Der Regisseur Bastian Kraft hat sich schon einige Male mit Thomas Mann befasst: Er inszenierte die „Buddenbrooks“ 2017 am Schauspielhaus Zürich, HIER ein Trailer. Dann den „Mephisto“ 2018 am Burgtheater Wien, ein Trailer HIER. Weiter den „Tod in Venedig“ 2022 am Thalia Theater Hamburg, ein Trailer HIER. Zuletzt den „Zauberberg“ 2023 am Burgtheater in Wien, ein Trailer HIER. Jetzt noch einmal die „Buddenbrooks“ am Münchner Residenztheater, einen Trailer siehe unten!
Der Vorteil: Bastian Kraft erzählt in seiner „Kurzversion“ des Romans vom Verfall der Lübecker Familie Buddenbrook, die sich auch über fast 3 Stunden erstreckt, so, dass man sehr linear eine Zusammenfassung des sehr umfassenden und berühmten ersten großen Romans von Thomas Mann erhält. Man muss den großen Roman des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann also nicht unbedingt noch lesen – man hat ihn ja wahrscheinlich schon irgendwann einmal gelesen. Vielleicht aber wird man durch die Inszenierung dazu angeregt, sich den Roman (noch einmal) zu greifen.
Es ist wahrlich eine „Erzählung“, hier auf der etwas kleineren Bühne des Cuvilléstheaters. Von Hanno Buddenbrook, dem jüngsten Spross der verfallenden Familie, wird man durch den Roman der Familiengeschichte geführt. Hanno beobachtet alle Szenen rückblickend und führt den Zuschauer durch die Generationen. Dementsprechend ist das Bühnenbild: Bilderrahmen (meist in „Mannsgröße“) zeigen im Hintergrund, andererseits doch sehr zentral, die tragenden Personen der verschiedenen Generationen der Familie Buddenbrook. Die Bilderrahmen sind auch Spielfläche für die SchauspielerInnen und Projektionsfläche für Bildeinspielungen. Zentral sind die Bilderrahmen für die Inszenierung, da das Bühnenbild aus nichts anderem besteht. Man folgt dabei also bekanntlich dem Verfall der Familie. Hannos Vater, Thomas, bleibt der Einzige, der das (wirtschaftliche) Erbe der Familie über die Generationen retten will, der immer pflichtbewusst den Bestand der Familie Buddenbrooks im Blick hat als seine Lebensaufgabe, der aber letztlich auch nur hilflos zusehen kann, wie doch alles zu Grunde gelegt – auch durch sein Zutun.
Die Erzählung ist bei alledem nicht emotional aufgebaut, eher nüchtern. Nur kurz flackert etwa die riesige Hilflosigkeit (oder auch das Schuldgefühl?) in Thomas auf, wenn er seinen Bruder Christian anbrüllt. Das Aufeinanderprallen oder Aufbrechen von Emotionen hätte hier durchaus noch mehr Platz verdient gehabt, Bastian Kraft entschied sich aber eher für eine recht nüchterne Schilderung des Verfalls der Familie – „Verfall“ nach damaligen Maßstäben einer wohlhabenden Familie. So kann man sich als Zuschauer selber das Tragische der Entwicklung der Familie Buddenbrook dazudenken beziehungsweise es erkennen. Man kann es erkennen, man kann auch die emotionale Seiten in vielen Szenen erkennen, sie gehen aber insgesamt etwas unter.
Dabei muss man sich sicherlich in die Entstehenszeit des Romans versetzen. Thomas Mann hatte den Roman im Jahre 1900 abgeschlossen. Was für eine andere Zeit! Tradition, das wirtschaftliches Wohlergehen, Familiendünkel, feste Strukturen, feste Lebensentwürfe, all das zählte damals sicherlich um einiges mehr als heute. Andererseits sind es zeitlose Elemente, der eine oder andere mag sich auch heute noch gerade von diesen Elementen angetrieben sehen. Im Grunde aber könnte man heute eher feststellen: Es zählt heute eher die Welt, ihr Zustand, nicht der Zustand einer Familie – deren “Glied“ man damals (in guten Kreisen) noch viel eher war. Man könnte andererseits auch sagen: Heute zählt jede einzelne Person individuell mehr, nicht mehr die Familienhistorie!
Der Abend macht bei alledem Spaß, regt an, weil man hinter all den Namen des Romans „Buddenbrooks“ hier Personen auf der Bühne sieht. Man gewinnt zwar nicht große Nähe zu allen oder einzelnen von ihnen, aber man kann sich ihre jeweiligen Positionen überdenken. Schauspielerisch ist es wieder gut von allen, ich sprach danach mit einem jungen Zuschauer, er war von ihren Leistungen begeistert. Auch wenn meines Erachtens eben den Schauspielern und Schauspielerinnen nicht gerade viel Raum für Emotionen gegeben wurde. Hanno erzählt eben alles.
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.
HIER ein Trailer zur Inszenierung.
Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then











