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THEATER: Frei nach Arthur Schnitzler – Fräulein Else

Klar: Die Inszenierung (Regie: Leonie Böhm) ist dieses Jahr (im Mai) zum Berliner Theatertreffen eingeladen, sie kann dann übrigens im TV in der 3sat-Mediathek als eines der „Starken Stücke“ des Theatertreffens gesehen werden. Sie hatte im vergangenen Jahr Uraufführung am Wiener Akademietheater und ist derzeit an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Hier werden noch zwei Aufführungen folgen (Ende April und Ende Mai), ob sogar noch weitere folgen werden, ist mir nicht bekannt.

Julia Riedler jedenfalls, die zusammen mit Leonie Böhm das Konzept für die Inszenierung verantwortet, hat ja beste Beziehungen zu den Kammerspielen, war hier einige Jahre lang im Ensemble und lebt jetzt in Wien, also nicht soo weit weg. Es ist ja ihr Soloabend, den sie – so oder so ähnlich – schon jahrelang im Kopf hatte.

Der Inhalt von Arthur Schnitzlers Stück „Fräulein Else“ – einer Novelle, einem inneren Monolog – ist schnell erzählt: Else, die Protagonistin der Novelle, die im Theater sonst eher als Zwei-Personen-Inszenierung gebracht wird, soll bei einem Kunsthändler (Herrn Dorsday) ein Darlehen für den verschuldeten Vater erwirken. Es ist vom Vater das Schlimmste zu befürchten, wenn es Else nicht gelingt, das Geld zu bekommen, Gefängnis auf jeden Fall. Der Kunsthändler verlangt aber einen Striptease von Else dafür. Er nutzt damit die unlösbare Situation von Else aus. Das Schlafmittel Veronal spielt eine entscheidende Rolle.

So ist das Original, entstanden 1924. Die Konstellation, in der sich Else befindet, bleibt auch bei Böhm/Riedler so „klassisch“ und dramatisch, das Stück nimmt aber hier eine andere Entwicklung. Es ist der Überlegung von Leonie Böhm und Julia Riedler geschuldet, dass die Thematik hier neu gedacht wird. Julia Riedler tanzt am Ende bei lauter Musik befreit auf. Ich verrate nichts.

Prägende Elemente sind:

Hervorragend gespielt wird es von Julia Riedler. Nur gegen Ende, wenn es doch so sehr auf die (neuen) Einsichten des Kunsthändlers Dorsday ankommt, geht es doch sehr „schnell“ zur Sache, es waren plötzlich viele Aussagen, die bei mir immer wieder kurz gestört waren von der Überlegung, wer es eigentlich gerade sagt, das war nicht leicht.

Ein barocker Kronleuchter ist die einzige Requisite auf der Bühne – die Bühne ist fast den Abend durchgehend nur der Teil vor dem Bühnenvorhang, siehe oben -, er lässt an die damalige Zeit des „Fräulein Else“ zurückdenken, während das Thema – merkt man – in die heutige Zeit geholt wird.

Eine entscheidende Überlegung des Konzeptes ist es, das Publikum in die Situation von Else zu holen, es mit einzubeziehen. Vielleicht rührt auch daher – zumindest zum Teil – die so starke Regung des Publikums am Ende des eineinhalbstündigen Abends. Das Publikum nimmt im Grunde sogar beide Positionen ein, jeweils von Julia Riedler provoziert, die ja mit dem Publikum kommuniziert. Die Position von Herrn Dorsday, weil Julia Riedler ja am Ende nackt sein wird, lange Zeit nackt auf der Bühne spielt, nur mit einem grünen Höschen bekleidet. Jeder/jede Besucher/in sitzt also doch vor dem Ziel von Herrn Dorsday. Andererseits: Else holt das Publikum auch auf ihre Seite, wenn sie das Publikum zwischendrin etwa auffordert: „Fahren wir alle den kurzen Weg mit der Straßenbahn, über die Isar zu Herrn Dorsday … Oder wenn sie im Publikum Geld sammeln will, um die Schmach abzuwenden.

