube ich, schreiben, wenn ich über „Richard III.“ schreibe.

©️ des Beitragsbildes: Thomas Aurin, Münchner Kammerspiele

THEATER: Milo Rau – Lam Gods

Naja, ich laufe nicht nur fröhlich durch die Welt, denke ich mir manchmal. So antworte ich auch manchmal, wenn ich gefragt werde, wie es mir geht. Das ist doch ein bisschen ehrlicher, als immer mit „gut!“ zu antworten, denke ich. Mir fallen immer wieder Dinge auf, an denen ich mich reibe. Aber mit positiver Grundstimmung! Auch politisch. Daher finde ich Theater ja so gut, wenn es an unseren Ansichten rüttelt.

Am  belgischen Nationaltheater, dem NT Gent, bringt etwa der junge Milo Rau, einer der aufregendsten Regisseure unserer Zeit, zurzeit das Stück „Lam Gods“. Ich hatte schon mehrfach über Milo Rau geschrieben. HIER etwa. Das Stück Lam Gods ist das erste Stück von Milo Rau am NT Gent, an dem er jetzt Intendant ist.  Es geht zurück auf einen weltberühmten Altar In der Genter St.-Bavo-Kathedrale. HIER die Seite zum Stück auf der Website des NT Gent.

Und HIER eine Kritik zum Stück von Christine Dössel, um die geht es mir.

Es scheint wieder ein sehr beeindruckendes Stück zu sein! Milo Rau hat ja ein Manifest zum „Stadttheater der Zukunft“ geschrieben, will das Theater mehr in die Realität holen. Gleichlautend zur hier verlinkten Kritik von Christine Dössel erschien ihre Kritik in München in der Süddeutschen Zeitung. Da hatte ich sie kürzlich gelesen.

Warum ich es jetzt hier bringe? Naja, nicht gerade Begeisterung über die Süddeutsche Zeitung ist es! Ich reibe mich wieder! Aber nicht wund reiben! Das würde meine kleine Meinung nur überbetonen! Christine Dössel ist seit Jahren Theaterkritikerin bei der Süddeutschen Zeitung. Sie schreibt interessante Kritiken. In München hat sie aber nicht unerheblich dazu beigetragen, dass man den Münchner Kammerspielen vorwarf, sie seien in eine „Krise“ geraten. Christine Dössel  argumentierte immer, „Sprechtheater“ alter Schule sei an den Münchner Kammerspielen nicht mehr vertreten und das Ensemble werde nicht ausreichend eingesetzt. Und die Münchner glauben ja an ihre „Süddeutsche“ wie an eine Institution.

Und nun ihre Begeisterung für Milo Raus Stück in der obigen Kritik aus Belgien! Beides –  die Begeisterung über das Stück im NT Gent und ihre standhafte Kritik in München – passt m. E. nicht gut zusammen. Da wird mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen!

Milo Rau setzt neben zwei Ensemblemitgliedern viele, viele Laienschauspieler ein. Das wird er, wie ich ihn kenne, künftig auch in seinen weiteren Stücken tun.

Da Christine Dössel mit ihrer Stimmungsmache gegen die Münchner Kammerspiele mit dazu beitrug, dass die Münchner Theaterfreunde immer unsicherer und unoffener auf die Kammerspiele blickten, habe ich einen – natürlich kurz gehaltenen –  Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung geschrieben.

Ich finde ohnehin, dass Journalisten doch sehr wenig der Kritik ausgesetzt sind. Sie arbeiten im Grunde irrsinnig kritiklos! Ob das so gut ist! Es gibt ja auch hervorragende  Journalisten,  keine Frage! Auch in der Politik ist es aber meines Erachtens auch einmal eine Frage wert, ob nicht die Medien zur Politikverdrossenheit beitragen! Wenn man viele der Fernsehdiskussionen sieht. Dort wird nicht gerade eine sorgfältige Diskussionskultur gepflegt! Und das wäre doch auch Aufgabe der Journalisten.

