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THEATER: Elfriede Jelinek – Asche

„Asche“ ist thematisch wahrlich nicht humorvoll. Der Untergang unserer Erde, der nahende eigene Tod, der erlebte Tod ihres Lebensgefährten – Elfriede Jelinek verbindet diese drei düsteren Themen zu einem eher verzweifelten persönlichen Text. Warum verbindet Elfriede Jelinek diese Themen? Vielleicht verbindet sie sie – die persönlichen Themen (das Altern und der Tod) mit dem globalen Thema (Zerstörung der Erde) -, um zu zeigen, dass uns alle im Grunde diese drei Themen betreffen, jeden von uns! Es heißt ja bei ihr auch mit Blick auf die Zerstörung der Erde: „Wir waren böse Gäste“. Wir, also jeder. Und sie sagt: Der Mensch müsste sich ändern – der Mensch, also jeder – er kann es aber nicht! Wir gehen immer weiter im Kreis, bis alles kaputt ist, zu Asche wird! Und zum Thema der Alterung: „Auch ich, Elfriede Jelinek, war Gast und muss bald gehen“, sagt sie mit ihrem Text „Asche“ sinngemäß. Das zum persönlichen Thema.

So einfach bleibt es aber nicht einmal. Elfriede Jelinek schreibt in „Asche“ auch über Gott oder die Götter (in Anlehnung an die antike Mythologie). War erst Gott da (oder die Götter) oder waren erst die Elemente Wasser, Luft, Feuer und Erde da, überlegt sie. Warum das? Es kommen – typisch für sie – weitere teils abstruse Gedanken zum Ausdruck – der vollkommene Körper, ein anderer Planet, etc. Auch da fragt man sich manchmal: Warum? Man sollte – wenn möglich – den schwierigen Text lesen! Sonst geht selbst bei Betrachtung der Inszenierung manches unter – was kaum zu vermeiden ist.

Einiges geht allerdings – Stichwort: „kaum zu vermeiden“ – vielleicht auch wegen nicht deutlich genug gemachter „Sensibilität“ für den Jelinek-Text auf der Bühne unter. Falk Richters Inszenierung legt viel auf Jelineks „Textfläche“ drauf. Textfläche wie eine Plastikplane. Es bleibt damit eine Textfläche, die man schwer greifen kann. Künstliche Intelligenz, sprechende Avatare, Aufteilung des Textes auf mehrere SchauspielerInnen, Chaos auf der Bühne, Plastikmüll, Elfriede Jelineks Person selbst wird dargestellt, und und und, all das hilft ein wenig, den Text annähernd zu verstehen. Eine bekannte Methode bei Texten von Elfriede Jelinek. Es wird aber andererseits ein Bühnenspektakel. Ich hatte den Eindruck, dass der Inszenierung dadurch etwas fehlte: Ruhe und Verbitterung, Traurigkeit. Hilflosigkeit. So waren die vielleicht eindrücklichsten Momente der Inszenierung die stillen Momente, die Bühnenmomente teils ohne Schauspieler/Schauspielerin. Etwa, wenn auf der großen – über die ganze Bühnenbreite gespannten – Videofläche schnelle Bilder der Zerstörung und des Wütens der Erde gezeigt werden. Zur Musik übrigens von Matthias Grübel, der ja zuletzt schon die Musik zur Hamburger Inszenierung von Elfriede Jelineks Text „Am Königsweg“ gemacht hatte, die damals zum Berliner Theatertreffen 2019 eingeladen war.

Die Schönheit der Natur wird übrigens völlig an den Rand gedrängt, wird allenfalls kurz per Video eingeblendet oder ist auf dem Bild „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich zu sehen, das längere Zeit auf der Bühne steht. Mehr nicht. Es ist ja schon zu spät. Auf der Bühne ist alles vermüllt, Plastik liegt herum, grelle Farben. Ein trostloser Eindruck.

Der Schauspieler Lars Eidinger sagte kürzlich in der SZ: „Die Welt geht gar nicht unter, sie ist schon untergegangen“. Das sieht Elfriede Jelinek wahrscheinlich auch so. Und selbst wenn wir etwas ändern wollen, wir drehen uns also im Kreis, sagt sie. Kommen immer wieder an denselben Punkt. Und sie nimmt eben ihr Altern und den Tod des Lebensgefährten zum Aufhänger.