Die Beteiligung des Publikums geht in der Tat sehr weit, Julia Riedler ist bei der Kommunikation mit dem Publikum schlagfertig improvisierend charmant, aber teils auch geradezu provokant. Meine Sitznachbarin meinte etwa, das war „too much“. Nun gut.

Das Interessante an der Inszenierung ist zweifellos die Wendung des Stückes am Ende, daher rührt die Inszenierung! Denn damit wird der Bogen zu unserer heutigen Zeit und zum Thema MeToo (toxisches sexuelles Verhalten von Männern gegenüber Frauen in bedrängter Lage) geschlagen. Der schwere Vorhang öffnet sich am Ende und Julia Riedler tanzt …

HIER der Link zu einem sehr interessanten Gespräch mit Julia Riedler über Scham auf der Bühne.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

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THEATER: Robert Icke- Die Ärztin

Der britische Autor und Regisseur Robert Icke hat Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ unter dem Titel „Die Ärztin“ in die Gegenwart geholt. Interessanter Ansatz: Wie sähe heute die Situation von Professor Bernhardi aus? Das Stück „Die Ärztin“ ist derzeit in einer Inszenierung von Miloš Lolić am Münchner Residenztheater zu sehen.

Robert Icke hat für dieses Stück – entstanden 2019 – einige Auszeichnungen erhalten. Bei den Evening Standard Theatre Awards 2019 als bester Regisseur, die damalige Hauptdarstellerin Juliet Stevenson wurde mit dem Critics Circle Theatre Award als beste Schauspielerin ausgezeichnet, beide erhielten Nominierungen für den wichtigsten britischen Theaterpreis, den Laurence Olivier Award 2020.

Robert Icke zeigt also die Situation heute. Ein realistisch gehaltenes Stück, dementsprechend reell ist das Bühnenbild. Ein schlicht und betont karg gehaltener Raum, keine Einrichtung. Der Raum ist mal Vorzimmer, mal Besprechungsraum, mal Privatwohnung. Zum Fantasieren oder zum gedanklichen Sich-treiben-lassen soll die Bühne nicht anregen. Auch die Kostümierung: Schlicht Arztkittel.

Robert Icke geht es dabei keineswegs um den in Arthur Schnitzlers Stück zentralen Konflikt „Judentum – Christentum“ im Wien um 1900, auch nicht nur um das bei Arthur Schnitzler mitschwingende Thema der „Repräsentation der Konfessionen“ im Klinikkollegium eines Krankenhauses. Das war Wien um 1900. Nein, in Robert Ickes Bearbeitung entwickelt sich – ausgehend von derselben Situation in einem renommierten Krankenhaus – die heute schnell so vielschichtige Konfliktlage um „die Ärztin“. Er – Nein! Hier „sie“, die Ärztin Dr. Ruth Wolff – kann dabei nur zusehen, wie sich in Politik, Medien, Wirtschaft und sogar im Privatleben alles zunehmend gegen sie richtet. Was heute eben alles schnell mitschwingt und „ausgeschlachtet“ wird! Schon der Begriff „Affentheater“, den Ruth gegenüber dem dunkelhäutigen Priester verwendet, wird zum Problem! Es beginnt alles mit einem kleinen, dann größer werdenden shitstorm in den „Sozialen Medien“.

Möglichst viele Parallelen zu Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ bleiben dabei durchaus erhalten, auch etwa die Politik mischt sich in den „Konflikt“ ein. Das ist die heutige Welt, alles unterliegt schnell einer Dynamik, der kaum mehr auskommt, wer einmal „an den Haken“ gekommen ist. Robert Icke zeigt, dass es heute eben vor allem für fast alles kleine oder große Interessengruppen gibt, die schnell ihre Interessen „einbringen“ wollen, weil sie sie verletzt sehen. Was früher ein schwerfälliger fürchterlicher Tanker war, Antisemitismus, sind heute zig verschiedene wendige Interessen, denen man schnell gegenüber steht. Da hilft auch nicht die mehrfach wiederholte Aussage der Ärztin, sie teile die Menschen nicht nach Gruppen ein. Ein Zeichen unserer Zeit? Sehen wir nur Gruppen? Nutzen wir die Chancen, genau unsere Interessen zu vertreten, sie öffentlich zu machen, medial wirksam anzubringen, aus „Klein“ dann „Groß“ zu machen, auch wenn es Opfer kostet?