Mein kurzer Leserbrief an die SZ also: Er wurde meines Wissens natürlich nicht abgedruckt. Enthält offenbar zuviel Kritik an der Zeitung, nur Kritik an der Sache wird wohl abgedruckt. Daher bringe ich ihn einfach hier, er soll ruhig gelesen werden. Ich habe ihn jetzt fast schon vorweggenommen. Ich hatte geschrieben:

„Grandios gelungen“, „genial ausgeklügelt“ und „theatrales Kunstwerk“ nennt Christine Dössel die erste Arbeit von Milo Rau am belgischen Nationaltheater Gent, dem NT Gent, „Genter Altar“ oder „Lam Gods“. Man bekommt Lust hinzufahren. Aber eine Ensemblearbeit ist diese Arbeit nicht! Genau das aber hat Christine Dössel doch oft genug in den letzten Jahren an den Münchner Kammerspielen kritisiert. Milo Rau setzt (zur Begeisterung von Christine Dössel) ein: Kinder, einen Theatermitarbeiter, einen Bauern, eine todkranke Frau, einen afghanischen Flüchtling, ein gecastetes Genter Ehepaar, eine Genter Mutter, Tiere, eine Theaterputzfrau und und! In München hieß es dagegen „Krise der Münchner Kammerspiele“, weil drei SchauspielerInnen das Theater gewechselt hatten! Bis die CSU dieser recht banalen Stimmung folgte. Wird da nicht mit zweierlei Maß gemessen? Kann man das dem Leser und vor allem dem Münchner Theatergänger guten Gewissens verkaufen? Mit spürbarem Wohlwollen schreibt Christine Dössel etwa auch über das NTGent unter Milo Rau, 41 Gastspiele seien in der jetzigen Spielzeit geplant! Ob das genug Sprechtheater wird? (Nachtrag: Und ob das viel für das Ensemble des NT Gent bringt?) Es wird mit zweierlei Maß gemessen, ohne dass man erkennen könnte, warum. Das ist nicht schön.
Und  HIER abschließend noch ein Link: der Link zu nachtkritik.de und dem Manifest „Stadttheater der Zukunft“ von Milo Rau und anderen. Am Ende der langen Vorbemerkung ist das Manifest abgedruckt.

©️ des Beitragsbildes: Michiel Devijver

 

THEATER: Trajal Harrell – Morning in Byzantium

Was könnte sie von dem Abend halten? Was könnte sie mitnehmen? Zum Beispiel die  alleinstehende Mutter, geschieden, ein Kind im Haushalt, sie arbeitet täglich an der Kasse im Supermarkt, ihre Mutter ist krank, ihr selber geht es vielleicht momentan auch nicht besonders gut, die schlechte Luft den ganzen Tag, der Junge ist schlecht in der Schule, schafft er die sechste Klasse? Vielleicht gibt es noch finanzielle Probleme, das Geld ist auf jeden Fall knapp, die Spülmaschine ist defekt. So ist das Leben! Genau so! So ist der Alltag! Es  könnte sein, dassl sie sagt: „Naja, der Abend von Trajal Harrell an den Münchner Kammerspielen“ – hinten in der schönen Kammer 2 – „ist eine andere Welt, die Welt, die nicht realistisch ist. Fast elitär, schöngeistig, sensibel, ästhetisch, abgehoben, das hilft mir nicht!“ Das  könnte sie sagen! Und irgendwie hätte sie jedenfalls zum großen Teil auch recht!  Ihr Alltag ist einfach anders!

Sie wird diesen Abend wahrscheinlich auch nicht sehen. Schade, obwohl er doch vielleicht auch für sie irgendwie schön wäre! Es geht ja allgemein um das Leben!  Und das hat sie ja auch an der Backe! Vielleicht könnte sie doch etwas mitnehmen.  Nur ein Gefühl. Sie muss sich vielleicht nicht unbedingt Trojas Geschichte (dazu komme ich aber in Kürze, am Wochenende schaue ich mir in den Kammerspielen – noch einmal – die 10 Stunden „Dionysos Stadt“ an) oder Shakespeare antun. Der Abend von Trajal Harrell hätte sie aber vielleicht irgendwie beeinflusst!

Es ist ein Abend allgemein über das Leben! Es wird keine Geschichte erzählt. Der Gärtner, der eine Rose und das Leben betrachtet. Mehr nicht. Er sieht alles um die Rose herum! Oder in der Rose drin! Man sieht keine Rose, aber man liest vom Gärtner und der Rose. Das Schöne, das Hässliche, das Langsame und Grazile, das Wankende, das Kranke, das Entstellte, das Gemeinsame, das Abgeschiedene, er sieht es alles. Manchmal wird er mitgerissen, manchmal nicht. Manchmal tanzt er, manchmal nicht. Es könnte auch ein sehr persönlicher Abend von Trajal Harell sein. Zart und sensibel schreiten die mitwirkenden Schauspieler (Irae Diessa, Marie Goyette, Trajal Harrell, Thomas Hauser, Walter Hess, Max Krause, Jelena Kuljić, Stefan Merki, Songhay Toldon, Ondrej Vidla) bedächtig und eingehüllt meist in wunderschöne Tücher auf Zehenspitzen über die Bühne.  Zart und ruhig wird auch das Entstellte dargestellt.

