Im Münchner Volkstheater ist sie derzeit zu sehen. Die Idee des bekannten Stückes „Glaube Liebe Hoffnung“ von Ödön von Horvath hat Bonn Park als Basis für seine Inszenierung Glaube Liebe Roboter genommen.
Es ist eine Inszenierung, bei der Manches nicht leicht erkennbar ist. Die ja recht bekannte Geschichte des Originals „Glaube Liebe Hoffnung“ von Ödön von Horvath etwa erkennt man verständlicherweise kaum, sie ist ja überschrieben, sie kommt nur immer wieder bruchstückhaft vor. Aber auch die von Bonn Park in seiner Inszenierung „Glaube Liebe Roboter“ darüber gelegten Gedanken und Ideen erkennt man nicht leicht.
Lange sieht man sich dem chaotischen, erstaunlich „altbacken“ wirkenden (Bühne von Daniela Zorrozua) Labor gegenüber, in dem aus Menschen Roboter gemacht werden. Auch Elisabeth verkauft – wie in Horváths Original „Glaube Liebe Hoffnung“ – ihre Körperteile an das Labor, bei Bonn Park wird sie dann später zu „Elisabot“. Verhandelt wird bei allem das Thema: „Wie sollen wir stehen zur Zukunft? Brauchen wir/wollen wir Fortschritt? Freude? Angst?Unsicherheit? Können wir etwas aufhalten?“ So in etwa. Viele Fragen, viele Reaktionen.
Am Ende wird alles relativ klar, weil sich alle noch einmal emotional mit fast melancholischem Gesang vor dem Publikum gemeinsam ins Zeug legen (Song von Dagobert) und die Zuschauer – ausverkauft – mit einer Art Stimmungsbild (der Jugend vor allem) nach Hause schicken! Es heißt: „Alles ist verzwickt“! Tja, so ist es! Gott sei Dank kann man es nicht nur negativ sehen.
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Volkstheaters. Nächste Vorstellung ist am Donnerstag (4.12.).
Da gibt es zwei Frauen, in „Persona“ von Ingmar Bergman, derzeit am Münchner Volkstheater: Elisabet, die nicht redet, und Alma, die Krankenschwester. Beide halten sich auf ärztliches Anraten hin zusammen in einem einsam gelegenen Sommerhaus am Meer auf.
Die Krankenschwester Alma wird mit der Betreuung der Patientin Elisabet beauftragt. Die Kranke ist die Bühnenschauspielerin Elisabet Vogler, die während einer Aufführung von Elektra aufgehört hat zu sprechen.
Eine Redende, eine Schweigende. Sie sind insoweit unterschiedlich, aber zugleich sind sie gleich, äußerlich ohnehin, sie werden immer gleicher, „Du“ wird zu „Ich“, vielleicht sind sie beide zusammen eine Person. Kaum zu verstehen, was Ingmar Bergman alles dabei dachte. Alma sagt, sie könne aussehen wie Elisabet. Elisabet, die Schweigende, ist von beiden diejenige, die wohl kompromisslos versucht, bei sich zu sein, die alles andere als Schein zu erkennen scheint, die Welt ist für sie wohl nur Verfremdung, sie hat aufgehört mit dem Theater, dem Theater der Welt – könnte man sagen. Für sie ist jedes gesprochene Wort eine Lüge, das reale Leben so etwas wie eine Nichtwahrheit. Sie schweigt, so protestiert sie – könnte sein – gegen das Leben. Aber warum? Alma dagegen redet viel, sie erzählt Elisabet aus ihrem Leben, redet über ihr Innerstes, eine Abtreibung, auch sie meint damit wohl, bei sich zu sein, von sich zu erzählen, Wahres zu erzählen, aber sie protestiert nicht gegen das reale Leben – könnte man sagen. Im Gegenteil, sie braucht für sich wohl das – vielleicht ja „verlogene“ – Leben. Sie fleht Elisabet auch an, etwas zu sagen, wenn sie auch nur etwas zum Wetter sagen würde. Aber Elisabet redet nicht. Es ist dann sogar Alma, die von Elisabets gehasstem Sohn erzählt, von der ungeliebten Schwangerschaft. Wer soll das auch noch verstehen? Das Verhältnis von Elisabet und Alma zueinander verändert sich ja auch noch. Sind sie doch eins? Zwei immer widersprüchliche Teile von einer Person?
In der Inszenierung am Münchner Volkstheater gibt es noch dazu neben den „echten“ Elisabet und Alma eine Verdoppelung von Elisabet und Alma. Doppelungen mit Gesichtsmasken, die weitgehend gleich angezogen sind, gleich wie sie selbst und gleich wie die „richtigen“ Elisabet und Alma, schwach rot und hellblau aber in Plasikanziehsachen. Die „Doppelungen“ von Elisabet und Alma wirken dabei künstlicher, unveränderlich traurig oder zumindest fragend oder entsetzt oder entrüstet oder ratlos oder oder. Oder wirken sie durch die Masken geradezu verallgemeinernd? Alles Interpretationsfrage an diesem Abend. Die Doppelung macht es jedenfalls nicht leichter. Szenen wiederholen sich, schnelle Wechsel zwischen den „echten“ Elisabet und Alma und ihren Doppelungen …
Auch das dazu gut passende Bühnenbild (Bühne: Nadin Schumacher): Es sind drei Teile dieses Sommerhauses, in dem sich Elisabet und Alma aufhalten, in gewisser Weise sind auch das „Doppelungen“. Nichts gibt es „einfach“. Quadratische Räume, fast moderne eckige Räume, die auf der Bühne immer wieder einmal von den beiden Elisabets und/oder den beiden Almas verschoben, gedreht und versetzt werden. Szenen spielen im Inneren der Blöcke hinter den Wänden, werden live gefilmt und groß auf den Wänden gezeigt, auf die der Zuschauer blickt. Auch die Rückwand der Bühne ist Leinwand. Auch das sind im Grunde Doppelungen.
