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THEATER: „Double Feature“ – Erlebnisse eines Schauspielschülers und die Welt eines „Medienhauses“

Beide Romane sind wenige Jahre alt. Beide Romane und damit auch beide Bühnenfassungen sind außerdem sehr ähnlicher Machart: Eine Hauptperson wendet sich an den Leser/das Publikum und erzählt ihre Erlebnisse – auf der Bühne szenisch ergänzt und umgesetzt. Ein schönes Duo zweier Theaterbesuche, eine Art „Double Feature“.

Die eine der beiden Erzählungen schildert die Welt des Schauspielschülers Joachim Meyerhoff in „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke!“, noch zu sehen am Metropoltheater. Es geht um die Otto-Falckenberg-Schule, die Schauspielschule der Münchner Kammerspiele. Die andere Erzählung erzählt aus der Sicht des „besten Freundes eines Eigentümers eines Medienhauses“ mit Hauptsitz in Berlin, in Benjamin von Stuckrad-Barre‘s „Noch wach?“, noch zu sehen am Münchner Zentraltheater, man denkt an den Springer-Verlag, an die BILD-Zeitung.

Hinter beiden Romanen stecken persönliche Erfahrungen. Joachim Meyerhoff hatte im Alter von 20 Jahren seine Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule absolviert, Benjamin Stuckradt-Barre hat in seinem turbulenten Leben seine Einblicke in die Medienwelt vor allem bei einer Musikzeitschrift (Zeitschrift Rolling Stone), im Fernsehen (zunächst für die Harald Schmidt Show, dann für Einiges mehr), aber auch in einigen anderen Medienbereichen gewonnen. Also:

Zunächst zu Joachim Meyerhoffs „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke!“:

Es ist eine Wiederaufnahme am Metropoltheater in München-Freimann. Der Roman erschien 2016 – als dritter Teil einer auf vier Romane angelegten Erzählung von Meyerhoffs Vergangenheit. Man hat meist davon gehört, wenn nicht es gar gelesen: Meyerhoff erzählt autobiografisch, sicher aber auch fiktional skurril von seinem Wechsel nach München, wo er – aus dem hohen Norden kommend – in die Schauspielausbildung an der Münchner Falkenberg-Schule „hineinschlitterte“.

Skurril ist der Roman nicht deswegen, weil Joachim Meyerhoff aus dem hohen Norden kommt, „culture clash“, sondern weil er für die Jahre der Schauspielausbildung bei seinen Großeltern in Nymphenburg wohnte. Skurril empfindet er dann nicht nur seine Großeltern, sondern gleich auch die Schauspielausbildung. Und so überspitzt, wie das Buch wohl ist (ich habe es noch nicht gelesen), ist auch die Inszenierung. Der Witz liegt wahrlich in der Zuspitzung der Umstände, denen sich der 20 Jahre junge Joachim Meyerhoff – sehr gut und passend und sympathisch dargestellt von James Newton – ausgesetzt sieht. Ein ständiges Hin und Her, die Schauspielschule einerseits und die Großeltern in ihrem edlen, skurrilen und vom Alkohol begleiteten Lebenswandel, beides wird auch auf der Bühne ständig gewechselt. Lucca Züchner etwa spielt ständig wechselnd die Großmutter und im nächsten Moment die ebenso skurrile Schauspiellehrerin.

Das Zugespitzte darf einem hier aber nicht zu weit gehen, die Szenen der Schauspielschule als auch die Szenen der Großeltern darf man nicht ernst nehmen (Ich glaube allerdings, man hätte die durchgehende Zuspitzung auch verstanden, wenn sie nicht so überdeutlich auf die Bühne transportiert worden wäre, wie es etwa Lucca Züchner und Thorsten Krohn als Joachims Großeltern, tun. Aber es mag am Roman liegen, der es natürlich gerade darauf anlegt!).

Nun gut, es bleibt eine köstliche Schilderung der absurden Jahre von Joachim Meyerhoff in München, vielleicht etwas zu sehr veralbert, bevor es für Meyerhoff als Schauspieler in den Norden und ans Burgtheater in Wien ging. Störend ist dementsprechend fast der sehr realistische Teil gegen Ende, in dem eben noch erwähnt wird, wie erfolgreich Joachim Meyerhoff dann wirklich noch wurde, entgegen aller ursprünglichen Hindernisse. Aber auch das wird der Roman sein.

An den Münchner Kammerspielen stellt Joachim Meyerhoff am 19. Juni übrigens seinen neuen Roman vor. Er kann ja sehr witzig schreiben.

Hier noch ein Foto der Bühnenfassung am Metropoltheater:

Von „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ gibt es ab heute, 07.06.2025, bis zur Sommerpause noch fünf Termine, HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters in Freimann.

