THEATER: Fritz Kater: Heiner 1 – 4

Heiner Müller sagte: … in erster Linie bin ich Dramatiker und wahrscheinlich ist das meine eigentliche Existenz und der Rest wird dann eben immer mehr Material mit der Zeit“. Um solches Material geht es im Berliner Ensemble im derzeitigen Stück „Heiner 1 – 4“ von Fritz Kater.

Ein Abend über Heiner Müller. Wer war denn Heiner Müller? Darum geht es. Interessant, aber durch die vier sehr verschiedenen Teile auch verwirrend. Heiner Müllers sehr diffizile, sehr besondere Persönlichkeit wird dadurch leider nur unscharf gezeichnet. Weil der Abend am BE ihn irgendwie mit unseren heutigen Methoden „verwischt“. Der Kern von Heiner Müller wird nur gestreift.

Gerade das Berliner Ensemble wird an der Frage nach Heiner Müller interessiert sein, war er doch am Ende seines Lebens (ab 1992) noch Intendant des BE (zusammen mit VIER anderen Intendanten).

Fritz Kater wiederum ist das Pseudonym von Armin Petras. Armin Petras ist (bekanntlich) deutscher Intendant, Theaterregisseur und Autor, der sowohl unter seinem Namen als auch unter dem Pseudonym Fritz Kater Theaterstücke und Adaptionen schreibt. Er ist derzeit Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart.

Eines wird klar: Wenn man versucht, Heiner Müller in irgendwelchen heutigen, also heutzutage annähernd „verständlichen“ Kategorien zu erreichen, muss man eigentlich scheitern. Er war besonders. Er lebte freiwillig in der DDR, war mit dem Zustand des Sozialismus unzufrieden, kritisierte den Stillstand, es müsse weiter gehen, war seine Überzeugung, und er verlor durch die Öffnung der Mauer, den Untergang des Sozialismus und das Verschwinden der Revolution im Grunde seine Existenzgrundlage. Er war ja sogar für den Mauerbau. Schon ein Satz wie: “Er war einer der bedeutendsten Autoren der DDR…“ führt letztendlich in die Irre. So passt es nicht auf ihn. Was soll das schon bedeuten! Damit meint man ja: Aus UNSERER Sicht. „Bedeutend“! In der DDR hatte er jahrelang größte Schwierigkeiten, wurde abgelehnt, nicht aufgeführt.

Heiner Müller war ein absolut besonderer Mensch, dessen Denken man eigentlich in seiner Radikalität nur unterschätzen kann. Ein Mann der Utopie! Der revolutionären sozialistischen Utopie. In „Fritz Katers“ Abend hätte noch mehr die Radikalität herauskommen können. Sie hätte mehr Thema werden können oder müssen. So aber blieb es eine Mischung aus (1) Vermutungen über die Privatperson Heiner Müller (die es eigentlich nicht gab), dann doch (2) guten Interviewausschnitten, dann wieder (3) seiner Zeit am BE (eher humoristisch dargestellt) und (4) einer recht verwirrenden Textmischung vom ehemaligen Autor Andrej Platonow und dem jungen Musiker Phillip Poisel.

Es geht hauptsächlich um die Schreibblockade, die Heiner Müller nach Wegfall der Grenzmauer zwischen der DDR und der BRD befiehl. Er konnte angesichts des „Sieges“ des Kapitalismus nichts mehr schreiben! Die sozialistische Utopie, an der er sich immer rieb, war weg! Er sagte ja sogar, dass sein früher Tod, der sich vor 1997 abzeichnete, damit zu tun habe.

Schlichte Bühne, fünf Schauspieler des Ensembles, mehr Vortrag als Spiel, was im Grunde gut passte.

Erstaunlich war der erste Teil: Blicke der SchauspielerInnen auf Fotografien mit Heiner Müller. Sie reden darüber. Es war der Versuch, Vermutungen über Heiner Müller als Privatperson anzustellen. Es gab aber keinen privaten Heiner Müller, scheint mir fast. Im späteren Interview antwortet er niemals wirklich persönlich. Man hört zwar von privat anmutenden Szenen, seiner jungen Frau, seiner späten Tochter. Aber was bringts, wer kannte ihn schon lachend, weinend, wütend, erfreut? Obwohl, es wird gesagt, dass gerade nach dem Wegfall der Mauer Heiner Müller auf sein Privatdasein reduziert wurde.

Auszüge aus Gesprächen mit Heiner Müller bringt der zweite Teil. Das war interessant! Etwa zum Theater:

  • Wie ist das Theater entstanden?
  • Heiner Müller (HM): Also, es gab lange Zeit keinen Regen und da ist eine Göttin rein in eine Höhle und hat Striptease gemacht und das haben die anderen Götter gesehen und mussten anfangen zu lachen, laut lachen, und dann hat es wieder geregnet, ja, so ging das los und dann kam noch ’ne Geschichte dazu irgendwann, damit man sich die Gefühle besser merken kann.
  • Und was ist ihr Antrieb, Theater zu machen?
  • HM: Das Ungenügen an der Welt, das Ungenügen an der Realität ist die Quelle jeder Inspiration und diese Zwänge braucht man, die Dinge, die einen dazu bringen ins Unbekannte, ins Dunkle zu gehen.
  • Und wie sollte es aussehen, das Theater, das sie sich wünschen, ich meine, was soll passieren?
  • HM: Keine Ahnung, da gibt es doch tausend Möglichkeiten (zündet sich eine Zigarre an). Von Rosanow gibt es eine Beschreibung eines Theaterabends: Die Zuschauer applaudieren, die Schauspieler verbeugen sich, die Zuschauer gehen raus, an der Garderobe vorbei, die Garderoben sind leer, die Mäntel weg, sie gehen raus aus dem Theater, in die Stadt und die Stadt ist weg, keine Häuser mehr da.
  • Warum gibt es in ihren Geschichten so viele Engel?
  • HM: Man braucht Engel, wenn es nicht weitergeht, wenn man keine Hoffnung mehr hat.
  • Kunst stört ja auch die Dummheit und die Sicherheit ...
  • HM: Ja, wenn sie neu ist, wenn sie etwas Neues versucht, dann gibt es ja auch Aggression gegen diese Kunst, weil sie verunsichert, wenn es zu wenig Aggression gibt, dann stimmt etwas nicht mit dieser Kunst.

Der dritte Teil dann war für Insider des BE. Mehr slapstickartig und zu aufgesetzt wurden Vorbereitungsszenen aus dem Berliner Ensemble der damaligen Zeit gebracht.

Der vierte Teil, wie gesagt, eine schwer verständliche Textmischung vom ehemaligen Autor Andrej Platonow und dem jungen Musiker Phillip Poisel.

Und hier noch etwas anderes: Aus einem Aufsatz (Janine Ludwig, „Die Wörter verfaulen / Auf dem Papier – Heiner Müllers Schreibkrise nach dem Untergang des Sozialismus“) über die Stellung von Heiner Müller in der ehemaligen DDR:

„Heiner Müller hat immer nach den Kosten des Sozialismus gefragt und die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit angemahnt, allerdings, um den Anspruch aufrechtzuerhalten, nicht um ihn zu desavouieren. Damit wurde er zum Problem für die Staatsführung, der er den Spiegel vorhielt und deren Hang zum Beschönigen der Verhältnisse er empfindlich störte. Im Grunde war er zu radikal, revolutionär, auch zu Gewalt-affin für die Regierenden – in seinen Augen Spießbürger, Biedermänner und Ein-bisschen-Wohlstands-Fetischisten, die es sich bald in der Nische namens „Übergangsgesellschaft“ bequem machten. Mit der Wirklichkeit, der „real existierenden“, die Müller Zeit seines Lebens „unmöglich machen“ wollte, arrangierten sie sich stillschweigend.“

Und noch etwas: Heiner Müller und der Engel: Siehe das Beitragsbild oben. Der Engel der Geschichte. Es geht zurück auf ein Gedicht von Walter Benjamin über das Wesen der Geschichte („Über den Begriff der Geschichte“). Dieser Engel der Geschichte, den Heiner Müller dann in einer eigenen Fassung „Der glücklose Engel“ nannte, blickt auf die Trümmer der Vergangenheit, wird fast zugeschüttet, steht versteinert in der Gegenwart und wird von der „gestauten“ – also blockierten – Zukunft bedrängt – bis doch irgendwann einmal wieder der Wind der Zukunft in die Flügel des Engels bläst. Diese Hoffnung hatte er immer.

Zum Fazit noch mal: Mit dem Wegfall des Sozialismus ist ja tatsächlich die letzte Utopie der Menschheit verschwunden. Wir leben nur noch in einer realen Welt. Utopie gibt es nicht mehr. Welche denn schon?

HIER die Onlineseite zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn

THEATER: Miranda July – Der erste fiese Typ

Ich hatte es schon längst gesehen, jetzt noch einmal. Es ist einfach ein schönes Stück an den Münchner Kammerspielen. Eine Inszenierung von Christopher Rüping, dessen 10-Stunden-Antikenabend „Dionysos Stadt“ gerade zum Berliner Theatertreffen 2019 im Mai eingeladen wurde. Das Stück „Der erste fiese Typ“ gibt es noch zu sehen.