Feminismus, Antisemitismus, Abtreibung, Kolonialismus, Wirtschaftsinteressen, Gleichstellung, Geschlechterfragen, und und und, all diesen Fragen sieht sich Ruth ja plötzlich gegenüber. Dass dabei die Wahrheit und die Diskussionskultur manchmal auf der Strecke bleibt und eher überlegt wird, wie etwas bei anderen „ankommt“, kommt bei Robert Icke auch zum Ausdruck.

Schauspielerisch fand ich das Stück nicht außergewöhnlich. Vor allem bei der Ärztin Dr. Ruth Wolff (Lisa Wagner) hatte ich immer wieder überlegt, warum sie sich doch recht arztuntypisch gibt. Allein eine Aussage wie: „Es ist vorbei, wenn es eine Leiche gibt, keine Sekunde früher“ erschien mir doch arztuntypisch. Es ist vielleicht ein wenig das Manko des Stückes: Es wirkt von Beginn an etwas übertrieben, dass aus dem sehr verständlichen Verhalten der Ärztin (sie wusste ja nicht einmal, ob die Patientin den Priester sehen wollte) ein solches Problem entsteht, das sogar zum Entzug der Approbation der Ärztin führt.

Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

THEATER: Olga Bach – Doktor Alici

Doktor Alici von Olga Bach an den Münchner Kammerspielen. Eine Inszenierung von Ersan Mondtag, der aber – nicht zum ersten Mal – sicherlich in enger Abstimmung mit Olga Bach daran gearbeitet hat. Wer die Neigung hat, etwas politisch um ein paar Jahre Weitergedachtes sehen zu wollen – ausgehend von den heutigen Verhältnissen nicht nur in Bayern – kann sich dieses insoweit „realistische“ Stück gut ansehen. Auch wenn irgendetwas fehlte (siehe unten). Es soll das Jahr 2023 sein, also gar nicht soweit weg.

Kritisches Volkstheater könnte man auch sagen. Und dann: Man stellt sich dann die Frage, ob das, was wir derzeit in der Realität erleben (darauf baut das Stück ja auf), hier mit allzu viel Fantasie weitergedacht wurde oder ob nicht das, was im Stück fantasievoll gezeigt wird, nicht doch schon irgendwie im Heute fast festgezurrt ist. Aber das haben ja schleichende Veränderungen so an sich. Schleichende Veränderungen, die man hinnimmt und die dann irgendwann aufbrechen. Darauf zielt ja der Abend. Das ist ja der Unterschied: Bei vielen Theaterstücken kann man sich danach überlegen: Spielt das in unserem Leben eine Rolle? An diesem Abend dagegen war es anders: Der Abend ging ganz klar davon aus, dass die Thematik in unserem Leben – jedenfalls hier in Bayern – eine Rolle spielt. Sonst hätte der Abend keinen Sinn gemacht. Und gerade die Bayern nehmen ja gerne die Dinge so hin, wie sie sind. „Mia san mia!“.

Thema war das PAG, das Bayerische Gemüt, die Einstellung zu Muslimen. Und zwar war die tatsächliche Situation von Olga Bach andersherum weitergedacht: Die CSU hat ja bekanntermaßen in Bayern das PAG installiert. Die Polizeipräsidentin, die im Stück von den sogenannten „Ökologen“ eingesetzt wurde, hat das PAG dann eben vor der Landtagswahl ganz gesetzestreu gegen eine angeblich rechte Gruppierung eingesetzt. Soweit, so gut. Der CSUler in der Inszenierung, ein Sicherheitspolitiker, und andere eher „rechte“ Vertreter wollen es ihr zwar ausreden, sie bleibt aber hart. Das wiederum treibt den Unmut der CSU hoch und höher. Die CSU hat doch das PAG wegen drohender muslimischer Gefahren installiert! Und so weiter…

Nach dem Theaterabend sagte mir jemand sinngemäß: Naja, im Publikum der Münchner Kammerspiele sitzen ja schon eher die kritischen und aufgeschlossenen Geister. Das Stück war aber eher an Menschen gerichtet, die die Entwicklung nicht so kritisch sehen! Nicht erkennen! Ja, das Stück hätte im Residenztheater etwa sicherlich einen anderen Resonanzboden vorgefunden.