Interessanterweise hat Lars Eidinger übrigens kürzlich den Film „Sterben“ produziert, ein Film über das Sterben. HIER ein Trailer dazu.

Im kommenden Jahr wird der Text „Asche“ auch – soviel ist bis jetzt bekannt – am Staatstheater Hannover und am Thalia Theater in Hamburg inszeniert werden. Es wird spannend werden zu sehen, wie der Text dort jeweils umgesetzt wird.

Schauspielerisch findet in München am ehesten Thomas Schmauser zur großen Melancholie der Themen von „Asche“. Das kann er einfach! Die übrige Besetzung … gut wieder, aber irgendwie auch nur auf Jelineks „Textfläche“ gelegt.

Der Abend an den Kammerspielen endete mit dem Thema des Alterns, nicht mit dem Thema der Zerstörung der Erde. Auch das ist fatal. Zum Thema des Alterns: Die Anstrengung, den eigenen Tod aufzuhalten, ist sicher sinnlos. Zum Thema der Zerstörung der Erde: Die Anstrengung, das Ende der Welt aufzuhalten, könnte noch Sinn machen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber – und da muss man Elfriede Jelinek Recht geben – nur hoffen ist sicher zu wenig. Deswegen ist ihre düstere Sichtweise ohne jeden Funken Hoffnung sehr verständlich und gut! Die Inszenierung hätte daher mehr verdient gehabt als ein Bühnenspektakel, das es irgendwie zu sein versucht.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

Copyright der Bilder: Maurice Korbel

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SONSTIGES: Elfriede Jelinek – Der Film

Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen – so heißt der Film, der derzeit (ACHTUNG – sicher nicht mehr lange!) in ausgewählten Kinos zu sehen ist. Der Film ist natürlich interessant für Theaterfreunde, obwohl Elfriede Jelinek ihre Stücke ja nicht speziell für die Bühne geschrieben hat. Zu ihren Texten gibt es aber immer schon Inszenierungen.

Ich kenne leider nur zwei Inszenierungen zu ihren Texten: „Am Königsweg“ (Inszenierung am SchauspielHaus Hamburg, HIER ein Trailer) und „Wut“ (Inszenierung an den Münchner Kammerspielen). Einar Schleef war wohl ihr Lieblingsregisseur. An weitere Inszenierungen ihrer Texte an den Münchner Kammerspielen (etwa die Werke Rechnitz, Die Straße, die Stadt, der Überfall, Das schweigende Mädchen) kann ich mich irgendwie nicht mehr erinnern, obwohl sie an den Münchner Kammerspielen liefern.

In diesem Beitrag bringe ich einige Links, die es ermöglichen, Elfriede Jelinek vielleicht ein wenig zu verstehen. Schwer genug!

HIER etwa ein Gespräch mit Elfriede Jelinek nach dem Tod von Einar Schleef.

Und hier bei dieser Gelegenheit zunächst ein schöner Song aus der Inszenierung „Am Königsweg“, gesungen von Benny Claessens: Die Inszenierung vom SchauspielHaus Hamburg, war ja eingeladen zum Berliner Theatertreffen. Ausschnitte von „Am Königsweg“ sieht man über den Link unten zum „weiteren Porträt“. Claessens kann wahrlich nicht singen, aber trotzdem:

Den Film „Elfriede Jelinek“ hatte ich mir am vergangenen Sonntagmittag im Münchner Theatiner Filmtheater angesehen, das einem schon wegen seiner Kleinheit, seiner – gewissermaßen -„Zurückgezogenheit“ und seines ausgewählten Programmes immer wieder gefallen kann! HIER der Link zur Website des Kinos.

Die Regisseurin und Autorin des Films „Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“, Claudia Müller, sagt in einem Gespräch über ihren Film (HIER das Gespräch), sie möchte den Zuschauer hungrig zurücklassen mit der Idee: „Ich möchte etwas von Elfriede Jelinek lesen“. So ist es auch! Man kann Elfriede Jelinek nach diesem Film natürlich in keiner Weise vollständig – wenn überhaupt – verstehen. Auch ich werde mir sicherlich demnächst ein Buch von Elfriede Jelinek zur Hand nehmen.