Nun zu Benjamin von Stuckrad-Barre‘s „Noch wach?“:

Mit anderem Humor, bissig-frech, rasant, ein Sittengemälde aus unserem modernen Leben, soll heißen aus dem Leben eines „Medienhauses“ und der „Medienmenschen“, geschrieben so, wie man spricht, mit gutem Blick für das Verhalten und die heutigen Sprech- und Handlungsweisen der Beteiligten, eigentlich von uns allen heute: So schrieb Benjamin von Stuckrad-Barre 2023 den Roman „Noch wach?“. Es geht um Machtmissbrauch, Machtstrukturen, #Meetoo, der „beste Freund eines Eigentümers eines Medienhauses in Berlin“ gerät in eine sich entwickelnde #Meetoo-Aktion vieler Mitarbeiterinnen an diesem Medienhaus. Beginnend mit der Weinstein-Affäre in Amerika. Dieses Buch habe ich gelesen, ganz köstlich!

Es wird nicht leicht sein, diese rasante Geschichte, die im Buch – bei diesem ernsten Thema (ernster als bei Joachim Meyerhoff ) – von einer großen Portion Bissigkeit und Humor in jeder Zeile lebt, auf die Bühne zu holen. Es ist gelungen, an dieser so kleinen Bühne! Vor allem Benjamin Berger als der „Ich-Erzähler“ des Romans schafft das herrlich! Wieder einmal ist es auch herrlich, in einem so kleinen Theater so gute schauspielerische Leistung so nah erleben zu können! Eine Theaterfreude! Wobei: Jede(r) spricht fast jede(n) in der Erzählung des Geschehens, was manchmal nicht leicht zu verstehen ist, das Buch hilft! Und das Publikum davor und danach so hautnah und angenehm zu erleben, das hat für den Theaterfreund auch etwas.

Das Bühnenbild ist natürlich reduziert, aber auch für die Verhältnisse gut gemacht! Yana Robin La Baume – nicht zum ersten Mal am Zentraltheater – würde ich neben Benjamin Berger noch hervorheben wollen, ohne die übrigen Schauspielerinnen daneben schwächen zu wollen.

Sie schaffen es in einer ebenso rasanten Inszenierung von Beginn an, die Geschehnisse frech und zeitgemäß auf die Bühne zu bringen, so rasant, dass es fast anstrengend wird. Sowohl im Buch, als auch auf der Bühne ist dann nur festzustellen, dass gegen Ende der Geschichte – in der Bühnenfassung mit Pause – der Humor leider etwas abnimmt und eher die Entwicklung der Geschichte relevant wird. Da gewinnt die Schnelligkeit auf der Bühne die Oberhand über den Humor der ersten Hälfte.

Das Stück ist am Münchner Zentraltheater noch zweimal zu sehen, am 01.07. und am 02.07.. Es lohnt sich, es ist eine Geschichte zu Verhältnissen, die so oder ähnlich bei uns möglicherweise oft unter den Tisch gekehrt werden.

Hier noch ein Foto:

Und HIER der Link zum Zentraltheater.

Fotograf zu „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“: Jean-Marc Turmes

Fotograf zu „Noch wach?“: Lea Mahler

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MUSIK: A Thousand Kisses Deep

Das Münchner Metropoltheater hat zur Zeit einen Abend mit dem Untertitel „Eine Verneigung vor Leonard Cohen“ im Programm! Haupttitel: „A Thousand Kisses Deep“. Die Würdigungen kommen vielleicht auch deswegen, weil Leonard Cohen mit seinem Leben einen einzigartigen Welterfolg schaffte: Er hat nicht irgendwelche Songs gesungen und zu Welthits gemacht, er hat fast immer über sein eigenes Leben gesungen. Seine Lieder SIND Leonard Cohen. Er blieb bodenständig, versuchte viel in seinem Leben, blieb auf Augenhöhe mit jedem, suchte das Leben. Das ist eine Verneigung wert. Als Schriftsteller – sein ursprünglicher Weg – war er nicht sehr erfolgreich, als Musiker entgegen seiner Absicht sehr.

Die Verneigung vor ihm im Metropoltheater ist ein empfehlenswerter, sehr schöner Abend! Entspannt, stimmungsvoll und überzeugend. Weitere bekannte Termine dieses Abends sind der 16, 17. und 24. Oktober, HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters.

Kathrin von Steinburg und Jakob Tögel erzählen und singen (fast 20 seiner Songs). Sie schaffen, vor allem durch die tiefe Bassstimme von Jakob Tögel, fast einen Liveabend mit Leonard Cohen, das zum Großteil etwas ältere Publikum konnte sich in alte Zeiten zurückversetzt fühlen. Im kleineren Rahmen des Metropoltheaters in München/Freimann gehen die beiden Ensemblemitglieder durch Leonard Cohens Geschichte und seine Welterfolge! Es lohnt sich, ist nicht überdrallert, ist keine „Show“, ist sympathisch und endet mit Zugaben und zurecht mit viel Applaus.