Bei all den Fraglichkeiten, die Ingmar Bergman dem Zuschauer hier auftürmt: Lena Brückner als Alma und Ruth Bosung als Elisabet spielen es sehr sehr glaubhaft, die Wortlosigkeit oder Traurigkeit von Elisabet, die Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und Verzweiflung von Alma, das wortlose Verhältnis beider zueinander und und und. Beide sind junge Ensemblemitglieder, sie „spielen“ es aber wie hocherfahrene Schauspielerinnen!
Trotzdem: Man darf nicht erwarten, dass man nach diesem Abend eine gesicherte Interpretation von „Persona“ von Ingmar Bergman wagen kann. Wer kann das schon bei „Persona“? Interessant etwa sind im Programmheft die Zitate:
„Muss das sein? Ist es so wichtig, dass man nicht lügt, die Wahrheit sagt, in ehrlichem Ton spricht? Kann man überleben, ohne hin und wieder zu reden?“
Oder:
„Kann man ein und derselbe Mensch sein und im gleichen Augenblick zwei verschiedene Menschen? Wo bleiben alle guten Vorsätze, die man gefasst hat?“
Oder:
„Nicht scheinen, sondern sein. Bewusst, wach, jeden Augenblick. Zugleich der Abgrund zwischen dem, was du vor den anderen und dem, was du vor dir selber bist. Ständig dieses Schwindelgefühl, und der Hunger, ein Geheimnis preiszugeben.“
Regisseurin Sophie Glaser fügt mit dieser Inszenierung den vielen Fragen, die Ingmar Bergman mit „Persona“ ohnehin schon aufwirft, jedenfalls eher gewissermaßen noch weitere Fragen hinzu, als dass sie eine klare Interpretationshilfe gäbe. Verständlich, konsequent, aber nicht leicht!
HIER der Link zur Stückeseite „Persona“ auf der Website des Münchner Volkstheaters.
Hier noch ein Foto der trotz aller Fragen interessanten Inszenierung. Auch Elisabets Ehemann erscheint und Alma wird – auch für ihn – plötzlich zu Elisabet:
Das Festival Radikal jung 2025, das in der vergangenen Woche (plus den Wochenenden) wieder – zum 19. Mal – mit vielen Produktionen am Münchner Volkstheater stattfand, endete – wie jedes Jahr – mit der Verleihung des Publikumspreises.
Den Publikumspreis hat dieses Jahr die Performance von Lulu Obermayer mit Rachel Troy, „Rachel und ich“, erhalten. Es ist eine Produktion des Münchner HochX Theaters und des Live Art München e.V. in Koproduktion mit dem Theater „Sophiensæle“ in Berlin und dem „Theater Rampe“ in Stuttgart.
Ich habe dieses Jahr nicht viele Produktionen des Festivals gesehen, nur die – sehr engagierte – Produktion „Kohlhaas (Glück der Erde, Rücken der Pferde)“ aus Osnabrück, davor „Caligula“ von Albert Camus vom Münchner Volkstheater, sowie die Produktion „Rachel und ich“ von Lulu Obermayer und Rachel Troy. Zu „Caligula“ ist HIER mein Bericht. Die Produktion „Rachel und ich“ war auf Bühne 3 des Münchner Volkstheaters, der im Vergleich zu Bühne 1 und 2 viel kleineren Zusatzbühne, zu sehen.
„Rachel und ich“ ist die Erzählung einer Freundschaft, sehr autobiografisch, nicht fiktiv. Rachel Troy und Lulu Obermayer kennen sich seit vielen vielen Jahren, haben sich in ihren Ausbildungsjahren in New York kennengelernt. Lulu Obermeier ist ja Münchnerin, Rachel Troy stammt aus einer jüdischen Familie. Ihre Freundschaft war/ist belastet durch die jüdische Vergangenheit der Familie von Rachel Troy. Damit setzt sich diese Produktion auseinander. Freundschaft mit Blick zurück vor dem Hintergrund persönlicher Vergangenheit und historischer Vergangenheit. Sie haben es nicht erlebt, aber natürlich konnten und können beide in diesem Verhältnis (eine Deutsche, eine Jüdin) die historische Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs – zum Beispiel auch in Gesprächen mit ihren Eltern und Großeltern oder Gesprächsversuchen oder eigentlich Gesprächsunterlassungen – nicht ausblenden, nicht vergessen. Erstaunlich in ihren damals jungen Jahren, aber ok.
Ich fand allerdings die sehr engagierte Produktion „Kohlhaas …“ sogar interessanter. Eine Produktion auf großer Bühne, insgesamt viel aufwändiger, wild und inhaltlich mit interessanten, auch gewagten, auf die Spitze getriebenen Ansätzen, schauspielerisch (oder besser: „handlungstechnisch“ – sie schauspielern kaum) überzeugend. Der Gedanke dort ist ja: Der Gerechtigkeitsfanatiker und Rebell Michael Kohlhaas mit Blick auf die heutige Zeit! Eine wilde Übertragung des Dramas von Heinrch Kleist aus dem 17. Jahrhundert in die heutige Zeit. Ein Parforceritt.
„Rachel und ich“ dagegen: Auf kleiner Bühne, ganz schlicht gehalten, nicht extrem, mehr eine Erzählung als eine Produktion. Sie hat mir zu wenig Gedanken über das Entstehen und die Entwicklung der offenbar schnell entstandenen Freundschaft zwischen Lulu und Rachel erlaubt und ich fand zum Thema der fürchterlichen jüdischen Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs keine besondere Herangehensweise. Doch: Der Vergangenheit nachspüren – Schuldgefühle – Vorwürfe – Zerwürfnis – Verzeihen, das war die Entwicklung. Treffend sicher, aber eben nicht sehr speziell.
Lulu und Rachel sind ja aus der Generation, die allenfalls noch mit den Großeltern oder Eltern über den zweiten Weltkrieg sprechen kann oder konnte. Daher das große Thema, das immer bleibt: Das Nachwirken von Geschichte in späteren Generationen! Wichtig und interessant, dennoch wundere ich mich doch ein wenig über den Publikumspreis 2025 und frage mich: Wie wird eigentlich die Publikumsbewertung gewichtet, wenn Produktionen auf der sehr kleinen Bühne 3 des Volkstheaters gezeigt werden, während andere Produktionen vor der vielleicht acht- oder zehnfachen Menge des Publikums gezeigt werden?