In zumeist auffallend ruhiger Art und Weise versucht der Film jedenfalls, der Person Elfriede Jelinek näher zu kommen. „Auffallend ruhig“ deshalb, weil die mir bekannten Inszenierungen ihrer Texte auf der Bühne zu recht unverständlichem Chaos und zu Wildheit neigten. Die Steiermark, ihre Heimat. Elfriede Jelinek ist ansich ja bekannt dafür, dass sie alles andere als Ruhe gibt, doch der Film schafft oft Ruhe und damit Konzentration auf sie und ihre Texte. Im Film werden Ausschnitte aus ihren Texten von SchauspielerInnen wie Ilse Ritter, Sandra Hüller, Stefanie Reinsperger etc. zitiert. Der Film versucht nicht, das Leben von Elfriede Jelinek chronologisch abzuarbeiten, es sind jede Menge Zeitsprünge enthalten. Es beginnt mit der Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahre 2004. Deutlich wird dann doch erst einmal gezeigt, dass ihre Kindheit und Jugend, in der sie von ihrer Mutter wohl übermäßig zu allen möglichen Kunstleistungen verpflichtet wurde, sehr prägend für ihr weiteres Leben waren und ihr diesen doch distanzierten Blick auf das Leben gegeben haben müssen. Die Sprache war – sagt sie – noch das einzige Feld, das für sie frei war.

Das Besondere ist dabei, wie sie Worte wählt, welche Worte sie wählt, wie sie sich ausdrückt! Sie hat – erlebt man auch im Film – eine unglaubliche Distanz zum normalen Leben, beschreibt es aber in vielen Einzelheiten und Tendenzen, ist also gleichzeitig dicht dran am Leben. Das ist bemerkenswert. Der Film zeigt auch, dass sie oft/meist politisch agierte. Vor allem zeigt er ihre Auseinandersetzung mit der an Österreich klebenden faschistischen Vergangenheit. Stichworte sind Haider, Waldheim, Rechnitz. Bevor der Film diese politische Ausrichtung wieder verlässt.

Elfriede Jelinek hat sich nach Erhalt des Literaturnobelpreises aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Schon an der Verleihung des Literaturnobelpreises in Schweden konnte sie nicht teilnehmen. Vor allem wollte sie vermeiden, über ihre eigenen Stücke zu reden und sie damit zu schwächen, wie sie meint. Zumindest hat sie zu dem Film „Elfriede Jelinek“ – nachdem sie ihn gesehen hatte – auf Wunsch der Regisseurin in einem Brief Stellung genommen – und sie hat auch hier wieder sehr besondere Worte gefunden. Der Brief wurde in der ZEIT und im STANDARD veröffentlicht.

HIER ist der Link zu diesem Brief.

HIER wird der Brief von Stefanie Reinsperger gelesen.

HIER ist noch ein Trailer zum Film.

Und HIER ist ein interessantes weiteres neueres „Porträt“ von Elfriede Jelinek (aus 2021) zu sehen.

An Elfriede Jelinek rauscht ihre Welt vorbei, die sie skeptisch/pessimistisch betrachtet, und sie findet zu alledem besondere, ganz besondere Worte! Nicht an Fiktionen, an ihren Realitäten arbeitete sie sich ab. Amerika, Österreich, Tourismus, Faschismus, Pornographie, vieles vieles mehr. Sie formuliert und benennt die Dinge so, wie sie kaum jemand formuliert.

HIER noch der Wikipediaeintrag zu Elfriede Jelinek, der ihre unglaubliche frühere Schaffenskraft zeigt.

MUSIK: Matthias Grübel aus „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek

Hier noch einmal Musik aus „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek, die Inszenierung von Falk Richter am SchauSpielHaus Hamburg. Etwas ganz Anderes. Es sollte – zusammen mit einem zuckenden Tanz von Frank Willens – mehr den Wahnsinn zeigen, in dem wir leben. „Franks Dance Piece“.

Kleiner Kontrast zum Lied davor aus derselben Inszenierung (Mazzy Star – Fade Into You).

