THEATERTREFFEN EXTRA: Gesehenes und nicht Gesehenes

So, das Theatertreffen. Ich werde losschreiben, wie eine Serie, ohne Ende, mehrere Folgen, Episoden. Man mag heutzutage ja Serien. Es wird immer weiter gehen. Also, so sieht es aus:

  • 418 Inszenierungen in 65 deutschsprachigen Städten wurden im vergangenen Jahr teils mehrfach von den Juroren besucht.
  • 744 Voten gingen für die Auswahl des Theatertreffens ein.
  • 39 Inszenierungen wurden daraus wiederum für die „10er-Auswahl“ vorgeschlagen.
  • Zehn Inszenierungen wurden daraus schließlich zur 10er-Auswahl ausgewählt.
  • Drei Inszenierungen davon hatte ich schon in München gesehen. „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping (Kammerspiele), „Oratorium“ (Produktion von SheShePop) und „Girl From the Fog Machine Factory“ (Produktion von Thom Luz und Bernetta).
  • Eine weitere der ausgewählten Inszenierungen – „Das Internat“ von Ersan Montag – kann aus zeitlichen Gründen in Berlin nicht gezeigt werden. Es ließ sich in ganz Berlin keine freie Bühne für den mehrtägigen Auf- und Abbau finden.
  • Weiter: Bis jetzt habe ich hier in Berlin zwei weitere Inszenierungen gesehen: „Die Erniedrigten und Beleidigten“ (Staatsschauspiel Dresden) und „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“(Theater Basel).
  • Es folgen für mich noch zwei weitere Inszenierungen: „Persona“ (Deutsches Theater Berlin) und „Das große Heft“ (Staatsschauspiel Dresden).
  • Dann habe ich also „Unendlicher Spaß“ (Produktion von Torsten Lensing) und vor allem leider „Hotel Strindberg“ ( Burgtheater Wien) nicht gesehen. Nun gut, mal sehen.

Ein Zwischenruf zum Bisherigen, ein erster kurzer Rückblick:

Nach zwei der Inszenierungen frage ich mich ein wenig: Was will das Theatertreffen? Will es wirklich die 10 „bemerkenswerten“ Inszenierungen des jeweils vergangenen Jahres zeigen? Was ist „bemerkenswert“? „Bemerkenswert“ müsste doch, finde ich, etwas Auffallendes sein. Etwas Ungewohntes. Neuartiges. Nicht Herkömmliches. Da gibt es doch sicher viel.

Ich hatte Zweifel daran, ob wirklich schlicht „Bemerkenswertes“ gezeigt wird. Die bisher hier gesehenen beiden Inszenierungen „Erniedrigte und Beleidigte“ und „Tartuffe und das Schwein der Weisen“ haben mich enttäuscht. Sie steckten meines Erachtens zu sehr im Rahmen des „Herkömmlichen“, des Gewohnten. Recht gut, aber im Gewohnten. Was war da bemerkenswert? „Progressiv“ ist anders! Aber das Theatertreffen schreibt sich ja auch nicht auf die Fahne, speziell progressiv zu sein. Andererseits will es sicherlich nicht in Konservatismus abgleiten.

Ok, man kann andererseits auch zugeben: Es mischt sich, ein paar der gezeigten Inszenierungen (andere als „Erniedrigte und Beleidigte“ und „Tartuffe und das Schwein der Weisen“) sprengen zwar nicht völlig den Rahmen, sind aber jedenfalls einfach rundum gelungen: „Dionysos Stadt“ (die zehnstündige Reise durch die Antike) und „Girl From the Fog Machine Factory“ (es geht um Nebel, und irgendwie um viel mehr) etwa. Beide Stücke sind sehenswert, beide sind irgendwie aus meiner Sicht bemerkenswert.

Theater sollte sich jedenfalls immer wieder entwickeln. Auch Spiegel der Gesellschaft kann es sein. „Oratorium“ von SheShePop, auch eines der ausgewählten Stücke, ist ein solches Spiegelbild: Politisch und gesellschaftskritisch.

Andere Inszenierungen werde ich noch, wie oben gesagt, sehen. Und etwas dazu schreiben. Und …

MUSIK: Jürgen Paape – So Weit Wie Noch Nie

Der vorherige, natürlich wieder sehr lesenswerte Beitrag über das Buch „Vernon Subutex“ von Virginie Despentes ist noch ganz frisch. Hier aber schon das nächste. Habe ich ja angekündigt, dass ich momentan die Schlagzahl erhöhen muss/kann.

Ein Musikstück, das der ehemalige Inhaber eines Plattenladens Vernon Subutex in dem dreibändigen französischen Roman „Vernon Subutex“ auf einer Party auflegt. Fand ich ganz gut. Es ist das bekanntestes Stück von Jürgen Paape. Geht tatsächlich zurück auf ein Lied von Daliah Lavi! Aber es hat damit nicht mehr viel zu tun. Und: Jürgen Paape hatte in den Neunziger-Jahren auch einen Plattenladen, in Köln!

Ich mag auch das Video dazu. Da kommt noch ein völlig anderes Verhältnis des Menschen zum Flugzeug durch! Oder des Menschen zur Technik überhaupt! Auch die Flugzeuge, die gezeigt werden, richtig schön! Da sieht man, dass die ganze Modernisierung es nicht unbedingt schöner gemacht hat. Flugzeuge sind heute ja nicht unbedingt schön. Das ist ja auch bei den Autos so. Autos sind doch fast durchweg hässliche Kisten! Also Schönheit ist etwas anderes, finde ich! Übrigens sieht man in dem Video nur Männer! Mit Krawatte oder mit Hut.

Hier:

LITERATUR: Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex

Ich werde in nächster Zeit viele kleine Berichte schreiben, da ich derzeit das Berliner Theatertreffen mitverfolge. Ich werde schnell schreiben, ohne große Überarbeitung. Hier zunächst einmal ein Bericht über das Buch, das ich zuletzt noch gelesen hatte. Virginie Despentes – Vernon Subutex.

Meine Bewertung (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚📚📚 (8)

Also: Ich bin auf das Buch „Vernon Subutex“ gestoßen, da ich in den Kammerspielen vor kurzem das Stück „Das Leben des Vernon Subutex“, inszeniert von Stefan Pucher, gesehen hatte. Die Inszenierung hat mich nicht begeistert, war eher langweilig, halbherzig. Siehe meinen damaligen Beitrag – einfach im Suchfeld oben „Subutex“ eingeben. Das Buch ist völlig anders! Wobei: Es sind DREI Bände. Ich habe erst den ersten Band gelesen., werde mich aber auch an den nächsten Band machen. Zumal die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen, so hört man, eher auf dem Inhalt des zweiten und dritten Bandes beruht.

Da ich einmal etwas Französisches lesen wollte – ich konnte früher einmal ganz gut französisch – habe ich mir die französische Originalfassung genommen. Daneben lag aber immer die deutsche Fassung. Es war nicht einfach, da es absolut in Umgangssprache geschrieben ist. Aber nicht verdrechselt im Stil, sondern einfach und klar und direkt und frech und vulgär.

Vernon Subutex hat mit seinem Plattenladen pleite gemacht. Kein Geld, keine Wohnung, er kommt bei Freunden unter, landet schließlich auf der Straße. Was man liest, sind seine zahlreichen Treffen mit Bekannten, bei denen er zunächst wohnt, bevor er auf der Straße landet und weitere Personen trifft. Er trifft viele Personen. Insoweit war sicher auch die Inszenierung an den Kammerspielen wahrlich als Ensemble-Arbeit geplant. 13 Mitglieder des Ensembles spielen mit.

Geschildert wird die absolut untere Schicht in Frankreich, Paris. Drogen, Sex, Musik, Obdachlose, Gewalt, Rechtsradikale, alles. Aber einfach lesenswert. Eine Milieustudie ohne jede Zurückhaltung. Virginie Despentes war früher Prostituierte, sie kennt sich aus. Und das Schöne dabei ist, dass immer wieder – auch zwischen den Zeilen – das heutige Leben in vielen Aspekten durchscheint. Mit ganz plötzlichen kleinen Aussagen zu reichen Menschen, zu Politikern, etc. Und allein durch die so direkte und völlig unverfälschte Art der Schilderung der Personen des Romans.

Wer Französisch kann: Lesenswert ist vor allem die französische Fassung. Die deutsche Fassung ist zwar eine fast wörtliche Übersetzung, aber erstaunlicherweise merkt man einen Unterschied: Irgendwie klingt alles trotz dieser unglaublichen Direktheit und Klarheit und Derbheit gerade im Französischen etwas angenehmer. Etwas ironischer vielleicht. Es hat dort immer irgendwie einen etwas edleren Unterton oder Nebenklang. Im Deutschen klingt alles einfach nur platt und derb. Ich finde, in der deutschen Fassung stört man sich eher an der Derbheit der Schilderung und der Sprache, im Französischen hat alles einen irgendwie erträglicheren Charakter.

Schon der Titel der Bücher: Im Französischen heißt es einfach „Vernon Subutex“. Im Deutschen gleich komplizierter und m. E. verfälschend „Das Leben des Vernon Subutex“. Es geht garnicht um das ganze Leben des Vernon Subutex, nun gut.

So kam auch die Inszenierung von Stefan Pucher meines Erachtens in keinster Weise an das Buch heran. Ich werde sie mir aber noch einmal ansehen.

HIER ein Link zu einem netten Beitrag aus der Süddeutschen Zeitung über Menschen in München, deren Herz an Vinylplatten hängt – als Sammler, Verkäufer, DJ und Plattenspielerbauer.

Soviel zunächst, ich ergänze diesen Beitrag auch noch etwas.

LITERATUR: Max Frisch – Biedermann und die Brandstifter

Ich helfe derzeit einem Schüler, seine Hochschulberechtigung zu bekommen. Wir üben auch für seinen Abschluss im Fach Deutsch. In diesem Zusammenhang war „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch zu lesen und zu „verstehen“. Ich wusste nicht mehr, wie allgemeingültig und zeitlos Max Frisch’s Buch ist. Wir stecken auch heute drin.

Es ist eine Parabel, also keine „Erzählung“, kein „Roman“ (mit der Entwicklung bestimmter Beziehungen, bestimmter Personen). Es ist als Parabel angelegt, als Beschreibung einer Situation, in der die auftretenden Personen, die Texte, die Symbole, die Szenen etc. im Endeeffekt Beispielcarakter haben. Beispielcharakter auch für die heutige Zeit.