Begleitet meist von ruhigen Pianotönen. Schon das ist eine sehr eigene Herangehensweise.  Jeder, der geht und sich bewegt, wirkt dadurch leicht, verletzlich, sensibel, schön. Der Gärtner könnte aber sagen: Bei aller Schönheit ist auch alles schrecklich! Nur was soll er machen? Es gibt eine positive Antwort, sie zeigt sich am Ende, meint man. Dazu ändert sich die Musik auch deutlich! Und vielleicht könnte auch die alleinstehende Mutter immer wieder einmal  – für Sekunden – eine positive Antwort finden! Eine Antwort, die nicht im zweifelnden (verzweifelnden) Zurückschauen besteht, wie bei Orpheus und Eurydike. Orpheus hat Zweifel, ob ihm seine geliebte Eurydike folgt. Es dreht sich um und die Zweifel rauben ihm alles!  Es geht an diesem Abend vielleicht auch darum, dass man im Lauf des Lebens doch merkt, dass alles irgendwann zu Ende sein kann. Wie soll man da reagieren? Zurückschauen? Im Begleittext heißt es: „… für den Protagonisten (Anm.: Walter Hess) des Abends, der bereits so viel erfahren und gesehen hat und nun lustvoll den dritten Frühling seines Lebens beginnt. Vorstellung, Wirklichkeit, Erinnerung.„ Also Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit.

Die alleinstehende Mutter müsste sich allerdings sehr von ihrem Alltag lösen, an dem sie vielleicht immer wieder einmal verzweifelt, wenn sie sich auf diesen Abend einlassen will! Man müsste sie einladen!

HIER der Link zur Onlineseite der Münchner Kammerspiele zum Abend „Morning in Byzantium“.

©️ des Beitragsbildes: Orpheas Emirzas

Kategorien
Gesehen und gehört

THEATER: Ligia Lewis – minor matter

Wer es noch sehen will: minor matter, choreographiert von der in Berlin lebenden Ligia Lewis. Heute Abend, Freitag, 08.06.2018, in München, an den Kammerspielen. Danach am 6./7. Juli. in der Nähe von Rimini, auf dem Santarcangelo Festival. Auch eine schöne Reise … wenn man Zeit hätte! HIER ein Video der Performance.

Was der Mensch so alles ausdrücken will! In totaler Freiheit! Aber er kommt nie ans Ziel! Dennoch drängt er ständig nach etwas! Auch das Zuschauen ist ja schon ein ähnlicher Akt. Man kann ja nicht alles selber machen! Wie offen wir doch sind. Ich dachte mir noch: In der strengen muslimischen Welt wäre so eine Performance undenkbar!

„minor matter“ ist der zweite Teil einer von drei Tänzer*innen performten Trilogie (BLUE, RED, WHITE), die mit „blackness“ und der „Blackbox“ – hier der Kammer 3 der Kammerspiele -spielt.

Im Stück minor matter nutzt Ligia Lewis die Farbe rot, um Gedanken, die sich zwischen Liebe und Wut bewegen, eine Gestalt zu geben. Ansätze barocker Musik wandeln sich zu exzessiven Beat-Rhythmen, harten Rhythmen, harten Bewegungen, modernen Rauschetönen. Die Tänzer*innen verausgaben sich dabei, ihre Körper entziehen der Bühne alles Geheimnisvolle und erforschen sie als pure Materie – als Schwärze. „In „minor matter“ bewegen sich Klänge durch musikalische Epochen, um schließlich eine Poetik intimer Gegenwärtigkeit zu erreichen“, heißt es so schön in der Ankündigung des HAU in Berlin, wo es auch kam und – glaube ich – nochmal kommt (Tanz im August)..

Ich mag es ja, wenn körperlich überraschende Ausdrücke geschaffen werden. Wenn Körper anderes zeigen, als wir es gewohnt sind. Wir erleben Körper ja eher als langweilig, monoton, gebräuchlich, ungelenk, schwerfällig. In der kommenden Woche bin ich auch wieder in einer wunderbaren Ballettvorführung im Nationaltheater.

Etwas wie innere Befreiung, Abhängigkeit, Eingrenzung, Gefühle zwischen Liebe und Wut, Hässlichkeit und Optimismus, alte Musik und exzessive neue Klänge, heftiger Sound. So etwa, ich weiß es nicht besser. Morgen gibt es im Anschluss ein Publikumsgespräch. Gemeinsamkeit, Schwere, man kann viel entdecken. Exzessiv, einfallsreich. Sie haben unter anderem 2017 als „outstanding production“ den New York Dance & Performance Award „Bessie“ erhalten.

