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THEATER: Festival „Radikal jung“ 2025 – Der Publikumspreis

Den Publikumspreis hat dieses Jahr die Performance von Lulu Obermayer mit Rachel Troy, „Rachel und ich“, erhalten. Es ist eine Produktion des Münchner HochX Theaters und des Live Art München e.V. in Koproduktion mit dem Theater „Sophiensæle“ in Berlin und dem „Theater Rampe“ in Stuttgart.

Ich habe dieses Jahr nicht viele Produktionen des Festivals gesehen, nur die – sehr engagierte – Produktion „Kohlhaas (Glück der Erde, Rücken der Pferde)“ aus Osnabrück, davor „Caligula“ von Albert Camus vom Münchner Volkstheater, sowie die Produktion „Rachel und ich“ von Lulu Obermayer und Rachel Troy. Zu „Caligula“ ist HIER mein Bericht. Die Produktion „Rachel und ich“ war auf Bühne 3 des Münchner Volkstheaters, der im Vergleich zu Bühne 1 und 2 viel kleineren Zusatzbühne, zu sehen.

Rachel und ich“ ist die Erzählung einer Freundschaft, sehr autobiografisch, nicht fiktiv. Rachel Troy und Lulu Obermayer kennen sich seit vielen vielen Jahren, haben sich in ihren Ausbildungsjahren in New York kennengelernt. Lulu Obermeier ist ja Münchnerin, Rachel Troy stammt aus einer jüdischen Familie. Ihre Freundschaft war/ist belastet durch die jüdische Vergangenheit der Familie von Rachel Troy. Damit setzt sich diese Produktion auseinander. Freundschaft mit Blick zurück vor dem Hintergrund persönlicher Vergangenheit und historischer Vergangenheit. Sie haben es nicht erlebt, aber natürlich konnten und können beide in diesem Verhältnis (eine Deutsche, eine Jüdin) die historische Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs – zum Beispiel auch in Gesprächen mit ihren Eltern und Großeltern oder Gesprächsversuchen oder eigentlich Gesprächsunterlassungen – nicht ausblenden, nicht vergessen. Erstaunlich in ihren damals jungen Jahren, aber ok.

Ich fand allerdings die sehr engagierte Produktion „Kohlhaas …“ sogar interessanter. Eine Produktion auf großer Bühne, insgesamt viel aufwändiger, wild und inhaltlich mit interessanten, auch gewagten, auf die Spitze getriebenen Ansätzen, schauspielerisch (oder besser: „handlungstechnisch“ – sie schauspielern kaum) überzeugend. Der Gedanke dort ist ja: Der Gerechtigkeitsfanatiker und Rebell Michael Kohlhaas mit Blick auf die heutige Zeit! Eine wilde Übertragung des Dramas von Heinrch Kleist aus dem 17. Jahrhundert in die heutige Zeit. Ein Parforceritt.

„Rachel und ich“ dagegen: Auf kleiner Bühne, ganz schlicht gehalten, nicht extrem, mehr eine Erzählung als eine Produktion. Sie hat mir zu wenig Gedanken über das Entstehen und die Entwicklung der offenbar schnell entstandenen Freundschaft zwischen Lulu und Rachel erlaubt und ich fand zum Thema der fürchterlichen jüdischen Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs keine besondere Herangehensweise. Doch: Der Vergangenheit nachspüren – Schuldgefühle – Vorwürfe – Zerwürfnis – Verzeihen, das war die Entwicklung. Treffend sicher, aber eben nicht sehr speziell.

Lulu und Rachel sind ja aus der Generation, die allenfalls noch mit den Großeltern oder Eltern über den zweiten Weltkrieg sprechen kann oder konnte. Daher das große Thema, das immer bleibt: Das Nachwirken von Geschichte in späteren Generationen! Wichtig und interessant, dennoch wundere ich mich doch ein wenig über den Publikumspreis 2025 und frage mich: Wie wird eigentlich die Publikumsbewertung gewichtet, wenn Produktionen auf der sehr kleinen Bühne 3 des Volkstheaters gezeigt werden, während andere Produktionen vor der vielleicht acht- oder zehnfachen Menge des Publikums gezeigt werden?

Nun gut, ich gehe davon aus, dass beide Produktionen noch zu sehen sind, jeder kann sich sein eigenes Bild machen. Ich vermute, dass die mit den Publikumspreis ausgezeichnete Produktion „Rachel und ich“ etwa irgendwann noch einmal im Münchner Theater HochX zu sehen ist. Zuletzt war sie dort im Januar zu sehen. Und „Kohlhaas …“ in Osnabrück etwa?