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THEATER: Yael Ronen – Slippery Slope, Almost a Musical

Slippery Slope ist ein Stück der israelischen Autorin und Regisseurin, der „Theatermacherin“, Yael Ronen. Ihr Stück wurde 2022 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Das Münchner Metropoltheater zeigt derzeit eine Inszenierung von Slippery Slope (Regie – und Darsteller: Philipp Moschitz). HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters.

Wikipedia sagt: Slippery Slope ist ein Begriff für „Dammbruchargument“. Eine Argumentationsweise, die vor dem Vollzug einer bestimmten Handlung warnt und dabei geltend macht, dass diese Handlung „den Damm bricht“ und damit zwangsläufig weitere negative Konsequenzen zur Folge hat. Also: Wenn ich A mache, wird B geschehen, und dann wird C die Folge sein – und das kann ich nicht verantworten! Deswegen mache ich A nicht, vertrete A nicht.

„Slippery Slope“ war eine Produktion des Gorki Theaters in Berlin, mit dem Yael Ronen seit Jahren zusammenarbeitet. In der Inszenierung am Gorki Theater war es Yael Ronens dritte Einladung zum Berliner Theatertreffen. Auch an den Münchner Kammerspielen hatte Yael Ronen bereits Inszenierungen. Ich erinnere an den zwar harmlosen, eher poetischen, aber beeindruckenden Abend „#Genesis“. HIER der Link zu meiner damaligen Besprechung. Davor hatte sie an den Münchner Kammerspielen schon „Point of No Return“ gebracht.

Das Metropoltheater mag schlichte, klare Bühnenbilder (Bühne: Thomas Flach). So auch hier. Beleuchtete „Rahmen“ um die Bühnenflächen, die nach hinten hin immer kleiner werden, schaffen mehrere (schmale) Ebenen. Mehr nicht. Siehe das Beitragsfoto. Passende Bühne, könnte man sagen, zum Titel „Slippery Slope“ nach dem Motto: „Auf das Eine folgt kaskadenartig (oder wie in der russischen Puppe) immer das Nächste und so weiter“. Es ist ein humorvolles Stück, das andererseits ernste Themen der heutigen Zeit streift bzw. zum Gegenstand hat. Man überlegt sogar: Ernst oder Humor, gerahmt jedenfalls von einer fast spannenden Geschichte um einen „berühmten Musiker“, den Schweden Gustav Gunasson, der eine Comeback-Tour startet. Er war ein Freund von Peter Gabriel und Sting etc.

Die Themen, die den Abend bilden: Der Umgang mit Rassismus, mit Sexismus, Machtmissbrauch, #MeToo, Feminismus, Social Media-Wahn, kulturelle Aneignung, Cancel Culture, Political (In)Correctness etc. Das ist viel, es kumuliert hier alles in der Geschichte aus dem Musik-Business. Auch das Mediengeschäft und das Pornogeschäft spielen herein. Drei Felder, in denen Yael Ronen diese Themen verortet, was ja auch weitgehend passt.

Es geht dabei hauptsächlich um eine humorvolle Herangehensweise. Das Stück soll nicht belehrend sein, eher zeigen: Jeder hat irgendwie Dreck am Stecken, auch die, die etwas aufdecken wollen. Jeder lebt sein Leben. Es ist „fast ein Musical“, Rocky-Horror-Picture-Show-ähnlich. Die vorwiegend humorvolle Sichtweise relativiert natürlich den Ernst der Themen. Aber so ist es nun einmal: Jeder spielt mit seiner eigenen Einstellung zu diesen Themen, natürlich auch mit seiner Einstellung zu allen anderen Themen. Eine richtige Lösung lässt sich nicht definieren, niemand kann die absolute Wahrheit für sich in Anspruch nehmen.

Nicht leicht zu erkennen ist dabei allerdings, inwieweit es gerade um die titelgebenden „Dammbruchargumente“ gehen soll. Es geht eher für alle Beteiligten in jeweils eigener Weise darum, wie alles wegrutschen kann, jeder hat – wie gesagt – sein Päckchen. Vielleicht ist in diesem Fall das mit Slippery Slope gemeint: Rutschbahn. Das würde ich verstehen.

Es ist schauspielerisch wieder eine sehr engagierte Leistung des Metropoltheaters, gestalterisch fast zu „gedrosselt“, zu erzählerisch. Mehr „Frechheit“ der Inszenierung insgesamt kann man sich vorstellen, die junge israelische Autorin Yael Ronen (HIER) denkt eher „frech“, denke ich, siehe den Link vorne und den Link unten. Zweifel inhaltlicher Art (Wie ist der Titel gemeint?) liegen dagegen doch eher am Stück selbst.

HIER zur Information auch der Link zur Stückeseite von Slippery Slope am Maxim Gorki Theater in Berlin. Das Stück „Planet B“ von Yael Ronen (ebenfalls eine Inszenierung am Maxim Gorki Theater, HIER der Link zur Stückeseite) ist übrigens von Deutschlandradio Kultur nominiert für den Preis „Bestes Stück in Berlin/Potsdam 2022/2023“ (der Friedrich Luft Preis, HIER).