Nun gut, ich gehe davon aus, dass beide Produktionen noch zu sehen sind, jeder kann sich sein eigenes Bild machen. Ich vermute, dass die mit den Publikumspreis ausgezeichnete Produktion „Rachel und ich“ etwa irgendwann noch einmal im Münchner Theater HochX zu sehen ist. Zuletzt war sie dort im Januar zu sehen. Und „Kohlhaas …“ in Osnabrück etwa?
Hier noch Eindrücke:
„Kohlhaas (Glück der Erde, Rücken der Pferde)“:
Publikumsgespräche offiziell und privat:
Copyrights der Bilder: Beitragsbild: Julian Baumann Bild 1: Uwe Lewandowski Bild 2 und 3: Gabriela Neeb
Am Münchner Volkstheater ist derzeit „Caligula“ von Albert Camus zu sehen. Eine Inszenierung von Ran Chai Bar-Zvi. Caligula, der wahnsinnige Alleinherrscher, ein willkürlicher Autokrat an der Macht? Ist das nicht das Stück der Zeit? So könnte man es sich in der Tat auf den ersten Blick „politisch“ denken: „Genau die richtige Wahl!“
Aber nein. So schlicht politisch ist es nicht. Hier eine Vorbemerkung:
Es ist nämlich zweischneidig: Wollte Albert Camus mit „Caligula“ wirklich „politisch angetrieben“ über einen wahnsinnig werdenden und immer brutaler und willkürlicher handelnden Alleinherrscher schreiben oder wollte er nicht eher „philosophisch angetrieben“ das Thema der „Absurdität des Lebens“ angehen? Doch, wollte er! Albert Camus Stück „Caligula“ gehört ja zu Albert Camus früher Trilogie des Absurden – „Caligula“, „Der Fremde“ und „Der Mythos des Sisyphos“.
Die Frage „Was will Albert Camus mit ‚Caligula‘ zeigen?“ muss man also durchaus im Auge haben, wenn man sich mit dem Stück beschäftigt. Allzu schnell ist es nämlich passiert, dass man das Theater verlässt und meint, man habe ein rein „politisch angetriebenes“ Stück über einen wahnsinnig werden Alleinherrscher der Antike gesehen. Hat man, aber mit philosophischem Hintergrund: Es ging Albert Camus um die philosophische Frage „Wie kommt der Mensch angesichts der Absurdität des Lebens zu seinem Glück?“ Die Absurdität des Lebens, Camus wollte am Beispiel des wahnsinnigen römischen Herrschers Caligula wohl den Irrweg bei dieser Frage aufzeigen. Caligula sucht ja sein Glück! Er nutzt dazu seine totale Alleinherrschaft aus. Ja, da kann man doch wieder die heutige Zeit erkennen. Ein Donald Trump und ein Elon Musk haben sicher letztlich auch hoch egozentrische Motive bei ihrem Wahnsinn! Da geht Albert Camus aber philosophischer heran: Die Absurdität des Lebens besteht schließlich – so Albert Camus – darin, dass es keinen vorgegebenen Sinn des Lebens gibt, der Mensch will und muss aber an einen Sinn glauben. Jeder Mensch will – philosophisch gesehen – auf seine Weise glücklich werden.
Sehr interessant zum Thema „Absurdität und Glück“ bei Albert Camus ist übrigens ein kleines Büchlein, das ich aus diesem Anlass gelesen habe: Thomas Berger, Albert Camus – Absurdität und Glück. Ein kleiner Essay, eine große Hilfe:
Die Sinnlosigkeit des Lebens nützt – so zeigt es also Albert Camus – der Alleinherrscher Caligula in diesem Zusammenhang besonders radikal aus, er machte, was er wollte, wollte seine absolute Freiheit spüren, sein Glück, das demnach stark darauf basiert, dass das Leben insgesamt, auch das Leben anderer nichts wert ist. Er ließ (nach dem Tod seiner geliebten Schwester Drusilla, dem letzten vieler persönlicher Schicksalsschläge) aufgrund seiner Machtstellung Freund und Feind ermorden, verbannte, verfolgte, quälte, wurde immer wahnsinniger, immer hemmungsloser.
Am Ende aber war auch er nicht glücklich, muss er feststellen, er wurde – wie man in der Inszenierung sieht – umgebracht! „Die Menschen sterben und sind nicht glücklich“. Also: Caligulas Versuch, die völlige Sinnlosigkeit des Lebens ungehemmt auszuleben, nur seinem Wunsch zu folgen, den Mond zu wollen, und völlig rücksichtslos immer wahnsinniger zu handeln, um Freiheit auf dem Weg zum Glück zu erfahren, machte ihn nicht glücklich! Das scheint eine Schlussfolgerung von Albert Camus zu sein: Nihilismus macht nicht glücklich! Vor allem nicht, wenn es radikal zulasten anderer geht! Albert Camus sagte zwar, man müsse die Welt „ablehnen“, um „frei“ werden zu können, aber nicht so, wie Caligula es machte. Auch da wieder ein Gedanke an Donald Trump und Co. Albert Camus war ein extremer Gemeinschaftsdenker – auch europaweit – mit vielen kommunistischen Überlegungen, ganz im Gegenteil zu Donald Trump und Co. Aber, siehe unten, schnell wird das gesamte Publikum mit guter Stimmung reingezogen, was fast beängstigend war vor diesem Hintergrund des Stückes.
Zur Inszenierung:
Zunächst: Die sehr große Bühne des Münchner Volkstheaters war angenehm durch große helle Holzwände auf etwa ein Drittel im vorderen Teil begrenzt. Zeitlos. Man sieht Anspielungen auf die antike Zeit und Anspielungen auf die moderne Zeit: Das Ensemble spielt in antiker Kleidung. Später kommen plötzlich moderne Songs, zum Beispiel „Angels“ von Robbie Williams, hinzu. Ausgelassene Stimmung, die SchauspielerInnen gehen teils durch die Ränge. Noch dazu wird das Publikum zum lauten Mitsingen animiert, was es auch tut! So wird wunderbar gezeigt, wie schnell man sich vereinnahmen lässt!