Hier noch Eindrücke:

„Kohlhaas (Glück der Erde, Rücken der Pferde)“:

Publikumsgespräche offiziell und privat:

Copyrights der Bilder: Beitragsbild: Julian Baumann Bild 1: Uwe Lewandowski Bild 2 und 3: Gabriela Neeb

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THEATER: Festival Radikal jung – Odyssee

Es ist eine Produktion des Schauspielhaus Düsseldorf, eine Produktion, die zum Festival Radikal jung eingeladen wurde, das morgen, am 05.05.2023, endet. Eine Produktion des ukrainischen Dramatikers Pavlo Arie frei nach Homer. Auch der Regisseur der Produktion ist Ukrainer: Stas Zhyrkow.

Selbst das Schauspielhaus Düsseldorf schreibt dazu: Die Neudichtung des ukrainischen Dramatikers Pavlo Arie müsste eigentlich »Penelope« heißen. Ja, es geht um die ukrainischen Frauen und deren – wahre – Erlebnisse seit Kriegsbeginn. Um Penelope’s Situation, nicht um Odysseus‘ Erlebnisse. Berührend, zugleich künstlerisch gut gemacht, eindrucksvoll! Standing Ovations des bewegten Publikums am Ende im vollbesetzten Münchner Volkstheater.

HIER die Stückeseite auf der Website des Schauspielhaus ist Düsseldorf. Man findet dort interessante Links zu weiteren Gesprächen und und und.

Die Ängste und Hoffnungen und die traurigen oder grausamen Erlebnisse der Frauen im Ukrainekrieg – Frauen, die in Düsseldorf landeten – mit ihren Kindern meist – ohne ihre Ehemänner oder andere Familienmitglieder – ihre Sehnsüchte und Ungewissheiten – ihr Warten. Sehr eindringlich, sehr direkt, das Publikum sehr direkt adressierend und künstlerisch interessant, so erfährt man davon!

Die Erzählung mit sieben Frauen und zwei Jungen aus der Ukraine und sieben Düsseldorferinnen verwebt – nicht äußerst tiefgründig, aber als Motiv – Homers Odyssee mit den wahren Geschichten der Spieler*innen. Eingeblendet werden im Laufe des Abends auf einem Laufband die Kapitel:

  • 1 // WARTEN
  • 2 // 24. FEBRUAR 2022 – Fortgehen oder bleiben
  • 3 // DIE EIFERSUCHT DER PENELOPE
  • 4 // ODYSSEE INS EXIL Teil 1 – DAS WOHLERGEHEN DER KINDER
  • 5 // TELEMACHIE I – Penelope ist verliebt
  • 6 // DIE ZWEIFEL DER PENELOPE
  • 8 // ODYSSEE INS EXIL TEIL 2 – Zwischen Skylla und Charybdis
  • 9 // DIE ANKLAGE DER PENELOPE
  • 10 // PENELOPE IM KRIEG
  • 11 // TELEMACHIE II – Penelope hat Liebeskummer
  • 12 // PENELOPE WARTET 10 JAHRE
  • 13 // ODYSSEE INS EXIL TEIL 3 – Die Ängste der Kinder
  • 14 // DAS VERSTUMMEN DER FRAUEN
  • SZENE 14.1. FRAUEN ALS OPFER DES KRIEGES
  • 15 // TELEMACHIE III – Penelope wird verlassen
  • 16 // PENELOPE WARTET 20 JAHRE
  • 17 // DIE SUCHE DER PENELOPE
  • 18 // PENELOPE AM ENDE DES WARTENS
  • 19 // DREI ABSCHIEDE DER PENELOPE

Es ist ein vielleicht noch direkterer Angang an das aktuelle Thema der aus der Ukraine flüchtenden Frauen, als es vor kurzem an den Münchner Kammerspielen in Green Corridors zu sehen war (HIER mein damaliger Beitrag). Beides war interessant und hilfreich! In Green Corridors kam (auch wichtig) das Nationalgefühl der UkrainerInnen noch hinzu. Bei Odyssee geht es mehr um Einzelschicksale, daneben auch in einem zweiten „Strang“ um das Thema „Erste Liebe“ der jungen Generation, den Weg in die Zukunft zeigend.

Das Warten und die Ungewissheit der Penélope werden ja auch Gegenstand des Stückes Il ritorno/Das Jahr magischen Denkens sein, das ich gegen Ende Mai an der Bayerischen Staatsoper (Cuvillestheater) sehen werden. Als Teil des kleinen Festivals Ja, Mai der bayerischen Staatsoper zum Thema „Erwartung“.