Hier noch ein Foto:

© der Fotos: Metropoltheater München/Fotografin: Marie-Laure Briane

Termine: HIER.

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THEATER: Duncan Macmillan – All das Schöne

Man kann sich – und wird sich vielleicht irgendwann einmal – sagen, das Leben ist nicht lebenswert. Ganz grundsätzlich oder wegen irgendwelcher Einzelheiten. Leider kommt es immer wieder zu Selbstmordversuchen, man sieht sich am Ende angekommen. Der britische Autor Duncan Macmillan hatte 2013 ein Stück geschrieben über die zwei Selbstmordversuche seiner Mutter (ich denke einmal, es war seine eigene Mutter). „All das Schöne“. Es ist derzeit wieder im Metropoltheater zu sehen, eine Wiederaufnahme. Eine „Komödie!

Und zwar: Nach dem ersten Selbstmordversuch der Mutter beginnt der Sohn (damals sieben Jahre alt) eine Liste zu schreiben, eine Liste über all die schönen Dinge, für die es sich doch lohne, zu leben. Weil sie, die Mutter, offenbar nichts findet, wofür es sich zu leben lohne. Für den Siebenjährigen steht an Stelle 1 der Liste „Eiscreme“. Er schreibt die Liste im Laufe der Jahre immer weiter. Mehr als 1 Million Dinge benennt er. Das „Schöne“ ändert sich natürlich, wird auch „erwachsener“, es bleiben aber immer humorvolle kleine Dinge, nicht allzu tief schürfende philosophische Überlegungen.

Es ist ein Ein-Mann-Stück – nicht nur am Metropoltheater. HIER etwa ein Trailer der früheren Aufführung am Staatsschauspiel Dresden. HIER vom Theater Göttingen. Oder HIER das Theater Erlangen. Schön und einfühlsam, sympathisch, humorvoll, melancholisch, engagiert und mit Gefühl jetzt jedenfalls gespielt von Philipp Moschitz.

Es ist eine Inszenierung mit großer Publikumsbeteiligung. Denn der Vater des Jungen wird – für eine kleine Beteiligung am Stück – aus dem Publikum gesucht. Der Freund des Jungen wird ebenfalls aus dem Publikum gesucht. Auch eine Tierärztin wird herausgesucht, eine Lehrerin. Und beinahe jeder im Publikum wird im Laufe des Abends eine der vielen „schönen“ Dinge benennen.

Mitten in Freimann liegt es ja wie ein Ufo, das Metropoltheater, in einer Wohngegend im Norden Münchens. Ein äußerst angenehmes Ufo: Man bemerkt schnell das große Engagement aller Beteiligten, deren Freude, Gemeinschaftsgefühl, man merkt eine besondere Nähe zum Publikum. Das Theater hat eine schöne, nicht zu große Bühne, es hat ein schönes kleines Café, drinnen und draußen, schon architektonisch ist es angenehm auffallend.

Das Stück „All das Schöne“ wird im Café gespielt! Typisch für die Stücke des Metropoltheaters: Es sind Stücke mit deutlichen Aussagen! So ist es auch bei „All das Schöne“. Der Junge fertigt also eine Liste mit all den schönen Dingen im und am Leben. „Mein Ziel war, die Tausend zu schaffen. Und ich durfte nicht mogeln, was hieß: a. Keine Wiederholung. b. Die Sachen mussten wirklich großartig sein. c. Nicht zu viele materielle Dinge.“

Dann liegt die Liste für ein paar Jahre vergessen in einem Karton, später zwischen Buchseiten. Immer wieder fällt sie ihm in die Hände und immer fügt er weitere Dinge hinzu. So wird die Liste auch ein Dokument seines eigenen Lebens. Als er ein Studium beginnt und sich zum ersten Mal verliebt, fügt er hinzu: „517. Mit jemandem so vertraut sein, dass man ihn nachgucken lässt, ob man Petersilien-Reste zwischen den Zähnen hat“. Die Liste wird länger und länger. Bis zur Million.

Der Brite Duncan Macmillan hat damit einen lebensbejahenden Monolog – veranlasst durch das Thema Depression – geschrieben, unsentimental, komisch. Die Liste von „All das Schöne“ wird getragen von allen möglichen im Grunde immer banalen kleinen Dingen, die man in seinem Leben alltäglich erlebt, bzw. an sich vorbei rauschen lässt. All diese Dinge werden als „das Schöne“ dargestellt, man muss sie nur sehen, betrachten und beachten. All diese banalen Dinge werden kaum depressiven Menschen helfen, sie helfen eher denjenigen, die noch nicht depressiv sind. Denn es heißt im Grunde: Augen auf und die banalen Dinge schön finden! Mehr geht nicht.