Das junge Ensemble spielt wirklich gut! Besonders Steffen Link spielt Caligula in seinem Wahn, in seiner Verrücktheit, auf seiner – falschen – Suche nach einem Ausweg aus der gegebenen Absurdität des Lebens großartig!
Im Programmheft heißt es: „Die Willkürherrschaft hat heutzutage wieder Hochkonjunktur. Wir erleben ein Comeback der Autokratie.“ Das ist der politische Ansatz. Sehr wertvoll! Bei Albert Camus kommt dann noch das Philosophische hinzu: Nihilismus ist nicht die Lösung!
Diese (leider nicht klar erkennbare) Kombination von Politischem und Philosophischem macht das Stück aktuell! Es lohnt sich!
Hier noch ein Foto:
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Volkstheaters – mit Trailern.
„Lichtspiel“ ist eine Inszenierung nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Kehlmann, der 2023 erschienen ist. Der Roman war wegen seiner Machart aufgefallen, nicht etwa nur wegen seines Inhaltes: Er kommt als realistisch daher, ist aber in manchen Punkten eine nicht klar erkennbare Mischung aus Fakt und Fiktion.
Damit trifft er – der Roman – vielleicht ungewollt den Zahn der Zeit: Wir leben in einer Zeit, in der sich Fakten und Fiktionen leider immer mehr vermischen! So sind wir immer wieder Betrugsversuchen ausgesetzt: „Papa, ich habe eine neue Telefonnummer, ruf mich mal an!“ oder „Ihr Sohn braucht eine Kaution, er sitzt in Untersuchungshaft!“, fast jeder wird es so oder ähnlich schon erlebt haben. Auch bei Meldungen im Netz werden uns immer wieder falsche Dinge vorgesetzt! KI wird künftig dafür sorgen, dass wir sogar bei Stimmen nicht mehr klar unterscheiden können zwischen „echt“ und „unecht“, usw. Selbst die Demokratie ist damit gefährdet. Können wir Wahlergebnissen trauen?
In dieser Hinsicht – die Vermischung – ist auch der Roman „Lichtspiel“ von Daniel Kehlmann zu sehen. Es geht im Roman um das Leben des Regisseurs G. W. Pabst, eines der tatsächlich erfolgreichsten Regisseure in der Nazizeit. Man liest und denkt sich: Ich erfahre hier seinen Lebensweg! Sein Lebensweg ist ja aus heutiger Sicht politisch sehr interessant – siehe unten! Man erkennt im Roman aber nicht immer genau, was Fiktion ist! Daniel Kehlmanns Roman „Lichtspiel“ ist, auch wenn er sich in Vielem an den Lebensgeschichten des historischen G. W. Pabst und seiner Familie orientiert, teils ein Werk der Fiktion, so gab es etwa keinen Sohn mit Namen Jakob.
Dieser Gefahr entkommt auch die Inszenierung des Romans am Münchner Volkstheater (Regie Christian Stückl) trotz eines deutlichen Hinweises an der Garderobe nicht. Im Gegenteil: Die Inszenierung zeigt sich erst recht fast „dokumentarisch“: Im Hintergrund werden immer wieder Originalbilder der damaligen Zeit gezeigt. Auch das Bühnenbild mit der nüchternen, kühlen weißen Neonbeleuchtung durch eine riesige Lampe über dem Geschehen hat Dokumentationscharakter. Auch die Tatsache, dass während des Stückes fast durchgehend zwei Personen dabei stehen und zuhören und dem Geschehen – wie die Dokumentaristen – zusehen, hat etwas Dokumentarisches.
Zum Inhalt: Es geht also in der Tat um G. W. Pabst, einen der Größten des Kinos, vielleicht der größte Regisseur seiner Epoche: Er floh vor den Gräueln des neuen Deutschlands nach Hollywood, hatte dort aber keinen Erfolg. Aber sein Erfolg war ihm das Wichtigste! Es trieb ihn freiwillig zurück in die Hände der Nazis, der Propagandaminister wollte das Filmgenie haben und versprach ihm viel Freiheit für sein Schaffen. So konnte er seine Filme machen! Das wollte er! Das Naziregime nahm er nicht ernst, er hielt alles für recht harmlos! Aber während G. W. Pabst noch glaubte, dass er sich weiter nur der „Diktatur der Kunst“ fügen werde, war er schon den ersten Schritt in die rettungslose Verstrickung gegangen.
Ein hochaktuelles Thema! Denn die AfD hat wahrscheinlich massenweise Unterstützer, die die Partei mit ihren rechtsextremen Mitgliedern aus Bequemlichkeit wählen oder nur ihre eigene private Situation vor Augen haben, den Rechtsruck nicht ernst nehmen. „Raus aus Europa“, „Ausländer raus“, „Windräder abbauen“ usw.! Die AfD kann alles sagen – und wenn es noch so undurchdacht ist! Nur völlig unüberlegt kann man das dann selber für gut heißen!
Man kann sich die Inszenierung am Münchner Volkstheater durchaus so ansehen, dass man rein abstrakt die Entwicklung einer Person verfolgt, die hauptsächlich den eigenen Werdegang, den eigenen Vorteil, den eigenen Erfolg im Auge hatte, nicht aber den damaligen immensen Rechtsruck und die Nazigräuel. „Wehret den Anfängen!“ galt für diesen Mann nicht, er beugte sich seinem Erflgsstreben, und das ist auch heute die Gefahr! Die Frage ist nur: Wie kommen wir zu einer auf breiter Basis vernünftigen Auseinandersetzung mit den politischen Themen der Zeit? Die Medien kommen diesem Ziel nicht nahe, finde ich!
Schauspielerisch ist es übrigens ein guter Abend! Das junge Ensemble überzeugt, zieht die Zuschauer hinein in die Geschichte.
Hier noch ein Foto:
HIER der Link zur Stückeseite von „Lichtspiel“ auf der Website des Münchner Volkstheaters.
