Kategorien
Allgemein

THEATER: Otto-Falckenberg-Schule – Anna, Mascha und Julia

Die Studierenden des 3. Schauspieljahrgangs der Otto Falckenberg Schule, der Schauspielschule der Münchner Kammerspiele, haben sich nun in ihrer in gewisser Weise inhaltlich anspruchsvollen Abschlussinszenierung mit einigen der bekannten Werke Anton Tschechows gleichzeitig beschäftigt. Mit „Onkel Wanja“, „Die Möwe“, „Iwanow“, „Der Kirschgarten“. Auch in diesen Werken geht es bekanntlich um Tschechows fürchterliche, immer unlösbare Frage: Warum lebe ich? Was ist Liebe? Was macht das Leben aus? Warum ist es so schwer, glücklich zu sein? Das haben sie herausdestilliert aus diesen Werken, vor allem mit Blick auf weibliche Personen in den Stücken, damit haben sie letztlich Anton Tschechow dargestellt.

Sie haben es interessant gemacht, zu sehen ist es noch einmal am 27. Februar. Die Personen der oben genannten Werke sind dabei immer wieder im Gespräch mit Anton Tschechow persönlich, der zusammen mit seiner Schwester Mascha auf der Bühne der Therese-Giehse-Halle erscheint, sich einmischt, gefragt wird und sich auch Gedanken über sein Thema, Leben und Liebe, in seinen Personen macht. Die DarstellerInnen der Personen der Werke Tschechows treten auch teils aus sich heraus, sind dann die SchauspielerInnen und Schauspieler selbst.

Auch der Darsteller von Anton Tschechow (Luis Brunner) tritt aus seiner Rolle heraus und sagt etwa:

Und dann dachte ich mir: gehts in seinen Texten nicht genau darum?
Dass wir alle Menschen mit Wünschen, Ängsten und Sehnsüchten sind und wir können es uns nicht aussuchen, wer wir sind und was wir wollen und wir versuchen krampfhaft unser Leben lang irgendwie das Beste draus zu machen, aber wissen einfach nicht wie?

Mein Eindruck: Diese Befassung der 3. Schauspieljahrgangs der Otto Falckenberg Schule mit Anton Tschechow und seinem großen Thema hat etwas! Sie könnte sogar etwas für Christopher Rüping sein! Ich sehe es vor mir, in einer für ihn so typischen Inszenierung: Auf großer leerer Hauptbühne, mit Livemusik, die gewählte Zusammenstellung der Personen aus Tschechows Werken, … es würde gut passen (Die Inszenierung der Arbeit der Otto-Falckenberg-Schule entstand unter der Regie der schon recht erfahrenen und erfolgreichen Regisseurin/Performerin/Theaterleiterin Lizzy Timmers).

Inhaltlich ist es natürlich – ganz nach Anton Tschechow – recht traurig. Nicht nur Anton Tschechow war schließlich mit sich und seinen Werken nicht zufrieden, auch alle anderen Personen, die hier aus den Werken von Anton Tschechow auf der Bühne erscheinen, scheitern an oder hadern mit ihren Problemen, Sehnsüchten, Situationen, unerfüllten Wünschen, unerfüllter Liebe vor allem, an ihren Zweifeln … Traurig aber wahr! Einfach wahr – wie der riesige Mond, der (auch passend, Bühne Bettina Kirmair) über allem schwebt, fast etwas viel, aber lohnenswert!

HIER der Link zur Stückeseite.

Copyright des Fotos: Judith Buss

Kategorien
Allgemein

THEATER: Anton Tschechow- Die Vaterlosen

Es ist ein Theaterabend mit vielen vielen Eindrücken. Ein Eindruck etwa: Er hat es geschafft! Joachim Meyerhoff. Zurecht! Er spielt wunderbar, reibt sich auf als Dorfschullehrer Platonow – in Anton Tschechows „Die Vaterlosen“. Vor vielen Jahren war er Schüler der Otto-Falckenberg-Schule gewesen, der Schauspielschule der Münchner Kammerspiele.

Die damaligen Jahre hatte er bekanntlich köstlich beschrieben in seinem Buch „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“. Was muss das für ein Gefühl sein, er verbeugte sich nun – gestern zum ersten Mal (abgesehen von einer frühen Statistenrolle) – auf den Brettern der Bühne der Münchner Kammerspiele – am Ende einer Premiere vor dem Münchner Publikum! Und das nach einem so intensiven Theaterabend von mehr als drei Stunden – Premiere von Anton Tschechows „Die Vaterlosen“ – Claus Peymann saß im Publikum.

Es sind ohnehin Tage der „Rückkehr“: Sophie Rois etwa ist gerade an die Volksbühne am Rosa-Luxemburg -Platz in Berlin zurückgekehrt. (HIER ein Beitrag aus der SZ, HIER eine Besprechung des aktuellen Stückes). Auch ihn, Joachim Meyerhoff, kennt man gut, er ist ein mittlerweile höchst erfolgreicher Schauspieler, derzeit im Ensemble der Schaubühne, Berlin. Dort auch übrigens derzeit in der Arbeit an einem weiteren Stück von Anton Tschechow, „Die Möwe“ (HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Schaubühne).