So verlässt man das Theater sicher mit einem breiten Schmunzeln, mit unzählig vielen Banalitäten im Kopf und mit dem Blick auf all das Schöne dieser Banalitäten. Ja, die oft banalen Kleinigkeiten. Kleine Kleinigkeiten ! Sie machen das Leben aus! Nicht irgendeine hochtrabende Idee, wie das Leben schön werden könnte! Das ist allzu oft nur mit Eitelkeit gemischt. Darum geht es, in diesem hilfreichen Stück mit Ausrufezeichen!

Copyright des Beitragsbildes: Metropoltheater München/Fotograf: Jean-Marc Turmes

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THEATER: Joël Pommerat – Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

Es hätte auch heißen können: „Ein Abend der Liebe“. Es geht nicht um Korea – nicht um Nordkorea und Südkorea -, es geht um die Liebe und jede Minute des insgesamt zweieinhalbstündigen Abends hätte auch zwei Minuten verdient gehabt. Der Abend hätte so auch 5 Stunden dauern können.

Am Metropoltheater in München wird derzeit – noch fast täglich – das Stück des französischen Autos Joël Pommerat „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ gebracht. Ein sehr kluges und sehr feinfühliges Stück über die Liebe. Keine Romanze, es wird auch nicht etwa ein bestimmtes Einzelthema zur Liebe dargestellt, es sind lauter verschiedene Aspekte um die Liebe, die in fast 20 Szenen dargestellt werden.

Natürlich betrifft das Thema Liebe auch Sie, liebe/r Leser/in! Meine Empfehlung: Hingehen, ein auch Sie betreffender Theaterabend! [Ein Tipp für Münchner: Das Metropoltheater ist von München-Zentrum aus mit der U-Bahn (Station Freimann) sehr bequem zu erreichen!]

Denn was ist denn die Liebe? Sie ist ja fast nie in purer Gestalt zu erleben, jeder hat sie, sucht sie, aber sie wird ständig beeinflusst, wird enttäuscht, verfälscht, nicht gesehen, wird anerkannt, geleugnet, verändert sich, hat höchst persönliche Hintergründe, kann nicht geäußert werden, wird nicht erwidert, hat Vergangenheit und und und. Sie sind es, diese Aspekte, die um die Liebe kreisen und die pure Liebe immer „stören“, „beeinflussen“. Und um diese „Wirren“ um die Liebe herum geht es in Pommerats Stück. Die Szenen enden manchmal recht abrupt, lassen damit den Zuschauer mit einem kurzen Eindruck alleine! Es wäre manches Mal interessant gewesen, wenn die Szenen „gedehnt“ worden wären. Hinter jeder der verschiedenen Szenen steckt ja immer eine ganze Welt, stecken mehrere Welten, weil jeder der Beteiligten ja seine eigene Welt mitbringt. Man spürt aber auch in diesen kurzen Szenen diese Welten, die in allem stecken.

Dazu, dass man viel spürt in den Szenen, tragen alle SchauspielerInnen durchweg überzeugend bei! 5 Schauspielerinnen und 4 Schauspieler spielen in den Szenen insgesamt 27 Frauen und 24 Männer.

Das Stück „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ beginnt mit einer Frau, die dem Publikum erklärt, dass sie sich scheiden lässt. Und das Stück endet mit einer Frau, die sich auf der Bühne langsam tanzend im Kreise dreht, während um sie herum (in Gestalt aller SchauspielerInnen des Abend) die Wirren der Liebe kreisen – könnte man sagen.

Die Inszenierung hält sich gestalterisch zurück, der Text und die Personen wirken. Eine schwarze Bühne, die SchauspielerInnen, vielleicht ein/zwei Gegenstände, das ist es fast schon. Die Szenen werden immer kurz unterbrochen durch angespielte Musik von Asaf Avidan. Fast melancholische, langsame, nicht fröhliche Musik. Auch das passt: Es sind viele Szenen, die einen eher traurig machen können. Liebe hat eben so oft – fast immer – etwas mit Missverständnis zu tun, mit Unverständnis, Verwirrung, so steckt aus meiner Sicht hinter vielen der Szenen – aber fast versteckt, nicht vordergründig – eher Traurigkeit als Fröhlichkeit.

Joël Pommerat, geboren 1963 in Frankreich, wird auf deutschen Bühnen recht selten gespielt. Vor allem die größeren deutschen Bühnen haben ihn bisher nicht gebracht, soweit ich sehe. Das Burgtheater in Wien brachte einmal „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“. In Frankreich hat er Erfolge seit vielen Jahren, beginnend Mitte der Neunziger.

HIER der Link zum Wikipedia Eintrag zu Joël Pommerat.