Viele kennen das Buch von früher. Es lohnt sich, ist ziemlich erschreckend. Max Frisch hat es mit diesem Buch geschafft aufzuzeigen, wie wir immer wieder reagieren! Worum es noch einmal geht? Es geht um den Unternehmer Biedermann (Produktion von Haaröl), dem es nicht gelingt, die beiden Brandstifter Schmitz und Eisenring, die sein so erfolgreiches und angenehmes Leben gefährden, aus dem Haus zu bekommen. Er ist unfähig und schaufelt sich sein eigenes Grab! Den einen Brandstifter, Herrn Schmitz, hat er sogar freiwillig in sein Haus unter das Dach aufgenommen. Beide lädt er zum Essen ein.

Es geht darum, wie Biedermann mit der Gefahr, die er deutlich erkennt, umgeht. Ich empfehle dieses Buch – oder zumindest den Film hier, in dem das Stück wortgetreu komplett anzusehen ist. Hier:

Was mir klar wurde, man kann das Buch in der Tat so lesen, den Film so sehen: Wie gehen wir HEUTE mit erkennbaren Gefahren um? Etwa mit der drohenden Klimakatastrophe und der unaufhörlichen Umweltzerstörung. Wir sehen sie kommen, sie kommt immer näher, sie „wohnt“ schon bei uns – wie die Brandstifter, aber wir sind aufgrund unseres eigenartigen Verhaltens nicht fähig, sie wirklich in Schranken zu weisen. Ganz im Gegenteil! Wir helfen ihr sogar, voranzukommen. So, wie Herr Biedermann den Brandstiftern hilft, ihnen sogar Streichhölzer reicht. Es wird schon nichts passieren. Am Ende steht er vor seinem abgebrannten Haus.

Es gibt viele verschiedene Interpretationen des Stückes „Biedermann und die Brandstifter“. Das Buch wird auch deshalb in der Schule gerne gelesen. Ich kann nur einige Aspekte herausgreifen, die zeigen, dass wir HEUTE mit der Klimakatastrophe und Umweltkatastrophe so umgehen, wie es Herr Biedermann mit den Brandstiftern tat. „Biedermann und die Brandstifter“ entstand in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, in den fünfziger Jahren. Es gibt Interpretationen, wonach das Stück auch etwa zeigen würde, wie Adolf Hitler stark werden konnte. Er kam näher aber wir konnten nicht damit umgehen. So wie die Klimaveränderungen HEUTE.

  • Es geht im Grunde auch um Verlogenheit. Die Verlogenheit oder zumindest Unfähigkeit des Herrn Biedermann. Um die Diskrepanz zwischen dem, was er tut und dem, was er redet. Die Unfähigkeit liegt darin, dass er gar nicht so sein kann, wie er redet. Biedermann ist Unternehmer (Eine Nebenhandlung zeigt, dass er seinen langjährigen Mitarbeiter Knecht – der sich schließlich umbringt – entlässt). Biedermann ist rücksichtslos. Wie wir insgesamt mit der Umwelt rücksichtslos sind, wenn es um das Unternehmerische geht. Einerseits rücksichtslos und andererseits – wenn es darum geht, Umweltbelange doch einmal zu berücksichtigen – auch verlogen. Reduzieren wir etwa unseren CO2-Ausstoß? Nein!
  • Wir sehen auch HEUTE, wie die Gefahr unaufhaltsam näherrückt! Aber wir sind nicht fähig, sie einzuschränken. Denn es bleibt halbherzig, was wir tun. Biedermann auch: Er versucht etwa, die Brandstifter durch gespielte „Menschlichkeit“ zu vereinnahmen. Wer so „menschlich“ ist, kann doch nicht Opfer der Brandstifter werden! Aber es ist eben nur halbherzig! Es ist gespielte Menschlichkeit. Biedermann ist Opfer seiner eigenen Phrasen. Auch hier kann man Parallelen zur aufkommenden Klimakatastrophe erkennen. Wir reagieren mit Phrasen – Hauptsache, der Wohlstand bleibt erhalten. Wirklich deutlich und entschieden wird gegen die drohende Klimakatastrophe nicht vorgegangen. Wichtiger ist, dass der Wohlstand erhalten bleibt.
  • Auch unser Umgang mit der Umwelt ist ein „Spiel mit dem Feuer“. Auch insoweit passt „Biedermann und die Brandstifter“ bestens.
  • Die ganze Symbolik von „Biedermann und die Brandstifter“ passt auch HEUTE: Biedermann fühlt sich einerseits wohl, andererseits hat er Angst. Die immer wieder schlagen die Uhr zeigt, dass seine Zeit abläuft. Eine Kranzbestellung nach dem Tod des ehemaligen Mitarbeiters Knechtling wird falsch ausgeführt: Als wäre Biedermann gestorben! Die Brandstifter lächeln über das Verhalten Biedermanns. Und und und.

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THEATER: Tipp zum Lesen

Für Theaterfreunde und Freunde der Arbeiten von Milo Rau, einem der zur Zeit ja „radikalsten Theatermacher“, habe ich hier einen aktuellen Tipp: Im Magazin der Süddeutschen Zeitung von heute, Freitag, den 3. Mai 2019, ist ein längerer Bericht über die derzeitigen Arbeiten von Milo Rau und seinem Team im zerbombten Mossul/Irak für ein neues Theaterstück zu lesen.

Ich kann nicht darauf verlinken, da der Artikel nur im bezahlbaren Bereich des Magazins vollständig zu lesen ist. „Orest in Mossul“ wird das Stück heißen, basierend auf der Orestie von Aischylos. Gedreht werden im Irak die Videoeinspielungen.

THEATER: Susanne Kennedy – Drei Schwestern nach Anton Tschechow

Diese Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk geworden. Ein Gesamtkunstwerk, an dem viele Spezialisten – allesamt mit höchster Qualität – mitgewirkt haben. Ein Team um Susanne Kennedy herum. Heraus kommt ein Ergebnis, das man selten sieht, vor dem man selten sitzt.

Gut, ich liebe mitunter extreme Formulierungen, um Dinge deutlich zum Ausdruck zu bringen. Ich meine nicht, dass ich die Weisheit mit Löffel gegessen habe, aber hier ist wieder einmal eine solche extreme Formulierung angebracht – ich sehe ja viel Theater: Diese Inszenierung kann, finde ich, Theatergeschichte schreiben – zumindest an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen. Es sind ja viele Bausteine, die die Theatergeschichte erschaffen.

Der Klassiker „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow, geschrieben ganz am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, Uraufführung am 31. Januar 1901. Er ist der Ausgangspunkt für die Inszenierung von Susanne Kennedy an den Münchner Kammerspielen. Es ist eine Inszenierung VON Susanne Kennedy NACH Anton Tschechow. HIER ein kurzer Blick auf ihren bisherigen künstlerischen Weg. Es geht nicht um eine inhaltliche Darstellung des berühmten Stückes „Drei Schwestern“ VON Anton Tschechow. Vergangenen Samstag war Premiere.

Vorab ganz grundsätzlich: Allein die Tatsache, diesen russischen Klassiker über die drei Schwestern – die so gerne das langweilige Land in Richtung des ersehnten Moskau verlassen würden, und den wir uns immer wieder anschauen -, diesen Klassiker des Alltagslebens zu nehmen und ihn dann in so abstrakte Höhen und in eine so abstrakte Inszenierung zu führen, in der die Inhalte von Tschechows Werk „Drei Schwestern“ nur höchst ansatzweise – höchst ansatzweise – benötigt werden, das allein ist schon eine wunderbar gelungene Leistung! Was hätte Anton Tschechow dazu wohl gesagt?

Zum Äußeren: Alle Elemente der Inszenierung passen wahrlich zusammen! Die Münchner Abendzeitung etwa schreibt: „Visuell ist dieser Abend freilich faszinierend bis sensationell!“ Die Bühne ist eine riesige geschlossene Videoleinwand. Man sitzt vor einer riesigen Leinwand. Mitten in dieser Leinwand schwebt auf halber Höhe der kleine Bühnenausschnitt, der einen kleinen Raum hergibt (siehe oben das Beitragsbild)

Der Bühnenausschnitt schließt sich manchmal, dann öffnet er sich wieder. Mal sieht man auf der Videowand, die den Bühnenausschnitt schließt, grob gepixelte Personen. Ansonsten: Playback für jedes Geräusch, Masken, Stillstand. Mehr Distanz geht kaum. Man hat Distanz zu jeder Art „Geschehen“, zu den Personen – und damit öffnet sich andererseits eine Nähe zum Thema.

Man muss auch nicht sagen: Susanne Kennedy arbeitet ja schon wieder mit Masken und schon wieder mit voice over und schon wieder sehr abstrakt, schon wieder auf einer sehr engen Bühne. Entwickelt sie sich nicht weiter? Erstens: Wenn man das sagt, hätte im Grunde ein Frank Castorf schon vor Jahrzehnten in der Versenkung verschwinden müssen. Zweitens: Susanne Kennedy entwickelt sich natürlich weiter! Das bestätigen allein in kleinen Gesprächen Schauspieler der Münchner Kammerspiele, die ja schon mehrfach mit Susanne Kennedy zusammen gearbeitet haben oder sie jedenfalls daher kennen. Selbst „Die Selbstmord-Schwestern“, ihre vorherige Arbeit an den Münchner Kammerspielen, war eine Inszenierung, die noch etwas konkreter mit dem Ursprungstext umging. Auch demgegenüber scheint mir „Drei Schwestern“ eine Weiterentwicklung.

Schon vor Beginn der Inszenierung von „Drei Schwestern“ folgendes Bild: Man sieht auf dieser riesigen Leinwand – bei noch geschlossenem Bühnenausschnitt – dichte, undurchdringliche, bunte Wolkenmassen wabern. Ein unbestimmbarer Grummelton begleitet das irgendwie „Unendliche“. Es gibt ein „Außen“ – außerhalb des engen Bühnenausschnittes – und ein „Innen“ – innerhalb des Bühnenausschnitts. Vor Beginn durchziehen die Wolken noch beide Bereiche. Bis sich nur der enge Bühnenausschnitt öffnet und wir einen Blick auf diese schwebende, enge komische Welt bekommen, in der wir ja leben. Die sich jeder einbildet. Unser kleines Leben im großen Universum.