HIER die Website von Ligia Lewis. HIER der link zur Seite der Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Martha Glenn

Kategorien
Gesehen und gehört

THEATER: Marta Gornicka – Jedem das Seine

Aufstehen und schreien. Sonst hilft ja kaum mehr was. Marta Gornickas Inszenierung „Jedem das Seine“ an den Münchner Kammerspielen ist so ein Aufschrei. Im Juni noch ein paar Mal zu sehen. Dauer ca. 40 intensive Minuten.

Marta Gornicka lässt in ihren Arbeiten meist einen vielstimmigen – „feministischen“ – Chor sprechen, den sie aus dem Publikum heraus dirigiert. „The Chorus of Women“ heißt es auf ihrer WEBSITE. Sie ist bekannt dafür. Ich kam fast ins Schwitzen. Das hatte ich so nicht erwartet. Ein choraler Protest. Sie nennt ihre Arbeit ja auch „Manifest“. Es geht nicht um schauspielerische Leistung, es geht allein um den Inhalt, die Aussage, die Frage, wie weit der Zuschauer davon in den Bann gezogen wird.

Es war fast die Frage: Ist da der begrenzte und irgendwie exklusive Raum des Theaters noch der richtige Ort? Es hätte auch öffentlich am Marienplatz stattfinden können. Man wäre stehen geblieben! Und es hätte als Protest fast noch besser gepasst! Aber auch Theater wird ja derzeit wieder aktivistischer, politischer, kritischer. Deswegen passt es auch sehr gut ins Theater. Ein Theater mit anderen Kriterien, als gewohnt. Theater müssten fast Begleitmaterial zu solch einer Performance anbieten.

Nur: Protest gegen was war es? Gezeigt wird das Bild von „Fleisch“ und „Sex“ und „Donald Trump“ und „Nationalismus“ und „Faschismus“. Protest gegen eine rücksichtslose und sich immer mehr abgrenzende männliche Welt irgendwie, würde ich sagen. Trends der Zeit, gegen die man aufschreien kann! Das weltweite Machogehabe und seine Auswüchse.

Der Chor rezitiert Auszüge aus verschiedenen feministischen Manifesten. Und er kommt auf die offenbar bekannte Verbindung von Antifeminismus und Faschismus zurück. Schon der Titel „Jedem das Seine“ wurde ja früher von den Nazis missbraucht. Gut und bezeichnend ist dann natürlich: Jede/r der Mitwirkenden ist wunderbar individuell gekleidet, nicht einheitlich wie in alten Nazizeiten. Und jede/r nicht schrill auffallend, sondern angenehm individuell. Und doch entsteht Einheitlichkeit. Aber eben eine Einheitlichkeit des Protestes.

In der Ankündigung der Inszenierung auf der Website der Kammerspiele (HIER der link) heißt es:

Nicht nur wird die existierende Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, sondern vielmehr eine patriarchale Weltordnung als strukturelles Problem thematisiert: Auch alle feministischen Manifeste, auf die sie sich teilweise in der Inszenierung beruft, haben daran bisher nichts ändern können, so ihre These.

Hier ein schönes Bild, das Jean Peters vor wenigen Tagen vom Zustand der Welt brachte. Seine Themen, die Themen des Kollektiv Peng!, stehen fast hinter Marta Gornickas Protestschrei. Jean Peters ist Mitglied des KOLLEKTIV PENG! und hielt – nicht als Preisträger! – gerade eine recht bittere Rede zum George Tabori Preis 2018. Er sagte etwa:

Uns ist da eine Ethik abhandengekommen. Oder, sie ist nicht abhandengekommen. Sie ist wie die Oma in der Familie, die wir ja noch pflegen und lieb haben und die immer einen weisen Rat parat hat, aber sie bestimmt nun mal den Alltag nicht.“

Eine Oma, die nicht mehr schreit. Die Rede endet wie folgt:

George Tabori hatte die Gabe, sehr verspielt, sehr liebevoll zu arbeiten, wie ich gehört habe. … Er hatte eine feine Gabe, mit einer einladenden, humorvollen und liebevollen Art Regeln zu brechen und uns dazu einzuladen mitzumachen. Davon brauchen wir mehr, und zusammen mit der Oma, die an soziale Gerechtigkeit erinnert, und dem kleinen forschenden Kind in uns können wir uns auch trauen, den Kulturraum für das völlig verrückte und verträumte, aber – und das ist mir wichtig – realpolitische Spiel zu öffnen.

Ja, Realpolitik, man kann nicht wegschauen. Schön, dass aufgeschrien wird. HIER die schriftliche Fassung der Rede von Jean Peters.

.

Copyright des Beitragsbildes: David Baltzer, Münchner Kammerspiele