Ein weiterer Eindruck: Es ist endlich wieder einmal ein Theaterabend „des Theaters wegen“, nicht „der Politik wegen“! Und schon wird man in seinen Gedanken freier, mutiger, nicht getrieben von den „engen“ Themen der politischen Gegenwart oder der Vergangenheit. Überspitzt könnte man ohnehin sagen: Es ist ja die Politik, die im Grunde immer schon alles kaputt macht, die uns blind macht, das Theater dagegen versucht zu retten, denn Theater „macht“ nicht, Theater „zeigt“. Zeigt Freiräume, Gedanken, Zustände …, öffnet die Augen! Gleich stellte man sich auch hier bei Tschechow Fragen etwa wie: Gilt das, was Anton Tschechow da zeigte, heute noch? Dazu weiter unten.

Ein dritter Eindruck: Die Inszenierung. Es ist die erste Arbeit von Jutta Steckel an den Münchner Kammerspielen. Sie ist derzeit Hausregisseurin am Hamburger Thalia Theater. Aus dem so großen Text von Anton Tschechow – fast 200 Seiten – hat sie einen dreistündigen Abend gemacht. In gewisser Weise dreigeteilt: In der ersten Stunde spielt sich alles vor der schwarzen Bühnenwand, dem Eisernen Vorhang, ab (auch im Zuschauerraum). In der zweiten Stunde spielt sich alles auf der tiefen dunklen Bühne ab, auf der Hochzeitsfeier des jungen Paares und in einem „Wald“ aus über 1000 Fiberglasstangen. In der dritten Stunde hat sich der Wald zurückgezogen. Jeder der drei Teile hat einen sehr eigenen Charakter. Gespielt wird von durchgehend wirklich sehr überzeugenden SchauspielerInnen, besonders überzeugend von Joachim Meyerhoff, der sich wie gesagt als zunehmend in Verwirrung geratender Platonow wahrlich verausgabt. Aber auch von Katharina Bach, Wiebke Puls, Thomas Schmauser … im Grunde spielen alle schlicht überzeugend. Ein schöner Schauspielabend!

Ein vierter Eindruck: Beeindruckend ist das Bühnenbild, wenn auch mit den Stangen im Laufe des Abends auf verschiedenste Arten etwas sehr viele besondere Effekte herbeiproduziert werden. Einem ökologisch denkenden Menschen dürfte außerdem der Wald von über 1000 Fiberglasstangen nicht unbedingt gefallen haben!

Ein fünfter Eindruck: Die Inszenierung schafft eine Verbindung zum Heute „nebenbei“ angenehm dadurch, dass an manchen Stellen des Stückes kurze weitgehend vielleicht improvisierte Gespräche, sogenannte „Dad Men Talkings“, über das Thema „Väter“, „Generationen“ und anderes stattfinden. Der Dramaturg Carl Hegemann unterhält sich darüber in kleinen Gesprächen auf der Bühne in jeder der noch kommenden Aufführungen mit einem anderen Überraschungsgast.

Ein sechster Eindruck: Das Stück selbst. Man verfolgt – neben dem Aspekt der „Vaterlosigkeit“ – die von allen Seiten hilflosen Versuche, Liebe zu zeigen, sie zustande zu bringen, sie abzuwehren, und und und. Es herrscht überall Orientierungslosigkeit. Fast ein weiteres Thema ist etwa auch das Verhältnis der älteren Generation hin zur jungen Generation. Anton Tschechow wollte mit dem Titel des Stückes allerdings wohl den Schwerpunkt besonders auf die „Vaterlosigkeit“ legen.

Das lässt sich erklären, es ist aber auch fraglich, da es im Stück mindestens genauso gut um die anderen genannten Themen geht. Anton Tschechow selbst war damals, als er hier sein erstes Werk schrieb, gerade „vaterlos“. Sein Vater hatte auf der „Flucht“ vor seinen Gläubigern die Stadt verlassen und den Sohn Anton wegen dessen Schulabschluss alleine zurückgelassen. Und Tschechow war damals gerade verliebt. Das große Panoptikum der verschiedenen Reaktionen und Meinungen in diesem Stück zu all diesen Themen gibt genug Anlass, die vielen Probleme zu erkennen.

Ein siebter Eindruck: Zeitgemäß? Daran werden sich die Geister scheiden! Das ist auch die Schwierigkeit des trotzdem so gelungenen Abends: Man könnte sich durchaus immer wieder sagen: „So, wie es von Anton Tschechow spitzfindig dargestellt ist, findet es heute alles nicht mehr statt!“ Stimmt sicherlich an vielen Stellen, trotzdem: Besonders die Fragen zum Verhältnis der Generationen zueinander bleiben: Was übernehmen wir von unseren Vätern? Wollen wir etwas übernehmen? Sind wir orientierungslos ohne sie? Was haben wir übernommen? Wollen oder sollen wir lieber „die Nabelschnur durchtrennen“? Übernehmen wir zu wenig von den Vätern? Wollen Väter immer alles weitergeben? Halten Väter nicht immer das, was sie gelebt haben, für richtig? Und und und. Der Umgang mit Liebesgefühlen – dem weiteren „Thema“ – ist dagegen heute wohl ziemlich anders!