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair

MUSIK: Mazzy Star – Fade Into You

Ich bringe ja gerne Musikstücke aus Theaterinszenierungen. Kürzlich hatte ich den Onlinestream von „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek gesehen. Daher die Musik hier. Siehe unten. Ein Lied, das dort von Julia Wieninger gesungen wird. Sie steht seitlich auf der Bühne und betrachtet und besingt das Geschehen auf der Bühne.

Es war die Inszenierung von Falk Richter, die 2018 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war. Dort hattte ich es auch gesehen.

HIER die Stückeseite des SchauSpielHauses Hamburg.

Ok, es ist kein fröhliches Lied! Trotzdem!

Es geht in „Am Königsweg“ ziemlich deutlich – auch ohne Namensnennung – um Donald Trump, den „König“. Und es geht um viel mehr – Elfriede Jelinek eben. Aufsehenerregend – für manche positiv, für manche negativ – war wieder einmal Benny Claessens in der Rolle des „Königs“.

Er provoziert ja das Publikum irgendwie immer wieder. Auch hier wieder – etwa mit einem irren Monolog. Auch er singt im Stück ein Lied, das mir gefallen hat. Mal sehen, vielleicht bringe ich es auch gleich noch.

Falk Richter wird in der kommenden Spielzeit Hausregisseur der Münchner Kammerspiele. HIER die Meldung von ZEIT online. Es ist ja sehr fraglich, wie die immer interessanter gewordene Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen im Sommer enden wird. Geplant war etwa eine 24 -Stunden- Aktion. Ob und wie so etwas im Sommer stattfinden kann? Who knows!

Mazzy Star wurde 1989 gegründet. Melancholisch oder auch düster sind sicher einige Stücke der Band. Wikipedia nennt die Musik „gitarrengestimmten Folkpop“.

Vor Kurzem erst, am 26.02.2020, war im SPIEGEL (HIER) zu lesen, dass einer der Begründer von Mazzy Star, David Roback, im Alter von 61 Jahren gestorben ist.

Fade into You erschien 1993 auf dem Album So Tonight That I Might See, dem zweiten Album der Band. Laut Wikipedia ist es das erfolgreichste Lied von Mazzy Star.

Eine Übersetzung des Songtextes lautet:

Ich mag die Hand in Deinem Innern halten
Ich mag nen Atemzug nehmen der wahr ist
Ich schau zu Dir und sehe nichts
Ich schau zu Dir um die Wahrheit zu sehn

Du lebst Dein Leben, Du wandelst in Schatten
Du gehst hinweg hinein ins Schwarz
Eine Art von Nacht in Deiner Finsternis
Färbt Deine Augen mit dem was nicht da ist

Verklingen in Dir
Seltsam das Du´s nie gemerkt hast
Verklingen in Dir
Ich find´s seltsam das Du´s nie gemerkt hast

Das Licht eines Fremden geht langsam auf
Das Herz eines Fremden ohne Zuhaus
Du führst Deine Hände in Deinen Kopf
Und dessen Lächeln bedeckt dann Dein Herz

Verklingen in Dir
Seltsam das Du´s nie gemerkt hast
Verklingen in Dir
Ich find´s seltsam das Du´s nie gemerkt hast

Hier zwei Versionen. Das Original:


Und hier eine Version des Songs gesungen von MileyCyrus! Auch gut.

Und hier die lyrics in Englisch:

I want to hold the hand inside you
I want to take a breath that’s true
I look to you and I see nothing
I look to you to see the truth
You live your life, you go in shadows
You’ll come apart and you’ll go blind
Some kind of night into your darkness
Colors your your eyes with what’s not there

Fade into you
Strange you never knew
Fade into you
I think it’s strange you never knew

A stranger’s light comes on slowly
A stranger’s heart without a home
You put your hands into your head
And then its smiles cover your heart

Fade into you
Strange you never knew
Fade into you
I think it’s strange you never knew
Fade into you
Strange you never knew
Fade into you
I think it’s strange you never knew
I think it’s strange you never knew

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair

THEATER: Elfriede Jelinek – Wolken.Heim

Wir, immer wieder „Wir“. Was ist denn „Wir“? Es basiert doch immer auf mehreren, die sich aufgrund irgend etwas zum „Wir“ aufmachen. Es basiert im Grunde oft auf Einbildung. Elfriede Jelinek hatte 1988 zum deutschen „Wir“ den Text „Wolken.Heim“geschrieben. Der Text wurde seither immer wieder in Theatern aufgeführt. Jetzt ist eine weitere Inszenierung am Münchner Residenztheater zu sehen.