Auch die Masken, hinter denen sich die Schauspieler verbergen, und das voice over, die Ausstattung, die Kostüme, alles wirkt in dieser Inszenierung meines Erachtens gut zusammen. Sogar die wenigen Bewegungen der Schauspieler (vor allem von den drei Herren, Christian Löber, Benjamin Radjaipour und Walter Hess) tragen entscheidend zum Gesamtbild bei. Aus irgendeinem Grund wurden bei mir aus den fast statischen Person doch kleine Persönlichkeiten. Obwohl jede Stimme wieder Play-back gebracht wird – wie jeder Schritt, bis hin zu jedem Schluckgeräusch, jede Stimme ist noch dazu von einer anderen Person gesprochen, nicht vom/von der SchauspielerIn selbst.

Inhaltlich geht es nicht etwa um die „Drei Schwestern“ und deren Wünsche, deren Sehnsüchte: Die drei Schwestern – sie bleiben bei Susanne Kennedy natürlich namenlos – stehen eher für die Menschheit, den Menschen: Die Menschheit befindet sich in einer ewigen Zeitschleife. Letztlich wie die drei Schwestern, die nie vom Landleben wegkommen. Also das kleine Leben und die Menschheit: Loops! Es wird immer so weitergehen. The end is not the end is not the end is not the end is not the end … , heißt es einmal.

Warum machen wir das alle? Weil wir müssen. Und dann kommt Friedrich Nietzsches Überlegung herein (aus dem Off gesprochen): Was wäre denn, wenn wir dieses Leben nicht nur einmal leben müssten, sondern immer wieder, ganz genau gleich? Ein ewiger Loop? Was wäre dann unser Weg in einem solchen ewigen Kreis? Diese Überlegung von Friedrich Nietzsche stülpt Susanne Kennedy über den Klassiker „Drei Schwestern“. Es geht auf, weil es eine seltene Überlegung ist, die eine extreme Darstellung findet.

Ein wenig ist der Gedanke des tiefen „Erlebens des Momentes“ die Quintessenz aus der obigen Frage bei Friedrich Nietzsche und vielleicht auch bei Susanne Kennedy. Das allein bleibt im „Ergebnis“ bei Susanne Kennedy etwas offen. Aber was heißt schon „Ergebnis“. Susanne Kennedy will sicher keine Lösung präsentieren. Es geht darum, den Loop der Ewigkeit als Prinzip sogar hinter Anton Tschechows „Drei Schwestern“ aufzuzeigen. Der Abend endet dann dementsprechend auch ganz realistisch, wie das Leben – eben plötzlich mit einem „Cut!“ aus dem Off. Auf der Bühne sagt übrigens einer der Schauspieler (erkennbar Christian Löber) sinngemäß: „Wir können nur für die Liebe leben!“ Vielleicht ist das ein Weg, wenn wir tief im aktuellen Moment leben. Susanne Kennedy wird vielleicht darüber nachdenken. Allerdings wird die Liebe – ein großes Thema ja schon bei Anton Tschechows „Drei Schwestern“ – in dieser Inszenierung zwar zwei-/dreimal kurz erwähnt, aber in keiner Weise irgendwie gezeigt oder auch nur angedeutet. Als gäbe es sie dann doch gar nicht!

Es gibt also viele Aspekte, die diese Inszenierung zu einem besonderen Theaterereignis machen. Auch wenn nicht alles komplett verständlich war. Mir war etwa nicht klar, wie der Gedanke des menschlichen „Genius“ hier reinpasste. Der menschliche Genius, der die Dinge nur ganz für sich selbst erlebt, wurde letztlich zum Thema. Und wenn der Genius sein Erlebnis in Worte packt, muss er es einerseits – der Mensch will sich ja mitteilen – in Worte fassen, andererseits ist das Erlebnis damit nicht mehr das Erlebte, sondern etwas anderes. Denn jeder andere hört und versteht die Worte anders. So ist das natürlich. Aber das wurde dann doch etwas viel.

Trotzdem Gratulation, nicht nur an Susanne Kennedy, auch an die weiteren Mitwirkenden wie Lena Newton (Bühne), Teresa Vergho (Kostüme), Richard Janßen (Sounddesign und Video-Montage), Roderik Biersteker (Video) oder Rainer Casper (Licht) und die SchauspielerInnen, die in dieser Kennedy’schen Spielweise auch (wieder) besondere Erfahrungen gemacht haben.

Hier noch ein Foto:

©️ Judith Buss

HIER der Link zur Seite der Inszenierung auf dem Portal der Münchner Kammerspiele.

©️ des Beitragsbildes: Judith Buss

MUSIK: Dire Straits – Brothers in Arms

Es ist ein Song der Dire Straits, aber hier von Marc Knopfler gespielt. Auf der Party käme er jetzt dran, „Brothers in Arms“ mit einer Liveaufnahme von vor zwölf Jahren. Marc Knopfler war schon damals nicht mehr der Jüngste, aber mir gefällt die Aufnahme. In dieser Aufnahme wird der Song etwas deutlicher im Text, als in anderen Aufnahmen. Marc Knopfler röhrte ihn früher undeutlicher. Aber er spielt es ja hier auch vor kleinem Publikum!

Es gab hier im Blog in letzter Zeit ohnehin ruhige Musik, daher jetzt auch dieses Lied. Zum Song ganz runterscrollen.

Der Songtext in Englisch:

These mist covered mountains
Are a home now for me
But my home is the lowlands
And always will be

Some day you’ll return to
Your valleys and your farms
And you’ll no longer burn
To be brothers in arms

Through these fields of destruction
Baptisms of fire
I’ve witnessed your suffering
As the battles raged higher


And though we were hurt so bad
In the fear and alarm
You did not desert me
My brothers in arms

There’s so many different worlds
So many different suns
And we have just one world
But we live in different ones

Now the sun’s gone to hell
And the moon’s riding high
Let me bid you farewell
Every man has to die

But it’s written in the starlight
And every line in your palm
We’re fools to make war
On our brothers in arms

Und auf Deutsch:

Heute sind diese nebelverhangenen Berge mein Zuhause.
Aber meine Heimat ist das Land der Ebene,
und es wird immer meine Heimat bleiben.
Irgendwann werdet Ihr zurückkehren.
Heim,
zu euren Tälern und euren Höfen,
und dann werdet ihr nicht mehr darauf brennen,
Waffenbrüder zu sein.


Ich habe euer Leid gesehen,
hier, auf den Feldern der Zerstörung
habe ich eure Feuertaufe erlebt.
Und als die Schlacht härter wurde, grausamer,
als ich auf den Tod verletzt wurde,
in all dem Lärm, in all der Furcht,
da habt ihr mich nicht allein gelassen.
Ihr, meine Waffenbrüder.

Es gibt so viele Welten, so viele Sonnen.
Wir haben nur diesen einen Planeten.
Und doch ist es so, als käme jeder von uns
von einem anderen Stern.

Die Sonne ist zur Hölle gefahren,
der Mond regiert jetzt den Tag.
Lasst mich Euch Lebewohl sagen.
Jeder Mann muss sterben.
Aber es steht in den Sternen geschrieben,
und in jeder Linie auf euren Handflächen:
Wir sind Narren, wenn wir Krieg führen gegen unsere
Waffenbrüder.

THEATER: Elfriede Jelinek – Wolken.Heim

Wir, immer wieder „Wir“. Was ist denn „Wir“? Es basiert doch immer auf mehreren, die sich aufgrund irgend etwas zum „Wir“ aufmachen. Es basiert im Grunde oft auf Einbildung. Elfriede Jelinek hatte 1988 zum deutschen „Wir“ den Text „Wolken.Heim“geschrieben. Der Text wurde seither immer wieder in Theatern aufgeführt. Jetzt ist eine weitere Inszenierung am Münchner Residenztheater zu sehen.

Elfriede Jelinek hatte den Text „Wolken.Heim“ knapp vor dem Fall der Mauer geschrieben. „Wir sind das Volk“ wurde dann zufällig einer der prägenden Ausrufe des Mauerfalls. Auch ein “Wir“.

Und auch ganz aktuell kommen ja viele Menschen immer wieder schnell auf ein „Wir“. Nationalismus. Es ist also durchaus ein aktuelles Thema. Auch auf ein deutsches „Wir“ kommt man. Aber nicht nur in Deutschland gibt es dieses „Wir“ der Abgrenzung. Elfriede Jelinek hatte diese Abgrenzung und besonders die Bedeutung dieses deutschen „Wir“ damals auf ihre Art untersucht. Als Außenstehende – sie ist ja Österreicherin.

In der Stückbeschreibung auf der Website des Residenztheaters heißt es: „Jelineks 1988 uraufgeführtes Erfolgsstück bietet poetische Textflächen, auf denen fünf Personen nach möglichen Antworten suchen. Jelineks Überschreibung von Texten der deutschen Idealisten Hegel, Fichte, Kleist und Hölderlin bietet die Grundlage des rätselhaften „Wir“, das hier laut wird, über sich selbst spricht und die „Anderen“.

Auch Aussagen von Heidegger und aus Briefen der RAF verwendet sie. Allerdings – wie so oft bei ihr – nicht irgendwie erkennbar. Sie verändert die Aussagen, entstellt ihren Sinn, verdreht sie teilweise.

Vorab: Wie immer bei Elfriede Jelinek: Es ist nicht leicht zu verstehen! Ich habe bislang erst zwei Inszenierungen zu ihren Texten gesehen. Eine davon im vergangenen Jahr beim Berliner Theatertreffen – „Am Königsweg“ – und davor eine an den Münchner Kammerspielen, die derzeit noch zu sehen ist: „Wut“. Ich halte es – bisher – für typisch, dass bei Elfriede Jelinek auf der Bühne sehr viel Aktion stattfindet. Viel Aktion zu schwer verständlichen, teils wirren Texten. Was die Aktion auf der Bühne angeht: Ganz anders ist es jetzt bei Wolken.Heim“ am Residenztheater – was es schwerer machte, es noch irgendwie zu verstehen.

Immer wieder gab es übrigens in den vergangenen Jahren in München Inszenierungen ihrer Texte, viele an den Kammerspielen: „In den Alpen“, „Wolken.Heim“, „Ulrike Maria Stuart“ „Rechnitz (Der Würgeengel)“, „Winterreise“, „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“, „Das schweigende Mädchen“ und eben „Wut“, bei dem die terroristischen Attentate von Paris Schreibanlass waren.