Auch übrigens den sehenswerten Marathon „Dionysos Stadt“ (je an einem Wochenende pro Monat). Zu meiner damaligen Besprechung von „Der erste fiese Typ“ geht es HIER. Deshalb hier nur kurz.

Getragen wird das Stück schlicht von den beiden Schauspielerinnen Maja Beckmann und Anna Drexler. Es ist ein Theaterabend für die beiden. Sie werden musikalisch begleitet von Brandy Butler. Es geht um Cheryl (Maja Beckmann) , ça. 45 Jahre alt, die die junge, wilde Clee (Anna Drexler), Tochter von Cheryls Chefin, vorübergehend in ihre (ordentliche) Wohnung aufnimmt. Clee hat ein völlig anderes Lebensverständnis. Völlig ungehemmt, ohne viel Respekt, einfach drauf los. Cheryl dagegen ist eine sehr vorsichtige, zweifelnde Person, die eigentlich gar nicht aus ihrer Haut heraus kann. Da prallt einiges aufeinander.

Man sieht in diesem amüsanten und schön gemachten Stück, wie Cheryl nach größten Schwierigkeiten doch mehr und mehr Verständnis für Clee und auch Liebe für sie entwickelt. Liebe, die letztlich dadurch entsteht, dass Clee schwanger wird und ein Kind bekommt, um das sich letztlich zunächst Cheryl kümmert. Clee nennt das Kind – das sie ohnehin zur Adoption freigeben möchte – ganz einfallsreich Jack.

Und am Ende bekommt man noch ein schönes Lebensgefühl mit auf den Weg. Wir gehen alle unseren Weg, alles ist nicht so ernst, jeder ist anders. Ständig prallen Welten aufeinander, sie können zusammen finden. Ein positives Stück. Und Maja Beckmann und Anna Drexler: Top, sie spielen es herrlich in ihrer Unterschiedlichkeit.

Zur Onlineseite des Stückes mit Trailer geht es HIER.

©️ des Beitragsbildes: David Baltzer

THEATER: Berliner Theatertreffen 2019

Es wurden 418 Inszenierungen in 65 deutschsprachigen Städten besucht. 744 Voten gingen ein und die einzelnen Juror*innen haben jeweils zwischen 94 und 121 Inszenierungen gesehen. Insgesamt wurden 39 Inszenierungen vorgeschlagen und diskutiert.

HIER der Link zur 10er-Auswahl 2019. Die zehn bemerkenswertesten Theaterstücke deutschsprachiger Bühnen des vergangenen Jahres, die in Berlin im Mai gezeigt werden, stehen fest.

THEATER: Leonie Böhm – Yung Faust nach Johann Wolfgang von Goethe

Yes – ja, wir altern jeden Tag. Und irgendwann merken wir, dass wir nicht mehr jung sind. Schade! Das kommt auch bei Leonie Böhms „Yung Faust“ in den Kammerspielen zum Ausdruck. Es hatte vor wenigen Tagen Premiere in der Kammer 2.

Fausts Wunsch „Augenblick, verweile …“ und Fausts Suche nach der Liebe, die ihm das Leben näher bringen soll, wird in diesem Stück von Leonie Böhm aufgegriffen. Neben den beiden jungen Personen, den SchauspielerInnen Benjamin Radjaipour und Julia Riedler spielt Annette Paulmann, die ja eine Generation älter ist. Man lehnt sich an Goethes „Faust“ (Teil I) an, im Hintergrund schwingt die Geschichte mit, jeder spielt aber jeden. Immer auch mit einer gehörigen Portion erotischer Anziehung gegenüber dem anderen. Annette Paulmann geht dabei anders an das Thema heran: „Weißt du überhaupt, was Liebe ist?“ fragt sie etwa einmal altersweise Julia Riedler. Sie ist nicht alt, aber sie hat Erfahrung. Sie sieht die Dinge eben schon anders.

Und immer dieser Gram, den sie mit sich herum trage, weint sie dann einmal verzweifelt. Morgens Gram – abends Gram. Der Gram über das Leben. Die Last des Lebens. Das ist ja sehr ehrlich – je älter man wird … Ich merke es ja selber. Sie spürt den Gram, die anderen beiden wollen davon nichts wissen. Wann gebe es schon einen einzigen Tag, sagt Annette Paulmann, an dem auch nur einer ihrer Wünsche wirklich in Erfüllung geht! Das Leben ist kein Wunschkonzert, kann man da nur sagen. Auch wenn Faust es gerne gehabt hätte, mit seinem Pakt mit Mephisto, um das Leben wirklich zu verstehen. Und mittendrin bricht Annette Paulmann ihr Stage Diving (Schlittern über die nasse Bühne) ab und sagt nachdenklich: „Ich bin zu alt!

Vor allem die beiden jungen Schauspielerinnen Benjamin Radjaipour und Julia Riedler – beide 1990 geboren – suchen das „Wunschkonzert“. Yung Faust spielt ja auf “Jung“ an. „Yung“ wird in der Sprache des Hip Hop verwendet für jung, neu etc. Die beiden „jungen“ bringen Hip-Hop Bewegungen, auch wenn es um das Hexeneinmaleins geht, sie mischen sich – auch das faustähnlich – unter das Publikum, nehmen Kontakt auf. Sie wollen genießen, sie wollen die Liebe finden und sie versuchen sogar, Annette Paulmann, die „Bedenkenträgerin“, mitzureißen. Yung steht für ein ziemlich verwegenes Leben. Auf den Filmfestspielen 2018 in München gab es einen Film über verwegenes Leben junger Mädchen mit dem Titel „Yung“. Yung – ein Lebensgefühl. HIER ein paar Worte zum Film. Und HIER ein Trailer. Den muss man sich, glaube ich, anschauen, wenn man wissen will, was „Yung“ bedeutet.

Das Ganze wird spielerisch locker geboten. Es ist eine Spielerei mit Johann Wolfgang von Goethes „Faust“, Teil I, diesem Monumentalwerk der deutschen Literatur. Kein „Goethe-Abend“. Es gibt ja nicht mal ein Bühnenbild (es stehen irgendwo ein paar abstrakte Gegenstände auf der Bühne herum). Es ist eher ein Abend zu Beobachtung der drei SchauspielerInnen. Annette Paulmann und Julia Riedler sind wieder einmal gewohnt gut, besonders fällt aber – auch „wieder einmal“ – finde ich, Benjamin Radjaipour auf. Ein Schauspieler, bei dem man gar nicht merkt, dass ein Schauspieler spielt. Nicht nur durch seinen Gesang fällt er auf – dadurch aber auch.

Es ist also eine Spielerei mit Goethes altem Text, ein Versuch, ihn mit jungen Augen zu verstehen. Auch ein Versuch kann ja anregend sein. Es kann Augen öffnen. Mir ist nur aufgefallen, dass man die Suche nach dem Glück heute irgendwie schon anders sieht. Auch Faust ist eben in die Jahre gekommen. Es geht jungen Menschen heute vielleicht schneller um die Welt insgesamt oder so. Oder ist das nur die Sichtweise meines Alters? Ich bin eben nicht mehr yung.

HIER der link zur Seite der Produktion im Onlineauftritt der Münchner Kammerspiele. Mit den nächsten Terminen.

©️ des Beitragsbildes: Julian Baumann, Münchner Kammerspiele

THEATER: Chris Thorpe – Victory Condition

Es ist ein Stück mit drei Ebenen. Zwei Personen – drei Ebenen. Die beiden Personen haben jeweils eine eigene Story vor Augen, über die sie reden werden. Und es gibt die Ebene des gemeinsamen, aktuellen Geschehens. Aber da spielt sich nicht viel ab.

Sie kommen mit Koffern aus dem Urlaub zurück in ihre äußerst funktional eingerichtete gemeinsame Wohnung. Die Zuschauer stehen (!) nebeneinander um die geschlossene Bühne herum und betrachten das Geschehen auf der Bühne – die Wohnung des Paares – voyeuristisch durch schmale Sichtfenster.

„Mann“ und „Frau“ reden nicht miteinander, sondern führen Monologe. Jeder hat seine Überlegung. Er ist „beruflich“ irgendwo Scharfschütze und monologisiert über eine Frau, die ihm einmal – wahrscheinlich vor dem Urlaub – gefallen hat. Er beobachtete sie in einer Gruppe Protestierender. Und er stand davor, auf sie zu schießen. Allerdings, um sie berühmt zu machen und letztlich damit das System, gegen das sie offenbar ankämpfte, sogar zum Einsturz zu bringen, indem die Gruppe der Protestierenden dadurch nur gewinnt.

Sie dagegen monologisiert in der Wohnung darüber, dass auf der Welt alles gleichzeitig stattfindet, womit sie offenbar kaum zurecht kommt. Sie kam einmal – wahrscheinlich auch vor dem Urlaub – in ihr Büro und spürte besonders, dass alles gleichzeitig passiert. Oder lag sie nach einem Schlaganfall in der U-Bahn Station? Es kommt jetzt oder kam ihr damals jedenfalls so vor.