Elfriede Jelinek hatte den Text „Wolken.Heim“ knapp vor dem Fall der Mauer geschrieben. „Wir sind das Volk“ wurde dann zufällig einer der prägenden Ausrufe des Mauerfalls. Auch ein “Wir“.

Und auch ganz aktuell kommen ja viele Menschen immer wieder schnell auf ein „Wir“. Nationalismus. Es ist also durchaus ein aktuelles Thema. Auch auf ein deutsches „Wir“ kommt man. Aber nicht nur in Deutschland gibt es dieses „Wir“ der Abgrenzung. Elfriede Jelinek hatte diese Abgrenzung und besonders die Bedeutung dieses deutschen „Wir“ damals auf ihre Art untersucht. Als Außenstehende – sie ist ja Österreicherin.

In der Stückbeschreibung auf der Website des Residenztheaters heißt es: „Jelineks 1988 uraufgeführtes Erfolgsstück bietet poetische Textflächen, auf denen fünf Personen nach möglichen Antworten suchen. Jelineks Überschreibung von Texten der deutschen Idealisten Hegel, Fichte, Kleist und Hölderlin bietet die Grundlage des rätselhaften „Wir“, das hier laut wird, über sich selbst spricht und die „Anderen“.

Auch Aussagen von Heidegger und aus Briefen der RAF verwendet sie. Allerdings – wie so oft bei ihr – nicht irgendwie erkennbar. Sie verändert die Aussagen, entstellt ihren Sinn, verdreht sie teilweise.

Vorab: Wie immer bei Elfriede Jelinek: Es ist nicht leicht zu verstehen! Ich habe bislang erst zwei Inszenierungen zu ihren Texten gesehen. Eine davon im vergangenen Jahr beim Berliner Theatertreffen – „Am Königsweg“ – und davor eine an den Münchner Kammerspielen, die derzeit noch zu sehen ist: „Wut“. Ich halte es – bisher – für typisch, dass bei Elfriede Jelinek auf der Bühne sehr viel Aktion stattfindet. Viel Aktion zu schwer verständlichen, teils wirren Texten. Was die Aktion auf der Bühne angeht: Ganz anders ist es jetzt bei Wolken.Heim“ am Residenztheater – was es schwerer machte, es noch irgendwie zu verstehen.

Immer wieder gab es übrigens in den vergangenen Jahren in München Inszenierungen ihrer Texte, viele an den Kammerspielen: „In den Alpen“, „Wolken.Heim“, „Ulrike Maria Stuart“ „Rechnitz (Der Würgeengel)“, „Winterreise“, „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“, „Das schweigende Mädchen“ und eben „Wut“, bei dem die terroristischen Attentate von Paris Schreibanlass waren.

Worum geht es? Jelineks Text „Wolken.Heim“ – der keine Personen vorgibt – enthält Aussagen etwa zu: … Sich selber glauben, von sich überzeugt sein, deutsche Traditionen, deutscher Geist, Wald und Romantik, Boden, drinnen und draußen, unsere Sprache, sich den Anderen überlegen fühlen, Selbstsucht, das Bewusstsein, etwas „Hohes“ zu sein, wir sind das Ziel in der Ewigkeit und so. Es entsteht dabei ein fast klaustrophobisches Bild, das gerade durch die Art der Inszenierung gefördert wird. „Das – deutsche – „Wir“ macht alles eng, obwohl es laut Wort und Tat so groß sein soll. Um diesen Widerspruch geht es! Um diesen Widerspruch!