Worum geht es? Jelineks Text „Wolken.Heim“ – der keine Personen vorgibt – enthält Aussagen etwa zu: … Sich selber glauben, von sich überzeugt sein, deutsche Traditionen, deutscher Geist, Wald und Romantik, Boden, drinnen und draußen, unsere Sprache, sich den Anderen überlegen fühlen, Selbstsucht, das Bewusstsein, etwas „Hohes“ zu sein, wir sind das Ziel in der Ewigkeit und so. Es entsteht dabei ein fast klaustrophobisches Bild, das gerade durch die Art der Inszenierung gefördert wird. „Das – deutsche – „Wir“ macht alles eng, obwohl es laut Wort und Tat so groß sein soll. Um diesen Widerspruch geht es! Um diesen Widerspruch!

In der Inszenierung am Residenztheater treten fünf Personen auf. In einer unangenehmen Atmosphäre: Ein Wartesaal, abgegrenzt, unfreundlich, grau, mehrere Sitzbänke, alles ist grau und nüchtern. Wirklich alles ist grau. Nur durch zwei Sehschlitze und Türöffnungen scheint freundliches und warmes orangenes Licht von irgendeinem „draußen“ herein. Bis zu den Haaren und zur Unterhose ist alles grau. Die Personen im Raum wirken irgendwie hilflos und lächerlich. Sie vermitteln durch ihr Aussehen „Deutsches“, wirken aber nicht sehr glaubhaft, es ist eben alles grau.

Die Personen reden viel, unterstützen aber den Inhalt nicht irgendwie durch bestimmte Darstellungen. Text. Die Inszenierung insgesamt hilft – leider – auch nicht, den Text zu verstehen. Ein Interview mit Elfriede Jelinek im Programmheft gibt etwas mehr Aufschluss. Elfriede Jelinek geht davon aus, dass besonders bei den Deutschen festzustellen ist, dass man die eigene Nationalität an Wald und Boden festmacht. Und an dieser Strenge und Klarheit, die fern von Gefühlen liegt.

Letztlich verbleibt eine Grundatmosphäre über das Deutsche: Man fühlt sich als Deutscher groß und besonders durch Worte und Taten. Und seien es Kriege. Aber ob das wirklich groß und besonders ist?

HIER die Seite zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn


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THEATER: Aktuelles

Sehr schade: Zum Theatertreffen 2019, dass vom 3. bis 20. Mai in Berlin stattfinden wird, war unter anderem die Inszenierung „Das Internat“ von Ersan Mondtag ausgewählt worden. Das Stück wurde am Theater Dortmund gezeigt. Nun wurde bekannt, dass dieses Stück in Berlin leider nicht gezeigt werden kann.

Das Stück braucht drei Tage Vorbereitung für den Aufbau, den Tag der Aufführung und einen Tag für den Abbau. Offenbar hat sich in ganz Berlin kein Spielort finden lassen, an dem eine fünftägige Besetzung des Spielraumes möglich gewesen wäre. Das ist die Begründung. HIER der Link zu einem Gespräch mit Kay Voges, dem Intendanten des Schauspiels Dortmund. Es ist ja kaum zu glauben, dass in ganz Berlin kein Ort zu finden war! Aber das Gespräch mit Kay Voges zeigt recht glaubhaft, dass es wohl so war.

Ich bringe hier zumindest die Seite der damaligen Inszenierung auf der Website des Theater Dortmund: HIER.

HIER einen kleinen Trailer zur Inszenierung, der sich auf YouTube findet.

Und HIER ein kurzes Video zur Begründung, warum „Das Internat“ von Ersan Mondtag zum Theatertreffen 2019 eingeladen wurde.

THEATER: Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex

Das Buch hatte Furore gemacht. Es war in Frankreich und später auch in Deutschland ein großer Erfolg. Es gibt drei Bände dieses Werkes (insgesamt über 1200 Seiten), das als moderner Gesellschaftsroman unserer Zeit angesehen wird. Virginie Despentes ist 1969 in Nancy geboren, arbeitete in Massagesalons und Peep-Shows, bevor sie ihre literarischen Erfolge mit den wilden Werken hatte.

Man muss es nicht unbedingt als Roman über unsere Gesellschaft komplett ansehen, obwohl ja manch einer zu Virginie Despentes sagt, sie sei der „weiblicher Balzac des 21. Jahrhunderts“. Gut, es kommen im Roman jede Menge völlig unterschiedlicher Menschen als Querschnitt gewissermaßen zur Sprache. In http://www.perlentaucher.de (HIER) heißt es dagegen zum Beispiel in der Zusammenfassung einer Buchbesprechung (3. Band) mit interessantem kurzem Blick auf den Inhalt des Romans:


Anders als viele andere hält Rezensentin Iris Radisch Virginie Despentes nicht für einen „weiblichen Balzac des 21. Jahrhunderts“. Despentes Blick, erklärt Radisch, richte sich in ihren drei Büchern über den gealterten Punk-Häuptling Vernon Subutex nämlich nur auf einen bestimmten Teil der französischen Gesellschaft: die gescheiterten Utopisten und Idealisten der 70er, welche nun in Abbruchbuden oder unter freiem Himmel hausen und ihre Enttäuschung und ihren Zorn mit Erinnerungen an eine abenteuerreiche und glanzvolle Vergangenheit füttern, eine Zeit, in der die französische Subkultur noch Hoffnungen auf eine bessere Gesellschaft barg, in der es überhaupt noch so etwas wie Subkultur gab. Näher als der Vergleich mit Balzac liegt laut Radisch daher der mit Michel Houellebecq. Wie er „intoniere“ sie den „Untergang des Abendlandes“, allerdings weitaus mitfühlender als der Sozialpessimist Houellebecq. Rau und ruppig, und zwar sprachlich wie inhaltlich, geht es aber auch im 3. Teil des Subutex zu, meint die Kritikerin, die das Buch als Vorgeschichte zum Aufstand der Gelbwesten liest.

Ich werde das Buch noch lesen. Hier erst einmal zur Inszenierung von Stefan Pucher an den Münchner Kammerspielen:

Es wird nicht leicht sein, diesen dreiteiligen Roman auf eine fast dreistündige Inszenierung für das Theater „zusammenzudampfen“. Stefan Pucher ist es nicht gelungen! Man konnte einiges erwarten: Insgesamt 13 Mitglieder des Ensembles der Münchner Kammerspiele nahmen teil. Ich fand es schade, sie so zu sehen, in dieser Inszenierung! Sie haben allesamt mehr verdient. Gut, Jelena Kuliç steht als (weibliche Besetzung von) Vernon Subutex im Zentrum der Inszenierung. Es ist ja insgesamt eine Geschichte um ihn/sie herum. Vernon Subutex beobachtet alles. Die Höhepunkte dieses Abends sind auch ihre Gesangseinlagen. Davon hätte der Abend gut viel mehr vertragen. Jelena Kuliç hätte ohnehin vielleicht mehr im Mittelpunkt stehen können, war mein Gefühl. Ihr wäre es auch gegönnt gewesen. Sie schafft mit ihrer rauen Stimme doch oft ganz bestimmte Stimmungen und vielleicht hätten mehr Gesang von ihr und mehr Eindrücke von ihr für mehr Zeitgeist gesorgt, um den es ja im Roman geht. Vielleicht ist sie genau die richtige Besetzung für Vernon Subutex. So, wie in La Sonnambula, das ja sehr erfolgreich war. Und soviel ich höre, sind ohnehin im Roman viele Songtitel genannt. Vernon Subutex hatte ja im Roman einen Plattenladen, bevor er pleite ging.

Insgesamt war die Inszenierung halbherzig! Schon das langweilige Bühnenbild – ein dunkles Stufengerüst, auf dem sich alle tummeln und das ist die Bühne klein und eng wirken ließ. Dann das „Geschehen“ auf der Bühne: Die Schauspieler tummeln sich mehr und mehr auf dem Stufengerüst. Sie sitzen am Ende teils einfach herum, während einer/eine von ihnen spricht oder macht. Hier eine Aufnahme:

©️ Arno Declair

Es ist viel „Gerede“, nicht Schauspielerei. Aber das mag am Roman liegen. Jede Person – und es sind viele – hat ja auch im Roman ihren Teil beizutragen, hat eine eigene Einstellung zu den Dingen. Aber keine/r der Schauspieler/innen hatte – abgesehen ein wenig von Jelena Kuliç und ein wenig von Annette Paulmann – meines Erachtens Gelegenheit, zu glänzen. Und Sie können glänzen.

Noch dazu war das „Gerede“ des Abends teils ein sehr schnelles Gerede. Und noch dazu werden allerlei Themen angesprochen, Gott und die Welt. Es gab keinen Schwerpunkt. Ob das dem Zeitgeist entspricht, den Virginie Despentes in ihrem so gelobten Roman erfasst? Vielleicht ist es ja so, ich werde es lesen. Gelungen fand ich noch die Videoeinspielungen auf den Leinwänden, auch die Sequenzen in den Videos, in denen Abdoul Kader Traoré spricht.

Gut, ich werde das Buch lesen und mir die Inszenierung noch einmal ansehen. Abschließend werde ich dann genauer darüber schreiben können. Vielleicht relativiert sich dann mein schlechter Eindruck. Am ehesten gilt natürlich wieder: Selber ansehen!

©️ des Beitragsbildes: Arno Declair, Münchner Kammerspiele

THEATER: Federico Bellini – Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini

Pier Paolo Pasolini wurde im Alter von 53 Jahren nachts auf brutale Art und Weise angeblich von einem Stricherjungen ermordet. Angeblich vom Stricherjungen. Der Stricherjunge – Pino Pelosi – wurde verurteilt. Er widerrief dreißig Jahre später sein Geständnis. Es gibt bis heute Zweifel daran, ob Pasolini tatsächlich so gestorben ist, wie es im anfänglichen Geständnis von Pelosi geschildert wurde. Pelosi ist mittlerweile gestorben, der Mord wird nie richtig aufgeklärt werden.

Und daraus ein Theaterstück? Aus diesem brutalen Mord? Noch dazu in Verbindung mit Dante Alighieri’s „Die göttliche Komödie“?

Gut, die Verbindung mit Dantes „Die göttliche Komödie“ ist noch naheliegend: Dante Alighieri selbst lebte zwar um 1300, aber sein Werk der Weltliteratur „Die göttliche Komödie“ war – so das Programmheft – der „Fixpunkt“ des Werkes von Pasolini, der im Friaul geboren war. Und vielleicht seines Lebens. Sein Hang zum Subproletariat – in Rom dann hauptsächlich – war wie ein Hang zur Hölle. Das schon. Sein Kampf gegen den Neokapitalismus in Italien der damaligen Zeit, der Kampf für das Proletariat! Über 30 Prozesse wurden gegen Pasolini fast durchgehend von staatlicher Seite ausgehend angestrengt.