Es ist momentan beeindruckend zu sehen, dass die Vorstellungen im Münchner Volkstheater doch immer wieder weitgehendausverkauft sind. Und das in den sehr groß angelegten beiden Theaterräumendes noch neuen Theaterbaus. So auch bei der Aufführung von Jean Genet‘s „Die Zofen“.
Aus momentanem Zeitmangel heraus halte ich hier nur ein paar kurze Eindrücke zu „Die Zofen“ fest. (Entschuldigung für die Unordnung des folgenden Textes).
Das Bühnenbild hebt alles in eine starke Abstraktheit. Verspiegelung ist das alles beherrschende Thema des Bühnenbilds. Alles ist verspiegelt, selbst der Bühnenboden. Geprägt wird die Bühne von einem Karussell mit Pferden, das in der Mitte steht, sich manchmal dreht. Alles verspiegelt. Auch die beiden Treppen, die links und rechts am Bühnenrand stehen und in die Höhe führen: Verspiegelt. Weiter: Die linke Hälfte der Bühne ist insgesamt spiegelgleich der rechten Hälfte der Bühne. Sogar die beiden Einstiegsklappen zum Untergrund, die den beiden Zofen den Weg in ihre Küchenwelt ermöglichen, sind identisch angelegt. Auch das Karussell selbst hat zwei spiegelgleiche Hälften. Als wäre in der Mitte der Bühne ein Strich gezogen und alles gespiegelt. Es geht ja inhaltlich in gewisser Weise auch um Spiegelungen. So passt es also. Die Zofen versuchen, die Madame zu „spiegeln“, sie spielen mit der Spiegelung, um mit den bestehenden Verhältnissen des „oben und unten“ umgehen zu können. Sie wollen die gnädige Frau ja mit vergiftetem Lindenblütentee umbringen. Letztlich stirbt allerdings eine der beiden Zofen. Ich blickte allerdings nicht unbedingt gerne auf diese gewaltig verspiegelte Bühne mit meterhohem grauem Vorhang im Hintergrund. Es wirkte auf mich irgendwie unangenehm.
Es spielt sich vor diesem Hintergrund noch dazu alles weitgehend in einer schwarz/weiß- oder grau-Stimmung ab. Nur die Kostümierung der gnädigen Frau bringt immer wieder deutlich Farbe. Auch das passt allerdings in gewisser Weise gut zum Inhalt von „Die Zofen“. Noch deutlicher in „schwarz-weiß“ gehalten war ja die – ebenfalls völlig abstrakt gestaltete – Inszenierung von „Die Zofen“ an den Münchner Kammerspielen aus 2014. HIER ein Trailer zur damaligen Inszenierung.
Manchmal wird Musik eingespielt. Hier hätte mir eine Art musikalischer „Zugriff“ auf den Inhalt von „Die Zofen“ gut getan, der dem Ganzen etwas an Prägung gegeben hätte. Die Musik war zwar „ausgewählt“, hat aber nicht irgendeine spezielle Stimmung zum Stück besonders transportiert. So blieb der Eindruck: Das Geschehen von „Die Zofen“ wurde in all seiner Vielschichtigkeit von den drei Schauspielern wirklich klasse dargeboten, es wurden aber keine Schwerpunkte gesetzt. Eben auch nicht durch Musik. Ich hätte einen solchen Schwerpunkt gerne erkannt.
Regie hat die Münchnerin Lucia Bihler. Die beiden Zofen und Madame werden von drei jungen Schauspielern – nicht Schauspielerinnen – gespielt. Silas Breiding (Madame), Jakob Immervoll (eine Zofe) und Lukas Darnstädt (die zweite Zofe). Das mag schon Jean Genet so vorgesehen haben. Es ist jedenfalls keine ganz neue Idee für „Die Zofen“. Ich fand es aber für „heute“ eher unnötig, man kennt den Geschlechterwechsel im Theater zu gut. Dass es sich beim Inhalt von „Die Zofen“ nicht um ein reines Frauenthema handelt, ist klar. Die weite Bedeutung des Themas von „Die Zofen“ muss aber meines Erachtens nicht mehr dadurch gezeigt werden, dass männliche Schauspieler gewählt werden. Es hat mich fast ein wenig gestört, fiel fast schon wieder etwas aus der Zeit.
Die Frage war generell: Was macht man heutzutage mit dem Thema von „Die Zofen“? Ist es noch ein Thema? Jean Genet hatte das Stück 1947 geschrieben. Klassenunterschiede waren damals ein größeres Thema als heute. Wir haben uns an Klassenunterschiede gewöhnt. Die ewige gewollte und ungewollte Festschreibung der Klassenunterschiede sind heute vielleicht das Thema. Ein solcher Schwerpunkt begegnete mir an diesem Abend aber nicht. So blieb die Inszenierung beim gleichwertigen Aufzeigen zu vieler Aspekte, dem Originaltext geschuldet: Bewunderung, Hass, Liebe, Abhängigkeit, Gehorsam, Rituale und und und. Es sind eben sehr viele Aspekte, denen sich der Originaltext widmet.
Mein Fazit daher: Ich habe „Die Zofen“ gesehen, es hat mich aber nicht aufgerüttelt, bewegt, angeregt oder ähnlich. Es ging an mir etwas vorbei. Andere haben es anders gesehen, der Applaus war stark.
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Volkstheaters.
Die gesamte Münchner – oder gar über München hinaus – Theaterszene schien anwesend zu sein. Der Intendant des Münchner Residenztheaters Andreas Beck – seine Stellvertreterin Ingrid Trobitz – bekannte aktuelle und ehemalige Gesichter der Münchner Kammerspiele – bekannte Gesichter der Kritikerszene – bekannte zuschauende Dauerfreunde der Münchner Theaterwelt und und und.