HIER ein Gespräch mit dem Hausregisseur des Metropoltheaters Jochen Schölch, der auch „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ inszenierte.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Metropoltheater München / Fotograf: Jean-Marc Turmes

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ANKÜNDIGUNG: „Vögel“ am Sonntag im Streaming

DAS ERFOLGREICHE STÜCK „VÖGEL“ VON WAJDI MOUAWAD IST JA KÜRZLICH VOM METROPOLTHEATER ZUNÄCHST AUSGESETZT WORDEN WEGEN ANGEBLICH ANTISEMITISCHER ÄUSSERUNGEN! ICH WEIß NICHT, WELCHE ÄUSSERUNGEN INSGESAMT GEMEINT SIND, MIR WAR NICHTS AUFGEFALLEN.

Die jüdische Großmutter sagt einmal: “Scheiß KZ“ (oder ähnlich). Das kann ja wohl nicht antisemitisch sein. Auch die Erzählung inhaltlich: Ein jüdischer Soldat rettet im Libanonkrieg ein palästinensisches Baby, das Palästinenserkind wächst bei den Juden auf, auch dessen Kind meint, jüdisch zu sein, bis alles auffliegt. Ich weiß nicht, was daran antisemitisch war. Eine weitere Stelle wird genannt: Die Aussage „Wenn Traumata Spuren in den Genen hinterließen, die wir unseren Kindern vererben, glaubst du, unser Volk ließe dann heute ein anderes die Unterdrückung erleiden, die es selbst erlitten hat?“ Ist das gleich antisemitisch? Doch nur dann, wenn die Antwort „Ja“ käme, oder? Verstehe ich nicht ganz.

An diesem Sonntag, zweiter Advent, 4. Dezember 2022, bringt das Schauspiel Köln ausnahmsweise von 16.00 Uhr bis 00.00 Uhr ein Streaming dieses Stückes. HIER der Link zur Stückeseite am Schauspiel Köln.

Schon 2019 wurde das Stück „Vögel“ am Schauspiel Köln inszeniert. Für das Streaming am Sonntag gibt es eine besondere Fassung:

Für die digitale Umsetzung des Stückes am Sonntag hat sich der damalige Regisseur Stefan Bachmann den Kameramann Andreas Deinert an die Seite geholt (Deinert arbeitet als Bühnen-Live-Kameramann und Videodesigner u. a. für Frank Castorf). Er verwendet für das Streaming von „Vögel“ verschiedene Split Screens, um Szenen narrativ zuzuspitzen und gleichzeitig den subjektiven Blick der Zuschauer*innen vom Bühnenraum ins Digitale zu übertragen.

Ansehen und urteilen! Textlich dürfte das Metropoltheater in München ja nichts anderes gebracht haben.

HIER der Link zu meiner damaligen Besprechung der Inszenierung „Vögel“ am Metropoltheater.

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THEATER: Wajdi Mouawad – Vögel

Im schönen Metropoltheater in München-Freimann ist derzeit eine sehr gelungene Aufführung von „Vögel“ von Wajdi Mouawad zu sehen. Im November wird es noch zwölfmal gezeigt. Ob es weitere Termine zu Beginn des kommenden Jahres geben wird, ist mir noch nicht bekannt.

ACHTUNG: DAS STÜCK IST KÜRZLICH (20.11.2022) ABGESETZT WORDEN WEGEN ANGEBLICH ANTISEMITISCHER ÄUSSERUNGEN! Ich weiß nicht, welche Äußerungen insgesamt gemeint sind, mir war nichts aufgefallen, aber okay. Die jüdische Großmutter sagt einmal: “Scheiß KZ“. Das kann ja wohl nicht antisemitisch sein. Auch die Erzählung inhaltlich: Ein jüdischer Soldat rettet im Libanonkrieg ein palästinensisches Baby, das Palästinenserkind wächst bei den Juden auf, auch dessen Kind meint, jüdisch zu sein, bis alles auffliegt. Ich weiß nicht, was daran antisemitisch war. Eine weitere Stelle wird genannt: Die Aussage „Wenn Traumata Spuren in den Genen hinterließen, die wir unseren Kindern vererben, glaubst du, unser Volk ließe dann heute ein anderes die Unterdrückung erleiden, die es selbst erlitten hat?“ Ist das gleich antisemitisch? Doch nur dann, wenn die Antwort „Ja“ käme, oder? Verstehe ich nicht ganz.