Zum Stück und der Inszenierung und zu meinen Eindrücken Folgendes:

Zum Stück: Olga Bachs „Doktor Alici“ ist entfernt angelehnt an „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler. Auch dort sind es schleichende Veränderungen: Dort kommt ein jüdischer Arzt mehr und mehr in Schwierigkeiten, nachdem er aus persönlicher und professioneller Sicht eine medizinische Entscheidungen getroffen hatte, die die Gemüter der Nazis störte und zunehmend Judenhass gegen ihn aufkommen ließ.

Zur Inszenierung: Gut gespielt wird Dr. Alici allemal wieder. Das Ensemble der Münchner Kammerspiele kann immer durch die Bank überzeugen. Das Bühnenbild und die Kostümierung (Bühne von Nina Peller und Kostümierung von Teresa Vergho) lassen einen allerdings staunen. Es wirkt alles wie in einem verrückten Traum. Zur Kostümierung siehe allein oben das Bild. Also wirkt doch alles recht entrückt, nicht realistisch? Obwohl das Thema so realistisch ist! Das obige Beitragsbild gefällt mir übrigens schon deswegen, da es schön die Situation des Stückes zeigt: Der seit Jahrzehnten bekannte klassische Bühnenvorhang und davor die abstrus wirkende Gruppe der Schauspieler.

Auch der fast permanent auf die Bühne niederprasselnde Regen und die immer wieder zu hörenden Donner und die aufflackernden Blitze verursachen eine träumerische, aber auch desolate Atmosphäre. „Scheißregen“ sagen einzelne SchauspielerInnen mehrfach. Die SchauspielerInnen laufen meist mit aufgespannten Schirmen herum.

Das Ensemble ist diesmal übrigens ergänzt durch Hürdem Riethmüller (Münchnerin mit türkischen Eltern), die die zentrale Rolle einer lesbischen und muslimischen bayerischen Polizeipräsidentin (!) spielt, und durch den rührend gut spielenden Michael Gempart.

Mein Eindruck: Mir wurde das Thema etwas zu direkt angegangen. Fast schulmäßig, wie in einem Aufsatz. Aber auch das kann ruhig einmal im Theater stattfinden! Besser vielleicht als zum zehnten Mal William Shakespeare sehen und sich dann wieder denken: „Ois is wias is!“.

Wie mit dem Holzhammer wurde aber quasi auf die Zuschauer eingeschlagen. Schöne Momente waren aber zu finden: Allein die Talkshow mit den Protagonisten und die Aussagen der Beteiligten! Siehe das Beitragsbild oben.

Insgesamt etwas kompliziert gedacht. Das ist leider das Gefühl, das an diesem Abend auch etwas hängen blieb. Es wirkte etwas kompliziert und damit nicht so ganz einschlagend. Vielleicht fehlte es, dass man sich speziell an einer der beteiligten Personen, besonders an der Polizeipräsidentin, emotional mehr hätte orientieren können. Das würde auch Arthur Schnitzler und seiner recht psychologischen Herangehensweise entsprechen. Irgendetwas fehlte vielleicht. Eine Abrundung oder Zuspitzung, an der man sich orientieren würde. Aber das ist natürlich leichter gesagt, als getan. Letztlich bleibt die Polizeipräsidentin jedenfalls „im Regen stehen“ – oder liegen, allein auf der klatschnassen Bühne.

©️ des Beitragsbildes: Armin Smailovic, Münchner Kammerspiele