In der Inszenierung am Residenztheater treten fünf Personen auf. In einer unangenehmen Atmosphäre: Ein Wartesaal, abgegrenzt, unfreundlich, grau, mehrere Sitzbänke, alles ist grau und nüchtern. Wirklich alles ist grau. Nur durch zwei Sehschlitze und Türöffnungen scheint freundliches und warmes orangenes Licht von irgendeinem „draußen“ herein. Bis zu den Haaren und zur Unterhose ist alles grau. Die Personen im Raum wirken irgendwie hilflos und lächerlich. Sie vermitteln durch ihr Aussehen „Deutsches“, wirken aber nicht sehr glaubhaft, es ist eben alles grau.

Die Personen reden viel, unterstützen aber den Inhalt nicht irgendwie durch bestimmte Darstellungen. Text. Die Inszenierung insgesamt hilft – leider – auch nicht, den Text zu verstehen. Ein Interview mit Elfriede Jelinek im Programmheft gibt etwas mehr Aufschluss. Elfriede Jelinek geht davon aus, dass besonders bei den Deutschen festzustellen ist, dass man die eigene Nationalität an Wald und Boden festmacht. Und an dieser Strenge und Klarheit, die fern von Gefühlen liegt.

Letztlich verbleibt eine Grundatmosphäre über das Deutsche: Man fühlt sich als Deutscher groß und besonders durch Worte und Taten. Und seien es Kriege. Aber ob das wirklich groß und besonders ist?

HIER die Seite zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn


THEATER: Elfriede Jelinek – Wut

Nachdem ich Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ auf dem Theatertreffen in Berlin gesehen hatte (HIER mein Blogbericht),  habe ich mir jetzt noch einmal ihr derzeitiges Stück an den Kammerspielen in München angesehen. „Wut“ heißt es. Es ist in der kommenden Spielzeit noch zu sehen. Ich habe bisher nichts darüber geschrieben:

Typisches Jelinekstück. Müssen Jelineks Stücke so inszeniert werden? München war ähnlich wie Berlin! Eine überbordende Jelinekshow! Mit wirklich guten Phasen aber! Es dauert über 4 Stunden. Der Regisseur Nicolas Stemann – er hat schon acht Stücke von Elfriede Jelinek auf die Bühne gebracht – erklärt zu Beginn der Aufführung, dass dieses Stück ständig weiter entwickelt wird. „Work in Progress“. AfD, Trump, PAG … Anlass für Elfriede Jelinek, das Stück ganz schnell zu schreiben, waren damals die Anschläge in Paris, Charlie Hebdo.

Wie ist das Stück: Im Unterschied zum Stück „Am Königsweg“ werden hier viele Passagen aus Jelineks Text wörtlich vorgelesen. Das erleichtert es, ihr ein wenig zu „folgen“. Aber „folgen“ ist auch hier zu viel gesagt. Ich habe es nicht geschafft. Lag aber auch an der nur für mich schlechten Akustik des Abends. Man hätte alles verstehen müssen! Ich muss es eigentlich nachlesen. Mal sehen.

Es ist insoweit aber eine – etwas – stringentere Inszenierung, als es „Am Königsweg“ war. Man sieht auf der Bühne die jungen Schauspieler des Ensembles der Münchner Kammerspiele – Julia Riedler, Thomas Hauser, Zeynep Bosbay, Jelena Kulijc etc. Ausnahme – sorry – Annette Paulmann, sie ist nicht mehr „Jugend“. Das passt aber sehr gut. Und Franz Rogowski (siehe Blogberichtsfoto), der – laut Programmheft 2018/19 – leider nicht mehr dem Ensemble angehören wird. Er ist im Film derzeit zu erfolgreich wahrscheinlich und wird keine Zeit haben.

Insgesamt sieht man nicht schauspielerische Leistungen, sondern „Aktionen“ auf der Bühne, finde ich. So soll es wohl sein. Unterbrochen übrigens wird es von einem etwa halbstündigen Diskurs des Regisseurs Nicolas Stemann mit seinen beiden Musikern (Thomas Kürstner, Sebastian Vogel) zu aktuellen Nachrichten aus den Tageszeitungen. Überall wurde „Bernd Söder“ entdeckt. Und das Kreuz.