Wajdi Mouawad, geboren 1968 ist ein sehr produktiver und sehr erfolgreicher libanesisch-kanadischer Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur. Er schreibt auf Französisch, lebte früher auch in Frankreich und in Québec und lebt mittlerweile wieder in Frankreich. „Vögel“, seine erfolgreiche aktuellste Arbeit, wurde 2017 im La Colline in Paris in seiner eigenen Inszenierung uraufgeführt, die deutsche Erstaufführung fand 2018 am Staatstheater Stuttgart statt (HIER eine Besprechung der Stuttgarter Uraufführung). Die Wurzeln seines Schreibens über politische und religiöse Identitätskonflikte sieht Mouawad in einem Erlebnis, zu dem er in seinen Arbeiten immer wieder zurückkehrt: Es war ein Attentat einer christlichen Miliz auf einen Bus mit wehrlosen palästinensischen Zivilisten, das er erlebte. „Bei allem, was ich schreibe, geht es nur darum.“

So auch letztlich wohl in “Vögel“. Es ist ein Stück zum Einen über die Sinnlosigkeit von Grenzen – Grenzen in Form von Identitätsabgrenzungen. Zum Anderen aber ist es auch ein Stück über die Kraft des Gewohnten, das uns ja ständig die gelebten Grenzen – falsche oder nicht falsche – bestätigt, auch wenn sie sinnlos sind. Kann man sich jemals von solchen Grenzen lösen? Zerreißen einen die Grenzen, obwohl man ihre „Falschheit“ erkennt? Wie geht man damit um? Gewinnt immer die Gewöhnung?

All das – vor allem der Aspekt der Sinnlosigkeit von Grenzen (nicht nur von „falschen“ Grenzen) einerseits und die Kraft der Gewöhnung an solche Grenzen andererseits – wird in „Vögel“ deutlich durch einer Liebesbeziehung zwischen dem angeblich jüdischen Eitan (er wuchs in einer jüdischen Familie auf) und der arabischstämmigen Amerikanerin Wahida. Sie lernen sich in New York in einer Bibliothek kennen. Wahida lebt in New York und schreibt dort ausgerechnet an einer Doktorarbeit über ein Thema, das auch von Identitätsgrenzen – in einer anderen Zeit und einer anderen Kultur – zeugt. Wir konfrontieren uns mit dem Fremden, haben aber oft Probleme damit. Wir definieren uns andererseits über das „Andere“. Wahida schreibt über einen vor mehr als 500 Jahren zum Christentum bekehrten Weisen, der Papst Leo X. als Geschenk überreicht worden war.

Die Eltern von Eitan (der Vater – überzeugend gespielt von Michele Cuciuffo – glaubt, jüdisch zu sein) lehnen jedenfalls die arabischstämmige Wahida ab. Eitan bekommt Zweifel an seiner Abstammung und möchte mehr erfahren. Er reist zusammen mit Wahida nach Israel zu seiner Großmutter. Die Geschichte entwickelt sich weiter, Eitan wird durch ein Attentat schwer verletzt, ich möchte nicht zu viel verraten. Alle Mitglieder von Eitans Familie kommen schließlich zusammen, eine verborgene Wahrheit kommt ans Tageslicht.

In der Regie von Jochen Schölch erlebt man eine schlicht gehaltene Aufführung, die sich angenehm und sehr fokussiert auf das gesprochene Wort und das Spiel der SchauspielerInnen konzentriert. Ein langer Tisch, Stühle, mehr bietet die Bühne nicht. Das wiederum ist passend, die schlichte und für alle Beteiligten bedeutende Entwicklung der Geschichte, die Macht der lange verborgenen Wahrheit einerseits und der gelebten und gewohnten „Wirklichkeit“ andererseits ist das Entscheidende.

Die Inszenierung von Jochen Schölch bleibt übrigens im Deutschen einsprachig, wohingegen das Stück schon an mehreren deutschen Bühnen mehrsprachig aufgeführt wurde. Die Mehrsprachigkeit könnte natürlich nochmals Grenzen zwischen den beteiligten Kulturen verdeutlichen, es funktioniert aber auch so. Auch in der hier gewählten Einsprachigkeit ist der Abend beeindruckend, berührend, was an den schauspielerischen Leistungen liegt.

HIER eine Besprechung des Stückes von Deutschlandfunk Kultur, in der es ebenfalls um die Mehrsprachigkeit geht. Damals (2019) wurde das Stück an 14 Bühnen gleichzeitig gespielt. HIER noch eine Besprechung des Stückes in einer Inszenierung am Schauspiel Köln (2019).

Alle Schauspieler und Schauspielerinnen spielen von Beginn an überzeugend, ganz besonders möchte man neben Michele Cuciuffo (als Vater von Eitan) übrigens die beiden „Youngster“ Leonhard Dick und Magdalena Laubisch in den Hauptrollen Eitan und Wahida hervorheben.

HIER ein Gespräch mit Leonard Dick und Magdalena Laubisch über das Stück.

HIER noch der Link zur Stückeseite von „Vögel“ auf der Website des Metropoltheaters.

Ein bewegendes Stück, das viele Anregungen in sich trägt, um persönlich über das gezeigte konkrete Geschehen hinaus über die behandelten Themen – berührt vom Gesehenen – nachzudenken.

Eine Inszenierung von „Vögel“ ist übrigens derzeit auch am Berliner Ensemble zu sehen! Jetzt am Samstag, 05.11., beispielsweise! HIER der Link.