Il Ritorno ist eine der ersten Opern, von Monteverdi. Theater und Oper werden sich auf der Bühne direkt gegenüberstehen. Auch das wahrscheinlich ein interessanter – wieder ein anderer – Blick auf dieses Thema, zumal es gekoppelt ist mit dem Buch „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion, die darüber schrieb, dass sie nach dem Tod ihres Mannes im Grunde nicht davon loskam, seine Rückkehr erwartete.

Das Stück Odyssee ist demnächst noch mehrfach in Düsseldorf zu sehen. HIER ein Trailer.

Hier noch zwei Aufnahmen aus der Produktion:

  1. Musikalisch geradezu beeindruckend waren sie:

2. Und:

Copyright der Aufnahmen: Sandra Then

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THEATER: Peter Handke – Zwiegespräch

Die gesamte Münchner – oder gar über München hinaus – Theaterszene schien anwesend zu sein. Der Intendant des Münchner Residenztheaters Andreas Beck – seine Stellvertreterin Ingrid Trobitz – bekannte aktuelle und ehemalige Gesichter der Münchner Kammerspiele – bekannte Gesichter der Kritikerszene – bekannte zuschauende Dauerfreunde der Münchner Theaterwelt und und und.

Der riesige Zuschauerraum von Bühne 1 des Münchner Volkstheaters war fast ausverkauft, wie Christian Stückl bei seinen einführenden Worten zur Eröffnung des Festivals „Radikal jung“ 2023 in „seinem“ Theaterhaus erklärte. Hier:

Es war wie ein zweites Theatertreffen. Ob dies dem gerade im 5. Jahr eröffneten Festival „Radikal jung“ galt oder speziell der Darbietung der Inszenierung von „Zwiegespräch“, kann ich nicht beurteilen. Die Inszenierung von „Zwiegespräch“, dem aktuellen kleinen Gesprächsroman von Peter Handke, sie mag ein besonderer Lockvogel gewesen sein. Es ist die am Burgtheater Wien zu sehende Inszenierung der jungen Regisseurin Rieke Suesskow, die als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des letzten Jahres zum Theatertreffen 2023 nach Berlin eingeladen ist. Eine seltene Gelegenheit, die Inszenierung in München zu sehen. Rieke Suesskow hier:

Es war/ist die erste Arbeit der 33jährigen Regisseurin am Burgtheater Wien.

Das gibt auch eine Antwort auf die Frage, warum das Stück „Zwiegespräch“ gar Teil des Festivals „Radikal jung“ geworden ist. In Peter Handkes aktuellem Roman „Zwiegespräch“ geht es doch um ein Gespräch zweier alter Männer – nicht gerade „radikal jung“! Die Antwort ist: Die junge Regisseurin! Dem Festival geht es um „junge Talente im Bereich der Theaterregie“! Eine zweite Antwort ist vielleicht auch noch: Die Inszenierung von Rieke Suesskow stellt den Kontrast zwischen jung und alt viel viel deutlicher dar, als es der Roman selbst tut. Der Text des Romans (man sollte ihn zweimal lesen!) wird damit nicht verändert, geschickt kommt aber das Thema „jung und alt“ viel deutlicher und prägender auf die Bühne.

Hier ein Foto von der Aufführung, das das Bühnenbild von „Zwiegespräch“ zeigt (Copyright Susanne Hassler-Smith, Burgtheater). Es ist ein Bühnenbild von Mirjam Stängl, die genau dafür am diesjährigen Berliner Theatertreffen 2023 vom langjährigen Medienpartner des Theatertreffen, 3sat, die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung für das beste Bühnenbild erhalten wird.

Ziehharmonikagleich zieht sich zu Beginn der Aufführung minutenlang ganz langsam dieser riesige Paravent über die ganze Bühne, spannt sich auf wie das Leben. Er teilt die Bühne in zwei Hälften, links die Alten (auch die werden im Laufe des Stückes immer weniger), rechts die Jungen. Stück für Stück verschiebt sich die Unterteilung im Laufe der Aufführung, der Raum für die Alten wird immer kleiner.