Der riesige Zuschauerraum von Bühne 1 des Münchner Volkstheaters war fast ausverkauft, wie Christian Stückl bei seinen einführenden Worten zur Eröffnung des Festivals „Radikal jung“ 2023 in „seinem“ Theaterhaus erklärte. Hier:
Es war wie ein zweites Theatertreffen. Ob dies dem gerade im 5. Jahr eröffneten Festival „Radikal jung“ galt oder speziell der Darbietung der Inszenierung von „Zwiegespräch“, kann ich nicht beurteilen. Die Inszenierung von „Zwiegespräch“, dem aktuellen kleinen Gesprächsroman von Peter Handke, sie mag ein besonderer Lockvogel gewesen sein. Es ist die am Burgtheater Wien zu sehende Inszenierung der jungen Regisseurin Rieke Suesskow, die als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des letzten Jahres zum Theatertreffen 2023 nach Berlin eingeladen ist. Eine seltene Gelegenheit, die Inszenierung in München zu sehen. Rieke Suesskow hier:
Es war/ist die erste Arbeit der 33jährigen Regisseurin am Burgtheater Wien.
Das gibt auch eine Antwort auf die Frage, warum das Stück „Zwiegespräch“ gar Teil des Festivals „Radikal jung“ geworden ist. In Peter Handkes aktuellem Roman „Zwiegespräch“ geht es doch um ein Gespräch zweier alter Männer – nicht gerade „radikal jung“! Die Antwort ist: Die junge Regisseurin! Dem Festival geht es um „junge Talente im Bereich der Theaterregie“! Eine zweite Antwort ist vielleicht auch noch: Die Inszenierung von Rieke Suesskow stellt den Kontrast zwischen jung und alt viel viel deutlicher dar, als es der Roman selbst tut. Der Text des Romans (man sollte ihn zweimal lesen!) wird damit nicht verändert, geschickt kommt aber das Thema „jung und alt“ viel deutlicher und prägender auf die Bühne.
Hier ein Foto von der Aufführung, das das Bühnenbild von „Zwiegespräch“ zeigt (Copyright Susanne Hassler-Smith, Burgtheater). Es ist ein Bühnenbild von Mirjam Stängl, die genau dafür am diesjährigen Berliner Theatertreffen 2023 vom langjährigen Medienpartner des Theatertreffen, 3sat, die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung für das beste Bühnenbild erhalten wird.
Ziehharmonikagleich zieht sich zu Beginn der Aufführung minutenlang ganz langsam dieser riesige Paravent über die ganze Bühne, spannt sich auf wie das Leben. Er teilt die Bühne in zwei Hälften, links die Alten (auch die werden im Laufe des Stückes immer weniger), rechts die Jungen. Stück für Stück verschiebt sich die Unterteilung im Laufe der Aufführung, der Raum für die Alten wird immer kleiner.
Sehr treffend fasst das Programmheft zu „Zwiegespräch“ die Gedanken zusammen, die um den kurzen Roman von Peter Handke kreisen (Copyright Burgtheater Wien):
Ja, in Peter Handkes Roman „Zwiegespräch“ erzählen sich die beiden Alten (auf der Bühne sind es mehr) von Erinnerungen aus ihrem Leben. Es kann auch ein einziger Alter sein, Peter Handke. Meist erzählen sie von ihren Großvätern. Meist geht es darum, dass etwas nicht erkannt werden konnte, nie richtig erkannt werden kann. Der Schein trügt immer! Das Liebespaar in der Scheune, das man nur hört, das Haus und sein Innenleben.
Die Enkelgeneration übernimmt etwas von den Alten, Verharmlostes, aber im Grunde verwaltet sie nur das Ableben der Alten. Veranstaltet Spiele, die „Reise nach Jerusalem“, bis alle Alten weg sind, ausgeschieden und gestorben sind. Das zeigt die Inszenierung von Rieke Suesskow deutlicher und sehr treffend. Auch wenn an diesem Abend Branko Samarovski offenbar seinen Text fast völlig verloren hatte. Der Souffleur wurde nach etwa einer Dreiviertelstunde fast zum Textvorsager, Branko Samarovski zum Nachsager. Schade, das war leider störend. Naja, die Alten … Entscheidend bleibt der Text des Romans „Zwiegespräch“, auch an diesem Abend.
Rieke Suesskow es in der Tat geschafft, dem unverändert gebliebenen Text von Peter Handke eine Inszenierung zu geben, die den Text wunderbar ergänzt!
HIER der Link zum Spielplan des Festivals „Radikal jung“, das also begonnen hat. HIER der Link zur offiziellen Website des Festivals „Radikal jung“.
HIER der Link zur Stückeseite von „Zwiegespräch“ auf der Website des Burgtheaters in Wien.
Copyright des Beitragsbildes: Susanne Hassler
Copyright der Bilder der Eröffnung und von Rieke Suesskow: Gabriela Neeb
Man weiß ja, dass an deutschen Schulen Goethes „Faust“ nicht mehr zur Pflichtlektüre gehört. Diese Tatsache greifen die durchweg jungen SchauspielerInnen der Besetzung im derzeit am Münchner Volkstheater zu sehenden Stück „Feeling Faust“ zunächst in einer gestellten Diskussionsrunde auf. Etwa eine halbe Stunde lang wird im vorderen Teil der sehr großen neuen Bühne vor einer grünen Studiowand über den Faust geredet.
Ein kurzer Bericht:
Erfrischend pointiert wird zunächst also in junger, bieder gekleideter Runde (sie spielen dabei die ältere Generation) über Sinn und Zweck von Goethes „Faust“ geredet. Mein Eindruck: Im Gegensatz zum weiteren Verlauf des Abends hätten sich die beteiligten SchauspielerInnen in dieser Diskussionsrunde darstellerische noch deutlich zurückhalten können, es ging ja um das, was sie sagten. So aber, wie es gebracht wurde, wirkte es hier noch teilweise allein durch die Gestiken der Beteiligten etwas zu aufgesetzt, dadurch fast komödiantisch. Aber es zeigte in gewisser Weise eben den Irrsinn solcher Diskussionen.
Die Studiowand wird nach gut einer halben Stunde zu Seite geschoben, ganz nach dem Faustschen Motto: „Hinaus in die Welt“. Es öffnet sich die riesige neue Bühne des Münchner Volkstheater, sicherlich allein durch ihre Größe nicht leicht zu bespielen. Der Besetzung von „Feeling Faust“ gelingt es gut, die Bühne im weiteren Verlauf nicht zu groß wirken zu lassen.