Ein Stück über die Tatsache, dass wir im Grunde nichts verstehen. Die Welt als ein Fehler. So kann es doch nicht gewollt gewesen sein. Die Menschheit wächst – durch die Globalisierung – immer mehr zusammen, aber sie wird immer träger und hilfloser im Umgang miteinander. Und alles erschüttert uns. Er sah also hilflos eine Frau, die gegen das System ankämpfte. Er musste auf sie schießen. Sie dagegen sah hilflos irgendwie diese Gleichzeitigkeit von Allem. Mann und Frau wirken nicht gerade begeistert von ihren Überlegungen – ihren „Rückblenden“ – nach der Rückkehr aus dem Urlaub. Die Überlegungen verwirren beide mehr und mehr, ihre Handlungen – Wein einschenken, duschen, kochen etc. – geraten zunehmend aus den Fugen.

Ihre gemeinsame Welt? Man könnte sagen: Es geht insoweit darum, dass sich zwei Menschen, obwohl sie zusammen leben (verheiratet sind?), überhaupt nicht austauschen, nicht austauschen können. Kommunikation gleich null. Jeder lebt in seiner Welt und ist letztlich schwer verwirrt. Die „Frau“ scheint nicht daran interessiert zu sein, wie es dem „Mann“ geht und umgekehrt. Er und sie tauschen während der eineinhalbstündigen Vorführung vielleicht zweimal relativ freundliche Blicke miteinander. Zwei oder drei Mal berührt er sie. Ansonsten blicken Sie sich verständnislos an. Erstaunlicherweise umarmen sich beide ganz am Ende … wer weiß warum.

Die Zuschauer sehen also hautnah zu. Ziemlich traurig und desolat, was man so sieht. Man beobachtet es so, als würde man einem Blick in den Alltag werfen. Man beobachtet, wie das geordnete Leben eines Paares mehr und mehr aus den Fugen gerät. Es gerät dadurch aus aus den Fugen, dass jeder seine eigene, nicht beherrschbare „Außenwelt“ hilflos vor sich hat. Er als Scharfschütze, sie als Designerin.

Eine traurige, aber interessante Beobachtung des britischen Autors Chris Thorpe über die heutige Welt. Regie der Münchner Inszenierung führte Sam Brown. Die beiden relativ jungen Schauspieler des Ensembles des Residenztheaters Nora Buzalka und Till Firit passen wunderbar, spielen es wirklich überzeugend, sehr glaubwürdig – was man ja besonders gut beurteilen kann, da man sie wirklich hautnah erlebt.

Es bleibt in der Umsetzung allenfalls vielleicht etwas zu artifiziell. Eine fürchterliche neutrale Wohnung, das immer schräger werdende Verhalten der beiden, die fürchterliche Nüchternheit untereinander. Die Schwierigkeit ihrer Überlegungen. Aber diese Art der Zuspitzung wird gewollt sein.

Hier der Link zur Seite der Inszenierung auf der Homepage des Münchner Residenzheaters.

Hier ein Link zur Seite des Bühnenbildners Alex Lowde, auf der man das – sehr nüchterne – Bühnenbild dieser Inszenierung sieht.

HIER ein Link zu einer kurzen Erklärung von Chris Thorpe zum Stück Victory Condition. Victory Condition ist ein Begriff aus der Welt des Gamings.

©️ des Beitragsbildes: Armin Simailovic

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SONSTIGES: Ein Augenblick.

Ein nicht so schlechter Text aus Richard Powers‘ „Die Wurzeln des Lebens“. So kann man es auch sehen. Das Beitragsbild oben ist aus „Caspar Western Friedrich“ von Philippe Quesne, das 2017 an den Kammerspielen gezeigt wurde. Das Verhältnis des Menschen zur Natur.

Der Text:

„Stellen wir uns vor, der Planet wird um Mitternacht geboren, unsere Lebensspanne beträgt genau einen Tag.

Zuerst ist da nichts. 2 Stunden vergehen allein mit Lava und Meteoren. Leben zeigt sich erst gegen drei oder vier Uhr morgens. Und auch da sind es nur die einfachsten selbstreplizierenden Bausteine. Von der Morgendämmerung bis zum Vormittag – eine Million Millionen Jahre Verzweigungen – nichts als simple, schlichte Zellen.

Dann ist da alles. Etwas Unglaubliches geschieht, kurz nach Mittag. Eine Variante dieser einfachen Zellen versklavt einige andere. Zellkerne bekommen Membranen. Zellen entwickeln Organellen. Was anfangs ein Zeltplatz für einen war, entwickelt sich nun zur Stadt.

Der Tag ist zu zwei Drittel um, als die Wege von Pflanzen und Tieren sich trennen. Und trotzdem besteht das Leben immer noch nur aus Einzellern. Es wird schon dunkel, als sich die ersten komplexeren Zellgebilde zeigen. Alle größeren Lebensformen sind Spätankömmlinge, stellen sich erst nach Einbruch der Dunkelheit ein. Neun Uhr abends beschert der Welt Quallen und Würmer. Später in derselben Stunde beginnt das Gewimmel – Rückgrat, Knorpelgewebe, eine Explosion der Körperformen. Von einem Augenblick auf den anderen sprießen überall in der sich immer weiter ausbreitenden Krone neue Äste und Zweige und wachsen in rasendem Tempo.

Um kurz vor zehn ziehen die ersten Pflanzen an Land. Dann Insekten, die sich sogleich in die Lüfte erheben. Augenblicke später kommen Landwirbeltiere aus dem Schlamm am Gezeitensaum gekrochen und bringen auf ihrer Haut und in ihrer Eingeweiden ganze Welten aus älteren Geschöpfen mit. Als es elf schlägt, ist die Zeit der Dinosaurier schon vorbei, und sie übergeben das Kommando für eine Stunde an die Säuger und Vögel.
Irgendwo in diesen letzten sechzig Minuten, hoch oben, fast am oberen Rand des stammesgeschichtlichen Blätterdachs, entwickelt das Leben Bewusstsein. Die Geschöpfe fangen an zu spekulieren. Tiere bringen ihren Kindern bei, was Vergangenheit und Zukunft sind. Tiere lernen, wie sie Rituale abhalten.

Der im anatomischen Sinne moderne Mensch taucht vier Sekunden vor Mitternacht auf. Erste Höhlenmalereien gibt es drei Sekunden darauf. Und im Tausendstel eines Klicks des Minutenzeigers löst das Leben das Geheimnis der DNA und macht sich erstmals ein Bild vom Baum des Lebens. Als die Mitternacht kommt, besteht fast der gesamte Erdball aus Monokulturfeldern, zur Erhaltung und Ernährung einer einzigen Spezies. Und das ist der Moment, in dem sich der Baum des Lebens von neuem verwandelt. Der Augenblick, in dem der mächtige Stamm ins Wanken gerät.“

©️ des Fotos: Martin Argyroglo, Münchner Kammerspiele.

THEATER: William Shakespeare – Richard III.

Ich hatte mich das ja schon einmal gefragt: Warum tut man sich das an, William Shakespeare! Warum schaut man sich diese verschiedenen unangenehmen Tyrannentypen immer wieder an? Diese „historischen“ Tragödien von Shakespeare sind doch weit weg von der heutigen Welt. Solche Typen gibt es doch wirklich nicht mehr!

Ich würde sogar noch weitergehen: Warum gelten sie eigentlich als so hehres europäisches Kulturgut? Ist das Teil unserer Geschichte? Shakespeare greift ja eigentlich immer wieder auf die Geschichte Großbritanniens zurück, nicht Europas – die Geschichte Schottlands, Englands, Wales, Irlands. Und gerade die Briten fühlen sich ja nicht unbedingt als Europäer. Stichwort Brexit. Ich will auf keinen Fall etwa „deutsches Theater“ – überhaupt nicht – ich bin für absolute Öffnung. Aber Shakespeare gilt bei alledem irgendwie als ein unumstößlicher Monolith im Theaterwesen. Deswegen frage ich mich: Warum?

Ich weiß, mit einer solchen Bemerkungen wische ich mal schnell weltweite Literaturgeschichte beiseite. Shakespeare gilt immerhin als der bedeutendste Autor der Weltliteratur. Was Deutschland angeht, liest man ja sogar bei Wikipedia:

Zu den Besonderheiten der deutschen Shakespeare-Rezeption seit der Romantik gehört die Auffassung, die Deutschen hätten eine besondere Affinität zu Shakespeare, sein Werk stehe der deutschen Seele näher als der englischen. Die Beschäftigung mit Shakespeare und die bis ins Politische reichende Popularisierung seines Werkes fand in der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, die im Jahr 1864 eher von Enthusiasten als von Fachphilologen gegründet wurde, ihre institutionelle Verankerung. Sie ist die älteste Shakespeare-Gesellschaft der Welt und bedeutend älter als die englische.