Ein Vergleich drängt sich erst einmal auf: Im Dezember 2018 war an den Münchner Kammerspielen eine Inszenierung von Milo Rau zu sehen, in der ein vor wenigen Jahren in Belgien verübter Mord an einem homosexuellen Jungen nachvollzogen und auf die Empfindungen nahestehender Personen eingegangen wurde. Es steht auch nur ein Auto auf der Bühne. Der Mord erregte damals viel Aufsehen in Belgien. „Die Wiederholung“ hieß die Inszenierung von Milo Rau. HIER der Link zu meinem damaligen Bericht. Milo Rau geht es ja sehr darum, im Theater die Realität zu zeigen. Pure Realität, auch wenn es dann auf der Bühne eine „Wiederholung“ ist. Es war damals auch wahrlich nicht angenehm, aber es hatte Wirkung. Man konnte überlegen: „Was bedeutet es eigentlich, ins Theater zu gehen?“

Anders war der Abend hier bei „Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini“. Welche Wirkung hatte der Abend „Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini“? Der Titel: „EINE göttliche Komödie …“ ist ja fast schon zynisch. Ermordung und Komödie!

Schauspielerisch ist der Abend vor allem für Tim Werths, der Pier Paolo Pasolini spielt, eine Herausforderung. Eine großartige Leistung und von ihm wird hier wirklich viel verlangt! Etwa am Ende bei seinem Schlussmonolog, einer Rede – ein Auszug aus der „Göttlichen Komödie“ – an seine Mutter, die er – längst nackt – in einer Wasserpfütze vor dem Publikum sitzend hält. Er wird auch einmal an seinem Penis von einem anderen Schauspieler über die Bühne gezogen. Auch die anderen Schauspieler – vor allem Franz Pätzold – überzeugen absolut. Die junge Truppe des Residenztheaters steigert sich! (Franz Pätzold verlässt das Residenztheater leider bald zusammen mit Martin Kušej in Richtung Burgtheater Wien.) Trotzdem: Es bleibt ein großes „Aber“!

Nach einer Viertelstunde setzten in der Premiere Buhrufe ein. Später verließen Zuschauer das Theater vorzeitig. Natürlich: So soll es sein! Theater soll kontrovers sein! Es ist ja fast ein gutes Zeichen für das Theater, wenn Zuschauer rufen und das Theater verlassen. Das macht Freude! Und gerade zu Pasolini passt ja das Kontroverse. Er, der – dann doch erfolgreiche – Schriftsteller und Intellektuelle und das von ihm immer wieder aufgesuchte (irgendwie vielleicht „ehrlichere“) Subproletariat. Pasolini war schwul und hatte sich in dieser seiner letzten Nacht wieder einmal einen Stricherjungen organisiert.

Und noch etwas, bevor ich zum „Aber“ komme: Der Abend war in sich durchaus stimmig: Gerade das in allem Extreme dieses Abends entspricht eben genau dem Leben von Pier Paolo Pasolini. Die Minuten seiner Ermordung werden auf der Bühne immer wieder wiederholt. Immer in leicht geänderter Version, verschiedenen Vermutungen zum Hergang folgend. Die einzelnen Abläufe werden dabei vorwärts und rückwärts „abgespult“. Die Schauspieler – alle männlich – agieren vorwärts und rückwärts. Eine komplett leere Bühne bis hinter zur Brandmauer – nur der graue Alfa Romeo von Pasolini steht auf der Bühne – sechs (fast immer identisch gekleidete) junge Personen – manchmal regnet es auf die Bühne herab. Mehr nicht. Später kommt eine Telefonzelle, ok. Es war jedenfalls fast therapeutisch. Als würde Italien immer noch darunter leiden, dass und wie Pasolini ermordet wurde. Und dass es nie richtig aufgeklärt werden wird.

Auch inhaltlich sehr stimmig: Pasolinis „Fixpunkt“ Dante Alighieri, der Übergang Pasolinis in Dante’s Höllenreich bis zum Paradies, aber auch das „Auftreten“ der Mutter, seine einzig „unverzichtbare Liebe“, Worte Pasolinis an seine Mutter. Die ungefragte Liebe der Mutter ist das Paradies. Alles eine Art letzter Einbildung von Pier Paolo Pasolini, am Boden liegend, vom eigenen Auto mehrfach überfahren. Trotzdem noch einmal: Es bleibt ein großes „Aber“.

Zum großen „Aber“: Meines Erachtens ist es ZU SEHR eine gelungene Inszenierung! Zu sehr! Die anfangs vielfach wiederholte Ermordung Pasolinis. Die identisch gekleideten Schauspieler. Die Nacktszenen. Die slow-motion-Sequenzen der Bewegungen der Schauspieler. Das ganze Geschehen auf der Bühne, das immer vor dem sich am Boden krümmenden Pasolini abläuft. Die Zitate aus Dante’s göttlicher Komödie. Das Erscheinen der Mutter von Pier Paolo Pasolini, die für ihn wohl die wichtigste „Figur“ in seinem Leben war. Alles eine Inszenierung.

Das ist genau der Unterschied zu Milo Rau, der bei der Realität bleibt. Bei Bellini wird die schreckliche Tat zu einer Theaterinszenierung. Wird sie damit nicht verherrlicht? Oder verhohnepipelt? Man hat eben „wieder eine schreckliche Ermordung gesehen“! Die Inszenierung ist sehr gelungen, sehr gelungen! Aber warum schaut man es sich an? Sollte man sich nicht fragen, warum man sich etwas ansieht? Bei Milo Rau ist es anders. Er lässt einen Zuschauer zurück, der sich viele Fragen stellt bei all dem grausamen Realismus. Bei Federico Bellini dagegen hatte ich am Ende keine Frage. Es blieb in einer bewegenden und eindringlichen, auch extremen Inszenierung ein fürchterliches Ereignis, das zu keinen weiteren Fragen anregte. Das ist jedenfalls das große „Aber“. So ging es mir jedenfalls. Aber sehen Sie es sich selber an!

Das Stück wird übrigens sehr kontrovers, hauptsächlich sehr kritisch gesehen. Viele negative, sehr negative Stimmen liest man auf http://www.nachtkritik.de. Am Ende des Beitrags auf http://www.nachtkritik.de (HIER) liest man Stimmen aus der Presse und von Zuschauern.

Hier noch ein Bild:

©️ Matthias Horn

HIER der Link zur Programmseite des „Stückes“ auf der Website des Residenztheaters. HIER Aussagen des Regisseurs Antonio Latella zum Stück.

©️ des Beitragsbildes oben: Matthias Horn

THEATER: Coming soon

Es werden in den kommenden Wochen – in München – in recht kurzer Zeitfolge Inszenierungen zu sehen sein, die m. E. durchaus besonders zu erwähnen sind. Warum sie erwähnt werden, wird im folgenden jeweils kurz erklärt. Wen es interessiert: Man muss einfach erkennen, was alles nach München kommt und in München gebracht wird.

  • 22. März: Federico Bellini, Die göttliche Komödie, Pasolini <> Dante, Premiere und Uraufführung am Residenztheater. Hierzu vermute ich nur, dass es sehr interessant wird: Pier Paolo Pasolini wurde im Alter von 53 Jahren in der Nähe von Rom (Ostia) anscheinend von einem 17-jährigem Strichjungen brutal ermordet. Die Inszenierung des Regisseurs Nico Latella rekonstruiert den Mord an dem Filmregisseur und Dramatiker aus verschiedenen Blickwinkeln und verknüpft die privat durchlebte Hölle des Dichters mit dem gleichnamigen Teil aus Dantes „Göttlicher Komödie“. Ich glaube nicht, dass es ein gewöhnlicher Theaterabend wird. Allein die Mischung von Dantes „Göttlicher Komödie“ und dem Leben und der brutalen Ermordung von Pier Paolo Pasolini finde ich recht außergewöhnlich. HIER der Link zur Seite des Residenztheaters.
  • 28. März: Stefan Pucher, Das Leben des Vernon Subutex, Premiere an den Kammerspielen. Eine Arbeit des Ensembles der Münchner Kammerspiele. „Das Leben des Vernon Subutex“ gilt als der Gesellschaftsroman unserer Zeit, als „Die menschliche Komödie“ (Balzac) des 21. Jahrhunderts. Regisseur Stefan Pucher, der zuletzt an den Kammerspielen „América“ von T.C. Boyle und „Wartesaal“ inszeniert hat, bringt Vernon Subutex und seine Bande auf die Bühne. Mal sehen, Pucher ist manchmal fast zu zahm. “Wartesaal“ etwa, war schön, aber nicht außergewöhnlich. Trotzdem nenne ich es hier. Unbedingt schon das Ensemble der Münchner Kammerspiele ist es wert. Dreizehn Mitglieder des Ensembles werden mitwirken. HIER der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele
  • 29. März: Philipp Quesne, Farm Fatale, Premiere und Uraufführung
    an den Kammerspielen. Philipp Quesne schafft besondere Bühnenerlebnisse. Er arbeitet stark visuell. Manchmal fast ohne Text. Zum Beispiel bei „Caspar Western Friedrich“ (HIER mein damaliger Beitrag) oder der „Nacht der Maulwürfe“ (HIER ein Trailer). Zuletzt war er mit „Crash Park“ an den Kammerspielen (HIER mein damaliger Beitrag). Auch er ist also zum wiederholten Mal an den Münchner Kammerspielen. International ist er sehr bekannt. Außergewöhnliche auf jeden Fall. Siehe am besten auf der rechten Seite des Blogs – in der „Sidebar“ – den Link zu bekannten Performancegruppen und auf der dortigen Liste unter Philipp Quesne. HIER der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele.
  • 12./13. April: Thom Luz, Girl from the Fogmachine Factory, Gastspiel
    an den Kammerspielen, nur am 12. und 13. April 2019. Thom Luz ist mit diesem Stück zum diesjährigen Theatertreffen im Mai in Berlin eingeladen. Die Münchner Kammerspiele haben es geschafft, dass dieses Stück vorab noch in München gezeigt wird. Auch hier wird es weniger um Text gehen. Es wird um Nebel und Nebelmaschinen gehen. HIER der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele. Thom Luz war schon im vergangenen Jahr mit seiner damaligen schönen Inszenierung zum Theatertreffen eingeladen. Mit „Traurige Zauberer“, HIER mein damaliger Bericht. Auch über das neue Stück findet sich etwas über den Link zu den Performancegruppen rechts oben und dort in der Liste über den Link zur Produktionsgesellschaft „Bernetta“.
  • 13./14. April: Monster Truck, Phaedra, Gastspiel an den Kammerspielen, nur am 13. und 14. April 2019. Auch Monster Truck ist eine bekannte Performancegruppe. Auch hierzu findet sich am besten der Link zu Monster Truck über den Link zu den Performancegruppen in der rechten „Sidebar“ des Blogs. HIER wieder der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele. Wie es wird, weiß ich nicht. Es ist aber interessant, Monster Truck als Performancegruppe zu sehen. Sie waren auch schon ein/zweimal an den Kammerspielen.
  • Seit vergangener Woche, dem 15. März, läuft von Wim Vanderkeybus und seiner Gruppe Ultima Vez, „Die Bakchen – lasst uns tanzen“, am Residenztheater. Auch dieses Stück gehört zu den derzeit sicherlich bemerkenswerten, außergewöhnlichen Stücken. So, wie all die oben genannten Stücke wahrscheinlich etwas außergewöhnlich sein werden. Ich hatte ja kürzlich über die Premiere des Stückes „Die Bakchen“ geschrieben. Es ist nicht nur Theater, sondern eine Kombination von Theater, Tanz, Malerei, Musik und ein wenig Ekstase. Unter Mitwirkung der interessanten Gruppe von Ultima Vez. Auch sie findet sich in der Liste der Performancegruppen über den Link in der rechten Sidebar des Blogs. HIER mein Beitrag zur Premiere. Und HIER auch der Link zur Seite des Residenztheaters.