Es entstehen zunehmend Bilder unseres modernen Lebens. Eindrücke einer typischen Jelinek-Inszenierung werden es, zeitnah, politisch, kritisch, chaotisch, mit Sprüngen in den Aussagen. So wird es ein Stück über die Gegenwart insgesamt, über moderne Lebensweisen, Kommunikation, über Extreme, auch über Gefühlswelten. Mitlaufende Videobilder verstärken die Eindrücke der aktuellen Weltlage, aber auch andere Aussagen, etwa wenn – eben Faust – über die Liebe gesungen wird.
Hervorragend ist mittendrin der – etwa viertelstündige – Monolog von Steffen Link als der große Alleskönner Johann Wolfgang Goethe. In unglaublicher Selbstverliebtheit und im Wissen darum, dass er ja ein Weltstar geworden ist und alles Mögliche erfunden hat (Farbenlehre etc.) spricht er herablassend mit dem Publikum. Herrlich satirisch, als würden wir Goethe alle ja eigentlich noch unterschätzen, oder im Grunde überschätzen? Johann Wolfgang Goethe – unser größtes Kulturgut?
So ist es ein ironischer, im Gegensatz zu Elfriede Jelinek aber tendenziell eher humoristischer, immer wieder in extremen Situationen abschweifender Abend über das Chaos im modernen Leben. Man hat den Eindruck: Die Liebe oder die Gefühle insgesamt gehen in diesem Chaos jedenfalls unter! Genau da steckt viel Kritik drin, ohne aber noch weiter sehr konkret zu werden. Man kann ja auch nicht alles bringen. Allerdings blieb für mich die Frage offen: War es ein humorvoller Blick auf die Welt oder war es Kritik?
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Volkstheaters.
Zweifach Goethes Werther: Der Erste online, jeder kann es live am Sonntag, den 26.06., 17.00 Uhr, verfolgen! “werther.live“ ist ein Stück, das im Rahmen des am Freitag beginnenden Festivals „radikal jung“ am Münchner Volkstheater gezeigt wird. Der zweite Ansatz heißt schlicht “Werther“ und hat schon morgen, Mittwoch, 22.06., 20.00 Uhr, am Münchner Residenztheater Premiere
Zu den beiden Annäherungen an Werthers Liebesleiden:
Das digitale Theaterstück „werther.live“ auf dem Festival radikal jung hatte schon große Resonanz. Es wurde mit dem Deutschen Multimediapreis 2020 ausgezeichnet und wurde beim nachtkritik-Theatertreffen 2021 unter die zehn besten Stücke des Jahres gewählt. „werther.live“ war außerdem nominiert für das Theatertreffen der Berliner Festspiele und ist eingeladen zum 38. Heidelberger Stückemarkt. Es gastiert auch digital u.a. beim Schauspiel Köln, Schauspielhaus Hamburg, Deutsches Nationaltheater Weimar, sowie auf den Festivals PERSPECTIVES und Arena.
Übrigens mit Vorgespräch um 16:15 Uhr mit C. Bernd Sucher zur Produktion und zum Werk von Cosmea Spelleken und Nachgespräch um 19:00 Uhr mit Regisseurin Cosmea Spelleken und Leonard Wölfl (technische Produktion).
Finde ich ja sehr interessant: Wie spielt sich tragische Liebe heutzutage online ab?
Wikipedia schreibt über Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ Folgendes: Es gilt als Schlüsselroman desSturm und Drang. Es entwickelte sich „zum ersten Bestseller der deutschen Literatur“, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und war Mitauslöser der sogenannten Lesesucht. Dass Goethes Buch ein Welterfolg werden würde, war auch für ihn nicht vorhersehbar. Später schrieb er in seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit: „Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf.“
HIER die Stückeseite von „werther.live“ im Rahmen des Programms des in diesen Tagen beginnenden Festivals „Radikal jung“.
Und „Werther“ am Residenztheater, der wird also etwas herkömmlicher insoweit, als es auf der Bühne stattfindet. Aber wahrscheinlich wird es auch nur ein bisschen herkömmlicher. Der Untertitel heißt: „Ein theatralischer Leichtsinn von Johann Wolfgang Goethe mit Texten von Karoline von Günderrode“. Es ist also auf jeden Fall eine Mischung mit Texten von Goethes Werther und Texten von Karoline von Günderrode!
HIER die Stückeseite von “Werther“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Es ist ein Foto einer Wand, mehr nicht. Ein Foto von zweimal „Aussicht“. Beides passt irgendwie zusammen. Einmal der staunende Blick in die Landschaft – eine Szene aus „Caspar Western Friedrich„, das schöne, fast wortlose Stück an den Kammerspielen aus 2016, das vielen Münchnern unverständlich blieb. Und einmal im Wort.
Wie geht es weiter? Die Frage stellt sich immer wieder. Momentan besonders. Auch im Hinblick auf das Theater fragt sich natürlich: Wie geht es weiter? Man wird es im Herbst sehen – etwa in München, an den Kammerspielen, dem Residenztheater, dem Volkstheater, dem Metropoltheater, dem HochX und und und. Wie wird sich Theater verändern? Wie wird sich der/die Zuschauer/in verändern? Kann es überhaupt weitergehen? Und Theater selbst ist ja „Aussicht“. Immer mit der Frage: Wohin schaut man als Theatermacher? Wie schaut man? Schaut man ernst? Fröhlich? Zuversichtlich? Besorgt? Mein Gott, es ist alles so vielschichtig! Aber es genügt ja schon, wenn an EINER Schicht gekratzt wird, mehr geht nicht. Aber wenigstens kratzen, das finde ich immer gut. Nicht nur belustigen. Die Kammerspiele etwa. Dort schaute man immer sehr offen in die Welt und war wahrscheinlich sogar selber immer wieder überrascht, wie es einen selbst verändert, offen und tolerant, mit Respekt vor allem, Ausschau zu halten, sich zu begegnen. Warum sollte man auch allzu viel festzurren und darauf beharren? So war, glaube ich, auch eine recht besondere Atmosphäre an den Kammerspielen entstanden in den vergangenen fünf Jahren. Ich hatte es ja selber gemerkt und sehr geschätzt. Samouil Stojanov, Mitglied des Ensembles der Kammerspiele in den vergangenen fünf Jahren, sagte kürzlich in einem Interview, „die Leute wären baff“, wenn man dort noch ein paar Jahre zusammengeblieben wäre. Ja, Aussichten haben eben immer viel Potential …
... hier höre ich auf mit diesem Text. Werde ihn aber immer wieder ergänzen. Ich wollte eigentlich nur das Foto bringen, es gefällt mir irgendwie.