So mag es sein. Eine ganze Reihe von Shakespeare Tragödien geht aber zurück auf die sogenannten damaligen „Rosenkriege“ in Großbritannien. Kriege zwischen den beiden britischen Herrscherlinien der Zeit des 15. Jahrhunderts, zwischen dem Hause Lancaster und dem Hause York. Shakespeare selbst lebte ja Ende 16. und Anfang 17. Jahrhundert. Er versteckte sich in gewisser Weise vor Angriffen, indem er sich insoweit als „Historiendramatiker“ ausgab. Er konnte und wollte ja nicht direkt das aktuell herrschende Königshaus kritisieren. Da gibt es von William Shakespeare also eine York-Tetralogie und eine Lancaster-Tetralogie. Teil der York-Tetralogie ist die Tragödie „Richard III.“

„Richard III.“ habe ich mir nun am Münchner Residenztheater angesehen. Eine völlig andere Inszenierung von Richard III. kann man übrigens derzeit am Schauspiel Frankfurt sehen. Sie muss sehr interessant sein und erhält geradezu großartige Kritiken. Ich vermute, die Frankfurter Inszenierung (von Jan Bosse) wird zum Theatertreffen 2019 ausgewählt werden. Das stellt sich in wenigen Tagen (am 30. Januar) heraus.

HIER die Seite zur aktuellen Inszenierung von Richard III. am Münchner Residenztheater. Und HIER die Seite des Schauspiels Frankfurt zur aktuellen Inszenierung von Richard III.

Zur Inszenierung am Münchner Residenztheater: Es ist eine Inszenierung von Michael Thalheimer. Michael Thalheimer scheint derzeit auch auf einem Shakespeare-Trip zu sein. In Berlin hatte ich ja kürzlich Shakespeares „Macbeth“ angesehen und auch dort ist es eine Inszenierung von Michael Thalheimer. HIER der Link zu meinem damaligen Beitrag.

Am Münchner Residenztheater sieht man das Stück Richard III. relativ „originalgetreu“. So war es ja auch am Berliner Ensemble, obwohl die dortige Fassung ja VON Heiner Müller und „nur“ NACH William Shakespeare war. Das merkt man dort allerdings nicht besonders deutlich. Recht puristisch, aber originalgetreu. Das ist die Linie von Michael Thalheimer.

Eine solche weitgehend originalgetreue Inszenierung hilft natürlich, wenn man etwa die komplizierte Story von Richard III. verfolgen will. Hier die Zusammenfassung der Story aus dem Programmheft:

Auch hier am Residenztheater war das Bühnenbild – wie in Berlin – äußerst reduziert. Schwarze Holzpaneelen bis hoch unter die Decke rahmen die dunkle Bühne. Wenig Licht. Der Bühnenboden ist bedeckt von massenweise schwarzen Kieselsteinen (Styropor), durch die die Schauspieler waten (siehe Beitragsbild oben). Den ganzen Abend hindurch wummert ganz leise bedrohliche „Musik“ – eigentlich mehr „Töne“ als „Musik“ – im Hintergrund.

Norman Hacker spielt den verkrüppelten Richard III. Und er wird wirklich hässlich gespielt. Fies, machtgeil, mörderisch, arrogant, skrupellos, egomanisch, wahnsinnig. Man verlässt das Theater und hat einem Wahnsinnigen zugesehen! Alle Mitwirkenden spielen in dieser Thalheimer-Inszenierung um den noch dazu hässlichen Richard III. herum. Am besten haben mir die kleineren Rollen gefallen. Die Rolle von Thomas Schmauser: Herzog von Buckingham. Und die von Marcel Heupermann, Catesby, beide waren Richards Helfer.

Stephen Greenblatts Buch „Der Tyrann“ geht übrigens ganz besonders auf Richard III. ein. Sehr interessant. So kann man Richard III. besser verstehen. Greenblatt zeigt zum Beispiel an einzelnen Textstellen in Shakespeares Tragödie „Richard III.“, dass es die in Richards Leben komplett fehlende Liebe – Mutterliebe, Selbstliebe, erotische Liebe – war, die ihn dazu trieb, an die Macht zu stürzen. Genau hier kann man etwas aus der Tragödie „Richard III.“ ziehen, finde ich: Vielleicht bestehen bei Menschen, die nach Macht streben, manchmal – oder sogar oft – verdeckt sehr persönliche Defizite oder Gründe, so zu handeln, wie sie handeln.

Mit einem angenehmen Gefühl kann man Richard III. und das Geschehen um ihn herum jedenfalls kaum betrachten. Die wummernde leise Musik im Hintergrund tut ihr übriges. Man kann sich also durchaus fragen: Warum das? Man sieht die Geschichte des unangenehmen „Prinzen“ Richard, der sich zur Königsfigur hindurchmordet und schließlich doch scheitert. Und dann?

Nun, Steven Greenblatt schreibt in seinem Buch “Der Tyrann“, dass wir Zuschauer immer schon Richard irgendwie verteidigt haben: „Etwas in uns genießt jede Minute seines schrecklichen Aufstiegs zu Macht.“ „Wieder und wieder… sind wir bezaubert.“ Wenn das ein Aspekt ist, kam er in der Inszenierung von Michael Thalheimer sicherlich etwas kurz. Schade. So ein Bezug zu uns Zuschauern heute fehlte mir ein wenig.

HIER der Bühnenaufbau im Zeitraffer.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn

Redaktion des Programmheftes: Sebastian Huber

 

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THEATER: Macbeth-Trilogie, Teil IV

Vorweg etwas: Es kommt mir schon ganz komisch vor, dass ich derzeit so viele Posts bringen. Es liegt einfach daran, dass ich – anstatt abends den Fernsehknopf zu drücken – 200 m weiter zu den Kammerspielen, 500 m zum Residenztheater oder mit dem Fahrrad ein Stückchen fahre, um mir ein Theaterstück anzusehen. Oder etwas lese oder so. Ein Blog treibt einen ja auch dazu, die Dinge weiterzuverfolgen. Und wenn ich schreibe, schreibe ich recht schnell. Also keine Angst.

Anfang Dezember hatte ich an den Münchner Kammerspielen schon einmal „Macbeth“ angesehen. HIER mein damaliger kurzer Bericht. Ich hatte damals angekündigt, noch einmal darauf zurückzukommen im Rahmen meiner großen Shakespeare-Tour. Ich habe jetzt in letzter Zeit also gesehen: „Macbeth“ von Heiner Müller am Berliner Ensemble, „Macbeth“ von William Shakespeare am Münchner Residenztheater, jetzt noch einmal „Macbeth“ von Amir Reza Koohestani an den Münchner Kammerspielen und kürzlich „Richard III.“ von William Shakespeare auch am Münchner Residenztheater (auch darüber schreibe ich bei Gelegenheit noch). Zusätzlich hatte ich das Buch „Der Tyrann“ vom großen Shakespeare-Kenner Stephen Greenblatt gelesen, in dem es um die Tyrannengestalten in Shakespeare‘s Dramen geht.

Nun also abschließend zu „Macbeth“ NACH William Shakespeare VON Amir Reza Koohestani an den Münchner Kammerspielen:

Amir Reza Koohestani ist Iraner. Man stelle sich nur vor, ein deutscher Regisseur würde sich einen persischen Klassiker vornehmen und dem persischen Publikum präsentieren. Genau so ist es doch wohl, wenn sich Amir Reza Koohestani dieses europäischen Klassikers von William Shakespeare annimmt. Zwei Welten prallen aufeinander. Diesen Abend nur „Macbeth“ zu nennen, täuscht dann natürlich. Es greift an sich zu kurz. Treffender wäre es – von der ganzen Inszenierung her – sicher gewesen, diesen Abend etwa „Macbeth iranisch/deutsch“ zu nennen. Das ist es ja, was man an diesem Abend sieht: Die Konfrontation des europäischen „Klassikers“ mit dem Versuch, ihn aus persischen Augen zu verstehen. Das ist das Thema des Abends.

Amir Reza Koohestani zieht „Macbeth“ deshalb an diesem Abend zunächst einmal auf eine Metaebene: Er zeigt, wie ein Regisseur, gespielt von Christian Löber (siehe das Foto oben), die Aufführung von Macbeth in letzten Zügen mit einigen Schauspielern vorbereitet. Die von ihm vorgesehene Schauspielerin für Macbeth‘s Ehefrau, Lady Macbeth, fällt kurz von der Premiere aus. Der Regisseur, der auch den Macbeth spielen würde, setzt kurzfristig seine persische Frau für diese Rolle ein, die von der persischen Schauspielerin, Journalistin, Regisseurin, Schriftstellerin Mahin Sadri gespielt wird. Und so beginnen die Probleme. Sie tastet sich natürlich an Shakespeare so heran, dass sie den Text erst einmal auf Farsi liest und spricht. Wie soll sie ihn sonst verstehen. Christian Löber als Regisseur hat schon damit seine Probleme. Aber auch später, wenn Mahin Sadri den Text spricht, hat er damit Probleme. Sie betone falsch.

Aber es kommen noch weitere Ebenen hinzu. Es ist eine kluge, und insgesamt nicht leicht zu verstehende Inszenierung. Man muss Shakespeare‘s Macbeth gut kennen, nur Stück für Stück wird die Geschichte in bestimmten Einzelheiten weiter erzählt. Im Grunde kommt hinzu, dass auch der Regisseur und Protagonist seines eigenen Stückes „Macbeth“, wie gesagt gespielt von Christian Löber, immer mehr Unverständnis für Shakespeare’s „Macbeth“ zeigt. Er wird völlig verwirrt. Andererseits geht er in seinem Projekt „Macbeth“ auf und hat ständig einzelne Szenen vor Augen. Er schaut in den Spiegel und sieht Macbeth!

