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THEATER: Thomas Mann – Buddenbrooks

Der Vorteil: Bastian Kraft erzählt in seiner „Kurzversion“ des Romans vom Verfall der Lübecker Familie Buddenbrook, die sich auch über fast 3 Stunden erstreckt, so, dass man sehr linear eine Zusammenfassung des sehr umfassenden und berühmten ersten großen Romans von Thomas Mann erhält. Man muss den großen Roman des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann also nicht unbedingt noch lesen – man hat ihn ja wahrscheinlich schon irgendwann einmal gelesen. Vielleicht aber wird man durch die Inszenierung dazu angeregt, sich den Roman (noch einmal) zu greifen.

Es ist wahrlich eine „Erzählung“, hier auf der etwas kleineren Bühne des Cuvilléstheaters. Von Hanno Buddenbrook, dem jüngsten Spross der verfallenden Familie, wird man durch den Roman der Familiengeschichte geführt. Hanno beobachtet alle Szenen rückblickend und führt den Zuschauer durch die Generationen. Dementsprechend ist das Bühnenbild: Bilderrahmen (meist in „Mannsgröße“) zeigen im Hintergrund, andererseits doch sehr zentral, die tragenden Personen der verschiedenen Generationen der Familie Buddenbrook. Die Bilderrahmen sind auch Spielfläche für die SchauspielerInnen und Projektionsfläche für Bildeinspielungen. Zentral sind die Bilderrahmen für die Inszenierung, da das Bühnenbild aus nichts anderem besteht. Man folgt dabei also bekanntlich dem Verfall der Familie. Hannos Vater, Thomas, bleibt der Einzige, der das (wirtschaftliche) Erbe der Familie über die Generationen retten will, der immer pflichtbewusst den Bestand der Familie Buddenbrooks im Blick hat als seine Lebensaufgabe, der aber letztlich auch nur hilflos zusehen kann, wie doch alles zu Grunde gelegt – auch durch sein Zutun.

Die Erzählung ist bei alledem nicht emotional aufgebaut, eher nüchtern. Nur kurz flackert etwa die riesige Hilflosigkeit (oder auch das Schuldgefühl?) in Thomas auf, wenn er seinen Bruder Christian anbrüllt. Das Aufeinanderprallen oder Aufbrechen von Emotionen hätte hier durchaus noch mehr Platz verdient gehabt, Bastian Kraft entschied sich aber eher für eine recht nüchterne Schilderung des Verfalls der Familie – „Verfall“ nach damaligen Maßstäben einer wohlhabenden Familie. So kann man sich als Zuschauer selber das Tragische der Entwicklung der Familie Buddenbrook dazudenken beziehungsweise es erkennen. Man kann es erkennen, man kann auch die emotionale Seiten in vielen Szenen erkennen, sie gehen aber insgesamt etwas unter.

Dabei muss man sich sicherlich in die Entstehenszeit des Romans versetzen. Thomas Mann hatte den Roman im Jahre 1900 abgeschlossen. Was für eine andere Zeit! Tradition, das wirtschaftliches Wohlergehen, Familiendünkel, feste Strukturen, feste Lebensentwürfe, all das zählte damals sicherlich um einiges mehr als heute. Andererseits sind es zeitlose Elemente, der eine oder andere mag sich auch heute noch gerade von diesen Elementen angetrieben sehen. Im Grunde aber könnte man heute eher feststellen: Es zählt heute eher die Welt, ihr Zustand, nicht der Zustand einer Familie – deren “Glied“ man damals (in guten Kreisen) noch viel eher war. Man könnte andererseits auch sagen: Heute zählt jede einzelne Person individuell mehr, nicht mehr die Familienhistorie!

Der Abend macht bei alledem Spaß, regt an, weil man hinter all den Namen des Romans „Buddenbrooks“ hier Personen auf der Bühne sieht. Man gewinnt zwar nicht große Nähe zu allen oder einzelnen von ihnen, aber man kann sich ihre jeweiligen Positionen überdenken. Schauspielerisch ist es wieder gut von allen, ich sprach danach mit einem jungen Zuschauer, er war von ihren Leistungen begeistert. Auch wenn meines Erachtens eben den Schauspielern und Schauspielerinnen nicht gerade viel Raum für Emotionen gegeben wurde. Hanno erzählt eben alles.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

HIER ein Trailer zur Inszenierung.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Der Zauberberg nach Thomas Mann – Livestream des Deutschen Theaters Berlin

Das fiebrig lodernde Geheimnis des Lebens und der Verwesung, darum geht es! Sebastian Hartmann inszenierte bereits vor zehn Jahren Thomas Manns „Der Zauberberg“, er war damals Intendant des Schauspiels Leipzig. Er hat sich nun am Deutschen Theater Berlin erneut an dieses monumentale Werk gemacht. Er wagt sich ja übrigens auch (auch am Deutschen Theater Berlin) an einen anderen Jahrhundertroman, den „Ulysses“ von James Joyce. Die Inszenierung von „Der Zauberberg “ ist zum Theatertreffen 2021 in Berlin eingeladen. In welcher Form auch immer das Theatertreffen in diesem Jahr stattfinden wird.

Es ist nicht einfach die Erzählung des Romans „Der Zauberberg“ auf der Bühne, Hartmann greift allein die Kerngedanken des Werkes auf. Umso erstaunlicher ist es, wie er diese abstrakte Gedankenwelt auf die Bühne bringt! Eine insoweit meines Erachtens absolut gelungene Inszenierung! Wie man so etwas schafft? Es geht um nicht weniger als um Themen wie die Zeit, der Mensch, der Körper, auch die Liebe und schließlich der Krieg. Wenn man sich diesen nicht gerade alltäglichen Gedanken länger hingeben will, hier ist eine wunderbare Gelegenheit!