Alles wird dabei getragen von wunderbaren SchauspielerInnen. Ist es die Figur des immer distanzierten, sarkastischen, immer verrückter werdenden Platonow, in der die meisten persönlichen Elemente von Anton Tschechow selbst enthalten sind? Auch er, Platonow (großartig: Joachim Meyerhoff), ist im Stück „vaterlos“. Die junge Generalswitwe Anna Petrowna Wojnizewa (wie immer souverän Wiebke Puls) ist zumindest „ehemannlos“, ihr Gut soll versteigert werden. „Vaterlos“ ist auch der Sohn des verstorbenen („Generalswitwe“) Generals, Sergej Pawlowitsch Wojnizew (Bernardo Arias Porras). Nicht vaterlos ist dagegen Sascha (Edith Saldanha), die Frau von Platonow, ihr Vater ist Oberst Triletzki (amüsant überspitzt Walter Hess). Der junge Arzt Triletzki (Martin Weigel) ist der Bruder von Sascha. Auch er hat also noch seinen Vater. Dabei sind außerdem noch der neureiche Glagoljew (wieder gut Edmund Telgenkämper), Sofia, die Frau von Wojnizew (wieder sehr gut Katharina Bach), der Pferdedieb Ossip (wieder sehr skurril Thomas Schmauser) und weitere.

Platonow sagt einmal: „Was ist nur aus uns geworden? Lausige Kreaturen, die von einer Ecke zur anderen kriechen, ziellos, ratlos.“ Auch ein Gedanke, den man mit sich trägt nach diesem doch auch langen, aber am Ende hoch überzeugenden Abend.

Ein letzter, achter Eindruck: Es ist grenzwertig „viel drin“ in dieser Inszenierung! Schauspielerisch hoch engagiert, dazu der Dad Men Talk, dann Livemusik, dann noch ein kleiner genereller Monolog mit aktuellen Bezügen (Text von Katja Brunner), schließlich die Themen, die vielfältigen Handlungen der Personen, das Bühnenbild, sich drehende Bühnenscheibe … sehr sehr viel, trotzdem!

Hier noch ein Bild:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

THEATER: DT Stream – Anton Tschechow, Die Möwe

Der Stream des Monats Februar des Deutschen Theater Berlin – DT „Stream des Monats“- läuft bis morgen, Sonntag, 20. Februar, 20:00 Uhr. Gezeigt wird eine Inszenierung des russischen Klassikers „Die Möwe“ von Anton Tschechow in der Regie von Jürgen Gosch. Das Thema Russland ist ja gerade sehr brenzlig, was man bei der Auswahl des Streams natürlich noch nicht wusste.

Wer schlicht „Weltliteratur auf der Bühne“ erleben möchte, hat hier jedenfalls etwas. Man sieht hier „Die Möwe“ VON Anton Tschechow, nicht etwa „Die Möwe“ NACH Anton Tschechow. Ja, so originalgetreu – wenn auch im Bühnenbild extrem reduziert – sieht man es heute selten. Der Blick auf diese Inszenierung zeigt: Es hat sich in den letzten etwa 14 Jahren Einiges geändert! Die damalige Inszenierung von “Die Möwe“ wurde im Jahre 2009 – 13 Jahre ist das her – zum Theatertreffen in Berlin eingeladen. Sie wurde damals außerdem von der Zeitschrift Theater heute zur Inszenierung des Jahres gekürt! Anton Tschechows „Möwe“ wird in dieser Inszenierung wortgetreu wiedergegeben. Ich fand es mittlerweile ja fast schon altbacken. Aber es war eine gefeierter Inszenierung. Vor allem nach Jürgen Goschs großem vorherigen Erfolg „Onkel Wanja“, der sehr ähnlich inszeniert war. Besetzt war „Onkel Wanja“ wunderbar! Mit Jens Harzer und Ulrich Matthes vor allem, ein Genuss und meines Erachtens schauspielerisch besser als „Die Möwe“. Auch „Onkel Wanja“ war damals eine Inszenierung am Deutschen Theater Berlin, zu sehen war sie im DT Stream vor einigen Monaten.

HIER der link zur Seite des Streams des Monats des Deutschen Theater Berlin.

Und HIER der Link zur Seite der Inszenierung „Die Möwe“ am Deutschen Theater Berlin.