Und es kommt hinzu, dass sich auch für ihn die Ebenen – das Private und seine künstlerische Tätigkeit – immer mehr verweben. So wird er einmal von seiner Frau gefragt: „Bist du ein Mann?“ Die Frau meint es als Textstelle von Shakespeare, gesprochen von Lady Macbeth. Der Mann fasst es als private Äußerung auf und reagiert etwas angesäuert zurück. Oder er redet anfangs mit einem Schauspielerkollegen – Stefan Merki – auf dem Pissoir über das Verhältnis von Macbeth zu seinem Freund Banquo, den er schließlich umbringen wird. „Was würdest Du denn machen, Dein bester Freund!“ fragt der Kollege und bedrängt Christian Löber geradezu. Oder er wird einmal fast neben der Bühne, glaube ich verstanden zu haben, ans Telefon gerufen mit dem Hinweis, Macbeth sei am Apparat. Und alles ist ja immer der Versuch des Iraners Amir Reza Koohestani, Shakespeare’s „Macbeth“ zu verstehen.

Die Inszenierung ist klug, teilweise humorvoll, teilweise ernst. Übrigens schön begleitet von dem starken, lauten Gesang einiger Shakespeareworte durch die polnische Musikerin Polly Lapkovskaja. Es zeigen sich insgesamt die immensen Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn ein iranischer Regisseur einen europäischen Klassiker auf die Bühne bringen will. Wie gesagt: Wie wäre es umgekehrt? Man könnte nur Fettnäpfchen erwischen! Aber es lohnt sich doch, sich mit fremden Klassikern – aus iranischer Sicht – auseinanderzusetzen. Auch wenn man an diesem Abend das Theater verlässt und sich sagen kann: Shakespeare verwirrt alle! Und alle scheitern irgendwie an Shakespeare‘s Macbeth.

Was ich übrigens dementsprechend davon halte, Shakespeare immer weiter als europäischen „Klassiker“ zu verstehen, werde ich noch etwas deutlicher, glaube ich, schreiben, wenn ich über „Richard III.“ schreibe.

©️ des Beitragsbildes: Thomas Aurin, Münchner Kammerspiele

THEATER: Ödon von Horvath – Glaube Liebe Hoffnung

Ich würde ja gerne wissen, ob sich Ödon von Horvath über diese Inszenierung seines Stückes „Glaube Liebe Hoffnung“ am Münchner Volkstheater wirklich gefreut hätte. Obwohl das Stück inhaltlich „erzählt“ wurde, wurde meines Erachtens von der Stimmung, die Ödon von Horvath vor Augen haben mochte, vielleicht ja irgendwie zu wenig erwischt.

Vielleicht wird es zu sehr heruntergespielt, nach dem Motto: „Wir müssen etwas bieten!“ Es fehlten ruhige Momente meines Erachtens. Es hätte einfach weniger sein können. Weniger ist oft mehr. Das große Manko unserer Zeit.

Die Geschichte – basierend angeblich auf einer wahren Begebenheit – von „Glaube Liebe Hoffnung“:

Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit der 30er Jahre. Die junge Elisabeth kämpft um ihre Existenz. Als Vertreterin für Damenwäsche versucht sie sich durchzuschlagen, benötigt dafür einen Wandergewerbeschein für 150 Mark. Entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen, bietet sie dem Anatomischen Institut ihre Leiche zum Verkauf an. Erfolglos, denn Leichen gibt es zu Hauf in diesen schwierigen Zeiten. Der Präparator leiht ihr 150 Mark, nicht wissend, dass Elisabeth damit ein Bußgeld begleichen muss, weil sie ihr Gewerbe ohne Lizenz ausgeübt hat. Als die Wahrheit ans Licht kommt, wird Elisabeth zu einer Haftstrafe verurteilt. Sie ist dann arbeitslos und vorbestraft. Ohne Arbeitserlaubnis keine Arbeit, ohne Arbeit kein eigenes Einkommen, ohne Einkommen keine Chance auf ein rechtschaffenes Leben. Selbst die Liebe zu dem Polizisten Alfons scheitert an Elisabeths Vergangenheit. Am Ende verliert Elisabeth ihren Glauben, ihre Liebe und die Hoffnung in einer Gesellschaft, sie begeht einen Selbstmordversuch. Die Gesellschaft, die den Einzelnen lieber zugrunde gehen sieht, als die Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit in Frage zu stellen

In gewisser Weise war mir die Inszenierung zu erwartungsgerecht: Das Bühnenbild etwa war so, wie man sich an der Schauspielschule ein Bühnenbild wahrscheinlich vorstellt: Links und rechts dünne Wände mit mehreren Türöffnungen nebeneinander – nach hinten erhöht sich die Bühne stark – um einen optischen Effekt zu erzielen, werden die Türen nach hinten immer kleiner – auf der Bühne stehen ein paar Tische, mehr nicht – Trennwände werden manchmal hoch oder runter gefahren. Die Schauspieler wirken oftmals viel zu groß für die klein wirkende Bühne. Nun gut, der Regisseur und Intendant Christian Stückl wird sich etwas dabei gedacht haben. Es sollte sicher extra so sein. Aber heraus kam dann eben etwas eher langweiliges, finde ich. Ich glaube allein schon: Eine so stark angeschrägte Bühne ist einfach out! Das hat man bis vor zehn Jahren ständig gebracht. Schade! Schlichtweg ebenerdig, also waagerecht, wäre doch schön gewesen!

Auch die Kostümierung war meines Erachtens zu einfallslos. Eigentlich trugen alle Schauspieler schwarz-weiß. Das wiederum erinnerte eher an Franz Kafka, aber nicht Ödon von Horvath. Alle Schauspieler trugen noch dazu durchgehend schwarze Zylinder oder andere schwarze Hüte. Meines Erachtens viel zu ideenlos von Stefan Hageneier, der verantwortlich war für Bühne und Kostüme.

Schauspielerisch konnte meines Erachtens nur Nina Steils überzeugen. HIER ihre Seiten auf der Website des Volkstheaters. Sie wird in der Tat auch für ihre Leistungen an der Volksbühne, auch in „Glaube, Liebe, Hoffnung“, in der Presse gelobt. Erst seit dieser Spielzeit ist sie am Volkstheater. Sie spielt in Glaube Liebe Hoffnung so, als würde sie sich wirklich etwas zurückziehen und das ein oder andere Mal zurecht fast über die übertriebene und hektische Spielart um sie herum wundern. Sie ist die einzige, die ruhige Momente in diesem Stück hat. Und genau die sind gut! Besonders der Präparator – Schauspieler Oleg Tikhomirov – spielt dagegen durchgehend übertrieben nervös, hektisch, unruhig und laut. Aber nicht nur er. Christian Stückl wird sich aber auch hier sicher etwas gedacht haben.

Christian Stückl zeigt eine laute und nervöse, aber eigentlich auch sehr verängstigte Männerwelt um die zarte Elisabeth herum. Männerwelt, Frauenwelt, ein Thema für Horvath. Mir schien es aber irgendwie nicht ganz stimmig! „Bellende Hunde beißen nicht“, heißt es doch. Dann wären doch all die Herren um Elisabeth herum ziemlich bisslos! Ödön von Horvath zeigt aber, dass Elisabeth tatsächlich zu Grunde geht in der damaligen Männerwelt. Nicht nur an den Männern, sie wird von der Justiz und der Armut und den Männern in die Enge getrieben. Vielleicht sollten Sie also doch lieber etwas weniger „bellen“, die Männer in dieser Inszenierung.

HIER die Seite zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Gabriela Neeb

THEATER: Samuel Beckett – Endspiel

Ein Theaterstück kann ja auch einmal zu ungelegener Zeit kommen! Endspiel von Samuel Beckett am Münchner Residenztheater. Ich hatte gerade ein sehr einnehmendes Buch gelesen, über das ich in Kürze berichten werde. Und jetzt plötzlich dieses Theaterstück!

Im Buch, das ich gerade gelesen hatte – der Roman „Die Wurzeln des Lebens“ von Richard Powers -, geht es hoch eindringlich um die Natur, die der Ausbeutung durch den Menschen ausgeliefert ist, während es bei Samuel Becketts Endspiel ja existenzialistisch um den Menschen geht.

Nun gut, zum Theaterabend Folgendes:

„Warten auf Godot“ und „Endspiel“, das sind die beiden Stücke die einem natürlich bei Samuel Beckett einfallen. Samuel Beckett ist 1906 in Irland zur Welt gekommen und im Jahre 1989 in Paris gestorben. „Endspiel“ hatte er als eine seiner ersten Theaterstücke 1957 fertiggeschrieben. „Warten auf Godot“ hatte er sogar schon 1952 geschrieben.

Interpretieren oder verstehen kann man „Endspiel“ ja nicht so schnell: Zwei Menschen, die offenbar als Einzige auf der Welt üblich geblieben sind, reden miteinander. Die Eltern des einen – Hamm – tauchen auch auf. Alles sei zu Ende. Man sagt ja, Hamm würde für Hammer oder englisch hammer stehen, während Clov, Nagg und Nell für Nägel (NAGel, oder nail oder Clou) steht. Ein Hammer, drei Nägel. Samuel Beckett hat das angeblich nicht verneint. Warum auch immer. In der Inszenierung am Residenztheater heißt allerdings ausgerechnet der Schauspieler des Hamm Oliver Nägele!