Ich werde alle noch kommenden Stücke (mindestens einmal) ansehen und jeweils über Eindrücke und Überlegungen dazu schreiben.



THEATER: Peter Verhelst – „Die Bakchen – Lasst uns tanzen“ nach Euripides

Wir werden ja im Grunde permanent von irgendetwas „angegriffen“ oder besser: „herausgefordert“. Jeder von etwas anderem. Schule, Beruf, Familie, Beziehung, Kinder, Sport, alles. Auch wenn wir es nicht als Angriff erkennen, wir „verteidigen“ uns, wir wollen ja bestehen. Das ist unser Leben. Nur: Mit welcher Einstellung verteidigen wir uns? Wie gehen wir auf diese „Angriffe“ oder „Herausforderungen“ zu? Wehren wir sie ab? Verwirren sie uns? Lernen wir aus ihnen? Sind wir rechthaberisch? Wie sind die Ergebnisse?

Auch Dionysos und seine wilden Bakchen – von Dionysos verwirrte Frauen, die vor Theben wilde Feste feierten – waren in der griechischen Mythologie ein solcher „Angriff“. Ein Angriff auf den ordnungsliebenden Pentheus, den König von Theben. Eine „Herausforderung“. Pentheus ging auf den Angriff zu, dazu ließ er sich überreden. Er wollte die ausgelassenen Feiern der Dionysosanhängerinnen – der Bakchen – erleben und: Er scheiterte, wurde von der eigenen Mutter in ihrem Wahn getötet. Kein schönes, kein lehrreiches Ende, eher abschreckend, vor allem politisch gesehen. Es geht ja in „Die Bakchen“ auch um eine politische Herausforderung. Dahinter steckt jedenfalls viel altgriechische Mythologie. Hierzu gleich mehr (siehe unten)

Am Freitag, den 15. März, war Premiere und Uraufführung einer bemerkenswerten Inszenierung dieses „Konfliktes“ im Cuvilliés-Theater, dem kleineren „Ableger“ des Residenztheaters in München. Die Inszenierung war bemerkenswert wegen der Herangehensweise.

  • Nicht nur, dass der Intendant/Choreograf Wim Vanderkeybus den Text der „Bakchen“ von Euripides vom flämischen Schriftsteller Peter Verhelst überschreiben ließ. (Der Text ist nicht besonders tragend. Schöne Worte, die alles ein wenig erklären.)
  • Nicht nur, dass Wim Vanderkeybus wieder mit seiner „international contemporary dance company“ Ultima Vez arbeitet. Siehe rechts im Blog – im Sidebar – den Link zu bekannten Performancegruppen. Man findet dort auch den Link zu Ultima Vez und auf deren Website ihre Produktionen mt Videos. Der Tanz regiert also die Bühne.
  • Nicht nur, dass Wim Vanderkeybus den Street-Art Künstler Vincent Glowinski während des Stückes auf der Bühne arbeiten lässt. Ein seltener Eindruck, der eine sich ständig weiterentwickelnde Umgebung schafft. Ich glaube, Vanderkeybus arbeitete erstmals auf der Bühne so mit dem Street-Art-Künstler Glowinski, einem Freund von ihm, zusammen. Malerei regiert die Bühne. Schon wie er sich zu Beginn kopfüber an den Füßen angebunden aus 10 Meter Höhe an der Leinwand herablässt. Und immer im Hintergrund malend über die Bühne und das Geschehen huscht.
  • Nicht nur, dass die Inszenierung von Livemusik begleitet wird.

Nein, alles zusammen war es, was es ausmachte. Gerade die Kombination. Und sie bringt ein sehr eigenes Bild auf die Bühne. Man sieht nichts „Normales“. Aber genau das ist es ja, das Orgiastische der Bakchen, das Grenzenlose.

Der Abend wird außerdem insgesamt vor allem getragen von Gegensätzen: Von Gegensätzen und der Auflösung von Grenzen.

  • Inhaltlich ohnehin. Der ordnungsliebende Thebaner Pentheus, der die Auflösung der Grenzen beobachtet, gegen die wilden Dionysosanhängerinnen – siehe mehr dazu weiter unten.
  • Auch räumlich: Allein die Tatsache, dass dieses ungewohnte Stück in der barocken – ansich völlig unpassenden – Schmuckschatulle des Cuvilliés-Theaters gebracht wird, erzeugt einen riesigen Gegensatz zwischen „gediegenem Theater“ und „dem Wahn verfallen, orgiastisch“. Zwischen Cuvilliés-Theater und der Gruppe Ultima Vez.
  • Auch die Bühne: Anfangs ist sie klar und sauber, nur ein paar schräg gestellte weiße Podeste zeigen nüchtern eine Hügellandschaft. Im Hintergrund eine 10 Meter hohe Leinwand. Am Ende ist die Bühne kaum wiederzuerkennen: Wild bemalt, zerrissene Tapeten überall – so, wie die Leinwand auf der Rückseite der Bühne, bemalte „SchauspielerInnen“.
  • Auch die Schauspieler: Anfangs sind sie noch geordnet, am Ende wild und – wie gesagt – ebenfalls bemalt. Siehe das Beitragsbild.
  • Auch ein Gegensatz: Alles auf der Bühne ist entweder weiß oder schwarz. Auch die SchauspielerInnen sind weiß oder schwarz gekleidet. Und Vincent Glowinski malt (hauptsächlich) mit schwarzer Farbe auf weißem Hintergrund.
©️ Wim Vandekeybus

Mythologisch geht es ja zumindest auch um Gegensätze: Das Gesamtgeschehen ist bei „Die Bakchen“ weitgehend verkürzt. Es gibt mehrere Mythen um Dionysos. In den „Bakchen“ von Euripides geht es nur darum, dass Dionysos nach Theben zurückkehrt und als Gott anerkannt werden will. Das ist der „Angriff“ gegen Pentheus, den König von Theben. Die „Herausforderung“. Die Zerstörung der Ordnung.

Insgesamt sieht es grob etwa so aus: Zeus hatte eine irdische Geliebte, Semele. Sie ist schwanger von ihm. Semele ist die Frau des Königs von Theben, Kadmos. Kadmos der Vater von Pentheus. Semele ist mit Dionysos schwanger. Hera, die Frau von Zeus, ist eifersüchtig. Sie sorgt dafür, dass Semele Zeus erblicken will. Wer Zeus erblickt, stirbt. So geschieht es auch mit Semele. Zeus holt aber seinen Sohn Dionysos noch aus dem Bauch von Semele und näht ihn sich in den Oberschenkel ein. Klar, in den Oberschenkel. Die „Schenkelgeburt“, die „zweite Geburt“ von Dionysos, ist dann zwei Monate später. Dionysos ist der einzige unsterbliche Gott mit einer sterblichen Mutter. Dionysos zieht also nach Theben, um als Gott anerkannt zu werden. Man verweigert ihm dort die Anerkennung als Gott. Er verwirrt die Frauen. So entsteht sein Kult. Alle Frauen von Theben folgen seinen orgiastischen Lustbarkeiten. Pentheus dagegen möchte in Theben Ordnung bewahren. Er ist ratlos angesichts des Wahnes der Frauen. Er schaut es sich an, wird von seiner Mutter im Wahn nicht erkannt … und so weiter.

Also: Was tun gegen den Wahn der Frauen, gegen Dionysos, das war Pentheus‘ Überlegung. Was tun gegen einen solchen Wahn überhaupt? Oder allgemein: Was tun gegen den Glauben vieler Menschen an bestimmte Kräfte, die die bestehende Ordnung zerstören, jedenfalls mißachten wollen. Ein irgendwie ja immer aktuelles Thema. Allerdings mit keinem guten Ausgang für denjenigen, der die Ordnung bewahren wollte, den ratlosen Pentheus, der zuerst noch herkömmlich zu den Waffen greifen wollte. Tja, sein Vorgehen hat ihn dann selbst zerstört. Aber auch kein guter Ausgang für die Mutter in der Gruppe der wahnsinnigen Frauen. Kein gutes Ende. Insoweit fällt es schwer, diesen durch alles zusammen in seiner Exzessivität schön besonderen Abend mit einer positiven Anregung zu verlassen.

Die Gesamtheit der Inszenierung ist jedenfalls auffallend ungewöhnlich, mit schönen Passagen. Man kann sich der Kombination von wildem Tanz, Musik, Malerei und Ekstase hingeben. … Allein wie sie sich tanzend immer wieder im Kreise drehen oder schwingen lassen … Hier noch zwei Aufnahmen:

©️ Danny Willems

©️ Danny Willems

HIER der Link zur Seite der Inszenierung auf der Website des Residenztheaters.
 