Copyright des Beitragsbildes: Jean-Marc Turmes

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THEATER: Sarah Kane – 4.48 Psychose

Es ist erstaunlich, dass das Stück 4.48 Psychose von Sara Kane doch immer wieder auf die Bühnen gebracht wird. Zuletzt etwa am Deutschen Theater Berlin in einer der typischen Inszenierungen von Ulrich Rasche (HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Deutschen Theater Berlin und HIER ein Trailer).

Oder am Theater Dortmund in einer gänzlich anderen Inszenierung von Kay Voges, die allerdings schon ein paar Jahre her ist (HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Theater Dortmund und HIER ein Trailer). Auch sie scheint typisch für Kay Voges. Oder – auch vor ein paar Jahren – in einer Inszenierung von Katie Mitchell am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg (HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Deutschen SchauSpielHaus Hamburg und HIER ein Trailer).

Jetzt bringt das Metropoltheater am nördlichen Rand Münchens – in Freimann – das Stück in einer Inszenierung von Jochen Schölch. Es ist eine Wiederaufnahme, Premiere des Stückes war dort im Oktober 2021. Weitere Ausführungstermine bis zum August sind mir allerdings nicht bekannt.

HIER der Link zur Stückeseite 4.48 Psychose auf der Website des Metropoltheater.

Es ist – wie gesagt – erstaunlich, dass dieses Stück immer wieder gebracht wird, da es doch letztlich schwer verständlich ist. Das Stück hat keinen Inhalt, es sind Worte, Texte, Gedanken von Sarah Kane, die sich wenige Monate nach Vollendung des Textes 4.48 Psychose das Leben nahm. Sie hatte den Text noch an den Verlag geschickt – zur Veröffentlichung nach ihrem Tode.

Autobiografische Worte, die Sarah Kane während kurzer klarer Momente in ihrer Depression (um 4 Uhr 48 jeweils) schreiben konnte. Niemand wird sie je ganz verstehen. Wir nennen es „Depression“, doch auch das ist schon eine hilflose Bezeichnung. Wir wissen nicht, was man fühlt und denkt und sieht in einer „Depression“. Wahrscheinlich sind Depressionen auch sehr unterschiedlich.

Sarah Kane wurde nur 28 Jahre alt. Hier ein Foto:

© Kathrin Ribbe

4:48 Uhr bedeutet dabei wohl kaum “Momente der Gesundheit“. Sie nannte es „Momente der Klarheit“. Und „Klarheit“ beschreibt sie so: „Um 4 Uhr 48, wenn die Verzweiflung mich überkommt …“. Es ist immer ein Entsetzen über die Welt dabei, das sie eben um 4 Uhr 48 für etwa eine Stunde wenigstens formulieren konnte. Es geht auch um einen gewissen Betrug, den die Welt immer wieder mit sich begeht. Das erkannte sie und verzweifelte wohl auch daran.

Depression heißt Zorn“.

Oder:

Meine Gedanken fliehen mit einem Mörderlächeln. Hinterlassen Angst und Verstimmung, die aufheulen in meiner Seele“.

Und so weiter, all das sind nur Bruchstücke ihrer Empfindungen. vielleicht ist es die Verzweiflung, sich selbst in der Wirklichkeit unserer Welt nicht wirklich finden zu können.

Sarah Kane hat keine Rollenverteilung für ihr Stück vorgenommen. Das ganze Stück kann von einer einzigen Person gespielt werden (SchauSpielHaus Hamburg), kann aber auch von vielen gespielt werden (Deutsches Theater Berlin). Hier im Metropoltheater sind es zwei Personen: Die Patientin und ein Arzt, Judith Toth und Thomas Meinhardt.

Sie spielen es auf der dunklen Bühne „hinter Glas“. Wohl, weil die Patientin Sarah Kane sich abgetrennt sieht von der Welt. Sie und die Welt. Ab und zu kommt der Arzt aus der “Welt“ hinein in ihren Kubus. Die Patientin Sarah Kern spiegelt sich durch das gelungene Bühnenbild – siehe oben – oftmals vielfach in den Glaswänden, berührt sie, bringt sie in Bewegung (es ist ja Plastik), will von “draußen“ etwas sehen. Auch die Stimme „verändert“ sich: Es werden Sequenzen Play-back gesprochen.

© Metropoltheater/Fotograf: Jean-Marc Turmes

Beide, Judith Toth und Thomas Meinhardt, spielen überzeugend. Vor allem bei Judith Toth – es ist ja im Grunde “ihr“ Stück – merkt man: Sie hat das, was sie spielt, verinnerlicht – soweit das geht. Jochen Schlöch sagte ja im anschließenden Publikumsgespräch: Wir wissen nicht, was eine Person im “depressiven“ Zustand denkt.

Sarah Kane hat versucht, es uns etwas näher zu bringen, etwas davon in unsere “Welt“ zu transportieren. Das macht das Stück interessant. Man sollte den Text danach in Ruhe lesen!

© des Beitragsbildes: Metropoltheater/Fotograf: Jean-Marc Turmes