Das Gute ist in diesem Fall einmal: Die Inszenierung von Anne Lenk versucht keine Interpretation. Man sieht das Stück und kann den identischen Text im Buch nachlesen. Wortidentisch. Vielleicht ist das auch eine Auflage von Samuel Beckett. Man würde den Text ohnehin nur verfälschen. Ich werde das Stück sicherlich auch noch das ein oder andere Mal lesen und versuchen, mich ein wenig zu orientieren. Diesen Blogbeitrag werde ich entsprechend anpassen.

Anne Lenk reduziert die Inszenierung fast auf das äußerst Mögliche. Hamm sitzt auf einem Stuhl, sonst ist nichts. Kein weiterer Gegenstand, kein Raum. Alles weitere – Fenster, eine Leiter, ein Hund, eine Tür – werden von Clov pantomimisch dargestellt. Nur er kann sich ja bewegen, Hamm sitzt im Rollstuhl – ohne Rollen. So sieht es aus:

Franz Pätzold spielt Clov, der eine Art Diener von Hamm ist. Oliver Nägele spielt, wie gesagt, Hamm. Hamm ist der Welt irgendwie schon um einiges mehr entrückt. Clov ist dagegen noch viel eher abhängig von Hamm’s Verhalten. Clov wundert sich eher über das, was Hamm so äußert. Jedenfalls spielen Pätzold und Nägele ihre Rollen so. Wobei mich Clov, also Frank Pätzold, mehr überzeugte. Oliver Nägele spielt irgendwie ein bisschen zu sehr wie eine Figur von Thomas Bernhard. Die zwar verzweifelt oder desillusioniert ist, aber vom Untergang doch noch recht weit entfernt ist. Vielleicht allein wegen des Bademantels, den er trägt. Das hat etwas doch Behagliches, nach dem Motto: Es geht ja weiter! Die Eltern von Hamm tauchen im Stück nur kurz auf. Ohne Beine, halb aus dem Bühnenboden. Sie sind auch im Buch ohne Beine.

Ansehen und nachlesen, mehr kann ich kaum empfehlen. Die Inszenierung hat mich nicht umgehauen, aber sie kann eine gute Basis dafür sein, sich damit zu befassen. Natürlich könnte man meinen, es geht um die letzten beiden Menschen auf der Welt, das Ende der Welt. Das Ende naht. Aber das greift irgendwie zu kurz. Es geht eher vielleicht um das generelle Nirvana, in dem man sich als Mensch befindet. Ich werde es noch einmal lesen. Nur in das Stück gehen und sagen: „Jetzt habe ich es verstanden!“, kann – glaube ich – kaum gelingen. Das ist sicherlich auch nicht die Absicht von Anne Lenk.

HIER der Link zur Seite des Stückes auf der Website des Residenztheaters.

Und HIER ein Trailer zum Stück.

©️ der Fotografie der Inszenierung: Thomas Aurin

THEATER: Moliere – Don Juan

Don Juan von Moliére im Residenztheater. Eine Inszenierung von Frank Castorf, das Bühnenbild wieder von Aleksandar Denic.

HIER der Link zur Programmseite des Residenztheaters zur Inszenierung.

Ich kann hier nur über meine banalen Eindrücke schreiben, ich bin kein Moliére – Spezialist!

1. Wieder ein Frank Castorf. „Don Juan“ ist nach „Kasimir und Karoline“ 2011, „Reise ans Ende der Nacht“ 2013, „Baal“ 2015 und „Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg“ 2016 die fünfte Inszenierung von Frank Castorf am Residenztheater. Wer noch keine Inszenierung von Frank Castorf  gesehen haben sollte, kann sich gut die Inszenierung von Don Juan ansehen! Es ist keine Mammutveranstaltung, was ja bei Frank Castorf sonst öfters vorkommt. Inhaltlich nicht unbedingt weiterführend, aber ein Fest der Sinne! Die Inszenierung hatte erst Ende Juni 2018 Premiere, wird also sicherlich noch des Öfteren gebracht werden.

Es ist Theater pur, aber mit einem „Aber“: Es ist Theater pur in einer vielleicht schon etwas veralteten Form. Modernes Theater sieht etwas anders aus. Wie provozierend ist etwa ein Milo Rau! Aber andererseits: Es muss ja nicht immer gleich modernes Theater sein.

2. Ich finde jedenfalls bei allem Wohlwollen: Frank Castorf klemmt fest. Etwas muss anders werden, wenn er – hoffentlich noch viele Jahre – inszeniert! Seine – wieder einmal – irgendwie besondere Inszenierung könnte durchaus noch durch ein wenig überraschende Momente belebt werden. Nicht nur durch die Länge seiner Inszenierungen, wie es bei ihm ja oft zu erleben ist! Anders könnte oder sollte es einmal belebt werden! Wobei diesmal vier Stunden übrigens geradezu zahm waren. Mit Pause sogar! Oder ist es Lehrheater? Das würde ja (nach Bertolt Brecht) bedeuten, dass die Schauspieler beim Aufführung des Stückes etwas lernen würden! Ich hatte jedenfalls nach der Vorstellung eigenartige Wünsche oder Vorstellungen: Belebende Elemente würden den Zuschauer aus der musealen Betrachterrolle herausholen. Es könnten etwa sein:

– Die Frontalansicht, der man – wie fast immer im Theater – auch bei ihm ausgesetzt ist. Schade fast bei seinen Stücken! Wie interessant wäre eine seiner Inszenierungen, wenn man als Zuschauer seine Bühnenbilder und die Leistungen der (sich meist wirklich verausgabenden) Schauspieler ohne Frontalansicht erleben würde – vielleicht im Marstalltheater, der früheren Probebühne des Residenztheaters. Dort kann man am ehesten um die Bühne herum sitzen. Das gäbe Eindrücke! Aber dort wird die Bühne schnell zu klein sein!

– Oder die Musik: Verschiedenste Stücke aus der Welt der Musik begleiten auch bei Don Juan die Inszenierung. HIER die Playlist, für die Inszenierung von Don Juan zusammengestellt von William Minke). Es fällt ja auf, dass man bei Castorfs Inszenierungen selten wirklich moderne Musik hört. Wie interessant wäre es, wenn man ganz moderne Musiktitel hören würde! Das könnte Kontraste geben! Kontraste und Überraschungen sind immer gut, regen an.

– Obwohl: Kleine derartige Elemente, die ein wenig von Castorfs „Muster“ abweichen, findet man bei der Inszenierung des Don Juan sogar: Zum Einen, wenn die Schauspieler vor ein riesiges Tuch treten, das von der Bühnendecke heruntergelassen wird und auf welches schlichtweg ein riesiges Naturbild projiziert wird. Ein Wald, ein Flusslauf. Man fühlt sich plötzlich aus allen Zeiten herausgerissen. Und geradezu aus dem Stück herausgerissen. Zum Anderen, wenn man am Ende Videoaufnahmen sieht, in denen Don Juan (und sein „zweiter Part“) über die Maximilianstraße gehen und in teure Schaufenster blicken. Sie lesen etwa bei Gucci: „Liberté – Egalité – Sexualité“. Gegenwartsbezug vielleicht mit einem kleinen mahnenden Hinweis.

3. Ein weiterer Eindruck, der vorherrschende Eindruck: Es war wahrlich ein Fest der Eindrücke, des Bühnenbildes, der Kostümierung, der Ausstattung insgesamt! Wieder die etwas düstere Stimmung, wieder das seltsame mehrstöckige Gebäude, die Drehbühne, der Neonschriftzug, siehe das Beitragsbild oben, die Videoeinspielungen auf der Leinwand, die ab und an heruntergefahren wurde. Auch wieder mit einer Schwarz-weiß-Einspielung eines alten Filmklassikers mit Marcello Mastroianni. Bekannte Castorf-Elemente, die aber für die Inszenierung von Don Juan meines Erachtens besonders gelungen sind! Vor allem die ausufernde Kostümierung! Ein Fest und ein Genuss! Wunderbare Bilder immer wieder. Aber all das darf bitte nicht zur musealen Betrachtung seiner Inszenierungen führen!

4. Schauspielerisch geht es bei Frank Castorf durchaus oftmals um Einiges exzessiver zu, ich denke etwa an die legendäre „Faust“-Inszenierung an der Berliner Volksbühne. Das ist aber bei der Inszenierung von Don Juan geradezu ein Vorteil! Die schauspielerische Leistung tritt etwas mehr in den Vordergrund. Wunderbar sind dabei besonders die Leistungen von Nora Buzalka (besonders), Marcel Heupermann und Franz Pätzold als Don Juan. Buzalka, Heupermann und Pätzold sind wahre Castorf-Typen, auch wenn sie in dieser Inszenierung sogar ein wenig – ein wenig – zurückhaltender spielen.