Und hier zu “Die Möwe“ zwei Screenshots:

Die beiden – dunklen – Screenshots oben zeigen es: „Die Möwe“ ist eine für Jürgen Gosch typische Inszenierung: Wie bei “Onkel Wanja“: Kein Schauspieler verlässt während des Abends die Bühne. Alle sitzen hier auf einer langen Bank entlang der Trennwand der großen Bühne, gespielt wird auf einem schmalen Streifen im vorderen Bereich der Bühne.

Anton Tschechows „Die Möwe“ ist – wie bei vielen anderen der damaligen russischen Literaturklassiker (Strindberg, Tolstoi, Dostojewski, Tschechow und und und) – ein Blick auf das damalige Leben in Russland. Immer wieder Blicke auf das Leben „in der Stadt“ und das Leben „in der Provinz“. Auch Anton Tschechows „Die Möwe“ spielt auf dem Land, in der Provinz, auch wenn es hier im Stück auch sehr um das Verhältnis der Beteiligten zur Theaterkunst, um das Wesen und den “Nutzen“ der Theaterkunst geht. Und um Liebe und grundsätzliche Gedanken zum Leben natürlich. Aber, wie gesagt, es sind immer Blicke auf das damalige Leben in Russland. Blicke, die in heutigen Zeiten wenig bringen. Heute bereitet sich der russische Staatspräsident Wladimir Putin gerade darauf vor, in Europa in ein unabhängiges Nachbarland einzumarschieren. Weltpolitik. (Und ich schaue mir ganz unbehelligt ein russisches Stück an! Es liegt natürlich auch daran, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass Wladimir Putin tatsächlich militärisch vorgeht.)

Mein Eindruck aktuell: Russland will in der Weltpolitik wieder mitspielen. Die Frage, die sich ja vielleicht auch Wladimir Putin und seine Mannen (Frauen?) stellen: „Was ist denn Russland?“ Man fürchtet China, China geht einen sehr bewussten aggressiven Weg (staatlich gelenkter Kapitalismus mit globalen Ausdehnungsphantasien), man kennt Amerika, man kennt Europa, deren globales Freiheitsdenken, aber was macht denn Russland in der Weltpolitik noch aus? Welchen Weg in die Zukunft geht Russland? Ist Russland nicht irgendwie veraltet? Da fällt Wladimir Putin offenbar nichts anderes ein, als sich militärisch zu zeigen – geprägt von der Angst, das westliche Freiheitsdenken könnte irgendwann nach Russland überschwappen und Russland hätte seinen Bürgern keinen eigenen Weg in die Zukunft anzubieten. Und so weiter

Heute jedenfalls, im Jahre 2022, speziell in diesen Tagen, geht es um Russland und die Weltpolitik. Da hilft es natürlich wenig, Anton Tschechows „Die Möwe“ zu sehen. Trotzdem. Es muss und darf ja nicht alles immer Aktualitätsbezug haben. Und schließlich hat auch Anton Tschechows “Die Möwe“ etwas mit der russischen Seele zu tun.

Copyright des Beitragsbildes: Matthias Horn

Kategorien
Allgemein

THEATER: Leonie Böhm – Schwestern nach Anton Tschechow

Es ist schon ein paar Tage her, am vergangenen Donnerstag den 15. April war die Onlinepremiere. Ich sehe noch keine weiteren Termine in der Planung des Schauspielhauses Zürich, es wird aber sicherlich nicht bei dieser einen Aufführung bleiben. Leonie Böhm hat wieder etwas inszeniert, diesmal zusammen mit dem Schauspieler Lukas Vögler. Er ist es auch, der den Monolog hält, dem man folgen konnte.

Der Monolog geht zurück auf das bekannte Drama „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow. Gerade erst hatte Leonie Böhm am Schauspielhaus Zürich das Stück Medea* inszeniert. Auch das war weitgehend ein Monolog. Wie üblich, hat Leonie Böhm auch hier, bei „Schwestern“, nicht das Interesse, die Handlung des Dramas „Drei Schwestern“ irgendwie wiederzugeben. In Monologform natürlich erst recht nicht. Nein, es werden wieder einzelne Gedanken aus dem Drama Drei Schwestern herauskristallisiert. Diesmal sind diese Gedanken sogar nicht einmal deutlich im Roman angelegt. Es geht um den Gedanken: Braucht der Mensch einen anderen Menschen? Kann er nicht einfach aufwachen und sagen: Ja, das bin ich!

Es ist insoweit ein sehr aktuelles Thema, wahrscheinlich sogar aus der derzeitigen Situation heraus geboren. Inwieweit brauchen wir andere Menschen? Wir müssen uns wegen Corona zurückziehen, wir müssen uns isolieren, wir haben kaum Gelegenheiten, uns mit anderen Menschen zu konfrontieren. Lukas Vögler spricht es zu Beginn seines Monologes auch deutlich an: Auch der Zuschauerraum des Theaters ist leer!