Sehr treffend fasst das Programmheft zu „Zwiegespräch“ die Gedanken zusammen, die um den kurzen Roman von Peter Handke kreisen (Copyright Burgtheater Wien):

Ja, in Peter Handkes Roman „Zwiegespräch“ erzählen sich die beiden Alten (auf der Bühne sind es mehr) von Erinnerungen aus ihrem Leben. Es kann auch ein einziger Alter sein, Peter Handke. Meist erzählen sie von ihren Großvätern. Meist geht es darum, dass etwas nicht erkannt werden konnte, nie richtig erkannt werden kann. Der Schein trügt immer! Das Liebespaar in der Scheune, das man nur hört, das Haus und sein Innenleben.

Die Enkelgeneration übernimmt etwas von den Alten, Verharmlostes, aber im Grunde verwaltet sie nur das Ableben der Alten. Veranstaltet Spiele, die „Reise nach Jerusalem“, bis alle Alten weg sind, ausgeschieden und gestorben sind. Das zeigt die Inszenierung von Rieke Suesskow deutlicher und sehr treffend. Auch wenn an diesem Abend Branko Samarovski offenbar seinen Text fast völlig verloren hatte. Der Souffleur wurde nach etwa einer Dreiviertelstunde fast zum Textvorsager, Branko Samarovski zum Nachsager. Schade, das war leider störend. Naja, die Alten … Entscheidend bleibt der Text des Romans „Zwiegespräch“, auch an diesem Abend.

Rieke Suesskow es in der Tat geschafft, dem unverändert gebliebenen Text von Peter Handke eine Inszenierung zu geben, die den Text wunderbar ergänzt!

HIER der Link zum Spielplan des Festivals „Radikal jung“, das also begonnen hat. HIER der Link zur offiziellen Website des Festivals „Radikal jung“.

HIER der Link zur Stückeseite von „Zwiegespräch“ auf der Website des Burgtheaters in Wien.

Copyright des Beitragsbildes: Susanne Hassler

Copyright der Bilder der Eröffnung und von Rieke Suesskow: Gabriela Neeb

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THEATER: Goethes „Werther“ zweifach

Zweifach Goethes Werther: Der Erste online, jeder kann es live am Sonntag, den 26.06., 17.00 Uhr, verfolgen! “werther.live“ ist ein Stück, das im Rahmen des am Freitag beginnenden Festivals „radikal jung“ am Münchner Volkstheater gezeigt wird. Der zweite Ansatz heißt schlicht “Werther“ und hat schon morgen, Mittwoch, 22.06., 20.00 Uhr, am Münchner Residenztheater Premiere

Zu den beiden Annäherungen an Werthers Liebesleiden:

  • Das digitale Theaterstück „werther.live“ auf dem Festival radikal jung hatte schon große Resonanz. Es wurde mit dem Deutschen Multimediapreis 2020 ausgezeichnet und wurde beim nachtkritik-Theatertreffen 2021 unter die zehn besten Stücke des Jahres gewählt. „werther.live“ war außerdem nominiert für das Theatertreffen der Berliner Festspiele und ist eingeladen zum 38. Heidelberger Stückemarkt. Es gastiert auch digital u.a. beim Schauspiel Köln, Schauspielhaus Hamburg, Deutsches Nationaltheater Weimar, sowie auf den Festivals PERSPECTIVES und Arena.
  • Übrigens mit Vorgespräch um 16:15 Uhr mit C. Bernd Sucher zur Produktion und zum Werk von Cosmea Spelleken und Nachgespräch um 19:00 Uhr mit Regisseurin Cosmea Spelleken und Leonard Wölfl (technische Produktion).
  • Finde ich ja sehr interessant: Wie spielt sich tragische Liebe heutzutage online ab?
  • Wikipedia schreibt über Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ Folgendes: Es gilt als Schlüsselroman desSturm und Drang. Es entwickelte sich „zum ersten Bestseller der deutschen Literatur“, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und war Mitauslöser der sogenannten Lesesucht. Dass Goethes Buch ein Welterfolg werden würde, war auch für ihn nicht vorhersehbar. Später schrieb er in seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit: „Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf.“
  • HIER die Stückeseite von „werther.live“ im Rahmen des Programms des in diesen Tagen beginnenden Festivals „Radikal jung“.
  • HIER die Website des Festivals „radikal jung“.
  • Und „Werther“ am Residenztheater, der wird also etwas herkömmlicher insoweit, als es auf der Bühne stattfindet. Aber wahrscheinlich wird es auch nur ein bisschen herkömmlicher. Der Untertitel heißt: „Ein theatralischer Leichtsinn von Johann Wolfgang Goethe mit Texten von Karoline von Günderrode“. Es ist also auf jeden Fall eine Mischung mit Texten von Goethes Werther und Texten von Karoline von Günderrode!
  • HIER die Stückeseite von “Werther“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.