Oder später der Aufruf, alle Zuschauer sollten auf die Bühne kommen. Viele kamen (Sicherheitsschleusen wurden aufgestellt), bis Stemann plötzlich sagte: „Aus Sicherheitsgründen müssen wir es abbrechen, bitte Ruhe bewahren!“ Dann wurde der Vorhang – eine schwarze Blechwand – herabgefahren, hinter dem Vorhang ging es weiter! Auf die schwarze Wand wurde das Geschehen hinter der Bühne – auch das Blogbeitragsbild oben – projeziert. Für viele hieß es damit: Wir müssen draußen bleiben!  … Aktueller Bezug klar! Was noch aufgefallen ist: Das ganze wahnsinnige Bühnendrumherum hätte im Grunde weg bleiben können. Es hat nur abgelenkt. So sah das etwa aus, während Anette Paulmann hinten an einem Tisch vorlas:

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Teils gut gemacht, aber mein „aber“: Eine reine Lesung, das wäre gut gewesen! Inhaltlich mag jeder dann selbst ein wenig zurecht kommen, oder auch nicht.

HIER der link zur Onlineseite der Inszenierung „Wut“ an den Kammerspielen, wieder mit Trailern.

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THEATERTREFFEN EXTRA: Elfriede Jelinek – Am Königsweg (Schauspielhaus Hamburg)

Also Elfriede Jelinek, österreichische Trägerin des Literaturnobelpreises! Seit vielen Jahren werden ihre Bücher immer wieder auf die Bühnen gebracht. So in München derzeit (noch) „Wut“, zu sehen am DIENSTAG! 22. Mai, 19.00 Uhr. HIER die Website der Kammerspiele zum Stück, mit Trailern.

Oder auch in Hamburg „Am Königsweg„, die Inszenierung von Falk Richter. Es sind meist extrem wüste Inszenierungen. Reinsetzen, vorbeiziehen lassen und ein paar Ansätze mitnehmen. HIER der Trailer aus Hamburg. Es ist zu viel meist, denke ich. Hier ein paar Bilder:

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Dieses mal gibt es sogar – sieht gar nicht so aus! – ganz ruhige Momente, wenn Ilse Ritter vom Stuhl aus oder vom Balkon aus als Elfriede Jelinek selbst das Wort ergreift. Motto: „Ich werde alt, habe nichts mehr zu sagen, meine Worte werden verschwinden. Also: „Wir lernen ja eh nicht dazu„, siehe Donald Trump. Es ist zu einem großen Teil ein Anti-Trump- Text. (Manchmal liest man nicht „Text“, sondern „Textfläche“, passt besser). Trump wird aber nicht namentlich genannt, man redet abstrakt ständig vom „König“. Der macht, was er will. Obwohl er ja gewählt wurde. Er führt sich auf wie wildgeworden. Wahrheit ist nicht mehr relevant. Tenor der Inszenierung: „Wir sind alle blind„. Siehe das Bild oben.  Und: „Wir meinen dauernd, etwas Neues zu schaffen, aber es ist immer das Alte! Weil nur das kennen wir ja und wir können ja nur etwas schaffen, das wir kennen! Das führt nicht auf einen guten Weg! Und was wahr ist, erkennen wir auch nicht mehr.

Am beeindruckendsten fand ich – nicht nur ich – Benny Claessens. Er ist die zentrale Figur der Inszenierung! Kritikerstimmen sind hingerissen. Er teilt ja das Publikum seit Jahren in begeisterte Fans und angewiderte Lächler, weil er extrem ist. Ein Berserker, der irgendwie auch seinen Charme hat. Er schimpft – brüllt – etwa mit irrer Power auf das Publikum ein. „Grandios“, „versetzte in Verzückung“ etc. liest man. HIER ein Interview mit ihm.

Und wie er über die Bühne geht! Mit einer ganz bestimmten unauffälligen Geste! Eine kleine Bewegung! Arroganz? Wurstigkeit? „Ihr könnt mich mal“? Oder nur Teil seiner Rolle in Am Königsweg? Der undemokratische König sagt heute ja auch: „Ihr könnt mich mal!“ Die Bühne gehört bei diesem Stück jedenfalls – emotional – hauptsächlich ihm. Er verabschiedet sich mit dem T-Shirt-Aufdruck: „Stop being poor“. Passt irgendwie, Trump und Co. werden es immer als „selbstgemacht“ ansehen, wenn man arm ist. Also hör auf damit!“