5. Zum Inhalt des „Don Juan“ von Moliére: Ich habe nicht Theaterwissenschaften studiert, dann könnte und sollte ich wahrscheinlich mehr dazu sagen. Don Juan, der südländische Faust. Er folgt ausschließlich dem Vergnügen, der Erotik, den Ausschweifungen, der Grenzenlosigkeit. Das wiederum führt ihn letztlich in sein persönliches Verderben. HIER eine Inhaltsangabe, auch ein Trailer zur Inszenierung ist über diesen Link zu finden.

6.  Das Programmheft ist übrigens wieder einmal sehr interessant und gibt in einer Art „Diskussionsrunde“ viele Aussagen von Schriftstellern, Philosophen etc. zum Mythos „Don Juan“. Die Themen sind: I. Der Verführer, II. Moliére und Ludwig XIV. III. Der Aristokrat. IV. Loop der Leere. V. Gott + Sex + Tod. VI. Kunst + Freiheit. VII. Ich + ich. VIII. Die Frauen. IX. Höllenfahrt.

Man sollte sich dieses Programmheft am besten VOR der Aufführung durchgelesen haben!

Also, diesmal waren es sehr allgemeine Ausführungen. Vielleicht liest Frank Castorf ja diesen Text. Und vielleicht geben ihm meine bescheidenen Eindrücke dennoch  irgendeine Inspiration. Dann werde ich bei seiner nächsten Inszenierung ganz belebt im Marstalltheater sitzen, zusehen, moderne Musik hören und mich über das ein oder andere wundern!

Hier noch eine Aufnahme aus der Inszenierung:

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©️  des Beitragsbildes und des zweiten Bildes: Matthias Horn, Residenztheater

MUSIK: Martin Roth – An Analog Guy

Eine kleine Theaterpause bis nächste Woche. Zweimal bringe ich in der Zwischenzeit noch ruhige Musik: Zum Einen – heute – Martin Roth mit „An Analog Guy In A Digital World“. Ich meine damit nicht die Person, die ich 2017 als Bundespräsidenten vorgeschlagen hatte. HIER mein damaliger Beitrag. Er hieß auch Martin Roth, war ein interessanter Museumsdirektor, Kulturmanager, Kulturwissenschaftler. Er starb leider in 2018!

Martin Roth dagegen, der dieses Lied komponiert – oder „erstellt“ – hat, ist in Frankfurt geboren, DJ, lebt in Berlin. Er hatte erste große Erfolge in den Jahren 2008 und 2009. Wie es heute um ihn steht, weiß ich nicht genau. „NuStyle Production“ heißt sein Label. Es dürfte sein Label sein, seine „Musikwerkstatt“. „Nu“ steht in der Musikszene für „New“. Man liest:

NuStyle describes a combination of multiple influences throughout trance, Progressive, Tech & Electro – creating a fresh sound ideal for the Dancefloor & Radio / DJ Play across the barriers, with names such as Chicane, AvB & PvD or German Chart-Toppers Ich&Ich or Rosenstolz all personally requesting the MR-Remix Treatment.

HIER wieder zum Schmökern der Link auf seine Website. Und HIER sein Facebook-account.

MUSIK: Alle gemalten Musiktitelbilder auf einen Blick

Alle Interpreten/innen, die bisher das unfassbare Glück hatten, mit einem ihrer Songs tatsächlich auf meinem Blog zu landen, sind hier auf einen Blick zu sehen!

Ich habe bisher in mühevoller Arbeit jeweils den Namen eines/r jeden Interpreten/in (MusikerIn oder Gruppe/in) im Blog als Beitragsbild „gemalt“. So sind viele kleine „Zettel/innen“ entstanden, die zusammen das ansehnliche Potpourri 2016 bis 2018 darstellen. Es sind schöne Titel – reinhören! Jeder der Zettel/innen wurde übrigens mit meiner wackligen rechten Hand „gemalt“ – daher die eigenartig zittrige Schrift. Es gibt ein paar Zettel/innen, die nicht so schön sind. Ich werde sie im Laufe der Zeit auswechseln. Zum Beispiel „George Michael & Elton John“, oder „Me and Marie“ oder „Olafur Arnaldson“ oder auch „Scott Mattew“ (sowieso falsch geschrieben). Oben also das derzeitige Bild.

MUSIK: Alef – Sol

Jetzt vor Silvester passt noch ein wenig coole Clubmusik!  Von Alef. Es wird wahrscheinlich ein DJ sein. Ich kenne ihn nicht und konnte auch nichts über ihn herausbekommen. Aleph ist jedenfalls der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets. Hier ein Foto und darunter der Song:

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THEATER, LITERATUR: Stephen Greenblatt – Der Tyrann (Shakespeares Machtkunde)

Etwas für den Theaterfreund, der William Shakespeare‘s Stücke mag:

Für mich war es aktuell Übermaß! Im Übermaß habe ich Inszenierungen von Dramen von William Shakespeare gesehen. Die Darbietung des klassischen Theaterstoffs ist ja nicht die Art von Theater, die ich bevorzuge. Trotzdem: Ich wollte sehen, wie man in verschiedenen Inszenierungen mit einem solchen Klassiker umgeht! Dreimal „Macbeth“. Natürlich habe ich auch schon beispielsweise „Hamlet“ oder „Otello“ gesehen. Beides übrigens an den Kammerspielen. Das ist allerdings schon lange (Otello) bzw. etwas länger (Hamlet) her.

Es geht aber noch weiter: Im Januar werde ich am Münchner Residenztheater auch noch William Shakespeare’s „Richard II.“ sehen.

Und dann: Dann habe ich auch noch das aktuelle Buch des großen Shakespeare-Spezialisten Stephen Greenblatt, „Der Tyrann“, gelesen. Immer diese Unkenntnis, dachte ich mir wieder.  Dagegen wollte ich etwas tun. Stephen Greenblatt ist ja einer der großen Shakespeare-Kenner, er schreibt – das wusste ich – gut lesbar, nicht  wissenschaftlich, eher spannend. Wirklich gut ist übrigens ein weiteres Shakespeare-Buch von ihm: „Will in der Welt“!

Der Siedler – Verlag schreibt zum Buch „Der Tyrann“:

Wie kann es sein, dass eine große Nation in die Hände eines Tyrannen fällt? Warum akzeptieren die Menschen die Lügen eines Mannes, der ihrem Land so offensichtlich schadet? Und gibt es eine Chance, den Tyrannen zu stoppen, ehe es zu spät ist? In seinen Dramen –  von „Richard III.“ bis „Julius Caesar“ – hat sich William Shakespeare immer wieder mit diesen Fragen beschäftigt und vom Aufstieg der Tyrannen, von ihrer Herrschaft und ihrem Niedergang erzählt. Stephen Greenblatt, einer der renommiertesten Shakespeare-Experten unsere Zeit… „

Ich hatte mir erhofft, dass mir als Shakespeare-Laien die Tyrannentypen, die William Shakespeare immer wieder in den Mittelpunkt seiner Dramen stellt, etwas nähergebracht werden, dass Zusammenhänge aufgezeigt werden, die man vielleicht auch heute findet.

Nun, wer William Shakespeare’s Dramen eher gut kennt, für den wird sich dieses Buch auf jeden Fall lohnen! Stephen Greenblatt geht auf die Tyrannentypen in vielen seiner Dramen ein. Mit seinem klitzekleinen Wissensvorsprung! Der Tyrann in König Lear, in Macbeth, in Richard III., in Richard II., in Heinrich VI., in Coriolan etc. Stephen Greenblatt erzählt immer wieder von Details aus diesen Dramen, bringt Zitate aus den Werken, geht auf den gesamten Verlauf der Dramen ein. Es wird aber gut sein, wenn man Details kennt, dann wird man immer wieder „Aha-Erlebnisse“ haben. Stephen Greenblatt geht Kapitel für Kapitel auf wohl alle wesentlichen Aspekte ein, die für Tyrannen in Shakespeare’s Augen entscheidend waren:

„Parteipolitik“, „Populismus“, „Charakter“, „Ermöglicher“,  „Triumph der Tyrannei“,  „Anstifter“, „Wahnsinn“, „Fall und Wiederaufstieg“, „Aufhaltsamer Aufstieg“, so heißen die wesentlichen Kapitel. Interessant allemal.

Zwei Dinge habe ich im Zusammenhang mit diesem Buch erst einmal gelernt:

Die „Rosenkriege“: Als Rosenkriege (Wars of the Roses) werden die mit Unterbrechungen von 1455 bis 1485 geführten Kämpfe zwischen den beiden rivalisierenden englischen Adelshäusern York und Lancaster bezeichnet. Darum geht es bei manchen der „Tyrannendramen“ (so nenne ich sie mal) von William Shakespeare.

Denn: William Shakespeare hatte um diese Rosenkriege herum sogenannte „Historiendramen“ geschrieben: Er hat eine „Lancaster-Tetralogie“ (einmal Richard II., zwei Teile Heinrich IV. und einmal Heinrich V.) und eine „York-Tetralogie“ (drei Teile Heinrich VI. und einmal Richard III.) geschrieben.