All dies entspringt der Gedankenwelt von Hans Castorp, der nach einem heftigen Wintersturm, der ihn auf einer Wanderung erwischt, in den Schweizer Bergen in einen tiefen Traum fällt. Traumbilder durchziehen auch die Inszenierung. Etwa:

Copyright: Video Still von Tilo Baumgärtel

Hans Castorp wollte für drei Wochen nach Davos, um seinen Vetter Joachim zu besuchen, er blieb schließlich sieben Jahre lang dort im Sanatorium. „Ich bin der Welt abhandengekommen“, sagt er im Buch und auf der Bühne. Die Zeit steht still, für sieben Jahre lang steht sie still. Bis der zweite Weltkrieg beginnt, der „Donnerschlag“, der auch Hans Castorp an die Front holt.

Markwart Müller-Elmau spielt Hans Castorp wunderbar! Mit akustischen schweren Schneestapfern betritt er langsam und schwerfällig barfuß die weiße fast leere Bühne. Er bleibt während dieser Inszenierung die Person, die sich über alles wundert, tief versunken ist. Allein sein Gesichtsausdruck, sein Blick, erklärt die Stimmung des ganzen Romans! Ein großartiger Theatermoment ist die Szene, in der Marquart Müller-Elmau – hier im Rollstuhl sitzend – Linda Pöppel ratlos zuhört, wie sie schluchzend, immer verzweifelter werdend – vor dem Hintergrund des aufkommenden Kriegs – über die Dinge des Daseins klagt! Auch Markwart Müller-Elmau beginnt – dräuende Livemusik im Hintergrund- vom Wahnsinn des Krieges zu reden. Beide mit ihren weiß geschminkten Gesichtern. Schwarze Flocken rieseln auf die Bühne, die große, fast leere Bühne. Wirklich großartig von beiden, wirklich großartig!

Auch die Kostümierung ist zu erwähnen: Adriana Braga Peretzki steckte alle SchauspielerInnen in weiße Bodysuits, übergroß und zumeist pummelig. Verbogene, kränkliche Körper. Es ist dadurch keine der im Roman erscheinenden Personen erkennbar, es geht einfach um den Menschen. Siehe das Beitragsbild oben.

Zu sagen, Thema der Inszenierung ist die Frage „Was ist die Zeit“, greift allerdings meines Erachtens sogar zu kurz. Sicherlich ist diese Frage ein Kern der Inszenierung: Es fallen eben Äußerungen wie: „… das fiebrig lodernde Geheimnis des Lebens und der Verwesung“. Linda Pöppel bringt diese Äußerung in der genannten Szene mit Markwart Müller-Elmau. Darum geht es Thomas Mann! Dies ist eigentlich meines Erachtens eine der Kernbemerkungen dieses Romans, wollte man ihn beschreiben! Die Zeit, der Verfall, die Verwesung, die Veränderung. Nichts bleibt wie es ist. Und: „Was ist das Leben? Was ist der Körper? Was hat es damit auf sich? Das Sein und das Eigentlich-nicht-sein-Können. Wie verhält es sich?“ Was ist Vergangenheit, was sind Gefühle? Alles keine leichten Fragen, alles Fragen, die sich Thomas Mann (in seiner sicherlich elitären Lebensweise) stellte und die ihn zu diesem Roman brachten. Fragen, die sich Hans Castorp in seinem siebenjährigen Stillstand stellen. Fragen, die in dieser Inszenierung insgesamt wunderbar dargestellt werden! Natürlich gibt es keine Antworten!

Und hinzu kommt Thomas Manns Gedanke: Warum führen wir Krieg? Auch dieser Gedanke wird in der Inszenierung deutlich: Warum Krieg, warum nicht Liebe? Eine Frage, die Thomas Mann zu seiner Zeit natürlich – der Roman erschien 1924 – sehr aktuell beschäftigte. Marquart Müller-Elmau schildert gegen Ende der Inszenierung ratlos und verzweifelt Szenen von der Front. Junge Menschen sterben, werden durch Bomben zerrissen. Oder ist es gar er selbst, der zerrissen wird? Und hier fallen Äußerungen wie: „Worüber sind wir so ausgelassen lustig – weil es nun abwärts geht? Wer sind wir? Was ist das, Krieg? Ich kann mir auch andere Bilder erträumen: Mit der Geliebten am Strande lustwandelnd … Wird auch aus diesem Weltfest des Todes die Liebe steigen?

Warum hat der Mensch Brutalität in sich? Die Brutalität des Daseins, die wohl im Menschen steckt, fiel wohl für Hans Castrop deswegen weg, weil für ihn sieben Jahre lang die Zeit still stand. Der Stillstand der Zeit als alleinige Rettung vom Wahnsinn. Dann ging sie weiter, die Zeit, mit dem Zweiten Weltkrieg.

Das Lifestreaming zeichnete sich übrigens noch dadurch aus, dass auf der Bühne mit sechs Kameras gearbeitet wurde. Es entstand eine besondere Streamingversion der Inszenierung, die man so auf der Bühne nicht sehen wird. Bildüberblendungen, Gänge hinter die Bühne, Nahaufnahmen, und und. Auch dies schien mir für diese Inszenierung bestens zu passen. Ich hatte schon Inszenierungen gesehen, in denen es etwas eigentümlich wirkte, auf der Bühne teilzunehmen. Hier erschien es mir hoch selbstverständlich und sehr gelungen, künstlerisch wohl sehr durchdacht.

HIER geht es zur Stückeseite auf der Website des Deutschen Theaters Berlin.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declar