Lukas Vögler spricht als Bruder der Drei Schwestern. Auf der Bühne ist nichts außer ihm und ein riesiger schwarzer Panther. Er selbst, Lukas Vögler, mit langen Haaren, Haaren, die bis über die Hüfte hinunter gehen, siehe das Beitragsbild oben. Er soll nicht irgendwen verkörpern, er steht für alle, undefiniert. Der Panther geht zurück auf das bekannte Gedicht „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke. Es ist ein so genanntes Dinggedicht, ein Gedicht des Naturalismus, es beschreibt einfach den – einsamen und gefangenen – Panther. Und der Leser – beziehungsweise hier der Zuschauer – kann sich seine Gedanken machen, kann überlegen, was die Situation des Panthers mit der Situation des Menschen zu tun hat. Das Gedicht:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
 
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
 
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Der Panther sieht nur Stäbe, auch die nicht mehr! Aber der Wille und das Herz! Das hat auch der Panther! Lukas Vögler verschwindet gegen Ende seines Monologs im Rachen des Panthers - so ist es gemeint.

Die Drei Schwestern, die bekanntlich abseits von Moskau leben, drehen sich bekanntlich im Kreis, Jahre vergehen. Sie brauchen aber irgendetwas, an dem sie sich reiben, aufzehren (können). Sie brauchen auch andere Menschen, scheint Tschechow zu sagen, Liebschaften entstehen, das mag auch der Gedanke sein, der Lukas Vögler und Leonie Böhm antrieb. Der Mensch kann nicht alleine sein. Daher auch der von Lukas Vögler gesungene Song „Ohne Dich“, ein Song der Gruppe Rammstein. Der Monolog von Lukas Vögler ist keineswegs tiefsinnig, aber er steigert sich gegen Ende der Inszenierung. Keine schauspielerische Höchstleistung, aber das muss und soll garnicht sein. Die Inszenierung ist in gewisser Weise ein „Schnellschuss“, der auf unsere derzeitige Situation eingeht! Aber ein Schnellschuss, der nicht deprimiert, sondern den Zuschauer doch mit einem guten Gefühl hinterlässt, Lukas Vögler spielt keinen „Verlorenen“, der sich etwa aufgibt.

HIER Der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhauses Zürich.

Copyright des Beitragsbildes: Gina Folly

THEATER: Simon Stone – Drei Schwestern nach Anton Tschechow

Die vierte Premiere der neuen Spielzeit am Münchner Residenztheater. „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, inszeniert von Simon Stone. Das „Stück“ kommt aus Basel, es „lief“ am Theater Basel, wurde 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen als eine der 10 „bemerkenswertesten“ Inszenierungen des Jahres 2017.

Über dem Stück liegt etwas wie: Wenn Menschen miteinander reden, liegt die Wahrheit selten in dem, was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen.

Die Inszenierung wird nun gewissermaßen den Münchner Theasterfreunden vom Residenztheater „geschenkt.“ Es ist ein schönes Geschenk!

Ich hatte die Inszenierung damals in Berlin gesehen. Jetzt hatte ich erneut die Gelegenheit. Mit komplett denselben SchauspielerInnen kann man sie jetzt wieder sehen. Denn zusammen mit dem Intendanten Thomas Beck sind unter anderen genau die SchauspielerInnen, die an dieser schönen Inszenierung immer schon mitwirkten, von Basel nach München, an das Residenztheater, gewechselt. Barbara Horvath, Franziska Hackl, Liliane Amuat, Nicola Mastroberardino, Cathrin Störmer, Michael Wächter, Elias Eilinghoff, Simon Zagermann, Max Rothbart, Roland Koch, Florian von Manteuffel.

Es wechselten noch weitere SchauspielerInnen vom Theater Basel an das Münchner Residenztheater, man sieht ein großes neu zusammengestelltes Ensemble.

HIER mein damaliger Bericht über die Inszenierung von „Drei Schwestern“, die am Theatertreffen 2017 in Berlin gezeigt wurde. Damals hatte ich etwa geschrieben:

Wenn es einen solchen Freundeskreis gäbe: Lässig im Alltagsgeschehen, aber zugleich nebenbei intensiv, emotional, eindringlich, schlagfertig, direkt, austauschfreudig, prägnant. Bei aller Banalität. Dazwischen eine Umarmung oder ein Kuss, Streit, Tränen, Freude, Musik usw. Das Verhalten der jungen Truppe in diesem ausgewählten Stück ist so lässig und normal und gegenwärtig. Und zeigt andererseits ehrliche Emotionen, denen wir uns im wahren Leben ja selten wirklich öffnen! Wann umarmt man schon einmal jemanden? Wann gibt man schon einmal einen Kuss!“

Das ist ein Aspekt: Alltagsgeschehen. Drei Tage verfolgt man, verteilt über einige Monate, in einem Landhaus, das auf der Bühne steht und sich immer wieder langsam dreht. Ein sehr gelungenes Bühnenbild. Das Besondere ist, dass man immer wieder gleichzeitig in verschiedene Zimmer blickt. Weihnachtsvorbereitungen, Gurke schneiden, Musik, die Toilette, das Schlafzimmer, der Weihnachtsbaum … klingt unspannend, aber:

Die Zimmer bieten oft gleichzeitig Szenen. Die Kinder der Besitzerfamilie (Andrej und seine drei Schwestern, die zusammen das Haus geerbt haben) kommen mit Ihren Ehepartnern und ein/zwei Freunden zusammen. Das erste Treffen im Frühling, ein Geburtstag, die Weihnachtsfeier dann im Winter und der Auszug aus dem Haus im dritten Teil.