Macbeth gehört zwar nicht zu diesen beiden Tetralogien. Es geht aber auch hier um einen „Tyrannen“. „Tyrann“, weil er machtgierig mordet. Stephen Greenblatt geht auf Macbeth ausführlich im Kapitel „Die Anstifter“ ein. Anstifterin des ursprünglich königstreuen Macbeth sind ja Lady Macbeth und irgendwelche Hexen (oder seine Wahnvorstellungen). Macbeth will nicht unmannhaft erscheinen und fängt an zu töten, weil er dann doch König werden will und tötet immer weiter, aus Angst, er könnte seine Macht verlieren. Selbst seinen Freund Banquo tötet er. Und letztlich zeigt sich, dass er überhaupt nicht zum König geeignet ist. Greenblatt zeigt, dass Shakespeare nicht Gesellschaftsphänomene aufzeigen wollte, sondern dass es ihm um die Einzelschicksale der relevanten Typen ging. Die Mutter, die Ehefrau, Geschwister, Wahnvorstellungen, Ehrgeiz, Neid, Unfähigkeit, Charakter, es sind fast immer sehr individuelle Ursachen, mit denen Shakespeare umging. Das einfache Volk spielt kaum eine Rolle, kommt allenfalls sporadisch vor. Bei Macbeth etwa in der Rolle eines Dieners.

Stephen Greenblatt schreibt eng an den Dramen entlang, einfach gehalten und gut lesbar. Man sollte eines der Bücher von Stephen Greenblatt kennen, wenn man Shakespeare-Freund ist. Für „Der Tyrann“, wie gesagt, sollte man William Shakespeare oder am besten sogar die Zusammenhänge der „Rosenkriege“ etwas kennen.

Eines muss ich allerdings noch sagen: Mit „Machtkunde zum 21. Jahrhundert“ –  so der Untertitel des Buches – hat dieses Buch nichts zu tun! Stephen Greenblatt sagt zwar in den abschließenden „Danksagungen“, er wollte dieses Buch angesichts der aktuellen politischen Situation (Trump etc.) schreiben, doch davon merkt man im Buch herzlich wenig! Es würde auch etwas weit gehen, zum Beispiel Donald Trump als Tyrannen zu sehen. Auch wenn auch bei Donald Trmp leider viel (zu viel) Egozentrik eine Rolle spielt.

Auch die Frage, die der Siedler-Verlag in der Beschreibung des Buches stellt (siehe oben): Warum akzeptieren die Menschen die Lügen eines Mannes, der ihrem Land so offensichtlich schadet? spielt im Buch fast keine Rolle!

HIER die Seite des Siedler-Verlags zum Buch. Vielen Dank dem Siedler-Verlag für die Zurverfügungstellung des Buches.

MUSIK: Nu – This Land

Einfach laufen lassen und alles für die Feiertage vorbereiten. Ich hatte einmal „Man O To“ von den beiden libanesischen DJ‘s gebracht. HIER. Jetzt dies hier.

THEATER: Shakespeare – Teil 3 meiner Macbeth-Trilogie

Shakespeares Macbeth hat Konjunktur! Er ist derzeit zu sehen am Münchner Residenztheater, an den Münchner Kammerspielen, am Berliner Ensemble, am Staatsheater Nürnberg und am Schauspiel Hannover.  Und wer weiß, wo sonst noch. Ein schlechtes Zeichen!

Eigentlich kann man sagen: Ganz schön feige und verlogen, wenn man sich hinsetzt und sich den klassischen alten Macbeth ansieht, während draußen die Welt völlig anders ist. Ein Beispiel für unser „Heute“: Ein Freund lebt derzeit im indischen Delhi (28 Millionen Einwohner!). Er erzählte mir, dass man tagsüber das Haus nicht verlassen kann, was schwer falle, die Luft sei extrem schlecht! Das sind die Probleme unserer Zeit! Die Umwelt! Aber typisch Mensch: Nicht Hinschauen! Weitermachen! Einfach woanders hinsehen! Natürlich kann nicht jedes Theaterstück auf die aktuelle Zeit eingehen. Aber sich zurückzulehnen und den alten Macbeth anzusehen, kann eben auch verlogen sein! Wenn es so simpel als „Wegsehen“ gehandhabt wird. Als Medizin gegen eine gewisse Hilflosigkeit oder Lustlosigkeit, sich anderer Probleme anzunehmen. Ein Beruhigungsmittel, das uns weltfremden Wahnsinn aus dem 15. Jahrhundert zeigt. Aber genau das passiert vielleicht öfter, als man meint.

Aber es kommt natürlich auch darauf an, was aus Shakespeare’s Macbeth gemacht wird. Ich habe jetzt drei Versionen gesehen: Am Münchner Residenztheater, an den Münchner Kammerspielen und am Berliner Ensemble.

Vorweg: Es waren drei unterschiedliche Herangehensweisen. Am Münchner Residenztheater sah man sehr klassisch Macbeth VON William Shakespeare (Regie: Andreas Kriegenburg). Am Berliner Ensemble sah man Macbeth nun VON Heiner Müller NACH William Shakespeare (Regie Michael Thalheimer). Und an den Münchner Kammerspielen sah man Macbeth dann auch VON Amir Reza Koohestani NACH William Shakespeare (Regie: Amir Reza Koohestani).

Es sind im Grunde ZWEI historische Herangehensweisen und EINE aktuellere: Historisch ist es am Residenztheater, wo schlichtweg Shakespeares Macbeth gezeigt wird. Historisch in einer anderen Zeit ist es am Berliner Ensemble, wo Heiner Müllers damalige etwas umgeschriebene Fassung von Macbeth gezeigt wird – die 1972 uraufgeführt wurde und die in der DDR schnell verboten war (Vorwurf des Nihilismus). Von aktuellem Bezug ist dagegen allenfalls die Inszenierung an die Münchner Kammerspielen. Über die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen werde ich aber erst noch genauer schreiben.

Über die Inszenierung an Münchner Residenztheater, die ich gestern gesehen habe, kann ich folgende Eindrücke kundtun:

Alles spielt auf einer riesigen, sich drehenden und sich schief stellenden Hebebühne. Die Optik ist der Optik sehr ähnlich, die man bei Ulrich Rasche findet. Auch die Lichtgestaltung. Besonders der immensen und fast bedrängenden Optik von Rasche‘s Stück „Die Räuber“ ähnelt es. Die Inszenierung von Ulrich Rasche‘s „Die Räuber“ wurde und wird ja immer noch am Residenztheater gebracht und war zum Theatertreffen 2017 in Berlin eingeladen. Damals waren es riesige Laufbänder, hier bei Macbeth eine riesige Plattform. Ästhetik und Optik bei Macbeth und bei „Die Räuber“ sind ähnlich! Auf der Bühne waren bei Macbeth im hinteren Teil einige etwa 3 m hohe dünne Holzstäbe installiert, wer weiß warum. Optik. Sachlichkeit. Schlichtheit. Verstrickung? Sie wurden immer wieder einmal heraus- und hereingesteckt. Mehr nicht – was mir ansich immer gefällt.

Inhaltlich wurde Shakespeare’s Tragödie Macbeth am Residenztheater ziemlich genau in seiner klassischen Form geboten. „Tja, der Wahnsinn von Tyrannen“ konnte man sich denken. Wäre aber etwas kurz gedacht. Shakespeare hat sicher mehr zeigen wollen. Mich haben aber in genau dieser Hinsicht die Darstellungen von Macbeth und Lady Macbeth durch Thomas Loibl und Sophie von Kessel nicht überzeugt. Während Shakespeare’s Macbeth ja zunächst ein loyaler Kämpfer für den König Duncan war – den er dann aber umbringt -, spielt meines Erachtens Thomas Loibl von Beginn an einen zu hintergründig denkenden, irgendwie von Beginn an verzweifelten, verwirrten Macbeth.  Das hat gestört. Er macht doch eine Entwicklung durch. Shakespeare zeigt ja, dass es eigentlich erst „Hexen“ – Macbeth‘s Wahnsinn, seine Einbildung? – und dann seine Frau, Lady Macbeth, waren, die ihn zum Mörder machen konnten. Eine wesentliche Aussage von Shakespeare, der sicher ja immer wieder mit dem Aufstieg und Wahnsinn von Tyrannen befasst hatte. Das geht, fand ich, hier etwas unter. Vielleicht auch durch die gewohnten Spielweisen von Thomas Loibl und Sophie von Kessel.

Sophie von Kessel spielte meines Erachtens eine zu selbstverliebte Lady Macbeth. So sauber und verständlich.

Insgesamt aber war Macbeth am Residenztheater sehenswert – wenn auch konventionell, was ich ja nicht so mag -, WENN man eben den „alten“, „herkömmlichen“ Macbeth einmal sehen will.

Mein „Gesamteindruck“ war aber irgendwie: „Mit uns selber kommen wir Menschen nicht zurecht. Wir schauen uns dann lieber etwas an, was mit der heutigen Zeit nichts zu tun hat.“ Shakespeare’r Macbeth am Berliner Ensemble dagegen: Er stellte jedenfalls einen gewissen Bezug zu Heiner Müller und seinem Denken her. Auch das war nicht sehr deutlich, aber dennoch! Und Shakespears Macbeth an den Münchner Kammerspielen: War völlig anders. Hierzu später.

©️ des Beitragsbildes: Thomas Dashuber, Residenztheater