©️ des Beitragsbildes ganz oben: Danny Willems

MUSIK: Rio Reiser – Für immer und Dich

Wer am Sonntag den Tatort „Für Immer und Dich“ gesehen hat, hat dieses Lied am Anfang und am Ende gehört. Man kann natürlich sagen: Eine Schnulze! Rio Reisers „Für Immer und Dich“. Aber gut, warum nicht! Das Besondere ist vielleicht: Es ist nicht sanft, nicht lieblich gesungen, es wird mit großer Überzeugung erst ganz ruhig gesungen und dann fast herausgeschrien.

Es ist ein konsequenter, intensiver Song, vom Text her, von der Musik her. Aber trotzdem ist es eben eine „Schnulze“. Auch wenn die schöne Aussage kommt: „Egal, wie du mich nennst, egal, wo du heut pennst!“ Und noch etwas: Die Kommissarin des Tatorts war Eva Löbau, sie ist seit dieser Spielzeit Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele. Zu sehen derzeit etwa in „Kill The Audience“ und Ende April in „Drei Schwestern“, einer Inszenierung von Susanne Kennedy an den Münchner Kammerspielen. Also hat sich doch wieder ein Bogen gespannt. Rio Reiser ist ja schon 1996 gestorben.

THEATER: Hugo von Hofmannsthal – Elektra

Es gibt „Theateraufführungen“, bei denen man im Grunde vor der Frage steht: Was sieht man sich da an? „Theater“? Nun, Definitionen sind natürlich schnell künstliche Schranken, die versuchen, Phänomene zu erfassen und einzuordnen, die sich aber doch weiterentwickeln.

Definieren sollte man daher auch den Begriff „Theater“ nicht unbedingt, vieles entwickelt sich auch in der Theaterwelt weiter. Definitionen schaffen nur Schubladen. Eine dieser älteren Schubladen war natürlich das „Sprechtheater“. Aber dahingehend hat sich das Theater ja schon sehr weit geöffnet. Was auch schön ist! Aber trotzdem: Manchmal kann man sich fragen: Was ist das, was man sieht? Schauspiel? Performance? Wieder etwas anderes? Ich meine, man geht ja „ins Theater“.

Zwei derartige „Stücke“, die zu solchen Überlegungen Anlass gaben, konnte ich in den letzten Tagen sehen: „Oratorium“ von SheShePop in Augsburg und „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal in München. Über „Oratorium“ schreibe ich gesondert. Hier geht es um „Elektra“.

„Elektra“ läuft seit kurzem am Münchner Residenztheater. Eine Inszenierung von Ulrich Rasche. Wer „Ulrich Rasche“ hört, weiß zumindest seit seiner Inszenierung von „Die Räuber“ von Friedrich Schiller am Münchner Residenztheater Bescheid. Außerdem „Woyzeck“ von Georg Büchner. Beide Inszenierungen waren in den vergangenen Jahren zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Dieses Jahr ist von ihm „Das große Heft“ nach dem Roman von Agota Kristof eingeladen. HIER einen Trailer über „Das große Heft“.

Was Ulrich Rasche macht, sind gigantische Literaturshows! Es ist eben nicht „Theater“, sage ich mal. Es sind auch nicht „Performances“, das große Pendant heutzutage. Wobei das Wort „Literaturshow“ zu banal ist. „Literatur – Opus“ wäre der bessere Begriff für seine Art der Inszenierung. Oder besser: „Zelebrierung klassischer Literatur“.

Genau: Wahrhaft Zelebrierung klassischer Literatur. Auch „Elektra“ ist wieder eine solche Zelebrierung. Ein höchst aufwändiges Herauszerren eines klassischen Literaturtextes aus dem Schatten. Die klassischen Literaturvorlagen, denen sich Ulrich Rasche annimmt, werden auf gigantisch aufwendige („Das große Heft“ ist nicht so aufwendig – Dresden hat sicher nicht die Mittel, das Münchner Residenztheater ist da besonders -, aber nach demselben Modell gebaut), sehr beeindruckende, eindringliche und gleichzeitig geradezu bedrängende Art und Weise dargebracht. Immer begleitet von lauter und leiser Livemusik mit Pauken und Violinen. Wobei auch „Musik“ kann man es kaum nennen. Es ist eine akustische, immer wieder auch bis ins Bedrängende gehende Begleitung und Untermalung des Werkes. Sie führt das ganze noch einmal ins Extreme. Monotonie, Präzision, Perfektion, Lautstärke, Kraft, Akustik, Text, stundenlange Fußmärsche der Akteure. Nur das ist Ulrich Rasche.

Manche sagen zu seinen Inszenierungen „Mensch-Maschinen-Theater“. Den Grund dafür sieht man etwa im obigen Beitragsbild. Oder hier in diesen weiteren Bildern:

©️ Thomas Aurin
©️ Thomas Aurin

Ich finde aber nicht, dass der Begriff „Mensch-Maschinen-Theater“ passt. Es geht nicht um Schauspiel. Es wäre ja bei Ulrich Rasche seit Jahren dasselbe Schauspiel! Es geht um die Rezitation einer klassischen Vorlage. Mehr nicht. Fast wortgetreue bringt Rasche die Texte. Das Wort zählt, nur das Wort. Und nur das Wort muss man hier auch wirklich ernst nehmen! Entsprechend langsam und deutlich und laut sprechen auch die auf der Stahlkonstruktion gehenden „Akteure“. Die Nebeneffekte der gigantischen Textzelebrierung: Bei „Elektra“ gehen alle SchauspielerInnen auf einer sich drehenden Scheibe. Gegenläufig dreht sich ein dünnes Lichtband. Auch übrigens bei „Das große Heft“ geht man auf einer sich drehenden Scheibe , siehe im Trailer. Bei „Die Räuber“ waren es breite, riesige Laufbänder. Bei „Woyzeck“ wieder eine Scheibe.

Angegurtet, immer dunkel (schwarz – manche nur beige) gekleidet, immer die dunkle Bühne, manchmal hochästhetische Lichteffekte, immer die „Musik“. Ein bisschen Nebel. Die Scheibe, die Laufbänder bewegen sich. Drehen sich, kippen. Bei „Elektra“ auch: Die Scheibe (siehe oben) hebt, senkt und verschiebt sich. Hinzukommt diesmal: Der riesige Stahldeckel der Konstruktion, der sich auch bewegt und verschiebt. Ein riesiges Stahlkonstrukt.

Dieser Zelebrierung des Textes kann man meines Erachtens nur folgen – oder sich der Bedrängung durch die Eindrücke widersetzen, wenn man sich mit den Vorlagen, die gebracht werden, auseinandergesetzt hat. So auch bei „Elektra“. Ich hatte während der Vorstellung von Elektra dazu eine Herangehensweise, die ich gleich schildern werde, weiter unten.

Worum geht es nochmal in der klassischen Version von „Elektra“: Die Familientragödie. Der Vater Agamemnon opfert für guten Wind auf seiner Reise nach Troja die Tochter Iphigenie. Die Mutter Klytämnestra nimmt es ihm übel. Agamemnon kommt nach Jahren des Krieges nach Hause. Er wird von Klytämnestra und ihrem Freund Aigistos getötet. Dass Aigisthos dadurch König wird, ist natürlich auch ein schöner Effekt. Elektra wiederum, die Tochter von Agamemnon und Klytämnestra, möchte den Tod ihres Vaters rächen. Sie kann es nicht, versucht, ihre Schwester Chrysotemis zu überreden. Sie tut es auch nicht. Dann kommt ihr totgeglaubter Bruder Orest. Er tut es. Er tötet die Mutter. In der griechischen Urfassung von Elektra geht es Elektra dann gut. In der Fassung von Hugo von Hofmannsthal zerbricht Elektra daran.

Meine Sicht der Dinge an dem Abend war eine andere. Ich habe mir vorgestellt: „Es gab gar keinen Tod. Das mit den Toten war immer nur eine übertriebene Art der Darstellung einer ganz anderen Situation. Alles übertrieben.“

Es gab nur einen kleinen Familienstreit. Er dauerte vielleicht nur 10 Minuten. Und daraus hätten die Griechen – Euripides, Sophokles etc. – dann eben die Tragödie „Elektra“ gemacht. Ein durchaus heftiger Streit war es vielleicht, die Familie sollte eben, würde man heute sagen, einmal eine Therapie besuchen. Ich hatte diesen Gedanken, da Hugo von Hofmannsthal ohnehin eine psychologisierende Herangehensweise hatte.

Und so sah ich es im Einzelenen: Elektra, Orest und Chrysothemis sind nur Teile einer einzigen Person. Auch das war bei mir angeregt durch das wieder sehr interessante Programmheft des Abends. Die gigantische Stahlkonstruktion ist dann der Kopf von Elektra. Alles schmilzt zusammen. Es spielt sich nur kurz in Elektras Kopf ab: Eine Familiensituation war es: Elektra hatte sich – vielleicht schon vor längerer Zeit – mit ihrem Vater gestritten. Der Vater hatte sie irgendwie verletzt, weil er irgendetwas anderes für wichtiger hielt (also Iphigenie, einen Teil von Elektra, „opferte“). Das aber nur nebenbei.

Die Mutter Klytämnestra hat dann – einige Zeit später – einen Freund. Die Mutter wirft es dem Vater auch vor, dass er mit Elektra nicht gut umging, sie verletzte. Der Vater war wegen irgendetwas (der Wind) der Tochter gegenüber egoistisch. Die Ehe scheiterte eben. Wie so oft. Warum auch immer, es wäre die Aufgabe einer Therapie, bei der vielleicht herauskäme, warum sich die Mutter so über den Vater ärgerte. Weil sie sich über ihn ärgerte, hat sie einen Freund. Elektra möchte dann, war meine Vorstellung, der Mutter jedenfalls Vorwürfe machen. Da wurde früher eben geschrieben: Sie möchte die Mutter töten! Weil die Mutter diesen Freund hat (Aigistos). Und das sind die 10 Minuten, um die es nur geht. Elektra schafft es nicht, der Mutter einen schweren Vorwurf zu machen. Sie will mehr, als nur einen kleinen Streit anzetteln. Elektra ist belastet. Sie sagt ja auch: Warum liegt alles so schwer auf mir? Warum zerstört es mich? Psychologie pur.

Elektra redet in meinem ner Vorstellung mit sich selbst (mit Chrysothemis). Sie wartet auf die Kraft in sich (auf „den Bruder Orest“ als Teil von Elektra), ihrer Mutter diesen schweren Vorwurf machen zu können. Und etwa aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen, nach heutigem Muster. Sie bekommt dann die Kraft (Orest taucht ja auf), sie macht der Mutter den Vorwurf (Orest „tötet“ ja die Mutter) und im Anschluss daran geht es Elektra gut beziehungsweise schlecht. Im klassischen Text heiratet Elektra später den Pylades. Der ganz „normale“ Fall für eine Familientherapie eben.