All das banale Alltagsgeschehen und Gerede zeigt sich vor dem Hintergrund, der im Programmheft gut dargestellt wird und vielleicht Tschechows Intention trifft:

Wenn Menschen miteinander reden, liegt die Wahrheit selten in dem, was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen. Sie reden, um zu reden. Sie reden, ohne einander zu antworten: aneinander vorbei, jeder mit sich selbst beschäftigt. Sie reden, um zu verschweigen, was sie denken. Sie reden, um sich selbst etwas vorzumachen. Immer wieder entstehen Pausen, weil sie einander nicht verstehen oder nicht zuhören. Tschechow entdeckte die dramatische Bedeutung des Schweigens“. (Siegfried Melchinger in: Süddeutsche Zeitung vom 02.11.1968.)

Und man liest im Programmheft:

„… vielleicht das vollendetste der Tschechow’schen Dramen … die ausschließliche Darstellung einsamer, erinnerungstrunkener, von der Zukunft träumender Menschen.“ (Peter Szondi, Frankfurt am Main 1965.


Jeder für sich ist auf seine Art auf dem Weg, sein eigenes Glück, sein Leben und auch das Glück und das Leben anderer zu zerstören, rennt irgendwie gegen die Wand. Oder trägt schon länger Unglück mit sich herum. Olga, die älteste der Schwestern (alle sind recht jung), sie ist es, der derallmähliche Verfall auffällt. Sie schreit – wild durch das Ferienhaus rennend: „Seid ihr alle vollkommen verrückt geworden??!!“ Sie kann es nicht aufhalten.

Alle SchauspielerInnen spielen hervorragend selbstverständlich ihre Alltagsrollen. Als würde man einfach einer jungen Truppe von Freunden zusehen. Das macht durchgehend Spaß. Man sieht Ihnen allen in diesem Landhaus so gerne zu, das „Stück“ wird den SchauspielerInnen ans Herz gewachsen sein.

Hier ein paar Andeutungen zu den sich anbahnenden Zerstörungen des persönlichen Glücks:

Mascha, die mittlere Schwester, ist mit Theodor verheiratet, der auch anwesend ist. Sie begeht Ehebruch mit Alexander. Alexander ist auch verheiratet, hat zwei Kinder, seine Familie bewohnt das Nachbarhaus, und begeht somit seinerseits Ehebruch. Sie wollen nach Amerika. Er erklärt Mascha gegen Ende allerdings …. ansehen! Alexanders Frau wiederum, hört man später, …. ansehen!
Irina, die jüngste der Schwestern, reagiert zögerlich, als sie von ihrem Freund Nikolai gefragt wird, ob sie ihn denn wirklich liebt. Und Nikolai … ansehen!
Olga, die älteste der Schwestern, zerstört dagegen am wenigsten. Weder ihr Leben noch das Leben anderer.

Andrej wiederum, der Bruder der drei Schwestern, ist drogensüchtig, verspielt alles Geld, hat seinen Job aufgegeben.
Roman, der etwas ältere Freund im Kreis, steckt im Existenzialismus fest, trinkt und … ansehen!
Das Ferienhaus: Die Geschwister müssen erkennen, dass das Haus, der Familienbesitz, verkauft wurde, von Andrej wegen seiner Schulden. Natascha, die Ex-Frau von Andrej, kauft das Ferienhaus und kündigt an, es schon „übermorgen“ abreißen zu lassen. Sie habe es von ihrem zweiten Mann geschenkt bekommen. Und sie erklärt ihrem ersten Mann Andrej nebenbei, dass ihr zweites Kind … ansehen.

Andrej fragt einmal sinngemäß: Suchen wir das Glück im Leben oder wollen wir es immer wieder zerstören? Wir rennen oft Dingen nach, die das Glück eher zerstören. Weil unsere Wünsche und Träume und Emotionen und Gefühle und Vergangenheit und Sehnsüchte und und und uns nach etwas anderem streben lassen.

Thema dieser Inszenierung ist der Verfall. Jeder hat Schwierigkeiten, das zu erreichen, was er/sie sich wohl vorstellt oder wünscht. Anton Tschechow zeigt Menschen, die mit ihrer Vergangenheit und ihren Zukunfts-vorstellungen nicht weiter kommen und dann – bewusst oder unbewusst – Dinge zerstören. Was harmlos beginnt, endet teils tragisch.