Ich würde ja gerne wissen, ob sich Ödon von Horvath über diese Inszenierung seines Stückes „Glaube Liebe Hoffnung“ am Münchner Volkstheater wirklich gefreut hätte. Obwohl das Stück inhaltlich „erzählt“ wurde, wurde meines Erachtens von der Stimmung, die Ödon von Horvath vor Augen haben mochte, vielleicht ja irgendwie zu wenig erwischt.
Vielleicht wird es zu sehr heruntergespielt, nach dem Motto: „Wir müssen etwas bieten!“ Es fehlten ruhige Momente meines Erachtens. Es hätte einfach weniger sein können. Weniger ist oft mehr. Das große Manko unserer Zeit.
Die Geschichte – basierend angeblich auf einer wahren Begebenheit – von „Glaube Liebe Hoffnung“:
Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit der 30er Jahre. Die junge Elisabeth kämpft um ihre Existenz. Als Vertreterin für Damenwäsche versucht sie sich durchzuschlagen, benötigt dafür einen Wandergewerbeschein für 150 Mark. Entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen, bietet sie dem Anatomischen Institut ihre Leiche zum Verkauf an. Erfolglos, denn Leichen gibt es zu Hauf in diesen schwierigen Zeiten. Der Präparator leiht ihr 150 Mark, nicht wissend, dass Elisabeth damit ein Bußgeld begleichen muss, weil sie ihr Gewerbe ohne Lizenz ausgeübt hat. Als die Wahrheit ans Licht kommt, wird Elisabeth zu einer Haftstrafe verurteilt. Sie ist dann arbeitslos und vorbestraft. Ohne Arbeitserlaubnis keine Arbeit, ohne Arbeit kein eigenes Einkommen, ohne Einkommen keine Chance auf ein rechtschaffenes Leben. Selbst die Liebe zu dem Polizisten Alfons scheitert an Elisabeths Vergangenheit. Am Ende verliert Elisabeth ihren Glauben, ihre Liebe und die Hoffnung in einer Gesellschaft, sie begeht einen Selbstmordversuch. Die Gesellschaft, die den Einzelnen lieber zugrunde gehen sieht, als die Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit in Frage zu stellen
In gewisser Weise war mir die Inszenierung zu erwartungsgerecht: Das Bühnenbild etwa war so, wie man sich an der Schauspielschule ein Bühnenbild wahrscheinlich vorstellt: Links und rechts dünne Wände mit mehreren Türöffnungen nebeneinander – nach hinten erhöht sich die Bühne stark – um einen optischen Effekt zu erzielen, werden die Türen nach hinten immer kleiner – auf der Bühne stehen ein paar Tische, mehr nicht – Trennwände werden manchmal hoch oder runter gefahren. Die Schauspieler wirken oftmals viel zu groß für die klein wirkende Bühne. Nun gut, der Regisseur und Intendant Christian Stückl wird sich etwas dabei gedacht haben. Es sollte sicher extra so sein. Aber heraus kam dann eben etwas eher langweiliges, finde ich. Ich glaube allein schon: Eine so stark angeschrägte Bühne ist einfach out! Das hat man bis vor zehn Jahren ständig gebracht. Schade! Schlichtweg ebenerdig, also waagerecht, wäre doch schön gewesen!
Auch die Kostümierung war meines Erachtens zu einfallslos. Eigentlich trugen alle Schauspieler schwarz-weiß. Das wiederum erinnerte eher an Franz Kafka, aber nicht Ödon von Horvath. Alle Schauspieler trugen noch dazu durchgehend schwarze Zylinder oder andere schwarze Hüte. Meines Erachtens viel zu ideenlos von Stefan Hageneier, der verantwortlich war für Bühne und Kostüme.
Schauspielerisch konnte meines Erachtens nur Nina Steils überzeugen. HIER ihre Seiten auf der Website des Volkstheaters. Sie wird in der Tat auch für ihre Leistungen an der Volksbühne, auch in „Glaube, Liebe, Hoffnung“, in der Presse gelobt. Erst seit dieser Spielzeit ist sie am Volkstheater. Sie spielt in Glaube Liebe Hoffnung so, als würde sie sich wirklich etwas zurückziehen und das ein oder andere Mal zurecht fast über die übertriebene und hektische Spielart um sie herum wundern. Sie ist die einzige, die ruhige Momente in diesem Stück hat. Und genau die sind gut! Besonders der Präparator – Schauspieler Oleg Tikhomirov – spielt dagegen durchgehend übertrieben nervös, hektisch, unruhig und laut. Aber nicht nur er. Christian Stückl wird sich aber auch hier sicher etwas gedacht haben.
Christian Stückl zeigt eine laute und nervöse, aber eigentlich auch sehr verängstigte Männerwelt um die zarte Elisabeth herum. Männerwelt, Frauenwelt, ein Thema für Horvath. Mir schien es aber irgendwie nicht ganz stimmig! „Bellende Hunde beißen nicht“, heißt es doch. Dann wären doch all die Herren um Elisabeth herum ziemlich bisslos! Ödön von Horvath zeigt aber, dass Elisabeth tatsächlich zu Grunde geht in der damaligen Männerwelt. Nicht nur an den Männern, sie wird von der Justiz und der Armut und den Männern in die Enge getrieben. Vielleicht sollten Sie also doch lieber etwas weniger „bellen“, die Männer in dieser Inszenierung.