Und so wurde der gigantischer Abend in meiner Vorstellung auf ein ganz normales Maß heruntergedampft. Das tat gut. Aber eins ist klar: Dieser Abend ist besonders, er ist absolut zu empfehlen, wenn man sich mit dem Text auseinandersetzt. Nicht einfach ein Schauspiel erwarten!

HIER geht’s zur Programmseite des Residenztheaters zu „Elektra“. HIER ein Filmchen über den Aufbau der Bühne bei „Elektra“.

©️ auch des Beitragsbildes: Thomas Aurin

THEATER: Karen Breece/ Berliner Ensemble – Auf der Straße

Im Rahmen des derzeit stattfindenden Brechtfestivals in Augsburg habe ich im Augsburger Staatstheater „Auf der Straße“ von Karen Breece unter Mitwirkung des Berliner Ensembles gesehen. Karen Breece war mir bekannt aus einer Veranstaltung im Münchner HochX, über die ich damals auch geschrieben hatte. HIER der Link zum damaligen Bericht.

Es ging damals im HochX unter dem Titel „Oradour“ um das Gedenken an das Nazigrauen. Karen Breece macht dokumentarisches Theater. Wobei: Theater kann man kaum sagen. Auch der Abend „Auf der Straße“ war wieder eine Dokumentation. Eine Dokumentation über das Leben Obdachloser in Berlin. Karen Breece recherchiert „intensiv“, bevor sie ein „Theaterstück“ macht. Das ist ihre Herangehensweise. Eine Dokumentation über das Leben Obdachloser ist auf jeden Fall angebracht! Es gibt – wird auch gesagt – zigtausende Obdachlose in Deutschland (wobei es übrigens, wenn es genau wird, eine Frage der Definition „obdachlos“ ist). Darüber jedenfalls im Fernsehen oder im Theater etwas zu zeigen, ist ein guter Ansatz.

Das Stück geht aber meines Erachtens bei weitem nicht weit genug! Es geht sogar in die falsche Richtung! Milo Rau etwa, der ja auch immer wieder an der Realität arbeitet, wäre viel weiter gegangen! Die Dokumentation hätte bei ihm mit Betroffenheit, nicht mit Beifall geendet.

Bettina Hoppe und Nico Holonics, SchauspielerInnen des Berliner Ensemble, sprechen auf der Bühne mit drei von Obdachlosigkeit beziehungsweise Armut Betroffenen. Diese wiederum erzählen von ihrem Schicksal und ihrer Situation. Später kommen noch weitere von Obdachlosigkeit und Armut Betroffene hinzu, der integrative Chor „Different Voices of Berlin“. Beifall.

Es bleibt aber, wie gesagt, nur im Ansatz interessant. Über die Situation der Betroffenen zu hören, über ihre Schicksale, ihre Jugend, darüber, dass sie Lebensmittel von der Tafel holen, wieviel Geld sie monatlich zum leben haben, was Sozialarbeiter erleben, das ist gut. Es werden auch durchaus krasse Dinge geschildert. Aber es rutschte mehr und mehr ins Klischee ab. Es endete mehr oder weniger mit dem Gedanken: „Schaut auf uns!“ So auch dann der Gesang des Chors. Wir unterschätzen sicherlich die schwierige Situation all dieser Menschen. Gesundheitlich, psychisch, alles! Wie sie allein um ihren Schlafplatz „kämpfen“! Deswegen ist ein „Schaut auf uns!“ durchaus gut. Aber: Bei Karen Breece schwang meines Erachtens der unpassende Hintergedanke mit: „Sie sind eben rausgefallen aus unserer tollen Gesellschaft“.

Unsere tolle Gesellschaft! Rausgefallen! Da hätte man ansetzen müssen! „Schaut auf uns“ klingt nach: „Alles ist doch in Ordnung, in unserer Gesellschaft, aber bitte schaut auf die Obdachlosen, die nicht dabei sind!“ Es ist aber nicht alles in Ordnung! Und ich glaube sogar, der ein oder andere Betroffene – also Obdachlose oder von Armut Betroffene – will gar nicht in dieser Gesellschaft leben. Diese Gründe wären auch interessant gewesen! Und dann wäre es nicht um Mitleid, sondern um Respekt gegangen. Dieser Gedanke kam aber an diesem Abend überhaupt nicht zum Tragen.

Trotz der guten Ansätze von Karen Breece muss man meines Erachtens bei diesem Thema aufpassen: Schnell ist alles verlogen. Und da war der Abend von Karen Breece nicht eindeutig genug!

Man kann Karen Breece eigentlich nur raten: Dranbleiben an dem Thema!

©️ des Beitragsbildes: Julian Röder

THEATER: Herbert Achternbusch – Susn

Niederbayern. Das flache, weite Land – das einfache Leben – Bauernfamilien – kein Schickimicki – die Kirche – jeder kennt jeden – nichts verändert sich … Ein Klischee in den Augen eines Städters? Nun, ich denke, früher war es noch deutlicher so, wahrscheinlich aber ist es immer noch so. Sicher ist es auch in anderen Gegenden Deutschlands so. Und wie kommt man da raus, wenn man da rauskommen will? Heutzutage wird es einfacher sein, dort rauszukommen. Man ist mobil in seinem Leben.

Man kommt heute generell viel schneller aus seinem ganzen Leben heraus! Aus seinem ganzen Leben. Andererseits klebt man eben doch immer an irgendetwas fest. Etwa symbolisch – wie Susn – an Niederbayern und damit doch an einem der Ursprünge der ganzen Entwicklung ihres Lebens.

Darum geht es ja. Herbert Achternbusch hat das Theaterstück „Susn“ schon 1980 geschrieben, vor fast vierzig Jahren! Das Stück wird jetzt schon seit mehreren Jahren in unregelmäßigen Abständen an den Münchner Kammerspielen in einer Inszenierung von Thomas Ostermeier gezeigt.

Herbert Achternbusch war damals 42 Jahre alt. 1980, das war natürlich noch eine andere Zeit. Es geht um das niederbayerische Mädchen „Susn“, Susanne. Es geht also eigentlich darum, wie Susn aus ihrem Leben (nicht) heraus kommt, nicht etwa nur darum, wie sie „örtlich“ aus Niederbayern herauskommt. Sie strengt sich an – will aus der Kirche austreten – studiert (vielleicht in München) – stellt in Studienzeiten alles mögliche infrage – verzweifelt dann mehr und mehr an ihrem faden Eheleben angesichts ihres Ehemannes, der sich nicht um sie schert – und stirbt schließlich. Sie bleibt immer die Niederbayerin, die rückblickend mit ihrem Leben nicht unbedingt glücklich sein konnte. Und am Anfang und am Ende spielen die Kirche und der Glaube eine gewisse Rolle. Immer wieder die Kirche. Auch das hat sich vielleicht bis heute etwas verändert. Am Anfang in der Beichte, wo sie dem Pfarrer wirre Jugenderfahrungen erzählt, und am Ende, wenn sie sagt, ihr höre eigentlich nur der Herrgott zu, wer denn sonst? Andererseits nimmt sie die Kirche am Ende irgendwie nicht mehr so ernst, so klingt es jedenfalls.

Es ist ein grandioser Abend für Brigitte Hobmeier und Edmund Telgenkemper mit fast so etwas wie Kultstatus. Nicht inhaltlich, aber irgendwie bezüglich der ganzen Darbietung. Edmund Telgenkemper verfolgt zwar fast durchgehend wortlos (als Pfarrer und später als der Lebensgefährte von Susn), wie Brigitte Hobmeier mehr oder weniger Monologe hält. Aber es sind beide, die die Stimmung des Abends erzeugen. Neben der großflächigen, meterbreiten schwarz-weißen, stummen Videoaufnahme an der Rückseite der Bühne, wo man ganz langsame Sequenzen aus Niederbayern betrachten kann – eine Straße, ein Bauernhof. Und neben dem leichten Leberkäsgeruch im Theater – da Brigitte Hobmeier vor Beginn des Stückes warmen Leberkäs an das Publikum verteilt. Und neben dem einfachen Setting insgesamt. Susn trägt – wie in Achternbuschs Text – weiße Kniestrümpfe und einen weißen kurzen Rock, auch das schon.

Und beide, Brigitte Hobmeier und Edmund Telgenkemper, legen im Grunde immer wieder ihre Hilflosigkeit an den Tag. Brigitte Hobmeier zeigt als Susn diese Hilflosigkeit vor ihrem gesamten Leben. Edmund Telgenkemper zeigt sie irgendwie als zuhörender Pfarrer, der die Beichte der jungen Susn entgegennimmt, und später als der Ehemann von Susn, der hilflos nur noch seine eigene Schreiberei kennt.

Grandios ist, wie Brigitte Hobmeier Susn spielt. Sie spielt Susn schließlich in vier extrem unterschiedlichen Lebensabschnitten. Als 17-Jährige, als Studentin, als Ehefrau, als alte Frau. Es ist erstaunlich, wie gut sich Brigitte Hobmeier in diese vier verschiedenen Altersphasen hineinversetzt. Das ist der Genuss, den man aus diesem Abend ziehen kann. Besonders vielleicht auch deswegen, weil das Stück an der kleinste der drei Bühnen der Münchner Kammerspiele, der Kammer 3, gebracht wird. Man ist dem Stück damit einfach viel näher. Und weil die Bühne so kahl ist. Ein Tisch für Edmund Telgenkemper und ein Schminktisch für Brigitte Hobmeier. Das war’s dann fast. Es hat fast Werkstattcharakter.

Ansonsten merkt man: Diese Verwurzelung mit Niederbayern ist besonders, und sie war in den achtziger Jahren vielleicht noch deutlicher, als heute. Wahrscheinlich auch für Herbert Achternbusch. Und im Grunde zeigt sich darüber hinaus: Die Verwurzelung mit dem eigenen Leben ist eben immer immens. Niederbayern und das Leben. Aber es muss ja Gottseidank nicht immer so trist enden, wie an diesem Abend.

©️ des Beitragsbildes: Arno Declair, Münchner Kammerspiele

Vielen Dank dem Theater Verlag/Suhrkamp für den Text des Theaterstücks „Susn“ von Herbert Achternbusch!