Ich dachte mir auch: Wie unterschiedlich die Aspekte sind, die man aus Tschechows „Stück“ „Drei Schwestern“ ziehen kann! So geht es in der derzeit „gegenüber“ an den Münchner Kammerspielen zu sehenden, völlig anderen Inszenierung der Drei Schwestern allein darum, dass die drei Schwestern nie vom Fleck kommen. Von Moskau träumen, aber nie dorthin kommen. HIER meine damalige Besprechung zu dieser auch sehr interessanten, höchst abstrakten Inszenierung von Susanne Kennedy.

HIER der link zur Stückeseite des Residenztheaters mit weiteren Bildern, Trailer etc.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then


THEATER: Susanne Kennedy – Drei Schwestern nach Anton Tschechow

Diese Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk geworden. Ein Gesamtkunstwerk, an dem viele Spezialisten – allesamt mit höchster Qualität – mitgewirkt haben. Ein Team um Susanne Kennedy herum. Heraus kommt ein Ergebnis, das man selten sieht, vor dem man selten sitzt.

Gut, ich liebe mitunter extreme Formulierungen, um Dinge deutlich zum Ausdruck zu bringen. Ich meine nicht, dass ich die Weisheit mit Löffel gegessen habe, aber hier ist wieder einmal eine solche extreme Formulierung angebracht – ich sehe ja viel Theater: Diese Inszenierung kann, finde ich, Theatergeschichte schreiben – zumindest an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen. Es sind ja viele Bausteine, die die Theatergeschichte erschaffen.

Der Klassiker „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow, geschrieben ganz am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, Uraufführung am 31. Januar 1901. Er ist der Ausgangspunkt für die Inszenierung von Susanne Kennedy an den Münchner Kammerspielen. Es ist eine Inszenierung VON Susanne Kennedy NACH Anton Tschechow. HIER ein kurzer Blick auf ihren bisherigen künstlerischen Weg. Es geht nicht um eine inhaltliche Darstellung des berühmten Stückes „Drei Schwestern“ VON Anton Tschechow. Vergangenen Samstag war Premiere.

Vorab ganz grundsätzlich: Allein die Tatsache, diesen russischen Klassiker über die drei Schwestern – die so gerne das langweilige Land in Richtung des ersehnten Moskau verlassen würden, und den wir uns immer wieder anschauen -, diesen Klassiker des Alltagslebens zu nehmen und ihn dann in so abstrakte Höhen und in eine so abstrakte Inszenierung zu führen, in der die Inhalte von Tschechows Werk „Drei Schwestern“ nur höchst ansatzweise – höchst ansatzweise – benötigt werden, das allein ist schon eine wunderbar gelungene Leistung! Was hätte Anton Tschechow dazu wohl gesagt?

Zum Äußeren: Alle Elemente der Inszenierung passen wahrlich zusammen! Die Münchner Abendzeitung etwa schreibt: „Visuell ist dieser Abend freilich faszinierend bis sensationell!“ Die Bühne ist eine riesige geschlossene Videoleinwand. Man sitzt vor einer riesigen Leinwand. Mitten in dieser Leinwand schwebt auf halber Höhe der kleine Bühnenausschnitt, der einen kleinen Raum hergibt (siehe oben das Beitragsbild)

Der Bühnenausschnitt schließt sich manchmal, dann öffnet er sich wieder. Mal sieht man auf der Videowand, die den Bühnenausschnitt schließt, grob gepixelte Personen. Ansonsten: Playback für jedes Geräusch, Masken, Stillstand. Mehr Distanz geht kaum. Man hat Distanz zu jeder Art „Geschehen“, zu den Personen – und damit öffnet sich andererseits eine Nähe zum Thema.

Man muss auch nicht sagen: Susanne Kennedy arbeitet ja schon wieder mit Masken und schon wieder mit voice over und schon wieder sehr abstrakt, schon wieder auf einer sehr engen Bühne. Entwickelt sie sich nicht weiter? Erstens: Wenn man das sagt, hätte im Grunde ein Frank Castorf schon vor Jahrzehnten in der Versenkung verschwinden müssen. Zweitens: Susanne Kennedy entwickelt sich natürlich weiter! Das bestätigen allein in kleinen Gesprächen Schauspieler der Münchner Kammerspiele, die ja schon mehrfach mit Susanne Kennedy zusammen gearbeitet haben oder sie jedenfalls daher kennen. Selbst „Die Selbstmord-Schwestern“, ihre vorherige Arbeit an den Münchner Kammerspielen, war eine Inszenierung, die noch etwas konkreter mit dem Ursprungstext umging. Auch demgegenüber scheint mir „Drei Schwestern“ eine Weiterentwicklung.

Schon vor Beginn der Inszenierung von „Drei Schwestern“ folgendes Bild: Man sieht auf dieser riesigen Leinwand – bei noch geschlossenem Bühnenausschnitt – dichte, undurchdringliche, bunte Wolkenmassen wabern. Ein unbestimmbarer Grummelton begleitet das irgendwie „Unendliche“. Es gibt ein „Außen“ – außerhalb des engen Bühnenausschnittes – und ein „Innen“ – innerhalb des Bühnenausschnitts. Vor Beginn durchziehen die Wolken noch beide Bereiche. Bis sich nur der enge Bühnenausschnitt öffnet und wir einen Blick auf diese schwebende, enge komische Welt bekommen, in der wir ja leben. Die sich jeder einbildet. Unser kleines Leben im großen Universum.

Auch die Masken, hinter denen sich die Schauspieler verbergen, und das voice over, die Ausstattung, die Kostüme, alles wirkt in dieser Inszenierung meines Erachtens gut zusammen. Sogar die wenigen Bewegungen der Schauspieler (vor allem von den drei Herren, Christian Löber, Benjamin Radjaipour und Walter Hess) tragen entscheidend zum Gesamtbild bei. Aus irgendeinem Grund wurden bei mir aus den fast statischen Person doch kleine Persönlichkeiten. Obwohl jede Stimme wieder Play-back gebracht wird – wie jeder Schritt, bis hin zu jedem Schluckgeräusch, jede Stimme ist noch dazu von einer anderen Person gesprochen, nicht vom/von der SchauspielerIn selbst.

Inhaltlich geht es nicht etwa um die „Drei Schwestern“ und deren Wünsche, deren Sehnsüchte: Die drei Schwestern – sie bleiben bei Susanne Kennedy natürlich namenlos – stehen eher für die Menschheit, den Menschen: Die Menschheit befindet sich in einer ewigen Zeitschleife. Letztlich wie die drei Schwestern, die nie vom Landleben wegkommen. Also das kleine Leben und die Menschheit: Loops! Es wird immer so weitergehen. The end is not the end is not the end is not the end is not the end … , heißt es einmal.

Warum machen wir das alle? Weil wir müssen. Und dann kommt Friedrich Nietzsches Überlegung herein (aus dem Off gesprochen): Was wäre denn, wenn wir dieses Leben nicht nur einmal leben müssten, sondern immer wieder, ganz genau gleich? Ein ewiger Loop? Was wäre dann unser Weg in einem solchen ewigen Kreis? Diese Überlegung von Friedrich Nietzsche stülpt Susanne Kennedy über den Klassiker „Drei Schwestern“. Es geht auf, weil es eine seltene Überlegung ist, die eine extreme Darstellung findet.

Ein wenig ist der Gedanke des tiefen „Erlebens des Momentes“ die Quintessenz aus der obigen Frage bei Friedrich Nietzsche und vielleicht auch bei Susanne Kennedy. Das allein bleibt im „Ergebnis“ bei Susanne Kennedy etwas offen. Aber was heißt schon „Ergebnis“. Susanne Kennedy will sicher keine Lösung präsentieren. Es geht darum, den Loop der Ewigkeit als Prinzip sogar hinter Anton Tschechows „Drei Schwestern“ aufzuzeigen. Der Abend endet dann dementsprechend auch ganz realistisch, wie das Leben – eben plötzlich mit einem „Cut!“ aus dem Off. Auf der Bühne sagt übrigens einer der Schauspieler (erkennbar Christian Löber) sinngemäß: „Wir können nur für die Liebe leben!“ Vielleicht ist das ein Weg, wenn wir tief im aktuellen Moment leben. Susanne Kennedy wird vielleicht darüber nachdenken. Allerdings wird die Liebe – ein großes Thema ja schon bei Anton Tschechows „Drei Schwestern“ – in dieser Inszenierung zwar zwei-/dreimal kurz erwähnt, aber in keiner Weise irgendwie gezeigt oder auch nur angedeutet. Als gäbe es sie dann doch gar nicht!

Es gibt also viele Aspekte, die diese Inszenierung zu einem besonderen Theaterereignis machen. Auch wenn nicht alles komplett verständlich war. Mir war etwa nicht klar, wie der Gedanke des menschlichen „Genius“ hier reinpasste. Der menschliche Genius, der die Dinge nur ganz für sich selbst erlebt, wurde letztlich zum Thema. Und wenn der Genius sein Erlebnis in Worte packt, muss er es einerseits – der Mensch will sich ja mitteilen – in Worte fassen, andererseits ist das Erlebnis damit nicht mehr das Erlebte, sondern etwas anderes. Denn jeder andere hört und versteht die Worte anders. So ist das natürlich. Aber das wurde dann doch etwas viel.

Trotzdem Gratulation, nicht nur an Susanne Kennedy, auch an die weiteren Mitwirkenden wie Lena Newton (Bühne), Teresa Vergho (Kostüme), Richard Janßen (Sounddesign und Video-Montage), Roderik Biersteker (Video) oder Rainer Casper (Licht) und die SchauspielerInnen, die in dieser Kennedy’schen Spielweise auch (wieder) besondere Erfahrungen gemacht haben.

Hier noch ein Foto:

©️ Judith Buss

HIER der Link zur Seite der Inszenierung auf dem Portal der Münchner Kammerspiele.

©️ des Beitragsbildes: Judith Buss